In einer Zeit, in der Lesen nicht mehr Pflicht ist, in der Lesen für viele nicht mehr zum Leben gehört, hast du ein besonderes Buch über das Lesen geschrieben. Über Bücher. Über die Verzauberung und Selbsterkundung durch das Buch.
Eine Liebeserklärung an das Buch Gastbeitrag von Peter Weibel
«Abenteuer Lesen» – Hundert Quellen der Lust und des Erkennens: Eine Reise durch hundert Bücher, die dein Leben geprägt haben. Zu hundert Autorinnen und Autoren, die man sprechen hört, die uns zum Lesen auffordern. Eine Reise zur verborgenen Seele der Bücher. Jedes Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben (Carlos Ruiz Zafon). Du schreibst keine Rezensionen. Du schreibst über deine Emotionen. Darüber, was dich in einem Buch bewegt hat und warum. Was dich berührt hat. Du schreibst es zu Recht und nachdrücklich: Von Bedeutung ist nicht die literaturkritische Wertung eines Buches, von Bedeutung ist, ob wir vom Buch berührt werden. Denn wir werden berührt, wenn wir in einem Buch Teile unserer eigenen Geschichte wiederfinden.
Jedes Buch hat eine Aura. Der Ort und die Stimmung dort, wo wir es zum ersten Mal gelesen haben. Der Sog in die eigene Lebensgeschichte hinein. Die Entdeckung klingender Passagen, Wortperlen beim zweiten Lesen. Und manchmal auch die Entfernung beim Lesen nach zwanzig Jahren, die unsere Berührbarkeit verändert haben.
Benedikt Weibel «Abenteuer Lesen. Hundert Quellen der Lust und der Erkenntnis», Edition Exodus, 2025, 527 Seiten, CHF ca. 42.00, ISBN 978-3-907386-06-4
Natürlich sind unter den hundert Büchern auch grosse Werke, die man kennt. (Oder zu kennen glaubt.) Thomas Mann. Lew Tolstoi. Max Frisch. Aber auch längst vergessene Trouvaillen sind dabei. Die an Muskelschwund leidende Autorin Ursula Eggli, die 1977 in «Herz im Korsett» eine Lanze für die Rechte von Behinderten und Frauen gebrochen hat, als die Gesellschaft dazu noch nicht bereit war. Oder der radikale Zeitgenosse und wilde Alpinist Hans Morgenthaler mit «In der Stadt».
Bücher erzählen die Zeitgeschichte eindringlicher als jeder Geschichtsunterricht. Wer das Buch «Mila 18» über den jüdischen Aufstand im Wahrschauer Ghetto von Leon Uris gelesen hat, wird die Wunden der Vergangenheit nie mehr los. Wer mit Hemingways «Wem die Stunde schlägt» in den spanischen Bürgerkrieg gezogen ist, begreift das zerrissene Spanien von heute.
Bücher spiegeln die Weltgeschichte – die Auswahl deiner hundert Bücher spiegelt die biografische Spannweite der Nachkriegsgeneration. Und deine persönliche Biografie. Hans Magnus Enzensbergers «Kurzer Sommer der Anarchie» hat dich früh politisiert. Heinrich Harrers Buch über die Tragödien der Eiger Nordwand «Die weisse Spinne» hat deine Leidenschaft für die Berge erstaunlicherweise nicht gebrochen. Hat dich womöglich dazu bewegt, später Bergführer zu werden. Wittgensteins rätselhaftes Werk «Traktats Logico-Philosophicus», das kaum einer entschlüsseln kann, hat dich zur Wahrscheinlichkeitstheorie geführt. Caroline Alexanders Buch «Die Endurance» über Shackletons Überlebenskampf in der antarktischen Eishölle hat das Geheimnis der Führungskunst und den Glauben, dass auch Unmögliches möglich werden kann, geprägt.
Ich weiss nicht, wie du es geschafft hast, hundert Bücher ein zweites oder drittes Mal nochmals zu lesen, das sind vielleicht dreissigtausend Seiten, wahrscheinlich mehr. Und darüber ein fünfhundertseitiges Buch zu schreiben. Aber du hast es geschafft. Und es ist ein einzigartiges Buch über den unermesslichen Reichtum der Bücherwelt geworden. Eine Liebeserklärung an das Buch. Wenn von vielen Leserinnen und Lesern jede auch nur fünf Bücher wiederentdeckt, werden tausende vergessene Bücher in die Gegenwart zurückkehren. Nicht nur, aber auch deshalb muss man «Abenteuer Lesen» allen ans Herz legen, die noch lesen wollen.
Benedikt Weibel, geboren 1946, war von 1993–2006 Chef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Als Publizist schreibt er Kolumnen. Ausserdem hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter «Simplicity – die Kunst, die Komplexität zu reduzieren» (Zürich 2014), «Das Jahr der Träume 1968 und die Welt von heute» (Zürich 2017), «Wir Mobilitätsmenschen. Wege und Irrwege zu einem nachhaltigen Verkehr» (Basel 2021).
Wortlaut ist das literarische Frühjahrsereignis der Ostschweiz. 2026 wird es zum 17. Mal durchgeführt und findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Sämtliche Veranstaltungsorte wie Lokremise, Bibliothek Hauptpost und Grabenhalle sind fussläufig erreichbar und liegen bahnhofsnah. Ziel des Literaturfestivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekanntzumachen.
Wir alle übersetzen tagtäglich das, was wir denken, in Worte. Im Rahmen der 17. Ausgabe des Wortlaut – St. Galler Literaturfestivals wollen wir nun diesen Prozess genauer anschauen: Was passiert, wenn Gedanken Form annehmen – erst in Worte, dann in Schrift? Oder wenn ein Buch in eine andere Sprache übertragen wird? Wie können komplizierte Themen vermittelt werden? Anders gesagt: Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden? Wir freuen uns sehr, genau darüber mit unseren Autor:innen am Wortlaut zu sprechen!
Es finden moderierte Lesungen mit Autor*innen aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Raum statt. Darüber hinaus organisieren wir spannende Wortwechsel, Werkstattgespräche und eine Podiumsdiskussion. Das Publikum in St.Gallen wird ferner eingeladen, Gast des schon traditionellen Dialekt Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein, sich an einem Literaturspaziergang durch die Gallusstadt zu beteiligen oder den Lesungen im öffentlichen Nahverkehr zu lauschen. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost ein sogenannter Silent Reading Rave statt.
Wortlaut ist ein Fest, das Sie auch in diesem Jahr zu literarischen Entdeckungen und Grenzüberschreitungen einlädt. Freuen Sie sich mit uns auf ein reichhaltiges und entdeckungsfreudiges 17. St.Galler Literaturfestival!
Advents-Überraschung: Early Bird Festivalpässe ab jetzt erhältlich!
Du suchst noch ein passendes Weihnachtsgeschenk für deine literaturbegeisterte Mutter oder deinen Bruder, der eine Leseratte ist? Verschenke jetzt Vorfreude für das 17. Wortlaut vom 27.-29. März 2026.
Denn du kannst dir jetzt zum ersten Mal für das Wortlaut Literaturfestival 2026 exklusive Festivalpässe zum Sonderpreis sichern!
Wir freuen uns darauf, dich 2026 beim Wortlaut Literaturfestival willkommen zu heissen!
Es hat geklopft! Sie richtet sich auf, schaltet das Licht an, schlüpft in die Pantoffeln, eilt zur Wohnungstür und hinaus auf den Korridor. Doch da ist niemand. Sie ruft den Namen ihres Sohnes, zuerst leise, dann lauter. Keine Antwort. Nichts. Nur ihr Herz, das pocht. Sie geht zurück in die Wohnung, durch die Küche auf den Balkon, lehnt über die Brüstung, weit hinaus, um zur Eingangstür hinunterzuschauen. Doch auch da ist niemand. Im Halbdunkel erkennt sie nur die Konturen der Mülltonnen, die neben dem Eingang stehen. Die Straße ist leer. Aus der Ferne hört sie einen Hund bellen, dann ist es wieder still. Fröstelnd geht sie zurück in die Wohnung. Es ist erst halb fünf, doch sie beschließt, wach zu bleiben, Kaffee zu kochen, das Frühstück zuzubereiten. Als sie in der Küche hantiert, fällt ihr Blick auf den Kalender. Nicht auf den alten, der über der Kommode hängt und seit zwei Jahren und drei Monaten den 30. August anzeigt. Nein, auf den anderen Kalender fällt ihr Blick, auf den aktuellen, von dem sie nun ein Blatt abreißt und sieht, dass heute der erste Advent ist. Sie lächelt. Den ersten Advent haben sie früher wie Weihnachten gefeiert. Mit einem festlichen Abendessen und Geschenken. «Kleine Weihnachten», hat ihr Sohn einmal gesagt, was sie lustig fand. Wie alt war er damals? Vier, vielleicht fünf? Den ersten Advent haben sie danach immer so genannt, «kleine Weihnachten», auch später noch, als ihr Sohn zur Schule ging und noch später, als er Student war. Sie stellt zwei Tassen auf den Tisch und rückt den Stuhl zurecht, auf dem seit dem Datum auf dem Kalenderblatt über der Kommode niemand mehr gesessen hat. Sie setzt sich auf den Stuhl gegenüber, frühstückt und lässt danach das Geschirr stehen, damit sie noch einmal frühstücken kann, wenn ihr Sohn kommt. Punkt acht meldet sie sich in der Chatgruppe und erzählt vom Klopfen. «Vielleicht ist heute der Tag», endet sie ihre Nachricht. «Hoffentlich», antwortet jemand. Drei reagieren mit einem Herzen. Niemand aus der Chatgruppe fragt, ob es wirklich geklopft habe. Und niemand sagt, sie müsse realistisch sein und abschließen, wie ihr einmal ein Arzt geraten hat. Trauern solle sie, hat er empfohlen, wie wenn ihr Sohn gestorben wäre. Als ob ihr Sohn gestorben wäre! Wer wäre sie dann überhaupt? Sie ist Witwe, seit vor vielen Jahren ihr Mann gestorben ist. Ihr Sohn wurde dadurch Halbwaise und würde Vollwaise, wenn auch sie stürbe. Doch für eine Mutter, deren Kind gestorben ist, gibt es keine Bezeichnung, erst recht nicht für eine Mutter, deren Kind verschwunden ist. Verschwunden worden ist, müsste sie wohl sagen. Denn was vorgefallen ist, wurde beobachtet, das Beobachtete berichtet, das Berichtete bestätigt. Und bestritten. Es sind Puzzleteile, die sich bis jetzt zu keinem Bild zusammenfügen lassen. Solange sie es nicht genau weiß, ist ihr Sohn nicht gestorben. Er ist vor zwei Jahren und drei Monaten, am 30. August kurz nach Mittag, aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekommen. Noch nicht. In der Chatgruppe braucht sie das Warten nicht zu erklären. Sie alle kennen es. Auch die Geräusche kennen sie. Manche hören ebenfalls ein Klopfen, andere das Telefon klingeln oder eine Tür knarren. Nachts ein Schnarchen im Nebenzimmer, tagsüber eine Stimme, ein Räuspern, ein Rufen, ein Lachen, ein Singen, ein Pfeifen. Einige hören Schreie, immer wieder Schreie. Heute war das Klopfen anders. Kräftiger, hartnäckiger vielleicht. Es klang wie eine Ankündigung. Als sei ihr Sohn unterwegs und komme bald durch die Tür, heute noch oder morgen erst, nächste Woche oder an Weihnachten. Sie wird ihm auch dieses Jahr ein Geschenk kaufen, sein Lieblingsessen kochen, die Wohnung schmücken. «Es ist Advent, die Zeit der Ankunft», schreibt eine der Mütter in den Gruppenchat. Jemand reagiert mit einem Stern. Im Verlauf des Tages melden sich alle aus der Gruppe. Es brauchen keine Worte zu sein, denn manchmal fehlen sie. Ein Emoji genügt. Sonst wird nachgefragt. Denn sie alle sind auf einer Achterbahn, könnten jederzeit hinausgeschleudert werden und fallen, tief fallen. Als wieder halb fünf ist, weiß sie nicht mehr, was sie den ganzen Tag über gemacht hat. Gewartet hat sie, natürlich hat sie gewartet. Das tut sie jeden Tag. Manchmal strickt sie dabei. Im Schrank liegen drei Pullover, ein Schal und fünf Paar Socken, die sie für ihren Sohn gestrickt hat. Angefangen hat sie damit, als sie gesehen hat, wie abgemagert die jungen Männer sind, die zurückkommen. Auch der Sohn ihrer Nachbarin. Gezittert hat er. Also hat sie ihm einen Schal gestrickt, den er fortan immer trug, sogar am Tag, als er wegzog, um das alles hinter sich zu lassen, wie er ihr beim Abschied erklärte. Kurz darauf ist auch ihre Nachbarin weggezogen, um das alles hinter sich zu lassen. Sie selber kann nicht wegziehen. Nur selten verlässt sie ihre Wohnung. Sie ist hier, um zu warten. Je weiter der Tag fortschreitet, desto beschwerlicher wird das Warten. Wenn sie die Kraft dazu hat, setzt sie sich an den Computer, füllt Formulare aus, kontaktiert Organisationen, vernetzt sich, schreibt Briefe, erzählt wieder und wieder seine Geschichte, die längst zu ihrer Geschichte geworden ist. Sie kämpft für die Suche ihres Sohnes, aber auch gegen die Dunkelheit, die sich am Ende des Tages ausbreitet und gegen die keine Lampe hilft. Wenn sie dann nicht aufpasst, kullern plötzlich Tränen über ihre Wangen, beben die Schultern und hört sie ein Schluchzen, das tief aus ihr herausdringt und doch so tönt, als käme es von einem fremden Wesen. Bevor sie zu Bett geht, schaut sie ins Zimmer ihres Sohnes, das aussieht, als sei er nur für ein paar Stunden weggegangen. Und das war er auch, nur für ein paar Stunden weggegangen. In der Bibliothek ein paar Bücher holen wollte er und zwei, drei Dinge einkaufen. «Bis gleich», rief er an jenem 30. August nach dem Mittagessen und ging. «Bis gleich», flüstert sie und geht in ihr Zimmer. Sie setzt sich aufs Bett, schlüpft aus den Pantoffeln, legt sich hin, löscht das Licht. Und lauscht auf Geräusche.
Alexandra von Arx, geboren 1972 in Olten, ist Juristin, Übersetzerin und internationale Wahlbeobachterin. Als Autorin wurde sie mit zwei Förderpreisen für Literatur und mehreren Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bislang hat sie drei Romane und einen Erzählband veröffentlicht, zuletzt «Das mit uns» im Zytglogge Verlag.
Jina Khayyer stand mit ihrem Debüt „Im Herzen einer Katze“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025. Ein Buch, das gleichermassen aufwühlt wie verunsichert. Ein Buch, das LeserInnen mit Sicherheit aus der Komfortzone lockt und Fragen aufdrängt, die man eigentlich nur ungerne zulassen will.
Dass uns vieles an der Welt sprachlos zurücklässt, daran scheinen wir uns gewöhnt zu haben. Vielleicht auch eine natürliche Reaktion darauf, dass vieles unbegreiflich erscheint, unlösbar, durch fast nichts mehr zu korrigieren. Sprachlosigkeit einhergehend mit Tatenlosigkeit. Aber wenn ich dann durch die Lektüre eines Buches gezwungen werde, mich Tatsachen zu stellen, die Menschen zu Tausendenden nicht nur die Freiheit, sondern das Leben kostet, dann kann Lesen beinahe unerträglich werden.
Jina Khayyer stammt aus dem Iran. Einem Land, das von Mullahs, bärtigen Männern regiert wird, das sich im Würgegriff einer Form des Islams befindet, willkürlicher Macht, die auf dem Rücken all derer zementiert wird, die sich dem Regime widersetzen und nicht akzeptieren wollen, dass das Recht auf Freiheit, Meinungsäusserung mit Füssen getreten wird. Am allermeisten leiden Frauen darunter, eine ganze Generation, die in den Medien mitansehen muss, wie auf der anderen Seite der Grenzen weibliche Freiheit gelebt werden kann, deren Mütter in Zeiten des Aufbruchs, als mit dem Wahlsieg Mohammad Chātamis bei den Präsidentschaftswahlen 1997 mit einem Mal Presse- und Bewegungsfreiheit möglich schienen und Frauen sich unverhüllt, geschminkt und in voller Haarpracht in den Strassen der Metropolen bewegten.
Jina Khayyer «Im Herzen der Katze», Suhrkamp, 2025, 253 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43248-8
Die Autorin lebt und wirkt in Deutschland. Ein grosser Teil ihrer Familie lebt aber noch immer im Iran, allen voran ihre Schwester, die einen Iraner heiratete und durch nichts aus diesem Land zu vertreiben ist. Über ihre sozialen Kanäle erfährt die Erzählerin dieses Romans, dass in den Strassen von Teheran eine junge Frau mit gleichem Vornamen wie sie von Sittenwächtern umgebracht wurde. Der Mord an Jina Mahsa Amini am 16. September 2022 wird der Anfang einer weiteren, blutigen Revolte gegen ein Regime, das sich mit ebenso massloser wie gezielter Gewalt an der Macht zu halten versucht. Jina in Deutschland muss aus der Ferne zuschauen, wie sich auf dem Bildschirm manifestiert, was nicht einmal in den wüstesten Träumen vorstellbar ist. Obwohl es Dank des Mutes vieler Verzweifelter immer wieder zu Kundgebungen und einem Aufflammen der Revolte kommt, macht das iranische Regime mit aller Härte klar, dass vor nichts zurückgeschreckt wird, auch nicht vor öffentlichen Hinrichtungen von Menschen, deren Vergehen einzig und allein die Hoffnung auf Freiheit war.
Jina Khayyer erinnert sich an eine Reise in ihr Ursprungsland, als sie als junge Frau für kurze Zeit in den Schoss ihrer grossen Familie zurückkehrte, als sie als westlich sozialisierte Frau mit einem Schleier verhüllt mit dem Auto eine Reise durch den Iran unternahm. Eine Reise durch ein einst blühendes, buntes, kulturell vielfältiges Land mit vielen Sprachen und ebenso vielen Ethnien. Durch ein Land, das aber schon damals nur noch ein Schatten seiner selbst war, in der Angst erstarrt, kontrolliert von bärtigen Männen, die ihre Kalaschnikows ganz offen tragen und nur schon durch einen „falschen“ Blick provoziert werden können. Und wer, vor allem als Frau, erst recht als junge Frau, einmal in die Mühlen dieses Machtapparts gelangt, entkommt ihm kaum mehr unverletzt in Geist und Seele.
„Im Herzen einer Katze“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Road-Tripp. Ein Höllentripp! Nichts für zarte Seelen, die sich nicht in der Lage sehen, der Fratze des lachenden Unrechts ins Gesicht zu schauen. Auch wenn der Roman seine Längen hat und damit vielleicht die scheinbare Idylle in der Quarantäne einer Familie zeigen will, ordnet die Autorin auf beeindruckende Weise, was in seiner Gesamtheit fast nicht zu ertragen ist. Immer wieder blitzt die arabische Kunst des Fabulierens, der blumigen Erzählung auf, der Weisheit in einer Sprache, die schon über viele Jahrhunderte ihre Blüten trägt und auch durch die graue Gegenwart nicht auszulöschen ist.
Mit Sicherheit war die Nominierung zum Deutschen Buchpreis auch ein Signal, ein Manifest, ein Zeichen. Ein Zeichen, das unmissverständlich ist und an all jene gerichtet ist, die sich den gegenwärtigen Verhältnissen im Iran strategisch verschliessen.
Jina Khayyer ist Schriftstellerin, Dichterin, Malerin und Journalistin. In Deutschland geboren, iranischer Abstammung lebt und arbeitet sie seit 2006 in Paris und in der Provence. Sie ist Autorin für die Zeitschriften ‚The Gentlewoman‘, ‚Fantastic Man‘ und ‚Apartamento‘. Zuletzt wurden ihre Gedichte und Zeichnungen in der Kunsthalle Baden-Baden im Rahmen der Gruppenausstellung SEA AND FOG (2024) ausgestellt. «Im Herzen der Katze» ist ihr Romandebüt und stand in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025.
Der Alpstein hat sich an einer bestimmten Stelle tief gesenkt und um fast 1000 Meter nach Norden verschoben. Die Saxerlücke ist Teil dieser uralten Verwerfung. Wanderer geniessen dort seit jeher die herrliche Aussicht; für mich aber zeigt sich an dieser Bruchstelle ein anderes Bild. Die Saxerlücke ist Riss und Verbindung zugleich, ein Ort der Möglichkeiten, des Hätte-sein-Könnens.
Wie jedes Jahr sassen wir an Heiligabend am Esstisch, den meine Grossmutter gedeckt hatte. Goldumrahmte Teller und Kristallkelche machten aus dem Fest etwas Erhabenes. Die Sitzordnung war immer dieselbe. Am Kopfende blieb jedoch Jahr für Jahr ein Stuhl frei, trotz aufgedecktem Geschirr, und es schien, als erwartete Grossmutter einen weiteren Gast. Sämtliche Fragen, die sich um diesen Platz drehten, alle Mythen, die sich um ihn rankten und von uns aufgetischt wurden, entlockten Grossmutter nie das Geheimnis. Selbst Grossvater hatte, als es noch lebte, das Ritual nicht verstanden. Ich nahm an, dass sich mittlerweile niemand mehr darum scherte, der Sache auf den Grund zu kommen. «Die Alten haben ihre Marotten», sagte meine Mutter lachend und füllte den Rotwein in die Gläser.
Wir assen Braten, Kartoffelstock und warmes Apfelmus. Die Gläser klirrten in immer kürzeren Abständen. Meine Familie wusste sich zu amüsieren: Viele Witze flogen quer über den Tisch, nur meine Grossmutter blieb seltsam still. Kurz vor Mitternacht machten sich die Gäste auf den Weg zur Messe. Ich blieb. Etwas hielt mich zurück, vielleicht war es Grossmutters Blick, der mich immer wieder suchte. Er hatte etwas Forderndes. Da ich ihre einzige Enkelin war, hatten wir eine besonders enge Bindung. Es roch nach Kaffee und Kerzenwachs. Ich wartete auf dem Sofa, bis sie aus der Küche zurückkehrte. Als sie erschien, trug sie einen Krug in den Händen und ein Album unter dem Arm. Sie stellte den Krug auf den Tisch, setzte sich mir gegenüber und strich mit dem Daumen über den Einband. Sie hob den Deckel. Das Foto zeigte die Saxerlücke. Erst beim zweiten Blick sah ich ihn – einen Mann mit schwarzem Haar, die Hände in die Hüften gestützt. Da begann sie zu erzählen. Von Aldo, dem italienischen Hilfsarbeiter. Wie rasch das Gerede damals im Dorf die Runde machte. Wie Zettel unter der Tür lagen, auf denen «Tschingge-Freundin» stand. Ihr Vater hatte sie fortan nicht mehr ausgehen lassen. Doch sie schlich sich heimlich davon, um Aldo zu treffen. Zuerst in den Wald, an den Fuss des Berges, schliesslich zur Saxerlücke. Aldo wollte in der Schweiz bleiben. Das Bürgerrecht, sagte sie, habe ihm die Gemeinde angeboten – für vierzigtausend Franken. Für ihn war das eine unüberwindbare Summe. Also kehrte er nach Italien zurück. Für immer. Grossmutter legte die Hand auf das Foto. Meinen Grossvater habe sie fünf Jahre später kennengelernt, sagte sie. Es sei Liebe gewesen, wenn auch eine ruhigere. «Vergleichen konnte ich es nicht», fügte sie hinzu, «es war einfach anders.» Ich fragte sie, ob sie den leeren Stuhl seither für Aldo freihielt. Sie lächelte und schüttelte den Kopf. «Nicht ganz», sagte sie. «Er steht für das Ungelebte, die verpassten Gelegenheiten. Und die Geschichten, die man sich darüber erzählt. Sie wiederholen sich. Gewisse Geschichten wiederholen sich.» Wir sassen noch lange beisammen, bis draussen das erste Licht durch die Fenster drang. Am Morgen nahm ich den frühen Zug nach Hause.
Vor ein paar Wochen ist Grossmutter gestorben. Wenn der Schnee schmilzt, werde ich zur Saxerlücke hinaufgehen. Vielleicht hat sich der Berg seither ein wenig weiter verschoben.
Gabriela Caponio, 1975, wohnt im Kanton Zürich. Sucht in Archiven nach Geschichten, besonders nach Kriminalfällen aus dem Zürich der 20er. Das Interesse gilt allgemein dem Proletariat und den Unterprivilegierten.
Dreh- und Angelpunkt dieses Romans ist ein Loch, Schacht ¾, eine Kohlenmine im Donbass, jener Gegend, in der seit Jahren ein unerbittlicher Angriffskrieg der Russen gegen ihren einstigen Bruderstaat, die Ukraine, den Boden mit Blut tränkt, eine Gegend, in der das Böse immer wieder seine Fratze zeigt.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden Tausende von Juden im Donbass ermordet und ihre Leichen in eben diese stillgelegte Kohlenmine geworfen. Nach dem Krieg wurde die Mine mit einem Betonpfropfen verschlossen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber wie naiv zu glauben, all die Geister dieser Toten würden Ruhe geben, man könne so einfach vergessen. Tausende von Toten in einer Mine, die einst ein grosses Versprechen war, die Reichtum verhiess, mit deren Kohle man die Räder einer prosperierenden Wirtschaft antreiben wollte, in deren Unterhalt sich aber ein Wurm einfrass, der Stollen so unsicher wurde, man sich gezwungen fühlte, die Mine stillzulegen. Eine Mine, die im Unterbewusstsein einer ganzen Gegend wirkt wie ein ewig schlechtes Gewissen.
Und als im Juli 2014 das Passagierflugzeug MH-17 über eben diesem Bergbaudorf von russischen Freischärlern abgeschossen wird, regnet es Frackteile und Tote über einem Dorf, das mit den Auswirkungen des Bösen einmal mehr unfreiwillig in die Mangel genommen wird. Ein Irrtum, denn die Männer, die die Maschine vom Himmel holten, glaubten eine feindliche Transportmaschine im Visier zu haben. Eine Tat, die die russischen Besatzer mit allen Mitteln zu vertuschen versuchen, so wie man damals die Toten im Schacht ¾ stillhalten wollte, eine Tat, bei der fast 300 Unschuldige ihr Leben verloren, darunter 80 Kinder. Unschuldige damals, Unschuldige heute.
Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer, 2025, aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 256 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-10-397521-5
Der Roman, der fünf Tage rund um diesen tragischen Abschuss einer Boing 777 beschreibt, mit Rückblenden in die Zeit, als man noch hoffen konnte, die Kohlenmine würde das werden, was man von ihr erhoffte. Eine sterbende Hauptfigur in Sergej Lebedews Roman ist Marianna, die Wäscherin im Dorf. Jene Frau, die alles wieder weiss wäscht. Aber sie ist krank, krebskrank. Und weil sie im Sterben liegt, ist ihre Tochter Shanna zurück ins Dorf gekommen. Ein schwieriger Gang, denn ihre Mutter ist nicht mehr die, die sie einst gewesen war. Als ob all das Böse, dass sie über die Jahrzehnte aus den beschmutzen Stoffen der Menschen waschen musste, den Krebs wie eine Schmutzschicht auf ihre Haut getrieben hätte. Shanna ist nicht nur einfach traurig, sondern enttäuscht, wütend, nicht zuletzt darum, weil die Mutter sie zurück in dieses Dorf gebracht hatte, ein Dorf, von dem sie ahnt, dass das Böse auch sie ereilen will, und weil sie es nicht schafft, den Schmutz von den Laken ihrer Mutter zu waschen.
Zum Beispiel ihr Nachbar Valet, gleich alt wie Shanna, mit ihr aufgewachsen, aber als junger Mann nach Moskau gezogen, um sich am grossen, starken Bruder zu orientieren, um dereinst mächtig zurückzukehren und sich das zu nehmen, von dem er schon ein ganzes Leben überzeugt war, es würde ihm zustehen. Valet lauert auf seine Gelegenheit. Bis ihm eine Leiche im Gestrüpp, eine Tote aus dem Passagierflugzeug MH-17 das bietet, was er glaubt, würde ihm helfen, Shanna auf seine Seite zu bringen.
Vorgesetzter von Valet ist General Korol, ein Veteran aus dem Tschetschenienkrieg, der schon in den 70er Jahren in dieser Stadt als KGB-Offizier diente, die dritte Stimme des Romans, die vierte Stimme die des Ingenieurs, der damals die Kohlemine plante, er ausgerechnet ein Jude.
Man mag Sergej Lebedew vorwerfen, dass er es mit den geschichtlichen Tatsachen und Schauplätzen nicht so genau nimmt. Das kann einem dann stören, wenn man einem Schriftsteller seine Freiheiten verweigert. Wenn man nicht spürt, worum es Lebedew in diesem Roman doch eigentlich geht. Lebedew bündelt all das Böse an einem Ort, an jenem Ort, der bis in die Gegenwart immer wieder zum Totenfeld wurde. Es ist ein Roman über einen ewigen Schmerz. Ein Roman eines Mannes, den dieser ewige Schmerz aus seiner Heimat vertrieb. Ein Roman mit einer mehr als deutlichen Anklage. Starke Worte!
Sergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. Fischer sind seine Romane «Der Himmel auf ihren Schultern» (2013), 2Menschen im August» (2015), «Kronos‘ Kinder» (2018) und «Das perfekte Gift» (2021) erschienen. Zuletzt erschien der Erzählband «Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit» (2023). Sergej Lebedew lebt zurzeit in Potsdam.
Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.
Der Morgen ist klirrend kalt, eigentlich zu kalt für Dezember. Max und Wulle treten aus dem Schlafwerk, wo sie für die Nacht eine Unterkunft gefunden hatten. Sie stellen ihre Krägen hoch und vergraben die Hände in den Parka-Taschen. „Lausiger Service da drinnen“, sagt Wulle, und Max bestätigt: „Nicht mal der Tee war richtig heiß. So sind die Katholen, sparen an allem.Aber komm, lass uns zum Bahnhof gehen, ein paar Münzen sammeln für einen starken Kaffee.“ „Nein“, widerspricht Wulle. „Ich habe jetzt Bock auf einen Glühwein.“ „Wäre schön, aber ich bin völlig blank. Hast du etwa Geld?“ „Nicht wirklich. Aber ich kenne einen auf dem Weihnachtsmarkt, der hoffentlich eine Runde springen lässt.“
Auf dem Markt ist noch nicht viel los. Die meisten Händler öffnen jetzt erst ihre Verkaufsstände, legen gerade ihre Waren aus oder machen ihre Kassen einsatzbereit. Hinter dem Tresen des Stands, zu dem Wulle seinen Kumpel führt, steht ein großer Mann mit Walross-Schnauzer und putzt Keramiktassen. „Moin, Atze“, grüßt Wulle ihn. „Echt frostig heute, was?“ Atze schaut auf, legt die Stirn in Falten und brummt ein „Moin“. „Du, Atze, wäre es möglich, dass mein Freund und ich an einem so kalten Tag einen Glühwein spendiert kriegen?“ Die Stirnfalten des Angesprochenen vertiefen sich. „Wulle“, sagt er verärgert, „du hast mir zwar beim Aufbau der Hütte hier geholfen, aber ich habe dich dafür auch bezahlt. Dass du ab und zu mal einen Glühwein haben kannst, war ausgemacht. Aber ich versorge nicht auch noch deine Kumpels mit.“ „Ist klar“, stimmt Wulle devot zu. „Der Max hier ist aber nicht irgendein Kumpel, und ich verspreche dir, wenn der Markt vorbei ist, wird auch er uns beim Abbau und Verpacken helfen. Das macht der gern!“ Max nickt bestätigend. „Sei´s drum“ lässt Atze sich erweichen. „Dann ist das halt meine gute Tat für heute.“ Er gießt zwei Portionen dampfenden Glühwein aus einer großen Pumpkanne ein. „Aber die Tassen will ich wieder haben, sonst gibt es Ärger!“
In den Markt kommt langsam Leben. Die ersten Besucher schlendern durch die Gänge, eine heiße Wurst oder ein Getränk in der Hand. Aus allen Ecken ertönen Weihnachtslieder. Überall leuchten bunte Sterne auf, Engel aus Kunststoff oder Holz verteilen Segen, Nikoläuse tanzen zu alten Rock-Songs. Max und Wulle trinken, die Ellbogen auf einen hohen runden Tisch gestützt, langsam ihren Wein. „Und was machst du an Heiligabend“, fragt Max. Wulle reibt sich nachdenklich über das ausgeprägte Grübchen am Kinn, das unter seinem struppigen Bart versteckt liegt. „Eigentlich wollte ich zur Speisung bei der Caritas, aber ich denke, dieses Jahr gehe ich mal in die Vesperkirche. Ich habe gehört, die haben einen neuen Pfarrer, der nicht so ein nerviger Betbruder ist. Außerdem heißt es, dass die dort gut kochen. Und am Schluss kriegt man noch eine Tüte mit Obst und Süßem. Manchmal sind auch ein Paar Strümpfe von den Landfrauen mit drin.“ „Klingt gut!“ Max ist beeindruckt. „Ich glaube, da schließe ich mich an.“ Er schaut über Wulles Schulter und beobachtet Atze, vor dessen Stand sich bereits eine kleine Schlange gebildet hat. „Ist gut im Geschäft, unser Gönner“, stellt er fest. „Kennst du den schon lange?“ „Ja“, antwortet Wulle. „Seit Jahren. Wir waren mal Kollegen sozusagen. Damals hatte ich eine Imbiss-Bude.“ „Nee, was!“ Max ist erstaunt. „Du und Imbiss! Mann, das wusste ich gar nicht. Und warum hast du den nicht mehr?“ Wulle dreht seine Tasse in den Händen, sagt aber nichts und guckt an Max vorbei zu einem Verkaufsstand gegenüber, in dem Aufziehäffchen verkauft werden. Der Verkäufer lässt immer wieder welche über den Tresen hüpfen. Einige Leute, die vorbeikommen, amüsieren sich. Max wird die Stille peinlich, deshalb stößt er seinen Freund leicht an der Schulter und sagt: „Du, tut mir leid, die Fragerei! Geht mich ja auch nichts an.“ „Schon gut“, beruhigt Wulle ihn. „Ist lange her, fast dreißig Jahre. Ich hatte die Metzgerlehre geschmissen, war auf Zeit beim Bund. Von der Abfindung habe ich mir den Stand gekauft. Dann traf ich Marie, und wir heirateten. Den Imbiss führten wir zusammen. Wir arbeiteten praktisch Tag und Nacht, verdienten auch nicht schlecht dabei. Und meine Frau war ein Engel.“ Wulle verstummt wieder und schaut nach drüben zu den Äffchen. Die Leute lachen, aber niemand kauft eins der Spielzeuge. Max ist jetzt doch richtig neugierig geworden und kann es nicht abwarten, bis sein Freund weitererzählt. „Ja, und dann“, fragt er ungeduldig. „Sie wurde schwanger.“ „Und? Wolltet ihr denn keine Kinder?“ „Sie wurde schwanger von einem anderen.“ Max rutscht spontan: „Scheiße“ heraus und, nachdem er tief Luft geholt hat, fragt er: „Weißt du das sicher?“ Wulle lächelt freudlos und hebt den Blick. „Ich bin zeugungsunfähig. Das wussten wir schon vor der Hochzeit.“ Max ist sprachlos. Ganz langsam dreht er sich eine Zigarette, schaut auf das glitzernde Treiben ringsum, auf den von Glühbirnchen erzeugten Sternenschein, die immergrünen Plastiktannen, die kitschigen Himmelsboten mit den vergoldeten Flügeln, deren Münder aus einem aufgedruckten O bestehen und auf ihre leblos starrenden Augen, die über alles und jeden hinwegblicken. Weihnachten, denkt er, das hier kann doch nicht alles sein. Und dann spricht er es aus. „Sie war ein Engel, sagst du! So eine geht doch nicht fremd!“ „Aber ich bin doch unfruchtbar“, empört sich jetzt Wulle über den Freund. „Kapierst du das nicht? Ich habe das nicht ertragen, dass sie mich hintergangen hat. Ich konnte das nicht. Deshalb musste ich weg.“ „Was ist dann aus ihr geworden?“ Max will es jetzt wissen. „Und aus dem Kind?“ „Keine Ahnung“, bekennt Wulle mit rauer Kehle. „Sechs Monate habe ich das ausgehalten, habe mich mit Schnaps betäubt, neben ihr und ihrem dicker werdenden Bauch. Dann bin ich abgehauen.“ Völlig aufgelöst, mit Tränen in den Augen, sieht er Max an. „Ich weiß einfach nicht, was aus ihnen geworden ist.“ Max ist fassungslos, hat keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen soll. Das sich überlappende Weihnachtsgeplärre aus den Lautsprechern, das Geglitzer und Geflitter, diese Stimmung, als gäbe es noch Weihnachten wie früher, all das bietet ihm keinen Ausweg aus dieser Situation. Wulle braucht Trost, aber woher nehmen! Max tritt an seine Seite, umarmt ihn unbeholfen, sucht nach Worten. „Wenn sie ein Engel war, und ich glaube dir das aufs Wort“, flüstert er ins Ohr des anderen, „vielleicht ist sie dann gar nicht fremdgegangen. Vielleicht war es ein Wunder!“ Wulles unkontrolliertes Lachen schreckt die Marktbesucher auf. Eilig gehen sie weiter.
Heiligabend. Die beheizte Vesperkirche ist mit Tischen und Bänken in einen Speisesaal verwandelt worden. Es riecht schon nach gekochtem Essen, aber noch redet der Pfarrer. Der bärtige junge Mann steht auf der Kanzel und spricht über jene, denen gegeben wird. Max hat gedrängt, also sind sie früh losgegangen und haben einen guten Platz erwischt, ziemlich weit vorne in der Nähe des mit Kerzen geschmückten Altars. Voller Genuss trinken sie ihren Eierpunsch, der zur Begrüßung gereicht wurde, und genießen die wohlige Wärme. Später wird von den Helfern Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen serviert werden, und am Ausgang steht ein langer Tisch mit den Geschenktüten, zu deren Inhalt auch wieder die Wollerzeugnisse der Landfrauen gehören. Wulle hat in den vergangenen Tagen viel nachgedacht. Es hat ihm gutgetan, Max von seiner Vergangenheit zu erzählen. Er schaut den Freund an, der ihm gegenübersitzt, und ist immer noch berührt von dessen Bemerkung mit dem Wunder. Seither lässt ihn diese Idee nicht mehr los. Auch jetzt nicht. Deshalb hört er dem Pfarrer auch nicht wirklich zu und bemerkt gar nicht, dass der jetzt kurz innehält, voller Empathie auf seine Gemeinde herunterblickt und sich nachdenklich über das ausgeprägte Grübchen am Kinn reibt, das unter seinem Bart verborgen ist.
Helmut Blepp, geboren 1959 in Mannheim, bis 2024 selbständiger Berater, lebt in Lampertheim, zahlreiche Veröffentlichungen in deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien, fünf Lyrikbände, zuletzt „Erinnerungen im Kartenhaus“ (Moloko plus, 2025)
Dem unverändert aktuellen Thema von Krieg, Gewalt und Zerstörung widmen sich zwei lesenswerte Bücher auf unterschiedliche Weise. Sowohl Ishbel Szatrawska aus Polen mit ihrem Debüt als auch Sergej Lebedew aus Russland mit einem neuen Roman. Beide sind 1981 geboren.
Lieber Gallus
Vor Kurzem trafen wir Freunde und Bekannte aus der Ukraine anlässlich der Tournee des grossartigen Chores «CANTUS» aus Uschgorod, Transkarpatien. Sie berichteten eindrücklich, wie sie den Krieg erleben. Es sitzen junge Leute in Kiev in ihrer Freizeit in den Cafés zusammen und diskutieren lebhaft, obwohl sie nachts bei steten Bombenangriffen kaum schlafen. Das Strassenbild tagsüber im Zentrum gleicht einer modernen europäischen Stadt, unweit davon entstehen täglich neue Zeichen der Zerstörung. Müde, aber überzeugend kämpfen sie weiter um ihr Land, ihre Kultur, ihr Leben. Für uns Schweizer nicht vorstellbar.
Ishbel Szatrawska hat einen historischen Familienroman geschrieben, der im ehemaligen Ostpreussen spielt. Diese Gegend hat eine sehr bewegte Geschichte an einem Schmelztiegel von Völkern, hier haben Polen, Deutsche, Litauer und Russen um Macht und Einfluss gekämpft. Nur schon von diesen historischen und kulturellen Verflechtungen zu erfahren, war für mich hochinteressant. Der Zweite Weltkrieg mit dem Nationalsozialismus, die sowjetische Invasion und die Jahre des Kommunismus in der Region um Königsberg bilden den Hintergrund des Romans. Hauptpersonen sind die Grossmutter Janka und die Enkelin Alicja sowie der Chirurg Max und Jankas Sohn Wolf. Ihre Erlebnisse in einer Zeit des Umbruchs, des Krieges mit Verschiebung der Grenzen werden bildhaft und sprachgewaltig geschildert. Jede Person bekommt ein charaktervolles Gesicht und bleibt trotzdem geheimnisvoll. Einige Weiterentwicklungen bleiben für den Leser, die Leserin offen, machen das Buch noch interessanter und anregender. Ein Roman, der wirklich in tiefe Abgründe des Menschseins führt.
Ishbel Szatrawska «Die Tiefe», Voland & Quist, 2025, aus dem Polnischen von Andreas Volk, 461 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-86391-414-1
Die aus Olsztyn stammende Autorin möchte mit ihrem Buch eine Lücke füllen, da bisher Vieles aus der Geschichte Ostpreussens nicht bekannt ist und kaum aus der Sicht einer Polin dargestellt wurde. An der Buchvernissage im Literaturhaus Zürich sagte sie, dass das Buch in Polen in den verschiedenen Bezirken sehr kontrovers aufgenommen wurde. In der ehemals ostpreussischen Region sehr gut, in Zentralpolen teils mit Unverständnis. Dort hat die polnische Bevölkerung die Deutschen als Invasoren erlebt.
Mich hat die poetische kraftvolle Sprache von Szatrawska sehr beeindruckt. Zeitlich und örtlich hin und her springend erzählt, ist das Buch nie unübersichtlich. Der geschickte Perspektivenwechsel gibt dem Werk eine faszinierende Dichte und Tiefe. Wie sich Grossmutter Janka und ihre ebenso starke Enkelin Alicja den Herausforderungen stellen, bleiben im Gedächtnis hängen:
Nimm nichts von Deutschen. Alicja erstarrte, sie hielt ein bunt verpacktes Schokoladenbonbon in ihrer Faust. Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Auch so wusste sie, dass Grossmutter Janka mit der Zigarette in der Hand unter dem Vordach stand, unbewegt, bedrohlich. Obgleich der Sommer in diesem Jahr ein typisch preussischer war, mässig warm, wolkig, mit unangenehm kühlem Wind aus Norden, spürte sie, wie ihr heiss wurde.(Buchanfang, Janka noch Mädchen)
Wie der Chirurg Max umgeben von immer mehr Zerstörung und Eindringen der Russen unter schwierigsten Bedingungen und in einem widerlichen Umfeld arbeiten muss, haben mich als pensionierten Hausarzt erschüttert:
Halt!, rief Max, das ist ein Operationssaal. Der Grösste der Meute zielte sofort auf seinen Kopf. Unwillkürlich hob er die Hände. Johanna schluchzte in der Ecke. Er hörte, wie sie ihr die Kleider vom Leib rissen. Er schaute in den Lauf des Gewehrs, um die Frauen nicht sehen zu müssen, in der erhobenen Hand hielt er noch immer den Nadelhalter. (Russeneinfall in Königsberg am Ende des Zweites Weltkriegs)
Menschen verlieren Würde und Heimat und müssen entwurzelt ums nackte Überleben kämpfen. Keine leichte Kost, aber ein Buch, das zu Herzen geht. Sehr zu empfehlen!
Sergej Lebedew, studierter Geologe setzt sich bereits seit Jahren mit den unterirdischen Spuren menschlichen Terrors auseinander. Erstmals 2011 (deutsche Ausgabe) mit «Der Himmel auf ihren Schultern» und aktuell im soeben erschienen Roman «Die Beschützerin»; Fünf Tage im Juli 2014 im Donbass, wo bereits die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg Tausende Juden umgebracht und verscharrt haben. 2014 wurde zudem ein Passagierflugzeug von den Russen abgeschossen.
Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer, 2025, aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 256 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-10-397521-5
Der russische Originaltitel »Белая дама», «Die weisse Dame», wäre für mich sinnvoller, denn Marianna, dreissig Jahre lang Leiterin einer Bergbau-Wäscherei, versucht dunkle hartnäckige Flecken in der Wäsche weisszuwaschen. Später versucht auch ihre Tochter Shanna, unerschöpflich das Böse dieses Ortes wegzuzwaschen. Reinwaschen als Metapher fürs Verdrängen schrecklicher Tatsachen. Hier, im «Schacht ¾» eines Bergbaus lagern bis unter die Erdoberfläche aufgeschichtet Leichen, erschossen und ermordet durch verschieden Aggressoren:
Unter uns liegen von den Deutschen erschossene Soldaten der roten Armee. Unter ihnen die Gefangenen sowjetischer Gefängnisse, erschossen von den Bolschewiki beim Rückzug der roten Armee. Unter ihnen sind weisse, rote, grüne und zufällige Ansässige, als Geiseln genommen und hingerichtet im Bürgerkrieg von den vorrückenden und sich zurückziehenden Truppen… Und unter ihnen sind die getöteten Streikenden der ersten Revolution von 1905.
Eine dunkle Geschichte mit vier ProtagonistInnen zwischen Schuld und Versöhnung, Geschichtsbewusstsein und Vergessen, Verlassenheit und Wut. Neben Marianna, die «Beschützerin», die an Krebs stirbt, und ihrer Tochter Shanna erscheint Valet, ein früherer Nachbar von Shanna, der «gehärtet und abgedroschen» von Moskau zurückkehrt, um die prorussischen Separatisten zu unterstützen und Shanna endlich zu entführen. Er schenkt ihr einen teuren Lippenstift, den er einer Leiche aus dem abgeschossenen Flugzeug entwendet hat. Auch General «Korol», ein typischer KGB-Offizier, welcher Mariannas Akte unter «Schneewittchen» notiert hat, kehrt an diesen Ort zurück, überwacht die «Totenkammer», Schacht ¾, damit der Bevölkerung keine unnötigen Fragen kamen. Als innere Stimme, als Geist, lässt Lebedew einen jüdischen Ingenieur sprechen:
Daraufhin wurde eine neue Waffe geboren: der lange Arm des Todes, der bis über den Ärmelkanal reichen konnte. Eine vollendete Form, ein Hai der Lüfte, ein Gerät ohne Menschen darin. Es war die V2… Als man uns im Frühjahr 1942 tötete, wurden sie bereits produziert, getestet und vorbereitet. Zwangsarbeiter setzten sie zusammen – lebende Tote. Damit sie andere Menschen in Tote verwandeln konnten.
Erschüttert und nachdenklich lege ich das Buch weg. Metaphorisch etwas überladen zeigt dieses düstere Buch nachhaltig, was Kriege mit uns Menschen machen. Ein Mahnmal! Mit Hoffnung? Ich bin gespannt auf deine Eindrücke und grüsse herzlich
Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken. Ihr Debütroman «Toń» (dt. «Die Tiefe») stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der «10 besten Bücher des Jahres» gewählt.
Andreas Volk, 1971 in Idar-Oberstein geboren, lebt seit bald zwanzig Jahren als Literaturübersetzer in Warschau. Er übersetzte bereits Ishbel Szatrawskas Theaterstück «Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod». 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks und 2022 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.
Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.
Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.
«Aletheia» kämpft gegen Desinformation, Fake-News und Manipulation. Eine Aktivistengruppe, die zu allem bereit ist, auch wenn Blut fliessen muss. „Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut», ist Teil ihres Manifests und Kampfansage zugleich. Raphaela Edelbauers Roman ist der mutige Versuch, sich mitten ins Wespennest zu setzen!
Nicht erst seit der Pandemie grassieren „alternative Fakten“. Aber ganz sicher gewannen sie seit dem Niedergang grosser Zeitschriften und Zeitungen an Einfluss. Das Netz ist voller „News-Portale“, die aber eigentlich nicht zur Meinungsbildung beitragen wollen, sondern Meinungen vertreten. Seit sorgältiger Journalismus nicht mehr in einem finanziell gesicherten Umfeld gedeihen kann und private, und von Wirtschaft und Politik gesteuerte Medien mehr oder weniger unabhängige Berichterstattung immer offensiver verdrängen und „Wahrheit“ mehr und mehr relativ erscheint, war es mehr denn je an der Zeit, dass sich die Literatur intensiv mit „Wahrheit“ beschäftigt. Zwar nicht inhaltlich, ist Erzählen doch immer Fiktion, sondern philosophisch und mit dem, was die Desorientierung rund um diesen Begriff an der Gesellschaft bewirkt.
Dass sich Raphaela Edelbauer diesem Thema und all den darunter liegenden Schichten annimmt, ist ein Glücksfall, zumal die Autorin nicht erst mit diesem Roman beweist, wie viel ihr an Tiefe, Einsicht, Genauigkeit und Auseinandersetzung liegt. Was die äusserst kluge Autorin wagt, ist viel und ist vielleicht auch deshalb mit Bravour gescheitert.
Wir wissen, dass der Aufstieg des Populismus und seiner alternativen Fakten, dass Verschwörungstheorien oder das Sabotieren der Wissenschaft dem unbeabsichtigten Wirken des Krebses Postmoderne zuzuschreiben ist. Deswegen streben wir nach einer philosophischen Revolution. Auch wenn sich der Verfall in der politischen und gesellschaftlichen Sphäre ereignet, so kann dieser Verfall nicht ohne einen Umsturz der Begriffe aufgehalten werden. Ohne den Anker eines Wahrheitsbegriffs läuft jede politische Maßnahme ins Nichts.
Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, CHF ca. 40.90, ISBN 978-3-608-96630-5
Eine kleine Gruppe philosophischer Terroristen lebt zusammen in einem abgefuckten Gebäude ohne Heizung, um zum grossen Schlag gegen eine entgleiste Gesellschaft auszuholen. Bernward, Brigitte, Paul, Bettina, die man nur „die Chirurgin“ heisst – und die Erzählerin Petra, die sich selber Byproxy nennt, seit einem Unfall an einen Rollstuhl gefesselt ist und sich mit dem Eintritt in die Gruppe, dem neuen Namen, mehr als nur ein neues Leben geben will. Byproxy muss sich die Akzeptanz der Gruppe schwer verdienen. Nicht zuletzt die Chirurgin ist alles andere als glücklich, dass noch jemand bei den geheimen Plänen mitmischen soll. In einem Geflecht aus politischen Grundsatzdiskussionen, philosophischen Streitgesprächen und einem HinundHer zwischen Misstrauen und Erleichterung dümpelt die Gruppe auf den einen Punkt, der endlich mithelfen soll, eine Wende in der zu Fels erstarrten Gegenwart hinzuführen.
Dass Byproxy im Rollstuhl sitzt, „verdankt“ sie ihrer besten Freundin. Eine Autofahrt mit katastrophalen Folgen. So wie Byproxy, alias Petra, sich aus den Folgen dieser Katastrophe befreien will, so soll das mit dem grossen Knall in der Wiener Innenstadt passieren, obwohl Byproxy weiss, dass sie die Wunden nicht schliessen kann. Die Gruppe handelt aus purer Verzweiflung, aus Verzweiflung an einer Gesellschaft, die mehr und mehr in seine Extreme zerfällt, die allen Ernstes glaubt, Wahrheit sei rein subjektiv, Politik, die sich ihre Wahrheit zurechtbiegt und Menschen, die sich einlullen lassen.
Raphaela Edelbauers heere Absichten, den Diskurs, das Nachdenken über Wahrheit und den Umgang mit solchen scheitert heroisch. Ich mag die Leidenschaft ihres Schreibens, auch wenn ihre Klugheit, das Mit-der-grossen-Kelle-Anrühren manchmal beinahe schulmeisterlich tönt. Ich mag das Setting, wenn ein Stein unaufhaltsam ins Rollen kommt, habe aber Mühe, wenn das Personal im Roman verkopft, seelenlos wirkt. Was Byproxy mit ihrer Freundin auszustehen hat, mit jener Person, mit der sie einst maximal viel verband, die sie aber auch maximal verwundete, diese Geschichte rührt bis in den Bauch. Auch die Verzweiflung an einer lahmenden Gesellschaft.
Ein Buch, das mir nach der Lektüre quer im Magen liegt. Aber vielleicht war genau das die Intention der Autorin. Raphaela Edelbauer will weder streicheln noch schmeicheln. Ihr Roman sperrt sich, will nicht bloss unterhalten. Nur wer sich auf die Gedankengänge dieser übersprudelnden Autorin einlässt, kann sich faszinieren lassen. Schon beeindruckend, auch wenn es vielleicht einen Beipackzettel gebraucht hätte. Das Buch ist kein Versprechen, aber der Biss eines literarischen Pitbulls.
Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.
Es ist ganz leicht, in den Wind zu sprechen, das Falsche zu sagen, sich ins Moos zu wühlen, zwischen Flechten auf dem kargen Stein jenseits der Baumgrenze verblassen zu wollen.
Sie fährt weg, hinauf, mit der Absicht, sich zu entfernen. Hinauf in die Berge, in einen Berggasthof hoch oben, in ein kleines Zimmer, nur mit dem Allernötigsten. Um sich eine Pause zu geben. Vielleicht um Klarheit zu schaffen, denn unten im Tal, dort, wo sich sonst ihr Leben abspielt, ist ein Mann, den sie liebt, dem sie einen langen Brief schreibt, manchmal am Tisch in der Nähe der Gäste im Gasthof, manchmal auf dem Zimmer, manchmal unterwegs. Einen Brief, in dem sie viel mehr schreibt, als das, was sie sich erhofft. In dem sie schreibt, wovor sie sich fürchtet, vor dem Grossen und dem Kleinen, vor all dem Unumkehrbaren, vor dem sich die meisten verschliessen, wenn sie den Gesprächen im Gasthof lauscht, wenn sie sich losschreibt, von all dem, was sich in ihren Kopf zwängt, all die Nichtig- und Oberflächlichkeiten, mit denen wir uns zutexten, mit denen wir über- und zudecken, was mit Grossbuchstaben geschrieben werden müsste.
Ein Brief voller Hoffnungen, ein Brief, den sie nicht abschicken wird, der alles sagt und doch das letzte nicht ausspricht. Die Hoffnung, der Mann im Tal würde seine Sachen packen, würde erkennen, dass sie ihn braucht, dass sie ihn jetzt braucht, wie sehr sie sich wünscht, er würde losfahren und zu ihr kommen. Sie erzählt von ihm, wie er ihr in Nachrichten mitzuteilen versucht, wie leicht der Schritt doch ist aus all den Dingen, die sie nicht aufhalten kann, die sich an sie heften, von denen sie sich nicht befreien kann. Sie glaubt nicht, dass es Auszeit gibt, einen Fluchtplan, dass man alles weglegen kann, selbst das wenige, das sie mit ins Tal nimmt, auch wenn sie die Versuchung spürt, dieses Allerletzte zurückzulassen.
Romina Nikolić «Litanei der Leichtigkeit, in der du–» (SL 219), Sukultur, 2025, 24 Seiten, CHF ca. 3.90, ISBN 978-3-95566-190-8
„Litanei der Leichtigkeit, in der du-“ ist ein leidenschaftlicher Text über das Verlorensein, über die Sehnsucht nach Sicherheiten, ein Zwiegespräch mit sich selbst, mit dem Wind, dem weiten Blick über das Tal. Ein Versuch des Verortens, weil die Erzählerin spürt, dass sie abgetrennt von dem ist, mit dem sie sich doch so verbunden fühlt. Ein Erklärungsversuch all jenen gegenüber, die glauben, man müsse sich bloss ein bisschen schütteln, ein bisschen zusammenreissen, ein bisschen besinnen.
Dieses kleine gelbe Büchlein ist der perfekte Begleiter auf einer Reise. Nicht bloss auf die Reisen weg, sondern auch auf die Reisen hin. Es passt in jede Tasche, als Einladung in ein Tagebuch, als Sehhilfe neben das Bündel Fahrkarten, in die Brusttasche ganz nah beim Herzen, dort wo man den Puls nur noch hört, wenn man unter der Wasserlinie in der Badewanne liegt. „Litanei der Leichtigkeit, in der du-“ von Romina Nikolić ist ein Kleinod aus einer ganzen Reihe literarischer Marksteine unter dem Titel „Schöner Lesen“, herausgegeben von Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe.
Romina Nikolić, geb. 1985 in Suhl, wuchs in Schönbrunn/Thür. auf, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Seit 2009 neben der eigenen schriftstellerischen Tätigkeit Organisatorin von Lesereihen und diversen literarischen Projekten, u. a. als freie Mitarbeiterin bei der Literarischen Gesellschaft Thüringen oder Mitbegründerin von Love Crime Books, einem Independent-Label für Fanfiction-Anthologien. Zweifache Preisträgerin beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen, Walter-Dexel-Stipendiatin der Stadt Jena. Lebt als Projektmanagerin, Lyrikerin und Herausgeberin in Jena.