Abbas Khider «Der letzte Sommer der Tauben», Hanser

Noah ist zwölf und lebt ganz für seine Tauben auf dem Dach seiner Familie. Mutter und Vater haben sich recht und schlecht in ihrem Leben eingerichtet und das eine oder andere Mal bringt ihm das Glück eine neue Taube. Bis Männer in Autos das Kalifat ausrufen und mit einem Mal alles anders sein muss.

Nur zu gut erinnern wir uns an Bilder von Pickups, bärtigen Männern, Gewehre gegen den Himmel gereckt und schwarze Fahnen im Fahrtwind, als vor gut 10 Jahren im Irak und in Syrien die Terrororganisation ISIS den islamischen Staat ausrief. Zu glauben, dass all jene, die damals mordeten und brandschatzten, heute zur Besinnung gekommen wären, ist naiv. Ebenso die Hoffnung, dass sich die Bevölkerung in Staaten wie Afganistan irgendwann ganz bestimmt aus ihrer Knechtschaft selbst befreien werden. Was ist dann an Kraft noch geblieben? Oder man sieht Bilder von Kundgebungen in Deutschland, Städten wie Hamburg, wo junge, bärtige Männer, muskelbepackt und mit unverholener Selbstsicherheit und Radikalität das Kalifat in Deutschland fordern, das Kalifat als Allheilmittel anpreisen. Wenn am Rande solcher Veranstaltungen ein artiges Häufchen eingeschüchteter Frauen unter ihren Niqab applaudiert und man sich angesichts der meist jungen Männer, die lauthals Parolen schreien, fragen muss, was da ungehindert zu gedeihen scheint.

Noch viel schlimmer dabei ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr differenzieren können zwischen Islam und Islamismus. Und wenn aus christlicher Sicht dann noch die Versuchung geschürt wird, den Islam mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen und vergessen wird, was in den letzten zwei Jahrtausenden im Namen der Christen angerichtet wurde, scheint jedes Mass, jede Relation im Gezeter des Hasses unterzugehen.

Abbas Khider «Der letze Sommer der Tauben», Hanser, 216 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-446-28222-3

Noahs Glück ist brüchig. Schon sein älterer Bruder ist irgendwann aus der Familie verschwunden, zusammen mit ihm alle Bilder von ihm, sein Name, alles. Nur manchmal sieht er seine nie mehr frohe Mutter unter Tränen jenem einen, letzten Foto seines Bruders nachtrauern. Seine Schwester ist schwanger. Aber auch ihr Glück ist bedroht. Ihr Mann, der bei der Polizei arbeitete, ist jetzt, wo die Mudschaheddin die Macht mit ihren Gewehren zeigen, eingesperrt und von deren Willkür bedroht.

Es ist Sommer in der Stadt. Noahs Vater ist von den neuen Machthabern gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen Vorschriften anzupassen. Alles, was zu sehr nach Weiblichkeit aussieht, muss verschwinden, verbrannt werden. Jeder abgebildete Frauenkörper muss mit einem Stift geschwärzt werden. Sein Onkel Ali, der unter dem gleichen Dach ein Café führt, muss den Laden dichtmachen. Alles, was ihm bleibt, ist seine Taubenzucht, das, was ihn mit Noah verbindet. Tauben sind für Noah und seinen Onkel all das, was ihnen nach und nach genommen wird, nicht nur die Freiheit, die Fähigkeit zu fliegen, auch ihr soziales Gefüge, der Zusammenhalt, den Willen, sich nach den Schwächsten in der Gruppe zu richten. 

Zusammen mit seinen Freunden Shirzad und Mohamed waren sie einst eine Clique, nannten sich die Al-Pacino-Bande. Aber nachdem Shirzad als Jeside zusammen mit seiner Familie verschwindet und Mohamed nach einem „Ferienlager“, an dem der Gebrauch der Waffe gelernt wurde, nicht mehr der gleiche ist wie zuvor, spürt Noah, dass sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Bis auch die Tauben vom Himmel verschwinden sollen.

Abbas Kidher zeigt im kleinen Kosmos eines Zwölfjähigen, dass es kaum ein Entrinnen gibt, wie die Kombination aus Staat, Recht und Religion keine Freiheiten erlaubt, wie ein hassgesteuertes, hirarichisches System von enthemmten Männern alles zunichte macht, was die Rechte des Individuums hochalten will, wie aus Hoffnung Angst wird.

Mag sein, dass der Roman von Abbas Khider aus der Sicht des Zwölfjährigen erzählt manchmal fast zu sehr zur Parabel, die Gegenüberstellung von Gesellschaft und Taubenschlag arg strapaziert wird. Trotzdem erzählt der Roman ein Stück beklemmender Wirklichkeit und Realität.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Berliner Literaturpreis geehrt. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin. 

Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher»

Beitragsbild © Peter-Andreas Hassiepen

Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

***

Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand

Manchmal überraschen mich Bücher, die Sprache in einem Buch so sehr, dass ich regelrecht betört bin. Dass die Autorin eine Österreicherin ist, wundert mich wenig, denn wie kein anderes Land scheint Österreich immer und immer wieder Stimmen hervorzubringen, die mit einem ganz eigenen Sound bestechen.

Eine Bäuerin in einem kleinen, norddeutschen Bauernhof schlachtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts illegal ein Schaf. In einer Zeit, in der alles, was man brauchte, von der Scholle kommen musste, auf der man lebte. In einer Zeit, in der die Bäuerin alles können musste, um eine Familie am Leben zu halten. Wie man schlachtet, pökelt, räuchert, wie man Früchte und Gemüse konserviert, wie man Wunden versorgt. Zur Not, und von der Not gab es viel, musste eine junge Frau den Hof auch alleine führen, wenn die Mutter viel zu jung starb oder Vater und Ehemänner aus dem Krieg nicht zurückkehrten.

Henrike führt das Schaf in die Waschküche, wo sie alle Fenster abgedunkelt hat, damit niemand im Dorf das heimliche Schlachten mitbekommt. Schweine würden schreien. Schafe sterben still. Henrike hängt das tote Schaf an eine Holzleiter und zieht das Messer in gerader Linie bis zum Brustknochen, öffnet den Körper wie ein Buch, kehrt das Innerste nach aussen. So wie Anna Maschik es mit dem Erzählen durch ein ganzes Jahrhundert tut.

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand, 2025, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-630-87814-0

Die einzigen im Dorf, auf die niemand verzichten kann, sind Anna, die Hebamme, und Nora, die Totenfrau. Nicht etwa ein Priester. Beides sind Begleiterinnen in Momenten, in denen die Kraft zum eigenen Handeln fehlt; bei der Geburt und beim Gang in den Tod. Anna Maschiks von Bildkraft strotzender Roman macht bewusst, wie nah die Zeiten waren, in denen das Schicksal einer Frau unabwendbar im Zyklus von Werden und Vergehen, von Dienen und Aufopferung eingebunden war. Das Leben auf einem Bauernhof oder später in der Stadt, „an der Seite eines Mannes“, ist weit weg vom romantisierten Blick auf die Liebe, von der Selbstverständlichkeit der Gegenwart. Man wird in eine Famlie geboren, begleitet von Liebe oder nicht, hat zu überleben, zu arbeiten, vorbestimmt in einer Aufgabe, in Traditionen, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Von der Urgrossmutter Henrike, der Grossmutter Hilde, der Mutter Miriam; sie alle bringen ungefragt Kinder zur Welt, die einen stumm, die andern laut. Hildes Bruder Benedikt verschläft die ersten 15 Jahre seines Lebens. Miriams Bruder Wolfgang bleibt ungeliebt, ein Aussenseiter, ein Wolf. Und als alle Kinder Hildes mit einem Mal aus dem Haus ausziehen, bricht das Familiengefüge auseinander, weil das, was sie zusammenschweisst, die Not war. Alle Mütter tun sich schwer mit ihren Töchtern, auch wenn alle Frauen in der Familie alles daran setzen zu überleben. Auch wenn dieser kleine Rest Überleben nur das Stück Garten beim Haus ausmacht. Was für ein Schmerz, wenn dann auch noch die Farben aus dem Garten verschwinden.

Alma, die letzte in der Ahnenreihe der Frauen, ist die Erzählerin. Sie öffnet nicht den Körper des geschlachteten Schafs. Sie öffnet die Innereien einer Familie. Sie zieht das Messer bis zum Brustbein, bis zum Innersten. Dass Anna Maschik dabei Traumbilder hineinnimmt, dass sie Wiederholungen einbaut, die das „Immergleiche“ des Lebens spiegeln, dass Anna Maschik Listen mitnimmt, die sich wie Litaneien lesen, die sich die Frauen vorbeten müssen, um zu überleben, macht dieses Buch zu einem ungewohnt brachialen Leseerlebnis.

Und wenn man sich vor Augen hält, das „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ein Debüt ist, bewundert man den Guss, aus dem dieses aussergewöhnliche Buch geschrieben ist. Ein Versprechen! Grossartig!

Anna Maschik, 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Leipzig. Sie arbeitete als Produktionsleitung eines Theaterfestivals und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einem Wiener Gymnasium. Sie hat Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten« ist ihr erster Roman.

Beitragsbild © Luca Senoner

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida

Es sind Besessene, die ein Buch schreiben. Es sind Verrückte, die zwei Jahrzehnte an ein und demselben Projekt weiter und weiterarbeiten, die weder Zeit noch Energie scheuen. Es sind Wilde, die sich von gar nichts zurückschrecken lassen. Samuel Herzog gehört zu dieser ganz besonderen Spezies Mensch! Ich liebe sie!

Reisen sie gerne in ferne, fremde Länder? Mögen sie Abenteuer, den Schritt ins Unbekannte? Lieben sie die Vorbereitungen auf eine grosse Reise, das Stöbern im Netz, das Blättern in Reiseführern, das Zusammenstellen einer Tour, bei der man möglichst viele Sehenswürdigkeiten entdecken kann, der Bevölkerung des Landes möglichst nahe kommt? Oder fürchten sie sich davor, ein Ziel ins Auge zu fassen, weil sie genau wissen, dass das Budget nicht reichen wird? Meldet sich das schlechte Gewissen, weil sie wissen, dass sie damals beschlossen, kein Flugzeug mehr zu besteigen? Oder fehlt ihnen die Zeit? Samuel Herzog bietet ihnen die einmalige Chance, eine Reise zu wagen, die ihr Budget nicht überstrapaziert, minimale Belastungen für die Umwelt verursacht und erstaunlich viele neue Perspektiven eröffnet, ohne dass sie sich aus dem Sofa erheben müssen.

Lemusa ist eine Insel auf 33° N / 44° W, mitten im atlantischen Ozean, etwa 130 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Eine Insel, die alles bietet, was AbenteuerInnen lockt; eine wechselhafte Geschichte, gastfreundliche Einheimische, romantische Buchten, sagenhafte Landschaften, pikante Gerichte, geheimnisvolle Urwälder, und blühende Ortschaften. Eine eigene Fluggesellschaft, eine unabhängige, wenn auch streitbare Regierung und eine blühende Kultur. 

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025, 3500 Seiten, Auflage: 333 Exemplare, CHF ca. 198.00, ISBN 978-3-03908-008-3

Niemand auf diesem Planeten kennt die Insel Lemusa so gut, wie Samuel Herzog. Kein Wunder, denn Samuel Herzog hat die Insel vor einem Vierteljahrhundert erfunden. Lemusa gibt es als real existierende Insel nicht, in seiner Vielfalt nur im Kopf ihres Schöpfers und in der einen oder anderen Facette in Köpfen jener, die sich durch «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» von der Faszination einer (verrückten) Idee verführen lassen. Alles fing an mit dieser einen Idee; einmal ein Schöpfer sein, einmal eine Welt erfinden, einmal alle Wenn und Aber zur Seite legen, sich durch nichts und niemanden einengen lassen. Zuerst wuchs die Idee, die Insel im Kopf, dann auf einer Webseite, und nun ist sie in sieben Bänden in einem Schuber auf Papier gebannt. Reiseführer in die Fantasie, ein Durstlöscher für Sehnsüchte, ein Bilderbuch für Unersättliche.

Ich liebe Menschen, die unbeirrt eine Idee verfolgen, die sich nicht abbringen lassen, vor allem in Absichten, die keinen wirtschaftlichen Zweck verfolgen. Samuel Herzog ist einer, der sich längst in den Winkeln, Höhlen und Zwischenwelten seiner Insel verloren hat. Sogar eine Sprache hat er für seine Insel erfunden, eine Schrift, Literatur. Eine Fülle von Rezepten, die man nachkochen kann, mit denen man sich in der Küche die Düfte dieser ewig fremden Insel nach Hause holen kann. Über QR-Codes rezitiert Samuel Herzog Gedichte verschiedener lemurischer Stimmen. Ich lese Reportagen zu den verschiedensten Themen, Samuel Herzog erzählt von seinen ausgedehnten Spaziergängen auf der Insel. «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» sind Reiseführer nach innen, vielfarbige Fächer einer bunten Welt, die in nichts von der Realität in den Schatten gestellt wird.

«Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» ist Kunst, sowohl sprachlich wie in seiner Konsequenz. Ich blättere und lese, staune und schmunzle. SchriftstellerInnen erfinden Geschichten, Welten, Leben. Samuel Herzog ein Stück Welt!
Aber Achtung: Wer sich den Schuber kauft und für diesen auf dem stillen Örtchen den geeigneten Platz findet, braucht die Nachsicht seiner Mitbewohner oder das Glück einer zweiten Nasszelle. Auf Lemusa kann man sich verlieren.

Phantastisch – im wahrsten Sinne des Wortes!

Ein dreiminütigen Video übers «Lemusa-Projekt»
Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli, Karin Rey «Der Verlag», Roman, Rotpunkt

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Fotos © Edition Frida (Mathias Balzer)

Helga Schubert «Luft zum Leben», dtv

Nachdem man der DDR-Autorin Helga Schubert 1980 die Teilnahme am Bachmann-Preislesen verweigert hatte und sie dann 40 Jahre später mit 80 Jahren erneut einlud, leuchtete ein Stern am Literaturhimmel, der nie erloschen war, den man aber schlicht vergessen hatte. Helga Schubert gewann den Bachmann-Preis und schrieb sich mit „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ zurück ins kollektive Literaturbewusstsein.

Es mag die Geschichte sein, die Helga Schubert die Herzen einer grossen LeserInnenschar öffnete, dass da eine einen Preis gewinnt, die man abgeschrieben hatte. Vielleicht ist es die Tatsache, dass Helga Schubert ihren kranken Ehemann, den Maler und früheren Professor für Klinische Psychologie Johannes Helm bis kurz vor seinem hundertsten Geburtstag in einem kleinen Dorf im Meklenburgischen rund um die Uhr pflegte und ihr Schreiben fast ganz hintanstellte. Aber noch viel mehr ist es die Art ihres Schreibens, ihre klare, unprätentiöse Sprache mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie und Witz, der die Bücher zu speziellen, die Person Helga Schubert zur Identifikationsfigur macht. Da schreibt eine, die sich nicht in den Vordergrund schiebt, die sich ehrlich wundert, dass sie von so vielen gelesen wird, dass man sie auch 85jährig noch liest.

Helga Schubert «Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang», dtv, 2025, 288 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-28513-1

Zugegeben, „Luft zum Leben“ ist nicht das ideale Buch, um in den Kosmos Helga Schubert einzusteigen, auch wenn die Texte aus 65 Jahren, von 1960 bis in die Gegenwart, nicht nur viel von dem erzählen, womit sich Helga Schubert herumzuschlagen hatte, was sie beschäftigte, von der Rolle der Frau im Realsozialismus oder der Willkür staatlicher Paranoia, über das Glück in ihrer Kindheit am Leben geblieben zu sein oder der Sehnsucht nach Heimat und offenen Grenzen. Aber wer Helga Schubert aus ihren Büchern kennt, seien es jene, die nach 20 Jahren Schreibpause mit dem Paukenschlag aus Klagenfurt erschienen oder die vielen vor und nach der Wende, die nicht zuletzt Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und der DDR selbst waren und mit dem Buch „Judasfrauen“ zum Thema „Denunziantinnen im Dritten Reich“ wenige Jahre nach dem Fall der Mauer für Aufsehen sorgten.

„Luft zum Leben“ ist viel mehr als eine Sammlung von verschiedenen Texten, auch nicht einfach Geschichten und Erzählungen. In dieser Textsammlung offenbart Helga Schubert genau das, was das Wesen ihrer Texte in den Büchern zuvor ausmacht; Helga Schubert ist gnadenlos direkt und ehrlich, beschönt nichts, auch nicht ihre Rolle als junge Ehefrau, als Mutter, als Teil eines Systems. Es geht in vielen Texten um Verlust, sei es der Verlust ihrer geliebten Grossmütter oder das Verlust einer geistigen Heimat, einer Zugehörigkeit. Sie erzählt vom Leben in der DDR, von Willkür und Verweigerung, von Verletzungen, nicht zuletzt von der, dass eine Mauer sie einzuschliessen versuchte.

Manche Texte lesen sich wie Essays, andere wie Betrachtungen. Aber immer ist es die freine Beobachtung, die Helga Schubert zum Schreiben führt, die kleine, unscheinbare Geste, eine Begegnung, sei es am Rande einer Demonstration in Berlin oder ihr spontaner, unbeabsichtigter Besuch in einer feministischen Buchhandlung, sei es das Nicht-Vorhandensein eines Vaters, der im Krieg gefallen war, die Frage, wer er gewesen war, seien es Träume, die sich wie farbige Metaphern ihres Lebens lesen.

Mit „Luft zum Leben“ schenkt Helga Schubert viel Stoff. Für mich als Bewohner einer jahrhundertealten Demokratie auch ein ehrlicher Blick durch den eisernen Vorhang, bei dessen Fall man 1989 glaubte, es wäre einer für immer.

Helga Schubert ist Gast am Wortlaut Literaturfestival St. Gallen vom 27. – 29. März 2026. Weitere Informationen folgen.

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte «Vom Aufstehen» den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2023 erschien «Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe», 2024 wurde Helga Schubert mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis MV ausgezeichnet.

Helga Schubert «Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe», dtv

Helga Schubert «Vom Aufstehen», dtv

Beitragsbild ©Eddy Zimmermann Rabauke Filmproduktion

Thomas Dütsch «Mit jedem Vers», Plattform Gegenzauber

Ziegenhirte 2.0

Er führt seine kleine Herde auf die Weide zieht
ein Bündel frischer Erlenzweige hinter sich her
Die Ziegen freuen sich wie im Märchenbuch Sie 
machen Sprünge rempeln einander an wedeln
mit den Schwänzen knabbern begierig am Laub 
Der Hirte zückt sein Smartphone filmt die Tiere
während sieben Sekunden verschickt das Video 
Dann telefoniert er sitzend auf dem Brunnenrand 
Die Ziegen eilen herbei stossen mit ihren Hörnern
fordernd gegen seine kreidebleichen Kniekehlen
Er tätschelt ihre Hälse spricht weiter in sein Gerät
Die Ziegen wenden sich ab trotten verwirrt davon
Der Hirte ist 70 Er trägt eine weisse Apple Watch
An seinem Arm klebt ein frisches Dialysepflaster 

(2022)

 

Das Eimerchen

Mein täglicher Weg an den Schreibtisch führt
im Gegenuhrzeigersinn um den Häuserblock
Ich leere das Eimerchen mit dem Grüngut
dehne meinen Rumpf vor dem Bücherschrank
zähle heute die bunten Pinguine vor der Kita
morgen die Schafe unterm Kirschbaum gelange
das quengelnde Eimerchen fest im Griff auf
eine sanfte Anhöhe sehe zu wie sich langsam
das Seebecken freinebelt während im Westen
die Nacht Länge um Länge abseilt den Mond
Wachgepinselt vom Hauch des frühen Tages
setz ich mich um Jahre verjüngt an mein Pult
Das Eimerchen indes will nicht an seinen Platz

(2024)

 

Ginge ich nicht

Mit einer Kaltnadel ritzt mir die Nebelhand
ihr Herbstmonogramm in die Nackenhaut
Ich schriee ginge ich nicht

Müde zirkelt mir die verdistelte Mittagssonne
ihr sprödes Licht vor die Füße
Ich haderte ginge ich nicht

Kreisend schwärzen letzte Stare den Himmel zu
und ihre Schreie steinigen mein ermattetes Herz
Ich stürbe ginge ich nicht

Ginge ich nicht durchs lodernde Laub

(2001)

 

Mit jedem Vers

Mit jedem Vers den ich schreibe
werde ich arm und ärmer verliere
eines meiner Geheimnisse die ich
mit Worten nicht benennen kann

Als Schmuggelware im Mantelsaum
trägt jeder Vers aus der Schneiderei
unzengroß eine Wahrheit über mich
ins Buchstabengetümmel hinaus

Die Leser werden Schnitt und Wurf 
genau besehen doch es wird dauern
bis einer das Verstuch dort befühlt wo
im Saum die Verhärtung zu spüren ist

Ich aber schreibe Verse wie eh und je
bis ich einst da steh nackt und kahl
eine geheimnislose Eiche ohne Frucht
wartend auf Sturm wartend auf Schnee

(2011)

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich publizierte er Gedichte in den Literaturzeitschriften «einspruch», «drehpunkt» und «Sprache im technischen Zeitalter». Auch die «Neue Zürcher Zeitung», die «Zeit» und der «Tages-Anzeiger», Zürich, brachten Gedichte von ihm. 2001 erschien sein erster Lyrikband «Windgeschäft», für den er eine Anerkennungsgabe des Kantons Zürich erhielt. 2011 folgte sein zweiter Gedichtband «Weißzeug», der mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde. In der «NZZ am Sonntag» lobte Manfred Papst die «Sorgfalt und das Formbewusstsein» seines Schreibens. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Wortlaut Literaturfestival St. Gallen 2026: Bekanntgabe des gesamten Festivalprogramms und Start des Vorverkaufs

Die 17. Ausgabe des St. Galler Literaturfestivals Wortlaut findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Das Schwerpunktthema in diesem Jahr lautet «über:setzen». Insgesamt werden in St. Gallen 29 Veranstaltungen in der Lokremise, der Bibliothek Hauptpost, der Grabenhalle und der Stadtbibliothek Katharinen durchgeführt.

Unter anderem treten folgende Autor:innen auf: Lukas Bärfuss, Martina Clavadetscher, Navid Kermani, Flurina Badel, Fabio Andina, Romain Buffat, Julia Weber, Jonas Lüscher mit Paul Rechsteiner, Laura Vogt, Nora Gomringer mit Nancy Hünger, Miriam Meckel und Léa Steinacker, Helga Schubert, Katinka Ruffieux, Usama Al Shahmani und Vea Kaiser. Ziel des Festivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekannt zu machen und Debatten anzuregen.

Ende Januar liegen die gedruckten Programmhefte in ausgewählten Buchhandlungen und anderen Kulturorten der Stadt St. Gallen aus.
Der Vorverkauf von Tickets und Pässen startet zeitgleich.

Das Motto des diesjährigen Festivals lautet «über:setzen». Neben den zahlreichen Lesungen in den vier Landessprachen sollen im Rahmen des Festivals vor allem folgende Fragen zum Schwerpunktthema diskutiert werden: Wie wird ein Buch in eine andere Sprache übertragen? Wie lassen sich komplexe Themen so vermitteln, dass sie verständlich und zugänglich werden? Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden?

Am Eröffnungsabend (Freitag, 27. März, 19.30 Uhr, Lokremise) stellt der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss den Akt des Übersetzens in einen grösseren kulturellen Zusammenhang: Wie verschafft er seinen Themen Gehör, und wie erreicht er sein Publikum? Gemeinsam mit Nicola Steiner geht Bärfuss diesen Fragen nach und zeigt, was es dazu braucht und weshalb dies heute wichtiger ist denn je. Musikalisch begleitet wird der Eröffnungsabend vom Thurgauer Gitarristen Tobias Engeler.
Das Grusswort spricht die Regierungsrätin Laura Bucher.

Am Festivalwochenende vom 27. bis 29. März finden Lesungen, Performances sowie Podiumsdiskussionen mit Autor:innen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich statt. Zudem wird die Buchpremiere der Ostschweizer Autorin Laura Vogt gefeiert; musikalisch begleitet werden Lesung und Gespräch vom Kontrabassisten Marc Jenny. Darüber hinaus wird das Publikum eingeladen, Gast des schon traditionellen Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein. Neu bietet das Festival ein Familienprogramm in der Stadtbibliothek Katharinen an. Weitere Kooperationen mit neuen Formaten gibt es zudem mit dem Förderraum und dem open art museum in St. Gallen. Mit Katinka Ruffieux und Julia Sutter stellt das Festival zwei Debütantinnen dem Publikum vor. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost ein so genannter «Silent Reading Rave» statt.

Die letzte Veranstaltung von Wortlaut findet am Sonntag (29. März, um 16.45 Uhr) im Raum für Literatur statt: Paul Rechsteiner, politisches Urgestein, bekommt eine Carte blanche und lädt den Schriftsteller Jonas Lüscher ein. Ihr Gespräch wird weit über die Literatur hinausgehen und doch viel mit den Themen von Lüschers aktuellem Roman «Verzauberte Vorbestimmung» zu tun haben. Wovon träumen wir Menschen des Kapitalismus und wovon unsere sich zunehmend gegen uns erhebenden Maschinen? Im Spiegelraum dieses Romans ist kein Konflikt ausgestanden und noch jede Geschichte möglich.

Das Cafe St.Gall in der Bibliothek Hauptpost ist auch in diesem Jahr Festivalzentrum. Hier werden von Samstag bis Sonntag Speisen und Getränke angeboten. Zudem können Tagespässe gekauft und Informationen zum Programm eingeholt werden.
Nähere Informationen dazu finden sich ebenfalls auf der Webseite www.wortlaut.ch. 

Hauslesung mit Rudolf Bussmann in Kriens LU

Rund zwei Dutzend Literaturbegeisterte lauschten in einem ganz dem Buch ausgerichteten Wohnzimmer hoch über dem Vierwaldstättersee. Rudolf Bussmann las und diskutierte zu «Der Flötenspieler», einem Roman, der seit seiner Veröffentlichung 1991 nicht gealtert ist und nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Rudolf Bussmann sieht man seine beinahe acht Jahrzehnte nicht an, weder von aussen, noch von innen. In seinem Gesicht immer noch dieser neugierige Blick, in seinem Wesen die unbedingte Herzlichkeit, in seinem Tun die Leidenschaft und in seinem Schreiben der ungestillte Wille, der Spur zum Mark des Lebens zu folgen. Ob als Romancier mit Prosa aller Couleur, ob als Lyriker, Übersetzer oder Herausgeber in der Vielfalt seines künstlerischen Ausdrucks oder in seiner Kompetenz als Literaturvermittler, als Leiter von Lesezirkeln, als Schreibbegleiter, Moderator oder als Mitinitiant der Basler Lyriktage – Rudolf Bussmann ist durchdrungen von seinem Tun und nichts vom einsam vor sich hinbrütenden Kopffüssler.

1987, vier Jahr vor Erscheinen seines ersten grossen Romans „Der Flötenspieler“, mit 40 traute er sich in die Existenz eines „freien Schriftstellers“ und in den fast vier Jahrzehnten danach sind Romane, Gedichtbände, Kurzprosa und Essays erschienen. Kein Vielschreiber, aber einer, der sich in Tiefen schreibt, der wenig interessiert am reinen Geschichtenerzählen ist, dessen Texte, ob Prosa oder Gedicht, zum Mitdenken, zum Nachdenken zwingen. Texte, die genau jene literarische Sorgfalt zeigen, die auch seine Person auszeichnen. Weil er einer ist, der schauen, zuhören, verzahnen und nachdenken kann und dies ohne Aufhebens tut, sind auch seine Texte Einladungen zum Schauen, Zuhören, Verzahnen und Nachdenken. Und sein Romandebüt „Der Flötenspieler“, 1991 bei Luchterhand, einem der renomiertesten Literaturverlage erschienen, programmatisch für Rudolf Bussmanns Schreiben – und ein Paukenschlag dazu.

Um lieben zu können, muss man eine Zukunft vor sich haben.

2022, zu Rudolf Bussmanns 75. Geburtstag hatte Judith Kaufmann, Verlegerin, den Mut, diesen wundervoll verschlungenen, kostbaren Roman in ihrem Verlag edition bücherlese, neu herauszugeben.

Nur im Abserbeln ist noch der Stachel des Neuen.

Thomas Waller steckt in einer Krise. Seit sein Arbeitgeber, die Perduta-Versicherung (italienisch, Partizip Perfekt von «perdere» (verlieren) und bedeutet „verloren“) in einen neuen Glaspalast umgezogen ist, ins Limbus-Haus, einen Palast der Rationalisierung und Effizienz, minotaurisch verwinkelt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Auch seine Ehe kriselt. Nicht nur, weil Hilde mit einem Mal Mathilde genannt werden will und mitten in einer Metamorphose mit ungewissem Ausgang steckt, sich jener Hilde, die er vor 10 Jahren geheiratet hatte, immer mehr entfremdet. Waller sieht sich nicht nur in seiner Arbeit, auch in seiner Ehe und dem Geschehen in der Welt als Bedrängter und Bedrohter. Nicht nur das Klima bei der Arbeit und in seiner kinderlosen Ehe ist vergiftet. Der Reaktor in Tschernobyl ist explodiert. Eine neue Zeitrechnung beginnt. Waller haut ab, in die Abgeschiedenheit des Juras, in ein Hotel, das eigentlich geschlossen hat, mit wenig Gepäck, ein paar leeren Heften und seiner Flöte. Aber das Leben holt ihn auch dort wieder ein, das Gift, das ihn zu zersetzen droht, die Abgründe, denen er entfliehen wollte. „Der Flötenspieler“ ist ein Roman von kafkaesker Kraft, ein Roman wie das Labyrinth des Minotaurus, ein Roman, der auch 40 Jahre nach seinem Ersterscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Das Gespräch so spannend zu halten, dass der Winternebel seine Nase dicht an die Fensterscheiben drückte, um etwas davon mitzubekommen. Rudolf Bussmann

Grosser Dank an das Veranstalterpaar Monika und Urs! Ein Genuss!

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler», Luchterhand/edition bücherlese, 1991/2022, 288 Seiten, CHF neu ca. 29.00, ISBN 978-3-906907-57-4

Rezension von «Der Flötenspieler» auf literaturblatt.ch

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

Franziska Meister «Der Geruch von Lehm», Zeitkind

Bei einem Gewaltdelikt auf einem Zürcher Bahnhof stirbt ein Mann. Ein zweiter wird verwundet, auf die Intensivstation gebracht und kann sich nicht an das Verbrechen an seinem Freund erinnern. Franziska Meisters Debüt hat die Zutaten eines Krimis, ist aber viel mehr ein Psychogramm einer Handvoll Menschen, die sich verloren haben.

Paul und Joshua waren Freunde, zu gewissen Zeiten fast symbiothisch. Joshua ist der Tote, Paul der Verwundete, der sich an rein gar nichts erinnern kann. Das, was auf dem Bahnhof zum Tod seines Freundes führte, bleibt eine Black Box. Ungemütlich wird die Sache auch darum, weil sich die Polizei in ihren Ermittlungen immer mehr darauf konzentriert, dass Paul nicht nur das zweite Opfer war, sondern Indizien darauf hinweisen, dass Paul durchaus auch Gründe gehabt haben könnte, als möglicher Täter gesehen zu werden.

Dominik, ein alter Studienfreund von Paul, der ans Krankenbett gerufen wird, kann sich nicht vorstellen, dass Paul Täter sein soll. Nic ist Psychologe und LSD-Forscher, will endlich klinisch überzeugen, dass der Einsatz dieser synthetischen Droge jenen Patienten helfen kann, die sich mit konventionellen Methoden nicht aus den Schlingen ihrer Psyche befreien können. Letztlich ist er auch davon überzeugt, dass er damit seinem alten Freund, zu dem der Zugang in den letzten Jahren schwieriger geworden war, helfen könnte, seine Erinnerungen an die Tatnacht aufzufrischen.

Auch Florence will Klärung. Florence ist die Schwester des Ermordeten. Sie und ihren Bruder verband viel, nicht zuletzt eine trübe Familiengeschichte. So sehr sie anfänglich auf den Freund ihres Bruders, auf Paul mit Misstrauen reagiert, umso mehr wird dieser für sie zu einem Schlüssel, nicht zuletzt, weil sie das Verbrechen an ihrem Bruder nicht einordnen kann, weil ihr Selbstverständnis mit dem Tod ihres Bruders ins Wanken gerät, weil mit einem Mal kein Stein mehr auf dem anderen sein soll. Trotz Widerständen und Alarmglocken wächst zwischen ihr und Paul eine Verbindung.

Doch während die Polizei sich immer mehr in ihren Ermittlungen verliert, verschwindet Paul. Ein Zeichen seiner Schuld oder ein weiterer Schritt in die schwarzen Löcher seiner unmittelbaren Vergangenheit, die nur das Resultat jener Geschehnisse ist, die Paul schon ein Leben lang mit sich herumschleppt.

Franziska Meister «Der Geruch von Lehm», Zeitkind, 2025, 256 Seiten, CHF ca.30.00, ISBN 978-3-907724-02-6

„Der Geruch von Lehm“ ist ein schillerndes Geflecht an Geschichten, Innenwelten und Andeutungen. Ein Roman, der in seinem Aufbau zwar chronologisch erzählt, die Geschehnisse und Interpretationen immer aus der Sicht der jeweiligen ErzählerInnen. Was von der einen Seite logisch erscheint, wird durch die Spiegelung einer anderen Seite verzerrt und trübe. Franziska Meister geht es nicht um die Aufklärung eines möglichen Verbrechens, schon gar nicht darum, Ordnung in die Leben ihrer ProtagonistInnen zu bringen. Sie spiegelt mit ihrer Art des Erzählens einen Teil der Wirklichkeit; dass es letztlich keine Ordnung gibt, dass die Wirklichkeit permanent der Interpretation unterworfen ist. Selbst die Dunkelstellen in den Familiengeschichten der ProtagonistInnen bleiben wage. Ich lese von den Auswirkungen, von den Verwundungen, vom Gezeichnetsein.

Nicht zuletzt ist „Der Geruch von Lehm“ eine Auseinandersetzung mit der psychoaktiven Substanz LSD, eines Halluzinogens, dass im Verlaufe seiner Geschichte für eine breite Öffentlichkeit bloss eine chemische Droge geblieben ist, die aber ganz offensichlich in therapeutischem Setting Durchbrüche bei PatentInnen provozieren kann, die man sonst als therapieresistent klassifiziert.

Auch wenn der Aufbau des Romans labyrinthisch wirkt und damit ein Spiegel der Innenwelten ihrer ProtagonistInnen, überzeugt „Der Geruch von Lehm“ in seiner Sprache. Franziska Meister erzählt gekonnt, mit frappierender Souveränität und eigenständig. Ich mag jene Portion Verunsicherung, die solche Romane erzeugen, weil Literatur mehr sein muss als eine gefällige Geschichte!

Franziska Meister, geboren 1967, ist promovierte Historikerin und Wissenschafts- und Kulturredaktorin bei der «Wochenzeitung» in Zürich. Sie hat eine Monografie zur Black Panther Party in den USA verfasst und lebt mit ihrer Familie in Zürich. «Der Geruch von Lehm» ist ihr erstes literarisches Werk.

Beitragsbild © Ursula Häne

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat

Ein Mann wird mit der Geschichte, dem Schicksal seiner Familie konfrontiert. Erst der Tod seines Vaters, mit dem ihn nichts mehr zu verbinden schien, öffnet das Tor zu einem Teil eines verschlossenen Lebens. Usama Al Shahmani erzählt vom Schrecken der Geschichte und von der Macht der Verdrängung.

Geschichte, historisches Bewusstsein ist stets perspektivisch, das Resultat von Hervorheben und Verdrängen. Und wie sehr erlebte Geschichte mit ihren letzten direkt Betroffenen ins Vergessen abzurutschen, aus dem Bewusstsein einer Gegenwart zu verschwinden droht, erst recht wenn jene sterben, die unmittelbar mit den Geschehnissen in der Vergangenheit verbunden waren, daran erinnern all jene, die in irgend welcher Form auch immer gegen dieses Vergessen ankämpften. Bestes Beispiel war Margot Fiedländer, die sich bis zu ihrem Tod 2025 als eine der letzten Überlebenden des Holocausts als Zeitzeugin engagierte. Aber auch im Innerfamiliären, in der Verwandtschaft kann der Tod unliebsame Teile der Geschichte einer Familie, einer Kultur ins Vergessen reissen. Wissen wir, woher wir kommen? Kennen wir die Geschichte unserer Vorfahren? Sind wir uns dessen bewusst, woher das Wasser kommt, das unser Leben möglich macht?

Im neuen Roman von Usama Al Shahmani wird Gadi, der schon seit Jahrzehnten in Zürich als Dozent für hebräische Sprache lebt, von seiner Schwester ans Sterbebett seines Vaters Zakai Mieche in einem Spital in Jerusalem gerufen. Gadi fliegt, nicht wegen seines Vaters, schon eher wegen seiner Schwester und ganz sicher aus einem Pflichtgefühl seiner Familie gegenüber. Seit dreissig Jahren war nichts mehr zwischen ihm und seinem Vater. Selbst als sie noch eine Familie waren, war sein Vater keiner, der sich fürsorglich um die Familie kümmerte, der irgendwann aus der Familie verschwand. Irgendwann zerbrach das Band zwischen Sohn und Vater ganz.

Gadis Vater Zakai hinterlässt seinen beiden Kindern ein Testament und einen Stapel Aufzeichnungen, Dokumente, Briefe und Hefte und den einen, letzten Wunsch, man möge die Hälfte seiner Asche in den Tigris, den Fluss, der durch Bagdad fliesst, streuen.

Gadi nimmt sich der Asche und den Dokumenten an, reist zurück nach Zürich und beginnt schon im Flugzeug, in den Aufzeichnungen seines Vaters zu lesen. Anfangs mit Widerwillen, dann mehr und mehr mit der Ahnung, dass sich da etwas offenbart, von dem er keine Ahnung hatte. Die Aufzeichnungen erzählen die Geschichte seiner Familie, die Geschichte einer jüdischen Familie in der irakischen Hauptstadt Bagdad, die Leidensgeschichte der irakischen Juden. In den Wirren der Geschichte, unter Saddam Hussein, in Kriegen und unter amerikanischen Bomben drohten die Juden all das zu verlieren, was zuvor über Jahrhunderte das Leben in der Stadt ausmachte; ein friedliches, befruchtendes Zusammenleben vieler Religionen, die Auslöschung einer mehr als 2000jährigen jüdischen Tradition. Gadi liest von seiner Herkunft, seiner Geschichte. Mit einem Mal wird ihm bewusst, wie wenig er weiss, nicht nur von der Geschichte seiner Familie, auch von der Geschichte seines Herkunftslandes.

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat, 2025, 224 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-093-5

Gadi erfährt von seinem Grossvater, der in Bagdad eine Fabrik besass und sich massgeblich einmischte in die Geschicke eines Vielvölkerstaates. Er erfährt von einer einst blühenden jüdischen Gemeinde im Irak. Noch 1940 lebten in Bagdad 90 000 Jüdinnen und Juden, bildeten einen wichtigen Teil des irakischen Lebens. Aber weil sich die Machthaber im Land im Schatten eines tobenden Weltkriegs in einer Allianz mit den Nationalsozialisten Deutschlands auf der Siegerstrasse glaubten, schwappten Fremdenhass, grassierender Antisemitismus, Enteignung, Verfolgung, Willkür und Gewalt über und rissen die einst blühende jüdische Gemeinde in den Abgrund. Gadis Grossvater verlor alles, nicht nur seine Fabrik. Der Rest der Familie floh nach Palästina und es legte sich ein Mantel des Schweigens über die Familie.

Zusammen mit einem Freund macht sich Gadi auf nach Bagdad, im Gepäck die Asche seines Vaters. In der Stadt, von der nicht viel aus der Zeit seines Grossvaters geblieben ist, lernt er die 90jährige Myra kennen, die als eine der letzten Jüdinnen in Bagdad lebt, aber tunlichst vermeidet, sich als solche zu zeigen. Myras Erzählungen und die Aufzeichnungen seines Vaters setzen Gadis Selbstverständnis in ein ganz anderes Licht. Mit einem Mal fällt der Mantel des Schweigens.

Usama Al Shahmani konstruiert aus Erzählung und dokumentarisch angelegten Textpassagen einen Roman, der mich immer tiefer in die gewaltsamen Erosionen einer Stadt, eines Landes hineinzieht, dessen Geschichte mir so völlig unbekannt war. Sein präzise recherchierter Roman zeigt, wohin wir abdriften, wenn Ideologien über Menschlichkeit siegen, wenn die Gier nach Macht und Einfluss Volksgruppen zu Sündenböcken macht, die auszumerzen sind. Mag sein, dass der Schrecken aus Geschichte und Einsicht den Protagonisten etwas fahle Farben hinterlässt. Nichts desto trotz ist „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ ein wichtiges, ein mahnendes Buch. Und glücklicherweise blitzt das bildhafte, poetische Erzählen des Autors immer wider auf.

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Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Seit 2021 ist er Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert.  Seither sind die Romane «Im Fallen lernt die Feder fliegen», «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» und «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» erschienen. 2022 nahm er mit seinem Text «Porträt des Verschwindens» an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Usama Al Shahmani lebt in Zürich.

Usama Al Shahmani «Wo die Diktatur beginnt, liegt die Kultur im Sterben – Eine Kindheit zwischen dem Krieg und dem bewaffneten Frieden» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Ayse Yavas