Robert Seethaler «Das Feld», Hanser Berlin

Literatur muss mehr sein als eindimensionales Erzählen. Literatur soll freilegen, immer neu zeigen, dass es ein Dahinter, ein Dazwischen, ein Daneben, Darunter und Darüber gibt. Robert Seethaler macht eine Kleinstadt zu seinem Erzählkosmos, legt Schicht für Schicht frei, beweist Kühnheit, ruht sich längst nicht aus auf einem eingeschlagenen Weg. Robert Seethaler erzählt in seinem letzten Roman «Ein ganzes Leben» von einem Mann, von Andreas Egger. So sehr sich alles um diese eine Person dreht und spiegelt, so polyfon erzählt der Autor in seinem Roman «Das Feld». Ein ganz und gar ungekünsteltes Kunstwerk.

Ein Mann sitzt unter einer krumm gewachsenen Birke auf einer Bank. Vor ihm Grabsteine in einer Wiese, umgeben von einer überwucherten Friedhofsmauer. Wenn es das Wetter erlaubt, kommt der Mann jeden Tag, setzt sich auf die alte, morsche Bank und spricht mit den Toten, die er fast alle kennt, mit denen er ein Stück Leben in der Kleinstadt teilte. Er lauscht ihren Geschichten, ist sich sicher, dass sie zu ihm sprechen, auch wenn er nur schwer versteht, was an Worten und Satzfetzen an sein inneres Ohr dringt.

«Er dachte, das der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.»

Der Mann ist alt, «sein Gesicht aus der Form geraten». Der Paulstädter Friedhof ist der Ort geworden, wo ihm die Menschen aus dem Jetzt gefallen ihre Geschichten erzählen. Geschichten von einem Ort, einem ganzen Leben, einem Jahrhundert. Geschichten von Menschen, denen das Vergessen droht, die verstummen, die die Vergangenheit schluckt.

«Als junger Mann wollte er die Zeit vertreiben, später wollte er sie anhalten, und nun, da er alt war, wünschte er sich nicht sehnlicher, als sie zurückzugewinnen.»

Die Grabsteine auf der Wiese mit Jahreszahlen und Sinnsprüchen, die die meisten nicht selbst gewählt hatten, sind wie Projektionstafeln, die gelesen werden wollen, verstanden, weit über das hinaus, was ein paar Zahlen und mehr oder minder weise Worte erklären wollen.
Robert Seethaler unterteilt seinen Roman in Kapitel, jedes mit einem Namen überschrieben. Er erzählt die Geschichten hinter den Namen. Aber nicht aus der Sicht des Mannes, sondern er lässt jene erzählen, die keine Stimme mehr haben.
Gerd Ingerland, der ein Leben lang an der Distanz zu seiner Mutter zu leiden hatte. Pfarrer Hoberg, dessen fehlendes Feuer eine ganze Kirche in Flammen aufgehen lässt. Gemüsehändler David al-Bakri, dessen Laden zum Brennpunkt eines Ortes wird, den man aber trotzdem bloss den Kameltreiber heisst. Lennie Martin, der sich nur an der Lucky Deal im Wirtshaus richtig fühlt.

Robert Seethaler erzählt von Paaren, zuerst aus ihrer Sicht, dann aus seiner. Von Bildern, die kaum je übereinanderpassen, von der Unmöglichkeit, sich wirklich zu erkennen. Davon, dass Missverständnisse die Regel sind und gefundene Nähe reine Glücksache. Von ungestillten Sehnsüchten und lähmendem Überdruss, von Einsamkeit und erzwungener Nähe.
Von den Alten, die ihr Leben ins Altenheim, ins Sanatorium mitnehmen, meist nur in Erinnerungen, die einen schwächelnd, die andern sich aufbäumend. Leben, dass so gar nicht mehr ist, was es einst war. Leben, in dem Zeit belanglos wird. Vom Sterben, vom Schwinden, vom Verschwinden.

Während des Lesens wächst ein Netz durch einen Ort, verbinden sich Menschen, ihre Geschichten und Schicksale. Ein Netzwerk wie die Wurzeln eines riesigen Organismus, immer weiter und immer feiner verzweigt. Und mit jeder Verbindung wächst das Bewusstsein, dass alle Geschichten, auch jene, die weit über den sichtbaren Horizont hinausgehen, miteinander verbunden sind.

Manchmal sind es nur Nebensätze, die ein Fenster zu einem neuen Zusammenhang öffnen. Es scheint, als hätte Robert Seethaler aus einem unendlich scheinenden Reservoir aus Geschichten und Welten einen ganz kleinen Teil ausgesucht. Ich jedenfalls hätte mich gerne noch viel länger als bloss 238 Seiten durch die begrabenen Geschichten Paulstadts gelesen.
Ein Buch von überraschender Nähe, obwohl in vielen erzählten Bildern mehr als jene Liebe fehlt, die es bräuchte, um sich wirklich nahe zu kommen. Ein Buch, das von Illusionen befreit. Mit dem man zur Einsicht kommen kann, dass einem in den meisten Lebenssituation selbst die Nähe zu sich selbst abhanden kommt, dass man sich bis in Sterben allerhand vormacht.

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Romane «Der Trafikant» (2012) und «Ein Ganzes Leben» (2014) wurden zu großen internationalen Publikumserfolgen. Robert Seethaler lebt in Wien und Berlin.

Webseite des Autors

Titelfoto: Sandra Kottonau

23. Literaturfestival Leukerbad: Gipfelstürmerinnen

Esther Kinsky, Übersetzerin aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, Lyrikerin und Erzählerin, vielfach ausgezeichnet, mit ihrem neusten Roman «Hain» 2018 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, ist mit ihren Büchern eine literarische Offenbarung. Sasha Maria Salzmann, geboren 1985 in Wolgograd und seit 1995 als jüdischer «Kontingentsflüchtling» in Deutschland lebend, mit ihrem Debütroman «Ausser sich» eine Entdeckung.

An einem Literaturfestival will man sich überraschen lassen. Dass man das auch von einer bekannten Autorin kann, beweist Esther Kinsky, deren Roman mich aus unerklärlichen Gründen abschreckte. Vielleicht, weil niemand kritisiert, vielleicht wegen der Beschreibung «Geländeroman». So wie mich Geländeautos abschrecken, mich schlicht nicht interessieren, vermochte es «Hain» von Esther Kinsky nicht. Welch ein Irrtum!

«Hain» erzählt aus der Sicht einer Icherzählerin von drei Reisen nach Italien, Begegnungen mit ihrem Vater und dessen Geschichte. Drei Reisen in ein Italien, das die Autorin kennt, weil es sie bei Stipendienaufenthalten an Orte in Italien verschlug, von denen sie mehr an die Rückseiten italienischer Sehenswürdigkeiten, Landschaften sah. Ein «Geländeroman»? Gelände ist Textur, Oberfläche, mit der man in Berührung kommt. «Landschaft» als Begriff bleibt viel distanzierter. Und «Hain» greift an und unter die Oberfläche, lässt sich sprachlich auf eine Gegend ein, das Licht dieser Gegend erkennend, immer neues Sehen erlernend.

In einer Phase der Trauer lernt die Protagonistin dieses neue Sehen. In einer Sprache, die mich umschmeichelt. Sprache, die sich einem Ort annähert, ihm in einer Intensität nahekommt, die nur sein kann, wenn man nicht einfach reist oder sich aufhält. Sprache, die mich in Trance versetzen kann. Durch Sprache, durchs Schreiben bilden sich Erinnerungsschichten. Esther Kinsky skizziert und malt in sprachlichen Bildern, in bestechender Feinarbeit, sie ist Teil ihrer selbst.

Esther Kinsky wurde 1956 in Engelskirchen geboren und lebt in Berlin. Für ihr umfangreiches Werk, das Übersetzungen aus dem Polnische, Russischen und Englischen ebenso umfasst wie Lyrik, Essays und Erzählprosa, wurde sie vielfach ausgezeichnet.

Sasha Maria Salzmanns Roman «Ausser sich» ist ein Zitat James Baldwins vorangestellt, aus seinem Roman «Eine Strasse und kein Name». Und James schrieb im Winter 1951 an seine Essay «Der Fremde im Dorf» in einem verschlafenen Nest im Kanton Wallis in der Schweiz, in Leukerbad. James Baldwin, so etwas wie einer der Paten für Sasha Maria Salzmanns Debütroman. Die Geschichte der Zwillinge Alissa und Anton, die Geschichte von Ali, der einst Alissa war, auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Eine Familiensaga über vier Generationen, Geschichten ineinander verwoben, so wie man sich Geschichten erzählt, niemals geordnet, chronologisch. Vier Generationen jüdischer Geschichte an verschiedensten Schauplätzen, erzählt von einer jungen Autorin, die zu bannen versteht, die ihr Handwerk aus dem Theater mitbrachte, bei der man spürt, dass sie als Dramaturgin weiss, wie Dialoge funktionieren, die mit Witz und durchaus jüdischer Erzählweise gespickt mit unendlich vielen Kleinstgeschichten Grosses werden lässt, die weiss, wie Generationen aufeinanderprallen, Erinnerungen, die in der Zeit, in den Generationen stets neu überschrieben werden.

«Schreiben ist Kontrollverlust.»

Ein Roman, der keine Helden zeigt, von Menschen erzählt, die von Gewalt gefangen sind. Ein politisches Buch, das weder erklärt noch manifestiert, das Antisemitismus schildert, ohne jemals zu moralisieren, von postsowjetischer Geschichte ohne zu urteilen. Literatur, die von Frische strotzt!

© Heike Steinweg

Sasha Marianna Salzmann studierte Literatur/Theater/Medien an der Universität Hildesheim sowie Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste. Sie ist Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin und war Mitbegründerin des Kultur- und Gesellschaftsmagazins freitext. Seit der Spielzeit 2013/2014 ist sie Hausautorin am Maxim Gorki Theater Berlin und war dort bis 2015 Künstlerische Leiterin des Studio Я. Ihre Theaterstücke werden international aufgeführt und sind mehrfach ausgezeichnet.

Webseite von Sasha Maria Salzmann

Ralf Rothmann «Der Gott jenes Sommers», Suhrkamp

Was für ein Roman! Ganz am Schluss sagt Mädchen Luisa zu Mathilde: „Ich möchte auch Nonne werden.“ „Ach Kind“, sagt die Nonne, „du bist noch so jung. Willst du nicht vorher was erleben?“ „Ich hab alles erlebt“, antwortet Luisa.

Die zwölfjährige Luisa lebt mit ihrer Familie Anfang 1945 in der Nähe von Kiel auf einem ehemaligen Gutshof. Von der einstigen Herrschaftlichkeit des Guts ist nicht viel übrig geblieben. Während in der Ferne die Städte brennen, sammeln sich auf dem Hof Flüchtlinge von überall, in der Hoffnung auf ein Dach und die kommende Zeit zu überleben. Solche, die dem Fatalismus verfallen sind neben jenen, die noch immer an den Endsieg glauben, an die Wunderwaffen, mit denen der Führer den Krieg gewinnen würde. Die junge Frau mit den lackierten Fingernägeln, die im Stall die übrig gebliebenen Kühe melkt, der junge Melker, der noch nicht in den Krieg eingezogen wurde. Luisas ältere Schwester Billie putzt sich heraus und jagt männliche Beute von Fest zu Fest, will sich den trüben Zeiten nicht ergeben, lehnt sich auf gegen alles, was sich ihrer Jugend entgegenstellt. Luisas Mutter, eine Frau, die alle Zärtlichkeit, alles Muttersein in den Kriegsjahren verloren zu haben scheint, treibt ihr Kind wie ein Kalb durch die Zeit. Ihr Vater, der in der Stadt am Meer den tödlichen Bombern bisher entkam, treu einem Vaterland dient, das blind in den Abgrund rennt, ist meist nicht da. Und wenn doch, ertränkt er seinen Schmerz gern im Alkohol, überlässt seine Töchter der Zeit. Einer Zeit, in der es auch keine Schule mehr gibt, weil sie von Bomben getroffen ist, weil ein von seiner Ideologie blinder Lehrer mit der Fahne seines Führers den Fliegern entgegenrannte und erst viel zu spät merkte, dass der Feind in den Flugzeugen sass. 

Nichts ist so, wie es sein sollte. Und das, was im Schein aufrecht erhalten wird, droht einzubrechen.

Luisa liest, liest viel, alles, was ihr in die Hände gerät. Sie wird belächelt von der Schwester, missachtet von der Mutter, vom Vater mit Büchern Kofferraum für Kofferraum aus der zerbombten Stadt versorgt. Nachts brennt lange ein schwaches Licht in ihrer Kammer unter dem Dach. Ein Licht, das dem jungen Melker Walter nicht verborgen bleibt, der sie dafür aber nicht schimpft, sondern eines Tages bei der Geburt eines jungen Stierkalbs ins Vertrauen zieht. Luisa ist allein gelassen, sich selbst überlassen. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Endgültig entgleist Luisas Leben an der Hochzeitsfeier ihrer Halbschwester Gudrun. Ein Hochzeitsfest, das aus dem Ruder läuft, an dem mehr gesoffen als gefeiert wird, als wolle man das Elend des drohenden Untergangs des Tausendjährigen Reichs im Alkoholnebel entkommen. Auch hier bleibt Luisa sich selbst überlassen, zuerst gelangweilt von der öden Hochzeitsfeier ihrer fremd gewordenen Stiefschwester, dann vom betrunkenen Ehemann mehr als nur in die Enge getrieben, von der Mutter genötigt, von Kopfschmerzen und Übelkeit geplagt. Aber niemand hört und sieht, was passiert. Am wenigsten die Mutter, die Augen und Ohren verschliesst, um die Privilegien ihres einflussreichen Schwiegersohns, eines glühenden SS-Offiziers, nicht zu verlieren.

Ein immer tiefer werdender Graben tut sich auf, mitten durch die Familie. Während die einen ein Ende mit Schrecken herbeisehnen, träumen die andern bis zuletzt vom grossdeutschen Endsieg. Ein Roman, der vor der Kulisse einer historischen Katastrophe den Leser an eine Kette menschlicher Katastrophen bindet.

Ralf Rottmann beschreibt ein fast barock anmutendes Sittengemälde aus den letzten Tagen des Krieges. Luisa, das zwölfjährige Mädchen bewegt sich durch die kaputte Landschaft, die Trümmer in Seelen und Räumen, durch ein Panorama des Schreckens, mitten hindurch, was menschliche Abgründe an Zerstörungen anrichten. Ich als Leser ganz nah mit dem Mädchen, dem „Winnetou“ und „Vom Winde verweht“ noch genau so nah und unmittelbar sind, wie eine Wirklichkeit, die sie nicht lesen kann.

Ein Buch über den Krieg. Ein Buch über die Gegenwart, die noch immer mit dem Krieg spielt. Ein Epos des Schreckens, bei dem einzig der Lauf der Sonne trösten kann. Von einem Mädchen, das erfolglos versucht, die Welt zu verstehen.

Ralf Rothmann wurde am 10. Mai 1953 in Schleswig geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Nach der Volksschule (und einem kurzen Besuch der Handelsschule) machte er eine Maurerlehre, arbeitete mehrere Jahre auf dem Bau und danach in verschiedenen Berufen (unter anderem als Drucker, Krankenpfleger und Koch). Er lebt seit 1976 in Berlin.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Joachim Zelter „Gegen die Gewissheiten“

Überlegungen zu einigen Aspekten der literarischen Moderne aus Sicht eines Schriftstellers

Warum schreibt ein Autor wie er schreibt. Oder warum schreibt er etwas nicht, das er durchaus schreiben könnte, aber trotzdem nicht schreiben kann oder partout nicht schreiben will? Warum lässt der Autor beispielsweise eine Figur nicht durch den Wald nach Hause gehen, um dort eine andere Figur zu treffen, so dass aus diesem Treffen eine Liebeshandlung entstehen könnte? Oder warum scheut sich ein Autor vor einem guten Ende? Oder vor einem eindeutigen Anfang? Oder vor einnehmenden Figuren, welche die Welt exemplarisch erleiden, durchschreiten, erleben, verbessern oder überwinden?
Oftmals sind es nur halbbewusste Triebkräfte und Maßstäbe, die einen Autor dazu bringen etwas in einer bestimmten Art zu schreiben – oder auch nicht zu schreiben. Zum Beispiel tun sich nicht wenige Autoren mit linearen Handlungen schwer. Oder mit mitreißenden Figuren, die eine Handlung vorantreiben oder aus der äußere Handlungen oder ganze Handlungswelten hervorgehen. Handlungen und Figuren – dies scheinen, zumindest heute, Selbstverständlichkeiten, ja Unabdingbarkeiten. Dennoch gibt es bei nicht wenigen Autoren ein Unbehagen, eine stumme Reserve gerade gegenüber derartigen Forderungen. Diese Reserve ist – so meine These – ein Überbleibsel der literarischen Moderne, in einer Welt, die sich zunehmend von den Er- rungenschaften der literarischen Moderne entfernt hat, die mit der Moderne auch zunehmend das Bewusstsein und Beschreibungsinstrumentarium ihrer selbst verloren hat.

Nach Mario Andreotti (Die Struktur der modernen Literatur) besteht das große Missverständnis gegenwärtiger Literaturdiskurse in der Gleichsetzung von zeitgenössisch und modern. Ein Roman sei modern, weil er soeben erschienen sei oder sich moderner Themen annimmt, zum Beispiel dem Internet, der Globalisierung, dem Grundeinkommen für alle oder einer jugendlichen Subkultur. Nach Andreotti ist diese Gleichsetzung irreführend, da moderne Themen nicht notwendigerweise gleichbedeutend sind mit der literarischen Moderne als Erzählweise in der Literatur. Ein Großteil unserer Gegenwartsliteratur, so Andreotti, ist alles andere als modern, sondern vielmehr in ihrer Struktur traditionell, konventionell, wenn nicht gar vormodern – auf dem Stand des bürgerlichen Romans des frühen 19. Jahrhunderts

Die Frage ob modern – oder nicht modern lässt sich anhand von zwei zeitgenössischen Grund- forderungen an literarische Texte demonstrieren, die gerade die literarische Moderne immer wieder in Frage gestellt hat: (1) Die Frage der Handlung und (2) die Frage von festen, eindeutigen, runden Figuren, die im Zentrum dieser Handlung stehen, ja, aus denen diese Handlungen hervorgehen. Handlung unterstellt eine Form von Kausalität. In der Poetik des Aristoteles heißt Handlung Mythos, die Zusammensetzung der Geschehnisse. Auch Edward Morgan Forster betont in seiner Definition von Handlung (plot) dessen Kausalität. „The king died and then the queen died.” Dies ist eine Geschichte. „The king died, and then the queen died of grief.” Dies ist eine kausale Ordnung, also eine Handlung. Nun ist Kausalität nichts Beliebiges, sondern beinhaltet fundamentale Anschauungen über die Wirklichkeit. Schon das Wort Kausalität impliziert eine ganze Weltanschauung: der Mechanik, der Physik, der Naturwissenschaften, der Wissenschaft allgemein. Eine Plot-Struktur geht also weit über ein einzelnes literarisches Werk hinaus. Sie beinhaltet eine Weltanschauung, und es sind gerade derartige Weltschauungen, welche die literarische Moderne immer wieder in Frage gestellt hat: sei es nun das Gebot linearer Handlungen oder der Glaube an die Erzählbarkeit der Welt oder die Vorstellung von Sprache als Abbild außesprachlicher Wirklichkeit. Hinzu kommt die Skepsis der Moderne gegenüber althergebrachten Subjektvorstellungen: zum Beispiel die Hauptfigur als Identifikationsfigur, als Sinn- und Erlebniszentrum der äußeren Welt, als Inbegriff einer bürgerlichen Charakterideologie, in der Tüchtigkeit, Selbstverantwortung und Eigenständigkeit eine Rolle spielen. Die klassische literarische Moderne demonstriert demgegenüber die Entpersönlichung ihrer Figuren, ihre psychologische Widersprüchlichkeit und Uneinheitlichkeit, ihre Fragmentarität, ihr Getrenntsein, ihre Auflösungser- scheinen, ihre gesellschaftliche Degradierung und Funktionalisierung. „Das Ich ist unrettbar“, schrieb kein Literat, sondern der Physiker Ernst Mach im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Satz wurde zu einem Leitsatz der Wiener Moderne. Und nicht nur das Ich, sondern auch die Vorstellung einer objektiven, linear erzählbaren Welt wird für die Moderne zu einer unrettbaren, allenfalls noch subjektiv haltbaren Größe. „Wir haben kein anderes Gesetz als die Wahrheit, wie jeder sie empfindet.“ Wie jeder sie empfindet – so der entscheidende Zusatz von Herrmann Bahr in Die Moderne. Althergebrachte Gewissheiten weichen in der Moderne einer tiefen Skepsis gegenüber dem Wirklichkeitsgehalt von Sprache und der Darstellbarkeit von Wirklichkeit (Hofmannsthal) sowie einem Unbehagen gegenüber monistischen Wirklichkeits- und Wahrheitsmodellen überhaupt. „Die Wahrheit“, schreibt der Philosoph Hans Vaihinger in seiner Philosophie des Als-Ob, „ist nur der zweckmäßigste Irrtum.“ Statt Wahrheit und Wirklichkeit tritt die fröhliche Bejahung des Fiktiven in den Vordergrund, nicht nur die Fiktionalität der Kunst, sondern die des Lebens überhaupt. In den Worten Oscar Wildes: „I treated art as the supreme reality and life as a mere mode of fiction.

Um das bisher Gesagte (aus der Erfahrung eines heutigen Autors) an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen. Im Jahr 2006 erschien mein Roman „Schule der Arbeitslosen“. Der Roman spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft in einem Internierungslager für Langzeitarbeitslose. Dies wird nicht anhand fester, abgerundeter Figuren erzählt, etwa anhand einer rechtschaffenden Familie, die ein Einfamilienhaus abbezahlen muss und schulpflichtige (vielleicht sogar noch herzkranke) Kinder hat und deren Familienoberhaupt nun in die Abgründe der Arbeitslosigkeit fällt. Die Versuchung lag nahe, das Thema in dieser Art anzugehen, über ein Ensemble fester Figuren, mit denen man sich identifiziert und mit denen man mitleiden kann. Stattdessen ent- wickelt der Roman das Thema Arbeitslosigkeit weniger psychologisch denn vielmehr gestisch und soziologisch als strukturelle Gewalt (sprachliche Gewalt, diskursive Gewalt, normative Gewalt) herrschender ideologischer Systeme über entpersonalisierte Individuen, die zu fast keiner Sprache oder Gegenwehr mehr fähig sind, die sich allenfalls stammelnd oder in kleinen Gesten zur Wehr setzen können gegenüber einer allmächtigen gesellschaftlichen Grund- und Kollektivhaltung: nämlich der Obsession von Arbeit als Sinnzentrum unserer Zeit.
Man könne sich zu wenig mit den Figuren identifizieren. Man könne mit ihnen nicht warm werden. So der erste Einwand gegen den Roman. Und: Der Roman habe zu wenig Handlung. Er zeige auch keine wirklichen Lösungen. So der zweite Einwand. In diesen Einwänden vereinigen sich in nuce die gängigen Erwartungshaltungen gegenüber der zeitgenössischen Literatur: Handlung, Figuren, Botschaften und Lösungen – genau das, was von der klassischen Moderne (von Kafka bis Döblin, von Beckett bis Pinter, von Ionesco bis Camus) immer wieder in Frage gestellt wurde. Man kann die urskeptische Haltung der Moderne mit dem Satz von Camus resümieren: „Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.“

In den letzten zwei Jahrzehnten ist uns die Moderne zunehmend abhanden gekommen. Sie wich in den achtziger Jahren der Postmoderne, der dann keine Nachpostmoderne oder Post- postmoderne mehr folgte als vielmehr eine diffuse Vormoderne, in der einerseits die Errungenschaften der Moderne verlorengegangen sind bzw. schlichtweg vergessen wurden, in der andererseits mit der größten Geläufigkeit sehr traditionelle, vormoderne, geradezu biedermeierliche Forderungen und Erwartungshaltungen an die Literatur herangetragen werden. Der Grundimpetus der Moderne, die allumfassende Skepsis, weicht zunehmend einer Haltung nicht mehr reflektierter Gewissheiten. Als hätte es die Moderne nie gegeben. Als wären Handlung, Figuren, Botschaften und Lösungen zu allen Zeiten gültige Konstanten der Literatur. So als gäbe es kei-nerlei Zusammenhang zwischen gegenwärtiger gesellschaftlicher Ich-Fixierung, Ich- Verantwortung, individueller Leistungs- und Erfolgsethik und der Forderung des Buchmarktes nach hinreißenden, heldenhaften oder zumindest unterhaltsamen literarischen Figuren.

Wenn ich gefragt werde, welche Autoren ich denn schätze oder welche Autoren mich literarisch beeinflussen, dann nenne ich Autoren wie Oscar Wilde, Harold Pinter, Franz Kafka und einige andere – alles übrigens Autoren der Moderne. Doch gibt es für den schreibenden Autor auch noch eine andere Kategorie von Büchern, nicht nur belletristische Einflussbücher, sondern auch literaturwissenschaftliche Bücher, die für mich eine große historische und theoretische Rückversicherung darstellen. Die Struktur der modernen Literatur von Mario Andreotti ist ein solches Buch. Es bietet gerade jenen Autoren eine Handhabe, die aus einer tiefsitzenden, stummen Reserve gegenüber den aktuellen Forderungen an die Literatur eben nicht so schreiben, wie sie sehr leicht schreiben könnten: in Kategorien eingängiger Handlungen, Figuren, Botschaften und Lösungen. Es ist ein Buch für alle Autoren, die sich darüber freuen, dass Literatur nicht ewig gültigen Gesetzen und Gewissheiten folgt, sondern dass diese Gewissheiten hinterfragbar und veränderbar sind – ein Grundprinzip der Moderne. Es ist ein Buch für alle Autoren, die sich heutzutage deplaciert und historisch überholt fühlen, die aber dennoch in einem stummen oder verstummten Wissen noch an den Errungenschaften der Moderne festhalten oder festzuhalten versuchen. Es ist ein Buch, das mir immer wieder geholfen hat, mir über eigene (oft auch nur halbbewusste) Maßstäbe des Schreibens klar zu werden. Manchmal wünschte ich, ein solches Buch würde nicht nur von Autoren, sondern vermehrt auch von Kritikern und Lektoren gelesen.

Veröffentlicht in: Literaturblatt Baden-Württemberg. Heft 6, 2010, 12-13.

Literatur:
Mario Andreotti, „Die Struktur der modernen Literatur“, vierte überarbeitete Auflage. Bern, 2009.
Joachim Zelter, „Schule der Arbeitslosen“, Tübingen, 2006.
Gotthart Wunberg, Hrsg. „Die Wiener Moderne: Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und
1910“, Stuttgart, 1981.
Andreas Huyssen und Klaus R. Scherpe, Hrsg. „Postmoderne: Zeichen eines kulturellen Wan-
dels“, Hamburg, 1986.
Lothar Fietz, „Strukturalismus: Eine Einführung. Literaturwissenschaft im Grundstudium 15“, Tü-
bingen, 1982.
Lothar Fietz, „Funktionaler Strukturalismus: Grundlegung eines Modells zur Beschreibung von Text und Textfunktion“, Tübingen, 1976.

Joachim Zelter wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Von 1990 bis 1997 arbeitete er als Dozent für englische und deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Yale. Seit 1997 ist er freier Schriftsteller, Autor von Romanen, Theaterstücken und Hörspielen. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Mit dem Roman „Der Ministerpräsident“ war er 2010 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 war er Hausacher Stadtschreiber (Gisela-Scherer-Stipendium).

Rezension auf literaturblatt.ch zu «Im Feld» von Joachim Zelter

Webauftritt des Autors

Hosianna!

Vor ein paar Monaten war es noch ein tiefes Loch. Jetzt ziehen sich entlang den Amriswiler Innenstrassen graue Betonwände, die noch höher werden sollen. Vor Jahrhunderten baute man Gotteshäuser, Kirchen, Kathedralen in die Zentren wachsender Städte. Riesige Bauten, in denen eine Stadt jenen einen pries und mit Gebeten um Gunst bat, von dem man überzeugt war, dass er das Zentrum ihres Lebens und Wirkens sei. Heute zieht man kolossale Bauten des Konsums hoch. Man pflanzt noch ein paar hübsche Bäumchen vor die übermächtige Fassade, verbannt die Autos untertags, verpackt das Ganze in ein artiges Gewand. Nur die Männer, die die Mauern hochziehen, sind die gleichen geblieben. Morgens, wenn ich am grauen Koloss entlang zur Arbeit gehe, hört man sie johlen, jauchzen, singen und albern. Und für einen Moment klingt der Hall wie in den grossen gotischen Kathedralen des Mittelalters, ein bisschen wie das Frohlocken und Lobpreisen in den Hallen Gottes. Die einen leeren sich immer mehr, von den anderen scheint man nicht genug zu bekommen. Hosianna!

Beitragsbild: Sandra Kottonau

Jaroslav Rudiš «Der Besuch von Herrn Horváth», Edition Thanhäuser

Kleinstverlage wie die Edition Thanhäuser sind stille Tempel der Hingabe und Liebe zur Literatur und Kunst. Wie viele andere funktionieren sie nicht nach den sonst gültigen wirtschaftlichen Gesetzmässigkeiten. Dafür umso mehr, weil wie in den Büchern und Publikationen der Edition Thanhäuser glühende Leidenschaft und maximales Können gepaart sind.

Christian Thanhäuser: Allen Buchprojekten geht eine persönliche Begegnung voraus, in welchen Land auch immer, ich lasse es den Autorinnen und Autoren immer frei, auch Texte zu verfassen, die im normalen Verlagswesen kaum eine Möglichkeit hätten, verlegt zu werden. Je besser man sich kennt, bzw. je besser ich die Länder der Autorinnen und Autoren kenne, umso leichter fällt mir die Arbeit an den Illustrationen.

Acht Erzählungen des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Rudiš, ergänzt und mitgetragen von zwölf Fichtenholzschnitten, sogfältig gesetzt, fadengeheftet und blau eingefasst; das, was das Herz eines Büchernarren in Wallung bringt.
Das Büchlein kostet so viel wie ein Kinoeintritt in Zürich. Das Vergnügen, die Langzeitfreude und die Begeisterung, die es zumindest bei mir auslöst, lässt einen Kinobesuch, sei der Film noch so gut, aber weit im Schatten zurück. Erst recht belohnt durch die Innigkeit, wenn ich die acht Geschichten an einem kühlen Abend meiner Frau vorgelesen habe.

Jaroslav Rudiš, der seine Romane sonst in Deutsch beim Luchterhand Literaturverlag herausgibt und bei seinen Liveauftritten zum Ereignis wird, beweist in «Der Besuch von Herrn Horváth» wie witzig, tiefgründig, bodennah und schräg er erzählen kann. Auf knapp 70 Seiten findet sich alles Können, sowohl das des Schriftstellers wie jenes des Künstlers Christian Thanhäusers.

Acht Erzählungen, die durch den Kumpel Max miteinander verbunden sind. Auch dann, wenn Max gar nicht vorkommt, dann aber, als wären sie ihm am Stammtisch erzählt. Wie jene Geschichte, die dem Buch seinen Namen gibt. Nur ein einziges Mal keucht der alte Herr Horváth das Treppenhaus hinauf zu einem Besuch beim Erzähler. Für eine Partie Schach, unablässig plaudernd. Oder auf einer Reise ins Tessin, wenn dem Erzähler, unterbrochen von den Tunnels der alten Gotthardlinie, sein Freund Max aus Prag anruft und von seinem Entschluss berichtet, seinem Leben nun endlich eine andere Richtung zu geben, mehr dem Wisent hinterher. Oder der Erzähler trifft Max in der immer gleichen Prager Kneipe «Zum ausgeschossenen Auge» (Die gibt es wirklich!) und man lamentiert über die rüde Gegenwart in der tschechischen und internationalen Politik oder die Sehnsucht nach einem dichtenden Übervater wie es Vaclav Havel einst war, einer Zeit, in der ein Dichter Staatsführer werden konnte. Oder man sitzt als Leser mit am Tisch, lauscht den Erzählungen, die die irgendwie einsamen Männer hinter ihren tschechischen Bieren mit der Runde teilen.

Jaroslav Rudiš ist ein begnadeter Erzähler. Ein Seismograph der tschechischen Gesellschaft, die sich in ihrer Unzufriedenheit durchaus grosseuropäisch gibt. «Der Besuch von Herrn Horváth» ist ein Buch, das man nach der Lektüre unmöglich so einfach in ein Regal schieben kann, denn es wächst einem ans Herz!

Jaroslav Rudiš wurde 1972 in Turnov in Böhmen geboren, Schriftsteller, Drehbuchautor und Dramatiker. Seine Bücher erscheinen im Luchterhand Literaturverlag und bei Voland&Quist. 2016/17 Ranitzstipendiat in Ottensheim, 2018 erhält er den Preis der Literaturhäuser.
Jaroslav Rudiš hat die Texte für dieses Buch in deutscher Sprache geschrieben.

Webseite des Autors

Christian Thanhäuser, geboren am 19. Juli 1956 in Linz, wuchs im Schiffsmeisterhaus zu Ottensheim an der Donau auf. Angeregt von H. C. Artmann gründete Christian Thanhäuser 1989 eine eigene, aus dem Holzschnitt heraus entwickelte Handpressenwerkstatt. Seit 1995 erscheint die Buchreihe RanitzDrucke. Die Drucklegung dieser zum Teil zweisprachig angelegten
Publikationen ist an Stipendienaufenthalte in Ottensheim gebunden. Herausgeber ist Ludwig Hartinger. Derzeit erscheinen pro Jahr zwei bis drei, meist zweisprachige Bücher, die in Zusammenarbeit mit der Druckerei Plöchl in Freistadt hergestellt werden. An Handpressendrucken mit Holzschnitten wird weiterhin in der Ottensheimer Werkstatt gearbeitet.

Webseite der Edition Thanhäuser

Während des 23. Internationalen Literaturfestivals in Leukerbad stellt Christian Thanhäuser Insektenzeichnungen und Holzschnitte aus. Die Insektenzeichnungen sind Illustrationen zu dem vielbändigen bei Matthes & Seitz erschienen Werk «Erinnerungen eines Insektenforschers» über den «Homer der Insekten» Jean Henri Fabre.

Vincenzo Todisco «Das Eidechsenkind», edition blau

1970 lebten eine Viertelmillion italienische Gastarbeiter in der Schweiz. Eine Einwanderungswelle, die damals wie heute die Schweiz spaltete. Eine Auseinandersetzung, die in der «Schwarzenbach-Initiative», die vom Schweizer Stimmvolk mit nur 54 % verworfen wurde, gipfelte. «Das Eidechsenkind» erzählt die Geschichte eines Kindes, das nicht hätte da sein dürfen.

Das Leben im Heimatland muss hart sein, dass man sich auf den Weg in den Norden macht, in ein Land, dessen Sprache und Menschen man nicht versteht, stets am Rande der Legalität, von Arbeitgebern ausgenützt, vom Heimweh geplagt, von der Familie getrennt. Vielleicht wird das Leiden ein bisschen kleiner, wenn man die Frau nachreisen lassen darf, wenn man endlich eine Wohnung gefunden hat, ein Loch, in das man sich zu zweit verkriechen kann. Aber die Not wird unsäglich, wenn man gezwungen ist, sein Kind mit in die Fremde zu nehmen, versteckt im Zug, in einem Koffer oder im Kofferraum eines Autos. Wenn niemand, schon gar nicht die Nachbarn im Haus erfahren dürfen, dass da ein Kind wohnt, weil man befürchtet, sofort ausgewiesen zu werden, die Stelle zu verlieren, alles, was man mit viel Arbeit und Verzicht herbeibeschwören, herbeizwingen wollte.

Der Vater arbeitet auf dem Bau, die Mutter putzt. Das Kind ist Stunden alleine zuhause, gewarnt von Vater und Mutter, sich nicht bemerkbar zu machen, nur auf vereinbarte Klopfzeichen die Tür zu öffnen und sich unsichtbar zu machen, wenn unverhofft Besuch kommt. Der Junge lernt sich zu verstecken, kriecht in jede Ritze, huscht weg wie eine Eidechse vor dem Haus seiner Grossmutter Assunta. Ein Eidechsenkind.

Solange Nonne Assunta noch lebt, wohnt der Junge in Ripa, rennt Bällen hinterher, jagt Wespen, ist Teil einer glücklichen Welt ohne Grenzen. Assunta liebt ihren Enkel, erzählt ihm Geschichten, singt ihm Lieder. Alles im und um das Haus hat einen Namen, alle Geheimnisse offenbaren sich.
Als die Nonna stirbt und Mutter und Vater gezwungen sind, ihren Jungen mit ins kalte, feuchte, neblige Nachbarland im Norden mitzunehmen, wird das Eidechsenkind selbst zum Geheimnis. Alleingelassen in einer Wohnung, in einer Welt, in der alles verschlossen bleibt, nichts einen Namen hat. Das Eidechsenkind bleibt allein in einer Wohnung, in der sich nicht einmal die Vorhänge bewegen dürfen.

Erst als es grösser wird, schleicht es sich aus der Wohnung, nachts im Dunkeln, zählt Schritte überall, vermisst die Welt mit Schritten, vom Keller bis unters Dach, schleicht sich in Nachbarwohnungen, hortet liegengelassene Schlüssel, bleibt bewegungslos verborgen, wenn sich jemand bemerkbar macht. Selbst abends, wenn die Eltern zuhause sind, und der Patrone zu Besuch kommt, versteckt sich das Eidechsenkind unter der Kredenz, darauf bedacht, keine Spuren in der Wohnung zu hinterlassen.

Und doch gibt es mehr und mehr Verbündete. Den dicken Nachbarjungen, der genau wie das Eidechsenkind den Zugang zur Welt nicht findet. Der Professor mit den vielen Büchern, die einsame Frau mit der Geige und Emmy, das Mädchen, das neu im dritten Stockwerk wohnt. Emmy wird zur Bannbrechern, auch wenn es Jahre dauert und unsicher bleibt, ob sich das Eidechsenkind zum Mann häutet.

Vincenzo Todisco schriebt scheinbar einfach, bewegt sich als stiller Begleiter ganz nah an seiner empfindsamen, in sich eingeschlossenen Hauptperson. Ich als Leser blicke tief in eine eingeschlossene, eingesperrte Seele. Vincenzo Todisco tut dies aber mit derart viel Vorsicht und Liebe für seine Protagonisten, ohne je eine psychologisierenden Interpretation zu verfallen, dass das Buch zu einer eigentlichen Liebeserklärung wird. Wunderschön!

Vincenzo Todisco, 1964 als Sohn italienischer Einwanderer in Stans geboren, studierte Romanistik in Zürich und lebt heute als Autor und Dozent in Rhäzüns. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2005 mit dem Bündner Literaturpreis ausgezeichnet. Im Rotpunktverlag liegen seine Romane in deutscher Übersetzung vor. «Das Eidechsenkind» ist seine erste Buchveröffentlichung auf Deutsch.

Lucy Fricke „Töchter“, Rowohlt

Ein literarisches Roadmovie, eine Geschichte um unberechenbare Väter und Töchter, denen es schwer fällt, sich von diesen zu emanzipieren. Lucy Fricke erzählt gekonnt, webt in einzelne Szenen gleichermassen viel Leben und Theatralik ein, dass man diese noch einmal und noch einmal lesen will.

«Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um meine Eltern zu retten.»

Marthas Vater hatte drei Jahrzehnte lang gefehlt, war nie da, als sie ihn gebraucht hätte. Und nun will er, dass Martha ihn, den Todkranken, zum Sterben in die Schweiz begleitet. Betty, ihre Freundin, glaubt, ihr Vater sei tot, irgendwo in Italien begraben. Aber vielleicht auch nicht. Betty, Martha und Marthas Vater Kurt fahren im Auto los. Zwei Freundinnen, die sich schon Jahrzehnte kennen und Kurt, der Todkranke auf der Rückbank, der sein Leben kommentiert.

«Im Notfall brauchst du keine Freunde. Im Notfall brauchst du einen guten Arzt oder einen Anwalt. Freunde brauchst du für die guten Zeiten, die schlechten schaffst du auch allein. Für das Glück brauchst du Freunde. Wer kann denn alleine feiern? Das Glück kannst du teilen, aber nicht das Leid. Das Leid wird immer nur verdoppelt.»

Aber bald wird klar, dass Kurt Sterbewunsch nur Vorschub leisten sollte für seinen eigentlichen Plan, den die beiden Frauen und schon gar nicht seine Tochter gutgeheissen hätten, für den Martha und Betty nie mit ihm in sein Auto gesessen wären. Kurt will nach Stresa in Italien. In Stresa lebt Francesca. Francesca habe sich letzthin wieder gemeldet, eine alte Liebe. «Ich lasse dich kein zweites Mal allein», habe sie gemeint.
Nach dieser Offenbarung steht das Auto irgendwo am Strassenrand stehen, Warnblinker sind an. Die Situation droht zu eskalieren. So reiten Väter ihre Töchter und Söhne in Situationen, aus denen man nicht ohne sie zurückfindet. «Zum Sterben fährst du mich, aber zum Lieben hättest du mich niemals gefahren.»

Die Reise im Auto wird zur Tortur im Faradayschen Käfig, aufgeladen mit Emotionen, die sich nicht erden können. Betty deponiert ihren wieder erstarkten Vater in Stresa. Und weil man nun schon einmal in Italien ist, geht die Fahrt weiter nach Bellegra, einem kleinen Nest nicht weit von Rom, wo auf dem Friedhof Bettys Vater Ernesto liegen soll, «eine Liebe, die keine Verbindung mehr hatte». Ernesto hatte sich in seinem Musikerleben vor langer Zeit abgesetzt. Ein Umstand, der nichts klärte und nur immer wieder Spekulationen aufkochen liess. Betty will nun endlich Klarheit, auch darüber, ob unter der Grabplatte auf dem Friedhof wirklich ihr Vater liegt.

«Ich wollte spucken auf mich, die ich zu lange geglaubt hatte, es sei nicht möglich, sich von seiner eigenen Geschichte zu befreien.»

«Töchter» ist ein Buch über Väter. Die Geschichte zweier Frauen, die sich von der emotionalen Dominanz ihrer Väter zu befreien versuchen. «Unsere Väter waren nicht verlässlich, je mehr wir von ihnen erfuhren, desto weniger wussten wir.» Ein Buch über Freundschaft, eine Frauenfreundschaft, die auszuhalten versucht, was man alleine nie durchstehen würde. Ein Roadtrip von Deutschland durch die Schweiz und Italien bis nach Griechenland. Die Suche zweier Frauen nach Gewissheit und Klarheit bis auf eine kleine Insel mitten auf dem Meer. So wie sich Betty auf dem Trip von ihrer Abhängigkeit von Antidepressiva zu befreien versucht, so ist die turbulente Reise eine Befreiung von Lügen. Und nicht zuletzt ist «Töchter» ein freches Buch über den Sehnsuchtsort Italien.

«Italien macht dich pathetisch, behauptete Martha. Womit sie recht hatte. Dieses Land kitzelte am Drama, und dafür war ich empfänglich.»

Überzeugend am Roman aber ist viel mehr als bloss die Story, die immer wieder Haken schlägt. Es ist das Ausbleiben plumper Psychologie, das Aufblitzen von Groteske und Witz, die Tatsache, dass Lucy Friede die Geschichte nie nur in die Nähe von Sentimentalität abrutschen lässt. Es sind die sprachliche «Schamlosigkeit», entlarvende Ehrlichkeit, erfrischende Frechheit und die überraschende Tiefe, die mich überzeugen. Nach der Lektüre ist Lucy Frickes Buch voll mit Bleistiftmarkierungen und Stellen, die ich noch einmal lesen möchte. Als wolle man den Teller blank lecken!

Ein Interview mit Lucy Fricke:

Viele werden irgendwann Mutter oder Vater. Und so wie jedes Mutter- oder Vaterwerden eine Emanzipation vom Tochter- und Sohnsein ist, gelingt dieses Werden ganz offensichtlich oft nicht ohne Kampf. Ihr Roman bietet ganz viele Lesarten, aber die Emanzipationsgeschichte von Vätern scheint zentral. Für alles braucht man einen Fähigkeitsausweis, für jede Verantwortung eine Prüfung. Nur nicht als Vater oder Mutter. Sind wir als Töchter und Söhne verurteilt?
Ich finde es spannend, wie sich dieses Verhältnis verändern kann, wie sich Abhängigkeiten und Bedürfnisse ändern, manchmal auch umkehren. 
Nichtsdestotrotz ist eine Befreiung notwendig. Wir bleiben immer die Kinder unserer Eltern und es ist erstaunlich, wie schwer es fallen kann, sich damit abzufinden. Man lernt das Mutter- und Vatersein, indem man es ist. Je älter ich werde, desto besser verstehe ich meine Eltern. Es erscheint mir unmöglich, ein Kind zu erziehen, ohne dabei Fehler zu machen. Wir alle verbocken so viel, haben schon so vieles erlebt, was uns vielleicht zu schwierigen Charakteren macht. Das verändert sich eben mit dem Alter, man sieht seine Mutter als Frau, den Vater als Mann, man kann seine eigenen Eltern endlich aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen und erkennen. Und damit auch nahezu alles verzeihen. 

Es gibt in ihrem Roman so viele Textstellen, die in vielerlei Hinsicht aufblitzen. Sei es Weisheit, Frechheit, Groteske, Humor, Überraschung. Ganz offensichtlich liegt Ihnen weit mehr daran, als bloss eine spannende Geschichte zu erzählen. Was treibt Sie beim Schreiben?
Das klingt pathetisch, aber mich treibt die Suche nach einer Wahrhaftigkeit. Keine Klischees, keine Filter, kein Schönreden. Der Humor ist bei der Suche nach Wahrheit äußerst hilfreich. Wenn ich, wie jetzt, wochenlang nicht schreibe, dann merke ich zudem, wie sehr das Schreiben mir Halt gibt, mich regelrecht zusammen und aufrecht hält. 

„Töchter“ ist eine Geschichte über Freundschaft. Martha und Betty erleben gemeinsam eine Berg- und Talfahrt weit weg vom Alltag. Betty muss vom Schicksal gezwungen werden, Martha wühlt schon ein Leben lang. Zwei Archetypen im Umgang mit der Vergangenheit. Wer „Frieden“ finden will, muss sich stellen. Ganz offensichtlich eine Eigenschaft, die unserer Gesellschaft im breiter abzugehen scheint. „Töchter“ ist auch ein Sehnsuchtsroman; Sehnsucht nach Klarheit, Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft, Sehnsucht nach „Italien“. Spiegeln sich darin Ihre Sehnsüchte?

Das sind universelle Sehnsüchte, denke ich. Italien jetzt mal ausgenommen. Freundschaft ist definitiv das Beste im Leben, nach der Klarheit, nach der Liebe.
Eine weitere Sehnsucht im Roman ist die nach dem Unterwegs-Sein. Dieses Immer-weiter-fahren, immer-weiter-suchen. Ich habe seltsamerweise noch nie eine Sehnsucht nach dem Ankommen verspürt. 

Michael Köhlmeier prügelte mit seiner Rede zum Holocaust-Gedenken in Wien den Umgang mit Geschichte, die Politik gegenüber Flüchtlingen. Wir leben nicht in einer Gesellschaft, die sich der Geschichte, der Wirklichkeit stellt. Je näher wir uns an den Rändern der Katastrophen bewegen, desto deutlicher verschliessen wir Augen, Ohren und Münder. Martha und Betty stellen sich, mehr oder weniger gezwungen. Wir treten ja nicht einmal am Ort, wenn wir uns der Vergangenheit entziehen. Warum verlangt man von den SchriftstellerInnen mehr, als dass sie nur unterhalten?

Gute Frage. Die stelle ich mir auch oft. Ich halte es für ein Missverständnis, dass SchriftstellerInnen mehr vom Leben und der Welt wissen als andere. Wir sind genauso ahnungslos wie der Rest. Wir denken bloß mehr nach, das ist unser Job, wir ringen härter um eine Haltung. Wir geben unser Bestes, aber klüger sind wir nicht.

Verraten Sie mir, was sie lesen und warum Sie es lesen?

Ich hatte jetzt endlich Zeit für“ 2666″ von Roberto Bolaño. Das gehört wohl zum Besten, was ich je gelesen habe. Wild, frei und überbordend. Auf ungemein kunstvolle Art scheint er außer Kontrolle zu sein. Eine Phantasie zum Niederknien. Das ist ein grenzenloser Roman, der in so einem deutschen Schriftstellerinnen-Hirn einiges umwälzt und freisetzt, besonders was das eigene Schreiben betrifft. 
Ansonsten lese ich immer wieder Richard Ford. Den Mann finde ich nun wirklich klug.
Vielen Dank!

Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren, wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet; zuletzt war sie Stipendiatin der Deutschen Akademie Rom und im Ledig House, New York. Nach «Durst ist schlimmer als Heimweh», «Ich habe Freunde mitgebracht «und «Takeshis Haut» ist dies ihr vierter Roman. Seit 2010 veranstaltet Lucy Fricke HAM.LIT, das erste Hamburger Festival für junge Literatur und Musik. Sie lebt in Berlin.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Bianca Bellová „Am See“, Kein und Aber

Was sich auf dem Büchertisch in der Buchhandlung wie eine Geschichte um Leidenschaft, mit dem Titel «Am See» wie eine liebliche Geschichte gibt, ist alles andere. Nami wächst dort auf. Der Wasserspiegel ist viel tiefer wie einst, die ehemaligen Fischerdörfer hoch an den Hängen über dem stinkenden See. Die Sonne brennt, ausser der Polizei fahren keine Autos mehr auf den aufgerissenen Strassen. Die Vergangenheit ist verloren gegangen, die Welt heute nicht einmal mehr Erinnerung.

Der See liegt irgendwo dort, wo einst Russland lag. Eine stinkende, giftige Kloake, salzig und tot. Die Dörfer und Städte an diesem See sind entweder abgeschottet für die Reichen und Mächtigen oder dem Zerfall, der Anarchie, der Willkür überlassen. Regen ist mehr Erinnerung, die Haut juckt, wer Kinder auf die Welt setzt, nimmt Missbildungen wie Schicksal entgegen. Nicht nur das, was an Infrastruktur und Natur dem Zerfall preisgegeben ist, zerfällt, auch das was das Menschsein in vergessener Vergangenheit ausmacht; Freundschaft, Liebe, Verbundenheit.

Hier wächst Nami auf, in Boris, einem kaputten Dorf, ein Junge mit blauen Augen. Zuerst bei den Grosseltern, bis diese sterben und in einer düstern Zeremonie den Seegeistern übergeben werden. Der Kolchosevorsteher übernimmt das Haus der Grosseltern, sperrt Nami in einen Verschlag, aus dem ihm der Weg in die Schule unmöglich gemacht wird. Er bricht nachts aus, streift durchs Dorf, lernt Zaza, ein Mädchen aus der Nachbarschaft kennen. Aber als Zaza von Soldaten vor den Augen Namis vergewaltigt wird, flieht dieser, macht sich auf den Weg in die Stadt, auf der Suche nach seiner Mutter, die er nur aus seinen Träumen kennt.

Namis Odyssee durch die Reste einer sterbenden Zivilisation, seine Suche nach seiner Herkunft, nach Freundschaft, einem Zuhause, bringt ihn zusammen mit allerlei Gestalten. Mit Nikititsch, mit dem er Schwefel schürt, den er in einer Schreddermaschine sterben sieht. Mit Johnny, der ihn mitnimmt in seine Wohnung in einem Hochhaus, dem er dienen soll, der ihm ausgetragene Kleider gibt und ihn aus dem Kühlschrank Dinge essen lässt, von denen er nicht wusste, dass es sie noch gab, der Nami hält wie einen Hund, bis dieser zu beissen beginnt, Haken schlägt und den Gewehrkugeln entkommt. Mit der Alten Dame, die ihn aufnimmt, deren Garten er zurückgewinnt und die ihn belohnt mit einem Weg zu seiner Mutter.

«Der See» ist eine Dystopie. Ein Endzeitroman. Ein Bild dessen, was sein könnte, wenn das Schiff ungebremst über den Abgrund hinausfährt. Kein Science fiction mit Superhelden, dafür umso mehr Verlierern. Eine Geschichte, die eine apokalyptische Welt in aller Selbstverständlichkeit zur Kulisse nimmt, den Weg Namis auf der Suche nach seiner Mutter, den Willen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, nicht zu akzeptieren, was unveränderlich scheint, so knochentrocken beschreibt, dass der Speichel im Mund während des Lesens wegbleibt.

Bianca Bellová gliedert ihren Roman in vier Teile: Ei – Larve – Puppe – Imago. Wer mit dieser Unterteilung, dem Werden Namis auf die Metamorphose zu einem Helden hofft, kommt nur strichweise auf seine Rechnung. «Am See» ist ein düsterer Entwicklungsroman. Die Geschichte eines Mannes, der nicht nur auf der Suchen nach einer Mutter ist, sondern auf der Suche nach seiner Bestimmung, jenem Ort, jenen Menschen, zu denen er wirklich gehört. Ein Buch mit ungeheuren Bildern, suggestiv erzählt, in seiner Düsternis von bezaubernder Schönheit.

Bianca Bellová wurde 1970 in Prag geboren und ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Dolmetscherin. Sie ist die Autorin mehrerer in ihrem Heimatland gefeierter Romane und Novellen. Für ihren neusten Roman «Am See» wurde sie mit dem tschechischen Buchpreis «Magnesia Litera» sowie mit dem European Union Prize for Literature ausgezeichnet.

Titelfoto: Sandra Kottonau

«Wo die Musik spielt», ein Rückblick von Yaël Inokai

«Mein Roman wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt. Stimmen. Jede hat ihren eigenen Klang, ihre eigene Melodie. Nora, Adam und Yann werden von der Gegenwart in die Vergangenheit geworfen, hin und zurück. Jeder Absatz hat sein eigenes Tempo. „Mahlstrom“ ist ein Geflecht; die größte Herausforderung war es stets, die Stimmen miteinander zu verweben, so, dass es stimmt. Ich saß oft abends alleine vor dem Text und habe ihn laut gelesen. Nur wenn er stimmte, jedes Wort und jedes Satzzeichen, klang er auch.
Ob das Schreiben von Texten dem Schreiben von Musikstücken gleicht, kann ich nur vermuten. Musik schreibe ich nicht. Ich glaube aber, dass beides Komponieren ist. Vielleicht ist Musik nicht unbedingt Wort. Aber Wörter sind ganz bestimmt Musik.

Am 9. Juni traf ich im Theater 111 ein, ein ehemaliges Kino, ein Kleinod mit roten Sesseln, in das man sich sofort verliebt. Man hat Erinnerungen an diesen Ort, obwohl man noch nie da war, denkt an die vielen Hände, die sich im Dunkel gegenseitig gesucht und gehalten haben müssen.
Christian Berger, Dominic Doppler und ich bespielten an diesem Abend den Saal. Wir machten Musik: Sie auf ihren Instrumenten, ich aus meinem Roman.

Wie fühlt es sich an, nicht in die Stille hinein zu lesen? Erst ist es erstaunlich. Und dann, ganz schnell, hat man sich an den Klang der anderen gewöhnt. Man geht in seinem Text spazieren. Manchmal spüre ich intuitiv, dass ich loslassen könnte, schweigen, nur für einen Moment – aber ich traue mich nicht. Warum? Ist man es sich gewohnt, an seinem Buch zu kleben, auch wenn man die Erzählstimmen eigentlich schon auswendig kann? Hat man Angst davor, ohne nichts auf dieser Bühne zu stehen? Einmal wage ich es, und schließe die Augen. Und als wäre ich ein Kind, verschwindet tatsächlich für einen Moment die ganze Welt.

Das Buch wurde nicht vorgestellt. Mit keinem Wort gesagt, um was es geht. Anfangs vergaß ich sogar, meinen Passagen ihren jeweiligen Erzähler voranzusetzen. Ich grübelte nicht einen Moment, ob man versteht, was ich hier lese. Ich konnte diesem Text blind vertrauen. Christian und Dominic boten Begleitschutz.

Ein Wehmutstropfen bleibt: Es ist vorbei. Aber vielleicht, so hoffe ich, kann ich dereinst wieder per Mittagsflug in Zürich eintreffen, mich mit dem Zug nach St. Gallen bringen lassen, den Bus besteigen, der mich hoch zu den Weihern fährt, wo ich mich rücklings und ohne nachzudenken ins Wasser fallen lasse. Von dort aus werde ich erst den Blick zum Bodensee bestaunen, dann die klassische Badiverpflegung begehen – Pommes Frites, Cola und Eis – und gut genährt da hin aufbrechen, wo die Zeit stehen bleibt, wo man sagen kann: Ich hab zwei Stunden hier gesessen oder ein ganzes Filmuniversum durchschritten, ich hab einen Abend hier verbracht oder ein komplettes Romanleben: ins Theater 111.» Yaël Inokai

Yaël Inokai, (vormals Pieren) geboren 1989, arbeitete als Fremdenführerin. Sie veröffentlichte in verschiedenen Literaturzeitschriften und war Hildesheimer Stadtschreiberin. Nach ihrem viel beachteten Debüt „Storchenbiss“ (2012) legte sie 2017 mit „Mahlstrom“ ihren zweiten Roman vor. Barbara, die sich mit zweiundzwanzig im Fluss ertränkt. Ihr Tod, der im ganzen Dorf die Telefone schellen lässt, bringt die anderen zum Reden. Mahlstrom erzählt die Geschichte sechs junger Menschen, die in einer dicht verwobenen Dorfgemeinschaft herangewachsen sind. Zugleich geschützt und bedroht von den engen Banden, sind sie im Erwachsenenleben angekommen und stecken doch noch knietief in ihrer Kindheit. Erst Barbaras Selbstmord bringt den Stein ins Rollen und zwingt die Übriggebliebenen, sich mehr als zehn Jahre nach dem Verbrechen dem Geschehenen zu stellen.

Infos zu den folgenden Lesungen im Theater 111