Hauslesung mit Rudolf Bussmann in Kriens LU

Rund zwei Dutzend Literaturbegeisterte lauschten in einem ganz dem Buch ausgerichteten Wohnzimmer hoch über dem Vierwaldstättersee. Rudolf Bussmann las und diskutierte zu «Der Flötenspieler», einem Roman, der seit seiner Veröffentlichung 1991 nicht gealtert ist und nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Rudolf Bussmann sieht man seine beinahe acht Jahrzehnte nicht an, weder von aussen, noch von innen. In seinem Gesicht immer noch dieser neugierige Blick, in seinem Wesen die unbedingte Herzlichkeit, in seinem Tun die Leidenschaft und in seinem Schreiben der ungestillte Wille, der Spur zum Mark des Lebens zu folgen. Ob als Romancier mit Prosa aller Couleur, ob als Lyriker, Übersetzer oder Herausgeber in der Vielfalt seines künstlerischen Ausdrucks oder in seiner Kompetenz als Literaturvermittler, als Leiter von Lesezirkeln, als Schreibbegleiter, Moderator oder als Mitinitiant der Basler Lyriktage – Rudolf Bussmann ist durchdrungen von seinem Tun und nichts vom einsam vor sich hinbrütenden Kopffüssler.

1987, vier Jahr vor Erscheinen seines ersten grossen Romans „Der Flötenspieler“, mit 40 traute er sich in die Existenz eines „freien Schriftstellers“ und in den fast vier Jahrzehnten danach sind Romane, Gedichtbände, Kurzprosa und Essays erschienen. Kein Vielschreiber, aber einer, der sich in Tiefen schreibt, der wenig interessiert am reinen Geschichtenerzählen ist, dessen Texte, ob Prosa oder Gedicht, zum Mitdenken, zum Nachdenken zwingen. Texte, die genau jene literarische Sorgfalt zeigen, die auch seine Person auszeichnen. Weil er einer ist, der schauen, zuhören, verzahnen und nachdenken kann und dies ohne Aufhebens tut, sind auch seine Texte Einladungen zum Schauen, Zuhören, Verzahnen und Nachdenken. Und sein Romandebüt „Der Flötenspieler“, 1991 bei Luchterhand, einem der renomiertesten Literaturverlage erschienen, programmatisch für Rudolf Bussmanns Schreiben – und ein Paukenschlag dazu.

Um lieben zu können, muss man eine Zukunft vor sich haben.

2022, zu Rudolf Bussmanns 75. Geburtstag hatte Judith Kaufmann, Verlegerin, den Mut, diesen wundervoll verschlungenen, kostbaren Roman in ihrem Verlag edition bücherlese, neu herauszugeben.

Nur im Abserbeln ist noch der Stachel des Neuen.

Thomas Waller steckt in einer Krise. Seit sein Arbeitgeber, die Perduta-Versicherung (italienisch, Partizip Perfekt von «perdere» (verlieren) und bedeutet „verloren“) in einen neuen Glaspalast umgezogen ist, ins Limbus-Haus, einen Palast der Rationalisierung und Effizienz, minotaurisch verwinkelt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Auch seine Ehe kriselt. Nicht nur, weil Hilde mit einem Mal Mathilde genannt werden will und mitten in einer Metamorphose mit ungewissem Ausgang steckt, sich jener Hilde, die er vor 10 Jahren geheiratet hatte, immer mehr entfremdet. Waller sieht sich nicht nur in seiner Arbeit, auch in seiner Ehe und dem Geschehen in der Welt als Bedrängter und Bedrohter. Nicht nur das Klima bei der Arbeit und in seiner kinderlosen Ehe ist vergiftet. Der Reaktor in Tschernobyl ist explodiert. Eine neue Zeitrechnung beginnt. Waller haut ab, in die Abgeschiedenheit des Juras, in ein Hotel, das eigentlich geschlossen hat, mit wenig Gepäck, ein paar leeren Heften und seiner Flöte. Aber das Leben holt ihn auch dort wieder ein, das Gift, das ihn zu zersetzen droht, die Abgründe, denen er entfliehen wollte. „Der Flötenspieler“ ist ein Roman von kafkaesker Kraft, ein Roman wie das Labyrinth des Minotaurus, ein Roman, der auch 40 Jahre nach seinem Ersterscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Das Gespräch so spannend zu halten, dass der Winternebel seine Nase dicht an die Fensterscheiben drückte, um etwas davon mitzubekommen. Rudolf Bussmann

Grosser Dank an das Veranstalterpaar Monika und Urs! Ein Genuss!

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler», Luchterhand/edition bücherlese, 1991/2022, 288 Seiten, CHF neu ca. 29.00, ISBN 978-3-906907-57-4

Rezension von «Der Flötenspieler» auf literaturblatt.ch

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

Franziska Meister «Der Geruch von Lehm», Zeitkind

Bei einem Gewaltdelikt auf einem Zürcher Bahnhof stirbt ein Mann. Ein zweiter wird verwundet, auf die Intensivstation gebracht und kann sich nicht an das Verbrechen an seinem Freund erinnern. Franziska Meisters Debüt hat die Zutaten eines Krimis, ist aber viel mehr ein Psychogramm einer Handvoll Menschen, die sich verloren haben.

Paul und Joshua waren Freunde, zu gewissen Zeiten fast symbiothisch. Joshua ist der Tote, Paul der Verwundete, der sich an rein gar nichts erinnern kann. Das, was auf dem Bahnhof zum Tod seines Freundes führte, bleibt eine Black Box. Ungemütlich wird die Sache auch darum, weil sich die Polizei in ihren Ermittlungen immer mehr darauf konzentriert, dass Paul nicht nur das zweite Opfer war, sondern Indizien darauf hinweisen, dass Paul durchaus auch Gründe gehabt haben könnte, als möglicher Täter gesehen zu werden.

Dominik, ein alter Studienfreund von Paul, der ans Krankenbett gerufen wird, kann sich nicht vorstellen, dass Paul Täter sein soll. Nic ist Psychologe und LSD-Forscher, will endlich klinisch überzeugen, dass der Einsatz dieser synthetischen Droge jenen Patienten helfen kann, die sich mit konventionellen Methoden nicht aus den Schlingen ihrer Psyche befreien können. Letztlich ist er auch davon überzeugt, dass er damit seinem alten Freund, zu dem der Zugang in den letzten Jahren schwieriger geworden war, helfen könnte, seine Erinnerungen an die Tatnacht aufzufrischen.

Auch Florence will Klärung. Florence ist die Schwester des Ermordeten. Sie und ihren Bruder verband viel, nicht zuletzt eine trübe Familiengeschichte. So sehr sie anfänglich auf den Freund ihres Bruders, auf Paul mit Misstrauen reagiert, umso mehr wird dieser für sie zu einem Schlüssel, nicht zuletzt, weil sie das Verbrechen an ihrem Bruder nicht einordnen kann, weil ihr Selbstverständnis mit dem Tod ihres Bruders ins Wanken gerät, weil mit einem Mal kein Stein mehr auf dem anderen sein soll. Trotz Widerständen und Alarmglocken wächst zwischen ihr und Paul eine Verbindung.

Doch während die Polizei sich immer mehr in ihren Ermittlungen verliert, verschwindet Paul. Ein Zeichen seiner Schuld oder ein weiterer Schritt in die schwarzen Löcher seiner unmittelbaren Vergangenheit, die nur das Resultat jener Geschehnisse ist, die Paul schon ein Leben lang mit sich herumschleppt.

Franziska Meister «Der Geruch von Lehm», Zeitkind, 2025, 256 Seiten, CHF ca.30.00, ISBN 978-3-907724-02-6

„Der Geruch von Lehm“ ist ein schillerndes Geflecht an Geschichten, Innenwelten und Andeutungen. Ein Roman, der in seinem Aufbau zwar chronologisch erzählt, die Geschehnisse und Interpretationen immer aus der Sicht der jeweiligen ErzählerInnen. Was von der einen Seite logisch erscheint, wird durch die Spiegelung einer anderen Seite verzerrt und trübe. Franziska Meister geht es nicht um die Aufklärung eines möglichen Verbrechens, schon gar nicht darum, Ordnung in die Leben ihrer ProtagonistInnen zu bringen. Sie spiegelt mit ihrer Art des Erzählens einen Teil der Wirklichkeit; dass es letztlich keine Ordnung gibt, dass die Wirklichkeit permanent der Interpretation unterworfen ist. Selbst die Dunkelstellen in den Familiengeschichten der ProtagonistInnen bleiben wage. Ich lese von den Auswirkungen, von den Verwundungen, vom Gezeichnetsein.

Nicht zuletzt ist „Der Geruch von Lehm“ eine Auseinandersetzung mit der psychoaktiven Substanz LSD, eines Halluzinogens, dass im Verlaufe seiner Geschichte für eine breite Öffentlichkeit bloss eine chemische Droge geblieben ist, die aber ganz offensichlich in therapeutischem Setting Durchbrüche bei PatentInnen provozieren kann, die man sonst als therapieresistent klassifiziert.

Auch wenn der Aufbau des Romans labyrinthisch wirkt und damit ein Spiegel der Innenwelten ihrer ProtagonistInnen, überzeugt „Der Geruch von Lehm“ in seiner Sprache. Franziska Meister erzählt gekonnt, mit frappierender Souveränität und eigenständig. Ich mag jene Portion Verunsicherung, die solche Romane erzeugen, weil Literatur mehr sein muss als eine gefällige Geschichte!

Franziska Meister, geboren 1967, ist promovierte Historikerin und Wissenschafts- und Kulturredaktorin bei der «Wochenzeitung» in Zürich. Sie hat eine Monografie zur Black Panther Party in den USA verfasst und lebt mit ihrer Familie in Zürich. «Der Geruch von Lehm» ist ihr erstes literarisches Werk.

Beitragsbild © Ursula Häne

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat

Ein Mann wird mit der Geschichte, dem Schicksal seiner Familie konfrontiert. Erst der Tod seines Vaters, mit dem ihn nichts mehr zu verbinden schien, öffnet das Tor zu einem Teil eines verschlossenen Lebens. Usama Al Shahmani erzählt vom Schrecken der Geschichte und von der Macht der Verdrängung.

Geschichte, historisches Bewusstsein ist stets perspektivisch, das Resultat von Hervorheben und Verdrängen. Und wie sehr erlebte Geschichte mit ihren letzten direkt Betroffenen ins Vergessen abzurutschen, aus dem Bewusstsein einer Gegenwart zu verschwinden droht, erst recht wenn jene sterben, die unmittelbar mit den Geschehnissen in der Vergangenheit verbunden waren, daran erinnern all jene, die in irgend welcher Form auch immer gegen dieses Vergessen ankämpften. Bestes Beispiel war Margot Fiedländer, die sich bis zu ihrem Tod 2025 als eine der letzten Überlebenden des Holocausts als Zeitzeugin engagierte. Aber auch im Innerfamiliären, in der Verwandtschaft kann der Tod unliebsame Teile der Geschichte einer Familie, einer Kultur ins Vergessen reissen. Wissen wir, woher wir kommen? Kennen wir die Geschichte unserer Vorfahren? Sind wir uns dessen bewusst, woher das Wasser kommt, das unser Leben möglich macht?

Im neuen Roman von Usama Al Shahmani wird Gadi, der schon seit Jahrzehnten in Zürich als Dozent für hebräische Sprache lebt, von seiner Schwester ans Sterbebett seines Vaters Zakai Mieche in einem Spital in Jerusalem gerufen. Gadi fliegt, nicht wegen seines Vaters, schon eher wegen seiner Schwester und ganz sicher aus einem Pflichtgefühl seiner Familie gegenüber. Seit dreissig Jahren war nichts mehr zwischen ihm und seinem Vater. Selbst als sie noch eine Familie waren, war sein Vater keiner, der sich fürsorglich um die Familie kümmerte, der irgendwann aus der Familie verschwand. Irgendwann zerbrach das Band zwischen Sohn und Vater ganz.

Gadis Vater Zakai hinterlässt seinen beiden Kindern ein Testament und einen Stapel Aufzeichnungen, Dokumente, Briefe und Hefte und den einen, letzten Wunsch, man möge die Hälfte seiner Asche in den Tigris, den Fluss, der durch Bagdad fliesst, streuen.

Gadi nimmt sich der Asche und den Dokumenten an, reist zurück nach Zürich und beginnt schon im Flugzeug, in den Aufzeichnungen seines Vaters zu lesen. Anfangs mit Widerwillen, dann mehr und mehr mit der Ahnung, dass sich da etwas offenbart, von dem er keine Ahnung hatte. Die Aufzeichnungen erzählen die Geschichte seiner Familie, die Geschichte einer jüdischen Familie in der irakischen Hauptstadt Bagdad, die Leidensgeschichte der irakischen Juden. In den Wirren der Geschichte, unter Saddam Hussein, in Kriegen und unter amerikanischen Bomben drohten die Juden all das zu verlieren, was zuvor über Jahrhunderte das Leben in der Stadt ausmachte; ein friedliches, befruchtendes Zusammenleben vieler Religionen, die Auslöschung einer mehr als 2000jährigen jüdischen Tradition. Gadi liest von seiner Herkunft, seiner Geschichte. Mit einem Mal wird ihm bewusst, wie wenig er weiss, nicht nur von der Geschichte seiner Familie, auch von der Geschichte seines Herkunftslandes.

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat, 2025, 224 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-093-5

Gadi erfährt von seinem Grossvater, der in Bagdad eine Fabrik besass und sich massgeblich einmischte in die Geschicke eines Vielvölkerstaates. Er erfährt von einer einst blühenden jüdischen Gemeinde im Irak. Noch 1940 lebten in Bagdad 90 000 Jüdinnen und Juden, bildeten einen wichtigen Teil des irakischen Lebens. Aber weil sich die Machthaber im Land im Schatten eines tobenden Weltkriegs in einer Allianz mit den Nationalsozialisten Deutschlands auf der Siegerstrasse glaubten, schwappten Fremdenhass, grassierender Antisemitismus, Enteignung, Verfolgung, Willkür und Gewalt über und rissen die einst blühende jüdische Gemeinde in den Abgrund. Gadis Grossvater verlor alles, nicht nur seine Fabrik. Der Rest der Familie floh nach Palästina und es legte sich ein Mantel des Schweigens über die Familie.

Zusammen mit einem Freund macht sich Gadi auf nach Bagdad, im Gepäck die Asche seines Vaters. In der Stadt, von der nicht viel aus der Zeit seines Grossvaters geblieben ist, lernt er die 90jährige Myra kennen, die als eine der letzten Jüdinnen in Bagdad lebt, aber tunlichst vermeidet, sich als solche zu zeigen. Myras Erzählungen und die Aufzeichnungen seines Vaters setzen Gadis Selbstverständnis in ein ganz anderes Licht. Mit einem Mal fällt der Mantel des Schweigens.

Usama Al Shahmani konstruiert aus Erzählung und dokumentarisch angelegten Textpassagen einen Roman, der mich immer tiefer in die gewaltsamen Erosionen einer Stadt, eines Landes hineinzieht, dessen Geschichte mir so völlig unbekannt war. Sein präzise recherchierter Roman zeigt, wohin wir abdriften, wenn Ideologien über Menschlichkeit siegen, wenn die Gier nach Macht und Einfluss Volksgruppen zu Sündenböcken macht, die auszumerzen sind. Mag sein, dass der Schrecken aus Geschichte und Einsicht den Protagonisten etwas fahle Farben hinterlässt. Nichts desto trotz ist „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ ein wichtiges, ein mahnendes Buch. Und glücklicherweise blitzt das bildhafte, poetische Erzählen des Autors immer wider auf.

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Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Seit 2021 ist er Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert.  Seither sind die Romane «Im Fallen lernt die Feder fliegen», «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» und «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» erschienen. 2022 nahm er mit seinem Text «Porträt des Verschwindens» an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Usama Al Shahmani lebt in Zürich.

Usama Al Shahmani «Wo die Diktatur beginnt, liegt die Kultur im Sterben – Eine Kindheit zwischen dem Krieg und dem bewaffneten Frieden» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Ayse Yavas

Margrit Schriber «Eva im Gewächshaus» – ein Geschenk zu 10 Jahre literaturblatt.ch

Liebe Margrit, Dir vielen Dank für das Geschenk einer Geschichte.

Wir sind in der Welt herum gereist, immer auf der Suche nach dem Besseren und Interessanteren. Unser Freund ist nie verreist. Sein Paradies fand in einem Gewächshaus Platz. Wir haben Hans in einem Kochkurs kennen gelernt. Er war unter uns allen der geselligste. Den Abschluss der Kochabende feierten wir bei ihm. Er wohnte allein. Sein Holzchalet glich einer Tourismuswerbung für die Schweiz. Weithin leuchtete ein Rosa-Geranienband über die Breite der dunkelbraunen Fassade. Vom üppigen Blust eines Junggesellen waren wir erschlagen. Im Garten gab es ein Hühnerhaus. Der farbenprächtige Hahn stelzte mit seinen federfüssigen Zwerghühnern durch den Hof. In einem Teich schwammen zwei Schwarzschwäne. Ruckhaft glitten sie übers Wasser und stocherten mit dem roten Schnabel auf dem Grund. Und am andern Ende des Gartens zog ein Pfau seine breitgefächerten Federaugen über den Rasen.

Alle Kochkursteilnehmer besassen einen Gewürztopf, einen Gemüsestreifen oder einen bepflanzten Balkon. Keiner aber hielt sich dazu eine Menagerie. Die seltenen Tiere dienten hans nicht zur Zucht oder Versorgung. Sie waren nur zur Verschönerung da, als Ergänzung der Blumen, Kübelpflanzen, Steinfiguren und der Tischgarnitur mit Volants an den Kissen.
Er brauche Schönheit, wie Luft zu Atmen, gestand Hans.
Wir nickten einander zu, Hans ist ein Ästet. Als Personalchef füllte er eine Vollzeitstelle. Trotz des Einkaufs und den Vorbereitungen unseres Treffens, war sein Rasen gemäht, die Kanten waren geschnipselt und die Fugen der Steinplatten gejätet.
Wie schaffst du das alles? Er tat als wische er eine Mücke weg.
Beeindruckt von seinem grünen Daumen, liessen wir uns Tipps zur Pflege der eigenen serbelnden Pflänzchen geben. Er bückte sich nach einem verdorrten Blatt, reckte sich zur Zitrone am Baum, wirbelte mit Geschirr über dem Tisch und rannte mit dem Tablett zur Küche zurück. Sein Monogramm war in die Gläser geätzt. Er gestand, dass er neben dem Kochen auch Kurse zum Glasgravieren, Porzellanmalen und Rosenschneiden mache. Lächelnd drehte er den funkelnden Wein im erhobenem Kelch, als gedenke er zur Krönung seiner Perfektionierung sich nun eine Eva zu erschaffen.
Wir liessen den Tausendsassa hochleben. Prost auf dein Paradies!

Im Winter zierten Girlanden aus Tannzweigen und Lichterketten das Balkongeländer an der Fassade. Das Holzhaus leuchtete in die Nacht hinaus. Wir sahen es von weitem. Und fragten uns, ob eine Eva uns dort erwarte. Das Hühnervolk mit den gefiederten Pluderhosen war schon ins eigene Haus gesperrt. Der Schein ihrer Heizung rieselte durch die Holzritzen. Das Wohnzimmer erstrahlte im Lichterglanz. Grössere Fenster mit Stickgardinen erweiterten den Raum. Und es gab jetzt ein Klavier. Hans konnte nicht spielen, aber er öffnete den Deckel für etwaige Klavierspieler unter den Kochkursfreunden. Aber keiner verstand sich aufs Musizieren.
Wir sogen den Duft seiner Blumen ein. Auch auf der Rundtreppe zum Schlafzimmer standen Vasen. Hans zeigte uns seine neue Dreieckswanne. Sie war noch nicht angeschlossen. Wir gaben zu, dass im Rosa des Porzellans die Haut einer Schaumgekrönten gut zur Geltung käme. Ahnten, dass er Hans die heimliche Affäre verheirateter Damen ist. Nannten ihn ‘Lüstling’. und hoben scherzend den Finger.

Das Dekor des Esstischs überstieg unser Vorstellungsvermögen. Doch dieser war nur für die Mitglieder des Kochkurses gedeckt.
Wir stiessen die Gläser zusammen. Was nicht ist, kann noch werden, zum Wohl!
Hans rannte, bediente, deckte ab, trat mit dem Fuss die Tür auf und balancierte neue Platten durchs herabhängende Glitzerdekor. Er erwähnt eine seltene Blume mit dem Namen ‘Udumbra’ oder ‘die glückverheissende Blume vom Himmel’. Sie blüht einmal in tausend Jahren. Es ist sein innigster Wunsch, sie einmal zu sehen.
Wir assen, sangen, tanzten. Und beim Abschied lagen wir einander in den Armen.
Die Grosszügigkeit von unserem Freund beschämte uns. Wir wollten die seligen Abende mit Gegeneinladungen aufwiegen. Aber Hans wünschte dies nicht. Es gehe nicht. Er sei zu sehr in Anspruch genommen. Von den Tieren, vom Garten, vom Haushalt und Beruf. Wolle sich auch noch eine Katze zulegen, die benötige einen Kratzbaum mit Minihaus. Er müsse die Palme umtopfen. Und überhaupt. Kommt zu mir!

Seine Kübelpalme wurde zu gross, um sie im Haus zu überwintern. Er wollte sich ein Gewächshaus zulegen. Es musste gross genug sein, damit er es an die Rückseite seines Chalets bauen konnte. Er würde aus seinem Schlafzimmer auf den Balkon treten, in der Krone seiner Palme stehen und über seine Schöpfung schauen. Wie Gott.
Es dauerte Monate, bis Hans das passende Gewächshaus fand, die Baubewilligung bekam und die Wasserrohre verlegt waren. Er benötigte Sprühnebel und Heizung für sein mediterranes Klima. Sein ganzes Salär floss in die exotische Bepflanzung. Das Anschliessen seiner Dreieckswanne musste warten.
Bei unserem Besuch legte Feuchtigkeit und Blütenduft eine Hülle um uns. Man wähnte sich auf einem andern Kontinent. Die Rokokogruppe aus Porzellan war neu. Das Klavier sei aus einer guten Werkstätte, versicherte Hans. Es habe einen vollen Klan. Allerdings wurde noch nie darauf gespielt.
Deine Eva wird das Piano beherrschen, versicherten wir. Hans nickte. Natürlich, dieses Piano wartet auf sie!
Das Wohnzimmertür führte beinah schwellenlos in den gläsernen Anbau. Die eiserne Tischgruppe hatte dort nun ihren festen Standplatz. Seine Katze war keine Besuche gewohnt. Als unsere Rasselbande das Gewächshaus betrat, flüchtete sie auf den Zitronenbaum. Für den Rest des Abends liess sie ihre Beine vom Ast hängen, beobachtete unseren Tisch und zuckte mit der weissen Schwanzspitze. Hans rannte umher. Wie immer. Der perfekte Koch, Dekorateur, Disc-Jockey und Gastgeber. Aber er rannte mit kürzeren Schritten, so dass sein aufgeschrecktes Hühnervolk ihn überholte und in die andere Ecke des Hofs flüchten konnte. Er vermochte die Pluderhosenbeinchen nur mit Mühe in ihr Haus zu treiben. Doch es musste sein. Ein Marder schlich sich nachts ins Gehege.

Wir schlemmerten nun auch im Winter unter einer Palme und atmeten die würzige Feuchtigkeit der Ferne. Sein Recorder imitierte die Schreie von Affen und buntgefiederten Vögeln. Man wähnte sich im Urwald. Wir liessen uns fürstlich bewirten, lehnten unsere Köpfe aneinander, trommelten auf unseren Mund und erwarteten als Antwort die seltsamen Laute eines im Gebüsch lauernden, hungrigen Tiers. Hans trippelte unverdrossen vom Tisch in die Küche und ins Gewächshaus zurück. Von uns erhob sich niemand aus dem gerüschten Sitz. Wir hatten keine Lust, das Paradies von unserem Tausendsassa zu erkunden. Die Finsternis hinter den gezackten Blättern hatte etwas Unheimliches. Wir sahen uns immer wieder um, redeten von Schlangen und fürchteten ihr Herankriechen.
Wo war Eva?
Wir wagten nicht, Hans danach zu fragen.

Plötzlich war sie da!
Aus einer Rippe geschnitten, wie in der Bibel. Kaum zu glauben. Wir waren in der Nähe des Chalets, hatten eine Pflanze dabei, die rasch in die Erde musste. Und wollten Hans damit überraschen. Als wir ins Gewächshaus stolperte, kauerte eine nackte Frau im Moospolster, halb in einen Pelz gehüllt. Ein blasses, ätherisches Wesen mit dünnen Beinen und dem Flaum von einem Kückchen auf dem Kopf. Es ordnete den Pelz um die Schenkel, sah uns mit erstaunten Wasseraugen an. Und im Hintergrund verstreute der Recorder Urwaldlaute.
Hans hat uns seine Eva vorgestellt. Was sie macht. Woher sie kommt. Warum sie im Moos kauert. Er redete, als sollten wir das Geschilderte als ein Bild der Vollendung von seinem Paradies im Kopf bewahren. Wir spürten die Bedeutung dieses Augenblicks, denn er wog jedes Wort, als sei es Teil seines Testaments. Und die Pausen füllten die Affen mit ihrem Gekreisch.
Seine Stelle habe er aufgegeben. Wir starrten ihn ungläubig an. Er machte eine wolkige Handbewegung. Fluff! hauchte er. Er mache jetzt Steuererklärungen für Privatpersonen. Wir begriffen, dass Hans Zeit für seine Eva braucht.

Sie betrachtete unsere, ihr zum Gruss hingestreckte Hand, als sei ihr diese Geste ein Rätsel. Sass einfach im Moos, legte den Kopf etwas zur Seite und blinzelte ins Licht. Ihre Oberlippe überlappte die Unterlippe. Dies gab ihrem Mund etwas Schnabelartiges. Uns erschien sie wie ein exotischer Vogel, der sich im Gewächshaus von unserem Freund mit einigen Flügelschlägen niedergelassen hatte.
In Wahrheit arbeitete die Frau in einem Stadtbüro. Fuhr morgens um acht Uhr im Lift zum verglasten Himmel, piepste ins Telefon, protokollierte, übermittelte, gewährte oder untersagte. Und abends sank sie im Lift ins Erdgeschoss.
In Wahrheit war ihr Chef auch ihr Liebhaber.
Und Hans? Sie wirkte weder unentschlossen. Noch sicher. Wir erfuhren, dass sie die gleichen Pelze trägt, wie die Frau des Chefs. Sie ass am Familientisch. Verbrachte die Freizeit und Ferien mit dem Paar. Man flog Business-Class. Buchte wenn immer möglich einen Dreierplatz. Die Gattin sass am Fenster, die Geliebte am Gang, der Gottgegebene thronte in der Mitte. Ein eingeschliffenes Muster. Ein Gesetz.
Der Verehrer auf dem Land war neu. Diese Anbetung, diese heimlichen Urwald-Trips, die Verlockung zu Ausflüchten, alles so aufregend und belebend. Bis anhin war ihr Himmel hinter Glas und dieses hinderte sie am Auffalten der Flügel.

Wir haben Hans nur noch selten getroffen. Er rannte durchs Einkaufszenter, packte Esswaren und einen Sack Grillkohle in den Drahtkarren. Ich bin in Eile, rief er von Ferne. Und verschwand. Durchs geriffelte Glas des Gewächshauses waren am Wochenende bewegte Schatten zu erkennen. Wir ahnten, dass Hans dort ein Feuer entfacht, um sein Paradiesvögelchen zu wärmen. Es war zart wie ein Traum. Flüchtig wie ein schöner Schein.
Hans hoffte wohl, dieses Wesen würde in der Wärme seines Gewächshauses den Pelz des Chefs abstrampeln. Unser Freund war ein glühender Tierschützer und Gegner von Pelzfarmen. Dass der durchdringende Pfauenschrei seine Liebste erzittern liess, nahm er hin. Er dachte, sie gewöhnt sich daran. Dass sie sich nicht mit seiner sanften Katze anfreunden wollte, war ihm unverständlich. Sie verabscheute Haustiere, mochte hingegen Lämmer und Chinchillas, wegen der molligen Pelze. Dies brachte ihn auf. Sie hob ihre Brauen und behauptete, in diesem Punkt ganz auf der Linie ihres Chefs zu sein.

Natürlich versuchte Hans mit ihr zu reden. Doch sie verfiel in Schweigen. Und schlimmer: Sie stürzte aus dem Gewächshaus. Und reiste zurück in die Stadt.
Er muss verzweifelt gewesen sein.
Um aus einem Garten ein Paradies zu schaffen, hat er viele Kurse absolviert, sein ganzes Salär in seltenen Pflanzen und edlen Tieren angelegt. Und nun, da endlich eine Eva zwischen den Blumen und Tieren wandelt, zeigen sich Schwierigkeiten. Sie ist eigen. Hat ein Vorleben. Teilt die Linie ihres Chefs, sein Bett, seinen Luxus und die Kompetenzen seines hohen Amts.
Dies verunsicherte Hans. Wir versuchten ihn abzulenken. Schlugen eine Bergwanderung vor, den Besuch einer Ausstellung, eine Einladung zum Essen. Aber wann immer wir ihm begegneten, trat er von einem aufs andere Bein. Hatte keinen Hunger, keine Zeit, keine Lust.

Wie geht es weiter? haben wir uns gefragt.
Die beiden haben sich wieder gefunden. Inzwischen hatte sie mit dem Paar Ferien gemacht. Ihr wütender Aufbruch war eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit. So liess sich ihre bevorstehende Reise in die Karibik verschweigen. Nach der Rückkehr klingelte des Telefon von Hans.
Wollen wir uns sehen?
Natürlich will er sie sehen.
Er ist ihr mit einer Blumengirlande entgegengerannt. Alle Lichter des Chalets brannten. Kerzen flackerten, Klaviermusik klang aus dem Recorder. Das Piano war aufgedeckt, als würde darauf gespielt. Überall standen Schalen mit Snacks. Seine Eva warf sich in den Polstersessel, als wäre sie endlich zuhause. Sie schillerte vor der Finsternis in den Fenstern. Und Hans war glücklich.
Er hat ihre Nägel lackiert, ihren Mund dunkel bemalt und eine Blume hinter ihr Öhrchen gesteckt. Mit einer Serviette schlug er leicht auf ihre Schulterkugel, als stäube er ein allerletztes Fitzelchen vom Alabaster.
Dann kniete er sich vor sie hin. Und schaute seine Eva an. Dieses Wesen mit den schrägen Ideen, das er zutiefst vermisst hatte. Er wurde nicht satt, es anzusehen, zu berühren, den Duft der blassen Haut einzuatmen.
Wir, seine Kochkursfreunde, haben uns gefragt, wie die Zwei das Leben im Paradies verbringen wollen? Kochen kann sie nicht. Gärtnern will sie nicht. Körner streuen wird sie nicht. Die Katze erträgt sie nicht. Der Pfauenschrei erschreckt sie. Und Putzen liegt ihr nicht.
Sie müsse nichts tun, meinte Hans. Nur da sein. Zum Ambiente passen. In einem Nichts aus Seide durchs Haus wehen. Die geranienroten Fussnägelchen in den Rasen setzen. Ihre weissen Arme zu den Zitronen recken. Vom Porzellan essen, das er für sie mit Blüten und Girlanden bemalt hat. Das Klavierspiel erlernen. Sie kann tun und lassen, was immer sie will. Sie ist seine Einzige und muss ihn mit niemandem teilen. Einfach da sein! Seine Sonne über dem Paradies. Die Erfüllung seines Traums.

Sein Garten bekam Dünger. Um weniger jäten zu müssen, bepflanzte er die letzten Lücken mit Blumen. Alles trieb, blühte, verzweigte sich und streute Samen. Damit das Anwesen nicht verwilderte, arbeitete er bis zur Erschöpfung. Aber ohne Salär und regelmässige Nebeneinkünfte musste er aufs Ersparte zurück greifen. Er war nicht gewohnt, sich bei der Ausstattung von Haus und Garten einzuschränken, andererseits auch kein Verschwender. Er bot uns Jungtriebe seiner Exoten zum Kauf. Als Kochfreunde hegen wir Gewürze und Salate. Aber an Palmen, Agaven und Zitronenbäumen haben wir keinen Bedarf. Aus Gefälligkeit haben wir manchmal eine Topfpflanze zum Verschenken gekauft.

Da seine Eva ihn ab und zu besuchte, waren wir selten zu Gast. Ihr Eintreffen war nie vorausplanbar. Sie kündete sich kurzfristig an. Wenn ihr Chef seine Schwiegereltern zu Besuch hatte, war keine Nebenfrau am Familientisch erwünscht. Auch zum Dinner mit einem Politiker konnte der Chef nicht mit der Sekretärin am zweiten Arm aufkreuzen. Solche Gelegenheiten nahm sie für einen Ausflug ins Paradies wahr.
Als Kochfreunde sind wir uns bewusst, welchen Wirbel Hans veranstalten musste, um innerhalb weniger Stunden Chalet, Garten und Gewächshaus herzurichten, Pflanzen zu wässern, zehn Tiere zu versorgen, einen Menüplan aufzustellen, einzukaufen, den Grill, den Tisch, die Getränke und Snacks vorzubereiten. Er kam kaum dazu, sich über die Lust und Laune seines ätherischen Wesens Gedanken zu machen. Er bügelte im letzten Moment sein Hemd. Schon ging über dem Paradies die Sonne auf!

Nach zwei Jahren schüttelte die Sekretärin noch immer den Kopf über die Hühner in Pluderhosen. Sie kniete am Teich, spielte mit Steinen, bis ein Schwan ihr zischend die Sägeblattzähne zeigte. Bei jedem Besuch war die Abwehr wütender.
Deine Tiere hassen mich! Sie verschwören sich!
Die Katze floh zu den Zitronen. Und der verdammte Pfau? Schlug er jemals ein Rad für sie? Nein! Sein Schrei gehe ihr durch Mark und Bein.
Es wäre schön zusammen zu verreisen. First Class mit Emirates. An exciting travel! Nur du und ich!
Hat sie das wirklich gemeint, wie sie es sagte? Oder stiegen Bubbleblasen aus dem Geranien-Mund?
Wir stellten uns vor, wie sehr der Kochfreund würgte, als seine Eva Prospekte aus ihrer Vuitton-Tasche purzeln liess. Die Ferienzeit nahte. Im Monat Mai besorgte die Zweitfrau des Chefs immer Reisevorschläge und Hotelprospekten. Der Gottähnliche war mit seinen Nebenfrauen noch nie in Dubai.
Im Sommer, da im Garten von Hans alles blühte, die Nächte lau waren und Hans mit Eva im Rasen liegen konnte, um den Blütentanz der Insekten zu verfolgen, und Sternbilder zu suchen, da will sie nach Dubai um dort durch tausend Läden einer Shopping Mall zu streifen, auf dem höchsten Bauwerk der Welt sich einmal im Kreis zu drehen und mit dem Lift wieder ins Parterre zu sinken. Wie an jedem Arbeitstag. Mit dem Unterschied, dass vom Stadtbüro die Liftfahrt weniger lang dauert. Und dass sie in Dubai aus der Kabine in die flimmernde Hitze tritt.
Hans war auch noch nie in Dubai. Fuhr nicht einmal in die Bundeshauptstadt Bern. Ihm genügte das Schweizerchalet im eingezäunten Garten.

Er vermisse nichts, gestand er uns. Jeden Tag erblühen Blüten. Jede ist einzigartig. Seine Tiere überraschen ihn immer neu. Sie sind seine Familie und sie betrachten ihn als Zugehörigen. Seine Menagerie bringt ihn zum Lachen und Staunen. Er schilderte uns die einzelnen Tiere. Ein jedes hat seine Eigenheiten. Zeigt Anhänglichkeit oder Furcht. Wartet, beobachtet, verstellt sich, täuscht, versucht eine Geste zu deuten, pirscht sich an, oder flüchtet.
Hans gestand, dass die Tiere einander beobachten. Alle stehen unter ständiger Beobachtung. Eins erwartetet vom andern das Einhalten von Regeln. Von mir erwarten sie Anstand. Wie konnte er da nach Dubai fliegen? Selbst wenn er Geld hätte. Es gibt Dinge, die kann er einfach nicht tun. Die gehen ihm gegen den Strich.

Er hat es dem ätherischen Wesen erklärt. Lang und breit. Dieses hat nichts verstanden. Nur die Unterlippe ausgestülpt, mit zwei Fingern ein Haarbüschel in die Stirn gezupft und mit verdrehten Augen den Kückchenflaum angeschaut.
Hans liess die Faust auf den Tisch fallen. Seine Eva erschrak.
Wenn du verlangst, dass ich aus Verachtung über mich vom höchsten Gebäude der Welt kotze, dann bitte geh!
Sie schaufelte die Prospekte in ihre Tasche, angelte unter dem Tisch nach den Stöckelschuhen und ging. Tschüss! Schluss und aus!
Hans war wieder Single.

Nach langem trafen sich die Kochkursfreunde wieder einmal im Gewächshaus. Diesmal versammelten wir uns an einem Sonntagnachmittag zu Kuchen und Kaffee. Etwas ungewöhnlich für einen Koch, dessen Gelage einmal bis ins Morgengrauen dauerten. Die exotischen Pflanzen füllten jetzt sein Gewächshaus mit Dunkelheit. Der Garten erschien kleiner. Dies lag wohl daran, dass die Büsche überbordeten. Der Pfau glitt nicht mehr über den Rasen. Hans musste ihn einschläfern lassen. Den Teich hatte er zugeschüttet. Die schwarzen Schwäne glitten über den See ihres neuen Besitzers. Nur die Hühner und die Katze waren noch da.
Hans rannte mit dem Tablett umher, wie immer. Bückte oder dehnte sich, und verwirbelte die Arme. Doch seine Bewegungen hatten etwas bleiernes. Er sagte, es gehe ihm gut und schaute dabei ins Geäst der Palme, als suche er die Vogelfrau.
Wir klatschten die Hand auf sein Stuhlkissen. Setz dich zu uns! Ruh dich aus!
Gleich! rief Hans und rannte wieder in die Küche.
Hilfe lehnte er ab. Seine Palme war gewachsen. Ihr Blattwerk neigte sich über unseren Tisch und raschelte am Glasdach. Vom Schlafzimmerbalkon vermochte er die gefiederten Blätter mühelos erreichen. Es tue ihm aber weh sie zu kappen. Er stehe mit der Säge vor der Krone. Und empfinde einen körperlichen Schmerz.

Eine Falte kerbte seine Nasenwurzel. In abgetretenen Schuhen stand er leicht schwankend vor uns. Hielt die selbstbemalte Kuchenplatte in beiden Händen, um sie zitternd in die Tischmitte zu senken.
Er hatte den Wunsch, überflüssige Dingen zu verkaufen. Er habe es sich lange überlegt. Nun sei es an der Zeit, sich von diesem und jenem zu trennen. Wir erinnerten uns an die Rosa-Badewanne, die auf eine Schaumgekrönte wartete. Sie war noch immer nicht angeschlossen. Da gab es auch Ölgemälde, handbemaltes Geschirr, die Rokkokogruppe, einen goldgerahmten Spiegel. Und was war mit dem Klavier?
Was würden diese Dinge bringen?
Wir alle wussten, ihr Verkauf bringt so gut wie nichts. Unser Kochkursfreund hatte Schulden. Seine Ersparnisse waren aufgebraucht. Die Nebenjobs reichten nicht zum Leben.
Es gibt keine Käufer, Hans.
Er liess sich in den Polstersitz fallen und begann über den fehlenden Geschmack der Leute zu wettern. Sie kaufen ‘Miacasa’, Presspan, Imitat. Er empörte sich plötzlich auch über Ausländer, die hierherkommen, nichts arbeiten, aber Kinder zeugen, und von unserem Steuergeld leben. Ereiferte sich immer mehr und schickte Schimpftiraden zu allen Kopftuchfrauen.

Mit Entsetzen sahen wir unseren Kochkursfreund mit fuchtelnden Armen im Meer seines Elends versinken. Uns wurde klar, dass das Kaffeekränzchen das Ende unserer seligen Abende bedeutet. Unser Freund war erschöpft und zerzaust. Die Katze kauerte auf seiner Schulter. Ihren Kopf kraulend, redete nur noch mit ihr über Menschen ohne Achtung vor Tieren, Blumen, Landschaften und dem Lebenswerk der Anderen.
Stumm brachen wir auf. Alle steckten beim Gehen einen Geldschein unter den Kuchenteller. Trotz seinem fortgesetzten Wüten war Hans unsere Geste des Mitleids nicht entgangen. Er verstand sie als Demütigung. Mit einem gellenden Pfauenschrei schleuderte er die Noten an unseren Kopf. Fluchend vertrieb er uns aus seinem Paradies. Der eiserne Torriegel krachte hinter uns ins Schloss.

Wir haben nichts mehr von Hans gehört. Im Schaukasten eines Immobilienhändlers entdeckten wir ein zum Verkauf stehendes Chalet. Es war dasjenige von Hans. Wir erkundigten uns bei der Nachbarin. Sie wusste von seinem Auszug. Hatte aber mit Hans keinen Kontakt. Sie verwies uns an die Gemeindebehörde.
Er sei gestorben, teilte man uns mit. Näheres war aus Gründen des Datenschutzes nicht zu erfahren. Doch wir bekamen die Anschrift einer Nichte. Sie schien von unserer Anfrage überrascht, da sie in der Hinterlassenschaft vergeblich nach Adressen von Freunden und Bekannten suchte. Sie fand keine Briefe, keine Notizen, keine Telefonnummern, nicht eine einzige Spur von einer Menschenseele. Als habe ihr Onkel sein Leben verpasst.
Von einer Katze wusste sie nichts. Ein Hühnerhaus? Sie fand Mauerreste.
Vom Tod des Onkels hatte sie durch einen Notar erfahren. Bei diesem lagerte ein Packen Rechnungen und Mahnungen. Aufs Anwesen bestand ein Anspruch der Gläubiger. Die Nichte erwog den Ausschlag ihres Erbes.
Schon als Hans noch im Chalet wohnte, wurden Wasser und Elektrisch abgedreht. Er hatte keine andere Wahl, als auszuziehen. Die Gemeinde suchte ihm ein Zimmer im Altersheim. Einige Topfpflanzen konnte er dorthin retten.
Er sei ungesellig gewesen. Ein Sonderling. Täglich pilgerte er zum Chalet, um die Katze zu füttern. Immer schleppte er eine volle Giesskanne mit, um zu giessen. Er sammelte die Scherben des zerborstenen Glasdachs ein. Mit einem Blütenzweig, einer Topfpflanze oder einem Palmblatt kehrte er ins Heim zurück.
Wir begriffen, dass Hans sein Paradies nie aufgegeben hat. Es gab Dinge, die konnte er einfach nicht tun.

An einem Tag wurde er ohnmächtig in seinem Zimmer aufgefunden. Er hatte sich den Kopf aufgeschlagen und musste notoperiert werden. Als er erwachte, riss er die Schläuche ab, um sich zum Chalet zu begeben. Das Pflegepersonal konnte ihn nur mit Mühe zurückhalten und bändigen. Er schrie wie sein Pfau, schlug mit Armen und Beinen um sich und biss in die Luft. Man habe ihn stillgelegt.
Wir ahnten, was dies für Hans bedeuten musste. Er mochte beim Schaffen des Paradieses vergessen haben, dass ein Mensch nicht alles nach seinem Wunsch formen und nach seinem Willen hinbiegen kann. Aber er hatte sein Leben für diese Idee hingegeben. Nun kannte er nur noch Bitterkeit, Trotz und Wut.
Als er im Sterben lag, hielt niemand seine Hand. Wir waren zerknirscht. Warum haben wir ihn nicht besucht? Er war unser Freund. Die Einsamkeit und der Verlust seines Paradieses brachten ihn beinah um den Verstand. Wir stellten uns die letzten Stunden vor.
Die steifen Schürzen des Personals raschelten wie die Blätter seiner Palme. Vielleicht dachte er ans Flügelschlagen seiner Vogelfrau. Hatte er einen letzten Wunsch?
Natürlich hatte er einen Wunsch. Er wollte die Blume mit dem Namen Udumbra sehen, die einmal alle tausend Jahre blüht.
In unserem Innersten haben wir alle gehofft, dass die Vogelfrau sein letztes Bild gewesen ist. Sie neigte ihm ihren geranienroten Schnabel zu und versprach, ihn zur Blume zu bringen. Und um den Pakt und sein Ende zu besiegeln, spreizte sie die blasse Hand über sein Gesicht. Der Tod spielte dazu auf seinem Klavier.
Wir wollten uns ums Klavier sammeln, und an diesem seligen Abend von Hans Abschied zu nehmen.

Margrit Schriber, 1939 in Luzern geboren, lebt in Zofingen und in der Dordogne. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.

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von ​​​​Ursula Fricker zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Ich öffne die Seite literaturblatt.ch, ich habe sie schon oft geöffnet, und immer bin ich hängen geblieben, so auch heute. Da stöbere ich, dort lese ich etwas an, lese weiter. Die schiere Fülle so klug wie feinsinnig formulierter Texte fesselt mich jedes Mal — mit dem Furor der Begeisterung geschrieben ist all das, von der Literatur begeistert, eigen-, auch unwillig manches Mal. Ich entdecke Neues, Anderes; Bücher, die, abseits der Laufstege, gelesen zu werden unbedingt lohnen, Gedanken, denen nachzugehen ich Lust bekomme. Was ich sagen will: Danke, Gallus, für deine unermüdliche Arbeit im Garten der Literatur, was täten wir ohne die Literaturblätter, die virtuellen wie die analogen?

Ursula Fricker, 1965 in Schaffhausen geboren, hat sechs  Romane veröffentlicht, u.a. ihr viel beachtetes Debüt «Fliehende Wasser» (2004), «Außer sich» (2012), nominiert für den Schweizer Buchpreis, und «Gesund genug» (2022). Die in der Märkischen Schweiz bei Berlin lebende Autorin wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt im Herbst 2022 mit dem Georg Fischer Kulturpreis der Stadt Schaffhausen. Für «Fangspiele» (2024) erhielt sie einen Werkbeitrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und den Brandenburgischen Kunst-Förderpreis für Literatur.

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Beitragsbild © Lea Le

von Jonas Lüscher zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Lieber Bruder Gallus,

leider müssen wir dir mitteilen, dass wir, nach reiflichen Überlegungen und Kontroversen im Konklave, zur Entscheidung gekommen sind, dass du, Bruder Gallus, zum Literaturpapst nicht taugst.

Die Einwände waren mannigfaltig. Trotz deines unbestreitbaren Engagements über 10 Jahre, gebricht es an den entscheidenden Eigenschaften für dieses hohe und würdige Amt. Die Würde ist vielleicht ein guter Anfang: Zu wenig gravitätisch dein Auftreten, zu Bescheiden der Habitus, die Kleidung… lieber Bruder, wir haben doch kein Armutsgelöbnis abgelegt. Zu wenig dogmatisch scheinen uns deine Urteile.

Deinen Einlassungen fehlt der hohe Ton des Predigers. Zweifel haben wir alle, dass du mit der Unfehlbarkeit, die ein solches Amt mit sich bringt, viel anfangen kannst.

Nein, lieber Bruder, wir schätzen dich in unseren Reihen, aber ein Papst wirst du uns nicht.

Folge trotzdem unbeirrt dem Weg, den dir der Herr weist und tu weiter dein Geschäft, im festen Glauben, dass dich eines Tages das Bundesamt für Kultur erkennt und sich deiner erbarmt. Und auch wir folgen deinem Licht, dass du aus Amriswil in die Welt schickst! In Herrlichkeit und bis in alle Ewigkeit!

Dein Bruder Lüscher

© Hassiepen

Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle «Frühling der Barbaren» war 2013 ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und war nominiert für den Schweizer Buchpreis, sein Roman «Kraft» gewann 2017 den Schweizer Buchpreis, für seinen Roman «Verzauberte Vorbestimmung» wurde ihm 2025 u.a. der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis verliehen. Jonas Lüscher erhielt ausserdem u.a. den Prix Franz Hessel, den Max Frisch-Preis der Stadt Zürich und den Marieluise-Fleißer-Preis. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.

von Iris Wolff zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Ich bin eine langsame Leserin, eine zweiflerische, wortgrüblerische, ungeduldige zuweilen, meist genießerische, versunkene. Mir fällt es schwer, ein Buch aus der Hand zu legen, selbst wenn es mir nicht gefällt. Weil ich weiß, wie viel einem das Schreiben abverlangt, hoffe ich, dass sich die Erzählung noch entwickeln, runden wird. Selbst wenn dies auf Seite 200 noch nicht geschehen ist, bin ich vom Gegenteil nicht leicht zu überzeugen. Viel Lebenszeit geht dahin, wenn man Bücher nicht einfach zuklappen kann. Umso wichtiger sind Empfehlungen. Wenn der Lieblingsbuchhändler den bestellten Büchern noch eins hinzufügt, wenn eine Freundin den Imperativ «Lies!» verwendet, wenn irgendein Zufall einem eine Lektüre zuspielt. Im besten Fall nicht irgendein Buch, sondern eines, in dem man etwas wiederfindet, einen Glauben, ein Glück, eines, das die Welt weit werden lässt. Man muss aber nicht auf solche Zufälle und Zurufe warten – man kann auch einfach Dein Literaturblatt lesen, lieber Gallus! Iris Wolff

Über literaturblatt.ch:

Am 4. Januar 2016 schickte ich meinen ersten Beitrag, eine kurze Rezension zu Anthony Doerrs Roman «Memory Wall», in den Äther. Es war ein Abenteuer. Nichts und niemand wartete auf das, was einer über seine Lesespur schreibt. Meine analog gezeichneten Literaturblätter, die ich per Post an ein paar Dutzend AbonnentInnen schicke, gab es zwar schon ein paar Jahre, aber man schüttelte den Kopf, wenn man sich mit mir über die Wirksamkeit meiner «Literaturvermittlung» unterhielt.

Bis eine Schriftstellerin während eines langen Spaziergangs meinte, ich müsse etwas tun, etwas wagen. Es brauche so einen wie mich. Bis mir mein Schwiegersohn ungefragt die Domain literaturblatt.ch schenkte und versprach, mir eine Webseite so einzurichten, dass ich sie bloss noch zu füllen brauchte. Bis die ersten Rezensionsexemplare in meinem Briefkasten eintrafen und der Kasten dort jeden Tag zur Wundertüte wurde.

In diesen 10 Jahren sind es fast 1900 Beiträge, die erschienen sind; Rezensionen, literarische Gasttexte, Veranstaltungshinweise und -berichte, Schwärmereien, Kommentare und Auseinandersetzungen. Alles rund ums Buch, mitten in der Literatur.

Mein Engagement schenkte mir ein paar Jahre als Programmacher im Literaturhaus Thurgau, als Mitorganisator eines Literaturfestivals, holte mich als Moderator unzählige Male auf die Bühne an die Seite spannender SchriftstellerInnen und überraschte mich unzählige Male mit Reaktionen Schreibender und Lesender.

Ein Abenteuer ist es noch immer, weil ich nicht weiss, wo mich dieses noch hintragen wird. Dankbar bin ich für all die wunderbaren Begegnungen, die Freundschaften, die Einblicke, den Blick durch das Buch hindurch in die Leben jener, die mit ihren Texten Welten formen. Lesen und das Darüber-Schreiben ist zu einem Lebenselexier geworden, einem grossen Stück meiner selbst. literaturblatt.ch zu einem Schlüssel zu diesen Welten.

Gallus Frei

Iris Wolff, geboren in Hermannstadt, Siebenbürgen. Die Autorin wurde für ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Eichendorff-Literaturpreis, dem Marieluise-Fleißer-Preis sowie dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und dem Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Zuletzt erschien 2024 der Roman »Lichtungen«, der mit dem Uwe-Johnson-Preis und dem Spycher: Literaturpreis Leuk ausgezeichnet sowie für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. Die Autorin lebt in Freiburg im Breisgau.

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Webseite der Autorin

von ​​​​Rudolf Bussmann zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Seit es die wunderbare Plattform literaturblatt.ch gibt, und je mehr sie anwächst, fragen sich Leserinnen und Leser, wer und was sich eigentlich dahinter verbirgt. Eine einschlägige Analyse erlaubt nun einen Blick hinter die Kulissen. In geduldiger Arbeit ist es gelungen, die DNA der Plattform zu isolieren und gewisse Informationen zu entschlüsseln. Nachdem als Betreiber der Domain ein gewisser Gallus identifiziert wurde, konnte die Buchstabenfolge G-a-l-l-u-s‘ L-i-t-e-r-a-t-u-r-b-l-a-t-t in ihre Bestandteile zerlegt und in neuer Reihenfolge zusammengesetzt werden. So kamen dahinter liegende Inhalte zum Vorschein. Einige Sequenzen sind festgehalten und aufgezeichnet worden.

Gallus‘ Literaturblatt – Blauer Geburtstags-Baiser

Literaturblatt

ultra lesbar
irre geil
stabil agil
alert & geballt
beste Ausleg-Gala
rares Les-Labsal
Attribut: great!

Gallus

Lesart-Sieger
streitbar liberal
Tabu-Tilger
Taubenauge & Argusauge
stetig taetig
Arbeits-Urtier
illustrer Star

Salut Gallus!

ragst aus Grau & Staub raus
liest alles Rare & Gute aus
gibst taegl. gratis Literatur-Rat
traegst als Stil-Guru Silber-Tiara
urteilst subtiler als alle

User R.

salutiert
gratuliert
gibt Gala-Baiser

© Ayse Yavas

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa und Romane. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Webseite führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Seine letzte Buchpublikation in der edition bücherlese ist der Gedichtband «Verheißenes Land», 2024. Rudolf Bussmann lebt in Basel.

Marko Dinić «Buch der Gesichter», Zsolnay

Obwohl so viele Erkenntnisse wie noch nie über alle Formen von Nationalismus in Bücher und Dokumentationen einfliessen, Museen, Gedenkstätten und Ausstellungen offen und kritisch Fakten offenbaren, wächst die Bereitschaft, sich politischen Kräften anzuschliessen, die ganz offensichtlich mit überwunden geglaubten, faschistischen Ansichten sympatisieren.

Marko Dinić erzählt die Geschichte von Isak, einem Kind, das während des Ersten Weltkrieges zusammen mit seiner Mutter am Stadtrand der serbischen Hauptstadt Belgrad aufwächst, einer vom Krieg zerschundenen Stadt, in der das Elend nicht nur an ihrer jämmerlichen Behausung sichtbar ist, sondern am allgegenwärtigen Hunger, den Krüppeln. Isak und seine Mutter Olga glauben nicht mehr an die Rückkehr des Vaters und Ehemanns, von dem man lange nichts mehr gehört hatte. Die beiden sind sich selbst überlassen. Sie beide haben Hunger und Olga, als nach dem Krieg urplötzlich ein Mann wie ein Gespenst im Schuppen auftaucht, driftet immer mehr in der Bar von Rosa und Milan ab, bleibt betrunken sitzen, während Isak sich selber überlassen ist. Bis Olga ganz verschwindet.

Isak wächst zusammen mit dem Waisenjungen Petrar bei Rosa und Milan auf. Er heisst auch nicht mehr Isak, denn der mehr und mehr grassierende Antisemitismus macht es unmöglich, als Jude ohne Todesgefahr in der Stadt zu überleben. Isak und der jüngere Petrar werden zu Brüdern, wobei sich Isak mehr und mehr zu entfemden beginnt, Isak wird zu Ivan. Und als Ivan, alias Isak, erwachsen wird, macht er sich auf die Suche nach seiner Mutter, auf die Suche nach der Haggada, einem kleinen, illustrierten Buch über die jüdischen Riten, einem Stück seiner Identität, einem Buch, das seine Mutter vor ihrem Verschwinden unter den Dielen des Schuppens versteckt hatte.

Marko Dinić «Buch der Gesichter», Zsolnay, 2025, 464 Seiten, CHF ca. 40.90, ISBN 978-3-552-07577-1

Isak gerät in die Wirren einer Hauptstadt, die man in Hitlers Reich zur ersten judenfreien Stadt des Landes unter der Hakenkreuzfahne erklärt hatte. Mit dem Suchen nach seiner Mutter, mit dem Suchen in seinen Erinnerungen und seinen Träumen, all den Begegnungen auch nach den beiden Kriegen mit Menschen, die in irgend einer Weise sein Schicksal beeinflussten, wächst für mich als Leser nach und nach ein grosses Bild einer Zeit, die man gerne vergessen und verdrängen möchte, einer Zeit des Krieges, der Gewalt, des Hasses, die aber in der Gegenwart unvermindert seine Fortsetzung findet. Für Menschen wie mich weit weg. Aber eigentlich doch ganz nah, denn die Auswirkungen der Angst und des Schreckens verunsichern fast alle, wenn auch in ganz unterschiedlicher Form.

Aufarbeitung ist ein nie endender Prozess. Letztlich schon deshalb, weil der Mensch vergisst und verdrängt und sich eine wirkliche Auseinandersetzung mit Geschichte erst dann aufdrängt, wenn man bereit ist, Fragen zu stellen oder sie zumindest zuzulassen. Marko Dinić setzt sich der Geschichte und dem Leiden seiner Protagonisten ganz direkt aus. Es sind keine Helden. Dinić erzählt auch ungeschönt von Opportunismus. Dinić geht in seiner Erzählweise ganz nah an sein Personal, was auch im Titel seines Romans programmatisch wird. Genau diese Nähe zum Geschehen, die ausufernden Beschreibungen, die manchmal an die Grenzen des Erträglichen gehen, machen diesen ungemein bildhaften Roman aus. Man liest, als wäre man in einem Spiegelraum. Da ist kein deutlicher Weg sichtbar, aber umso mehr verzerrte Fratzen, die mich fassungslos machen. Fassungslos durch ihr Elend, was Dinić ihnen zumutet, was unausweichlich wird. Das „Buch der Gesichter“ ist ein monumentaler Abriss menschlicher Abgründe, gleichermassen faszinierend in seiner Machart wie verstörend in der beschriebenen Realität.

„Buch der Gesichter“ ist ein vielschichtiges Buch. Zeiten und Realitäten mischen und überlagern sich. Ein Kaleidoskop, ein dunkler Kristall. Vielleicht einzigartig im Genre der Bewältigungsliteratur.

Marko Dinić wurde 1988 in Wien geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend in Belgrad. Er studierte in Salzburg Germanistik und jüdische Kulturgeschichte. Bei Zsolnay sind auch sein erster Roman «Die guten Tage» (2019) erschienen.

Beitragsbild © Apollonia Theresa Bitzan

Konstantin Stawenow, Auszüge aus «Trost Land», Plattform Gegenzauber

Kain / Gera-Aue in den Raunächten

Trostland, wo finde ich dich
auf den wasserstehenden Wiesen
im vertrockneten Schilf, am kleinen Bach
auf den weiten Feldern, hinter den Zäunen

oder im Gänseschrei (des Pflugs linke Flanke)
oder in der Hasenseele, im Fuchsgewissen
im Nadelstreifen der alten Leitungen

habe in den schmalen Gräben gesucht
am Feldrand Weidezaun betrachtet
die Pfosten mit Altöl getränkt
und die gefrorenen Pfützen umgangen

ja aber, wo bist du

 

Abel Epitaph / Gera-Aue in den Raunächten

Trostland, sprich zu mir mit der munteren Zunge der Gera
sag, dass die Eselsdisteln um den Sommer trauern
ich liege unter den Wasserlinsen begraben
wo du mich nicht sehen willst

meine Augen sind wie Laich unter ihren Lidern
ich singe auf ein Neues vom Diptychon, Altar meiner Hände
setze dich auf ihn kleiner Stichling, mein Lied soll dich segnen

doch du sprichst
verschwende deine Verse nicht, Toter

 

Konstantin Stawenow, geboren 2003 in Erfurt, schloss 2024 seine Ausbildung zum Holzbildhauer in Empfertshausen ab. Zurzeit studiert er am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. In den letzten Jahren war er u.a. Teilnehmer der Thüringer Textwerkstätten Weitsicht in Ranis und Poesie & Praxis in Gera sowie der young poems 2023 am Haus für Poesie. Seit Dezember 2023 arbeitet er eng mit der Forschungsstelle Sprachkunst & Religion in Erfurt zusammen. Er war Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen von 2023 bis 2025 und des Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerbs von 2022 bis 2024. Des weiteren war er Preisträger des Treffens junger Autor*innen 2023. Im Sommer 2025 war er Stipendiat der Kulturstiftung Thüringen. Für 2026 hat er ein Stipendium der Sparkassenstiftung Sömmerda erhalten. Verstreute Publikationen in Zeitschriften und Anthologien (u.a. Jahrbuch der Lyrik 2024/25, Literarische Blätter, Ort der Augen, Nagelprobe). Konstantin Stawenow lebt mit seiner Frau in Biel/Bienne.

Beitragsbild © Dirk Loehr/Erfurter Herbstlese