Willi van Hengel „Und gespült zurück“, Plattform Gegenzauber

Er wusste immer, dass er einmal der reichste Oberbrucher wird. Und dass ihm irgendwann mal die richtige Idee kommen würde, war ihm auch klar. Nur dass es so einfach sein würde, hätte er nie gedacht. Vor allem nicht, wenn man dabei auch noch ehrlich bliebe. Wahnsinnig ehrlich. Mit dem Wahnsinn seinen Lebensunterhalt verdienen, dachte er und musste darüber seinen Kopf ein wenig von der einen zur anderen Seite schütteln, weil er lachen musste. Das sind die Momente, die man sich erträumt. Träumend in der Wirklichkeit hängen, und sie schießt einen nicht ab. Lässt einen hängen. Genüsslich. Für beide. Als hätte das Dasein einen Sinn fürs Gerechte.

Er wartete auf Klaus, der um halb neun kommen wollte. Klaus würde um die Ecke kommen, mit seinem Zweirad, was er naturgemäß überhaupt nicht gerne hörte. Er fuhr also am liebsten Motorrad, mehr noch als alles andere, da brachte ihn keiner von ab. Und was Klaus am wenigsten leiden konnte, war ein Sozius hinter ihm. Selbst seine eigene Freundin, wenn er denn mal wieder eine hatte, mochte er nicht hinter sich haben. Was er aber überhaupt nicht ausstehen konnte, war, wenn sie sich an ihm festhielt und von hinten ihre Arme um ihn geschlungen hatte. Wenn Klaus schon mal jemanden mitnahm, dann sagte er gleich, dass er das nicht mochte. Wem er nichts erklären musste, war seine süße Gummipuppe. Deshalb nahm er die auch am ehesten von allen mit. Obwohl er am liebsten immer noch alleine Motorrad fuhr. Und das würde auch so bleiben, bis an sein Lebensende. Das ließ Klaus immer wieder durchblicken. – Dass er damit aber Joschy zu einem reichen und deshalb angesehenen Oberbucher machen würde, konnte natürlich keiner ahnen. Klaus kam wie verabredet gegen halb neun um die Ecke gefahren. Joschy stand schon draußen vor der Tür, es waren schon sechs Minuten nach halb neun, und er hatte heute Lust, in die Kiste zu fahren. Dort war es am diesem Tag immer am schönsten. Es war viel los, aber nicht so überfüllt von so vielen uninteressanten Leuten wie an den Wochenenden. Mittwochs war Philosophentag. Man freute sich die ganze Woche schon darauf. Und als Klaus um die Ecke bog, sah Joschy, dass er nicht ganz alleine war, jemand mit einer etwas ungewöhnlichen Farbe saß hinten drauf, ohne sich an Klaus’ Bauch festzuhalten. Sie saß sogar etwas nach hinten gebeugt dort, so dass man Angst haben musste, dass sie rücklings hinunterfallen würde. Sachte brachte Klaus die Maschine zum Stehen. Joschy traute seinen Augen nicht. Er erkannte sie als besagte Puppe mit Helm auf dem Kopf. „Nimm ihr den Helm ab“, sagte Klaus, nachdem er sein Visier hochgeklappt hatte, „und klemm sie zwischen uns“. Joschy zögerte. Er wollte sie erst kennen lernen. „Willst du sie mir nicht vorstellen?“ fragte er ihn. „Sie heißt Evelyn und kann verdammt gut blasen“, antwortete Klaus etwas genervt. Er wollte zur Kiste. Merkte aber auch, dass Joschy sich noch sträubte. Also drehte Klaus sich um, während die Maschine ins Wanken geriet, Joschy aber geistesgegenwärtig nach dem Lenkrad griff und sie wieder ins Gleichgewicht brachte, und zog ihr den Helm aus. – „Sie sieht etwas komisch aus“, sagte Joschy, der sich mit ihrem Mund nicht gleich anfreunden konnte. Klaus stieß einen langen Seufzer aus. – „Evelyn, das ist Joschy, er hatte immer schon Probleme mit Frauen, also sei artig. – Können wir jetzt fahren?“ – „Is’ ja schon gut“, erwiderte Joschy, während er sich den Helm aufsetzte und hinter Evelyn auf dem Motorrad Platz nahm. In der Kiste stellten die drei sich zwei Meter hinter dem Tresen zwischen die Stehtische. Evelyn mit Helm in ihrer Mitte. Jeder, der eintrat und an ihnen vorbeigehen wollte, wunderte sich zunächst darüber, dass jemand den Helm anbehalten hatte. Dann erspähten sie allmählich einen rosaroten Körper, nackt. Und als sie ihr Auge schamvoll darauf fallen ließen, wurde es immer größer. Sie erkannten eine Plastikhaut. Und als Klaus das Visier von Evelyns Helm hochzog und sie den weit offen stehenden Mund wahrnahmen, wurden die einen wütend, die anderen lachten laut auf und verneigten sich vor Evelyn, die ihnen natürlich vorgestellt wurde. Irgendwann an diesem Abend fragte zu später Stunde ein Fremder, der Evelyn unbedingt näher kennen lernen wollte, ob er die Sau mal ausgeliehen haben könnte. Der Kunde konnte kaum noch stehen und hatte nur noch Augen für die Kleine. – „Aber nur für zwei Bier und zwei Cola“, sagte Klaus.

Nickend drehte der Fremde seinen Kopf zur Seite, wie Betrunkene es nun mal tun, langsam und bedächtig, und bestellte die Getränke. „Und zehn Euro“, schoss es aus Joschys Mund, der das eigentlich gar nicht sagen wollte. Joschy war ein Mensch, der anderen Menschen nie zu nahe treten wollte. Deshalb sah Klaus ihn auch so überrascht an, genau so überrascht wie die vielen Leute, die an diesem Abend an ihnen vorüber gegangen waren. – „Klar“, antwortete der Fremde und begann nach seinem Portemonnaie zu suchen. Er legte zehn Euro auf den Tisch. – „Und wie wissen wir, dass du damit nicht abziehst“, fragte Klaus ihn. Schon legte der Fremde seine Geldbörse neben den Zehn-Euro-Schein auf den Tisch. – „Ich komm wieder, ehrlich“, stammelte er, „aber ohne Helm“, fügte er lallend hinzu.
Klaus nahm Evelyn den Helm ab, und sie sahen den beiden hinterher, wie sie aus dem Lokal verschwanden. Ein komisches Gefühl, dachte Joschy. Doch er sagte es nicht, wollte es lieber für sich behalten. Es war nicht so, dass irgendein Fremder mit irgendeiner Puppe ging. Es war anders.

Um sich nichts anmerken zu lassen, bestellte er zwei Bier und zwei Hennessy. Mit Cola, warf Klaus schnell hinterher, worauf Joschy nur sorry sagte. Er hatte nicht daran gedacht, dass Klaus mit dem Moped war, so zumindest nannte er seine Maschine, und außerdem konnte Klaus eh nicht viel vertragen. Ein richtiger Kumpan war er nie. Darin konnte man sich nie auf ihn verlassen. Das konnte Joschy, wenn er ehrlich war, noch nie leiden. Und das war auch immer etwas, was zwischen ihnen stand. Es hatte was mit der Einstellung zum Leben zu tun…
Nachdem die beiden ihre Gläser ausgetrunken hatten, sagte Klaus, dass der Typ bestimmt abgehauen sei, weil in seinem Portemonnaie nur noch 22 Euro waren. Pass und Bankkarte waren nicht darin. Joschy blickte auf. Nach einer kurzen Pause bat er Klaus mitzukommen. Er führte ihn über den Parkplatz in eine gegenüberliegende Hecke aus Koniferen. Er begann sie mit seinen Händen abzutasten, wie ein Bulle, der nach einer Waffe oder nach Stoff sucht. Nur dass der eine oder andere Ast sich nicht nur bewegte, sondern gar zurückschlug. Das machte Joschy wütend, und er suchte immer schneller, bis er plötzlich aufschrie: „Sieh hin, da liegt er.“ Der Fremde war über Evelyn eingeschlafen. Die weiße Haut seines Hintern blinzelte den beiden entgegen. Klaus sah Joschy fragend an. Der sah genauso jungfräulich zurück, mit seinen großen Rehaugen. Sonst immer so cool tun, dachte Joschy, und kaum sind wir in einer anderen Welt, schon ist der Lack ab. Er schüttelte nur mit dem Kopf und sagte nichts, weil er wusste, dass man in solchen Situationen einen Menschen am besten erkennen kann und seine Erkenntnis dann für sich behalten sollte, weil jedes Wort nicht nur zu viel ist, sondern stört.

So sah Joschy sich veranlasst, einen Ast der Konifere abzubrechen, um damit leicht auf die sich bewegende weiße Haut zu schlagen. Es tat sich nichts. Also versuchte er, etwas strenger zuzuschlagen. Doch immer noch keine Reaktion. Dann noch etwas härter. Im Einklang mit einem verzerrten Gesicht, das zum Glück im Dunkeln blieb, kam dann eine erste Regung. Noch härter. Ein erstes Lebenszeichen. Ein Knattern in der Stimme. Ein erstes Wort. Ein Satz fast. – „Eij, was soll das!“ – „Eij, du Penner, steh auf, du bringst unsere Evelyn um. Sie erstickt. Hast du se nicht mehr alle.“ Der Fremde regte und räkelte sich. – „Wollt’ ich nich’, sorry“, entschuldigte er sich, während er aufstand und sein Gleichgewicht zu finden suchte. – „Warst du zufrieden?“ fragte Joschy. – „Toll!“, antwortete der Fremde. – „Okay, ich glaub dir. Hier hast du dein Portemonnaie zurück.“ Der Fremde wurde plötzlich munter. Er bedankte sich überschwänglich, indem er Klaus um den Hals fiel, ihn dann losließ, um Joschy ebenso zu umarmen. Die beiden nahmen es hin. Und während sie dem Fremden hinterher blickten, sagte Joschy ganz trocken: „Der erste Freier!“ Klaus, der nicht hingehört hatte, sagte nur: „Und wer macht sie nun sauber?“ Einige Tage später rief Joschy seinen Freund Klaus an und fragte ihn, ob der ihm Evelyn überlasse. Klaus war froh, die Puppe los zu werden. Er mochte sie nicht mehr anfassen, seitdem dieser Typ sie hatte. Das war der Tag, an dem Joschy seine Chance sah. Mit diesem Tag setzte er seine Idee in die Wirklichkeit um. Nun ließ er die Puppen für sich tanzen. Bis hierher war es immer umgekehrt. Bis sie zuletzt überhaupt keine Achtung mehr vor ihm hatten, und ihn nur noch mit Helm herumlaufen ließen. Und es dauerte nicht lange, da konnte er sich eine zweite Puppe anschaffen, und eine dritte… eine vierte meldete sich fast von alleine. Die nämlich bekam er auch geschenkt, wie die erste, Evelyn, die nach wie vor sein bestes Plastikpferd im Stall war. „Pfand: 50 Euro und gespült zurück!“ Das war sein Werbespruch. Und alles lief wie am Schnürchen. Klar, hin und wieder kam die eine oder andere Puppe nicht wieder. Aber das machte gar nichts. Er hatte ja die 50 Euro als Pfand. Was für ihn aber am Wichtigsten war: Es war nie Evelyn, die wegblieb! Sie kam immer wieder zu ihm zurück! Auch wenn sie mit der Zeit, was nicht ausblieb, älter und verbrauchter wurde, so gab es Freier, die nur sie haben wollten. Mit der Zeit nämlich hatte sie Ecken und Kratzer entwickelt, die den Jungs gut taten. Verdammt gut. Sonst wäre sie nicht so gefragt gewesen. Und das Schönste war, dass sie den glatteren Mädels so einiges beibringen konnte. Joschy wollte eigentlich gar nicht reich werden. Er wollte nur unabhängig sein. Frei, wie er immer sagte, frei und trinken können, wann er will. Damit meinte er zwar nicht, wie er immer betonte, kein Bier vor Vier, sondern den Schmerz tief in seinem Herzen, der gegen seine ausgebeulten Gedanken fuhrwerkt, und das manchmal sage, weil er schräg geträumt habe, sonst aber gehe es ihm blendend, schließlich habe er fast alles erreicht in seinem Leben, und damit meinte er sicherlich, wie man sich vorstellen kann, dass man die eine oder andere Frau, die man in echt oder im Fernsehen sieht, wahrlich nicht von seiner Evelyn unterscheiden könne, nein, Evelyn… nein, lassen wir das.

Das einzige, was er wollte, war, sich einen weißen Anzug zuzulegen, wo er doch die ganze Zeit schon weiße Schuhe trug. Der weiße Anzug war für ihn wie eine weißer Mercedes mit weißem Lenkrad. Einmal aber war es beinahe vorbei mit seinem Geschäft. Ein Zuhälter aus dem Nachbarort hatte es auf seine Puppen abgesehen. Denn mit der Zeit wurde die eine oder andere Puppe angegriffen, attackiert von fremden Fingern mit fremden Nadeln. Und es wurde immer schwerer für Joschy, das seinen Kunden klar zu machen. Sie blieben mit der Zeit weg. Joschy wusste aber, dass sie niemals echte Haut vorziehen würden. – Joschy war der beste Psychologe der Umgebung. Er hat Menschen immer schon gerne beobachtet. Und manchmal konnte er sich nicht vorstellen, dass den Anderen es anders erging. Das, was man sagte, war doch in den meisten Fällen, das Uninteressanteste und Unwichtigste. Doch nur zwischen den Wörtern eitert so was wie Wahrheit heraus. Doch nur in Blicken oder im Schweigen fühlt man sich ertappt. Doch nur da, und sonst nirgendwo. Und er hatte recht. Mit der Zeit kamen alle seine Freier wieder zurück. Da halfen keine Nadelstiche. Irgendwann fuhr Joschy mit Evelyn in ein Geschäft, stellte sie ohne Helm als seine Evelyn vor und bat den Verkäufer mit ausgestreckter Hand diese herrliche Harley Davidson an seinen besten Freund Klaus zu verschicken: mit besten Grüßen von J. und E. – nach 20 Jahren! Der weiße Anzug war zwar etwas verwaschen, und Evelyn brauchte schon seit langer Zeit nicht mehr zu arbeiten. Joschy hat es ihr aber nie verboten. Im Gegenteil. Er mochte die Vorstellung, dass sie von einem anderen begehrt und manchmal sogar berührt würde. Und er hat lange Zeit gebraucht, um es ihr zu sagen. So wie manche Menschen nie die Zeit dafür finden, sich der Wahrheit zu stellen, sagte er Klaus einmal nach einem Fußballspiel. Joschy konnte zwar mit diesem Spiel nichts anfangen. Er ist aber Klaus’ zuliebe hin und wieder mit ins Stadion gefahren. Ganovenehre, dachte er dann immer, und sah Klaus an und musste denken, dass der auch Ganovenehre dachte, und Joschy fühlte sich mitten unter den vielen Menschen nicht allein gelassen. Was Gedanken und Gefühle alles anrichten können, dachte er dann und freute sich mit, wenn Klaus das erste Tor seiner Elf bejubelte.

Die beiden, Joschy und Evelyn also, waren verliebt wie an dem Tag, als Klaus sieben Minuten nach halb neun mit ihr um die Ecke bog, von der Kirchenuhr war fast noch der Nachklang der Glocke zu hören, die sich zwei Mal meldet, wenn es halb ist, und Joschy nie wieder in seinem Leben das Gefühl los wurde, das er seit damals hatte, als er zum ersten Mal die Uhr für um halb schlagen hörte, es hatte so etwas Beruhigendes, noch eine halbe Stunde bis zur vollen Zeit, noch so viel vor einem, noch so viel Leben und Unerzähltes und so viel Hoffnung, als hätte ein Flugzeug niemals vor zu landen.

Willi van Hengel, 1963, arbeitet als Lektor im Deutschen Bundestag. 2006 veröffentlichte  er „Lucile“, seinen ersten Roman, 2008 der Roman „Morbus vitalis“ und 2010 der Gedichtband „Wunderblöcke“, 2018  sein erstes Theaterstück „de Janeiro – ein Punk ertrinkt in Weißensee“, 2021 das Theaterstück „flanzendörfer“ und 2022 der Roman „Dieudedet oder sowas wie eine Schneeflocke“. Der Roman „Entstellung des Gesichts“ wird im März 2025 im Verlag kul-ja-publishing erscheinen.

Jo Lendle «Die Himmelsrichtungen», Penguin

Amelia Earhart war eine Pionierin, zweifellos. Als erste Pilotin reihte sie Rekord an Rekord. 1921 nahm sie mit 24 erste Flugstunden, sechs Monate später stellte sie den ersten Höhenrekord auf. Man feierte sie über die USA hinaus nicht nur wegen ihrer Fliegerei als Heldin, sondern weil sie sich kaum um Konventionen kümmerte und damit zum Idol einer ganzen Frauengeneration wurde. Jo Lendle schrieb mit «Die Himmelsrichtungen» einen äusserst feinfühligen Roman über eine Ikone.

Wahrscheinlich ist es gut, dass ein Mann dieses Buch schrieb. Somit ist es kein «Frauenbuch», was es tatsächlich nicht ist. «Die Himmelsrichtungen» ist ein Buch über eine Sorte Menschen, die sich nicht um ungeschriebene Gesetze schert. Sie wollte ihr Leben leben, ganz. Auch eine typische Biographie der Zwischenkriegszeit, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Als sich diese Gattung Mensch um nichts anderes kümmerte, als um sich selbst – um jeden Preis einen Platz für die Ewigkeit ergattern. Heute begegnet man dieser Art Mensch um ein vielfaches kritischer, auch weil die Anzahl derer, die mit ihren finanziellen Mitteln die Welt kaufen, immer grösser wird. Das Gedränge am Mount Everest ist sinnbildlich dafür. Damals waren es wenige und sie wurden vergöttert. Heute sind es viele und sie werden mit Argwohn kommentiert.

«Mir ist es nie darum gegangen, irgendwo anzukommen. Vielleicht misstraute ich der Idee einer Ankunft: Vielleicht genoss ich auch einfach den Zwischenraum.»

Jo Lendle «Die Himmelsrichtungen», Penguin, 2024, 256 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-328-60379-5

Von ihrem letzten Abenteuer, kurz vor ihrem 40. Geburtstag, sie wollte als erster Mensch überhaupt die Erde mit ihrer «Electra» am Äquator entlang umrunden, blieb nichts, nicht einmal ein Notruf. Amelia Earhart verschwand mit ihrem Navigator irgendwo im Pazifik, tauchte nicht auf, wo ein Versorgungsschiff und eine ganze Crew die beiden erwartete. Die grösste je organisierte Suchaktion mit verschiedensten Schiffen und Flugzeugen versuchte das Flugzeug und ihre Insassen zu finden – ohne Erfolg.
Amelia Earhart wusste um das grosse Risiko, zumal die technischen Möglichkeiten damals bei weitem nicht dem entsprachen, was man heute als Standart nimmt. Sie koketierte mit dem Risiko. Und eben dieses Risiko war es, das sie weit über ihr Schicksal hinaus bis heute zu einer Heldin macht, einer Figur, die sich nicht bremsen lässt, weder durch Technik und schon gar nicht durch Konventionen.

«Es ist nicht leicht, eine Heldin zu sein.»

Amelia Earhart entsprach in vielem nicht dem damals gängigen Frauenbild. Nicht nur in der Art, wie sie mit körperlichen und technischen Herausforderungen umging, auch im Umgang mit ihrem Gegenüber, mit ihrer Publizität – und nicht zuletzt mit Männern. Man(n) musste sie so nehmen, wie sie war. Das galt für die Liebe genauso wie für Geschäftspartner, für Prominente wie für Teammitglieder. So faszinierend wie ihr unstillbarer Hunger nach Rekorden, ihre Lust, nicht dem zu entsprechen, was man sonst von Frauen erwartete. Und doch tat es Amalia Earhart nicht, um zur Heldin zu werden. Es ging ihr weder um „Unsterblichkeit“ noch um den Rekord an sich. Sie wollte tun, was sie will. Sie wollte sich weder einengen noch leiten lassen. Sie war damals in einer Art selbstbestimmt, die ins Heute übersetzt rücksichtslos erscheinen mag. Aber damals galten andere Parameter. Was damals der Luftraum war, ist heute das Weltall. Und auch heute gibt es von der breiten Öffentlichkeit bejubelte Pioniere, die sich um nichts und niemanden scheren, um ihre eigenen Ziele zu erreichen, koste es, was es wolle.
Und vielleicht suchte Amelia Earhart in luftiger Höhe auch bloss etwas, was sie  auf dem Boden nicht bekam.

«Nicht ihnen fühlte ich mich verpflichtet, sondern nur dem unendlichen Raum der Möglichkeiten.»

Jo Lendle erzählt und umkreist. Er durchleuchtet nicht und ist weit weg von jeder Glorifizierung. Er erzählt die Geschichte Amelia Earharts, vom letzten Flug zurück bis in ihre Kindheit. Er erzählt von einer jungen Frau, die sich zu schälen versucht, so wie sich die Geschichte Schicht um Schicht „rückwärts“ erzählt. Da ich mit einem schnellen Blick ins Netz vom Schicksal Amalia Earharts lese, braucht das Buch keine auf die Tragödie hinzielende Dramatik. Was mich als Leser durch dieses Buch zieht, ist nicht das Geheimnis ihres Verschwindens, sondern das der möglichen Gründe und Ursachen, warum Amelia Earhart jenes Risiko zum Lebenselexier machte. Es ist die Geschichte einer Suchenden, die das in Worte zu setzen versuchte, was sie an inneren Bildern in sich selbst sah. Amelia Earhart schrieb nicht nur Tagebuch, sondern Gedichte, nebst den Himmelsrichtungen eine Dimension mehr, so wie ihr Drang nach oben, diese unbedingte Hinwendung in die fünfte Himmelsrichtung.

Ein Buch, das vielfach berührt!

Jo Lendle wurde 1968 geboren und studierte Literatur, Kulturwissenschaften und Philosophie. Bei der DVA sind seine Romane »Was wir Liebe nennen« (2013), »Alles Land« (2011), »Mein letzter Versuch, die Welt zu retten« (2009) und »Die Kosmonautin« (2008) erschienen, zudem 2021 bei Penguin »Eine Art Familie«.

Webseite des Autors 

Beitragsbild © Heike Bogenberge

Sasha Filipenko «Der Schatten einer offenen Tür», Diogenes

Ostrog ist eine russische Provinzstadt im Nirgendwo. Kommissar Alexander Koslov wird zusammen mit seinem Assistenten von Moskau dorthin geschickt, nachdem eine Reihe Suizide von Jugendlichen nicht nur die Stadt in Aufruhr versetzt. „Der Schatten einer offenen Tür“ als Krimi zu bezeichnen, genügt nicht. Aber der Roman ist auch weder Milieustudie noch Psychodrama. Der Roman verunsichert, schockiert und lässt einem nach der Lektüre ziemlich allein.

Seit ein paar Jahren lebt der belarussische Schriftsteller Sasha Filipenko mit seiner Familie in der Schweiz im Exil. Solange die Bruderschaft zwischen Putin und Lukaschenko Russland und Belarus zur Front gegen den „westlichen Aggressor“ zusammenschweisst, wird Sasha Filipenko nicht mehr in seine Heimat zurückkehren können. Seit der Schriftsteller mit den Romanen „Die Jagd“ und „Rote Kreuze“ die Szene überraschte, erwartet man viel von dem Mann, der sich ausgezeichnet auskennt in den Mechanismen Russlands. Nicht weniger als deutliche Argumente dafür, wie korrupt, totalitär und manipulativ der Machtapparat in jenem Land ist, dass sich mehr und mehr in einen immer bedrohlicher werdenden Krieg verbeisst. Aber der neue Roman bricht aus, erfüllt zumindest meine Erwartungen nicht. Erwartungen, denen der Autor aber vielleicht gar nicht genügen will.

Alexander Koslov war schon einmal in der ehemaligen Gefängnisstadt Ostrop. Damals brachte er den amtierenden Bürgermeister hinter Gitter. Eine Ermittlung, die ihm wenig neue Freunde machte. Nun schickt ihn Moskau erneut in dieses Nest, in Begleitung von Fortow, seinem Assistenten, der zum ersten Mal an einer solchen Ermittlung teilnimmt und wenig Interesse zeigt, die Dinge mehrfach umzudrehen, um zu einem abschliessenden Urteil zu kommen. Aber nicht nur für Fortow liegt ziemlich schnell auf der Hand, wer mit den toten Judgendlichen, den Suiziden zu tun haben muss; Pjotr Petrowitsch Pawlow, kurz Petja. Von ihm wird in der Nähe aller Toten seine DNA gefunden. Petja war wie die toten Jugendlichen einst Insasse jenes Heims, aus dem die Toten stammen. Nicht dass er es geschafft hätte. Petja, von allen in der Stadt wie ein naiver Trottel behandelt, ein junger Mann, der eigentlich nur Gutes tun will und nicht verstehen kann, dass die Welt nicht nach seinen Vorstellungen ticken will, lebt in einem heruntergekommenen Wohnsilo, arbeitet in einer Fabrik und ist wahrloses Opfer, als ihn die örtliche Polizei einsperrt, foltert und zu einem Geständnis zwingt. Die Sache scheint klar. Auch für die Journalistinnen und Journalisten, die in der einzigen Kneipe in der Stadt, die etwas hergibt, auf Neuigkeiten warten. Nur für Alexander Koslov nicht.

Sasha Filipenko «Der Schatten einer offenen Tür», Diogenes, 2024, aus dem Russischen von Ruth Altenhofer, 272 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-257-07159-7

Die Toten und Petja kommen aus dem städtischen Kinderheim. Kein warmes Nest, in dem man sich mit Liebe und Fürsoge um die sich selbst überlassenen Kinder kümmert. Viel mehr noch so eine Art Gefängnis, eine Anstalt, ein Apparat für Kinder und Jugendliche ohne Perspektive. Selbst solche, die mit Ach und Krach eine Pflegefamilie finden, werden „zurückgebracht“. Eine kalte Institution, für die die Toten die denkbar schlechteste Werbung bedeuten.

Aber auch Alexander Koslov hat sich verloren. Seine Frau, die sich von ihm tennte, ist mit einem angesehenen Richter liiert. Selbst ihre Offenbarung, dass sie schwanger ist, ein Telefonat, unmissverständlich, endlich zu akzeptieren, bringt Koslov nicht weg von seiner verzweifelten Liebe zu einer verlorenen Frau. Diese eine Woche in Ostrop, für die ihm Moskau Zeit gibt, die Ursachen für die mittlerweile vier Suizide zu klären, wird für Koslov zur Probe, denn für ihn ist klar, dass nicht das, was auf der Hand liegt, in diesem Sumpf der Wahrheit entspricht.

„Der Schatten einer offenen Tür“ ist ein hartes Buch. Ein Roman, der Abgründe zeigt, weder klären noch enträtseln will. Kein Geschichtchen mit Aufklärung und sauber aufgelöstem Plott. Der Roman lässt einem so ratlos zurück wie vieles, was dort geschieht, einem Land, das nicht aus den Mühlen des Immergleichen ausbrechen kann, selbst dann, wenn sich die Türen für einen Augenblick öffnen. Wer nur einen Krimi lesen will, ist schlecht bedient. Wer Enthüllung will, wird enttäuscht. Man muss sich selbst aus diesem Sumpf ziehen. Wer aber jene Portion Verunsicherung mag, wer sich traut, in den Abgrund zu schauen, in die Trostlosigkeit der Verlorenheit, der ist mit diesem Buch genau richtig.

Sasha Filipenko, geboren 1984 in Minsk, ist ein belarussischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt. Nach einer abgebrochenen klassischen Musikausbildung studierte er Literatur in St. Petersburg und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber für eine Satireshow und als Fernsehmoderator. Sein Roman «Die Jagd» war ein Spiegel-Bestseller. Sasha Filipenko ist leidenschaftlicher Fussballfan und wohnte bis 2020 in St. Petersburg. Er musste mit seiner Familie Russland verlassen und lebt in der Schweiz.

Ruth Altenhofer hat an der Universität Wien, in Rostow am Don und in Odessa Slawistik studiert. 2015 hat sie sich als Übersetzerin selbständig gemacht. Sie dolmetscht in der Psychotherapie für Flüchtlinge, übersetzt Fachtexte (oft Tourismus) und Comics/Graphic Novels. Als Literaturübersetzerin wurde sie 2012 und 2015 mit dem Übersetzerpreis der Stadt Wien ausgezeichnet.

«Rote Kreuze», Rezension

Beitragsbild © Lukas Lienhard Diogenes

Wolfram Schneider-Lastin (Hrsg.) «Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Grosseltern», Rotpunktverlag

30 Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, Deutschland und Österreich erzählen von ihren Grosseltern, Geschichten bis nach Italien, Frankreich, Polen, Tschechien, Ungarn, der Ukraine, Israel, Pakistan und der DDR. Geschichten von Berührten, Geschichten, die berühren.

Auf einem meiner Regale steht ein eingerahmtes, sepiafarbenes Foto. Ein Mann in Anzug und Kravatte sitzt in einem Korbstuhl neben einem Tischchen mit Spitzendecke. Mein Grossvater. Er war Tischler, Schreiner. Auf dem Foto hatte er etwas zu repräsentieren. Dazu gehören wohl auch die Bücher auf der Ablage unter dem Tischchen und das offene Buch mit Stift auf dem weissen Tischtuch. Mein Grossvater starb, als ich ein Jahr alt war. Meine Mutter erzählt, er habe mich, schon gezeichnet von seiner Krankheit, noch in Händen gehalten. Er wurde nicht alt, aber von meinem Grossvater gibt er Zeugnisse, die noch immer an den Wänden im Haus meiner Mutter und meiner Tante hängen; Aquarelle und Ölbilder, von naturalistisch bis abstrakt. Mein Grossvater war begabt und hätte sich wohl viel lieber als Künstler gesehen, statt als Handwerker, der nur mit grösster Anstrengung dem nachgehen konnte, was seiner Leidenschaft entsprach. Aus Geldknappheit und weil meine Grossmutter wohl alles andere als glücklich darüber war, dass ihr Gemahl Geld für Ölfarben ausgab, bemalte er seine Leinwände gar beidseitig, sodass man sich später, als man dann doch das eine oder andere Bild einrahmte, stets für das eine oder andere entscheiden musste, im Wissen darum, dass das verborgene Bild Schaden nehmen würde. Die Begabung meines Grossvaters setzte sich in meiner Mutter, die auch heute noch mit über achtzig malt, meinem Bruder, der in Zürich seit Jahrzehnten ein Atelier führt und meinen Kindern fort. Eine Begabung, die mich stets in die Nähe der Kunst führte, gepaart mit dem ewigen Zweifel, der mit Sicherheit auch meinen Grossvater begleitete, denn nach seinem Tod sah man an den Wänden meiner zur Witwe gewordenen und wieder verheirateten Grossmutter nie ein gemaltes Bild meines Grossvaters. 

«Schon lange wollte ich meine Beziehung zu meinem Grossvater in einer Erzählung festhalten. Mir war klar, dass mir das einiges abfordern würde. Vielleicht hatte ich sie deshalb noch nicht zu Papier gebracht, als die Einladung mit der Frage kam, ob ich einen Text beisteuern möchte für ein Grosseltern-Buch. Ja, natürlich, das war mein erster Gedanke. Und doch zögerte ich ein paar Wochen lang, bevor ich zusagen konnte, denn ich wusste: Über meinen Grossvater schreiben bedeutet über mich schreiben. Und das heisst: rausrücken mit dem, was ich für sehr privat halte. Das war und ist schwierig für mich, denn ich leide durchaus nicht unter Bekenntiszwängen. Nun bin ich aber überglücklich, es gewagt zu haben, über diese Geschichte entspannen sich neue Beziehungen, auch in der Familie, ich stehe neu mit zwei Cousins in intensivem Kontakt, ich erfuhr so viel mehr über meinen Grossvater und meine Herkunft. Die Geschichte ist noch lange nicht auserzählt. Und nicht zuletzt: Die Geschichte meines Grossvaters verbindet sich mit allen Geschichten und mit allen Grosseltern im Buch. Und auch die Autorinnen und Autoren haben – so behaupte ich – einen neuen und vertieften Zugang zueinander. Das hat grosse poetische Kraft.» Romana Ganzoni

Wolfram Schneider-Lastin «Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Großeltern», Rotpunkt, 2024, 256 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03973-039-1

Vielleicht ist genau das die grosse Tür, die sich auftut, wenn man die Geschichtensammlung „Fragen hätte ich noch“ liest. Das Buch lädt ein, sich mit den eigenen Grosseltern zu befassen, sich zu fragen, was denn an Erinnerungen, an Wissen, an Persönlichem noch da ist. Wer sich nicht aktiv mit seinem Stammbaum, seiner Herkunft befasst, weiss vielleicht nur wenig, vor allem von dem, was Fotografien nicht erzählen. Urgrosselten und ihre Vorfahren verschwinden im Vergessen. So wie die meisten von uns in 100 Jahren vergessen sein werden. Meine Mutter ist weit über achzig. Wenn ich sie noch einmal fragen möchte, dann wäre es jetzt an der Zeit. Wer war meine Grossmutter? Warum habe ich von ihr ein derart nüchternes Bild? Warum empfinde ich meinem Grossvater gegenüber derart viel Wärme und Sympathie, obwohl ich ihn nie wirklich erleben konnte.

«Einige der Geschichten im Buch rufen in Erinnerung, dass Europa in der Weltgeschichte eine ebenso verdienstvolle wie zerstörerische Rolle spielt. Von hier gingen ja auch vielfältige Brutalitäten aus, die sich vor, während und nach den beiden Weltkriegen zugetragen haben, etwa die Gründung der Staaten Israel, Indien und Pakistan, oder die Zerstückelung ganzer Kontinente. Die meisten meiner Vorfahren – aber nicht alle von ihnen – entkamen der Vergewaltigung, Enteignung und Entwurzelung durch die europäischen Kolonialmächte. Durch eine postkoloniale Fügung des Schicksals bin ich in der Schweiz aufgewachsen: Mein Vater war Bankier.» Waseem Hussain

Wolfram Schneider-Lastin, der Herausgeber und Mitverfasser des Buches, schildert in seinem knappen Vorwort die Entstehungsgeschichte des Buches, wie er während der Pandemie begann, die Geschichte seiner Grossväter aufzuschreiben, sie an Freunde weitergab und Lektüre und Reaktionen eine wahre Welle auslösten. Entstanden ist eine erstaunliche Sammlung von Geschichten, von Frauen und Männern im 20. Jahrhundert, die sich ganz verschieden durch ein Jahrhundert der Kriege und Umwälzungen stemmten. Geschichten von Liebe und Hass, von Ernüchterung und Enttäuschungen, vom grossen Schweigen und dunklen Geheimnissen, von tiefer Verbundenheit und schmerzhaftem Ekel.

«Dass sich meine Grosseltern krumm und bucklig gearbeitet haben, dass vor lauter Arbeit kein Denken möglich war, das kam nochmals stärker durch. Und ist damit übertragbar auf Menschen, die eben am Rand und «unten» wie blöd und hart arbeiten, dass nichts anderes mehr möglich ist. (s.a. «Jahrhundertsommer»). Und – das ist mir im Vergleich mit den anderen Geschichten aufgefallen – dass es von meiner Oma nur überhaupt zwei Fotos gibt, denn niemand hatte einen Fotoapparat und auch keine Zeit für so etwas, dass sie auch kein Auto hatten, vor dem man sich hätte fotografieren lassen können, dass sie auch nie in Urlaub fahren konnten, von dem es Fotos hätte geben können, dass sie arm waren, ohne dass sie je von sich gedacht hatten, arm zu sein. (Und meine andere Seite der Familie war noch sehr viel ärmer.) D.h. die Klassenfrage, die Frage nach der Herkunft, drängt bei jedem weiteren Schreiben und im Alter immer stärker durch.» Alice Grünfelder

Ein wunderbares Buch, eine Einladung, ein Zeitdokument.

Wolfram Schneider-Lastin, geboren 1951 in Schwäbisch Gmünd, studierte Schauspiel, Germanistik, Geschichte, Altphilologie und Kunstgeschichte an den Hochschulen Stuttgart, Tübingen, Wien und Rom. Seit 1988 lebt er in der Schweiz, wo er seine wissenschaftliche Karriere – nach der Promotion über Johann von Staupitz – an verschiedenen Universitäten und als Redakteur der Zeitschrift Librarium fortsetzte. Als Schauspieler hat er sich vor allem mit literarischen Lesungen einen Namen gemacht.

Die Autorinnen und Autoren: Fabio Andina (CH), Esther Banz (CH), Nelio Biedermann (CH), Sabine Bierich (D/CH), Zora del Buono (CH/D), Alex Capus (CH), Verena Dolovai (A), Daniela Engist (D), Oded Fluss (ISR/CH), Romana Ganzoni (CH), Roswitha Gassmann (CH), Alice Grünfelder (D/CH), Gottfried Hornberger (D), Waseem Hussain (PAK/CH), Markus Knapp (D), Andreas Kossert (D), Martin Kunz (CH), Hanspeter Müller-Drossaart (CH), Christa Prameshuber (A/CH), Helmut Puff (D/USA), Klemens Renoldner (A), Christian Ruch (D/CH), Ariela Sarbacher (CH), Thomas Sarbacher (D/CH), Herrad Schenk (D), Gerrit Schneider-Lastin (DDR/CH), Wolfram Schneider-Lastin (D/CH), André Seidenberg (CH), Ruth Werfel (CH), Anke Winter (D/CH)

«Ich wundere mich über die historische Amnesie in Jurys, Feuilletons, sogenannten Kulturkreisen, wie wenig von diesem Wissen vorhanden ist, wie wenig diese Leute in diesen Bubbles selbst von anderen Kreisen wissen, in denen sie sich nicht bewegen, wie viel für «alt» gehalten wird und noch lange nicht überwunden ist – und wie viel Kraft es kostet, diese Vergangenheit und auch Krisen anderswo wieder und wieder gegen den Mainstream in Erinnerung zu rufen.» Alice Grünfelder

Illustration © Hannes Binder

Reinhard Kaiser-Mühlecker «Brennende Felder», S. Fischer – Österreichischer Buchpreisträger 2024

Bin ich der, der ich bin? Richte ich mich bloss in einem Leben ein? Wie viel konstruiere ich von dem, was ich meine Wahrheit nenne? In „Brennende Felder“ brennt es gleich mehrfach. Reinhard Kaiser-Mühlecker schont mich in seinem neusten Roman nicht, zuletzt in meinem Wunsch, mich identivizieren zu wollen. Sein Meisterwerk flirrt in seiner aufgeladenen Hitze und der gekonnt spröden Annäherung an sein Personal.

Reinhard Kaiser-Mühlecker ist Bauer und Schriftsteller. Aber so sehr er seinen letzten Teil einer eigentlichen Trilogie („Fremde Seele, dunkler Wald“ (2016) und „Wilderer“ (2022), ohne dass man sie für dieses Buch gelesen haben müsste) in bäuerlicher Umgebung spielen lässt, so sehr konfrontiert mich der Autor mit urmenschlichen Schwächen, sei es in der Zeichnung seiner Protagonisten oder mit dem, was der Autor während des Lesens mit mir geschehen lässt. 

Nichts an „Brennende Felder“ beschreibt ländliche Idylle. Da brennen die Felder wegen der sommerlichen Gluthitze wirklich. Und überall lauert der Tod. Sei es ein Bauer, der in eine Futtermaschine gerät, eine Bäuerin, die den Strick nimmt. Das Leben auf dem Hof war und ist ein K(r)ampf, der so rein gar nichts mit Landliebe zu tun hat.

Reinhold Kaiser-Mühlecker «Brennende Felder», S. Fischer, 2024, 368 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-10-397570-3

Luisa kommt zurück in dieses Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, wo ihr Bruder noch immer den elterlichen Hof über Wasser zu halten versucht und der andere Bruder an seinen psychischen Verletzungen leidet. Luisas Vater spielte nie eine Rolle und ihr Stiefvater, von dem sie eine Kindheit lang glaubte, er wäre ihr Vater, erklärt ihr nach seinem Outing seine Liebe, steht Jahre später vor der Tür und beginnt mit ihr das, was damals unmöglich war. Auch ihre Mutter lebt noch im Dorf. Man schaut sich aber bei zufälligen Begegnungen nicht einmal in die Augen. Abgestorbenes Leben überall. Und überall kann es zu brennen beginnen.

Nachdem ihr Stiefvater bei einem nächtlichen Streifzug ums Leben kommt, Ermittlungen aber gar nie richtig in Fahrt kommen, lernt Luisa Ferdinand kennen, von dem sie annehmen muss, dass er der Bauer ist, bei dessen Konfrontation Bob, der Stiefvater, ums Leben kam. Aber statt diesen Ferdinand zur Rede zu stellen, richtet sich Luisa auf Ferdinands Hof häuslich ein und kümmert sich um Anton, den autistischen Sohn des Bauern. Eine Art Wiedergutmachungsversuch, denn Luisa hat selbst zwei Kinder aus zwei gescheiterten Ehen, zu denen sie den Draht verloren hat, einer Tochter und einem Sohn, die sich mehr und mehr deutlich von ihr abwendeten. Zwischen Ferdinand und Luisa entwickelt sich durchaus eine Beziehung, auch wenn einem als Leser im Laufe der Lektüre ziemlich bald klar wird, dass Luisa nicht nur Bindungsprobleme mit sich herumträgt, sondern alles zwischen Anziehung und Abstossung, zwischen Leidenschaft und Hassgefühlen kippt.

Luisa will Schriftstellerin sein. Sie träumt von einem eigenständigen Leben als Künstlerin. Ferdinand hat ihr sogar ein Schreibzimmer in seinem Haus eingerichtet. Ein Zimmer, das sie abschliesst. Das Leben auf dem Hof, all die Arbeiten, sind für sie nur Kulisse, Material, aus dem sie Literatur schaffen will. Noch so ein Feuer, wenn auch ein eigenartiges Strohfeuer, denn was sie schreiben will, scheint nie richtig Form annehmen zu wollen.

Während des Lesens wird immer deutlicher, dass Luisa ihre Sicht der Dinge ganz eigen interpretiert. Mehr und mehr Fragen stellen sich, Bilder kippen immer und immer wieder. Seien es ihre Beziehungen, die nicht enden wollenden Eskapaden, die Ruinen einer Familie und Luisas Hang, alles und jeden in ein für sie stimmiges Muster quetschen zu wollen.

„Brennendes Feuer“ beschreibt innere und äussere Feuer. Nicht zuletzt das Feuer, das jene Institionen frisst, die über Jahrhunderte das Existieren ausmachten; bäuerliche Arbeit, Ehe und Familie. „Brennende Feuer“ beschreibt aber auch den Zustand einer Gesellschaft, die den Blick auf das Wesentliche verloren hat, die sich im Kopf verliert, sich seine eigene Welt zusammenspinnt. „Brennende Feuer“ ist literarischer Hochgenuss, vielschichtig, verzwickt und von Hitze aufgeladen.

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurde heute für sein Buch „Brennende Felder“ mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet.

Interview

Nicht wenige Schriftstellerinnen und Schriftsteller erzählen mir immer wieder, dass sie ohne klaren Plan mit dem Schreiben beginnen und sich die Türen zu einer Geschichte erst nach und nach öffnen. So ist doch auch das Schreibprinzip von Luisa, deren grösster Wunsch nicht bloss das Verfassen eines Romans ist, sondern das Leben als erfolgreiche Schriftstellerin. Bei ihnen und den Romanen „Fremde Seele – dunkler Wald“, „Wilderer“ und dem neusten „Brennende Felder» – im weitesten Sinne eine Familiensaga aus drei verschiedenen Perspektiven – kann ich mir ein intuitives Schreiben schlicht nicht vorstellen, zumal ihr Roman auf so vielen Ebenen spielt. Oder täusche ich mich?
Mein Schreiben geschieht tatsächlich ohne Plan, aber es gibt immer etwas, das ich im Voraus weiss, kenne – in diesem Fall war es eine Persönlichkeitsstruktur. Luisa ist bereits in «Fremde Seele, dunkler Wald» angelegt, in «Wilderer» ein wenig entwickelt, im vorliegenden Buch habe ich versucht, sie möglichst breit, aber doch noch mit ausreichend Leerstellen, Lücken, Geheimnissen darzustellen.

Luisa ist eine schillernde Person, unfassbar, vielgesichtig (um nicht den Ausdruck schizophren zu benutzen, auch wenn er durchaus zutreffend ist). Eine seltsam nach innen gerichtete Person, die ihre Sicht der Dinge permanent über ihre Wahrnehmung spannt und alles ausblendet, was sie nicht braucht. Durchaus ein gesellschaftliches Phänomen, dass sich bis in die Politik und ihre Köpfe zeigt. Sie ist eine vernarbte Person, verwundet von einer Familie, eine Frau, der jedes Mittel genommen ist, um sich wenigstens mit der Vergangenheit zu arrangieren. Alle sind Versehrte. Sie ist weit weg davon, sich helfen zu lassen. Was muss passiert sein, dass Luisa zu einer Verlorenen wurde?
Ja, so kann man es sagen, sie ist wirklich eine Verlorene. Immer schon, wahrscheinlich. Was wird erworben, was vererbt? Auch darum geht es in dem Buch schliesslich. Jakob und sie sind für mich die zwei Seiten einer Medaille. So wenig wie er sich helfen lassen könnte, so wenig kann sie sich helfen lassen, weil sie keine Hilfe benötigt. Das Problem sind immer die anderen, das Gegenüber. Sie sucht ihr Heil in der Zukunft, besser gesagt: im Träumen.

© Sandra Kottonau

Luisas Familie ist ein Trümmerhaufen. Viele Familien sind Trümmerhaufen. Und doch; Trümmerhaufen sind keine Fallgruben. Es gibt Menschen, die aus Trümmerhaufen aufstehen, herausklettern und Berge versetzen. Luisa aber nimmt selbst Katastrophen in Kauf, um die Kulissen für sie ins richtige Licht zu rücken. Man könnte meinen, es gäbe im Kaiser-Mühlecker-Kosmos keine Chance, sich selbst am Schopf zu packen. Wie viel Pessimismus spielt da mit (auch wenn ich glaube, dass ein Biobauer aus Prinzip ein Optimist sein muss.)?
Im Leben bin ich optimistisch, natürlich, so machen die Tage mehr Spass. Ich kenne auch genug Schwarzmaler, und mit denen langweilt mich ein Gespräch schnell. Als Landwirt, aber auch als Schriftsteller benötigt man ein grosses Reservoir an Hoffnung und Zuversicht. Aber zur Frage: Es hat einen ganz eigenen Reiz, «das Unglück, das als Glück gedacht war» (Arnold Stadler) darzustellen. Und sowohl Luisa als auch Jakob, um nur diese beiden herzunehmen, sind auf eine Weise auch Stehauffiguren.

Luisa keht in ihr Dorf zurück. Sie kehrten nach langen Aufenthalten ebenfalls ins Dorf ihrer Eltern zurück und übernahmen einen Hof. Das Motiv des Zurückkehrens ist ein wichtiges in ihren Romanen. Wie weit ist das Schreiben an sich eine Form des Zurückkehrens? Ich kenne Menschen, denen das Reflektieren völlig fremd ist. Luisa reflektiert auch nicht. Wer aber nicht bloss ein Geschichtchen erzählen will, sondern die Welt miteinbinden will, muss unweigerlich reflektieren.
Ja, und man muss sich um die Vergangenheit, das Vergangene kümmern. Das tut Luisa zum Beispiel nicht, auch deshalb ist ihr Schreiben möglicherweise, wenn überhaupt, nur für ein Buch gut. Wir schöpfen aus dem, was war: Was wir gesehen, gehört, gelesen, in irgendeiner Art und Weise erlebt und erfahren haben. Das macht die Menschen aus, und das macht auch die Schriftsteller aus.

Es brennt in ihrem Roman, was man auch metaphorisch verstehen kann. Selbst Luisa brennt von ihrer Idee, Schriftstellerin sein zu wollen (Schon Schriftsteller-sein ist ein Unding, ist doch die Schriftstellerei kein Zustand.) Es brennt auch „unterirdisch“, Mottbrände auf den sonst dunklen Feldern von Familien. Es brennt in der Gesellschaft. Wie weit sind gute Schriftsteller Seismologen?
Ich glaube fest daran, dass in jedem Schreiben die Gegenwart steckt, dass man allem Geschriebenen die Zeit ansieht bzw. ansehen wird, in der es verfasst wurde. Insofern ist es fast überflüssig zu bemerken, dass ich es durchaus als eine Aufgabe von Schriftstellern ansehe, ihre «Zeit aufzuschreiben», wie es bei Hermann Lenz einmal heisst. Wie gut einem das gelingt, kann allerdings immer erst der spätere Blick zeigen.

Reinhard Kaiser-Mühlecker wurde 1982 in Kirchdorf an der Krems geboren und wuchs in Eberstalzell, Oberösterreich, auf. Er studierte in Wien und betreibt eine Landwirtschaft. »Ich sehe es als eine Art Verpflichtung an, die Welt, die ich kenne, erfahrbar zu machen – einem, der sie nicht kennt.« Sein Debütroman »Der lange Gang über die Stationen« erschien 2008, anschliessend die Romane »Magdalenaberg«, »Wiedersehen in Fiumicino«, »Roter Flieder«, »Schwarzer Flieder« sowie »Zeichnungen. Drei Erzählungen«. Der Roman »Fremde Seele, dunkler Wald« stand 2016 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. 2019 erschien der Roman »Enteignung«. Für sein Werk wurde Reinhard Kaiser-Mühlecker mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im Frühjahr 2022 erschien Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman »Wilderer«, der für den Deutschen Buchpreis und den Österreichischen Buchpreis nominiert war und mit dem Bayerischen Buchpreis 2022 ausgezeichnet wurde.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Peter Rigaud

Dave Eggers «Die Augen und das Unmögliche», Atlantis

Gibt es Kinderbücher? Jugendbücher? Wahrscheinlich gibt es Bücher, die explizit für ein Publikum geschrieben sind. Aber manchmal gibt es Bücher, die alle Sprachen sprechen, jene der Kinder, jene Jugendlicher und jene Erwachsener. Bücher wie „Die Augen und das Unmögliche“ von Dave Eggers. Bücher mit scheinbar einfacher Melodie. Mit Zwischen-, Unter- und Obertönen.

Haben sie „Momo“ von Michael Ende gelesen und dabei irgendwann das Gefühl gehabt, sie würden eine Kindergeschichte lesen? Eine einfache Geschichte für einfache Gemüter? „Momo“ spiegelt genauso wie Dave Eggers „Die Augen und das Unmögliche“ die Welt und was passiert. Diese Geschichte ist auch keine Tiergeschichte, auch wenn der Protagonist Johannes ein Hund ist. Ein Hund mit einer Aufgabe, denn in diesem grossen, riesengrossen Park ist Johannes ‚Das Auge‘. Kein Wachhund, aber der Blick fürs Ganze, das Auge für die drei alten, weisen Bisons Freya, Meredith und Samuel, die seit ewigen Zeiten das Sagen über die Geschicke der Tiere haben und stets in ihrem Gehege bleiben, von Wärtern gefüttert.

Dave Eggers «Die Augen und das Unmögliche», Atlantis, 2024, Illustrator Shawn Harris, aus dem amerikanischen Englisch von Ilse Layer, 240 Seiten, CHF ca. 33.00, ISBN 978-3-7152-3013-9

In diesem riesigen Park hat es auch Menschen, mal wenige, mal viele. Solche, die mit Rädern an den Füssen über Wege und Strassen flitzen, manchmal mit eigenartigen Geräuschen aus tragbaren Kisten. Solche, die tanzen. Aber auch solche, die unerklärlichen Lärm verursachen, Dinge zerstören oder Müll zurücklassen. Oder solche in Uniformen. In diesem Park gibt es neben Wegen und Strassen auch Gebäude. Manch eines ist riesig. Und in der Mitte des Parks geschehen seltsame Dinge, denn dort wächst ein riesiges Ding mit nur wenigen Fenstern, das die Tiere im Park verunsichert.

«Lebendig sein heisst, seinen Weg zu gehen.»

Überhaupt scheint im Park eine Zeit des Umbruchs anzubrechen. Der immergleiche Alltag des Parks wird mehr und mehr gestört. Eines Tages stehen rund um das neu entstehende Gebäude Tafeln mit Bildern. Bilder, die Johannes eine Wirklichkeit zeigen, von der er nichts wusste, einer Wirklichkeit, die in über die Massen in Bann zieht, die in so sehr fesselt, dass er nicht einmal merkt, dass er von einem der Menschen gestreichelt wird. Eine Berührung durch dieses Bild und eine Berührung durch diese Hand.

Johannes ist der einzige seiner Art. Es gibt wohl noch andere Hunde, aber diese werden an Leinen von Menschen geführt. Sie sind auch nicht so schnell wie er, denn Johannes ist, wenn er denn will, so schnell wie das Licht. Man achtet Johannes, denn ohne ihn gäbe es ‚Das Auge‘ nicht für die drei alten Bisons. Und ohne Freya, Meredith und Samuel gäbe es die tausendjährige Ordnung nicht.

Doch eines Tages gerät Johannes, erstarrt im Bann jener Bilder vor dem eigenartig grossen Gebäude mitten im Park, in die Fänge von Menschen. Sie packen ihn und zerren ihn in eine metallene Kiste auf Rädern. Nur mit Hilfe seiner vielen Freunde im Park gelingt Johannes die Flucht vor den Dieben. Und weil ihm Gutes getan wurde, weil man ihn unter Aufbietung aller Kräfte rettete, meint auch Johannes etwas Grosses tun zu müssen; Die drei Bisons Freya, Meredith und Samuel sollen frei sein.

In „Die Augen und das Unmögliche“ geschieht das Unmögliche. Es ist eine Geschichte über Freiheit und Mut, über die Grenzen dieser Freiheit und die Kraft der Gemeinschaft. Wie leicht wir uns fesseln lassen, weil wir zu wissen glauben. Dave Eggers Roman ist eine phantastische Parabel über eine Welt, die aus den Fugen gerät. Über die Macht von Bildern, äussere und innere.

Ich bin sicher, dass meine Enkelinnen mir gerne beim Vorlesen zuhören würden. Und ich bin sicher, dass ich dieses Buch immer und immer wieder lieben werde.

Berndt Lindholm, Forest Interior, 1878, Finnische Nationalgalerie, Helsinki, Finnland

PS Die Gemälde in diesem Buch sind klassische Landsachftsgemälde längst verstorbener Künstler. Der Illustrator Shawn Harris malte Johannes den Hund in alle diese Bilder hinein, ohne die Gemälde sonst zu verändern.

Dave Eggers (*1970) ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren. Sein Werk umfasst zahlreiche Bücher für Erwachsene, darunter «Every»,»»Der Circle» und «Ein Hologramm für den König». Ebenso hat er bereits mehrere Bücher für junge Leser*innen geschrieben, darunter «Die Mitternachtstür» und «Her Right Foot» und «What Can a Citizen Do?», die beiden letzteren illustriert von Shawn Harris. Dave Eggers ist Gründer von McSweeney’s, einem unabhängigen Verlag, und Mitbegründer von 826 National, einem Netzwerk von Schreib- und Nachhilfezentren für Jugendliche. Er lebt mit seiner Familie in Nordkalifornien.

Die neun Gemälde in diesem Buch sind klassische Landschaftsgemälde längst verstorbener Künstler. Shawn Harris, mit dem Dave Eggers schon häufig zusammengearbeitet hat, hat Johannes in alle Bilder hineingemalt, ohne sie ansonsten zu verändern. Shawn Harris lebt in Nordkalifornien, wo er auch gerne Songs schreibt, surft und Racquetball spielt.

lse Layer arbeitete nach ihrem Studium zunächst im Kulturbereich und in einem Verlag, bevor sie sich 1991 als Literaturübersetzerin für Spanisch und Englisch selbstständig machte. Sie lebt in Berlin. Für ihre Übersetzungen hat sie diverse Auszeichnungen und Preise erhalten, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Dave Eggers «Die Parade», Rezension auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Brecht van Maele

Zora del Buono – Trägerin des Schweizer Buchpreises 2024 #SchweizerBuchpreis 24/11

Sie hat ihn. Obwohl sie noch eine Stunde zuvor auf einem Sofa gleich neben der Garderobe des Stadttheaters Basel noch meinte, sie würde die Spannung kaum mehr aushalten und sei froh, wenn das Prozedere, das mit der Nomination zum Deutschen Buchpreis begonnen habe, endlich vorbei sei.

Weit gefehlt! Zumindest bricht für sie eine neue Welle über diese Sehnsucht nach Entspannung. Auch wenn der Traum, mit einem Teil des Preisgeldes den Garten in Ordnung bringen zu können, einer Erfüllung nicht mehr quersteht: Interview an Interview, Veranstalter*innen, die sich um sie reissen werden, Fernsehen, Radio. Entwicklungen, die ihr Hund nicht goutieren wird, war es doch schon erstaunlich genug, sie bei der Preisverleihung für einmal nicht mit ihrem treuen Begleiter anzutreffen.

Sie hat ihn. Mit 30000 Franken lässt‘s sich lange frei atmen. Und für alle noch folgenden Bücher wird das Etikett „Trägerin des Schweizer Buchpreises 2024“ nur hilfreich sein. Neben ihr auf dem Sofa sass Jonathan Michael Beck, ihr Verleger aus einem Haus, das seit einem Vierteljahrtausend im Dienste des gedruckten Buches steht und in dessen Ahnengalerie sich die Grossen der Deutschen Literatur reihen. Mit Zora del Buono gesellt  sich eine Autorin mit besonderer Auszeichnung dazu, die nicht nur den Preis redlich verdient, sondern mit ihrer Literatur stets grosse Fragen an das Leben stellt. Fragen, mit denen man sich unweigerlich auseinandersetzt, wenn man es nicht scheut, sich für die Antwort zu bewegen.

„Seinetwegen“ ist Vatersuche, Selbstsuche und gesellschaftliche Auseinandersetzung zugleich. Und „Seinetwegen“ schert sich formal wenig um gängige Muster, ist Notwendigkeit, Leidenschaft und Konfrontation. Keine Streicheleinheit, kein Nachttischenbuch, sondern die Aufforderung, sich mit der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen, nachzufragen, zuzuhören.

Zora del Buono hat erst spät zu schreiben begonnen, erst mit 45, nachdem sie mit dem Meeresbiologen Nikolaus Gelpke die Kultur- und Reisezeitschrift Mare gegründet hatte, ein Heft, das sich bis heute grosser Beliebtheit erfreut, eine Art des Schreibens, die ihr auch bei „Seinetwegen“ zugute kam. Unvergessen ist ihr Buch «Das Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen», ein Buch über die Begegnung mit den ältesten Bäumen rund um die Welt, ein Buch, das bewies, dass Zora del Buono selbst den Bäumen zuhören kann.

Sie hat ihn verdient. So wie ihn alle Nominierten verdient hätten, einhellige Meinung bei allen Befragten an der diesjährigen Preisverleihung. Ein Kompliment an die Jury, die kein einziges Buch in die Shortlist setzte, das für Kopfschütteln und Unverständnis sorgte.

Ich gratuliere Zora del Buono von ganzem Herzen!

Interview

Du mäanderst, Du lauscht allen Stimmen, auch jenen, die Dich nicht zielgenau auf den Punkt bringen. Und Du stellst Dich Fragen, denen sich viele nicht stellen wollen, Fragen gegen das Schweigen. Auch dein letzter Roman „Die Marschallin“ beschäftigt sich mit Deiner Familie, Deiner Herkunft. Es gibt zwei Philosophien, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen. Die eine sagt „Blick nach vorne“, „Bloss keinen Dreck aufwühlen“, „Lass die Vergangenheit ruhen“. Die andere mahnt, dass es keinen klaren Blick nach vorne gibt, wenn das Woher vernebelt ist. Die Politik zeigt uns sehr gut, was mit vernebelten Blicken in die Vergangenheit geschieht. Steckt in Deinem Buch auch ein Stück Mahnung?
Als Mahnung ist es nicht gedacht, höchstens als Mahnung an Autofahrer, verantwortungsvoll zu sein, weil ein Moment der Unaufmerksamkeit viele Leben zerstören oder beenden kann – ein Thema, das in unserer Gesellschaft zu wenig beachtet wird. Das Auto ist eine heilige Kuh. Deswegen habe ich auch Statistiken eingebaut. Aber ja, ich denke, es ist meistens besser, sich dem Vergangenen zu stellen. Allerdings gibt es auch gute Gründe, Dinge ruhen zu lassen, zum Beispiel, wenn sie zu mächtig sind für einen, zu angsteinflössend, einen zu überwölben drohen. Dann kommt vielleicht später der Zeitpunkt, sich ihrer anzunehmen.

Mich erstaunt die Resonanz, die seit dem Erscheinen Deines Romans die Scheinwerfer lenkt. Ist es das Vaterthema? Die Vielfalt an Themen, mit denen Du Dich in Deinem Buch auseinandersetzt?
Das musst du eigentlich die LeserInnen und das Feuilleton fragen. 
Ich denke nicht, dass es das Vaterthema ist, sondern eher die Vielfalt, die daraus folgende Architektur des Textes. Die Konzentration. Die Ehrlichkeit. Und die Dynamik. Es ist ja ein schnelles Buch. Ich versuche, die Leser und Leserinnen mitzunehmen auf meine Reise, lade sie gewissermassen dazu ein, mit mir die Welt zu entdecken, die äussere und die innere, das spüren sie vielleicht. Und es ist versöhnlich (in diesen so unversöhnlichen Zeiten), das haben mir Leute nach der Lektüre geschrieben, tröstlich auch. Es spricht viele Themen an: Verlust, Tod, Alleinsein, Mut, Schuld, Lebenslust, Liebe, Liebe auch zur Landschaft (und zu Hunden), aber auch Dinge wie der Umgang mit demenzkranken Angehörigen und Familie überhaupt. Das sind Themen, die uns alle betreffen, universelle Themen. Da geht es um viel mehr als um meine eigene kleine Biografie. 

Literatur beschäftigt sich immer mit der Frage, dem Thema „Was wäre wenn“. Auch wenn in der Gegenwart das autofiktionale Schreiben die reine Fiktion fast zu verdrängen scheint. So wie in Filmen mit „nach einer wahren Begebenheit“ Sentimentalitäten noch gefühlsschwerer werden. Obwohl Du Dich mit Deiner Geschichte beschäftigst, vermeidest Du alles, was emotional abdriften könnte. Ist dieses „Mäandern“ ein Stilmittel gegen zu viel Emotion?
Sehr schön gesagt. Ich versachliche zu emotionale Themen, zum Beispiel mit der «Liste der eigenen Deformationen». Das wird dann nüchterner. Hätte ich diese Stelle als Fliesstext geschrieben, hätte es ins Weinerliche umschlagen können, ins Sentimentale. So betrachte ich mich von Aussen, nüchtern eben. Ich mag Nüchternheit.

© Zora del Buono

Der „Töter“ Deines Vaters macht im Buch eine erstaunliche Wandlung durch. Nicht er als Person, aber Deine Wahrnehmung, Deine Sicht. War das für Dich im Schreibprozess überraschend? Geschah die Wandlung während des Schreibens oder war sie Teil Deiner Absicht?
Es war für mich die grosse Überraschung. Was ich über ihn rausgefunden habe, hat ihn mir näher gebracht. Ein zeitlebens negativ besetztes Phantom wird im Laufe der Recherche Mensch. Das war bewegend. Auch traurig. Weil ich sah, was die Schuld mit ihm angerichtet hat. 
Es hat sich alles während des Schreibens entwickelt. Drum war das Schreiben auch so schön, weil es für mich selber überraschend war, immer wieder passierten neue Dinge, knüpften sich verblüffende Fäden, geschahen unglaubliche Zufälle, wahrscheinlich, weil ich ganz offen war. Das ganze Buch war ein einziges schnelles Abenteuer. 

Du mischst ganz verschiedene Stilmittel. Manches liest sich wie ein Essay, anderes wie eine Reportage. Man findet Protokolle neben Erinnerungen. Du wolltest nicht in erster Linie die Geschichte Deiner Familie nachzeichnen. Schon gar nicht Verlustschmerz oder den Fall einer fahrlässigen Tötung und deren Auswirkungen beschreiben. War das geplante Absicht oder begann das Buch erst an einem gewissen Punkt Gestalt anzunehmen?
Ich bin eine sprunghafte Person. Diese Textform entspricht meinem Wesen sehr. Ich hüpfe von hier nach da, finde etwas Interessantes, gehe dem nach, kehre wieder zurück und nehme den roten Faden wieder auf, finde wieder etwas Neues, sause hin (auch im wörtlichen Sinn, gehe also raus in die Welt, schaue mir Orte an, rede mit Leuten). So ist auch der Text geworden, das hat sich ganz organisch entwickelt. Zudem liebe ich Bücher mit kurzen Absätzen. Habe ich immer geliebt, das gehört zu meiner literarischen Sozialisation. Das zweite Tagebuch von Max Frisch etwa. Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes oder Träume von Räumen von George Perec. Ich habe sowieso mehrere Seelen in meiner Brust, ich bin Architektin, Redakteurin, Reporterin, Schriftstellerin. Jede von ihnen schaut anders, schreibt anders. Grundsätzlich hat sowieso jede Textform ihre Berechtigung und Schönheit. Und ich konnte einige davon in einem Buch vereinigen, das war herrlich. 

Mit diesem Roman schaust Du in einen Spiegel. Es gibt Menschen, die brauchen den Spiegel bloss, um Pickel auszudrücken oder die Haare zu richten. Die Politik ist voller Menschen, die den Spiegel nur noch für die Frage brauchen „Wer ist die/der Schönste im Land?“. Dein Schreiben ist Selbstreflexion in Reinkultur. War da nie ein bisschen Angst, zu viel preiszugeben?
Doch, natürlich hatte (und habe) ich Angst davor, zu viel preiszugeben. Ich bin sehr nackt in dem Buch. Aber das gehört zum autofiktionalen Schreiben eben dazu. Dass man ein Risiko eingeht.

© Zora del Buono

Zora del Buono, geboren 1962 in Zürich. Studium der Architektur an der ETH Zürich, fünf Jahre Bauleiterin im Nachwende-Berlin. Gründungsmitglied und Kulturredakteurin der Zeitschrift mare. Autorin von Romanen und Reisebüchern.

Zora del Buono „Die Marschallin“, Rezension auf literaturblatt.ch

Zora del Buono «Hinter den Büschen die Hauswand», Rezension auf literaturblatt.ch

Zora del Buono «Death Valley coffee shock», Gastbeitrag auf der Plattform Gegenzauber

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Stefan Bohrer / Illustration © leale.ch

 

 

Wer wird es?- Der Blick in die Glaskugel #SchweizerBuchpreis 24/10

Eine Mehrheit auf der SRF/Kulturseite glaubt, Zora del Buono werde mit „Seinetwegen“ das Rennen um den Schweizer Buchpreis 2024 machen. Dass Michelle Steinbeck mit „Favorita“ dabei ziemlich abgeschlagen auf dem letzten Platz liegt, verwundert mich sehr.

„Mit dem Schweizer Buchpreis SBP zeichnen der Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband SBVV und der Verein LiteraturBasel jährlich das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizer:innen oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autori:nnen aus.
Ziel des SBPs ist es, jährlich fünf herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen und sie in der Schweiz und über die Landesgrenzen hinaus einem breiten Lesepublikum wie auch der internationalen Buchbranche bekannt zu machen“, steht im Reglement des Schweizer Buchpreises.

Mit „Seinetwegen“ von Zora del Buono täte die Jury alles richtig. Ein Buch einer Autorin, die ihr Können schon vielfach bewies. Ein Buch, das einer breiten Öffentlichkeit mit Recht gefällt. Ein Buch, das sogar Wenigleser*innen zur Lektüre verführen kann. Aber auch ein Buch, das die spezielle Aufmerksamkeit längst nicht mehr brauchen würde, war es doch auf allen Kanälen über Monate präsent. Auch wenn ich der Autorin jedes verkaufte Buch gönne, denn jedes verkaufte Buch birgt ein Stück Freiheit. Das geht aber allen Nominierten so.

Einmal mehr entscheidet der Mut der Jury. Verdient hätten es alle fünf Nominierten. Auf die eine oder andere Weise faszinierten sie mich alle, auch wenn „Polifon Pervers“ von Béla Rothenbühler mit Sicherheit am wenigsten mehrheitstauglich wäre. Literatur muss alles andere als mehrheitstauglich sein. Der Schweizer Buchpreis aber sehr wohl, ist er doch nicht zuletzt Werbefläche für den Buchhandel. Nichts interessiert den Buchhandel mehr als grösstmögliche Verkaufszahlen. (Deshalb sollten in der Jury meiner Meinung nach auch bloss Buchhändler*innen agieren. Das wäre ehrlich.)

Mariann Bühlers Aufstieg mit «Verschiebung im Gestein» in den CH-Literaturhimmel war und ist beachtlich und berechtigt. Martin R. Deans Roman «Tabak und Schokolade» ist das Bruderbuch von Zora del Buonos Roman «Seinetwegen» . Michelle Steinbecks „Favorita“ wäre die mutige Wahl. Ein Statement, dass Literatur etwas wagen muss, mehr als nur Offenheit oder Authentizität. Würde die Jury «Favorita» zum besten Buch des Jahres erklären (Was sowieso keines der fünf nominierten Bücher ist, gibt es doch weder klare Kriterien noch einen einheitlichen Geschmack), wäre der Preis eine Anerkennung für den Mut, die Freiheit, die Fantasie, das Unangepasste.

***

Mein Favorit ist «Verschiebung im Gestein» von Mariann Bühler. Ein literarisch wunderbar gelungenes Debüt mit der Geschichte von drei Dorfbewohnern, die eine existentielle Veränderung erfahren und sich neu orientieren müssen. Dies wird durch kluge kurze Texte über Verschiebung im Gestein gespiegelt und atmosphärisch kommentiert. Ich würde diesem Werk die Stimme geben.
«Tabak und Schokolade» von Martin R. Dean ist eine sehr berührende autofiktive Geschichte über Identitätssuche und Ausgrenzung, wir erfahren die Schweizer Kolonialgeschichte aus persönlicher Sicht. Für mich nur wenige Punkte unterhalb von «Verschiebung im Gestein».
«Seinetwegen» hat mich vom Inhalt her nicht so sehr interessiert, obwohl ich die Autorin sehr schätze. Zora del Buono ist sicher auch eine Favoritin für den Buchpreis.

«Polifon pervers» ist im Luzerner Dialekt auch für mich als Luzerner schwierig zu lesen, eigentlich eine Geschichte, die man hören müsste. Vom Inhalt her sehr witzig und cool, eine Kategorie für sich und müsste mit anderen Mundartwerken verglichen werden.
Die ersten paar Seiten von «Favorita» liessen bei mir keine Saiten anklingen. Ich hatte keine Lust, dieses Buch zu lesen. Möglicherweise sieht das die Jury ganz anders!“ Urs Abt, der Bär

Eva Strautmann «Ohne Titel»

Ohne Titel 1

Eisiges Zaudern
im schwergewichtigen Blick hinab in silbernen Boden,
weisse Lava, sprudelnd über Wasser 
oder Stromwellen?
Im Gebirge abhanden gekommen überschäumtes Gesicht
des Schwans, nein der Figur,
stakt vorbei an den Wegen,
an überragenden Gipfeln tosender Stille
und vereinsamt unterhalb der Erde.
Verlorenes Gebirge im Strahl gelblichen Augenblicks
springt über die Ufer unserer Augen,
jagt sich selbst im Schacht
geschusterter Tornister auf dem Rücken
des Unsichtbaren
verloren auf weiter Flur

 

Swan – beautiful, Öl auf Leinwand

 

Ohne Titel 2

Das verborgene Herausragen, 
in der Ferne, 
ein Halm von Grün,
unsichtbar im Sichtbaren 
verloren, begraben, 
im Weitläufigen,  
begrünt im Blumengelb, 
dann wieder flach, 
eben-mässig, 
hochgehoben, auf goldenen Stelzen, 
nein gold schimmernd, 
prächtig im Verborgenen, 
weite Landschaft, 
im See, 
zwischen Fels und Wasser nur ein Streifen 
sprechenden Grüns, 
schreiendem Boden, 
irrend am Singen 
und greifend nach einer Stimme

 

The Dog II, Öl auf Leinwand

 

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © privat

Lukas Hartmann «Martha und die Ihren», Diogenes

«Martha und die Ihrigen» ist Lukas Hartmanns persönlichstes Buch, ein Buch über seine Herkunft. Ein Buch, aus dem viel Dankbarkeit spricht, weil Martha, die Grossmutter von Lukas Hartmann, die einzige Person im Roman, die den wirklichen Namen auch im Buch trägt, mit ihrem kargen Leben alles in den Dienst ihrer Familie steckte. Ein Buch – ein Denkmal.

Lukas Hartmann ist ein Mann der starken Biographien, ob über Le Corbusier und seinen Cousin, den Maler Louis Soutter („Schattentanz“), über Lydia Welti-Escher, die reiche Erbin Alfred Eschers („Ein Bild von Lydia“), über John Webber, einen Schweizer Expeditionsmaler, der 1788/89 an der Seite des Entdeckers James Cook bis „Ans Ende der Meere“ vorstiess oder vor bald einem halben Jahrhundert über den Pädagogen und Schulreformer Heinrich Pestalozzi („Pestalozzis Berg“). Lukas Hartmann ist ein literarisches Urgestein der Schweiz. Wer liest, begegnet ihm immer wieder, ob in Kinder- und Jugendbüchern oder in Romanen, die mit umsichtiger und penibler Recherche Vergangenheiten öffnen, ob an Schullesungen oder in Botanischen Gärten für Erwachsene. Was Lukas Hartmann in seinem künstlerischen Schaffen gelungen ist, ist in der Form nur ihm und Franz Hohler gelungen: Generationen von Fans.

Dass nach einer schwierigen, gesundheitlichen Phase nun zum ersten Mal ein Roman aus seiner Feder erscheint, der sich ganz offensichtlich mit seiner eigenen Herkunft und Geschichte auseinandersetzt, erstaunt nicht. Lukas Hartmann feierte am 29. August seinen 80. Geburtstag. Vielleicht einer der Gründe, warum sich Lukas Hartmann nach fast 50 Romanen für Kinder und Erwachsene mit der Geschichte seiner Familie auseinandersetzt. Aber vielleicht auch, weil die Geschichte seiner eigenen Familie beispielhaft ist für viele Familiengeschichten; Geschichten, die aus Armut, Zwängen und Mühsal in die Freiheiten der modernen Zeit münden, auch wenn diese Freiheiten trügerisch bleiben.

Lukas Hartmann «Martha und die Ihren», Diogenes, 2024, 304 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-257-07273-0

In seinem neusten Roman ist Martha, seine Grossmutter, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Martha wächst auf einem bitterarmen Bauernhof auf, der Vater nach einem Unfall schwach und kränklich, die Mutter stets kurz vor dem Zusammenbruch. Man reisst die Familie amtlich auseinander und verteilt die Kinder als Verdingkinder in alle Richtungen. Martha kommt wieder in eine Bauernfamilie, zeichnet sich als willige und flinke Arbeitskraft aus, selbst dort, wo niemand sonst die Hände schmutzig machen will. Sie glänzt in der Schule, aber niemand hat das Geld, sie länger als notwendig in die Schule gehen zu lassen. Sie schuftet in der Fabrik, heiratet einen Schuhmacher, der aber bald mehr und mehr krank stirbt und sie mit Kindern alleine lässt. Martha lässt sich nicht unterkriegen, tut alles, dass es ihren zwei Söhnen besser als ihr ergeht, heiratet ein zweites Mal und erweist sich als geschickte Geschäftsfrau, auch wenn das Eheglück erneut nicht auf ihrer Seite steht.

Toni, der ältere Sohn von Martha, wird nach den Wirren des Weltkriegs Postbeamter, eine sichere Stelle, heiratet und wird selbst auch Vater zweier Söhne, von denen der ältere, im Buch Bastian, unverkennbar die Züge des Autors hat.

Martha ist genau das, was viele Grossmütter damals waren; aufopfernd, fleissig, anpassungsfähig und zäh. Martha ist weit weg von den Idealen einer modernen Frau, auch wenn nicht einmal ein Jahrhundert dazwischensteht. Ein Leben voller Grenzen, Zwänge und Erwartungen. Ein Leben in Arbeit und Pflicht. So sehr darin trainiert und von Schicksalschlägen gepeitscht, dass selbst in Zeiten, in denen es wirtschaftlich besser geht, über Jahrzehnte Eingefleischtes nicht einfach abgelegt werden kann. Ein Leben in absoluter Disziplin, ohne Ansprüche, schon gar kein Luxus. Liegenbleiben erst, wenn man krank oder ernsthaft verletzt ist.

Toni, ihr Sohn, Bastians Vater, schnuppert in seinem Leben an den Annehmlichkeiten der Moderne, auch wenn ihm das Beispiel seiner Mutter lehrt, dass man es nur unter Aufbietung aller Kräfte zu etwas bringen kann. Toni macht Karriere bei der Post. Aber weil auch ihm seine Gesundheit, die durch masslosen Kräfteverschleiss kontinuierlich schlechter wird, den Lebensabend schwer macht, er sich zerreiben lässt in den Pflichten eines Sohnes, eines Ehemanns und Vaters, wird aus Bastians Elternhaus, wie damals im Haus seiner Mutter Martha, kein Nest. Das Leben ist Kampf.

Was den Roman besonders macht, ist die Sachlichkeit, mit der Lukas Hartmann erzählt. Der Erzählton ist in eine fast trockene Schicksalshaftigkeit getaucht, genau wie die Leben seiner Grossmutter und seines Vaters. Sie hatten nie die Chance einer Wahl. Sie hatten zu funktionieren. Erst seine Generation, erst Bastian, kann sich sein Leben nach eigenen Vorstellungen formen. Nichts nach dem Motto „Früher war alles viel besser“. Die Lektüre dieses Romans macht unsäglich demütig und dankbar.

Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.

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Beitragsbild © Bernard van Dierendonck