Nicht flussaufwärts, nicht flussabwärts, ich will quer über den Fluss – Maja Iskra «Uppercut», Zsolnay

Ein Erstlingswerk, das querschlägt. Maja Iskras Roman «Uppercut» ist 2023 unter dem gleichnamigen Titel beziehungsweise dem serbischen Äquivalent „Aperkat“ erschienen. Jetzt wurde er von Mascha Dabić gemeinsam mit der Autorin übersetzt und macht der Leser:innenschaft eine von der deutschsprachigen Literatur kaum berührte Welt zugänglich, in der das Aufwachsen in den 90er Jahren in Belgrad während des Jugoslawienkrieges aus Perspektive einer jungen Frau beleuchtet wird.

Gastrezension von Sarah-Sophie Engel. Sie studiert Literatur- und Kulturtheorie an der Universität Tübingen, lebt in Basel und arbeitet als Mitarbeiterin in der Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel.

Dass der Uppercut, ein Faustschlag, der von unten auf das Kinn des Gegenübers zielt, nicht mittelalten, jähzornigen Schlägern vorbehalten ist, merken die Lesenden dieses Romans gleich zu Beginn. Denn die Gewalt umgibt in Belgrad der 90er Jahre jede und jeden. Wer nicht an der vergifteten Atmosphäre ersticken will, muss sich eben auf eigene Faust durchschlagen. So erinnert sich die Erzählerin an ihre Schulzeit, in der sie nachts der Gedanke an ihren spirituellen Schlag beruhigte und die Gewissheit ihr Halt gab, dass sie jeden Mitschüler ihrer Klasse verprügeln konnte, wenn sie nur wollte, auch wenn sie versuchte, dies nicht zu tun.

Die namenlose Ich-Erzählerin streift mit ihrer neuen Bekanntschaft Faris durch das Wiener Nachtleben. In leeren Clubs und lauten Bars unterhalten sie sich über Musik, kippen ein Glas Vodka nach dem anderen und teilen Erinnerungen aus ihrer Jugend in der gemeinsamen Heimat – die vielleicht auch gar keine mehr ist. Für Faris jedenfalls ist Jugoslawien ein schmerzendes schwarzes Loch und damit meint er eine Sehnsucht ohne Nostalgie. Die Erzählerin dagegen fühlt sich mit ihrer Herkunft verbunden: Dort sind meine Wurzeln. Jugoslawien ist mein Zuhause. So haben alle ihre eigene Sehnsucht, mit der sie in die Ferne starren und die sich immer wieder aufdrängt, ausgelöst durch einen Song, einen Zeitungsausschnitt oder den Tod eines Lieblingskünstlers.

Auch wenn sie nicht genau den gleichen Schmerz teilen, sind sich Faris und die Erzählerin einig über die Tragik des Todes von Lou Reed oder die Schwere des Verlusts von David Bowie, die sie beide tief erschüttern, während ihr Umfeld bloss mit den Schultern zuckt. Der Song Heroes ist nur einer dieser mystischen Hyperlinks, der die Hauptfigur zurückkatapultiert an den Ort ihrer Jugend: I can remember / Standing by the wall / And the guns shot above our heads / And we kissed, as though nothing could fall / And the shame was on the other side.

Maja Iskra «Uppercut», Zsolnay, 2026, aus dem Serbischen von Mascha Dabić und Maja Iskra, 160 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-552-07573-3

So wie die Musik gehen die geschilderten Episoden aus der Kindheit und Jugend der Erzählerin unter die Haut: die Angst vor der Dunkelheit, das erste Mal nicht zurückschlagen, der erste Kuss ohne Liebe und die erste Liebe ohne Kuss, Wettrennen auf der Todesstrecke am Donaukai und die stillgelegte Betonfabrik als Geheimversteck, als safe place. Die Erfahrungen der Kindheit brennen sich ein, sind Prototypen der Wahrnehmung und prägen den eigenen Zugang zur Welt – das macht sie so spannend, für einen selbst, aber auch für Lesende, die andere Perspektiven aufs Leben verstehen wollen.

Die Flashbacks der 90er Jahre verfolgen die Erzählerin auf Schritt und Tritt durch Wien. Manchmal gibt sie nach und setzt sich in den nächsten Flieger nach Belgrad, um mit Freunden, mit denen sie ein Herz teilt, am Donauufer zu sitzen, sich erneut ein Wettrennen zu liefern hinauf zum Kalemegdan und sich zu vergewissern, dass manche Dinge bleiben trotz den Jahren der Zerstörung. Noch immer ist Zoja schneller als sie und noch immer schafft die Erzählerin mehr Liegestützen. Mit Zoja verbrachte sie 1999 die Nächte im Luftschutzkeller, nach dem sie ihr Zuhause für immer verlassen hatte. Nach Ende der Schulzeit zog Zoja in die USA, studierte an einer Elite-Uni, war erfolgreich, aber unglücklich und kehrte mit Anfang Dreissig nach Belgrad zurück, bekam dort eine Stelle an der Uni. Sie schreiben sich Briefe, in denen Zoja ihren anhaltenden Frust teilt, unbeschönigt und mit gnadenloser Ehrlichkeit. Seit der Kindheit verbindet die beiden ein seltsames Band aus unausgesprochener, fast hündischer Loyalität. Als Freundschaftsbeweis verewigt Zoja die Erzählerin auf ihrer Haut mit dem Vers: Nicht flussaufwärts, / nicht flussabwärts, / ich will quer über den Fluss – Dieser Vers … Das warst immer du., sagt Zoja, und, ich wollte dich auf mir haben.

Ein anderes Mal sitzt die Erzählerin mit Balša an der Donau, mit Blick auf die Kriegsinsel. Sie teilen Erinnerungen aus der Kindheit, in der sie beide unter der Tyrannei ihrer Väter litten. Das patriarchale Bootcamp, das nach Vinjak-Schnaps und Drina ohne Filter roch, schikanierte sie täglich, man durfte nie Schwäche zeigen und auf ein seltenes, unverhofftes Lob folgte im nächsten Rausch ein Donnerwetter, das nichts übrig liess ausser einem tiefen schwarzen Loch, aus dem Selbstzweifel und Wut wuchsen. Die Erzählerin beschreibt ihre Jugend zwischen zwei Feuern – auf der einen Seite Vaters ständige, unerklärliche Wut, und andererseits das tägliche Grauen auf der Strasse und in der Schule. Sie ist umzingelt von diesen beiden Brennherden, die schliesslich zusammenschmelzen und den Krieg im Außen ins Innere kehren – so stellt sie rückblickend fest: Der Krieg in mir ist noch nicht vorbei.

In diesem Roman ist alles ultimativ. Die Sprache geht immer aufs Ganze und trifft die Dinge mit voller Wucht. Es regnet, als gäbe es nichts außer diesen Regen, mit solchen Sätzen baut Iskra ihren Roman, als gäbe es für sie nichts, ausser genau das alles zu sagen. Und trotz des teils schwerverdaulichen Inhalts bleibt es leicht. Nichts wird in die Länge gezogen oder unnötig dramatisiert. Was nach den 156 Seiten zurückbleibt, ist der Eindruck einer unerschrockenen Widerständigkeit, die sich gegen alles richtet, was sich der Hauptfigur aufdrängt: Unfreiheit, Konventionen, Autorität, Schläge. Und doch ist eine gewisse Durchlässigkeit unvermeidbar und nötig, um Verbündete zu finden und Freundschaften wachsen zu lassen. Wann sich den Fluten entgegenstellen und wann sich treiben lassen, ist eine wichtige Frage, noch wichtiger ist aber, selbst nicht unterzugehen.

Maja Iskra wuchs in Belgrad auf, studierte in Wien und Valencia und lebt seit über zwanzig Jahren in Wien. Sie ist Landschaftsarchitektin und Medienkünstlerin und arbeitet an der Schnittstelle von Stadtentwicklung und visueller Kommunikation. Ihr Debütroman «Uppercut«» war Finalist für den serbischen Beogradski Pobednik Preis und den Zlatni Suncokret Preis 2023 und stand auf der Longlist des NIN Preises, des Laza Kostić Preises sowie des regionalen Meša Selimović Preises. Ihre Erzählung «Hiraeth» gewann 2018 den zweiten Platz beim European Short Story Festival.

Mascha Dabić, geboren 1981 in Sarajevo, übersetzt Literatur aus dem Balkanraum, u.a. von Barbi Marković, Svetislav Basara, Dragan Velikić, Damir Ovčina und Goran Ferčec. Sie lebt in Wien, arbeitet als Dolmetscherin und lehrt an den Universitäten Innsbruck, Graz und Wien.

Beitragsbild © Ivo Kosanovic

Katerina Poladjan «Zukunftsmusik», S. Fischer

Im Takt der Zeit

Katerina Poladjans hochaktueller Roman «Zukunftsmusik» erzählt vom 11. März 1985, einem kalten Tag im fernen Osten Russlands – doch ein neuer Frühling steht kurz bevor. 

Gastbeitrag von Sarah-Sophie Engel
Sarah-Sophie Engel studiert Deutsche Philologie und Kulturanthropologie an der Universität Basel. Ihr Interesse an Menschen und gesellschaftlichen Themen führt sie oft zur Literatur.

Die Zukunft ertönt im Viervierteltakt. Chopins Trauermarsch schallt durch das Radio der Kommunalka an jenem Morgen, an dem Matwej schon früh in der Küche sitzt. Diese Küche befindet sich irgendwo tausende Kilometer östlich von Moskau, in Sibirien – mit etwa drei Stunden Zeitunterschied. Die Töne verbreiten eine finale Stimmung, mit der niemand wirklich etwas anzufangen vermag, denn noch weiss keiner, wer ging und was kommt.

Mit dem Tod des Generalsekretärs wird Gorbatschow das Amt ergreifen und den Zerfall der Sowjetunion einläuten – aber noch gilt weiter, jedes Tun der Bürger und Bürgerinnen ist dem grossen Plan gewidmet. In dem steht auch: jeder Bürger der Sowjetunion hat Anspruch auf neun Quadratmeter. Maria teilt sich mit Mutter, Tochter und Enkelin ein Zimmer. Ihr heimlicher Verehrer, Matwej, wohnt gegenüber und gleich nebenan der alte Professor, der später durch die Zimmerdecke flieht. Die Bewohner:innen der Zimmer am Ende des Ganges spielen auf der häuslichen Bühne kaum eine Rolle, abgesehen von ihrem guten Essen auf dem Herd, von dem sich immer mal wieder jemand heimlich ein Schälchen füllt. 

Auf dem engen Raum der Wohnung bekommt man voneinander einiges mit – vieles auch nicht. Die eigenen Träume werden bewacht und Erinnerungen in kleine Kästchen verstaut, wo sie niemand findet, ausser man selbst. Poladjan erzählt von der Angst bestimmte Dinge laut auszusprechen, von vergangenen und neu beginnenden Leidenschaften und der Sehnsucht nach Schokolade, einer neuen Gitarre oder einfach nur Freiheit. Sie erinnert an Zeiten, in denen die Politik den Menschen nicht gehört – so wie sonst eigentlich auch nichts – und skizziert angesichts der systemischen Enge den Spielraum des Alltäglichen und den Platz in den eigenen Gedanken.

Katerina Poladjan «Zukunftsmusik», S. Fischer, 2022, 192 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-10-397102-6

Maria gesteht Matwej, ein ganzes Lexikon der Angst könnte ich schreiben. Und doch bewahrt sie, trotz ihrer Sorgen, einen sanften Humor und eine Leichtigkeit, die sie träumen lässt von Tango unter Palmen und Ferien in Abchasien. Ihre Mutter ist erstaunt über die Naivität ihrer Tochter und stellt fest: Es gab keine Freiheit, dass das immer noch niemand begriffen hatte. Maria aber kann sie schmecken, die Freiheit. Nach langem Anstehen am Lebensmittelgeschäft, ohne erst zu wissen wofür, ergattert sie Krakauer Würste und auf dem Museumsboden entdeckt sie eine Paillette, ein Überbleibsel einer anderen Welt: Maria legte sich die Paillette auf die Zunge und hatte Gold im Mund. Ob die neue gelbe Bluse, Importware, ihr stehe, will sie wissen – jedenfalls hatte sie so eine noch nie.

Poladjan zeigt, wie unterschiedlich Menschen in ihrem alltäglichen Leben auf ein starres politisches System reagieren, das ihnen nichts schenkt und alles von ihnen verlangt. So ist Matwej stets bemüht, ein «guter Kommunist» zu sein. Und während Maria befürchtet, ihr Leben zu vergeuden und das Glück nie zu finden, schenkt Matwej ihr weiter Cognac ein, mit den Worten: Dass die Menschen immer noch nicht verstanden haben, dass persönliches Glück ohne Allgemeinwohl nicht möglich ist.

Was Poladjans Roman zugrunde liegt, ist die einfühlsame Beschreibung eines historischen Tages auf der Bühne der «kleinen Leute». Sie lässt die Leser:innen die Präsenz einer Politik spüren, die so weit weg scheint und doch eine Enge schafft, in der sich die eigenen Wünsche und Pläne nur schwer entfalten. Zwischen fein skizzierten Figuren finden sich starke Worte. Die zwanzigjährige Tochter, Janka, möchte keinen Mann, sie betet zu Gott noch viele Münder küssen zu dürfen und dafür, dass ihre Lieder gehört werden: Ich erinnere mich an ein Leben, das ich nie gelebt habe und von dem ich hoffe, dass es noch vor mir liegt.

Gegen Ende des Romans lässt Poladjan surreale Nuancen entstehen, die sich ganz ungezwungen einschleichen, was erstmal überrascht, da die Erzählung sonst so solide in der Geschichte verankert zu sein scheint. Allerdings inszeniert Poladjan damit genau diese unsichere Aufbruchsstimmung voller Möglichkeiten, die jener Frühlingstag bei den Bewohner:innen der Kommunalka auslöst.

Poladjan lässt die Leser:innen eintauchen in eine Welt, die zwar vergangen ist, sich aber auf 187 Seiten erneut für sie öffnet. Man ist umgeben von russischer Musik, einer Eiseskälte, liebevoll-witzigen und ernsthaften Dialogen, dem Duft von Schaschlik über dem Feuer. Und zwischen den Zeilen leuchtet die grosse russische Literatur hervor. «Zukunftsmusik» erinnert an die Vielschichtigkeit einer Gesellschaft, die, fernab ihrer Regierung, beim Lesen aufrichtiges Interesse weckt. 

(Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2022 an der Uni Basel, Seminarleitung: Daniel Graf, Literaturkritiker beim Republik Magazin.)

Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt «In einer Nacht, woanders» folgte «Vielleicht Marseille» und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht «Hinter Sibirien». Sie war für den Alfred-Döblin-Preis nominiert wie auch für den European Prize of Literature und nahm 2015 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Für «Hier sind Löwen» erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. «Zukunftsmusik» stand auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022.

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Beitragsbild © Andreas Labes