Jehona Kicaj «ë», Wallstein

Der Buchstabe ë im Albanischen ist ein Buchstabe, der oft stumm bleibt. Eine Art Platzhalter. Vielleicht ein Platzhalter für all das Unausgesprochene, Verschwiegene. Dass die junge Autorin Jehona Kicaj mit ihrem Debüt „ë“ den Versuch einer Sprachfindung all dessen unternimmt, was ihre Heimat in ein kollektives Trauma trieb, ist mutig und mit dem Roman ein Sprachkunstwerk. Eine Ergründung der Sonderklasse!

Der 2006 im Gefängnis in Den Haag verstorbene ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, verantwortlich für tausendfachen Mord an unschuldiger Zivilbevölkerung. Einer der vielen Exponenten unmenschlicher Aktionen während der Balkankriege nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Wie fatal zu glauben, dass all die Gräueltaten von damals, auf welcher Konfliktseite auch immer, mit Friedensverhandlungen und Waffenruhe zu Ende wären. Was damals tiefe Wunden ins Kollektiv ganzer Bevölkerungsgruppen riss, ist nicht mit einem Datum zu befrieden. Jene Wunden schmerzen noch immer. Die Narben nässen. Sollte der Angriffskrieg Putins in der Ukraine jemals ein Ende finden, der Bürgerkrieg im Sudan, das Blutvergiessen in Syrien und im Iran oder der tödliche Hass zwischen Juden und Palästinensern, wird es Generationen des aktiven Versöhnens brauchen, um wirklich zu befrieden, um den in die Gene eingeschriebenen Schmerz zu lindern, ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen.

Jehova Kicaj «ë», Wallstein, 2025, 176 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-8353-5949-9

Jehona Kicajs Roman ist der literarische Versuch, Antworten zu bekommen, genau diesen Schmerz zu lokalisieren. Jenen Schmerz, der dann auftritt, wenn sie, die sie im Kosovo aufwuchs und in Deutschland studierte, feststellen muss, mit wie viel Unverständnis, Ignoranz und Ahnungslosigkeit einem Stück Geschichte begegnet wird, das nur zwei Generationen von der Gegenwart entfernt liegt.

Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.

Die namenlose Erzählerin, die wohl albanisch spricht, aber für vieles die Worte nicht findet, die es bräuchte, um das zu sagen, was ihr nicht nur auf der Zunge, sondern auf dem Herzen liegt, wacht eines Morgens mit einem Zahnsplitter im Mund auf. Beim Zahnarzt wird sehr schnell klar, dass der Splitter das Resultat einer akuten Verkrampfung im Kiefer ist. Sie mahlt nachts mit ihren Zähnen. Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Mahlen. Bis in den Hörsaal einer Universität, wo eine deutsche Forensikerin über ihre Arbeit in den Kriegsgebieten erzählt, „Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts“, von der Suche nach Beweisen für all die Verbrechen, die ohne solche Arbeit ungesühnt bleiben würden. Bis in Konfratationen mit Menschen, die wie sie das Unausgesprochene wie einen Stein mit sich herumtragen. Kein Wunder löst sich irgendwann ein Splitter aus diesem Stein.

Auch wenn auf dem Debüt der 1990 im Kosovo geborenen Autorin „Roman“ steht, müsste viel eher „Ergründung“ stehen. „ë“ ist eine literarische Reflexion, was Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit des Aussprechens, das „Keine-Worte-finden“ auslöst. Als der Kosovokrieg 1998 und 1999 wütete, flüchtete ihre Familie nach Deutschland. Was damals passierte, nicht zuletzt mit ihrer Muttersprache, drohte unter einer dicken Schicht Schutt und Sprachlosigkeit zu versteinern. Was Jehona Kicaj mit ihrem Roman gelingt, ist eine ungemein zärtliche und behutsame Konfrontation mit einem Stück ihrer selbst, einem tiefen Schmerz. Jehona Kicaj tut dies ohne Schuldzuweiung, auch wenn mich einzelne Passagen des Buches ganz unmittelbar mit den Gräueln jener Zeit konfrontieren.

„ë“ ist genau das, was es braucht, damit die Wunden nicht mehr nässen. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, die Kraft, sich all dem zu stellen und die Fähigkeit, daraus ein äusserst beeindruckendes Buch zu machen.

Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie «Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder» (2023). Der Roman «ë» ist ihr Debüt.

Beitragsbild © Carl Philipp Roth

Nava Ebrahimi «Und Federn überall», Luchterhand

Nava Ebrahimi ist eine feinsinnige Beobachterin. In ihrem aktuellen Roman „Und Federn überall“ fühlt sie den Puls einer Gesellschaft, die im ständigen Fieber mit allen Mitteln versucht, die Kontrolle über sich und die Umgebung nicht zu verlieren. Ein Roman, der zeigt, wie nah wir an der Katastrophe agieren. Ein Roman, der unter die Haut geht.

Eine Kleinstadt im Emsland, ganz im Norden Deutschland. Eine Gegend, von der die Autorin in einem Interview erzählt, die noch nie Schauplatz von grosser Literatur war. Ob ihr neuer Roman, der 2025 für den Deutschen Buchpreis nochminiert war, grosse Literatur ist, wird die Zukunft zeigen, ob er im „literarischen Bewusstsein“ bleibt oder im Meer jener Bücher entschwindet, die man nie zu Meilensteinen erklärt. Mich beeindruckt dieser Roman sehr. Nicht nur weil er den Puls der Gesellschaft misst, das Fieber, das viele nah an den Wahnsinn bringt. „Und Federn überall“ ist raffiniert konstruiert, spielt mit seinen 350 Seiten an einem einzigen Tag, einem Montag, in einer Kleinstadt, in der der grösste und wichtigste Arbeitgeber pro Tag 650 000 Hühner zu Lebensmittel verarbeitet. 6 ProtagonistInnen, die in irgend einer Weise von dem Grossbetrieb abhängig sind, riesige Produktionsstrassen, in denen am Fliessband Hühner, die an der Rückseite der Fabrik lebend angeliefert werden und portioniert und eingeschweisst die Hallen wieder verlassen. 

Nava Ebrahimi «Und Federn überall», Luchterhand, 2025, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87745-7

Sonia sitzt jeden Tag an einer dieser Fliessbänder mit der einzigen Aufgabe, Hühnerbrüste auf ihren Verhärtungsgrad mit ihren Händen abzutasten, Stück für Stück. Seit man Hühner durch Hormonbehandlung immer schneller und effektiver wachsen lässt, und das „Wooden Breast“-Syndrom droht, verhärtetes Hühnerfleisch den Verkauf als Lebensmittel verunmöglicht, nicht nur stubide Arbeit, sondern ein Tun, das selbst die eigene Brust verhärten lässt. Sonia, die den Kopf bei der Sache haben sollte, ist an diesem Montag aber nicht wirklich bei all den kalten Hühnerbrüsten auf ihrem Fliessband. Schon am Morgen, kaum aufgestanden, eskalierte die Situation mit ihrer halbwüchsigen Tochter.

Anna ist in der Geflügelschlachterei Melling als Ingenieurin angestellt, um Arbeitsabläufe zu optimieren. Eine Maschine ist im Testlauf, die das „Wooden Breast“-Syndrom ohne „menschlichen Eingriff“ erkennen soll. Eine Maschine, die die Verarbeitung steigern und optimieren und Ausgaben für ArbeitnehmerInnen minimieren soll. Aber es will nicht funktionieren, wie Geschäftsleitung und Anna wollen. Und Anna hat mehr und mehr zu kämpfen. Nicht nur in ihrer Arbeit, in der sie als Frau bestehen soll, sondern auch in ihrer privaten Situation. Nicht nur, dass sich Stimmen aus der Vergangenheit einmischen, da braut sich in ihrem Bauch etwas zusammen.

Meckhausen ist einer in der Teppichetage der Firma Melling. Ein verlassener Ehemann, einer, der sich in seiner Firma unentbehrlich und die Kollegin Ingeneurin wie ein Stück Fleisch sieht, das erst einmal in der Möllingmaschine zu bestehen hat. Ein verlassener Ehemann, der auf einem Dating-Portal nach einer Polin sucht.
Die Auserwählte auf diesem Datingportal ist Justyna, eine nicht mehr ganz junge Polin, die sich als schwarz angestellte Betreuerin um Sonias ehemalige Schwiegermutter kümmert und ihre kleine Einzimmerwohnung mit Nassim, einem sehbehinderten afghanischen Flüchtling teilt. Eine Zweckgemeinschaft, die mehr ist. Nassim hofft nicht nur auf einen positiven Asylentscheid, sondern auch darauf, als Lyriker in dem fremden Land eine Stimme zu bekommen. Die deutsch-iranische Schriftstellerin Roshanak Rastgoo soll ihm bei der Übersetzung seiner Gedichte helfen.

So feinmaschig das Beziehungsnetz in diesem Roman ist, verliere ich nie den Überblick. Sie alle kämpfen mit sich und der Welt, lassen ordentlich Federn. Man spürt, wenn man lesend den Spuren der ProtagonistInnen folgt, dass sich die Schicksale gegenseitig wie Billardkugeln berühren und am Ende des Romans in irgend einer Weise das Final kommen muss. Aber nicht der Plott zieht mich als Leser durch dieses Buch. Zum einen die Neugier, wie sich das Personal aus den immer enger werdenden Schlingen zieht. Und noch viel mehr wie es die Autorin schafft, die Fäden glaubhaft zu verknoten. Etwas, das ihr meisterhaft gelingt. „Und Federn überall“ ist ebenso klug gebaut wie feinfühlig erzählt. Drei Frauen und drei Männer, die an einem Montag die Bodenhaftung verlieren.

Und  nicht zuletzt ein Roman über die Entfremdung unserer Nahrungsmittelindustrie.

Nava Ebrahimi, 1978 in Teheran geboren, studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln und arbeitete als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland sowie der Kölner Stadtrevue. Sie erhielt 2021 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für «Sechzehn Wörter» wurde sie mit dem Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, sowie dem Morgenstern-Preis ausgezeichnet. Seit 2025 ist sie regelmässige Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung. Nava Ebrahimi lebt mit ihrer Familie in Graz.

Beitragsbild © Clara Wildberger

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser

Ein mutiges Buch! Nicht nur weil Navid Kermani ganz nah an seinem eigenen Leben schreibt, sondern weil er sich nicht scheut davon zu erzählen, wie sehr ihn seine Gegenwart, der Sommer 2024, verunsichert, wie sehr ihm die Geschehnisse zusetzen. Eine Welt voller Bedrohungen.

Ob die Ettikette „Roman“ dem Buch gerecht wird, bezweifle ich, auch wenn Navid Kermani in seiner „literarischen“ Vergangenheit sehr wohl bewiesen hat, dass er neben seinen Sachbüchern zu Themen interreligiöser Verständigung, sehr wohl Bücher schrieb, die dem Etikett «Roman» gerecht werden. „Sommer 24“ ist essayistische Erzählung, Selbstbestimmung, Erklärungsversuch und existenzielle Auseinandersetzung zugleich. Ein Buch über einen Mann, über ihn, der sich an der Gegenwart reibt, der schreibend versucht, Ordnung in eine Innenwelt zu bringen, die durch das äussere Chaos bedroht ist. Ein Buch über einen heissen Sommer, in dem sich alles zu mischen droht, das Unverständnis darüber, dass die Wahl eines neuen Präsidenten in den USA doch mehr als deutlich ausfallen könnte, dass die AfD im eigenen Land es schafft, all jenen in Deutschland eine Stimme zu geben, die sich unverstanden und betrogen fühlen, einem Sommer der Auseinandersetzung mit Menschen, die ihm nahestehen und solchen, die sich an seine Seite drängen. Mit Bildern aus Reportagen, die ihn nicht loslassen, die alles Erlebte, alles, was an ihn getragen wird, in ein fast unerträgliches Ungleichgewicht setzen. Den Sommer mit all dem Schrecken im Gaza, in der Ukraine, im Sudan, all den Weltenbränden, die sich wie ein Flächenbrand auszubreiten drohen.

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser, 2024, 160 Seiten, DHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28576-7

„Sommer 24“ ist ein ungemein ehrliches Buch. Ein Buch, das von dem erzählt, was dem Schriftsteller und Reporter an die Nieren geht und mir bei der Lektüre ebenso. Von einem todkranken Freund, den er nur wenige Stunden vor seinem inszenierten Tod besucht, der in den Monaten seiner Krankheit und dem drohenden Sterben immer mehr in rechtes Gedankengut abdriftet. Seine Lebensgefährtin trennt sich von ihm, an seiner Liebe zweifle sie nicht, aber an seiner Beziehungskompetenz. Eine Frau, deren Erzählung ihrer Vergewaltigung er in einen literarischen Text verarbeitete und dabei tunlichst alles entfremdete, um jene Frau zu schützen, die ihm aber nun doch ziemlich unverblümt vorwirft, sie durch den Text ein weiteres Mal vergewaltigt zu haben. Die Hochzeit eines Schulfreundes auf einer griechischen Insel, auf der einen Seite der überbordende Luxus, eine Ehe zwischen den Kulturen, auf der anderen Seite die Dekadenz des Moments. Die Nachwehen eines Attentats, jenes von jenem Mann im Sattelschlepper an einem Berliner Weihnachtsmarkt. Seine Auseinandersetzung mit dem literarischen Übervater Thomas Mann und seiner Familie und der eigenen Biographie, nicht zuletzt mit der Begegnung als Zwölfjähriger mit seiner Familie damals in Teheran mit Ajatollah Chomeini, der damals die Hoffnungen einer ganzen Nation befeuerte. Oder seine Faszination für Petra Kelly, die in den 80ern zu einer Identifikations- und Leitfigur einer Grünen-Bewegung wurde und sich nicht nur gegen Kravattenträger, Aufrüstung und Menschenrechtsverletzungen aller Art einsetzte, sondern zu einer Gallionsfigur des feministischen Kampfes wurde. Eine Frau, die im Selbstzweifel erkrankte und ausgerechnet durch eine Pistolenkugel ihres Ehemannes starb.

„Sommer 24“, manchmal analytisch, immer leidenschaftlich und engagiert, manchmal verzweifelt, ist der ehrliche Versuch eines Mannes, der nichts und niemanden auf die leichte Schulter nimmt und gleichzeitig viel Denkleistung braucht, um an all dem Nebeneinander nicht zu zerbrechen. Ein faszinierender Versuch, Ordnung in die Gleichzeitigkeit der Dinge zu bringen. Ein Zeugnis dafür, wie sehr ein denkender und empathischer Mensch an der Gegenwart leiden muss.

17. Wortlaut Literaturfestival St. Gallen

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des 1. FC Köln. Als Reporter berichtet er immer wieder aus Kriegs- und Krisengebieten. Für seine Romane, Essays, Reportagen und Monographien erhielt Navid Kermani unter anderem den Kleist-Preis, den Hölderlin-Preis, den Joseph Breitbach-Preis, den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2024 den Thomas-Mann-Preis. Seine Sachbücher erscheinen bei C. H. Beck, sein literarisches Werk im Carl Hanser Verlag. Die Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Beitragsbild © Peter Andreas Hassiepen

Julia Sutter «Und das wäre erst der Anfang», FVA

Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.

Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.

Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.

Julia Sutter «Und das wäre erst der Angang», Frankfurter Verlagsanstalt, 2026, 384 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-627-00346-3

Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.

Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.

Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.

Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen. 

Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Roman schildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert. 

Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.

«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen. 

Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.

Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.

Beitragsbild © Hanes Sturzenegger

Jürg Beeler «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», Knapp

Es passiert zuweilen, das ich mich bei der Lektüre über die Massen beglückt fühle. Dann, wenn das Gelesene mich in seiner Gänze berührt; die Geschichte, das Personal, der Ton, der Witz, das Unausgesprochene, der Sound … bis zu einzelnen Sätzen, wie Pflöcke eingeschlagen. Jürg Beelers neuer Roman beisst sich in die Gegenwart und hinterlässt Spuren.

Josef Lautenbacher ist seit wenigen Tagen in Rente, nachdem er über viele Jahrzehnte eine Buchhandlung in Nimmerach, einer kleinen Stadt am Jura Südfuss, geführt hatte. Eine Buchhandlung, die wie Bäckerei und Metzgerei zum Stadtbild gehörten und Lebensnotwendiges an ihre Kundschaft brachten. Nun ist der Buchladen an zwei junge Frauen übergeben. Für Lautenbacher keine leichte Sache, denn seine Nachfolgerinnen liessen keinen Stein auf dem anderen; gerafftes Sortiment, dafür Kaffee und Kuchen. Für Lautenbacher, einen Mann der alten Schule, ein Unding.

Mit Luise, seiner fünf Jahre älteren Frau, wird es mit der Pensionierung in der Dreizimmerwohnung ebenso nicht einfacher. Auch wenn Luise schon vor einem Jahrzehnt beschloss, allein in einem Zimmer schlafen zu wollen – wie soll man sich in einer so kleinen Wohnung aus dem Weg gehen? Als er noch seine Buchhandlung hatte, war das sein Ort, die Stunde vor Öffnung seine Stunde und ein Schild an der Tür das eine oder andere Mal seine Rettung vor aufdringlicher Kundschaft. Seit seiner Pensionierung ist Lautenbachers einzige Rettung vor den Einmischungen seiner Frau sein Notizheft, in das er Ordnung zu bringen versucht, Ordnung in eine Welt, die auseinanderzubrechen droht, Ordnung in seine Seelenlandschaft, durch die immer wieder einmal ein Sturm an ihren Grundfesten rüttelt – und das Bahnhofsbuffet in der Stadt. Der einzige Ort, wo er Luise mit Sicherheit nicht begegnet.

Luise war Luise, sie war so sehr Luise, dass ihm manchmal die Haare zu Berge standen.

Jürg Beeler «Josef Lauterbachs Reise nach Flätz», Knapp, 2026, 178 Seiten, CHF ca. 27.00, ISBN 978-3-907334-46-1

Als dann auch noch ein Arztbesuch ansteht, den auch seine beiden erwachsenen Kinder fordern, nur weil die eine oder andere kurzzeitige Schwäche nicht mehr zu kaschieren war, beginnt sich die Schlinge für Josef zuzuziehen. Dabei will er doch einfach nur seine Ruhe; kein Geschnatter, kein Kaffee und Kuchen, keine Nötigungen, nicht den Lärm seiner Enkelkinder, nicht die Strenge seiner Kinder – und schon gar nicht die Bevormundung seiner Frau.

Er will weg. Zuerst aus der Enge seiner Wohnung, weg von dem, was man ihm aufzudrängen versucht, weg von der Kleinstadt mit tausend Augen. Am liebsten nach Paris. In die Stadt der Dichter, der Künstler. Irgendwann schafft er es schon einmal bis nach Zürich. Ein erster Schritt ist getan, in ein kleines Hotel, in das man ohne Kreditkarte einchecken kann, ein Zimmer erstmal für ein paar Tage.

Dass sich die Welt zu ihrem Nachteil verändert hatte, war auch ihm aufgefallen, längst hielt er nicht mehr die Bücher für den Kitt der Gesellschaft, sondern die allgemeine Dummheit.

So sehr Josef Lautenbacher aus der Zeit gefallen ist, so sehr ist Jürg Beelers Geschichte aus der Zeit gefallen. Aber was für ein Genuss. Genau darum, weil sich weder Lautenbacher noch Beeler um den Nerv der Zeit bemühen. Warum gibt es für Menschen ohne Rollkoffer nur noch mitleidige Blicke? Warum ist alles auf Gemütlichkeit getrimmt, obwohl sich kaum jemand mehr in der Zeit verlieren will? Warum lässt einem zuweilen das Gefühl nicht los, allem Unmöglichen genügen zu müssen, nur nicht sich selbst?

Josef Lautenbacher wäre nach seiner Pensionierung am liebsten einfach ein Müssiggänger mit einem guten Buch, nichts von dem neumodischen Zeug, das sich bloss mit dem eigenen Nabel beschäftigt, und seinem Notizbuch, das ihm immer wieder einmal wenigstens das Gefühl gibt, all die Verunsicherungen an den Rand zu drängen. Aber in einer Welt im Optimierungswahn, inszeniertem Genuss und rasender Veränderungen wird die Bewegungsfreiheit eines Sonderlings immer kleiner. Josef Lautenbacher ist ein aussterbender Archätypus. Ihm entflieht die Zeit – buchstäblich.

Wie ich Beelers Schreibe liebe! So ehrlich, so witzig, so entzückend, so frech, so unprätentiös, so anders!

Jürg Beeler (1957) ist in Zürich geboren und in Olten aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Literaturkritik und Komparatistik. Er arbeitete als Mittelschullehrer und als Rezensent sowie als Reise- und Kulturjournalist. Der Autor hat schon viele Auszeichnungen erhalten, u. a. den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (2002) und 2024 die Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich. Jürg Beeler lebt als freier Schriftsteller in Narbonne (F) und Zürich. Zuletzt erschienen von ihm bei Dörlemann die Romane «Die Zartheit der Stühle» (2020) und «Der blinde König und sein Narr» (2024).

Jürg Beeler «Möglicher Anfang eines Romans», Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Remo Fröhlicher

Ahojana 2 «Ein Meisterwerk» – Eine Postkarte aus Babat von Owida N. Woiax

«Zonz ji gawa dantanjie eni tuen kuluj», quengelt mir eine quietschend hohe Stimme in den Nacken. Ich drehe mich um und blicke in die vergnügten Augen eines stämmigen Herrn, dem eine goldgelb leuchtende Schiffchenmütze wie eine Krone auf dem Haar sitzt. «Waren Sie das?», frage ich. Er schütteln den Kopf, ein unschuldiger Bub, er lächelt, blinzelt, zupft sich den mächtigen Schnauz und zieht mit den Zähnen ein Bratenstück aus dem Sandwich in seiner Linken. «Bezai mi, hihi», kichert es nun. Ich schau dem König direkt ins Gesicht: «Machen Sie sich über mich lustig?»

«Nicht doch, Madame, keineswegs», versichert mir der Mann mit heiserem Bass, kaut schmatzend und deutet auf den ausgestopften Fuchs, der neben ihm auf einem Mäuerchen seine Reißzähnchen fletscht: «Ich glaube, das war er, Djoli Luær, Herr Fuchs.» 

«Und? Was hat er gesagt?»

«Oh, das wollen Sie nicht wissen. Lemusisch? Können Sie nicht?»

«Doch, schon, aber nicht sehr gut – ji dingælo lisi lemusie.»

«Dann habe ich etwas für Sie! Ufpoza!» Er bückt sich, hebt ein zerfleddertes Heft mit speckigem Deckblatt vom Boden auf, schüttelt es kurz und streckt es mir hin. «Pisedj, voilà: ein prachtvolles Vokabular, nicht die neueste Ausgabe, aber vielfach erprobt und geradezu umsonst. Zwei Chnou! Mæit xundj pa vos! Ein Spezialpreis für Sie!»

Viel Schönes habe ich bisher nicht entdeckt auf dem kleinen Flohmarkt im Zentrum von Babat. Dafür aber riecht es auf dem ganzen Platz herrlich nach würzigem Fleisch. Der Duft steigt von einem meterlangen, mit Streifen von Leber, Schwarte und Magen, mit Kräutern, Knoblauch und Zitronen gefüllten Schweinebraten auf, der sich an einem Spieß ganz langsam über einem Kohlefeuer dreht. Seine äußerste Schicht scheint aus goldenem Sirup zu bestehen, der mehr und mehr zu einer lackierten Kruste erstarrt. Eine junge Frau schneidet mit einem gekrümmten Messer Scheiben ab und packt sie zusammen mit roten Zwiebeln in kleine Brötchen. Vor ihrem Stand hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Leute unterhalten sich vergnügt, es ist Sonntag, niemand hat es eilig. Der Flohmarkt gilt als das Wochenendvergnügen der Fleischhauerinnen und Kuttelsieder des großen Schlachthauses, das wie eine Burg über den Häusern von Babat thront. Es heißt, dieser Markt sei den Leuten hier, was Menschen andernorts die Kirche. Kuentlek, das lemusische Wort für «Schlachthaus», bedeutet auch «Opferstätte» oder «Heiligtum», wörtlich «Ort des Schlags». Die ganze Gegend heißt so.

Während ich ohne Begeisterung in dem Heft blättere, greift der Mann nach dem Hinterteil seines Fuchses. «Aua! Was bist du nur für ein Grobian!», maunzt das Tier altissimo, «Madame, haben Sie das gesehen? Bitte, seien sie barmherzig und befreien Sie mich aus meinem Elend. Tausend Chnou will der Wüstling für mich haben, aber bei achthundert wird er schwach. Das weiß ich bestimmt. Sie werden es nicht bereuen. Ich bin völlig stubenrein und gut erzogen. Tagsüber hocke ich still am Fenster und schaue auf die Straße hinab. Am Abend lese ich Ihnen Gedichte vor. Und nachts, wenn sie schlafen, tanze ich um ihr Bett und verscheuche die bösen Träume.»

Der König ist wirklich gut, sein Mund bleibt völlig unbewegt, nicht einmal sein Schnauz zittert, und er bringt sogar b, f, w und andere Lippenlaute fließend heraus. Sicher schuftet auch er unter der Woche im Schlachthaus. Ob wohl alle Fleischer von Babat Bauchredner sind? Üben sie bei der Arbeit? Unterhalten sie sich mit den Rindern und Kälbern, während sie die Körper auseinandersäbeln? Sprechen sie mit den Nieren, den Schinken, dem Speck und den Herzen?

«Wie nennt man denn einen Bauchredner auf Lemusisch», frage ich den Fuchs.

«Panoiokak, Madame, warum wollen Sie das wissen?» 

Ich schau auf den Mann, ich schau auf den Fuchs. Der König steht jetzt völlig starr, die Augen geradeaus, die Krone unbewegt. Nur das Brötchen tropft. Herr Luær wackelt leicht hin und her.

«Nun, ich denke, Sie können das wirklich gut», lache ich.

«Danke», fiept der Fuchs, «und schauen sie sich jetzt auch den Herrn mal ganz genau an: Haben wir ihn nicht prächtig ausgestopft? On kracha stizdi! Ein Meisterwerk!»

***

Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Ahojana 1

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen», Atlantis

Pascale Kramer ist eine Meisterin darin, das Psychogramm einer Familie in einer Intensität zu Literatur zu machen, die bei der Lektüre körperlich werden kann. In ihrem neuen Roman „Die Nachsichtigen“ schont sie mich mit nichts. Kein Unterhaltungsroman, aber ein sprachstarker Einblick in die Abgründe einer auseinanderbrechenden Familie.

Manchmal gibt es Bücher, die einen Beipackzettel benötigen. Es ist eine Weile her, als ich einem Bekannten einen Roman von Pascale Kramer schenkte mit der Bemerkung, die Autorin sei eine der ganz Grossen, auch wenn man ihr im deutschen Sprachraum nicht die ihr gebürende Ausmerksamkeit schenkt. Ein paar Wochen später gab er mir das Buch, das ich ihm geschenkt hatte, wieder zurück mit der Bemerkung, er hätte es nicht zu Ende lesen können: „Probleme auf Probleme. Ich lese, um mich zu unterhalten.“ In keinem ihrer bisherigen Romane trifft das mehr zu als auf den neusten. Clémence Mutter stirbt ganz langsam an einer unheilbaren Krankheit. Schon während ihrer Pubertät entgleitet die Tochter der kranken Mutter und dem überforderten Vater. Schon allein das könnte Stoff sein für einen Roman. Aber Clémence verliebt sich in schwärmerischer Art ausgerechnet in ihren Onkel Vincent, einen Kunsthändler, der in seinem Auftreten so ganz anders erscheint, als all die Männer sonst. Aber es bleibt nicht beim Verliebtsein. Vincent versteht sich als Frauenheld, und was mit Komplimenten begann, wird zum Verhältnis, einem Verhältnis, das in der Familie nicht unbemerkt bleibt. Ein Verhältnis, dass die Familie zerreisst, schmerzhaft für alle, wenn auch nicht gleichzeitig. Für Vincent ist Clémence eine Eroberung mehr, Clémence fühlt sich ein erstes Mal ganz und gar gesehen und begehrt. Obwohl Vincent mit Anne-Lise verheiratet ist, einer Frau, die nicht nur eine Fehlgeburt zu verkraften hat und die Seitenspünge ihres Mannes nicht an sich herankommen lässt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen» (Les indulgences), aus dem Französischen von Andrea Spingler, 224 Seiten, CHF ca. 25.00, ISBN 978-3-7152-7569-7

Pascale Kramer beschreibt das Familiengefüge über vier Jahrzehnte, in Kapiteln chronologisch, aber in Rückschauen und Reflexionen, die genau das ausmachen, was Familie ist; ein dichtes Geflecht von Fäden, die sich verlieren, und die mit einem Mal wieder auftauchen, die nie verschwunden sind. Pascale Kramer erzählt davon, wie lange ein Schmerz nachwirken kann, auch wenn Verursacher sich dessen nie wirklich bewusst werden, wie filigran ein Familiegeflecht ist, wie dünn dieses Netz aus Fäden werden kann und man ungewollt riesige Löcher reissen kann.

Man liest dieses Buch nicht, weil einem die Geschichte in Bann zieht, im Gegenteil; Weder Clémence in ihrem ungebremsten Gebaren, noch Vincent in seiner Selbstverliebtheit, weder Clémences Mutter im Käfig ihrer Krankheit, noch ihr Vater, der sich den Situationen nicht zu stellen traut, schon gar nicht Clémences Grossmutter Nancy, die nichts an ihren Sohn Vincent kommen lässt und schon gar nicht die Blindheit und das stille Erdulden von Vincents Frau – niemand lädt zur Identifikation ein. Pascale Kramer scheint sich förmlich zu suhlen im Sumpf einer Familie. Was dieses Buch zum Genuss macht, ist die Fähigkeit der Autorin, das stille Grauen zu wunderschönen Sätzen zu formen. Was ihr Spass zu machen scheint, entlädt sich in mir zu einem Wechselbad der Gefühle. Verstehen sich jene wirklich, die sich am nächsten stehen sollten? Warum ist Schmerz so unmittelbar mit Liebe verflochten? Warum spüren Menschen nicht, was sie mit ihrem Tun anrichten?

Als der Roman einsetzt und es zu ersten Annäherungen zwischen Onkel und Nichte kommt, sprach noch kaum jemand in der Öffentlichkeit von Missbrauch in Familien, von Übergriffigkeit und der Nachsichtigkeit der Gesellschaft. Heute kitten wir die Risse, Risse, die zu schwelenden Narben geworden sind. Pascale Kramer offenbart ein Stück Katastrophe, das sich über Jahrhunderte in eine Gesellschaft gefressen hat. Zugeben; harter Tobak. Aber wer sich traut, liest sich mit diesem Roman in ungewohnte Tiefen.

Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Romanautorin. Aufgewachsen in Lausanne, ging sie 1987 nach Paris, wo sie heute lebt. Die Nachsichtigen, 2023 in Frankreich erschienen, ist ihr zehnter Roman und hat ein starkes Presseecho ausgelöst. Bekannt für subtile Familiengeschichten und sprachliche Präzision, konnte Pascale Kramer 2017 den Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk entgegennehmen. Sie engagiert sich u. a. im Verein Nouvelle Page zur Eingliederung von Migrant*innen.

Andreas Spingler übersetzt seit mehreren Jahrzehnten aus dem Französischen; sie hat, neben anderen, Marguerite Duras, Patrick Modiano, Alain Robbe-Grillet, Maylis de Kerangal und Marie-Hélène Lafon ins Deutsche gebracht und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.

mehr über die Bücher von Pascale Kramer

Beitragsbild: Jean-François Robert © Flammarion

Karin Hofmann «Leo Sola», Lokwort

Leonie ist zurück in der Schweiz. Wenn auch nicht so, wie sie es sich vorgestellt hätte. Zurückgeworfen in ein Spitalbett, ausgespuckt aus einer Geschichte, die sie nicht loslässt, denn an ihrem Bett sitzt ein Polizeibeamter. Eine turbulente Geschichte um eine Frau, die sich als Kriegsberichterstatterin vom Leiden nicht besiegen lassen will, aber in der Liebe kapitulieren muss.

2003. Leonie „Leo“ Lusser bricht in der vom Sommer aufgeheizten Berner Innenstadt zusammen, eben zurück von der Beerdigung von Hugo Karpf. Ein geplatzter Eileiter, innere Blutungen im Bauchraum, Kreislaufzusammenbruch und Atemstillstand. Sie überlebt nur, weil ein bärtiger Mann und ein Barmann gedankenschnell reagieren und sie es rechtzeitig ins Spital schafft. Sie, die als Auslandkorrespondentin mitten im Irakkrieg, vom angeblichen Präventivkrieg gegen eine mit Massenvernichtungswaffen aufgeblähte Diktatur berichtete, wird nicht nur von einem Blutbad in ihrem Inneren niedergestreckt, sondern von der fanatischen Liebe eines Mannes, der seinen Wahn mit dem Leben bezahlen musste. Sie, die aus der Enge einer krankhaften Liebesbeziehung in ein Kriegsgebiet entfloh, liegt in einem Spitalbett – und er, Hugo Karpf, Musiker, Ehemann und Familienvater, einst ihr Geliebter, irgendwann nur noch die blinde Klette, liegt tot auf einem Berner Friedhof. Sie von der Polizei bedrängt, weil man sie für den Tod von Hugo Karpf verantwortlich macht, Karpf, der Musiker, niedergestreckt mitten in den Wirren des Irakkriegs.

Karin Hofmann «Leo Sola», Lokwort, 2025, 336 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-906806-53-2

Es hätte Leos Beginn von etwas Grossem werden sollen. Endlich Auslandkorrespondentin, endlich die Chance, mit dem, was man tut, etwas bewirken. Endlich in einem Team, das zusammenarbeiten muss, weit weg von den Positionskämpfen innerhalb einer Redaktion. Aber auch endlich die Distanz zu einem Leben, das ihr mehr und mehr die Luft nahm. Als sie Hugo Karpf kennenlernte, war er genau der, den sie brauchte. Ein Mann ohne Besitzanspruch, ein Mann auf Distanz, ein Mann, der sie auf Musikerhänden trug, der ihr das Gefühl gab, geliebt und begehrt zu sein. Der sich aber mehr und mehr in Leos Leben einmischte, ihr mit der Zeit den Raum, die Luft nahm. Der sie mit seinen Versprechungen und Hinhaltungen, seinem Besitzanspruch und seinen sich mehrenden Gewaltausbrüchen verunsicherte und bedrängte. Ein Liebe, die für Leo zur Bedrohung wurde, das, was man heute toxisch bezeichnet. Eine Beziehung, die immer mehr auf den einen grossen Knall hintaumelte. Und jetzt lagen sie beide niedergestreckt in Bern. Er tot, sie im Spital von der Polizei bewacht und vernommen.

Der Kriminalbeamte Antonio Tondo setzt sich in Leos Wachphasen an ihrem Bett fest, fordert sie unmissverständlich auf, die Geschichte ihrer Beziehung zu Hugo Karpf zu erzählen. Und Leonie berichtet. Nicht nur, weil sie sich gezwungen fühlt, sondern weil sie Ordnung machen muss in ein Leben, das ihr entglitt. Da ist die Geschichte einer Frau, deren Träume von der Realität in einem brutalen Krieg pulverisiert wurden, die die Folgen von Unmenschlichkeit und Gewalt am eigenen Leib erfahren muss, die nicht nur die Liebe verlor, sondern gleich mehrfach gedeihendes Leben in ihrem Leib, der das Schicksal Glauben machen wollte, mit ihr sei Liebe nicht lebbar. Was sie anfangs nur widerwillig dem Beamten preisgibt, spannt in ihrer Erinnerung, die mit dem, was geschah, immer trüber zu werden drohte, immer klarere Fäden und erschliesst ihr das, was sie mit dem scheinbar absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben, verloren zu haben schien.

Karin Hofmann, selbst lange Zeit für das IKRK in Krisengebieten tätig, weiss, wovon sie erzählt. Wie sie den zweiten Teil ihres Romans mitten im Irakkrieg inszeniert, mir vor Augen führt, was ich als Leser vergessen und verdrängt habe, ist beeindruckend und viel mehr als die Kulisse einer vom Wahn durchtränkten Beziehung, die letztlich in die Katastrophe laufen muss. Man kann der Autorin vorwerfen, zu viel hineingepackt zu haben, aber das schmälert nicht meine Faszination für eine Geschichte, die man so in der helvetischen Literaturszene nur ganz selten antrifft. Da traut sich eine Autorin, mit der grossen Kelle anzurühren! Ein Roman mitten in den Brennpunkten der Gegenwart!

Karin Hofmann lebt in Bern und ist seit vielen Jahren in Führungspositionen des Gesundheits- und Sozialbereichs tätig. Die Erfahrungen aus ihren langjährigen Einsätzen als Delegationsleiterin beim IKRK sind im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» geschildert. Ihr neuer Roman, dessen Zentrum in einem Berner Spital angesiedelt ist, profitiert in seiner Authentizität auch von Erlebnissen, die sie in Bagdad und in einem kurdischen Teil Iraks erlebt hat. Seit 2018 ist sie Geschäftsführerin des Vereins Wohnenbern.

Beitragsbild © privat

Schelmischer Witz in schrecklichen Zeiten – über Andrej Kurkow, «Samson und Nadjeschda» / «Samson und das gestohlene Herz» (29)

Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache.

Lieber Gallus

Du liest keine Krimis, ich weiss. Ich möchte dich aber ermuntern, Kurkows Geschichten um Samson und Nadjeschda, die in der Diogenes-Ausgabe als Krimi bezeichnet werden (was sie meines Erachtens nicht sind), zu lesen. Zudem ist Andrej Kurkow einer der wichtigen Autoren der Ukraine.

Ich denke, das ist meine Aufgabe im Moment: Mehr Informationen über die Ukraine zu verbreiten, viel zuzuhören, zu lesen und zu erklären, was passiert, was die Gründe für den Krieg waren. Und auch, die ganze Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen der letzten Jahre zu beleuchten. Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache. Ich bin schon immer geschichtsinteressiert gewesen und habe schon einmal eine Geschichte geschrieben, die 1918 beginnt, die Trilogie «Geografie eines einzelnen Schusses». So der Autor in einem Interview mit der Büchergilde. Die ersten zwei Bücher einer Reihe sind als schön gestaltete Ausgaben bei der Büchergilde erschienen. Roman und nicht Krimi steht auf dem Cover und auf dem Titelblatt.

Andrej Kurkow hat 2017 von einer Leserin eine Kiste mit Akten der bolschewikischen Geheimpolizei aus den Jahren 1919-1921 erhalten. Historisch interessiert entschloss er sich, über diese Zeit zu schreiben. Damals hatten die Bolschewiken den unter mehreren Parteien ausgebrochenen Bürgerkrieg schliesslich gewonnen und Kiev erobert. Parallelen zum aktuellen Angriffskrieg der Russen regen zum Nachdenken an.

Andrej Kurkow «Samson und Nadjeschda», Diogenes, 2022, aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing, mit Illustrationen von Juri Nikitin, 368 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-257-07207-5

Samson, ein junger Mann aus Kiev, nach der Ermordung seines Vaters durch Kosaken und dem Tod von seiner Mutter und Schwester durch Krankheit allein übrig geblieben, will überleben. Zufällig bekommt er Arbeit als Polizeiermittler, er will in diesen Zeiten des Umbruchs korrekt und richtig handeln. Alle paar Monate wechseln die Machtverhältnisse in der Stadt, die Polizei hilft der jeweils herrschenden Macht, Kriminalität zu bekämpfen. Wir begegnen bei Samsons Ermittlungen vielen skurrilen Charakteren in einer Welt von Hunger, Angst und Mangel an Holz zum Heizen.

Nadjeschda ist eine junge Frau aus einem Arbeiterviertel am Dnjepr, genannt Podil. Fasziniert von kommunistischen Ideen arbeitet sie im städtischen Statistischen Amt. Sie lebt bei ihren Eltern. Die Hausmeisterwitwe bringt Samson und Nadjeschda zusammen. Da sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen ist ihre Beziehung nicht einfach und durch die kriegerischen Aktivitäten bedroht.

Samson wurde von den Kosaken das rechte Ohr abgetrennt. Auf wundersame Weise kann er damit mehr und anders hören als mit dem gesunden und wird dadurch auch vor dem Tod gerettet. Ich denke, ich habe so viele „medizinische Fantasien“ in meinen Romanen, weil meine Mutter und Großmutter Ärztinnen waren. Meine Großmutter war in Kriegszeiten Chirurgin, und ich lebte als Kind sechs Jahre bei ihr.

Auf humorvolle, fantastische und berührende Weise gelingt es dem Autor, das wechselvolle Leben im Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken atmosphärisch dicht und spannend zu schildern. Für mich sind diese Bücher historische Romane. Sie liefern einen spannend lesbaren Beitrag zur komplexen Geschichte der Ukraine, die damals wie heute von einer machtbesessenen Grossmacht bedroht ist. Kurkows schelmischer Witz in seinem Schreiben über schreckliche Zeiten packen den Leser, die Leserin und wirken zeitlos.

Falls du eines der Bücher liest, würden mich deine Eindrücke interessieren.
Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Ja, ich hab eines gelesen; «Samson und Nadjeschda», sogar in einer Ausgabe von der Büchergilde Gutenberg, einem etwas anderen Buchclub, der es immer wieder schafft, das Original, bei Andrej Kurkow den Diogenes Verlag, in Grafik und Design zu toppen. Aber das nur am Rande vermerkt.

Ich verstehe deine Faszination für diese Romane sehr wohl. Zum einen kennst du dich am Schauplatz aus, auch wenn Kiev nicht mehr jene Stadt ist, die sie 1919 war und selbst jenes Vorkriegskiev, vor dem denkwürdigen 24. Februar 2022, als der aggressive Angriffskrieg Putinrusslands auf die Ukraine begann. Du warst da, mehrfach, zusammen mit deiner Frau und hast dich nicht nur für Land, Leute und Sprache interessiert, sondern humanitäre Projekte unterstützt. Die Ukraine ist für dich längst zu einem Herzensland geworden und der Krieg dort nicht einfach einer, der sich in den Medien abspielt, sondern einer, der sich auf dem Rücken derer austobt, die ihr ins Herz geschlossen habt, Menschen, Familien.

«Samson und Nadjeschda» aus der Büchergilde Gutenberg

Andrej Kurkow beschreibt ein Kiev nach den Wirren des ersten Weltkrieges, nach der russischen Revolution, eine Stadt, die sich von allen möglichen Gruppierungen und militärisch organisierten Banden ausgesetzt sieht. Eine Stadt und ihre Bevölkerung, die nicht nur Hunger leidet, sondern unter der Willkür marodierender Soldaten. Samson ist Opfer und Opportunist zugleich. Der Familie durch Krankheit und Gewalt beraubt, gezwungen, mit Rotarmisten die karge Wohnung zu teilen, schubst ihn das Schicksal von Bühne zu Bühne. Zum einen hilft ihm sein abgeschnittenes Ohr, seine Naivität und seine Fähigkeit zu schreiben. Samson spült es in die Mühlen eines wackligen Polizeiapparats. Mit einem Mal ist er ausstaffiert mit den Insignien der Macht und wird Polizist. Tapfer will er für Ordnung sorgen und merkt sehr bald, das diese unwiederbringlich verloren ist.

Auch die Liebe, wenn auch eine hölzerne und zaghafte, kommt in «Samson und Nadjeschda» nicht zu kurz. Was mich an diesem Roman überzeugt, ist der Ton. Andrej Kurkow erzählt in einer Sprache, die genau in die Zeit passt und mir als Leser diesen über 100jährigen Groove vermittelt, in der die Geschichte spielt. Obwohl deutsch übersetzt lese ich eine russisch erzählte Geschichte, im Duktus seiner grossen Vorbilder. Eine Geschichte über eine Stadt, ein Land, die beide schon immer im Strudel der Geschichte standen, wo sich die verschiedensten Besatzer wie Heuschreckenschwärme übers Land legten.

Absolut lesenswert. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!

Sei umarmt
Gallus

© Pako Mera / Opale / Bridgeman Images

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Seit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» gilt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Sein Werk erscheint in 45 Sprachen. Kurkow lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Ukraine. 2023 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

Johanna Marx, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin.

Sabine Grebing studierte Slawistik, Musikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen. Neben Andrej Kurkows übersetzt sie auch andere Werke aus dem Russischen, dem Französischen und Englischen.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann

Per liegt im Sterben. Alina, seine Nichte, tut sich schwer mit der Unausweichlichkeit. Es stirbt mehr als ihr Onkel. In ihrer Suche nach dem, was bleiben muss und soll, findet Alina bei dem was dereinst stofflich bleibt, Anworten, die sie trösten, die sie mit dem Sterben und dem Tod versöhnen.

Alina ist hin- und hergerissen. Sie schreibt in ihrem Atelier in der Stadt, nicht weit vom Spital, in das man Per eingeliefert hatte. Man hat ihr versprochen, Zeichen zu geben, wenn sie Per besuchen darf, wenn sie sich verabschieden soll. Per ist der Bruder ihres Vaters. Per und er waren als Kinder Brüder und Freunde in einem, unzertrennlich. Und dann, Alina war noch nicht einmal zwölf, begann sich ihr Vater von der Familie zu lösen. Bis zu jenem Moment, als er seiner Frau, Alina und ihren Geschwistern einen Brief schrieb, in dem er erklärte, er werde an der Seite einer anderen Frau ein neues Leben beginnen, ein Leben in Erleuchtung. Während ihr Vater sich aus dem Staub machte, unerreichbar wurde, war es Per, der geblieben war, der in ihre Nähe rückte, der wurde, der ihr Vater hätte sein können. Der mit ihr die Berge erwanderte, der mit ihr für ein paar Tage nach London fuhr, nur mit ihr.

Und nun liegt Per nicht weit von ihrem Schreibzimmer in einem Spitalbett. Unerreichbar wie ihr Vater, aber nicht weggegangen, sondern weggenommen. Alina versucht mit der Situation zurechtzukommen, so wie sie mit ihrem Leben zurechtzukommen versucht; als Mutter zweier Kinder, als Familienfrau, als Geliebte, als Schriftstellerin, als Suchende, als Fragende. Sie versucht es mit ihrem Schreiben. Sie versucht es mit Therapiegesprächen. Mit Recherche. Im Dazwischen, zwischen all dem, was sie umgibt. Sie versucht es mit Fragen.

Per ist einer der Ersten, der mich je gesehen hat.
Und ich bin die Letzte, die ihn sieht.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann, 2026,
192 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-03820-186-1

Wenn ein Mensch eingeäschert wird, bleibt wenig übrig. Eigentlich nur Kalk. Genau das, was Materie ausmacht, aus der Leben gebaut ist, genau das, was Leben braucht, um zu gedeihen. Genau das, was über die Zeit bleibt, eingeschlossen als Fossil, über Jahrmillionen zu Stein gepresst, als Pulver das, was die Pflanze braucht. Ein Schritt in permanenter Metamorphose.

Obwohl es schon lange her ist, seit sich ihr Vater aus dem Staub machte, mit der Familie den Kontakt abgebrochen hatte, hemmt das Alinas Leben noch immer, als wäre ein Stein an ihrem Sein. Nachdem mein Vater gegangen ist, war ich wie begraben … jahrelang wie gelähmt … irgendwo tief eingeschlossen. Etwas, was nie zu einem Ende fand, was sie immer mit sich herumträgt. Das Verlassenwerden, die Frage nach der Schuld, umso mehr als dass sie für ihr eigenes Schreiben, ihre Recherchen ihre Kinder immer wieder einmal zurücklassen muss.

Sie meldet sich für einen Kurs in einem Sauriermuseum; die Techniken des Freilegens. Sie nimmt Kontakt auf mit einem Verein, der sich um einen der letzten Kalköfen bemüht, schreibt einen literarischen Bericht zu Kalk und Familie, erinnert sich an ihren Grossvater, der sich in seiner Freizeit ganz intensiv mit Mineralien, mit Steinen auseinandergesetzt hatte, der sie bearbeitete, hämmerte und schlug, um seinen Vorstellungen Gestalt zu geben.

Laura Vogts vierter Roman ist ein ungemein zarter, ein tastender. Eine literarische Erkundung, ein Erspüren, ohne sich in schwer zu definierenden Schattengegenden zu verlieren. Ein grosses Fragestellen, das mir keine Antworten liefern will, sondern jene mitnimmt, die sich ähnlichen Fragen stellen. Was bleibt? Ist das Menschsein bloss ein Schritt in einer ewig dauernden Metamorphose? Wo sind die Verkrustungen, die Versteinerungen in meinem eigenen Leben? „Das Jahr des Kalks“ ist beinahe durchscheinend, von grosser Ehrlichkeit.

Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, studierte Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Bisher erschienen von ihr die Romane «Die liegende Frau» (2023), «Was uns betrifft» (2020) und «So einfach war es also zu gehen» (2016). Ihre Arbeiten wurden mit diversen Werkbeiträgen und Stipendien ausgezeichnet und teilweise auf Englisch übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von St. Gallen.

Beitragsbild © Ayse Yavas