Sommerfest 2023 in und ums Literaturhaus Thurgau

Über dem aktuellen Programms des Literaturhauses Thurgau steht ein Zitat der Dichterin Lisa Elsässer, die Anfang Mai Gast in Gottlieben war: „Vielleicht braucht es für die Genauigkeiten die totale Reduktion der inneren Betriebsamkeit.“

Lorenz Zubler, Präsident der Bodman-Stiftung

Lesen ist Reduktion. Schreiben ist Reduktion. Und mit Sicherheit ist eine Lesung, eine Darbietung, ein Sprechstück, Musik oder jegliche Performance eine Reduktion, eine Reduzierung auf das Wesentliche. Ob AkteurIn oder BesucherIn, ich fokussiere mich nicht nur auf das eine, das Geschriebene, Gehörte, Gesehene, Gesagte, ich reduziere meine Wahrnehmung auf das eine, vergesse mich.
In genau dieser Reduktion verbergen sich die grossen Tore des Seins, jene Tore, die keiner Zeit, keiner Distanz, nichts unterworfen sind, begrenzt nur durch die Fantasie, die eigene Innenwelt. Lesen und Hören, das wissen alle, die sich in den Sog eines Kunstwerks hineinlassen können, aber vor allem das Lesen, öffnet uns in der Reduktion Welten, die uns sonst verborgen blieben.

Darum lesen wir. Darum lassen wir uns von Sprache und Dichtung so gerne be- und verzaubern, weil es Tore sind in eine Seinsebene, die auftut, die letztlich konfrontiert und niederreisst, was uns sonst die Sicht vernebeln oder gar verhindern würde.
Darum braucht es Häuser wie das Literaturhaus Thurgau, ein Haus, das Räume aufschliesst, wie alle Orte, an denen sich Kunst manifestiert.
Von Betriebsamkeit, innerer Betriebsamkeit, sind wir nicht gefeit. Schon gar nicht in den Vorbereitungen zu einem solchen Fest, dem traditionellen Sommerfest unseres Literaturhauses.

Ruth Loosli mit ihrem Gedichtband «Ein Reiskorn auf meiner Fingerkuppe» mit Quirin Oeschger am Hackbrett

«Der Abend am Sommerfest im Literaturhaus Gottlieben war heiss! Er war umfassend schön. Wir haben geschwitzt, gelacht, uns der Sprache (und der Musik! dem Klang auf dem Hackbrett von Quirin Oeschger) ergeben: beim Zuhören, beim Text sprechen, beim Austausch (dort waren wir spontan, voller Interesse für das Gegenüber). DANKE für diese wunderschöne Einladung, für die umfassende Gastfreundschaft; auch an Monika Fischer … Das Haus an diesem Ort, an diesem Fluss, der hier „Seerhein“ genannt wird, ist magisch. Der ganze Abend (nach uns die Lesung von Sarah Elena Müller im Gespräch mit Gallus) geht in die Schatztruhe unvergesslicher Erinnerungen.» Ruth Loosli

Es braucht ein solches Fest. In all den Veranstaltungen übers Jahr wird die Literatur, das Wort, die Kunst gefeiert und mit ihr all die Tapferen, die sich in ihrer Kunst durch fast nichts entmutigen lassen.
An einem solchen Fest feiern wir das Literaturhaus selbst, das seit über zwei Jahrzehnten dem geschriebenen Wort Stimmen gibt, wo sich KünstlerInnen und LeserInnen begegnen, wo vom Erdgeschoss bis unters Dach der Sprache eine Heimat gegeben wird.
Wer die Liste all jener durchschaut, die einst in diesem Haus lasen oder für eine gewisse Zeit in der Gästewohnung lebten und schrieben, ist beeindruckt, wie sehr dieses sonst so stille Haus von Bedeutsamem durchflutet wurde.

Sarah Elena Müller und ihr Debüt «Bild ohne Mädchen»

Letzthin besuchte mich hier in Gottlieben eine Schriftstellerin, mit der ich bislang nur schriftlich Kontakt hatte, die ich aber immer wieder eingeladen hatte, diesem magischen Ort einen Besuch abzustatten. So holte ich sie am Bahnhof ab und spazierte mit ihr bei schönstem Sommerwetter zum Literaturhaus. Sie warf nur einen einzigen Blick auf die Fassade des Hauses und war gebannt. Ich zeigte ihr das Haus und wir machten einen Spaziergang bis nach Konstanz. «Gibt es einen schöneren Ort?», fragte sie. Sie war hingerissen und versprach, alles daran zu setzen, bald möglichst in diesen Mauern als Gast leben und schreiben zu dürfen.

Dass dieses Haus in einer Zeit von Optimierung, vielfältigen Bedrohungen, von Sparrunden und Verunsicherungen funktioniert, gedeiht und bis weit über die Landesgrenzen hinaus wirkt, ist all jenen Menschen zu verdanken, die sich für dieses Haus einsetzen: allen voran die Bodman-Stiftung mit ihrem Präsidenten Lorenz Zubler, den spendablen Gönnerinnen und Gönnern, dem Kanton und ganz speziell der Geschäftsstellenleiterin Monika Fischer und der guten Seele im Haus, der Handbuchbinderin Sandra Merten.

Eigentlich erstaunlich, wie wenig Besatzung dieses Schiff durch all die Stürme segelt!

Die Gäste im Literaturhaus Thurgau zwischen Mai und August 2023

«Vielleicht braucht es für Genauigkeiten die totale Reduktion der inneren Betriebsamkeit.» Lisa Elsässer

Liebe FreundInnen des kleinsten aber feinsten Literaturhauses,
zücken Sie Ihre Agenden, Planer, Mobilphones oder Wandkalender und markieren Sie die folgenden Termine. Wir danken Ihnen für Ihr Interesse, Ihre Treue und den Mut, sich in Neues hineinzugeben.

Donnerstag, 4. Mai, 19.30 Uhr
Ein Abend mit Lisa Elsässer
„Elsässers Sprache, die aus dem Unbewussten kommt, funktioniert wie eine Lupe. Sie vergrössert und bündelt das Licht, bis es plötzlich brennt.“ Felix Schneider, SRF Literatur

Donnerstag, 11. Mai, 19.30 Uhr
Nadja Küchenmeister „Im Glasberg“
Samstag, 13. Mai, 16 Uhr: Nachlese
In der jungen deutschsprachigen Lyrik gilt Nadja Küchenmeister als einzigartige Stimme. Sie verwebt Erinnerungen mit Märchen und Traumbildern – und findet im Unscheinbaren das Besondere, im Nebensächlichen das Wesen der Dinge. Ihre Dichtung ist immer suchend, tastend unterwegs: sprachspielerisch und zugleich von hoher formaler Schönheit.

Donnerstag, 1. Juni, 19.30 Uhr
Robert Prosser „Verschwinden in Lawinen“, Performance mit Gespräch
Percussion: Lan Stricker
In einem Bergdorf in Tirol herrscht am Ende der Wintersaison gespannte Stille: Zwei Einheimische sind von einer Lawine verschüttet worden. Während die junge Frau um ihr Leben kämpft, fehlt von ihrem Freund vorerst jede Spur.

Freitag, 9. Juni, 19.30 Uhr
Milena Michiko Flašar
„Oben Erde, unten Himmel“
Herr Ono ist unbemerkt verstorben. Allein. Es gibt viele wie ihn, immer mehr. Erst wenn es wärmer wird, rufen die Nachbarn die Polizei. Und dann Herrn Sakai mit dem Putztrupp, zu dem Suzu nun gehört. Sie sind spezialisiert auf Kodokushi-Fälle.

Donnerstag, 15. Juni, 19.30 Uhr
„Der Garten“ von Paul Bowles
mit Florian Vetsch (Autor), Dagny Gioulami (Schauspielerin, Autorin) und Klaus-Henner Russius (Schauspieler)
Szenische Lesung und Gespräch zu Paul Bowles› Bühnenstück „Der Garten“ (Tanger 1967). Paul Bowles (1911–1999) zählt zu den bedeutendsten Autoren der amerikanischen Literatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Mittwoch, 21. Juni, 20 Uhr
Judith Hermann „Wir hätten uns alles gesagt“ 
in Kooperation mit dem Literaturhaus St. Gallen, im Kunstmuseum St. Gallen
„Judith Hermanns Bücher sind unbeirrbare Erkundungen der menschlichen Verhältnisse.“ Roman Bucheli, NZZ

Donnerstag, 6. Juli
Tabea Steiner „Immer zwei und zwei“
18 Uhr „Literatur am Tisch“
20 Uhr Lesung
Natali heiratet Manuel, Mitglied einer Freikirche, und wird so Teil einer streng christlichen Gemeinschaft. Zunehmend ist sie um ihre eigene und die Unabhängigkeit ihrer Töchter besorgt. Als sie die alleinstehende Theologin Kristin kennenlernt, wird ihr klar, dass sie so nicht weiterleben kann.

Samstag, 19. August, 18 Uhr, Sommerfest; Ausstellung, Lesungen
18.30 Uhr: Ruth Loosli, Schriftbilder und Lyrik, begleitet von Quirin Oeschger am Hackbrett 
20 Uhr Sarah Elena Müller „Bild ohne Mädchen“
„Sarah Elena Müller bringt eindrucksvoll zum Ausdruck, wie viel Uneinsichtigkeit, wie viel Hilf- und Sprachlosigkeit die Aufarbeitung eines Missbrauchsfalls oft erschweren oder gar verhindern. Ein starkes Debüt.“ Julian Schütt
«Ruth Loosli schreibt, wie andere tanzen. Anmutig, leichtfüssig, den Menschen zugeneigt.» Susanne Rasser, Salzburg

Illustrationen leafrei.com / Literaturhaus Thurgau