Hugo Ramnek, Wolfram Schneider-Lastin Hg. «Am Bahnsteig. Geschichten von Ankunft und Abschied», Rotpunkt

In Bahnhöfen rieche und höre ich, sehe Menschen und ihre unterschiedlichen Erfahrungen von Glück und Pech, Verlust und Hoffnung, schrieb mir der Schriftsteller Waseem Hussain, als ich ihn fragte, was ihn zum Mitschreiben an dieser Sammlung antrieb.

Irgendwann nach Mitternacht, ohne Anschluss, eine improvisierte Übernachtung auf dem Bahnhof oder soviel Geld für ein Taxi, dass man damit zu zweit auswärts essen könnte.
Bei Regen und Sturm irgendwo am Bodensee, gestrandet unter Leuten, die in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Verärgerung an ihren Telefonen herummachen.
Am Gare de l‘est in Paris am Sonntag auf der Rückreise mitten im Streik ohne Informationen, ausgebremst mit der leisen Ahnung, dass sich die nur langsam gewonnene Erholung viel zu früh wieder verflüchtigt.
In freudiger Erwartung, dass sie in wenigen Minuten endlich einem der Züge entsteigen und beginnen würde, wonach ich mich schon so lange sehnte.

Bahnhöfe sind eigenartige Orte, an denen man ankommt, um möglichst schnell wieder zu verschwinden – und wegfährt, weil es sehr oft unvermeidbar ist. Orte des Übergangs, Durchgangs, an denen niemand bleibt, höchstens die dauerhaft Gestrandeten mit ihrem Dosenbier auf dem Abfalleimer und ihren überlauten Gesprächen über alles und nichts. Orte, an denen man manchmal rennt und manchmal stundenlang warten muss.
Bahnhöfe sind aber auch wundersame, mitunter wunderschöne Orte. Dann, wenn etwas vom Stolz jener Zeiten übrig geblieben ist, als die Bahn wie Kim etwas anderes Fortschritt, Innovation und Zukunft verkörperte. Wenn Bahnhofshallen zu Manifestationen werde, zu Toren anderer Welten.

Hugo Ramnek, Wolfram Schneider-Lastin «Am Bahnsteig. Geschichten von Ankunft und Abschied», Rotpunkt, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-3-03973-100-8

Martin R. Dean erzählt in seiner Geschichte von einem Wartenden am Bahnhof in Locarno, einem Sackbahnhof, wo die Geleise enden. Von einem Mann, der auf eine Frau wartet, jene Frau, die gleichzeitig seine grosse Liebe und seine grosse Abwesende war. Deren Leben ein so ganz anderes war als das sein, zwei Leben, die nie zusammenzupassen schienen. Ein Mann, dessen Warten viel mehr ist als bloss Warten. Der dort an Erinnerungen nachhängt, an Versäumtem, an Durchgestandenem, an Zusammensein und Trennung, die wie einem Pendel folgten. «Die Verspätung», ein zarter, durchscheinender Text.

Durch die Erinnerung an Bahnhöfe, wo Teile meiner Geschichte stattgefunden haben. Der Bahnhof Locarno gehört wie der Ort selbst seit über einem halben Jahrhundert zu meiner persönlichen Geschichte. Um den Doppelcharakter literarisch umzusetzen, habe ich dem Bahnhof auch Aspekte des Tartarus gegeben, als Ort, wo sich die Toten einfinden, bevor sie in ihr Reich verschwinden. Martin R. Dean

Wenn aus Siegern Besiegte werden, die aufbauen müssen, was Bomben und Kanonen vorher zerstörten. Wenn aus Besiegten Sieger werden, die den Hass auf all das Verderben, das Töten und Morden nicht so einfach vergessen können. Und doch entsteht da etwas Neues, so wie in «Den Himmel kämmen» von Karl Rühmann mit dem Bahnhof Sarajevo. Wenn aus Gegnern Freunde werden. Nicht weil der eine den andern retten wollte, sondern weil er jenen mit dem Gewehr daran hindern wollte, noch einmal mit dem Töten zu beginnen. Hasan und Max, die sich vierzig Jahre nach diesem einen Schuss noch einmal treffen – auf dem Bahnhofsdach. Karl Rühmann erzählt von einem Ort, der zum Brennpunkt wurde, ein Mischort zwischen Hoffnung und Mahnmal, zwischen Erinnerung und dem Glauben an eine bessere Zukunft.

Ich habe in einer Zeitung gelesen, dass der Bahnhof in Sarajevo zwischen 1948 und 1952 von deutschen Kriegsgefangenen gebaut wurde. Es hiess, man habe ihnen die Freiheit versprochen, sobald der Bahnhof fertiggebaut sei. Der Gedanke hat mich fasziniert: Ein prestigeträchtiges Gebäude, mit einer grossen Symbolik behaftet, wird von Menschen gebaut, die bis gestern Feinde waren. Dann sah ich ein Foto des Bahhofs: Die abgerundeten Trennwände auf dem Dach erinnerten mich stark an einen überdimensionierten Kamm. Danach schrieb sich die Geschichte gewissermassen von alleine. Zumal der Gegensatz zwischen Freund und Feind, Früher und Heute, Hoffnung und Enttäuschung in allen meinen Büchern zu finden ist. Karl Rühmann

Über dreissig AutorInnen und ebenso viele Bahnhöfe. Von Monika Helfer bis Bänz Friedli. Von Wien bis Wellingtonbridge, von Wädenswil bis Mumbai. Lauter Zwischenhalte von Reisen, die nie enden.

Hugo Ramnek, 1960 in Klagenfurt geboren, studierte Germanistik und Anglistik in Wien und Dublin. In Zürich besuchte er die Schauspielschule und unterrichtete am Liceo Artistico. 2012 war er für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert; für seine Romane erhielt er unter anderem zweimal den Literaturpreis der Stadt Zürich sowie den Premio Letterario Internazionale Merano-Europa. Hugo Ramnek lebt in Zürich und Wien und tritt regelmäßig als Leseperformer auf.

Wolfram Schneider-Lastin, 1951 in Schwäbisch Gmünd geboren, studierte nach einer Schauspielausbildung in Stuttgart Geisteswissenschaften an den Universitäten Tübingen, Wien und Rom. 1988 zog er in die Schweiz. Neben zahlreichen Schauspielengagements arbeitete er als Dozent an verschiedenen Schweizer Universitäten. Wolfram Schneider-Lastin ist freier Autor und Herausgeber von wissenschaftlichen und belletristischen Publikationen. Er lebt in Zürich. 

Beitragsbild © privat

Wolfram Schneider-Lastin (Hrsg.) «Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Grosseltern», Rotpunktverlag

30 Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, Deutschland und Österreich erzählen von ihren Grosseltern, Geschichten bis nach Italien, Frankreich, Polen, Tschechien, Ungarn, der Ukraine, Israel, Pakistan und der DDR. Geschichten von Berührten, Geschichten, die berühren.

Auf einem meiner Regale steht ein eingerahmtes, sepiafarbenes Foto. Ein Mann in Anzug und Kravatte sitzt in einem Korbstuhl neben einem Tischchen mit Spitzendecke. Mein Grossvater. Er war Tischler, Schreiner. Auf dem Foto hatte er etwas zu repräsentieren. Dazu gehören wohl auch die Bücher auf der Ablage unter dem Tischchen und das offene Buch mit Stift auf dem weissen Tischtuch. Mein Grossvater starb, als ich ein Jahr alt war. Meine Mutter erzählt, er habe mich, schon gezeichnet von seiner Krankheit, noch in Händen gehalten. Er wurde nicht alt, aber von meinem Grossvater gibt er Zeugnisse, die noch immer an den Wänden im Haus meiner Mutter und meiner Tante hängen; Aquarelle und Ölbilder, von naturalistisch bis abstrakt. Mein Grossvater war begabt und hätte sich wohl viel lieber als Künstler gesehen, statt als Handwerker, der nur mit grösster Anstrengung dem nachgehen konnte, was seiner Leidenschaft entsprach. Aus Geldknappheit und weil meine Grossmutter wohl alles andere als glücklich darüber war, dass ihr Gemahl Geld für Ölfarben ausgab, bemalte er seine Leinwände gar beidseitig, sodass man sich später, als man dann doch das eine oder andere Bild einrahmte, stets für das eine oder andere entscheiden musste, im Wissen darum, dass das verborgene Bild Schaden nehmen würde. Die Begabung meines Grossvaters setzte sich in meiner Mutter, die auch heute noch mit über achtzig malt, meinem Bruder, der in Zürich seit Jahrzehnten ein Atelier führt und meinen Kindern fort. Eine Begabung, die mich stets in die Nähe der Kunst führte, gepaart mit dem ewigen Zweifel, der mit Sicherheit auch meinen Grossvater begleitete, denn nach seinem Tod sah man an den Wänden meiner zur Witwe gewordenen und wieder verheirateten Grossmutter nie ein gemaltes Bild meines Grossvaters. 

«Schon lange wollte ich meine Beziehung zu meinem Grossvater in einer Erzählung festhalten. Mir war klar, dass mir das einiges abfordern würde. Vielleicht hatte ich sie deshalb noch nicht zu Papier gebracht, als die Einladung mit der Frage kam, ob ich einen Text beisteuern möchte für ein Grosseltern-Buch. Ja, natürlich, das war mein erster Gedanke. Und doch zögerte ich ein paar Wochen lang, bevor ich zusagen konnte, denn ich wusste: Über meinen Grossvater schreiben bedeutet über mich schreiben. Und das heisst: rausrücken mit dem, was ich für sehr privat halte. Das war und ist schwierig für mich, denn ich leide durchaus nicht unter Bekenntiszwängen. Nun bin ich aber überglücklich, es gewagt zu haben, über diese Geschichte entspannen sich neue Beziehungen, auch in der Familie, ich stehe neu mit zwei Cousins in intensivem Kontakt, ich erfuhr so viel mehr über meinen Grossvater und meine Herkunft. Die Geschichte ist noch lange nicht auserzählt. Und nicht zuletzt: Die Geschichte meines Grossvaters verbindet sich mit allen Geschichten und mit allen Grosseltern im Buch. Und auch die Autorinnen und Autoren haben – so behaupte ich – einen neuen und vertieften Zugang zueinander. Das hat grosse poetische Kraft.» Romana Ganzoni

Wolfram Schneider-Lastin «Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Großeltern», Rotpunkt, 2024, 256 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03973-039-1

Vielleicht ist genau das die grosse Tür, die sich auftut, wenn man die Geschichtensammlung „Fragen hätte ich noch“ liest. Das Buch lädt ein, sich mit den eigenen Grosseltern zu befassen, sich zu fragen, was denn an Erinnerungen, an Wissen, an Persönlichem noch da ist. Wer sich nicht aktiv mit seinem Stammbaum, seiner Herkunft befasst, weiss vielleicht nur wenig, vor allem von dem, was Fotografien nicht erzählen. Urgrosselten und ihre Vorfahren verschwinden im Vergessen. So wie die meisten von uns in 100 Jahren vergessen sein werden. Meine Mutter ist weit über achzig. Wenn ich sie noch einmal fragen möchte, dann wäre es jetzt an der Zeit. Wer war meine Grossmutter? Warum habe ich von ihr ein derart nüchternes Bild? Warum empfinde ich meinem Grossvater gegenüber derart viel Wärme und Sympathie, obwohl ich ihn nie wirklich erleben konnte.

«Einige der Geschichten im Buch rufen in Erinnerung, dass Europa in der Weltgeschichte eine ebenso verdienstvolle wie zerstörerische Rolle spielt. Von hier gingen ja auch vielfältige Brutalitäten aus, die sich vor, während und nach den beiden Weltkriegen zugetragen haben, etwa die Gründung der Staaten Israel, Indien und Pakistan, oder die Zerstückelung ganzer Kontinente. Die meisten meiner Vorfahren – aber nicht alle von ihnen – entkamen der Vergewaltigung, Enteignung und Entwurzelung durch die europäischen Kolonialmächte. Durch eine postkoloniale Fügung des Schicksals bin ich in der Schweiz aufgewachsen: Mein Vater war Bankier.» Waseem Hussain

Wolfram Schneider-Lastin, der Herausgeber und Mitverfasser des Buches, schildert in seinem knappen Vorwort die Entstehungsgeschichte des Buches, wie er während der Pandemie begann, die Geschichte seiner Grossväter aufzuschreiben, sie an Freunde weitergab und Lektüre und Reaktionen eine wahre Welle auslösten. Entstanden ist eine erstaunliche Sammlung von Geschichten, von Frauen und Männern im 20. Jahrhundert, die sich ganz verschieden durch ein Jahrhundert der Kriege und Umwälzungen stemmten. Geschichten von Liebe und Hass, von Ernüchterung und Enttäuschungen, vom grossen Schweigen und dunklen Geheimnissen, von tiefer Verbundenheit und schmerzhaftem Ekel.

«Dass sich meine Grosseltern krumm und bucklig gearbeitet haben, dass vor lauter Arbeit kein Denken möglich war, das kam nochmals stärker durch. Und ist damit übertragbar auf Menschen, die eben am Rand und «unten» wie blöd und hart arbeiten, dass nichts anderes mehr möglich ist. (s.a. «Jahrhundertsommer»). Und – das ist mir im Vergleich mit den anderen Geschichten aufgefallen – dass es von meiner Oma nur überhaupt zwei Fotos gibt, denn niemand hatte einen Fotoapparat und auch keine Zeit für so etwas, dass sie auch kein Auto hatten, vor dem man sich hätte fotografieren lassen können, dass sie auch nie in Urlaub fahren konnten, von dem es Fotos hätte geben können, dass sie arm waren, ohne dass sie je von sich gedacht hatten, arm zu sein. (Und meine andere Seite der Familie war noch sehr viel ärmer.) D.h. die Klassenfrage, die Frage nach der Herkunft, drängt bei jedem weiteren Schreiben und im Alter immer stärker durch.» Alice Grünfelder

Ein wunderbares Buch, eine Einladung, ein Zeitdokument.

Wolfram Schneider-Lastin, geboren 1951 in Schwäbisch Gmünd, studierte Schauspiel, Germanistik, Geschichte, Altphilologie und Kunstgeschichte an den Hochschulen Stuttgart, Tübingen, Wien und Rom. Seit 1988 lebt er in der Schweiz, wo er seine wissenschaftliche Karriere – nach der Promotion über Johann von Staupitz – an verschiedenen Universitäten und als Redakteur der Zeitschrift Librarium fortsetzte. Als Schauspieler hat er sich vor allem mit literarischen Lesungen einen Namen gemacht.

Die Autorinnen und Autoren: Fabio Andina (CH), Esther Banz (CH), Nelio Biedermann (CH), Sabine Bierich (D/CH), Zora del Buono (CH/D), Alex Capus (CH), Verena Dolovai (A), Daniela Engist (D), Oded Fluss (ISR/CH), Romana Ganzoni (CH), Roswitha Gassmann (CH), Alice Grünfelder (D/CH), Gottfried Hornberger (D), Waseem Hussain (PAK/CH), Markus Knapp (D), Andreas Kossert (D), Martin Kunz (CH), Hanspeter Müller-Drossaart (CH), Christa Prameshuber (A/CH), Helmut Puff (D/USA), Klemens Renoldner (A), Christian Ruch (D/CH), Ariela Sarbacher (CH), Thomas Sarbacher (D/CH), Herrad Schenk (D), Gerrit Schneider-Lastin (DDR/CH), Wolfram Schneider-Lastin (D/CH), André Seidenberg (CH), Ruth Werfel (CH), Anke Winter (D/CH)

«Ich wundere mich über die historische Amnesie in Jurys, Feuilletons, sogenannten Kulturkreisen, wie wenig von diesem Wissen vorhanden ist, wie wenig diese Leute in diesen Bubbles selbst von anderen Kreisen wissen, in denen sie sich nicht bewegen, wie viel für «alt» gehalten wird und noch lange nicht überwunden ist – und wie viel Kraft es kostet, diese Vergangenheit und auch Krisen anderswo wieder und wieder gegen den Mainstream in Erinnerung zu rufen.» Alice Grünfelder

Illustration © Hannes Binder