In wenigen Worten viel zu sagen, wär schon Kunst genug. Aber Lukas Holliger reisst mit wenigen Sätzen Horizonte auf, schlägt wilde Kapriolen, untergräbt die Realität mit Witz und Schalk.
Thommy ist hingefallen. Die Füsse unpraktisch verdreht. Hätte das Nachdenken nicht gefehlt, wäre er nicht hingefallen. Aber hätte das Nachdenken gefehlt, wäre das das Hinfallen gewesen. „Mensch mit Senf“ ist nach „Glas im Bauch“ und „Unruhen“ der dritte Band in einer Reihe, die mit Zeichnungen des Autors bei der Edition Meerauge erscheint. Einer Reihe mit einer kleinen kreisrunden Öffnung im Cover mit Blick auf das rote Vorsatzpapier des Buches. Ein Auge, ein Meerauge, vielleicht sogar ein Mehrauge, denn Lukas Holliger scheint genau dieses zu besitzen. Ein Auge mehr, den Blick durch und über die Realität hinaus. Den Protagonist*innen in seinen Miniaturen geschieht genau das, was den Figuren in seinen Zeichnungen geschieht; sie lösen sich auf, sie verweigern sich der Wirklichkeit und zeigen Linien darüber hinaus. Sie zwingen mich zu einem zweiten Blick, sperren sich der Logik. Sie tun in ihrer erfrischenden Art genau das, was sich der Zwang zur Authentizität verbaut. Weder seine Miniaturen noch seine Zeichnungen sind Abbilder dessen, was überall sonst abgebildet wird.
Franz wurde befohlen, was er ohnehin hätte tun wollen. Nach Jahren verwechselte selbst er diese Zufälligkeit mit Unterwürfigkeit. Ich spüre die Lust des Autors. Er missachtet jede Grenze, jedes Mass. Beides, Geschichten und Zeichnungen zwingen mich zur Reflexion, spielen mit Gedanken. Spuren eines Nachdenkers, eines Beobachters, der sich nicht begnügt, nachzuerzählen, abzubilden, aufzuzeigen. „Mensch mit Senf“ ist eine Sammlung von Aufforderungen, die Welt nicht todernst zu nehmen. Miniaturen mit wenigen Strichen hinein ins Surreale und darüber hinaus. Bei seinen Zeichnungen ist man an Tomi Ungerer erinnert. Nichts ist zu viel, bei Texten und Zeichnungen alles bis zu absolut Minimalen reduziert. Fast alles liegt beim Betrachter.
Zufällig, beim Kleiderkauf, bewegt sich in Gabis Augenwinkel eine andere Kundin synchron. Als sich das Spiegelbild verselbstständigt, erschrickt Gabi zu Tode.
Lukas Holliger «Mensch mit Senf», Edition Meerauge, 2025, Prosaminiaturen und Zeichungen, 160 Seiten, CHF 23.00, ISBN 978-3-7084-0710-4
Lukas Holliger, geboren 1971, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Geschichte, lebt und arbeitet in Basel als Kultur- respektive Satireredaktor beim Radio SRF sowie als Autor von Prosa, zahlreichen Theaterstücken, Hörspielen und Libretti. 2015 erschien Holligers Prosadebüt Glas im Bauch (Edition Meerauge) mit Kurz- und Kürzestgeschichten, 2017 sein erster Roman Das kürzere Leben des Klaus Halm (Zytglogge), der für den Schweizer Buchpreis nominiert war. 2021 folgte der Erzählband Unruhen (Edition Meerauge), 2024 der Roman 1983 – Verfluchte Hitze (Rotpunktverlag).
Wenn Amir auf seine Uhr schaut, möchte er nie wissen, wie spät es ist, sondern wie lange sein Leben noch dauert. Webseite des Autors
„Lorna“ ist eine berührende Novelle über eine junge Frau, die ihr Leben an die Wand fährt, die Unfähigkeit einer Gesellschaft, auf die Krankheit dieser jungen Frau zu reagieren und eine erste Liebe, die daran erstickt. Paul Maar hat ein zartes Buch geschrieben, dessen Tiefe einem während der Lektüre mehr und mehr in die Knochen fährt.
Generationen kennen den Schriftsteller Paul Maar wegen seiner „Sams“-Bücher. Eine Kinderbuchreihe über ein eigenwilliges Wesen mit Rüsselnase, blauen Wunschpunkten im Gesicht und wild abstehenden, borstenähnlichen Haaren. Geschichten, aus denen Theaterstücke und Spielfilme entstanden, die im Kino zu Erfolgen wurden. Ein Kinderbuchklassiker, der in jede Kinderbibliothek gehört.
Dass Paul Maar aber auch in ganz anderer Tonalität erzählen kann, beweist er mit seinen Romanen für Erwachsene – ganz eindrücklich mit seiner Novelle „Lorna“. Ganz offensichtlich hat Paul Maar den Stoff lange mit sich herumgetragen. Auch wenn es scheint, als würde der Autor eine Geschichte aus seiner Jugend erzählen, in der Biographie der Protagonisten gibt es einige Parallelen zum Leben des Schriftstellers, spiegelt Paul Maar die Geschichte seiner Schwester, die an einer bipolaren Störung litt, wegen mehrer Bandstiftungen in der Klinik landete. Erfahrungen, die den jungen Bruder damals ratlos machten und verunsicherten. Erfahrungen, die nach einer literarischen Verarbeitung riefen und dem Buch eine Feinheit geben, eine Tiefe, die als reine Fiktion wohl niemals so „funktioniert“ hätte.
Paul Maar «Lorna», S. Fischer, 2025, 112 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-10-397700-4
Lorna und Markus, der junge Erzähler, wachsen im gleichen Quartier auf. Fast alle in der Clique um Lorna waren in das Mädchen verliebt. Vielleicht wegen ihrer roten Haare, vielleicht wegen ihrer grünen Augen, aber vielleicht auch deshalb, weil sich Lorna so ganz anders gebärdete wie die anderen Mädchen aus der Siedlung. Lorna und er wohnen im gleichen Mehrfamilienhaus, auf der selben Etage, beides Familien ohne Väter. Lornas Haarfarbe wohl ein Teil ihres Vaters, einem britischen Soldaten, der sich vor der Geburt aus dem Staub gemacht hatte. Markus verliebt sich schleichend in das Mädchen, über die Jahre immer mehr, weil Lorna zu einem Fixstern in seinem Leben wird, auch wenn dieser Fixstern keine feste Umlaufbahn zu haben scheint, und Lornas Erwiderungen von voller Zuwendung bis totaler Abweisung eiern.
Erst recht, als sich die beiden selbstständig zu machen versuchen, zusammen mit einer Freundin eine WG gründen. Markus studiert, wie der Autor in seiner Jugend auch, an der Kunstakademie, Lorna Psychologie und Sozialpädagogik. Lorna und Markus werden immer mehr zu Gegenpolen. Während Lornas Leben unstet von Mann zu Mann, von Zustand zu Zustand pendelt, versucht Markus alles, um indirekt auch seiner Freundin eine Richtung zu geben. Markus nennt Lornas Zustände „Manie“, schon deshalb, weil ihm niemand helfen kann, die Kapriolen seiner Freundin einzuordnen. Erst recht, als man Lorna nach einem ersten Versuch, in der WG ein Feuer zu legen, in die Geschlossene einliefert und Markus bei seinen Besuchen feststellen muss, dass die sedierte Lorna nur noch ein Schatten ihrer selbst geworden ist. Sie war wirklich nicht mehr die Lorna, in die ich mich verliebt hatte. Mir schien es, als hätte sie ihr Gehirn umgestülpt und damit einer anderen Persönlichkeit Zutritt zu ihrem Körper verschafft. Ein Zustand, der in Zeiten, in denen sie auf verschiedste Weisen aus der Klinik freikommt, mit Euphorie und maximaler Zuwendung kippt. Bis die absehbare Katastrophe eintritt.
Was zu Beginn der Novelle wie eine leichte Sommer-Liebesgeschichte beginnt, wird im Laufe der Lektüre immer mehr zu einer Erzählung, in der permanter Schmerz und unlösbare Verzweiflung mitschwingen. Da ist nicht nur Schmerz und Verzweiflung in einer jungen Liebe, sondern mehr und mehr jene im Zustand der absoluten Hilflosigkeit. Schon der rudimentäre Versuch, mit dem Begriff „Manie“ Lornas Zuständen einen Namen zu geben! Da ist auch der Schmerz darüber, dass weder er noch die Medizin der jungen Frau helfen können, dass man sie von der Polizei abholen lassen muss und mit Medikamenten ruhigstellt. Dass man all die Brandstiftungen nicht zu lesen weiss.
Paul Maar hat sich mir tief in die Seele geschrieben.
Paul Maar ist einer der beliebtesten und erfolgreichsten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautoren. Geboren 1937 in Schweinfurt, arbeitete er nach einem Studium der Malerei und Kunstgeschichte zunächst als Lehrer an einem Gymnasium, bevor er sich als freier Autor und Illustrator ganz auf seine künstlerische Arbeit konzentrierte. Nach rund vierzig Büchern und Theaterstücken für junge Leserinnen und Leser erschienen bei S. Fischer seine «Erwachsenenbücher» «Wie alles kam. Roman meiner Kindheit» und «Ein Hund mit Flügeln». Maars Werk wurde vielfach gewürdigt, unter anderem mit dem E. T. A.-Hoffmann-Preis und dem Friedrich-Rückert-Preis. Etliche Schulen tragen seinen Namen.
Evelina Jecker Lambreva las bei uns im Wohnzimmer vor einem gespannten Publikum aus ihrem Roman «Mein Name ist Marcello». Überraschungsgast an dieser Lesung war Bernhard Borovansky, ihr Verleger aus Wien, der seit 2008 zusammen mit seiner Frau Konstanze Borovansky die Geschicke des Braumüller Verlags bestimmt.
«Mein Name ist Marcello»: In Mailand stellt eine berühmte Schweizer Schriftstellerin ihren neuen Kriminalroman vor. Während der Veranstaltung steht ein Mann aus dem Publikum auf und behauptet, die Schriftstellerin habe seine Biografie gestohlen und seine persönliche Geschichte erzählt. In dem darauf folgenden Skandal droht er mit einer Klage, besucht immer wieder Veranstaltungen, stalkt sie und will herausfinden, warum sie das getan hat. Die Schriftstellerin kann sich das alles nicht erklären, sie kennt den Mann nicht, lässt sich aber auf ein Gespräch mit ihm ein. Die beiden gehen eine Liaison ein und verlieben sich sogar ineinander. Durch die Nähe kommen sie der Wahrheit immer mehr auf die Spur und entdecken Unglaubliches. Eine dicht erzählte Geschichte mit einem erstaunlichen und nicht erwarteten Ende.
„Mein Name ist Marcello“ ist voller Überraschungen, liest sich wie ein Thriller, der sich immer und immer wieder meinen Interpretationen verweigert. So wie die menschliche Seele ein Labyrith ist, so gibt sich die Lektüre dieses Romans.
Verleger Bernhard Borovansky, Evelina Jecker Lambreva und Veranstalter Gallus Frei
«Schreiben» ist die persönliche Auseinandersetzung mit mir selbst, indem ich versuche, eben diese „andere“, die in mir verborgen ist, kennenzulernen. Mit den Worten C.G. Jungs: „In jedem von uns lebt noch einer/eine, den/die wir nicht sein wollen.“ Genau diese möchte ich durch das Schreiben besser kennenlernen: die ich nicht sein möchte, die aber trotzdem irgendwo (auch) mein Inneres bewohnt.
Die Ohnmacht eines Kindes bewegt mich zutiefst, und was später im Verlauf des Lebens aus dieser Ohnmacht entstehen kann – diese Frage entzündet meine künstlerische Fantasie enorm. Wie sich aus einem ohnmächtigen, systematischer Gewalt ausgelieferten Kind später eine Ärztin, eine Schriftstellerin, eine Mörderin oder eine Rechtsextremistin entwickelt, das ist die Frage, die mich in meinen Texten beschäftigt. Denn das ist und bleibt für mich eines der grossen Geheimnisse des Lebens: Wieso machen psychische Traumata von in der Kindheit erlebter physischer und/oder psychischer Gewalt manche Menschen krank und (selbst)zerstörerisch, andere zu autoritären Herrschern oder gar zu monströsen Diktatoren, und andere wiederum zu hochbegabten Künstlerinnen und Künstlern, sowie zu hervorragenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dieses Geheimnis, so denke ich, wird wohl nie von der Wissenschaft gelüftet werden.
«Es war eine unvergessliche Hauslesung bei Gallus und Irmgard Frei-Tomic, an der ich meinen neuen Roman „Mein Name ist Marcello“ vorstellen durfte. In familiärer Atmosphäre, unter den stummen Blicken hunderter von Büchern, zweier Gitarren und eines Klaviers hörte mir ein sehr interessiertes und engagiertes Lesepublikum zu. Aufschlussreiche Fragen, tiefgreifende Gedanken und leidenschaftliche Liebe zur Literatur begleiteten durch den Abend. Ganz herzlichen Dank an alle, die zu diesem gelungenen Anlass beigetragen haben! Für mich ist er zu einem der Höhepunkte des Jahres geworden.» Evelina Jecke Lambreva
Voll Freude ging ich an die Lektüre des neuen Romans dieser von mir geschätzten Autorin. Ich habe das Buch mit Fieber, Gliederschmerzen und Husten im Rahmen einer Sommergrippe gelesen. Vielleicht sind meine Eindrücke dadurch beeinträchtigt. Kurz zusammengefasst hat mich dieses Buch ratlos und verwirrt nach der Lektüre zurückgelassen. Was ist die Aussage, was will die Autorin mir vermitteln? Es gibt historische Hinweise, eher angedeutet, zwei Hauptstränge; Archivar Schibig und die «Alte» einerseits, dann Herr Kern und dessen fast 100jährige Mutter. Das Buch beginnt mit einem Toten in einem zugefrorenen See, wie ein Krimi. Dunkle Machenschaften um Geld und Macht. Nichts läuft je ins Leere, alles hängt zusammen, so die «Alte», hat mir nicht geholfen. Ich bin sehr gespannt, wie du die Lektüre erfahren hast. Wirf mir den erhellenden Anker!
Herzlich Bär
***
Lieber Bär
Als das Buch zu mir nach Hause kam, schnappte es sich zuerst meine Frau. Schon an ihren nonverbalen Verlautbarungen während der Lektüre spürte ich, wie sehr sie das Buch packte. Kaum hatte sie es zu Ende gelesen, machte ich mich daran. Zugegeben, wenn ich von Schriftsteller*innen lese, die ich persönlich kenne, mit denen ich schon bei Lesungen oder ähnlichen Veranstaltungen mitdiskutierte, mag die Objektivität über das Gelesene beeinflusst sein, vielleicht sogar eingeschränkt. Einmal mehr liess ich mich begeistern. Dein Urteil überrascht mich nicht wirklich, weil ich der Überzeugung bin, dass das nicht das erste Buch der Autorin ist, das ein prägnantes Urteil provoziert. Das mag an der Art liegen, wie sie mit ihren Themen umgeht, wie sie die Geschichten, das Personal spielen lässt. Das mag auch daran liegen, dass Martina Clavadetscher von Leser*innen einiges abverlangt. Ihre Bücher sind keine offenen Schaukästen. In jedem ihrer Bücher lädt sie mich ein, weiterzudenken, weiterzuforschen. Türen bleiben verschlossen, wenn man sich nicht selbst daran macht, sie zu öffnen.
Martina Clavadetscher «Die Schrecken der anderen», C. H. Beck, 2026, 333 Seiten, CHF 34.00, ISBN 978-3-406-83698-5
Immer wieder drückt Geschichte durch die Bücher von Martina Clavadetscher. Diesmal ein Stück Vergangenheit – scheinbar. Denn die Vergangenheit zieht ihre Fäden bis in die Gegenwart. Was im Mai 1945 mit der Kapitulation Nazideutschlands ein Ende fand, war damals nicht wirklich zu Ende. Nur wenige der faschistisch gesinnten Entscheidungsträger damals wurden gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Ganz viele tauchten unter, nahmen eine neue Identität an, flohen ins Ausland. Nicht wenige von diesen glaubten, ihre Ideen würden dereinst wieder auferstehen, finanziert von Bankkonten, die man als harmlose, menschenfreundliche Kassen getarnt hatte. Geld all jener, mit denen man im und mit dem Krieg Geld verdient hatte. Geld all jener, die man während der Macht der Faschisten enteignet, eingesperrt und umgebracht hatte. Und wer heute offenen Auges in die aktuelle Politik sieht, reibt sich immer wieder die Augen, wie etabliert gewisse Ideen, Äusserungen und Absichten wieder geworden sind, wie offen man 80 Jahre nach der Kapitulation wieder seine faschistische Gesinnung zeigen kann. Diese Thematik ist in Martina Clavadetschers Buch unüberhörbar.
Aber noch viel mehr. Auch das nicht zu tilgende Lebensmotto „Der Zweck heiligt die Mittel“. Oder der Glaube daran, dass eine Stammlinie in der Familientradition um jeden Preis weitergeführt werden muss. Dieses völlig antiquierte Verständnis von Familie. Herrlich, wie die greise Matriarchin unter dem Dach der Villa noch immer versucht, mit allen nur erdenklichen Mitteln die Geschicke der Familie zu leiten. Dass Familie doch eigentlich etwas ganz anderes ist, ist weit davon entfernt. Und dann der „arme“ Herr Kern; lendenlahm, sehbehindert, diktiert von seine Mutter, herablassend behandelt von seiner Frau Hanna, instrumentalisiert von seiner elitären Clique. Der alte Mann – ein armes Schwein. Ich habe mich auf seine Kosten köstlich amüsiert. Hier spürt man die Theaterfrau. Ich sehe die Kern’sche Villa wie ein offenes Puppenhaus, in dem sich existenzielle Dramen abspielen.
Und dann noch Schibig und die «Alte»…
Lieber Bär, nicht immer trifft ein Buch meinen Nerv. Nicht immer deinen Nerv. Deine Ratlosigkeit bescheinigt dem Buch immerhin, dass es nicht nur einfach unterhalten will.
Martina Clavadetscher geboren 1979, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Nach ihrem Studium der Deutschen Literatur, Linguistik und Philosophie arbeitete sie für diverse deutschsprachige Theater, war für den Heidelberger Stückemarkt nominiert und zu den Autorentheatertagen Berlin 2020 eingeladen. Für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» wurde sie 2021 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sie lebt in der Schweiz.
Der zweite Eimer war einmal weiß. Er gehört zum Haus, er steht in der Ecke hinter den Fahrrädern. Dort steht auch ein Besen mit abgebrochenem Griff, eine Schneeschaufel, ein halbvoller Sack Streusalz. Die Fahrräder sind blau, im Prinzip, aber immer schmutzig; die Hausbewohner fahren über Feld- und Waldwege damit, kann man sich vorstellen, es kleben Schlammspritzer daran und manchmal Gras oder welkes Laub. Ich fege einmal über die Reifenprofile, ohne die Räder zu bewegen, ich fege die abgefallenen Erdkrumen unter den Gestellen zusammen, so gut es geht. Die Luft zieht unter der Hintertür herein, zerstreut den Schmutz und treibt ihn in neuen Anordnungen zusammen, fügt noch weiteren hinzu, Zigarettenstummel, Taubendreck, Grind von der Straße. Der Kellerraum gehört nicht zum Auftrag, aber es ist besser, ihn sauber zu halten, wenigstens einigermaßen, wenn es regnet vor allem, wenn feuchte Schuhsohlen die Brösel als Abdrucke im ganzen Haus verteilen.
Ich lasse Wasser in den zweiten Eimer laufen, obwohl er nicht mir gehört und nicht der Arbeit, das darf ich eigentlich nicht, das Eigentum der Hausbewohner ist unantastbar, aber den Eimer mit nach oben zu nehmen spart mir einmal Hinab und Hinauf, spart also Zeit, spart das Geld der Hausbewohner, so denke ich. Der Arbeitseimer glänzt speckig, neu und türkis. Unsere Eimer werden regelmäßig ersetzt, damit wir die Firma nicht blamieren. Sauber, sauber soll alles an uns sein, als wäre das eine ungebührliche Unterstellung, dass eine Putzfirma den Dreck anderer Leute aus den Häusern trägt.
Meine Gummihandschuhe sind gelb. Es gibt auch grüne Gummihandschuhe, die sind besser, die liegen enger an und man rutscht nicht überall ab damit, aber die grünen Handschuhe sind teurer als die gelben, die müssten wir uns selbst mitbringen, wenn uns die gelben nicht gut genug seien, heißt es aus dem Büro, mit freundlichen Grüßen. Die gelben Handschuhe werden regelmäßig ersetzt.
Die Eimer nicht zu voll, damit das Wasser nicht überschwappt und die Schultern nicht schon schmerzen, bevor man richtig angefangen hat. Ein Eimer mit Lauge, ein Eimer mit Wasser zum Nachwischen. Das Mittel kommt aus einer Flasche mit grasgrünem Etikett, das ist dem Kunden wichtig, sagt das Büro, dass wir etwas für die Umwelt tun. Man fängt oben an. Oben in diesem Haus steht eine Garderobe auf dem Absatz vor der Tür, ein schmaler Schrank, ein Schuhregal. Ein Regenschirm lehnt an der Wand. Mobiliar im Gemeinschaftsbereich ist in all diesen Häusern untersagt. Wir verstehen das Problem und die Überlegung, knappe Wohnfläche, es geht nicht höher hinauf, also kein Durchgang, also stört man niemanden, so werden die sich das vorstellen, aber wir ärgern uns. Man braucht länger zum Wischen. Man kann sich die Beschwerden schon denken, die einem später das Büro mitteilen wird. Die Stelle mit dem Regenschirm spart man garantiert aus. Man muss aufpassen, dass man keine Dellen und Wasserflecken hinterlässt. Man muss sich diese Anzeichen von Wohnlichkeit ansehen, man muss sich jemanden unter diesen verblichenen Turnschuhen vorstellen, einen dünnen Mann stelle ich mir vor, mit sehnigen Armen und wochentags glattrasiertem Gesicht, einen Mann, der auch am Wochenende früh aufsteht, um durch den Park zu laufen in extra Sportkleidung, und gar nicht richtig ins Schwitzen kommt, stelle ich mir vor, und am Ende seiner Runde beim Bäcker Croissants holt für die Frau mit den drei Paar Stiefeln und das Kind, das hier auch wohnt und etwa sieben Jahre alt ist, kann man sich denken, ein blaues und ein braunes Paar Schuhe, Mädchen oder Junge, das weiß ich nicht, die Regenjacke hellrot, das ist uneindeutig, sein Kind oder nur das der Frau, oder umgekehrt, auch das weiß ich nicht, das will ich gar nicht wissen, dann beruht genug Nichtwissen auf Gegenseitigkeit.
Die meisten Bewohner bekommen mich nicht mit. Wenn alles gutgeht, verschwinde ich in meiner Arbeit, bin wie nie dagewesen, Sauberkeit sieht man nicht, nur den Dreck. Wüsste man’s, wenn man die Eimer sähe? Was sagt der zweite Eimer über mich, was sagt das Einsparen von Anstrengungen, was sagt die Farbe meiner Gummihandschuhe? Vielleicht ist das offen, eine Kreuzung, an der alles Mögliche zusammenlaufen kann.
Von rechts nach links, links nach rechts mit der Bürste, so die Treppenstufen hinab. Die Stufen sind dunkelgrau gefliest, man sieht jede Spur, wer sich Dunkelgrau ausdenkt für Treppen weiß nichts von Eimern und Gummihandschuhen, den Schmerzen im Nacken und im Kreuz. In diesem Haus muss ich mit klarem Wasser nachwischen, die Seifenlauge hinterlässt sonst Rückstände, und dann heißt es: die vom Putzdienst machen ihre Arbeit nicht, die schieben nur schnell den Dreck hin und her. Ich hebe den Fußabtreter auf und stelle ihn zusammengerollt auf die Kante, schiebe die Borsten und Krümel auf der Schaufel zusammen, die Schaufel ist aus neu glänzendem Plastik, türkis wie der Eimer. Ich wische eine klare Linie von der Tür bis zum nächsten Treppenabsatz. Der Fußabtreter ist sandfarben mit schwarzer Borte. In der Mitte steht ein einfältiger Spruch, der nicht mir gilt. Bevor ich gehe, werde ich den Fußabtreter zurücklegen, aber andersherum, so dass sich der Spruch der Person zuwendet, die aus der Wohnung hinaustritt, die hat mehr davon.
Von rechts nach links, links nach rechts mit der Bürste, weiter die Treppenstufen hinab. Nicht zu fest, nicht so, dass die Bürste gegen die Kanten knallt. Die Türen bleiben zu, aber manche melden sich im Büro, das ist zu laut, sagen sie, das stört uns beim Verrichten wichtiger Dinge. Dabei bin ich allein gar nicht laut. Wenn er mitkommt, dann ja, wenn er nicht auf mich hört, wenn ich sage, er müsse stiller sein, wenn er, was er immer tut, die Teppiche kommentiert und die Schuhe, die Namen auf den Klingelschildern. Er kommt zum Helfen mit, wie er sagt, damit mir die Arbeit schneller von der Hand gehe, damit meint er nicht, damit ich schneller fertig sei und Zeit hätte für Eigenes, Spaziergänge oder Sport oder was die Leute in ihrer Freizeit tun, sondern dass ich danach außerhalb der Firma Aufträge annehmen, mehr Geld verdienen könne, das meint er, dass wir „uns was leisten“ könnten, zum Beispiel eine Reise zu den Eltern oder einen größeren Fernseher oder vielleicht irgendwann ein Auto, das nicht alle paar Wochen einen neuen Schaden hat. Der Fernseher interessiert mich nicht und mit dem Auto lässt er mich dann doch nicht fahren, nicht einmal zum Supermarkt. Wozu es denn Busse gebe, wozu denn unnötig Benzin verfahren, der Bus halte doch alle halbe Stunde fast direkt vor der Tür. Sein Auto ist grau, er nennt die Farbe „metallic“. Das Auto wäscht er jeden zweiten Samstag ab, auch im Winter, er hat extra Schwämme und Lappen dafür. Danach ist er gut gelaunt. Er fährt zu seinen Freunden und lässt mich mit seinen Kindern allein. Ich müsse nichts machen, sagt er, ich könne gern fernsehen, die Kinder kämen allein zurecht und schließlich habe jedes ein Zimmer für sich, ein eigenes Zimmer, das habe es in unserer Kindheit nicht gegeben. Er sagt das, als wüssten Kinder nicht, was ein Dachboden sei, und als müsste er nicht im Wohnzimmer auf dem Sofa schlafen. Er sagt es, als wären wir alt jenseits von Wünschen für die Zukunft.
Der Fernseher nimmt das halbe Wohnzimmer ein, ein großes schwarzes Fenster ins Nichts. Wenn er keine Aufträge habe, müsse er sich beschäftigen, sagt er, aber bewegen könne er sich nicht, weil ihm von der Arbeit die Anstrengung noch in den Knochen stecke, ganz tief in den Knochen, das könne ich mir gar nicht vorstellen, diese Müdigkeit immerzu. Ich sage nichts. Ich koche und putze und beziehe die Betten neu.
Manchmal, wenn wir uns vertragen, setze ich mich neben ihn und sehe, was er sieht auf dem großen Bildschirm. Manchmal bringe ich ihm ein Bier aus dem Kühlschrank und nehme mir auch eins. Wenn die Mutter uns sähe, sagt er dann, wie wir hier sitzen. Wie wir hier sitzen, sage ich, wie wir die Flaschen ohne Untersetzer auf den Tisch stellen, das gäbe schön Streit. Dann lachen wir beide.
Sie dürfen Ihren Mann nicht mit zur Arbeit bringen, heißt es aus dem Büro, aber er ist nicht mein Mann, er ist mein Bruder, einen Bruder wird man nicht los, schon gar nicht, wenn man das Haus der Eltern mit ihm teilen muss, weil es sonst nicht geht, weil man leider sogar Geld braucht, bevor man sich ein Haus aufteilen kann, das einem schon gehört.
Für die letzten beiden Treppen lasse ich frisches Wasser in die Eimer laufen, denn unten ist es schmutziger als oben, dort kommen mehr Menschen vorbei, einfache Rechnung. Wenn jetzt nur niemand hinausmuss. Wenn jetzt nur niemand hereinkommt und über die feuchten Fliesen stapft. Aus der Wohnung im Erdgeschoss riecht es nach Essen. Eine Frau singt ein Lied aus dem Radio mit. Leise, leise wische ich an der Türkante vorbei, damit sie mich nicht hört und mir einen Kaffee anbietet. Sie hat das schon mehrfach versucht und sah ehrlich enttäuscht aus, als ich den Kopf schüttelte. Das Büro gestattet solche Pausen nicht. Wir sollen die Bewohner in Ruhe lassen. Was, wenn euch jemand sieht, wie ihr Geld verdient mit Kaffeetrinken, heißt es. Das könne man sich als Firma nicht erlauben.
Ich schwenke beide Eimer sorgfältig aus, auch den alten, der zum Haus gehört. Auf dem Weg nach oben wische ich mit einem sauberen Lappen das Geländer ab. Das machen nicht alle. Einige nehmen mit Bedacht den schmutzigen Lappen und freuen sich, wenn sie an die Bewohner denken, die sich an ihrem eigenen Dreck festhalten beim Treppensteigen. Ich sehe das nicht ein, einen Schaden zuzufügen, dessen Erfolg man nicht überprüfen kann. Ich lege die Fußmatten zurück. Ich bin fast fertig. Die Kellertür steht noch offen, ich muss noch meine Jacke holen und meine Handtasche. Meine Jacke ist alt, wer zieht sich auch schön an zum Putzen, und die Handtasche praktisch. Ich betrachte kurz meine Hände, die sind aufgequollen, ein bisschen grau an den Gelenken, und tun weh.
Entschuldigung, sagt die Frau beim Eintreten, es tue ihr sehr leid, aber sie müsse nach oben.
Die Frau trägt einen hellen Wollmantel und eine Handtasche, die ich aus einer Reklame kenne. Sie hält inne, als warte sie auf meine Erlaubnis. Ist trocken, sage ich, kein Problem.
Die Mülltonne müsse ich nicht in den Keller tragen, sagt die Frau und lächelt, die könne ich gern draußen stehen lassen, ihr Mann kümmere sich am Abend darum, ich müsse die nicht schleppen.
Die Mülltonne gehört nicht zum Auftrag, für die bin ich nicht zuständig. Ich hätte sie auch so stehen lassen.
Danke, sage ich. Ich warte, bis sie ihre Wohnungstür schließt und wische noch schnell die Stufen nach, bevor ich gehe.
Elise Schmit wurde 1982 in Luxemburg geboren und ist dort aufgewachsen. Sie hat Germanistik und Philosophie an der Universität Tübingen studiert. Nach zwei längeren Aufenthalten in Tübingen und einem kürzeren in Paris lebt und arbeitet sie seit 2012 wieder in Luxemburg. Mehrfach wurden ihre Texte beim Concours littéraire national in Luxemburg ausgezeichnet, unter anderem die Erzählung «Im Zug». «Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen» ist ihre erste eigenständige Buchveröffentlichung.
Manchmal erbt man „Dinge“, die man nicht verweigern kann. Von Generation zu Generation. Und wenn es nur die Angst davor ist, Opfer zu werden von etwas, was sich in der Abfolge der Generationen wie eine genetische Unverückbarkeit festgesetzt hat. Leon Engler erzählt in seinem Romandebüt von einen jungen Mann und seiner Angst, verrückt werden zu müssen.
Als seine Mutter stirbt, bleiben sieben Kartons in einem Lagerabteil in Wien. Die falschen Kartons, denn alles, womit man die Schulden seiner Mutter noch hätte begleichen können, wanderte in die Müllverbrennung. Übrig blieben sieben Kartons mit Dingen, die seine Mutter aussortiert hatte; alte Rechnungen, Steuererklärungen, ungeöffnete Briefe, Müll. Als er seine Mutter zum letzten Mal in der Wohnung besuchte, bevor sie nach der Zwangsräumung in die Klinik kam, war die Mutter nicht nur aus ihrer Wohnung, sondern auch aus ihrem Leben ausgezogen. Einem Leben, das nie zur Ruhe gekommen war, einem Leben mit wenigen Höhen und einer langen Kette von Tiefen. Schon die Mutter seiner Mutter war wie Wasser, ständig in Bewegung, ständig den Zustand wechselnd. Bipolar, zwölf Suizidversuche. Der Vater depressiv und dem Alkohol verfallen, schon lange von seiner Frau getrennt, war schon lange nicht mehr der Fels, der er hätte sein wollen und müssen.
Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit.
Dass er als Junge in ein Internat kam, war eine Befreiung. Und das Studium in den Staaten ein einzig grosser Versuch, um sich aus den festgeschriebenen Mechanismen einer zum Wahnsinn verurteilten Familie zu befreien. Er studiert Psychologie. Nicht zuletzt darum, um eben jene Mechanismen zu verstehen, seine Angst vor dem Wahnsinn zu zähmen. Bis er als Arzt zurückkehrt, in der Psychiatrie arbeitet, dort, wie man alle nach Diagnosen sortiert, um sich selber von seiner Angst zu heilen. Ich leide unter Agateophobie, der Angst, verrückt zu werden. Was bei der Mutter zu einer Selbstverständlichkeit wurde, war es schon bei der Grossmutter. Sie schluckte Pillen mit sedierender, hypnotischer und narkotischer Wirkung wie Bonbons. Zwölf Mal verkündete sie ihren Glauben, dass es sich nicht lohne zu leben. Immer wieder verschwand die Grossmutter in der Psychiatrie. Ein Muster, dass sich in seiner Mutter fortsetzte.
Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont, 2025, 208 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-7558-0053-8
Er studierte, schloss das Studium ab, von dem er überzeugt war, dass es ihn zu nichts qualifizierte. Er beginnt eine Stelle in der Psychatrie, wird mehr hineingestossen, als dass er die Aufgaben in Angriff genommen hätte – und er liest. Er liest viel. Weil das Lesen das einzige ist, das ihn vor dem Verrücktwerden zu schützen scheint. Lesen, um nicht nachzudenken. Er schickt sich in den riesigen Apparat einer Klinik, von Abteilung zu Abteilung „weiterbefördert“, immer unsicher darüber, auf welcher Seite er wirklich steht. Wir versuchen hier, schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln.
Entweder passen wir den Patienten der Therapie an. Oder wir passen unsere Theorie an den Patienten an.
Was ist normal? Wer ist normal? Warum gibt es so vieles, dass nie dieser Norm entspricht? Warum fallen jene, die dieser Norm nicht entsprechen durch alle Netze, die sich eine Gesellschaft zum täglichen Überleben eingerichtet hat? Warum hat unsere Gesellschaft keinen Platz für jene Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen? „Botanik des Wahnsinns“ hat nichts, gar nichts von einer Abrechnung. Es ist auch kein Hadern mit der Geschichte, der Herkunft, der Familie. Der Roman ist in aller Offenbarung und Ehrlichkeit eine Liebeserklärung, ein liebvoller Erklärungs- und Ordnungsversuch. Da erzählt jemand, der sich beinahe schämt, übergelaufen zu sein. Der Roman ist aber auch eine stille und gleichermassen subtile Kritik am Umgang mit den „Verrückten“ in den dazu eingerichteten Institutionen, ohne damit pampig oder besserwisserisch zu klingen. Neben der Liebeserklärung an seine Familie, den Bildern, die mit so viel Respekt geschrieben sind, ist es auch eine Liebeserklärung an all die Gestrandeten, die Gesellschaft die «Kranken» nennt.
Das schreibt einer, der die Menschen ernst nimmt, erst recht jene, die durch die Maschen fallen. Ein Buch, in dem ich Sätze lese, die hängen bleiben, die sich tief eingraben. Ein Buch, das zu verstehen hilft!
Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. «Botanik des Wahnsinns» ist sein Debütroman.
Menschen über 60 sind zwar jene die lesen, aber nicht unbedingt jene, die das Personal in Büchern ausmachen. Menschen über 60 – ein Alter im dazwischen. Dort, wo sich meistens ein letztes Mal eine grosse Umwälzung abspielt – oder auch nicht. Sabine Peters beschreibt in ihrem eigenwillig erzählten Roman von einer Handvoll Menschen, die den Sprung in die Freiheit nicht schaffen.
Hermann Dik ist 66 und Allgemeinmediziner in Hamburg St. Georg. Die meisten nennen ihn bloss Doc, nicht zuletzt deshalb, weil er mit jeder Faser in seiner Praxis bleibt, ein Fixstern in einer Maschinerie, aus der er sich nicht schälen will und kann. Obwohl ihn die Knochen schmerzen und der Schlaf nachts ein selterner Gast ist. Obwohl oder gerade weil es seit dem Tod seiner Frau Lucy ruhig in seinem Leben, seiner Wohnung geworden ist. Eine Ruhe, die nur dann und wann gestört wird. Wenn seine Nachbarin Mechthild wie jede Woche einmal zum Filmabend mit Nachtessen erscheint. Oder Brummer, ein Studienfreund, pensionierter Kunsthistoriker, der sich nicht damit abfinden kann, dass seine akademische Karriere sang- und klanglos vorübergegangen ist.
Sabine Peters «Die dritte Hälfte», Wallstein, 2025, 231 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-8353-5760-0
Doc, von früh bis spät in seiner Praxis, dirigiert und eingeteilt von seiner Praxishilfe Christine, einer Frau mit sechs Armen, meistert sein Dasein als Arzt durchaus. Aber wenn er nachts wach in seiner Wohnung herumgeistert, frisst die Einsamkeit an ihm, seine Ruhelosigkeit. Und wenn ihn dann der Schlaf trotzdem einlässt, dann plagen ihn Alpträume, denen er in seiner kleinen blauen Kladde, einem Notizbuch, möglichst gereimt und mit demonstrativer Leichtigkeit etwas entgegenzustemmen versucht. Manchmal besucht ihn Brummer, der in Bonn ein ruhiges Leben führt, in Hamburg, nistet sich für ein paar Tage in Docs Wohnung ein, raucht wie ein Schlot, und bringt mit seinen hypochondren Gesprächen die sonst so ruhige Zeit neben seiner Praxis aus dem Gleichgewicht.
Auch Docs Schwester Kerstin versucht an der Existenz ihres Bruders zu rütteln, wo doch alle andern, zumal Docs Patienten, ganz froh sind, dass sich die Welt nicht allzusehr in eine andere Richtung zu drehen beginnt. Doc ist einer jener Ärzte, die noch Hausbesuche machen, deren Leben fast nur aus Arbeit besteht, die gefangen sind im Hamsterrad, denen nicht gelingen will, was der Begriff „Ruhestand“ verspricht.
Sabine Peters erzählt kaum Geschichten. Ihr Roman ist ein grosser Teppich, zusammengefügt aus Episoden, Gedanken, Briefentwürfen, Traumsequenzen und Selbstgesprächen. Die Handlung springt zwischen Personal und Erzählebenen. Ein Roman wie ein grosses Gemälde, ein Bild mit lauter kleinen Szenen, ein Bild, das sich weder in Wehleidigkeit suhlt, noch dem Alter über 60 einen Bleimantel überstreift. Sabine Peters Roman ist ein Sittenbild der Moderne, ein entlarvender Roman über eine auf Hochleistung getrimmte Gesellschaft, über Menschen, die trotz Beziehungen einsam bleiben, für sich. Und trotzdem sprüht Sabine Peters Erzählen vor Sprachlust und Sprachwitz.
Zugegeben, „Die dritte Hälfte“ ist kein Buch mit episch, filmischer Erzählspur. Dafür der Beweis, wie vielfältig, bunt, wendig und verspielt Literatur sein kann. Ein Buch für Feinschmecker*innen!
Sabine Peters, geb. 1961, studierte Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie in Hamburg. Nach einigen Jahren im Rheiderland lebt sie seit 2004 wieder in Hamburg. Neben Romanen, Erzählungen, Hörspielen schreibt Sabine Peters auch Essays und Kritiken. Sie wurde ausgezeichnet u.a. mit dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, dem Clemens-Brentano-Preis, dem Evangelischen Buchpreis und dem Georg-K.-Glaser-Preis. 2016 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis.
Thomas Korsgaard gilt als eine Art wildes Wunderkind der jungen dänischen Literatur. Was entschieden an seiner autofiktionalen Familientrilogie liegt. Ein Sprung in den zweiten Band: „Stadt“, so der schnörkellose wie passende deutsche Titel.
Ob das eine gute Idee ist, das Wohnzimmer schwarz zu streichen? Wäre nicht ein simples weiß oder vielleicht ein helles blau passender und besser? Selbst an ein zunächst aufdringliches flieder-lila könnte man sich gewöhnen oder an ein ländliches grün. Aber schwarz? Nur schwarz … Da muss man schon über einen besonderen Humor verfügen.
Oder man hat ernsthafte Probleme, wie Tues Mutter, die mal artig ihre Tabletten nimmt, nachdem sie aufgestanden ist, die Pillen gegen Migräne, später die, um besser zu schlafen zu können oder die anderen, die sie in der Familie ‚die Glückspillen‘ nennen und die sie immer mal wieder absetzt, um bald darauf tagelang im Bett gefangen zu liegen, einerseits. Andererseits waren die zwei Eimer schwarzer Farbe in dem Geschäft in der Stadt nun wirklich günstig. Und sie fangen an zu malern, Mutter und Sohn, sie legen den Fußboden mit alten Werbeprospekten aus, sollten sie kleckern, müssen sie nichts wegwischen, das ist doch praktisch gedacht, sie streiten sich bald, um Geld geht es nebenher, doch mehr darum, das Tue doch gestört ist, so wie Tue findet, dass seine Mutter gestört sei, draussen an der Fahnenstange hängt statt des obligatorischen rot-weissen Danebrog ein Gartenstuhl aus Plastik.
Wir sind nicht in Kopenhagen (in einem der angesagten, einst proletarisch-kleinbürgerlichen und nun gentrifizierten und damit unbezahlbaren Vierteln oder am Rande der Stadt, wo sie langsam ins Gesichtslose ausläuft). Wir sind auch nicht in Aarhus. Nicht mal in Odense sind wir oder in Aalborg oder in Esbjerg, wo der Hund seit langem begraben ist. Wir sind auf dem Lande, abseits von allem, wir sind in der Provinz, wo sich die Schweineställe aneinanderreihen, wie man weithin riecht, besonders in der Nacht; wo der Regen von der Seite her weht und das tagelang, wo morgens und mittags der Schulbus fährt, und dann war es das. Also hat man ein Auto, irgendeine Blechkiste, die doch anspringt, wenn man ihr gut zu redet, was manchmal Zeit braucht, die man hat. Der Tag zerrinnt einem ohnehin zwischen den Fingern. Es wird überhaupt viel Auto-gefahren in diesen Romanen, das Auto ist ein eigener Ort, ein Rückzugsparadies: Tues Mutter etwa fährt manchmal scheinbar kopflos durch die Gegend, Kilometer für Kilometer und beruhigt sich dabei oder versucht es wenigstens und schon das zählt; ins Auto flüchtet man, wenn man nicht weiterweiss vor Streit und vor Verzweiflung und vor Hoffnungslosigkeit, und selbstverständlich wird in diesen Autos geraucht. Warum denn auch nicht.
Thomas Korsgaard „Stadt“, Kanon Verlag, 2025, aus dem Dänischen von Justus Carl und Kerstin Schöps, 280 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-98568-141-9
Wer hier aufwächst und wer hier ist, wo Tue mit seinen Eltern lebt und seinem jüngeren Bruder Morten und der noch jüngeren Schwester Nina, auf einem heruntergekommenen Hof, den sich kaum zu bewirtschaften lohnt, der will – weg. Und das möglichst früh und dann möglichst schnell, eher vorgestern, denn übermorgen will er seine ohnehin wenigen Sachen gepackt haben und sein Glück woanders suchen und daher finden, in der nächsten Stadt, wo sonst. Erst recht, wenn man als junger Kerl merkt, dass Mädchen ganz okay sind, manchmal mehr als das (Tues bester Freund ist eine Freundin, Iben heißt sie, sie kennen sich seit der Schule, und sie werden viel zusammen erleben, weil sie sich aufeinander verlassen können), aber dass es nicht um sie geht, am Ende, lässt sich schließlich nicht mehr ausblenden, um es mal so zu umschreiben. Was Tues robust-brachialer Vater (der die Zeitung Buchstabe für Buchstabe liest, den Zeigefinger auf der Zeile) besser nicht wissen sollte und der doch ahnt, was er nicht wahrhaben will.
Als Thomas Korsgaard mit zarten 21 Lebensjahren mit dem ersten Band seiner Familientrilogie die literarische Bühne seines Heimatlandes Dänemark betrat, ging ein Raunen durch dessen Feuilletons. Das sich nicht legte, als Band zwei erschien und dann Band drei. Die im ersten Schwung verkaufte Auflage: 300.000 Exemplare. Das ist für ein Land mit knapp sechs Millionen Einwohnern keine kleine Nummer; dazu gesellten sich literarische Auszeichnungen. Was besonders gefiel: wie aufrichtig schonungslos und zugleich emphatisch ehrlich Korsgaard ein Familienleben weit abseits der gediegenen, wohlreflektierten (nicht nur) dänischen Mittelschicht schilderte, was einem vielleicht nur als jungem und entsprechend unbefangenen Autoren gelingt; wo also die Fliehkräfte der Relativierungen und der Erklärungen mit ihrem Rechtfertigungsgehalt noch nicht greifen. Stattdessen ist hier nix hyggelig. Hier wird es auch nicht gemütlich. Hier wird es schwer, sich seiner Haut zu erwehren und zugleich seine Herkunft nicht leichtfertig zu verraten (man hat ja keine andere, woher sollte die auch kommen), und mit Gelassenheit kommt man schon gar nicht weit. Und so führt „Stadt“ (der dänische Titel lautet ‚En dag vil grine af det‘, also ‚Eines Tages werden wir darüber lachen‘) uns in die Zwischenwelt des Helden Tue, der längst kein Kind mehr ist, aber für den der Weg in eine aufbauende Schule, möglicherweise weiterführend zu einem Studium noch Langstrecke bedeutet.
„Stadt“ vorausgegangen ist „Hof“, auch dies ein Deutsch prägnant-verkürzter Titel (im Dänischen heißt es etwas gelassener ‚Hvis der skulle komme et menneske forbi‘, also ‚Falls da ein Mensch vorbekommen sollte‘), wo wir Tue kennenlernen, wo wir eintauchen in seine Welt. Wie es wohl wäre, wenn der Vater morgen sterben würde, was für eine Rede würde sein noch so junger, gerade mal 12jähriger Sohn in der Kirche halten vor den Trauergästen (weisse, langstielige Lilien schmücken den Kirchenraum, der Leichenwagen des Bestatters ist unterwegs liegengeblieben, die Dänische Pannenhilfe hilft eben aus), nur mal ausgedacht, nur mal taggeträumt, in der Kirche eines Ortes namens Nørre Ørum, wo in der Ferne der Fernzug Hamburg – Kopenhagen vorbeifährt, einen „Vorort der Finsternis“, wie Tue es für sich beschreibt, so geht es los, so steigen wir ein und sind froh, von nun an dabeibleiben zu dürfen. Tag nach Tag, Woche für Woche, bis es in die Monate und dann Jahre geht, die spurenreich vorbeiziehen.
Und dieser Sog, er wird nicht aufhören. Was vor allem an der wunderbaren Erzählkunst von Thomas Korsgaard liegt (und an den Übersetzungskünsten seiner ÜbersetzerInnen) über den eigentlichen Stoff hinaus; an seiner Art, die scheinbar alltäglichen Erlebnisse vom Aufwachsen in einer – sagen wir mal – eher nicht so glücklichen Familie mit den grundsätzlichen Fragen von Herkunft, Selbstbestimmung und Identität zu verknüpfen und daraus eine eigene Welt des Großen wie Kleinen zu erschaffen, in die man sich hineinliest wie in einen Rausch. Was noch mal unterstützt wird durch die klare Erzählstruktur: kurze, knappe und aufeinander aufbauende und in sich geschlossene Kapitel reihen sich aneinander zu einem Reigen des familiären Stillstandes und der überraschenden Wendungen. 53 Kapitel sind es bei „Hof“, 67 Kapitel sind es bei „Stadt“.
Noch ein Kapitel lesen, denkt man sich, es ist ja nicht so lang; zwei, drei Seiten, auch mal fünf, sehr selten mehr. Und dann noch das nächste und das nächste Kapitel lesen, ach, das übernächste passt auch noch, man will ja auch ganz klassisch wissen, wie es weitergeht, was nun passiert, hat Tues Mutter wirklich einen Liebhaber oder was ist das für ein Mann, mit dem sie da ständig chattet und wird sie deswegen die Familie verlassen, was so unvorstellbar ist wie möglich, eine Rettung oder eine Katastrophe oder beides zugleich, und schon hat man die nächste Seite umgeschlagen, und fängt das nächste Kapitel an zu lesen.
Der dritte Band „Paradies“ ist in deutscher Übersetzung für das Jahr 2026 angekündigt. Und dann werden wir erfahren, wie es Tue in Kopenhagen ergehen wird, dort im Westen, im Stadtteil Valby, wo die Busse den ganzen Tag über fahren, auch am Abend, bis in die Nacht, man muss sich nur an eine Haltestelle stellen und dann kommt einer vorbei und nimmt einen mit.
Thomas Korsgaard «Hof»,Kanon Verlag, Berlin, 2024, ebenfalls von Justus Carl und Kerstin Schöps aus dem Dänischen übersetzt
Thomas Korsgaard, geb. 1995, schrieb seinen Debütroman «Hof» mit gerade mal 21 Jahren. Band 2 und 3 der Trilogie folgten wenige Jahre später. Seine Romane haben sich in Dänemark mehr als 300.000 Mal verkauft. Für seinen letzten Roman wurde Thomas Korsgaard mit dem Literaturpreis Goldene Lorbeer ausgezeichnet und ist damit der jüngste Preisträger aller Zeiten. Bei Kanon erscheinen Band 2 »Stadt« im Frühjahr 25 und Band 3 »Paradies« im Herbst 26.
Wir sind mehr als die Summe unserer Teile, müsste man der Autorin entgegenhalten, wenn der Titel nicht Programm und Provokation gleichzeitig wäre. Paola Lopez Debüt ist eine Familiensaga, die Geschichte dreier Generationen aus der Sicht ihrer Frauen. Ein Roman darüber, dass unser Leben immer auch auf ganz vielen Leerstellen gebaut ist. Eine Tatsache, die mit einem Mal alles aus scheinbarem Gleichgewicht bringen kann.
Grossmutter Lyudmiła war in Beirut angesehene Chemikerin, ihre Tochter Diara ist Kinderärztin in München und die Enkelin Lucy, Informatikstudentin in Berlin. Ihre Geschichten, die Geschichten ihrer Familie werden aus der Sicht dieser drei Frauen erzählt, starker Frauen, die alle in ihrem Leben, ihren Ansprüchen einer ordentlichen Portion Kompromislosigkeit „unterworfen“ sind.
Dreh- und Angelpunkt des Romans ist der Sommer 2014. Lucy hofft auf einen angenehmen Sommer und dass sie es endlich schafft, zusammen mit Phil, ihrer WG-Mitbewohnerin ihr Computerspiel fertigzustellen. Aber als sie nach Hause kommt, steht da ein schwarzer Steinway-Konzertflügel in ihrem Zimmer, ein glänzendes Ungetüm, das alles zu verdrängen scheint, zugeschickt von ihrer Mutter, mit der sie seit drei Jahren keinen Kontakt mehr hat. Mit einem Mal zwingt dieses Ungetüm Lucy, sich mit ihrer Familie auseinanderzusetzen, all dem Unausgesprochenen, den Geheimnissen, von denen sie Ahnungen mit sich herumträgt, die aber nie zu Gewissheiten wurden. So sehr der Konzertflügel das schwarze Loch in ihrer Familie symbolisiert, so sehr treibt dieser Flügel Lucy auf eine Reise, eine Reise in die Vergangenheit, eine Reise ins polnische Sopot, wohin ihre Grossmutter einst als zwölfjähriges Mädchen „abhaute“.
Ihr ganzes Leben hat sie in einem Raum verbracht, den zu kennen sie geglaubt hat. Und jetzt entdeckt sie eine geheime Tür, die die ganze Zeit über da gewesen ist.
Paola Lopez «Die Summe unserer Teile», Tropen, 2025, 256 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-608-50272-5
Grossmutter Lyudmiła stammt aus Polen und wollte nichts anderes werden als Chemikerin. Marie Curie war ihr grosses Vorbild. Nichts und niemand sollte diesem Ziel im Weg stehen. Der Krieg vertreibt sie aus ihrer Heimat. Lyudmiła wird in Beirut zu einer gefragten Wissenschaftlerin, heiratet einen Kollegen und ist wegen einer Schwangerschaft gezwungen, ihrem Mann nach Deutschland nachzureisen. Daria, ihre Tochter, wächst auf mit dem Gefühl, stets nur Nebensache zu sein, wird von einer Nanny grossgezogen und lässt die Beziehung zu ihrer Mutter erkalten. Als sie mit Lucy schwanger ist, schwört sie sich nicht nur selbst, dass sie ihre Tochter nicht in fremde Obhut geben werde. Ein Entschluss, den sie vor der dominanten Mutter immer und immer wieder verteidigen muss.
Lyudmiła wuchs in Polen auf, studierte in den USA und forschte in Beirut. Ihre Tochter eröffnet in München eine Gemeinschaftspraxis. Lucy, die Abkürzung von Lyudmiła, sagt von sich selbst, sie sei halb Deutsche, ein Viertel Libanesin, ein Viertel Polin. Alle drei Frauen erzählen ein Stück Leben, das von Unruhe geprägt ist, von der Unfähigkeit, die Geschichte der Familie von Generation zu Generation weiterzugeben, im Schweigen stecken zu bleiben, keine Sprache für die ganz eigene Vergangenheit zu finden – und sie nie teilen zu können.
Lucy lernt auf ihrem Tripp nach Sopot im Zug Władek kennen, einen jungen Mann der tagsüber sein Geld als Schaffner verdient und nachts Platten auflegt und Musik produziert. Lucy ist fasziniert und lässt sich nur zu gerne von dem jungen Mann aus der Reserve locken. Er ist der, der die Fragen stellt, die sie sich nicht einmal selbser zu stellen traut. Sie ruft dann doch ihre Mutter an. Und mit einem Mal ist Diara in der Stadt, dort, wo Lucy sie niemals erwartet hätte. Und es beginnt das, was Krusten aufreisst und Lucy ihre Familie zurückgibt.
Eine umfassende Grammatik der Familie bekommt man nicht geliefert. Man muss selber danach suchen und die unvollständigen Brocken, die man findet, zu einem Gesamtbild zusammenkratzen.
„Die Summe unserer Teile“ ist Familien- und Mutter-Tochtergeschichte. Geschickt verwoben drei vehemente Frauengeschichten, die sich auszuschliessen drohen, denen die Stimme zu versagen droht, wenn es um das geht, was die Ungleichung Familie ausmacht. Ein Buch darüber, dass der Versuch einer Gleichung nur aufgehen kann, wenn alle Variablen sichtbar sind. Ein Buch darüber, dass das Wohin erst sichtbar wird, wenn das Woher sich zeigt. Ein Roman, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit auf raffinerte Weise ineinanderschieben.
Paola Lopez, geboren 1988 in Wien, ist Mathematikerin und promoviert interdisziplinär über Künstliche Intelligenz. Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen und schreibt für den Merkur eine Kolumne zu KI. Für die Arbeit an ihrem Debütroman «Die Summe unserer Teile» wurde sie mit dem Theodor Körner Preis 2023 gefördert. Paola Lopez lebt in Berlin.
Gloria kommt aus Kamerun, Mohammed aus Marokko. Beide leben als Sans-Papiers in der Schweiz, sie als Nanny, er auf dem Bau. So wie Tausende in der Schweiz über Jahrzehnte illegal arbeiten, meist ohne Sozialversicherungen, in einer Schattenwelt. Isabelle Flükiger bricht in ihrer literarischen Reportage eine Lanze, wird zu einem Sprachrohr derer, die sich aus lauter Angst nicht trauen.
Isabelle Flükiger ist schockiert, als sie erfährt, dass eine ihrer Freundinnen eine „Sans-Papiers“ beschäftigt, die sich um ihre beiden Kinder kümmert. Die Schriftstellerin lernt die Frau aus Kamerun kennen, die damals seit 15 Jahren ohne gültige Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz lebte und arbeitete. 15 Jahre weit weg von einer Heimat, die ihr und ihrer Familie keine Überlebenschance ermöglicht, 15 Jahre weg von ihren Kindern, die bei ihrer Schwester aufwachsen, deren Leben sie aus der Schweiz finanziert. Hier Familien, die sich eine Nanny leisten können, um sich den Traum einer Familie zu verwirklichen. Dort eine Familie, die hinnehmen muss, dass sie fast ohne Perspektiven schutzlos in einer dunklen Nische der Gesellschaft diesem einen Traum anderer dienen muss.
Im Laufe ihrer Recherchen, auch der Auseinandersetzung mit Beamten, Ämtern, Paragraphen und Gesetzen, lernt Isabelle Flükiger auch Mohammed kennen. Mohammed ist 26, aus Marokko, und lebt bei ihrem ersten Zusammentreffen seit fünf Jahren in der Schweiz, arbeitet manchmal 14 Stungen pro Tag für 1000 Franken im Monat, bezahlt die Hälfte dafür für ein Bett in einer kläglichen Absteige und lebt in der permanenten Angst davor, im Gefängnis zu landen oder abgeschoben zu werden. Wehe ihnen, wenn ihnen etwas bei der Arbeit zustösst, wenn Unfall oder Krankheit das Funktionieren abbricht. Mohammed ist ein abgewiesener Asylbewerber. Einer, dem man ein weisses Stück Papier zusandte mit der Aufforderung, das Land zu verlassen, ohne gültige Ausweise, ohne Zukunft. Damals, als er seine Heimat verliess, stürzte sich seine ganze Familie in den Ruin, damit er sein Glück finden sollte, und mit ihm die ganze Familie.
Isabelle Flükiger «Gloria.Mohammed. Eine Erzählung von der dunklen Seite des Glücks», Rotpunkt, 2025, aus dem Französischen von Ruth Gantert, 168 Seiten, CHF ca. 28.00, ISBN 978-3-03973-053-7
Gloria ist gut in dem, was ihr aufgetragen wird. Kinder mögen sie. Sie selbst lebt in dem, was andere Freizeit nennen, in einer kleinen Wohnung in einem Quartier in einer Stadt, die sie nicht mag. Dient Erwachsenen, die ihr permanent unter die Nase binden, wie froh und dankbar sie sein muss, dass sie als Illegale eine so gut bezahlte Arbeit bekommt. Gloria sammelt in einem Ordner all die Korrespondenz, die als Kampfspur für ihre Rechte hinter ihr liegt. Rechte, die ihr nicht zuletzt von einem heuchlerischen System verweigert werden, einem System, das auf diese Arbeit angewiesen ist, eine Gesellschaft, die sich gnadenlos an diesen Arbeitskräften bedient und dabei auch noch glaubt, etwas Gutes zu tun.
Ein Leben in der Schweiz, das jene, die weit unter dem Existenzminimum vegetieren müssen noch weiter in die Illigalität drängt. So wie Mohammed, den die Polizei auf einer Baustelle nach Kontrollen erwischt und mit auf den Posten nimmt. Die drei Mobiltelefone bei ihm findet und feststellt, dass eines davon gestohlen wurde. Mohammed, ausgebeutet von seinen Arbeitgebern, ausgebeutet von jenen, die ihm ein Bett vermieten, enttäuscht von einer erhofften Liebe, ausgerechnet die Tochter seines Chefs, von der Polizei gezwungen einen Kameraden zu verraten, um der Gefängniszelle zu entgehen, fürchtet sich vor jeder Spur, die er hinterlässt. Immer noch ein Widerhaken mehr, der in nicht aus seinem Schlamassel freilässt.
Was Isabelle Flükiger in eindrücklicher Weise gelingt, ist die Mischung aus empathischer Schilderung zweier Schicksale, ohne dabei allzu sehr in Emotionen zu rühren, und der schonungslosen Auflistung all jener Spielweisen bürokratischer und politischer Kräfte, die alles daran setzen, dass jenen gegeben wird, die bereits haben und all die goldenen Brunnen, die die Konten füllen munter weiter fliessen. Von einer Baubranche, die ihren Gewinn auf dem Rücken derer maximiert, die sich nicht zur Wehr setzen können und gezwungen sind, zu nehmen, was ihnen geboten wird. Von wohlhabenden Menschen, die sich mit ungeheuerlicher Arroganz und Gedankenlosigkeit am Glück anderer bedienen, um das eigene aufrecht zu halten. „Gloria.Mohammed. Eine Erzählung von der dunklen Seite des Glücks“ ist maximal ehrlich und macht tief betroffen.
Isabelle Flükiger wurde 1979 im westschweizerischen Freiburg geboren. Nach ihrem Studium der Politik- und Literaturwissenschaft und einem längeren Berlin-Aufenthalt lebt sie heute in Bern. Von ihren in der Romandie vielfach ausgezeichneten fünf Romanen liegt auf Deutsch Bestseller vor (Rotpunktverlag, 2013), dessen „Pfiffigkeit und Scharfsinn“ (NZZ) von der Presse einhellig gelobt wurde.
Ruth Gantert, 1967 in Zürich geboren, studierte Romanistik in Zürich, Paris und Pisa. Sie war Dozentin für französische Literatur an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen und arbeitet heute als Literaturvermittlerin, Übersetzerin und Redaktionsleiterin des dreisprachigen Jahrbuchs der Schweizer Literaturen Viceversa. Sie lebt in Zürich.