Das 71. analoge Literaturblatt ist in Arbeit

Staunend drehe und wende ich das Literaturblatt mit der roten 70, hole die bessere Brille, um alles ganz genau zu beäugen. Ist das ein Pantoffeltier? Oder gar Prähistorisches aus der Kurilensee? Wie wunderbar, etwas nicht genau zu wissen und es dabei zu belassen. Ein Teil von etwas so Fabelhaftem zu sein, ist eine grosse Freude und Ehre. Danke für all das Gute! Katinka Ruffieux

Das Literaturblatt feiert 70. Jubiläum! Ich gratuliere herzlich. Als Abonnentin ist es mir ein besonderes Vergnügen, die handschriftliche Jubiläumsausgabe zu lesen. Ich nehme eine Lupe zur Hand, um den Schwüngen, den Auf- und Abstrichen, den Zeichen und Zeilen zu folgen. Die Zeit vergeht langsam. Wort für Wort. In einer Art Zeitlupe. Die Texte verdichten sich. Vielen Dank für die kunstvollen Besprechungen. Für mich ist es wieder einmal ein sehr besonderes Auflagenobjekt. Kunst zur Kunst eben. Jane Wels 

Lieber Herr Frei, ja, das Literaturblatt war schon vor einer ganzen Weile in meinem Briefkasten – nur ich war da grade unterwegs – und ziert jetzt mein Bücherregal. Ihre Illustrationen sind wahnsinnig ästhtisch geworden, da bekommt man gleich Lust, sich mit abgebildeten Lebewesen zu beschäftigen. Sophia Klink

Ein Interview mit mir selbst:

Seit 2011 gibt es diese Literaturblätter. Was bewegt dich dazu, mit so viel Aufwand ein Blatt für das gute Buch zu gestalten?
Am Anfang war immer wieder die Frage nach einem guten Buch, einem Lesetipp, Lesefutter für Ferien. Zudem gab es einen Kurs, bei dem ich am Schluss schriftlich Empfehlungen abgab, auch damals schon vier Bücher. Aber man nahm meine Empfehlungen bloss zur Kenntnis, selbst die Tatsache, dass ich die Rezensionen nicht bloss aus dem Netz kopierte. Altpapier. Dann zeichnte und schrieb ich mein erstes Literaturblatt und die Reaktionen waren umwerfend.

Literaturblatt 39

Wie gestaltest du diese Blätter? Sind sie verkleinert? 
Die Blätter sind im Format A4 und Originalgrösse. Ich zeichne und schreibe immer mit schwarzem Kugelschreiber, kann mir Fehler und Korrekturen nur ganz begrenzt leisten. Es kam auch schon vor, dass ich ziemlich weit gereifte Blätter noch einmal beginnen musste. Ich zeichne und schreibe gerne. Und ich bin ein haptischer Mensch. So wie elektronische Bücher für mein Genussverständnis undenkbar sind, bleibt ein Schriftstück und eine Zeichnung das ganz Spezielle.

Wie lange arbeitest du an einem solchen Blatt? Immerhin sind es mittlerweile 70 an der Zahl. 
Die Arbeit beginnt mit der Auswahl der vier Bücher, den Rezensionen. Auf meinen Blog schaffen es Bücher, die mir in irgendeiner Weise gefallen, die ich nicht einfach weglege. Bücher auf meine Literaturblätter schaffen es nur, wenn sie mir ganz besonders ans Herz wachsen, wenn ich glaube, dass sie beinahe jede und jeder gelesen haben muss. Dann brutzelt in meinem Kopf, was und wie ich gestalte, welche Zeichnung aufs neue Literaturblatt gesetzt werden soll. Dann die Suche nach dem Sujet – und dann in meiner Bibliothek am Schreibtisch das konzentrierte Arbeiten mit dem Kugelschreiber. Fertig ist die Arbeit noch lange nicht. Aber es vergehen viele glückliche, intensive Stunden, manchmal über Wochen.

Literaturblatt 11

Warum Kugelschreiber? Warum muss die Schrift so klein sein. Unbedingt lesefreundlich erscheint mir ein solches Blatt nicht. 
Es gab einen schweizer Schriftsteller, Redaktor und Zeichner, der fast alle seine Skizzen und Zeichnungen mit Kugelschreiber fertigte. Vor Jahrzehnten entdeckte ich ihn für mich, begann ihn zu lieben und zu verehren. Arnold Kübler war auch jahrelang Redaktor der Kulturzeitschrift DU, die einst eine ganz andere Bedeutung hatte, als sie es heute neben all den digitalen Medien hat. Arnold Kübler machte Reisen, besuchte Ausstellungen. Er fotografierte kaum, zeichnete stets. Zeichnen als eine Art des Schauens. Und die Schrift ist meine Schrift. Zugegeben ein bisschen angelehnt an die Mikrogramme von Robert Walser. So wie Arnold Kübler war und ist Robert Walser einer der Grossen in meiner Bibliothek, auch im unendlich grossen Regal in meinem Herzen.

71 Literaturblätter. Wie lange soll die Reihe werden? Was bewegt dich jedes Mal, mit einem neuen Blatt zu beginnen? 
Alle, die einmal mit einer Reihe begonnen haben, wissen, wie schwierig es ist aufzuhören. Das wissen SammlerInnen aller Couleur. Die Literaturblätter sind zu einem «Konzeptkunstwerk» geworden. Sie haben längst eine Eigendynamik bekommen, sind zu etwas geworden, was es sonst kaum mehr gibt. Allein die Tatsache, dass ich sie alle per Post mit ein paar persönlichen Worten auf der Rückseite verschicke, gibt den Blättern den Wert eines Briefes. Und wer bekommt heute noch einen Brief? Ich bekomme Fotos von Menschen, die die Literaturblätter in ihrer Wohnung aufhängen, sogar eingerahmt. Vielleicht sind sie etwas von einer Welt, die unterzugehen droht. Alles bunt, digital, perfekt, billig, schnell… vielleicht ein notwendiger Kontrapunkt zu meinen Rezensionen im Netz. Die analogen Literaturblätter und die digitale Form unter literaturblatt.ch erreichen ganz verschiedene Lesegruppen, geben meiner Arbeit etwas Spezielles.
Und zu meiner Freude hängen sie nun an Wänden, Türrahmen, werden aufbewahrt und gehortet. Meine grosse Freude aber sind die vielen Reaktionen auf die Literaturblätter. Seien es nun Leserinnen und Leser oder Autorinnen und Autoren; Lesende, die sich bekräftigt fühlen oder einfach nur Freude am Literaturblatt haben – und Schreibende, die sich erkannt und verstanden fühlen!

Beitragsbild: 71. analoges Literaturblatt in Arbeit

Nancy Hünger «Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu», Azur

Ich bin gleichermassen verblüfft, erschlagen und beglückt. Nancy Hünger lässt mich nach der Lektüre ihres Romans mit vielen Fragen zurück. Genau das, was Literatur soll. Weder Sättigungsgefühl noch Berauschung. Aber ganz sicher das Gefühl, einer literarischen Perle begegnet zu sein.

„Wir drehen dem Meer den Rücken zu“ ist eine Liebesgeschichte, wenn auch auf einer Seite des Spektrums, wo Nancy Hüngers Buch zu einem Unikat wird, frei von aller Sentimentalität, ganz in der Realität, nie abgehoben, schon gar nicht entrückt. Eine Liebesgeschichte, die deutlich macht, dass Liebe letztlich kein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung. Zu einem grossen Teil eine Entscheidung trotz allem. Es hätte die Geschichte einer Trennung werden können, einer Entfremdung, was es letztlich auch wurde, die Geschichte von Ent-Täuschungen, Ernüchterung. Aber da lieben sich zwei, auch wenn es blitzt und donnert, wenn graue Wolken aufziehen und man bei der Lektüre befürchten muss, dass der immer dünner scheinende Faden reissen könnte. Tut er aber nicht. Sie liebt ihn, er liebt sie, sie lieben sich beide, wenn auch nicht im satten Sound einer Romanze, wenn auch nicht im ausfliessenden Glück. Mag sein, dass es Glück gibt. Aber so wie die Liebe zur Entscheidung wird, so wird das Glück zu einem Teil der Bewegung zum Gegenüber.

Nancy Hünger Wir drehen dem Meer unsere Rücken zu», Azur, 2025, 150 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-942375-77-1

Und weil Nancy Hünger in der Lyrik zuhause ist, ist ihr Roman, der auch formal ungewohnt erscheint, nicht nacherzählte Handlung, sondern Resultat einer permanenten Reflexion, eines Nachdenkens, des Haderns genauso wie dem Wissen darum, dass da etwas ist, dass man sich letztlich nur nehmen lassen kann, das jenes Stück Zuhause ausmacht, dass eine Beziehung, eine Langzeitbeziehung ausmachen muss. Neben der Erkenntnis, dass da immer zwei Planeten bleiben, zwei, die sich in einem instabilen Gravitationsfeld umkreisen. Im Wissen darum, dass wir uns letztlich dauernd aus dem Gefühl der Einsamkeit herauswinden müssen, dass es zum Gegenüber immer eine Distanz gibt, sieht man/frau über die Momente der Verzückung hinaus.

Da liebt eine Frau einen Mann, obwohl sie weiss und spürt, dass diese Liebe auch zum Kampf werden kann. Ein Kampf gegen seine Gewohnheiten, auch wenn er sich selbst als Feminist bezeichnet, gegen all die kleinen und grossen Selbstverständlichkeiten, die die feinen und groben Arten der Gewalt in Beziehungen, zwischen Liebenden offenbaren. Mag sein, dass die Grenze zu einer „toxischen“ Beziehung fliessend ist. Vielleicht spielen wir allzu leicht mit dieser Etikette, auch wenn Gewalt an Frauen, Gewalt in Beziehungen in keiner Weise kleingeredet werden darf. Nancy Hünger geht es in ihrem Roman aber nicht draum, Missstände aufzudecken. Sie führt mir vor Augen, dass der Missstand im Kleinen zu finden ist, dass wir in Traditionen sozialisiert werden, die die Formen männlicher Gewalt eindeutig begünstigen. Genau darin liegt die Stärke dieser Liebesgeschichte. Sie spiegelt, was überall passiert und tut dies in einer Sprache, die nicht analysiert, sondern Gefühle, Gedanken spiegelt. In teilweise ganz kurzen Kapiteln, die alle mit einer neuen Seite beginnen, wird das Erzählen zu einem Eintauchen, manchmal fast meditativ, manchmal wie lyrische Prosa, meistens eindringlich, intensiv, von entblössender Tiefe. 

Im ersten Teil des Buches schildert die Autorin die Geschichte einer Liebe, deren Risse immer tiefer, immer offensichtlicher werden. Im zweiten Teil hoffen die beiden auf einer kanarischen Insel auf einen Neuanfang. Ausgerechnet dort, wo die Sonne brennt und es Asche regnet.

Ein ungemein starkes Stück Literatur!

Nancy Hünger, 1981 geboren, studierte Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar und verschrieb sich danach ganz der Literatur. Bei AZUR / Voland & Quist sind bereits sechs Bände mit Lyrik und Prosa erschienen, zuletzt «4 Uhr kommt der Hund» (2020). 2023 wurde sie mit dem Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis ausgezeichnet. 2024 erhielt sie das Stipendium zum Rainer-Malkowski-Preis. Nancy Hünger lebt in Tübingen, wo sie das Studio Literatur und Theater leitet.

Beitragsbild © privat

Rina Jost «WEG», Edition Moderne

Wer wird nicht irgendwann im Leben mit Depression konfrontiert, sei sie individuell oder kollektiv, sei es im eigenen Leben oder bei Angehörigen, sei es als einmalige Krise oder immerwährende Auseinandersetzung. Rina Jost erzählt in ihrer Graphic Novel von den Tiefen der Depression, beeindruckend und mit grossem Einfühlungsvermögen.

Der Titel „WEG“ lässt sich vielfach deuten. Depression kann als Weg in die Tiefe verstanden werden, in ein unbekanntes Land, in Abgründe, auch wenn sich in Zeiten der Not kein Rückweg abzeichnet. Ein Weg, der alleine gegangen werden muss, der auszuhalten ist, auch wenn er an der Substanz reisst und glauben macht, man sei allein, in sich eingeschlossen. „WEG“ kann auch als Zustand gesehen werden, wenn man sich von sich selbst entfernt sieht, wenn man in sich eingeschlossen ist, bis zur Unerreichbarkeit, absorbiert.

Über eine solche Reise, einen solchen Zustand ein Buch zu schreiben, zu zeichnen, ist ein Wagnis. Erst recht dann, wenn man über eine Geschichte schreibt, in der viel Betroffenheit steckt, in der man spürt, dass ein Teil eines Selbst darin verarbeitet ist. Wie will man sonst nachempfinden, was Menschen in oder um eine Depression zu erleiden haben, wie viel auszuhalten ist, wie sehr man sich in den Tiefen einer Depression verlieren kann.

Rina Jost «WEG», Edition Moderne, 120 Seiten, farbig, CHF ca. 29.80, SBN 978-3-03731-253-7

Rina Jost erzählt von Geschwistern. Malin und Sybil. Sybil ist weg, zu einem Stein geworden, in eine Welt abgetaucht, die für all jene, die zurückbleiben, unerreichbar zu sein scheint. Mag sein, dass Sybil nur im Bett in ihrem Zimmer liegt. Aber was da liegt, ist nur ihre Hülle. Sybil ist weg. Weil Malin ihre Schwester liebt, macht sie sich auf den Weg, versucht zu ergründen, wo sich ihre Schwester hin verloren hat. Eine Reise nach innen, eine Reise in die Tiefen der Psyche. Hinein in Bilder, die sich wie Traumbilder, psychodelische Projektionen lesen. Malin begegnet Figuren, die wie Wächterinnen an den Übergängen von der einen zur anderen Welt stehen. Rina Josts Graphic Novel ist voller Anspielungen, doppelter Böden, Andeutungen und Zeichen. Keine Geschichte, die man einmal liest und dann hat es sich.

Im hinteren Teil des Buches wird dann klar, wie sehr es Rina Jost um Aufklärung und Handbietung geht. So allein wie sich die Hauptfiguren Malin und Sybil in ihrer Lebenssituation fühlen, so sehr will die Autorin und Zeichnerin all jenen eine Hand bieten, die sich in ähnlichen Situation allein gelassen fühlen, denen nicht einmal mehr die Kraft bleibt, sich aktiv um Hilfe zu bemühen. „WEG“ strotzt vor Kraft, umwerfender Bilder und der Fähigkeit, sich in diese Schattenwelt hineinzufühlen.

Rina Jost, 1987 geboren, Illustratorin und Comicautorin, arbeitet und lebt in Frauenfeld. Sie schloss an der Hochschule Luzern – Design & Kunst im Studiengang Illustration Fiction mit einem Bachelor ab. Heute arbeitet sie für Kultur- und Firmenkund*innen und verfolgt parallel dazu eigene Projekte.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © Balz Kubli

Gabriela Cheng-Voser «bittersüess» – Die Lücke 7/7

dis parfüm esch 
es rosarots gsi
s fläschli met
acht eggä
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

mech packt
blues
wänn ech
dech schmöck
hey, heey, heeey
s esch en
eländä 
herzschmerz 
wo mech plagt
achterbahn
met mer fahrt

häsch din zeigfinger
gern i d höchi greckt
gseit was z machä esch
well du liäber
umägsässe besch
chom hol mer das
breng mer no säb
s esch wörkli wechtig
weisch es doch
alles för dech
söllsch s mol 
besser ha
wiä ech

häsch sand 
verschtreut
wo gwörkt hät 
wiä charisma
bem schwätzä 
schteili kurvä 
gnoh – usäglah 
du wössisch
wiä s lauft
heissi luft
am meter
verchauft

hey, heey, heeey
wänn ech a dech dänk
überchond mech dä blues
nagt a minä chnöchä
möcht so gern wössä
wo du etz ächt besch
wiä s döt so esch
met funkelndä augä häsch
dis chrüsimüsi verzellt
mech badet i dim schmuus
ech sig dini prinzässin
häsch mer gschmeichlet
mech met dinä
märli gschtreichled

ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

of s achslezuckä häsch dech
guät verschtandä
met em chopf herrischi
bewegigä gmacht
dini gangart hät signalisiert
platz do – etz chom ech

besch einzigartig 
aaschträngend gsi
emmer z schpot 
äs betz protzig
häsch chönnä bländä
ond verschwändä

besch gsellig gsi
bsuech häsch gliäbt
met gummigä
gschichtli brilliert
han s gern ghört
wiä häsch mögä lachä

esch din bodä
is gwagglä cho
häsch d luft
nach obä gno
vo nüt chond nüt 
häsch du so verschtandä
dass au z vell 
no z wenig esch

worum ech so fescht 
a der ghangä ben
chan ech mer sälber 
au chum erklärä
wenn mech öpper 
aso frooged wiso
lauf ich eifach dävo
muäss ech en antwort druuf ha
dass ech dech nöd han chönna la gah?
hey, heey, heeey
ha s nöd gschafft
dech hockä z lah
mis läbä hät sech 
numä um dech trüllt
hey, heey, heeey
bes mis eignä
g schtänkered hät 
nemmsch dr au mol
zyt för mech?

be nömm d füürwehr gsi
öber dini minefälder tänzled
han mini sach 
is rollä brocht
be fürschi cho
doch esch s äso 
dä chummer um dech
esch mer nachä gschwänzlet

sit mini lockä
grau wordä send
gnau äso wiä dini 
begriff ech jedes 
wort vo der
no emmer
numä
schier

bevor du ab dä bühni besch
häsch mer no söttigs gseit
wo mer öppis bedüüted
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

hey, heey, heeey
ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

Gabriela Cheng-Voser: In den letzten Monaten kämpfte ich mit einer Schreibblockade, so habe ich oft darüber nachgedacht, warum ich schreibe. Immerhin habe ich herausgefunden, dass ich mit meinen Texten Mitgefühl wecken möchte und dass mir die Menschen besonders am Herzen liegen, deren Ausgangslagen eher schwierig sind. Zudem habe ich eine Neigung zu Rollenprosa. „bittersüess“ ist der erste Text, den ich nach meinem Schreib-Stau für den Adventswettbewerb vom Literaturblatt eingereicht habe. 

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7
Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7
Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Clemens J. Setz «Die Reststrahlung der Zukunft – Einundzwanzig wahre Geschichten», Edition Thurnhof

Eine Perle aus der Edition Thurnhof. «Die Reststrahlung der Zukunft, Einundzwanzig wahre Geschichten» ist eine gestalterische Offenbarung, Papier gewordene Kunst. Ein Fetisch!

Andere kaufen sich Schuhe, auch wenn keine Anschaffung notwendig wäre. Eine Tasche, einfach nur, weil sie schön ist. Oder ein Nippes, das sich dann irgendwann in den Tiefen des Hausstands verliert. Ich glaube, dass 95 % aller Onlinekäufe Kompensationshandlungen sind, auch wenn alle wissen, wie kurz die Befriedigung ist. Einmal beim Klicken auf den Button „Kaufen“ und ein zweites Mal beim Auspacken, beim Entfernen der Plastiktüte. Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus und kann mir nicht vorstellen, dass alles, was sich dort an gewissen Tagen stapelt, notwendig und unverzichtbar sein sollte. Über die Gründe all dieser Kompensionshandlungen liesse sich ellenlang spekulieren. Und ich gestehe feierlich, dass ich nicht davor gefeit bin.

Ich kaufe aber nur noch selten Bücher, bin in der komfortablen Situation, dass die Bücher, manchmal auch ungefragt, zu mir kommen. Nicht als Geschenk, aber mit der unausgesprochenen Aufforderung, doch bitte darüber zu schreiben. Aber manchmal kaufe ich doch. Zahle gar Preise, die in keiner Weise der gekauften Lesezeit entsprechen, einfach nur, weil ich das Buch besitzen will, weil ich mit den Fingern über das dicke Papier streicheln will, weil ich lesen, schauen, staunen und verweilen will. Kompensation? Als stiller Protest gegen den reinen Konsum? Gegen die Schnelligkeit? Das Verbrauchen?

Clemens J. Setz «Die Reststrahlung der Zukunft, einundzwanzig wahre Geschichten», Edition Thurnhof
Offsetlith, 2025, Offsetlithografien vom Stefan Zsaitsits, € 27.00, ISBN 978-3-900678-72-2

Bei diesem einen Buch ist die Anschaffung ein Statement. Für das Schöne und Gute. Für die Kunst. Für die Liebe zur Leidenschaft. Für ein Objekt, mit dem nicht einfach Gewinn generiert werden soll, ganz nach dem Motto „Mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Kohle“. Ein Buch aus der Edition Thurnhof, aus der Hand eines Verlegers, der nicht die grosse Bühne sucht, dessen Bücher nie auf Bestsellerlisten landen, dessen Leidenschaft nichts mit den Gesetzen von Aufwand und Ertrag gemein haben.

Seit über 40 Jahren entstehen im Niederösterreichischen Horn (wenn man dem Blick vom Satelliten glaubt mitten im Wald) Bücher, die ihresgleichen suchen. Toni Kurz und seine Frau Christa schaffen Druckkunstwerke, die Literatur und Illustration mit Sorgfalt,  Kompromisslosigkeit und dem unbestechlichen Blick für Qualität vereinen. Über die Jahre muss der Verleger Toni Kurz ein bestechendes Netz zwischen Kunstschaffenden aufgebaut haben, das auch den Schreibenden, Malenden, Zeichnenden und Druckenden jenen Wert verspricht, der weit über das Finanzielle hinausgeht.

Auf die Frage, warum gerade Clemens J. Setz schrieb Toni Kurz: Ich habe natürlich schon gewusst, wer Setz ist, aber ich war nie der, der hinter den bekannten Namen her ist wie der Teufel hinter den armen Seelen. Ich lass auch den Leuten gerne Zeit, die sie ja brauchen, die Dinge werden schon, wenn sie reif sind.

Clemens J. Setz, ein ganz Grosser der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Büchner Preisträger 2021 und Stefan Zsaitsits, Künstler, Grafiker und Zeichner schufen in der Reihe der Edition Thurnhof mit „Die Reststrahlung der Zukunft – Einundzwanzig wahre Geschichten“ ein Buchkunstwerk, das mein Herz schneller schlagen lässt. Literarische Miniaturen erzählt mit Schalk und der Überzeugung, dass Literatur auch ein Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit ist, gepaart mit messerscharfen Illustrationen, gekonnt in Szene gesetzt, weit mehr als die Bebilderung dessen, was Setz inszeniert.

Auf die Frage, wie er zum Künstler Stefan Zsaitsits kam: 2012 habe ich ein Buch mit Barbara Frischmuth gemacht, die damals auf meine Anfrage geantwortet hat, sie kennt meine Reihe Oxohyph und würde gerne was machen, nur würde das länger dauern, weil sie mit einem neuen grossen Roman viel auf Lesereisen unterwegs wäre und keine Ruhe zum Schreiben hätte. Als ich auf ihre Frage, wer denn da die Bilder machen sollte, Zsaitsits genannt habe, hat sie erfreut ausgerufen „Der Stefan? Von dem habe ich zwei Zeichnungen in meiner Schreibstube hängen“, und mir binnen einer Woche in einem Express-Brief die Erzählungen „Der Hals der Sängerin“ geschickt, ein Buch, das schon vergriffen ist.

In kleiner Auflage für LiebhaberInnen, in noch viel kleinerer Auflage für all jene, die noch eins oder zwei drauf haben wollen, nummeriert und signiert, in Holzschuber mit Orignalzeichnung. Ich liebe es!

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik und Germanistik studierte. Heute lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter als Übersetzer und freier Schriftsteller in Wien. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zuletzt wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis 2021 und dem Österreichischen Buchpreis 2023 geehrt.

Stefan Zsaitsits, geboren 1981 in Niederösterreich, Künstler, Grafiker und Zeichner, studierte von 2001 bis 2006 Malerei in der Meisterklasse von Adolf Frohner an der Universität für angewandte Kunst Wien. Seine Werke werden in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt und sind in nationalen sowie internationalen Sammlungen vertreten, darunter in der Albertina Wien, ebenso wie in zahlreichen privaten Sammlungen.

Webseite des Künstlers Stefan Zsaitsits

Beitragsbilder © Stefan Zsaitsits

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7

Auch in diesem Jahr schneit es nicht. Eigentlich schneit es an Weihnachten schon lange nicht mehr. Der fehlende Schnee hinterlässt im Reigen der Jahreszeiten eine nebelgraue Lücke.

Mery lebt im Haus ihrer Grosstante. Es liegt etwas ausserhalb am Rand des Dorfes. Das grosse Fenster des einen Zimmers blickt wie ein wachsames Auge auf eine weite Wiese. Da, wo in der wärmeren Jahreszeit die Kühe weiden, ducken sich jetzt die Büsche in den Nebel, als hätten sie etwas zu verbergen.

Drei Jahre ist es her, da Merys Grosstante gestorben ist. Unter ihrer Hinterlassenschaft befinden sich ein Kamm und ein Handspiegel. Der Kamm ist aus Elfenbein, eine der groben Zinken ist herausgebrochen.

Mery ist nicht mehr jung, schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Ihr langes silberweisses Haar gleicht dem fahlen Schein des Mondlichts. Seit drei Jahren kämmt sie es jeden Abend und jeden Morgen mit dem Kamm ihrer Grosstante. In der Lücke, da wo ein Zacken fehlt, bleiben jedes Mal ein paar Haare hängen. Sie sammelt die hängengebliebenen Haarsträhnen in einer alten Hutschachtel, indem sie sie zu kleinen haarigen Objekten formt, die sie von Zeit zu Zeit auf einem weissen Leinentuch auslegt. Die Haarobjekte liegen vor ihr wie kleine Wesen, wie stumme Zeugen längst vergangener Tage. Zusammengehalten aus Geschichtenfäden, bestehend aus ihren langen weissen Haaren.

An drei von fünf Tagen arbeitet Mery in einer Kaninchenzucht. Ihre Aufgabe ist es, die gereinigten und getrockneten Felle der gehäuteten Tiere zu einem Stoffkaninchen zusammenzunähen und mit einer besonderen Watte zu füllen, so dass weiche Kuscheltiere daraus entstehen, welche sie an den anderen zwei Tagen der Woche auf dem Markt verkaufen muss. 

Zu ihren Aufgaben gehört es nicht, den fertigen Stofftieren die Augen anzunähen. Das ist Mery recht, so können die Tiere sie nicht sehen und sie braucht ihnen nicht zu erklären, weshalb sie ausgestopft auf ihrem Schoss sitzen, anstatt lustig und voller Leben im grünen Gras herumzuhoppeln.  

Mery kennt es von ihrer Mutter, nicht gesehen zu werden: Klein-Mery blieb die meiste Zeit allein und ungesehen; für die Mutter unsichtbar, so sehr sie sich auch bemühte. Vielleicht bin ich unsichtbar, fragte sie sich. Nur in besonderen Situationen, zum Beispiel wenn Klein-Mery krank oder beim Spielen hingefallen war, wurde sie für die Mutter für kurze Zeit sichtbar durch ihr Weinen.

Die Mutter ärgerte sich dann jeweils darüber, dass ihre Tochter ihr so viel Aufmerksamkeit abverlangte und flüchtete in die Stadt, wo sie sich schöne Kleider in den Schaufenstern teurer Boutiquen anschaute. Manchmal betrat sie den Laden auch, liess sich von der Verkäuferin einen kostbaren Pelzmantel oder ein unerschwingliches Seidentaftkleid zeigen, die sie dann anprobierte und sich vor dem Spiegel drehte. Sie hatte immer noch eine gute Figur, vielleicht war sie insgesamt etwas klein geraten, aber mit hohen Schuhen liess sich dieser Makel schnell beheben. Die Mutter stellte sich vor, sie sei eine wohlhabende und angesehene Kundin der besten Geschäfte der Stadt, und nicht, wie in Wirklichkeit, deren Schneiderin. 

Mery kann die Lücke, die das Fehlen der Mutter bei ihr hinterlassen hat, bis heute nicht schliessen. Ihre Arbeit in der Kaninchenzucht hilft ihr dabei, diese Leere zu verscheuchen. Sie stellt sich vor, wie andere Mütter ihre Kinder mit einem der Fellkaninchen überraschen und dafür mit deren leuchtenden Augen belohnt werden. 

Jetzt, in der kalten Jahreszeit, wo die Dunkelheit so dicht ist, als hätte jemand schwarze Tücher vor die Fenster gehängt, bastelt Mery abends eifrig kleine, kuschelige Bauten aus biegsamem Hasendraht für die augenlosen Fellkaninchen.

Weil der Schnee ausbleibt, kann sie auf ihren ausgedehnten sonntäglichen Spaziergängen schöne Blätter, feine Zweige und weiches Moos sammeln; damit polstert sie jeden Bau weich und dekorativ aus. Beim Bauern steckt sie eine Handvoll Heu oder Stroh in ihre Tasche, die Halme flechtet und webt sie kunstvoll in die Lücken des Hasendrahtes, den sie zuvor in die richtige Form gebogen hat. Zum Glück ist in der Kaninchenzucht noch niemandem aufgefallen, dass hin und wieder ein Stück des Maschendrahtes verschwindet. 

Sie besitzt mittlerweile eine beachtliche Anzahl dieser schön geschmückten Kaninchennester. Keines gleicht dem anderen, jedes ist eine Augenweide. Mery bestaunt sie voller Stolz. 

Das nächste Mal, denkt sie, wenn ich mit meinem Stand auf dem Markt bin, will ich ein paar davon mitnehmen und sie zu jedem verkauften Stoffkaninchen als Geschenk dazugeben, es ist ja bald Weihnachten. 

Was niemand weiss: in jedem Nest hat Mery eines ihrer weissen Haarwesen versteckt. 

Béatrice Bader ist Schweizer visuelle Kunstschaffende und Autorin, deren Werk sich konsequent an der Schnittstelle von bildender Kunst und literarischem Erzählen bewegt. Ihr Schaffen verbindet künstlerische Forschung, Konzeptkunst und Sprache zu stillen Dialogen zwischen Bild und Wort. 2025 erschien ihr Debüt «Imelda und die blaue Feder» im Neptun Verlag – eine feinsinnige Erzählung über Fundstücke und Vergänglichkeit. Sie lebt und arbeitet in Nennigkofen, Schweiz.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7
Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Alexandra Lavizzari «Was Alina sah», PalmArtPress

Nicht nur das Blau ihrer Augen machte Alina zu etwas Besonderem. Vielleicht die Tatsache, dass sie nicht in die Familie hineingeboren wurde, in der sie aufwächst, aber ganz sicher die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die allen andern verborgen bleiben. „Was Alina sah“ ist ein perfektes Stück Erzählkunst.

Alexandra Lavizzari schreibt seit bald vier Jahrzehnten Erzählungen und Romane. Ob historisch oder ganz im Jetzt, Alexandra Lavizzari taucht tief ein. Genauso in der Geschichte um Alina, ein Mädchen, eine junge Frau, die die Fähigkeit hat, hinter die Dinge zu sehen, die das Unglück kommen sieht, die das Leid anderer in sich aufsaugt und den Schmerz zu ihrem eigenen macht, mit ihren tiefblauen Augen nicht nur ihre Gegenwart bezaubert, sondern durch die Zeit hindurchsehen kann. Vielleicht ist genau diese Fähigkeit auch die von Schreibenden; durch das Erzählen ein Leben zum eigenen werden lassen. Erzählen, als ob es das eigene Leben wäre. Und uns Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, mitzuleben, so sehr, dass man zwischen zwei Buchdeckeln ins Geschehen eingreifen möchte.

Judith bekommt eine kleine Schwester. Alina ist nicht ihre tatsächliche Schwester, nicht einmal ihre Halbschwester. Weil Judiths Mutter wegen „Unterleibsproblemen“ nicht noch einmal schwanger werden sollte und sich die Eltern ein Einzelkind nicht vorstellen will, eine Monopolstellung in der Familie undenkbar ist, fahren die Eltern eines Tages weg und kommen mit Alina zurück. Die Stunde des Teilens hatte für mich geschlagen. Alinas Start ins Leben ist ein ganz anderer als der von Judith. Judiths Eltern, gut situiert, ohne wirtschaftliche Sorgen, der Vater hat gar Zeit für das kostspielige Hobby des Erfindens, ist Alinas Ort ihrer Geburt eine öffentliche Toilette. Alina kommt aus dem Heim in ihr neues Zuhause, ein Zuhause, das nie ganz ihr Zuhause sein würde, ein Nest, in dem sie sich immer fremd fühlt. Nicht weil es an der Liebe ihrer neuen Eltern oder an der Zuwendung von Judith gefehlt hätte, sondern weil Alina schon als kleines Mädchen spürt, dass nicht nur ihr Herz in einem anderen Takt pulst. Ihr Inneres sieht Dinge, die allen anderen verborgen bleiben, sie trägt einen Schmerz mit sich herum, von dem andere nicht einmal etwas erahnen.

Alexandra Lavizzari «Was Alina sah», PalmArtPress, 2025, 218 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-96258-226-5

Zum ersten Mal wird es spürbar, als die kleine Alina den Tod eines befreundeten Nachbarn voraussieht, man ihre Prophezeiung aber viel mehr als schlechtes Omen sieht, als Störung einer Ordnung, als eklatante Einmischung in den Lauf der Dinge. Während Alina in ihren schulischen Leistungen alles andere als reussiert, müssen nicht nur die Eltern erfahren, dass ihre Adoprivtochter ein verborgenes Leben führt. Erst sind es Gelegenheitsjobs, organisierte Hilfen, die ihr Taschengeld aufbessern, später mehr und mehr Abwesenheiten, die die Familie mit Sorge erfüllen und Judith, die Erzählerin zur pflegeleichten, beinah unsichtbaren Nebensache machen. Während es sich in der Stadt mehr und mehr herumspricht, dass Alina den besonderen Blick hat, drohendes Unglück sehen kann, wird auch mehr und mehr klar, wie sehr die werdende Frau darunter zu leiden hat. Vor allem dann, wenn das Unglück doch eintritt und Alina nicht verhindern kann, was sie mit ihrem Blick durch Zeit und Raum hindurch schon einmal miterleben muss.

Niemand kann Alina helfen, auch Judith nicht. Auch ihre Eltern nicht, die alles Erdenkliche tun, um Alina vor sich selbst zu schützen. Während Alina mehr und mehr zum Medium wird, sich das Geld auf ihrem Bankkonto sammelt, Vater mit seiner Erfindung eines zusammenklappbaren Wohnwagens nicht nur wegen Alinas Geschichte immer wieder ins Stocken gerät und die Mutter sich in ihren anerzogenen Selbstverständlichkeiten bedroht sieht, verliert sich Alina im Bann ihres Blicks.

Man kann „Was Alina sah“ durchaus als Parabel darüber lesen, was mit Menschen geschieht, die über ganz spezielle Fähigkeiten verfügen. Was von aussen wie ungerechtfertigtes Übermass an Glück erscheint, kann für die Betroffenen zur lebensbedrohenden Bürde werden. Aber Alexandra Lavizzaris Roman ist einfach gut erzählt. In einer Unverkrampftheit, wie man sie sonst viel eher im Angelsächsischen antrifft. Ein Roman, der mit Bildern spielt, die mitreissen. Ein Buch, das nicht loslässt. Köstlich und mit viel Können!

«Malen und Schreiben sind bei mir zwei vollkommen verschiedene Welten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben», erklärt Alexandra Lavizzari (Pastell).

Alexandra Lavizzari, 1953 in Basel geboren, Studium der Ethnologie mit anschliessendem zweijährigem Praktikum am Rietberg Museum, Zürich. Sie lebte von 1980-2000 in Nepal, Pakistan und Thailand und ist nun, nach einem längeren Aufenthalt in Italien, mehr oder weniger in Südwestengland ansässig, wo sie sich neben dem Schreiben auch als Kunstmalerin betätigt. 1999 erschien bei Zytglogge ihr erstes literarisches Werk, die Novelle ‚Ein Sommer‘. Es folgten viele Romane und Erzählungen, auch biografische Essays über Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. 

«Silke», ein Romananfang

Beitragsbild © privat

Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7

Schon das Dritte SMS von Armin, die Ansage mit jedem Mal dringlicher: «Wo bleibst du?», «Wann kommst du endlich?», «Wir warten ALLE auf dich!»
Sie fühlte sich von SMS zu SMS immer weniger angesprochen. «Mensch Lea…» begann das Vierte. Rasch wischte sie es weg. Einfach hier sitzen zwischen all diesen Büchern und book lovers, das war es, was sie wollte an diesem Nachmittag des 24. Dezembers. 

Am Mittag war sie losgegangen, um rasch mal Wein und die letzten Geschenke zu kaufen. «Bin grad zurück», hatte sie zu Armin gesagt und ihn zwischen Tannenbäumchen und Weihnachtsschmuck stehen gelassen. Den Jungs hatte sie zugerufen «Helft Papa den Baum schmücken», dann warf sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Das war vor exakt drei Stunden, zwölf Minuten und «pling», inzwischen fünf SMS gewesen. 

Zuvor war Armin mit den Einkäufen für Heiligabend nach Hause gekommen. Er hatte ihr eine Flasche Weisswein vor die Nase gestellt und gesagt: «Bio aus Chile, den wollte ich schon immer mal probieren, nimmt mich wunder, was der taugt.»
Sie musterte die Flasche, ein hässliches neon-grünes Etikett, dann ihren Mann. 
«Das ist nicht dein Ernst, oder?»
«Doch, he du, nur drei Franken, und für das Fondue kommt es sowieso nicht so drauf an.»
Damit liess er sie stehen, um den Weihnachtsschmuck vom Estrich zu holen. 

Es war ihm tatsächlich ernst. Das konnte doch nicht wahr sein, Wein aus Chile für ein Schweizer Käse Fondue. Bio hin oder her, aber das ging gar nicht. Auch zu argentinischem Rind wäre es für sie ein No-Go gewesen, und bisher hatte sie angenommen, dass auch ihr Mann so dachte. Wie konnte man Wein kaufen, der in Containerschiffen und mit Lastwagen über tausende von Kilometern herangekarrt wird? Noch nie hatten sie solche Weine gekauft. Warum ausgerechnet heute, an Weihnachten? Was war bloss in ihren Mann gefahren?
Wütend räumte sie die Einkäufe weg, die Flasche liess sie auf dem Tisch stehen. Als Armin, gelassen wie immer, in die Küche zurückkam, fauchte sie: 
«Das glaub ich jetzt einfach nicht. Wie kannst du bloss Wein aus Chile kaufen, und dann noch für unser Weihnachts-Fondue?»
«Ich sag’s doch, ich will ihn probieren, ich will wissen, ob ein Wein für drei Franken etwas taugt.»
«Das interessiert mich nicht, das tut man einfach nicht, und so etwas haben wir bisher noch nie getan. Warum gerade heute? Ich verstehe dich nicht. Ich dachte, wir sind uns einig, dass wir keinen Wein aus Südafrika, Chile oder sonst von einem anderen Kontinent kaufen.»
«Jetzt sei doch nicht päpstlicher als der Papst. Die machen gute Weine, und eventuell ist es in Zukunft sogar ökologischer, wenn die sich auf Weinbau spezialisieren und wir es hier sein lassen damit, wie mit dem Fleisch. Die Ökobilanz von Weidefleisch aus Argentinien ist, trotz der grauen Transportenergie, immer noch um einiges positiver, als wenn wir die Viecher hier mit importiertem Kraftfutter durchfüttern.»
«Und was sollen dann unsere Bauern deiner Meinung nach in Zukunft tun?»
«Tja, weiss auch nicht, auf der Bank oder für eine Versicherung arbeiten?»
«Du hast sie wohl nicht alle. Mach doch mit deinem Wein, was du willst, ich geh einen anderen kaufen, der kommt mir nicht in mein Fondue.»
Damit hatte sie ihn stehen gelassen, um eben mal richtigen Fonduewein und letzte Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

Das Velofahren tat ihr gut, der Wind um Nase und Ohren und die leise Konzentration auf den Verkehr entspannten sie. Schon beim COOP war ihr leichter ums Herz. Der Wein war rasch gekauft, ein Fendant. Nun noch in die Buchhandlung, die Bücher für die Jungs und Armin kaufen. 

Sie schenkte immer Bücher zu Weihnachten, das hatte Tradition, und diesbezüglich war auf ihren Mann verlass. Er schenkte ihr auch Bücher, meistens waren diese ganz OK, doch manchmal griff er daneben.
Vor einem Jahr hatte er ihr dieses peinliche Malibu-Buch geschenkt. Was hatte er sich bloss dabei gedacht? Sie war doch keine, die seichte Romane las. Krimis ja, aber bitte keine Sentimentalitäten. Seither sprach sie öfters über ihre Lieblingsbücher und die gerade angesagten Autorinnen, die diesen oder jenen Preis gewonnen hätten. Bisher leider ohne Erfolg. 
Und zum Geburtstag hatte er ihr ein Buch geschenkt, das sie schon hatte. Das hatte sie getroffen, beleidigt irgendwie. Hatte er den keine Augen im Kopf? Sie versteckte ihre Bücher doch nicht. Die Ungelesenen lagerten auf einem Stapel neben ihrem Bett und kamen erst nach dem Lesen ins Regal, ausser die, die sie kein Zweites Mal in die Hand nehmen würde, die kamen ins Brocki. 

Schon war er wieder da, der Ärger. Auf dem Weg nach Örlikon trat sie kräftig in die Pedale. Seit ein paar Tagen plagte sie diese bange Vorahnung, es könnten die letzten Weihnachten sein, die sie gemeinsam als Familie verbrachten. Vielleicht, weil Ihr Ältester gerade zwanzig geworden war, und sie selbst in diesem Alter zu Hause ausgezogen war. Danach hatte sie keine einzige Nacht mehr bei ihren Eltern verbracht, nicht einmal als ihre Mutter im Sterben lag. Sie konnte einfach nicht. 

Die Buchhandlung empfang sie mit einem wohligen Duft nach Zimt und Orangen, und da kam ihr das passende Buch für ihren Vegi-Sohn wieder in den Sinn: Simple von Ottolenghi. Für den Jüngeren, der neuerdings einen übertriebenen Hang zum Philosophieren hatte, wie sie fand, musste sie etwas länger stöbern. Doch nach ein paar Sätzen Lob der Erde von Byung-Chue Han lächelte sie zufrieden. Eine Philosophie der Langsamkeit und der exakten Beobachtung war genau das richtige für ihren Grübler. Sie ging zur Kasse und liess sich die beiden Bücher einpacken. 

Sie war nie eine dieser überbehütenden Mütter gewesen. Selbstverständlich wollte auch sie nur das Beste für ihre Kinder, doch ihnen Vorschriften machen, was aus ihrem Leben werden sollte, das war nicht ihr Ding. Stattdessen liess sie sich lieber von ihren Ideen und von ihrer unbändigen Energie anstecken, und wusste schon jetzt, dass sie diese Kopfauffrischungen am meisten vermissen würde, wenn sie dereinst ausgezogen sein würden. Manchmal kam sie sich egoistisch vor, weil sie überzeugt war, dass ihre Jungs ihr viel mehr geben konnten als sie ihnen. 

Mit Armin war sie die Familienplanung pragmatisch angegangen. Er verdiente gut und war bereit, sein Pensum zu reduzieren, damit sie nach den Schwangerschaften rasch wieder zurück an die Arbeit konnte. Ausserdem war er ordentlicher als sie, konnte gut kochen und war überhaupt recht fix im Haushalten. Mit der Zeit genoss sie es, nach getaner Arbeit nach Hause in eine aufgeräumte Wohnung zu kommen, in der es erst noch lecker nach Pasta oder Risotto duftete. 

Für ihren Mann wollte sie wie immer einen Krimi kaufen, und zwar den Letzten von Camilleri, der erst kürzlich posthum erschienen war. Und einen historischen Roman, vielleicht Friedas Fall, den sie im Frühling im Kino gesehen hatte, oder war das eher etwas für Frauen? Ein Sachbuch auf jeden Fall. Etwas Anspruchsvolles konnte nie schaden. Zielstrebig steuerte sie auf die Ecke mit den Sachbüchern zu, und da sah sie ihn, von hinten und doch unverkennbar, Max. 

Er trug seinen alten Lodenmantel, den er damals von seinem Vater geerbt hatte, als dieser überraschend gestorben war, und sie noch ein Paar waren. Sie hatten sich an der Uni kennengelernt und konnten unendlich über Bücher diskutieren, gnadenlos und leidenschaftlich. 

Ihr Atem stockte, und das fahle Gefühl des Verlassenwerdens kehrte abrupt in ihren Bauch zurück, so als ob es nie weg gewesen wäre, bloss überdeckt von Ehe und Arbeit, aufgefüllt von zwei Schwangerschaften und begraben unter bestimmt mehr als tausend Büchern, die sie seit der Trennung verschlungen hatte. Und jetzt meldete sich ihr Körper und meinte doch tatsächlich, dass nichts von all dem, dieses unstillbare Loch, diese Lücke, die er vor einem Vierteljahrhundert in ihr hinterlassen hatte, zu schliessen vermocht hatte. 

Sie atmete tief durch. Dann liess sie sich von der Buchhändlerin zwei Pappbecher mit Glühwein geben und peilte ihn an. 
«Max, magst du mit mir auf uns anstossen?», sagte sie und wunderte sich kein bisschen über das «uns» in ihrer Frage. 

Tina Wodiunig, 1960*, lebt und arbeitet in Zürich. Während ihrem Ethnologie- und Sinologie-Studium lebte sie ein Jahr lang in China, danach begann sie in einem Museum zu arbeiten und absolvierte einen MAS in Museologie an der Uni Basel. Sie ist Mitglied der Autor*innen-Gruppe «Die aus Zürich». Derzeit arbeitet sie an einem Roman über ihre Grosstante, die in St. Gallen aufwuchs, nach Österreich ausgewiesen wurde und 1941 von den Nazis ermordet wurde. 

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

edition aequinoctium – aus Liebe zu Wort und Bild

Wenn unbeirrbare Leidenschaft, das sichere Gefühl für Ästhetik und ein Plan, der sich in keiner Weise von wirtschaftlichem Denken leiten lässt, zusammenfinden, dann entstehen Kostbarkeiten, die ihresgleichen suchen, papierene Kunst, die einen Verkaufsort bräuchte, der sich grundlegend von den Gemischtwarenläden der Gegenwart unterscheidet.

Als nach der Erfindung des Buchdrucks das gedruckte Buch zu einem Kulturgut wurde, auch für «Normalsterbliche» erschwinglich, jedes Buch ein Manifest von Sorgfalt und Kompromisslosigkeit war, war Literatur noch weit weg vom Verbrauchsmaterial der Gegenwart. Dass es noch immer Verlage, BuchkünstlerInnen und BannerträgerInnen des Guten und Schönen gibt, grenzt an ein Wunder. Aber dass der Schweizer Schriftsteller, Herausgeber, Dichter und Lektor Markus Bundi zu ihnen gehört, verwundert nicht. Zusammen mit dem Grafiker Claudius Fischer erscheinen jährlich zwei Hefte, die eigentlich auf Samtkissen und Marmorsockeln zu Ansicht und Verkauf präsentiert werden müssten. Papierobjekte zum Lesen, Staunen und Verweilen, Kunststücke, die sich nach der Lektüre nicht so einfach in ein Regal schieben lassen, Hefte, die man nach der Lektüre in jedem Fall noch eine Weile mit sich herumträgt, weil sie einem ans Herz wachsen.

Markus Bundi: Menschen werden von Bildern inspiriert, und seit es Sprache gibt, evozieren Texte in deren Köpfen Bilder. Wenig erstaunlich also, dass das altgriechische Wort Idee nichts anderes meint als »Bild«. Darin trafen wir uns, die Herausgeber der edition aequinoctium schon früh. Claudius Fischer, der Zeichner und Gestalter, und ich, der Wörtermensch. Manchmal als ein scharfer Gegensatz – wie Tag und Nacht –, dann wieder ganz nah beieinander wie die Tag- und Nachtgleiche. Diese Wechselwirkung wollen wir befördern, indem wir sie nach aussen tragen, uns darüber austauschen, welches Tandem aus Kunst und Literatur gemeinsam abheben und fliegen könnte. Und so wird, wenn alles gut geht, auf das kommende Aequinoctium das nächste Heft erscheinen …

Am 22. September 2024 erschien das erste Heft der beiden Initianten selbst; «Als Sisyphos seinen Stein verlor», eine Kurzgeschichte von Markus Bundi (Erstveröffentlichung) und Zeichnungen aus dem Abreisskalender-Tagebuch von Claudius Fischer.

Die Hefte der edition aequinoctium haben einen Umfang von 16 bis maximal 24 Seiten, sind in ein Format 13 mal 21 gekleidet und werden mit grösster Sorgfalt von Hubert Oeschger in Bad Zurzach gedruckt. Die Auflage jedes Heftes ist limitiert, die einzelnen Exemplare handsigniert.

Im Frühling 2025 erschien «Nicht ganz stabil», ein Text von Zsuzsanna Gahse (Gewinnerin des Schweizer Grand Prix Literatur) und Fotografien des Künstlers Christoph Rütimann. Ein kongeniales Paar! Betrachtungen über den Mittelpunkt und die Wölbungen darüber.

Das dritte Heft, erschienen zur Tag- und Nachtgleiche im Herbst 2025, enthält neue Gedichte von Katharina Lanfranconi sowie einen durch das Heft fliessenden Farbrausch. Tuschearbeiten, die Sadhyo Niederberger aus Aarau speziell für die Edition geschaffen hat. Text und Bilder durchdringen sich, spiegeln sich wider und setzen Kontrapunkte.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für kunstaffine HaptikerInnen!

Markus Bundi, lic. phil. I, geboren 1969, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete in jungen Jahren als Journalist, erst als Sport-, dann als Kulturredaktor bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit über zwanzig Jahren unterrichtet er Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau. Er lebt als freier Autor, Literaturvermittler, Lektor und Herausgeber (u. a. der Werkausgabe Klaus Merz) in Neuenhof/ Schweiz. Für seien literarische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied bei PEN Deutschland.

Claudius Fischer, geboren 1962, lebt in Würenlingen. Ausbildung zum Grafiker. Weiterbildung an der F+F Schule für Kunst und Design und an der Schule für Gestaltung in Bern/Biel. Arbeit als Grafik-Designer in verschiedenen Agenturen und viele Jahre als Hausmann. Seit 2000 eigenes Studio für Grafik-Design. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 20214 Red Hot Design Award in visueller Kommunikation.

edition aequinoctium

Beitragsbild © Sadhyo Niederberger

Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7

Ava erwachte an diesem Morgen unerwartet mürrisch.
Draussen warteten Dunkelheit und Kälte, sie verkroch sich nochmals unter der warmen Decke. Nur noch fünf Minuten, dachte sie und döste nochmals ein. 
Sie träumte vom Esel im Stall, den man in diesen Tagen überall sah, sei es auf Karten oder in den Gassen mitsamt dem Nikolaus. Daneben stand eine Krippe mit dem Jesuskind. Doch wer war nun daneben?
Die Kirche, die das Kind nicht wachsen liess oder der Metzger, der Schweinsfilets im Teig im Akkord zu verkaufen wusste?
Egal, dachte der Esel Kim, ich bitte das Jesuskind um Flügel, dann kann ich mich davonmachen. Es hat zu viele Leute hier, zu viel Neonlicht, zu viel Lärm. 
Iah, rief er laut und schon wuchsen ihm schmale Knorpel, überzogen mit Faszien und Muskeln aus der Seite. Bestimmt lassen sie sich als Flügel benutzen, dachte Kim, scharte mit den Hufen im feuchten Heu und schaute zum Kind. 
Lass mich ziehen, bat der Esel.
Das Kind nahm seine Hand zum Mund und knabberte daran. Es schien dabei zu nicken, für niemanden sichtbar. Doch diesen Zuspruch liess sich Kim nicht nehmen, er versuchte ein wenig die seitlichen Fächer zu bewegen und schon strampelte er sich ein paar Zentimeter vom Boden weg. Dann plumpste er wieder auf den Boden. 
Ava schrak auf und schaute auf die Uhr. 
Nun war sie wirklich spät dran, sie stand eilig auf, kämmte ihre langen Haare, griff kurz nach dem Pinsel, um den Lippen etwas Rot aufzulegen und schob wenig später das Fahrrad aus dem Velokeller. Sie hatte heute Sonntagsdienst in der Apotheke. Sie hatte Pharmazeutik studiert und die Stelle, die sie kurz nach Abschluss an der ETH gefunden hatte, passte ihr. Sie waren ein kleines Team, alle jung und …  dynamisch, bei diesem Wort musste Ava grinsen. Sie stoppte bei der Bäckerei, wo man von draussen etwas bestellen konnte, bezahlte ihren Kaffee und den Laugengipfel und biss mit Genuss in das frische Gebäck. Wenige Gebäude weiter stellte sie das Fahrrad in das Parkfeld und schloss das geliebte Vehikel ab. 

In der Apotheke schlüpfte sie in den weissen Kittel und schon stand sie hinter der Theke. 
Sie mochte die Vielzahl der Fragen, mit denen die Menschen an sie herantraten. 
Ein älterer Mann fragte nach einer Salbe, er habe sich den Fuss verstaucht. 
Reiben Sie diese ein, sagte Ava, sie ist schmerzstillend und abschwellend – und lagern Sie den Fuss hoch, schob sie nach. Der Mann bedankte sich, bezahlte und ging humpelnd davon.

Viele Leute husteten, als sie reinkamen; sie verkaufte Erkältungstee und wenn es etwas Stärkeres sein sollte, Neocitran. 
Eine junge Frau hatte ein quengelndes Kind bei sich und verlangte nach Schmerztabletten. 
Kopfschmerzen, fragte Ava mitfühlend nach und die Frau nickte. 
Fast gleichzeitig war ein Junge eingetreten, er wartete geduldig und hielt ihr dann ein Rezept hin, für meine Mama, sagte er und schaute sie fragend an. 
So ging es den ganzen Tag weiter. Ava verkaufte Medikamente, griff nach Schachteln und Fläschchen und kam kaum zu einer Pause. 
Draussen spielte die Heilsarmee Weihnachtslieder, mit jeder Türöffnung drangen Fetzen bekannter Melodien hinein. Ava war versucht, mitzusingen, so allmählich wurde sie müde und nostalgisch. Und hörte den Magen knurren. 
Kurz vor Ladenschluss trat ein Mann mit einem smarten Wuschelkopf an die Theke. Er trug ein schmales Instrument an der Seite und einen grauen Flanellmantel. Ein Knopf fehlte, vielleicht waren es zwei. In diesem Moment kam Ava der Esel in den Sinn, sie hatte keine Ahnung weshalb. 
Spontan fragte sie den durchfroren wirkenden Mann, als sie ihm die Vitamin C Sprudeltabletten hinübergereicht hatte, ob er ebenso hungrig sei wie sie. In der Nähe sei ein günstiges Lokal, ich lade dich ein, sagte sie und war ebenso überrascht wie der schlaksige Mensch ihr gegenüber.

Wenig später sassen sie sich vis à vis und schauten sich etwas verlegen an.
Dass sich der Mann als Kim vorstellte, verwunderte Ava kaum mehr, nur ihre Augenbrauen schnellten kurz hoch.
Ava sah von ihrem Sitzplatz auf die Gasse hinaus zu den Juddbrunnen, wo die Krippenfiguren aus Holz aufgestellt worden waren. Sie lächelte dem Jesuskind in der Holzkrippe zu, das immer noch an seiner Faust knabberte. Gut gemacht, Kleines, du bist gar nicht so daneben, zwinkerte sie ihm zu. 

© Ayse Yavas

Ruth Loosli, geboren 1959 im Seeland, lebt in Winterthur. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, fünf Lyrikbände, ein Roman («Mojas Stimmen»). Schriftbilder entstehen, eines fürs Plakat von «Zürich liest» 2023. Ein erstes Bilderbuch erscheint 2024, ein zweites im Frühjahr 2026. In der Galerie Weiertal werden 2026 Schriftbilder zu sehen sein.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7