Serhij Zhadan „Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg“, Suhrkamp

Manchmal scheint über Charkiw tatsächlich die Sonne. Manchmal küssen sich Liebespaare auf einer Bank. Manchmal findet ein Konzert oder ein Theater statt. Und wer nicht mit der Waffe an der Front kämpft, tut alles, um den Nachschub dorthin nicht versiegen zu lassen. „Himmel über Charkiw“ ist verbale Kampfansage.

Ich habe einen Freund, der allen Ernstes behauptet, die Bilder eines angeblichen Krieges in der Ukraine seien Fake, inszeniert, Propaganda. Dass wir in einer Welt leben, in der man das Geschehen von den unmöglichsten Seiten her beurteilen und interpretieren kann, wissen wir spätestens seit selbst amerikanische Präsidenten an alternative Fakten glauben und uns PredigerInnen in den schillerndsten Farben im Netz die Welt erklären.
 Ich trau mich nicht, diesem Freund die Stirn zu bieten. Ich bin zu feige und ertrage dessen verquere Sicht der Dinge schlicht nicht. Mir wird nur schon beim Gedanken schlecht, mich seinen Behauptungen stellen zu müssen. Angesichts dessen, was die Betroffenen dieses Krieges selbst zu ertragen haben, eine Peinlichkeit.

Serhij Zhadan gehört zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Ukraine. Ich erlebte ihn 2015 an mehreren Veranstaltungen am Literaturfestival in Leukerbad. Damals las er aus seinem 2012 auf Deutsch erschienen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“, der zwei Jahre zuvor unter dem Titel „Vorošilovgrad“ in der ukrainischen Stadt Charkiw erschien. Neben Romanen schreibt Serhij Zhadan aber vor allem Lyrik, Lyrik, die sich nicht erst seit dem Einmarsch der Russen in sein Land, politisch gibt. Eine kämpferische Stimme, die sich seit dem Ausbruch des Vernichtungskriegs des einstigen „Brudervolkes“ sehr aktiv in der Unterstützung all jener Kräfte zeigt, die sich gegen die Brutalität der Aggressoren stemmen.

Serhij Zhadan «Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg», Suhrkamp, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Juri Durkot und Claudia Dathe, 2022, 239 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-518-43125-2

„Himmel über Charkiw“ ist ein Manifest. „Himmel über Charkiw“ sind gesammelte Facebook-Posts von Serhij Zhadan, die er zwischen dem Einmarsch der russischen Truppen und dem ersten Kriegssommer in den Äther schickte. Selbstvergewisserungen, Beschwörungen, Aufrufe, kleine Berichte eines Mannes, der in seiner Stadt geblieben ist. Einer Stadt, die permanent von russischen Geschossen erschüttert und getroffen wird, damals und noch immer. Aus einer Stadt, die für einen Beobachter aus der Ferne längst den Eindruck einer zerstörten Stadt macht. Aus einer Stadt, die sich mit allem gegen den Untergang, gegen die Launen brutalster Willkür stemmt, einer Stadt, die seit dem Einmarsch der Russen in eine Starre verfiel, keiner Starre, die lähmt, aber einer Starre, die kämpferisch, starrsinnig macht.

„Himmel über Charkiw“ will keine «Literatur» sein, sondern Zeugnis. Eine Stimme aus dem Innern des unverschuldeten Höllenfeuers, eine Stimme des Trotzes, eine Stimme, die um keinen Preis dieses eine verlieren will; die Hoffnung, dass dereinst der Krieg vorbeisein wird, dass die Gerechtigkeit siegen wird. Begriffe wie „Sieg“, „Helden“, die der Autor vor dem Einmarsch, selbst nach der Annexion der Krim, nie in den Mund, schon gar nicht ins Netz geschickt hätte. Ein Facebook-Tagebuch des offenen Widerstands.


Ich begann das Buch mit einiger Skepsis zu lesen, weil die Bilder im Buch immer wieder den Autor selbst porträtieren, so wie ich jeder übermässigen Selbstinszenierung kritisch gegenüberstehe. Aber Serhij Zhadan will zeigen: Ich bin da. Ich lasse all jene nicht im Stich, die Charkiw, seine Stadt, nicht verlassen wollen oder verlassen können. „Himmel über Charkiw“ ist ein Protokoll des Widerstands, das Ringen eines Mannes, der es auch nach Monaten des Krieges nicht fassen kann. Die Auseinandersetzung darüber, dass selbst dann, wenn der Krieg dereinst vorbei sein sollte, nichts vorbei sein wird, schon gar nicht das Unrecht, der Schmerz und die trotzige Haltung gegenüber einem Nachbarn, der sich in einer Welt suhlt, die mit der Wirklichkeit nur mehr wenig gemein hat.

Ich wünsche Serhij Zhadan, dass er wie alle in Charkiw, in der Ukraine, wie alle, die als Flüchtlinge millionenfach nichts sehnlicher wünschen als eine Rückkehr in ein Land ohne Bomben und Raketen, nie versiegenden Mut und all das, was es braucht, dass dieser unselige Krieg zu einem Ende mit Schrecken kommt.

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für «Die Erfindung des Jazz im Donbass» wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. Zhadan lebt in Charkiw, Ukraine.

Sabine Stöhr, 1968 geboren, studierte Slawistik in Mainz und Simferopol. Juri Durkot, 1965 geboren, studierte Germanistik in Lemberg und Wien. Claudia Dathe, geboren 1971, studierte Übersetzungswissenschaft (Schwerpunkt Russisch und Polnisch) am Institut für Angewandte Linguistik und Translatalogie der Universität Leipzig sowie in Pjatigorsk (Russland) und Krakau. Zusammen übersetzen sie seit 2007 das Romanwerk von Serhij Zhadan.

Beitragsbild © Suhrkamp Verlag

14. Lyriktage Frauenfeld – grossartig!

Was in der Gastronomie mit slow-food die Gegenbewegung zum fast-food sein soll, ist bei der Bewegung der Gegensatz Gehen und Fliegen. In der Musik ist es das seichte Rieseln im Hintergrund und die eindringliche Stimme eines einzelnen Instruments. Die Lyrik ist es in der Welt des Geschriebenen. Weit weg von allem Schnellen, allem beiläufig Konsumierten, der Wegwerfsprache, den Verbrauchstext, der in Zügen unter den Bänken liegen bleibt und irgendwann bloss noch als Unterlage für nasse Schuhe taugt.

Lyrik ist slow-food für hungrige Seelen, Wandern durch fremde Innenwelten, das Lauschen geheimnisvoller Stimmen. Dichter und Dichterinnen sind Streiter des Wortes, des Klanges, der Komposition und all der Leerschläge zwischen den Wörtern. Sie schmeicheln nicht, biedern sich nicht an. Wer sich nicht einlässt, bleibt draussen, ausgesperrt.

Das 14. Lyrikfestival vom 15. bis 17. September im Eisenwerk Frauenfeld bot Gelegenheit, in verschiedenen Kombinationen und Settings, sich mit den Werken der eingeladenen Künstler auseinanderzusetzen. In Portionen, die es möglich machten, die nicht zudeckten und überhäuften. Denn in kaum einer anderen Kunstrichtung ist Nähe besser und intensiver spürbar, wie bei der unmittelbar vorgetragenen Dichtung.

Zum Beispiel die 1973 in Frankfurt geborene und in Zürich wohnende Svenja Herrmann mit ihren Gedichten aus den Büchern «Ausschwärmen» und «Die Ankunft der Bäume». Svenja Herrmann schweift mit ihrem inneren Auge, überzeugt mit starken Bildern, erzählt fast ohne Abstraktion, dafür mit leisen, zarten Verschiebungen im Blick, der Wahrnehmung. Ihre Gedichte sind voller Emotionen, so stark, dass die Dichterin selbst beim Vortagen mit ihnen zu ringen hat. Es sind vielschichtige Bilder, helle und dunkle Gedichte, engagiert und stark, voll vom Schmerz über das Vergehen.

Zum Beispiel die 1959 in Split geborene Dragica Rajčić, die 1991, nach Ausbruch des Krieges in Ex-Jugoslawien, mit ihren Kindern in die Schweiz flüchtete, aber schon seit 1972 schreibt. Unter anderem Gedichte über einen fast vergessenen Krieg, von dem ich damals auf dem Sofa im Wohnzimmer mithörte, der Dichterin in der Seele ein Trümmerfeld hinterliess. Ein Friedhof von Gefühlen, Geschichten und Gesichtern, die selbst im ausgesprochenen Schmerz nicht schwächer zu werden scheinen. Ihre Gedichte sind voller Sehnsüchte nach Vergangenem und Vergessenem.

Zum Beispiel Thilo Krause, der, 1977 in Dresden geboren, 2012 den Schweizer Literaturpreis erhielt für sein Debüt «Und das ist alles genug» (poetenladen Verlag). Sein auch in seiner äusseren Form wunderbares Buch «Um Dinge ganz zu lassen» ist ein Gedichtband der Erinnerungen. Erinnerungen an die Kindheit, eine Stadt, an die Frisöse im Erdgeschoss seiner Eltern, an Friedhöfe oder an die Elbe. Geschichten in Gedichten mit vielen Leerstellen, Klangbilder in vollendeter Sprache.

Auf dem schwarzen T-shirt des ukrainischen Dichters und Schriftstellers Serhij Zhadan stand neben der Illustration eines offenen Kopfes «read the best mind of my generation»! Eine Aufforderung! Und wer die Romane und Gedichte von Serhij Zhadan liest, dessen Roman «Die Erfindung des Jazz im Donbass» von der BBC zum Buch des Jahrzehnts erkührt wurde, erahnt, wie viel Zündstoff im Engagement eines Dichters liegen kann. »Schlimm ist es zu sehen, wie Geschichte entsteht.« Serhij Zhadan beschreibt, was mit ihm auf seinen Reisen ins ostukrainische Kriegsgebiet passiert. Lyrische Momentaufnahmen, Kürzestgeschichten über Menschen, die plötzlich auf zwei verfeindeten Seiten stehen oder nicht mehr wissen, wo sie hingehören und was aus ihnen werden soll. Serhij Zhadan las ukrainisch aus seinem aktuellen Roman «Mesopotanien», einem Roman, der zwischendurch immer wieder mit lyrische Stimme erzählt. Vorgetragen wurde der deutsche Text von der Schriftstellerkollegin Esther Kinsky.

Ein Reigen der Kostbarkeiten, angerichtet von Anna Kulp (Organisation Internationales Literaturfestival Leukerbad, Poetische Schweiz) und getragen von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Vielen Dank!