Ruth Geiser «Stehvermögen» – Scheinheilig 4/7

Lukas trottete durch den nassen Schnee zur Schule. Schon durchlöcherten fette Tropfen den frisch gefallenen Schnee.
Lukas hatte ein flaues Gefühl. Mathematik stand zuerst an.
Letzte Nacht hatte er von einem Lager geträumt, in dem Menschen mit mathematischen Formeln gefoltert wurden.
Das milde Lächeln auf den Lippen des Mathelehrers, als er Lukas den Test zurückgab, liess nichts Gutes ahnen. Ohne das Resultat anzuschauen, stopfte Lukas die Klassenarbeit in die Mappe und beugte sich wieder über sein Heft.

Am Mittagstisch sagte Mutter mit faltiger Stirn zu ihm: „Wir müsssen reden!“ Lukas duckte sich über den Teller. Bestimmt wollte sie wissen, was er in Mathe geschrieben hatte.
Sein Brustraum wurde freier, als sie sagte: „Du musst heute unbedingt aufräumen. Wie dein Zimmer aussieht, ist mir egal, aber im Wohnzimmer und auf der Treppe möchte ich mit der Weihnachtsdeko beginnen, und ich will nicht erst deinen Mist wegräumen.“
„So, so, wenn ich etwas hinlege, ist es Mist und wenn du dasselbe tust heisst es Deko!“ sagte Lukas und fühlte sich schlagfertig. Aber im Grunde freute er sich auf Weihnachten mit allem, was dazugehörte.

Lukas konnte stundenlang auf dem Teppich liegen, einer Figur nachsinnen und davon träumen, wie sie sich durch die Welt schlug. Früher mochte das einer seiner Zinnsoldaten sein oder Superman persönlich. Heute suchte er sich erwachsenere Figuren im Internet oder in einer Zeitschrift aus.

Und plötzlich kam ihm Josef in den Sinn und blieb, ja der Josef von der Krippe. Lukas wollte ihn verscheuchen. Biblische Figuren mit ihren Problemen und Sorgen, das war ihm nicht geheuer.
Aber Josef war nicht wegzudenken, er blieb und stellte sich, soweit es seine wallende Kleidung erlaubte, breitbeinig auf und fiel in eine Klage.
„Ich weiss nicht, warum ich hier mit von der Partie bin. Maria hat jetzt dieses Kind auf die Welt gebracht. Vorher wäre es ein starkes Stück gewesen, sie zu verlassen.
Aber jetzt ist das Baby da, dessen Vater ich nicht sein kann und alle behandeln mich so höflich und betonen, was für ein grossmütiger Mensch ich sei. Aber hinterrücks reissen sie Witze und lachen über mich: „Ein Kuckuckskind! Und dieser Josef tut so als ob es sein Augapfel wäre!“
Meine Nächte werden in Stücke gerissen durch Geplärre und überall ist dieser Gestank der schmutzigen Windeln.

Tagsüber dauernd Besuch und Jesus hier und Maria dort. Ich weiss nicht, Lukas, ist dir schon mal aufgefallen, Maria sitzt neben der Krippe, das Jesuskind liegt im warmen Heu, die Schafe ruhen überall mit angezogenen Beinchen. Nur ich stehe und stehe und stehe mir die Füsse wund!
Zum Glück habe ich meinen Stab, an dem ich mich aufrecht halten kann. Aber auch der bietet mir keine Sitzgelegenheit. Gestern, wie ich so übermüdet an ihm hänge, fiel mir noch etwas auf, Lukas! Ich bin der Einzige in meiner Familie, der nicht heilig ist!

Wenn ich ein bisschen mehr Energie hätte, würde ich mich aufmachen und unverzüglich in meine Zimmerei zurückkehren.“
Lukas glaubte sich zu erinnern, dass der Josef der Krippe, die an Weihnachten unter dem Baum stand, sehr wohl einen Heiligenschein hatte, aber er mochte dem klagenden Josef nicht widersprechen. Nicht, bevor er die Sache gegoogelt hatte.
Google wusste es natürlich.

Josef wurde nie offiziell heilig gesprochen, aber im Jahr 1870, als das Bewusstsein der Arbeiterschaft erwachte, machte auch der Vatikan sich Gedanken über die wachsende Bedeutung dieser Schicht. Arbeiter waren in der Heiligen Schrift rar. Das machte die Geistlichkeit ratlos. Schliesslich wurde dem Papst zugetragen, dass Josef ein Zimmermann und damit ein Arbeiter war!
Er wurde stracks zum Schutzpatron der Gesamtkirche gemacht und von diesem Zeitpunkt an, wurde er konsequent „der heilige Josef“ genannt.

Für Lukas gestaltete sich diese Sachlage schwierig. Wie sollte er Josef Trost zusprechen, wenn er tatsächlich tausendachthundertsiebzig Jahre auf eine angemessene Stellung hatte warten müssen und diese ihm auch nur gewährt wurde, weil die Zeichen der Zeit dazu drängten?

Bei ihrem nächsten vertraulichen Treffen informierte ihn Lukas Google gemäss über den Stand seiner Heiligkeit.
Er vermied es allerdings eine Jahreszahl zu erwähnen.
Josef runzelte die Stirne und schaute Lukas mitten ins Gesicht.
„Lukas, ich weiss, du stehst mit Mathe auf Kriegsfuss, aber du darfst die Zahlen nicht dermassen vernachlässigen!“
Lukas wurde bleich. Er fühlte sich ertappt. Trotzig erwiderte er: „Ich versuche dich zu trösten und du erinnerst mich skrupellos an meine grösste Schwäche.“
Josef lächelte. „Deine grösste Schwäche ist nicht die Mathematik, sondern, dass du dem Leben nicht vertraust.
Du bist ein toller Junge und solltest der Realität ins Auge schauen. Mathe, Zahlen und Prüfungen gehören dazu.
Von meinem Beruf weiss ich, dass Zahlen eine Schönheit haben. Sie sind für die Anmut der Bauten verantwortlich und machen die Musik unseres Universums.“

Während Lukas am nächsten Tag an seinen Hausaufgaben sass und es ganz zufällig Matheaufgaben waren, musste er an Josefs Lob der Zahlen denken und er versuchte etwas von ihrer Schönheit zu erhaschen.
Endlich fand er den Mut, sich mit der Note unter seiner letzten Arbeit zu konfrontieren.
Es war eine 4, das war keine gute Note, aber Lukas hatte Schlimmeres erwartet und war erleichtert.

Heiligabend!

Der Baum war geschmückt, die Krippe ausgepackt und arrangiert, da ging ein Schrei durch die Wohnung. Er kam aus dem Wohnzimmer, wo Mutter mit hängenden Armen stand.
„Was ist los?“
„Josef fehlt!“
„Mach dir keine Gedanken!“ sagte Lukas. „Er wird an seiner Arbeit in der Zimmerei sein.“
Mutter schaute Vater mit einem schiefen Lächeln an und rollte ihre Augen.
Beim Essen piekste Lukas etwas in sein linkes Bein.
Er entschuldigte sich, ging aufs Klo und fand dort, er hatte es geahnt, Josef in seiner Hosentasche. Sein Stab hatte ihn ins Bein gestochen.

„Was machst du hier?“
„Ich brauchte eine Auszeit.“
„Wo ist dein Heiligenschein?“
„Ich musste daran denken, was ich dir gesagt hatte, von wegen der Realität ins Auge schauen und ging dann zu einem Schweisser, der schweisste ihn weg“
„Warum wolltest du ihn loswerden?“

„Ach Lukas, ich dachte mir :
Ohne Heiligenschein bin ich wenigstens kein Scheinheiliger!“

Lukas hielt seine beiden Hände offen wie eine Schale, so trug er Josef ins Wohnzimmer, stellte ihn in die Krippe neben das Jesuskind zwinkerte ihm zu und sagte zu seinen Eltern: „Ich habe Josef auf dem Flur getroffen, er hatte sich eine Auszeit genommen.“

Ruth Geiser, 1956, Ausbildung zur Primarschullehrerin, ab 1983 Studium an der Universität Zürich, 1984 Diagnose Parkinson, 1989 Abschluss in Geschichte, Anglistik und Europäische Volksliteratur, 2005 Aufgabe der Berufstätigkeit aus gesundheitlichen Gründen. Sie schreibt Gedichte, Kurzgeschichten, sowie autobiografische Texte.

Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.

Beitragsbild © leale.ch

Michael Georg Bregel «Raunacht», Lyrik Edition Neun

Da rüttelt es manchmal ganz ordentlich an den Fensterläden, wenn Winterstürme übers Land ziehen, wenn nachts Geräusche ums Haus zu hören sind, die glauben machen, es lasse jemand seinen Zorn übers Land, wehre sich mit allen Mitteln, dass das alte Jahr zur Neige geht, man sich dem Neuen zuwendet in der Zeitenwende.

Raunächte feiert man nicht, sie geschehen. Ich erinnere mich an eisig kalte Winterstürme am See, die Büsche und Gräser in Wassernähe in durchscheinende Geistwesen verwandelten, Geister, die die Haut peitschten und das Atmen schwer machten.

Dass aber genau diese Zeit zu einem Spaziergang einladen kann, dafür sorgt der Gedichtband „Raunacht“ von Michael Georg Bregel mit Grafiken von Steffen Büchner. Ein Spaziergang hinein ins Land. Zwiegespräche mit sich selbst, der Landschaft, dem Himmel, dem Boden, den man nie verlässt. Zwiegespräche mit den Bildern, die man mit sich trägt.

Abend        (ein erster Teil, Anmerkung)

abends gehe ich aufs feld
knie nieder lege mich
in die furche drücke
mein gesicht in die
schwarze erde

abends gehe ich aufs feld
krümme bücke mich
hebe ein korn auf frage
bist du die saat von morgen
oder die hoffnung von gestern

abends gehe ich aufs feld
pflüge ziehe mein
drittes bein hinter mir her
pflanze meine schritte
als ernte für den wind

 

Michael Georg Bregel «Raunacht», Edition Lyrik Neun, illustriert von Steffen Büchner, 2024, 32 Seiten, CHF ca. 10.00, ISBN 978-3-948999-36-0

Gedichte, die sich manchmal wie Liedtexte lesen, die mit lautem Lesen Farbe bekommen. Unspektakuläre Empfindungen, Gewöhnliches, das durch Sprache aus dem Grau des Alltäglichen gehoben wird. Texte, die sich wie warme Decken über mich legen, genau das, was ich in Raunächten herbeisehne. Betrachtungen in den Abend, in die Nacht hinein, die sich beinah wie Gebete lesen.
Ein Spaziergang durch eine Nacht bis ins Dämmern des Morgens hinein. Bis man wieder in die warme Stube zurückkehrt und das Erlebte, die Geschichten zu „Buchstabenstaub“ zerfallen, all die geisterhaften Gesichter, die einem im Halbdunkel zweifeln lassen.

 

rot und roh und weit
weit weg wie deine wärme
vor der langen nacht

vergeblich versucht
irgendetwas zu fühlen
die finger verbrannt

licht in den augen
die sonne steht tief es ist
dunkler als du denkst

„Raunacht“ ist genau das Richtige für die Tasche im Mantel über dem Herz. Für die Wege, die im Licht für Augenblicke Zeit lassen, sich durch Sprache verführen zu lassen.

„Raunacht“ ist Band 36 einer ehrgeizigen Reihe in der Lyrik Edition NEUN. Von jedem dieser Bände erscheint neben der offiziellen eine auf 9 Bücher limitierte, nummerierte und signierte Hardcover-Ausgabe, der ein signierter Original-Linolschnitt von Steffen Büchner beiliegt. Diese Ausgaben kosten 33 Euro und sind nur über den Verlag zu beziehen.

 

komm regen
gib mir
gib mehr
ich lege
den kopf
in den
nacken ich
lasse die
augen weit
offen ich
sehe dir
entgegen ich
mache dich
mir zueigen
du willst
tropfen sein
auf meiner
haut willst
pfützen auf
meiner stirn
ich mache
dich zur
ersten welle
des ozeans
meiner nacht

 

Michael Georg Bregel, geb. 1971 in München, lebt in Berlin. Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Diplom-Politologe. War Redakteur bei Radio Mainwelle, Bayreuth und bei der Berliner Morgenpost. Seit 2005 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler. Übersetzt vorwiegend Comics für verschiedene große Verlage. Seine künstlerische Arbeit, hauptsächlich Fotografie, Sieb- und Stempeldrucke sowie experimentelle Videos war und ist in Ausstellungen, Museen und Kinos zu sehen. Texte und Bilder in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, mehrere Herausgeberschaften. 

Steffen Büchner, geb. 1963 in Dessau, Grafik-Veröffentlichungen in Künstlerbüchern der Corvinus Presse sowie in mehreren Ausgaben „Body & Soul“. Seit 2021 Illustrationen für die Lyrik-Edition NEUN, einer Lyrik-Reihe des Verlags der 9 Reiche, Berlin. Außerdem mehrere Veröffentlichungen in „el mail Tao — International Journal on Mail-Art-History today“ von Karl-Friedrich Hacker u.a.

Daniel Zahno «Der Reißverschluss» – Scheinheilig 3/7

Es war immer dasselbe: Das Futter der Jacke geriet in den Reißverschluss, und der ging nicht mehr hoch noch runter. Das Problem hatte er bei verschiedenen Jacken, bei der grünen Übergangsjacke war es jedoch besonders schlimm. Er wollte an der Kasse bezahlen, das Portemonnaie steckte in der Jackentasche, der Reißverschluss klemmte, und er stand dumm da. Verzweifelt versuchte er, das Futter aus dem Schieber zu fummeln, in dem es sich derart verfangen hatte, dass die winzigen Zähnchen blockiert waren. Aber er konnte zerren und ziehen wie er wollte, das Futter kam nicht heraus. Entschuldigend lächelte er der Kassiererin zu, während die Schlange hinter ihm länger und länger wurde. Betreten wich er zur Seite zu einem Weihnachtsstern und ließ die hinter ihm Stehenden vor. Er zog die Jacke aus, um besser am Reißverschluss nesteln zu können, doch der bewegte sich keinen Millimeter. Das Futter war im kleinen Spalt zwischen Ober- und Unterteil des Schiebers gefangen. Wenn er zu fest riss, machte er die Jacke kaputt, wenn er zu wenig zog, tat sich nichts. Eine gutaussehende Frau trat auf ihn zu und fragte, ob sie ihm helfen könne. Sie war ihm bei den Geschenkkörben schon aufgefallen, sie hatte ihn mit warmen Pastaaugen angesehen. Verlegen nickte er und sagte, der Zipper sei eingeklemmt. Er reichte ihr die Jacke, deren Futter sie mit einem einzigen geschickten Griff löste, so dass sich der Reißverschluss ritsch ratsch öffnete. Sie schenkte ihm ein schönes Lächeln. Er war überwältigt, nicht vom Reißverschluss. Zu dem Trick griff er, wenn er jemanden kennenlernen wollte und es ihm an dem mangelte, was Frauen so perfekt beherrschten: zipper control.

Daniel Zahno, 1963 , lebte zehn Jahre in New York. Clemens-Brentano-Preis, Preis der deutschen Wirtschaft, Freiburger Literaturpreis. Stipendiat Ledig House New York, Writer-in-Residence Deutsches Haus New York University, Stipendiat Istituto Svizzero Venedig. Zuletzt erschienen: «Mama Mafia», «Manhattan Rose», «Die Geliebte des Gelatiere». Arbeitet an den Prosa-Miniaturen «Sinfonie der Flöhe».

Webseite des Autors

Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.

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Shukri Al Rayyan «Nacht in Damaskus», edition bücherlese

Baschar al-Assad ist gestürzt und nach Moskau geflohen. In Syrien jubeln die Menschen und hoffen auf ein Leben in Freiheit. Die ganze Welt sorgt sich: Ist die Nacht in Damaskus vorbei? «Nacht in Damaskus» von Shukri Al Rayyan ist ein Buch, das nachdenklich stimmt und aufwühlt.

Gastbeitrag von Urs Abt

Durch die aktuellen Ereignisse wird dieser Roman hochaktuell, indem er einzigartig aufzeigt, welches Schreckensregime in Damaskus herrschte und nun hoffentlich zu Ende geht. Es ist keine demokratische, sondern eine militärische Revolution mit ungewisser Zukunft, bisher aber ohne grosses Blutvergiessen. Mit diesem Buch fühle ich mich mitten im Geschehen, fiebere mit und stelle mir vor, was diese Ereignisse für die verschiedenen Protagonisten des Buches bedeuten.

Manuskriptbeginn

«Nacht in Damaskus» ist ein Buch ohne Orient-Romantik, sondern voll bitterer Realität. Auf den verschlungenen Wegen des Romans begegnen wir bei jeder neuen Wendung dem wahren Schuldigen, den Verhältnissen, die das tyrannische Regime der Assad-Familie zu verantworten hat, in dem Syrer entweder zu Kriminellen oder zu Opfern gemacht wurden. (aus dem Vorwort des Autors)

Shukri Al Rayyan «Nacht in Damaskus», edition büchlerlese, aus dem Arabischen von Kerstin Wilsch, 2024, 200 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-906907-91-8

Der 2014 aus Syrien in die Schweiz geflohene Schriftsteller Shukri Al Rayyan bringt uns die beklemmende Atmosphäre in Damaskus im Jahr 2011 anschaulich und vielschichtig näher. Die Geschichte des jungen Ingenieurs Dschawad und der schönen, ambitionierten Lamis wird mit vielen Nebenfiguren bereichert. Als roter Faden steht ein Geld-Diebstahl von Dschawad im Zentrum. Zufällig findet er den unbeliebten Chef in seinem Büro tot auf, daneben ein Sack mit einem Haufen Geldnoten, den er zu sich nimmt. Bald verschwindet aber das Geldpacket. Die Beziehung des frisch verliebten Paars Dschawad und Lamis wird auf die Probe gestellt, die Beamten von Polizei und Geheimdienst versuchen ihrerseits ihr Glück, ans Geld heranzukommen.

Ist es ein Liebesroman? Ist es ein Krimi? Wer ist Opfer, wer Täter? Der Autor macht es mir nicht leicht. Es ist schwierig, sich mit einem Helden, einer Heldin zu identifizieren. Die Hauptrolle spiegeln die Verhältnisse, da auch die Liebe zwischen Dschawad und Lamis (er Sunnit, sie Alawitin) durch Misstrauen und Hass gefährdet ist und erst durch eine Flucht etwas Hoffnung aufkommt. Das Klima der Angst und Verunsicherung beherrscht sowohl Opfer wie auch Polizei und Geheimdienst.

Die politischen Ereignisse von 2011 mit der blutigen Niederschlagung des «Arabischen Frühlings» durch Truppen des Diktators verursacht Angst und Schrecken. Aufmüpfige werden gnadenlos gefoltert und ins Gefängnis geworfen. Jedermann ist sich selbst der Nächste. Die multiethnische Bevölkerung ist gespalten. Angst und Misstrauen beherrscht die Bevölkerung. Die Minderheit der Alawiten (wie Assad) besetzen die Ämter der Regierung, die Mehrheit der Bevölkerung sind Sunniten. Politische und religiöse Unterschiede bestimmen entscheidend das Leben der Menschen in Syrien.

Das Leben ist sehr grosszügig und verteilt immer wieder neue Chancen. Das Problem liegt allerdings bei jenen, denen sie geboten werden. Erkennen sie die Chance? Oder meinen sie, es handle sich lediglich um den Versuch, einem toten Körper Leben einzuhauchen?

Die gesamte Welt hat in den letzten Jahren in Syrien den Einsturz ganzer Gebäude, Viertel und Städte miterlebt. Dabei war dies bloss die skandalöse Offenbarung dessen, was bereits seit Jahrzehnten im Verborgenen geschah. Innerhalb kürzester Zeit hatte in den 1980er-Jahren ein Niedergang eingesetzt, ein lautloser unsichtbarer Horror. Nicht auf die Gebäude hatte man es abgesehen, nicht auf Steine, sondern auf die Menschen. Niemand weiss, welcher Groll und welcher Hass einen einzigen Mann dazu brachten, ein Land mit einer mehrere Tausend Jahre alten Kultur innerhalb weniger Jahrzehnte so zuzurichten.

Es gibt vielerlei Arten von Bestien. Nach landläufiger Meinung sind Bestien gross und hässlich, geben ein donnerndes Gebrüll von sich und stinken. Doch das ist eine voreilige Meinung. Man erkennt Bestien nämlich weniger an ihrer Grösse als vielmehr an ihren Handlungen. Genau genommen muss man sich nur ansehen, wie gross der Schaden ist, den sie jemandem zufügen.

Hoffentlich gelingt Syrien der schwierige Weg in die Freiheit. Die Lektüre dieses Buches ist sehr empfehlenswert und ich wünsche mir weitere Übersetzungen ins Deutsche von Shukri Rayyan.

Shukri Al Rayyan, 1962 in Damaskus geboren, verbrachte den längsten Teil seines Lebens unter der Herrschaft der Assad-Dynastie, was vor allem bedeutete: Zu überleben. Nach einem Maschinenbaustudium an der Universität Damaskus arbeitete er für verschiedene Verlage, als Autor und Drehbuchautor für Kinderbücher und Fernsehprogramme und schließlich als TV-Produzent. Shukri Al Rayyan floh 2014 mit seiner Familie aus Syrien in die Schweiz. Im Gepäck hatte er den Entwurf zu einem Roman, an dem er seit dem Ausbruch der syrischen Revolution im Jahr 2011 arbeitete. «Nacht in Damaskus» ist das erste ins Deutsche übertragene Werk des Autors, der auch unter weiterschreibenschweiz.jetzt, dem Portal für Exil-Autorinnen, publiziert. Heute lebt Shukri al Rayyan mit seiner Familie in Burgdorf bei Bern.

Kerstin Wilsch hat Übersetzen und Dolmetschen für Arabisch und Englisch in Leipzig und Deutsch als Fremdsprache in Berlin studiert. Sie lebt seit vielen Jahren im Ausland (UK, Marokko, Ägypten, Jordanien), wo sie u.a. zwei Übersetzerstudiengänge aufgebaut sowie Deutsch und Arabisch als Fremdsprachen unterrichtet hat. Zurzeit leitet sie ein Auslandsstudienprogramm für Studierende aus den USA in Amman/ Jordanien und ist zudem als Übersetzerin und Übersetzungslektorin für arabische Literatur tätig.

Foto © Ayse Yavas

Katharina Michel-Nüssli «Grossmutters Ikone» – Scheinheilig 2/7

Ein Heiligenbild baumelte an der Innenseite der Toilettentür. Jedes Mal, wenn sie geöffnet oder geschlossen wurde, schlug das Bild mit einem trockenen Ton, Holz gegen Holz, unregelmässig klopfend an die Tür und verkündete so Kommen und Gehen der verschiedenen Hausbewohner. Die Ikone stammte aus Grossmutters Familienerbe; ihre Eltern waren aus Italien eingewandert und katholisch. Ihr Ehemann hingegen war protestantisch und ein Handwerker mit Sinn für Realismus. Er hielt nichts von diesem Götzenkult, wie er es nannte, darum musste die Muttergottes mit ihrem goldenen Heiligenschein ihr Dasein als Randexistenz fristen. Spöttisch meinte Grossvater, das Bild helfe ihm beim Scheissen. Grossmutter nahm es gelassen. Wenn sie mal «musste», gönnte sie sich eine Auszeit. Sie behauptete, unter Verstopfung zu leiden, deshalb brauche sie etwas länger für dieses Geschäft. Es war der einzige Platz im Dreigenerationenhaus, wo sie sich ungestört fühlte. Nachdem sie ihre Notdurft verrichtet hatte, was nie länger als zwei Minuten dauerte, zog sie ihre Strumpfhose hoch, strich den Rock glatt und setzte sich auf den WC-Deckel. Sie murmelte ein Vaterunser, betrachtete danach die heilige Maria, die bestimmt mehr gelitten hatte in ihrem Leben als sie selbst, und fand so ihren täglichen Trost. Sie lud ihren körperlichen und seelischen Ballast ab, das ersparte ihr die Beichte, nicht aber den gelegentlichen Besuch der Messe. Der Pfarrer war ein sympathischer Mensch, bei seinen Predigten wurde ihr warm ums Herz. Sie wollte ihn aber nicht mit Peinlichkeiten belasten, das hatte er nicht verdient. Gestärkt und erleichtert verliess sie das stille Örtchen und widmete sich dem Tagewerk und den Freuden des irdischen Lebens.

Ihre Enkelin Elly kam oft hoch in den zweiten Stock und verbrachte viel Zeit bei der Grossmutter. Die Knopfsammlung im grossen Konfitürenglas war ihr Anziehungspunkt. Elly holte es aus dem Stubenbuffett. Sie liebte das Geräusch, wenn sie die Kostbarkeiten auf den Teppich leerte. Dieses leise Scheppern, wie ein Wasserfall aus Eissplittern. Sie sortierte die Knöpfe nach Farbe, Form oder Material. Den schönsten gab sie Namen. Mal waren sie Tiere, dann wieder Figuren wie Hänsel und Gretel oder Schneewittchen und die sieben Zwerge. Im selben Möbel wie die Knopfsammlung lagerte die Guetslibüchse. Wenn man nett fragte, lag immer ein Häppchen drin. Und wenn man sich bedankte, vielleicht noch ein zweites.
«Elly, du zappelst so herum», sagte Grossmutter. «Du musst gewiss auf die Toilette.» Natürlich. Es eilte. Gerade rechtzeitig schaffte es die Kleine, die sich nur ungern bei ihrem Spiel unterbrechen liess. Sie hatte die Tür so schwungvoll aufgerissen, dass ihr die Muttergottes direkt vor die Füsse fiel. Schnell machte sie Pipi. Dann nahm sie das glücklicherweise unbeschädigte Kunstwerk in die Hände und versuchte es wieder aufzuhängen. Doch der Nagel ragte für sie unerreichbar hoch aus dem Holz. Elly trug das Bild zu Grossmutter, die ahnte, was passiert war. Sie hängte es an seinen Platz zurück. «Warum hat diese Frau einen goldenen Hut?», fragte Elly.
«Das ist kein Hut, das ist ein Heiligenschein», erklärte die alte Frau. «Nur besonders fromme Menschen haben einen Heiligenschein. Solche, die an Gott glauben und nach seinem Willen leben. Das hier ist die Mutter des Christkindes. Sie hat Gott gehorcht. Darum ist sie heilig.»
«Gibt es denn heute keine Heiligen mehr?», fragte Elly.
«Warum meinst du?»
«Ich habe noch nie jemand mit diesem Goldkranz am Kopf gesehen.»
«Das sieht man eben nicht. Man spürt es nur», versuchte Grossmutter zu erklären. «Komm doch zurück in die Stube. Möchtest du einen Keks?»

Immer an Heiligabend versammelte sich die ganze Sippe bei den Grosseltern. Auf Ellys Wunsch lag das Bild der Muttergottes unter dem Tannenbaum. Schliesslich würde es ohne sie keine Weihnachten geben, war ihre Erklärung. Nach ein paar Liedern wurden die Kerzen angezündet. Eine andächtige Ruhe legte sich auf die Gesellschaft. Elly kniff die Augen zusammen. «Schau, Grossmutter!», rief sie entzückt. «Die Kerzen haben einen Kranz. Sie sind alle scheinheilig!»

Katharina Michel-Nüssli, 1964, war früher Primarlehrerin, ist heute freiberuflich tätig. Ihr erstes Buch «Sommersprossen und Kondensstreifen» enthält Kurzgeschichten, Miniaturen und Gedichte. Bisher hat sie bei der «Goldenen Schreibfeder» in Bischofszell TG zwei Preise für ihre Texte gewonnen. Der Text «Feierabend» erschien in einer Anthologie. «Heimweg» wurde vom Schulmuseum Amriswil prämiert. Erstmals plant sie ein Schreibprojekt über Kindheitserfahrungen ihres Vaters und seiner Geschwister. 

Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.

Beitragsbild © leale.ch

Percival Everett «James», Hanser

„Adventures of Huckleberry Finn“ von Mark Twain erschien vor 150 Jahren und zählt zu den Schlüsselwerken US-amerikanischer Literatur. Während Twain die Abenteuer aus der Sicht von Huck Finn erzählt, traut sich Percival Everett, selbst schwarzer Amerikaner, die Geschichte aus der Sicht des Sklaven Jim zu schildern. Ein Roman, der bis ins Mark geht!

Es gibt Geschichten, die ins kollektive Bewusstsein rutschen, so wie die immer und immer wieder erzählte Geschichte vom noch jugendlichen Huckleberry Finn und dem gejagten Sklaven Jim. Sei es in mehr oder minder gelungenen Verfilmungen oder in immer neu edierten Ausgaben (Die letzte, die ich mir kaufte, war die von Tatjana Hauptmann wunderbar illustriert, bei Diogenes 2002 erschienen). Aber gerade jene von 2002 liest sich wie ein lustig, rasantes Abenteuer, bei dem der eigentliche Schrecken jener Zeit nur nebelhaft in Erscheinung tritt, auch wenn die eine oder andere Szene blutig untermalt ist. Ohne den Roman von Mark Twain zu schmälern, bleibt die Sicht auf Rassisimus eine weisse, selbst dann, wenn Twain die Ungerechtigkeit unmissverständlich schildert. Diese Erzählweise zementiert ein westliches Empfinden, jenes der Zuschauenden, nicht direkt Betroffenen. Aber Percival Everett ist ganz direkt betroffen; vom zukunftslosen Schicksal eines Gejagten, von zu Unrecht beschuldigten Sklaven, von der Unumstösslichkeit einer kollektiven Schuldzuweisung, von grenzenloser Arroganz, von einem Land, das Rassismus bis in die Gegenwart nicht abzuschütteln weiss und nicht zuletzt von einer amerikanischen Geschichte, in der Menschenverachtung zum politischen Programm werden kann.

Jim ist mit seiner Familie Sklave in einem kleinen Dorf am Mississippi. Obwohl seiner Herrin Miss Watson „treu“ ergeben, bekommt er mit, wie beschlossen wird, ihn nach New Orleans zu verkaufen, ihn allein, ohne seine Frau und seine Tochter. Jim flieht auf eine kleine Insel auf dem Mississippi, wo er Huck trifft, den er schon ein Leben lang kennt, der sich wie Jim auf der Insel zu verstecken versucht. Huck fürchtet sich vor seinem prügelnden Vater so sehr, dass er um sein Leben bangt. Und als Jim genau jenen Mann, vor dem sich Huck so sehr fürchtet, nach einem Unwetter in den Überresten eines fortgespülten Hauses findet, werden aus den beiden Fluchtgefährten; Jim, weil man ihm den Tod von Hucks Vater in die Schuhe schieben will und das zusammen mit seiner Flucht für den Strick reicht und Huck, weil ihm Jim verschweigt, dass die Leiche in jenen Trümmern, die seines Vaters ist, ein Verschweigen, dass Gründe hat, die Jim ganz nah an den Jungen binden. Es ist aber auch der naive Blick des Jungen, die Beteuerungen seiner Freundschaft, die Jim schmeicheln, er, der aus weisser Sicht nie mehr als ein dummes Arbeitstier war. 

Percival Everett «James», Hanser, 2024, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, 336 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-446-27948-3

Die beiden schustern sich ein Floss zusammen und lassen sich gen Süden auf dem Mississippi treiben, eigentlich in die gänzlich falsche Richtung, immer weiter weg vom Norden, in dem die Sklaverei längst als unrechtens erklärt wurde. Sie hangeln sich von Krise zu Krise, von einer zur nächsten Katastrophe, verlieren sich immer wieder, um sich aber auch immer wieder glücklich wiederzufinden, wachsen zu viel mehr als einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, als Jim Huck von seiner Herkunft erzählt.

Was die Besonderheit dieses Romans ausmacht, ist aber viel mehr als die Erzählperspektive. Everett lässt den Sklaven Jim erzählen. Jim kann lesen und schreiben, hat sich das selbst beigebracht, sass in all den Jahren im Dienst von Mrs. Watson und Richter Thatcher immer wieder in dessen Bibliothek und „lieh“ sich das eine oder andere Buch aus, auch das eine oder andere Mal einen Voltaire. Überhaupt haben sich die Schwarzen in Everetts Roman eine Art Geheimsprache zuglegt, die sie immer dann verwenden, wenn sie mit den Weissen zu sprechen gezwungen sind oder wenn sie wissen, dass man ihnen zuhört. Eine Sprache, die nicht nur ihre Einfachheit, ihre gespielte Dummheit untermalt, sondern die Herrenrasse glauben lassen soll, es drohe keine Gefahr von den willenlosen Arbeitstieren. Huck ist der Naive. Er spürt zwar sehr gut, dass die Welt, in der er lebt, nicht so ist, wie sie aus seiner Sicht sein sollte. Aber er weiss sich nur schwer zu helfen, sucht nach Erklärungen. Auch im seltsamen Gehabe seines schwarzen Freundes, der immer wieder einmal in seinen Träumen ganz anders laut mit sich selber spricht. 

Im Hintergrund des Romans beginnt der US-amerikanische Bürgerkrieg zwischen Norden und Süden. Ein Krieg für oder gegen die Sklaverei. Ein Krieg, der Huck fasziniert und Jim seltsam kalt lässt, weil er ein Leben lang seine Rolle als Sklave verinnerlichte und die Geschichte, die er mit einem Bleistiftstummel in ein Buch schreibt, nur ganz zaghaft zu einer Befreiungsgeschichte wird und erst mit dem letzten Satz im Roman zu einer solchen wird.
„James“ ist bei weitem nicht einfach eine nacherzählte Geschichte. „James“ ist amerikanische Geschichte, die schonungslos erzählt, was Mark Twain vor 150 Jahren in seiner Welt nicht konnte.

Percival Everett, geboren 1956 in Fort Gordon/Georgia, ist Schriftsteller und Professor für Englisch an der University of Southern California. Er hat bereits mehr als dreissig Romane veröffentlicht. Für sein Werk wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, u. a. mit dem PEN Center USA Award for Fiction, dem Academy Award in Literature der American Academy of Arts and Letters, dem Windham Campbell Prize und dem PEN/Jean Stein Book Award.

Nikolaus Stingl, 1952 geboren, übersetzte u. a. William H. Gass, Ben Lerner, Thomas Pynchon, Colson Whitehead und Emma Cline und wurde mit mehreren wichtigen Übersetzerpreisen ausgezeichnet.

Beitragsbild © Michael Avedon

Béatrice Bader «Heiliger Schein» – Scheinheilig 1/7

Ana sammelt Heiligenbildchen. Eigentlich wollte Kunstgeschichte studieren, aber weil ihr das zu anstrengend erschien, begann sie, Kirchen zu besuchen. Die Heiligenbildchen, welche sie dort in den Gebets- und Gesangsbüchern findet, nimmt sie mit. 

Ana wohnt im dritten Stock eines einfachen Hinterhauses. Die Sonne scheint jetzt im Dezember immer nur während weniger Stunden am Tag durch die beiden halbblinden Fenster von Küche und Stube. An der dem Fenster gegenüberliegenden Wand lehnt ein alter Sekretär mit aufgeklappter Lade, in der Mitte des Raumes steht ein rechteckiger Holztisch, bedeckt von einem Stapel ungeordneter Heiligenbildchen, als hätte ein, ob all der auf dem Tisch versammelten geballten Heiligkeit aufgebrachter Windstoss sie kräftig durchgewirbelt. Eine nackte Glühbirne schaukelt sacht über dem Tisch hin und her und lässt die Schatten der beiden Stühle kaum wahrnehmbar in ihrem Licht tanzen.

Ana hält sich einen Hasen, um nicht allein zu sein. Eigentlich ist es ein Kaninchen, aber weil Ana den Hasen von Albrecht Dürer liebt, nennt sie ihn Hase. Sein Fell ist nicht braun mit wenig weiss wie das des Hasen auf dem Bild, sondern schneeweiss und flauschig.  Es ist auch kein Feldhase, sondern ein Angorakaninchen. Ana hat es von ihrer Grosstante übernommen, als diese eine Allergie gegen die Kaninchenhaare entwickelte. Ana hebt Hase auf ihren Schoss und streichelt ihn zwischen den Ohren. Dabei betrachtet sie die durcheinanderliegenden Heiligenbildchen. Unter dem Tisch warten in einer Holzkiste unzählige kleine Bilderrahmen.

Als Ana nach Hause kommt, ist es bereits später Nachmittag. Bald wird es dunkel sein. Die halbblinden Fensterscheiben blicken scheinheilig, so als ob sie nicht sehen würden, was auf der Strasse geschieht. In Anas Träumen hoppeln Hasen zwischen den Rädern fahrender Autos hindurch, die Häuser sehen weg. Ana zündet eine Kerze an, ihr Lichtschein spiegelt sich im Fensterglas und winkt ihr zu. Sie sieht ihr eigenes Spiegelbild und wünscht sich, es würde sich zur ihr auf den leeren Stuhl setzen und ihr für ein paar Stunden Gesellschaft leisten wie eine Freundin. 

Ana sortiert die Heiligenbildchen nach Motiven – es gibt viele heilige Männer und nur wenige Frauen – und legt sie auf der Schreibfläche des Sekretärs aus. Danach ordnet sie aus der Holzkiste ein Holzrähmchen nach dem andern, jedes in der Grösse zu einem Bildchen passend. Die kleinen leeren Rahmen hängt sie wie es kommt an die Tapetenwand über dem Sekretär. Mit glasig leerem Blick starren sie auf Ana, sehen zu, wie diese weiter die Bildchen sortiert. Scheinheilig, denkt Ana.

Als sie am nächsten Tag aus dem Haus geht, steckt sie ohne zu überlegen eines der Heiligenbildchen in ihre Handtasche. Ein bisschen Heiligenschein kann nicht schaden, denkt sie, während sie zur Bushaltestelle geht. Die rote Wintersonne steigt über die Dächer wie ein frisch gefüllter Ballon; sie wirft ihr Licht auf die Strasse zwischen den Häusern als wäre es ein blutiger Teppich. Die Menschen warten mit gesenkten Köpfen frierend an der Haltestelle. 

Ana öffnet ihre Handtasche und legt das Heiligenbildchen auf den Sitz der Wartebank. Sie lässt es liegen, als sie einsteigt. Durch die Scheiben des abfahrenden Busses kann sie sehen, wie eine Frau das kleine Bild mit der Schutzheiligen nimmt und betrachtet, bevor sie es in die Manteltasche steckt.  

Als Ana an diesem Abend nach Hause kommt, setzt sie sich mit Hase aufs Bett und vergräbt ihre Hände tief in dessen Fell. Dann steht sie auf und geht zum Tisch. Das Flackern der Kerze bewegt die leeren Bilderrahmen und erweckt sie zu unheimlichem Leben. Ana fühlt sich durch sie beobachtet. Sie dreht die vor ihr liegenden Heiligenbildchen um und schreibt eine Botschaft auf die Rückseite des ersten: «Wo ist dein Heiligenschein»; dann aufs Nächste: «Tu nicht so scheinhelig»; und wieder aufs Nächste: «Jetzt kommt die Nacht der Nächte». Ana stellt sich vor, wie sie im Paradies herumgeht und wie eine Heilige die Bildchen an die dort lebenden hoch erfreuten Menschen verteilt. In dieser Nacht träumt sie nicht.

Während der nächsten Wochen lässt Ana täglich ein Heiligenbildchen liegen und bringt sie mit ihren Botschaften auf der Rückseite unter die Leute. Sie sieht, wie ein Mann es findet, umdreht und das Geschriebene liest. Erschrocken schaut er mit eingezogenem Kopf verstohlen um sich, als sei er ertappt worden. Nun ist Ana nicht mehr allein mit Hase, der ja eigentlich ein Angorakaninchen ist; sie sitzt jetzt in den Köpfen der Finder der Bildchen, die gemeinsam mit ihr über die von ihr geschriebene Botschaft nachdenken. Der kalte Dezemberabend haucht Eisblumen an die blinden Fenster ihrer Wohnung. Ana sieht sie und ist glücklich.

Béatrice Bader ist visuelle Kunstschaffende und Autorin. Sie ist tätig im Bereich der künstlerischen Forschung und Konzeptkunst, Collage sowie Installation und Interventionen im öffentlichen Raum. Als Autorin veröffentlicht sie für Kurzgeschichten sowie Artikel in diversen Fachmagazinen und Erzählungen. Initiantin und Kuratorin des künstlerischen Forschungsprojekts FeldForschung: «Das Gras wachsen hören» (2009), «Aufgetischt» (2011), «Glück gehabt» (2013), «Formate des Wir» (2015 – 17) und arbeitet solo und in Kollektiven (w.i.r.; baderloeffel).

Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © leale.ch

Ana Marwan «Sei Erich», Edition Thurnhof

Vom 15. bis 17. November erfreute die Buch- und Druckkunstmesse in Frauenfeld all jene, denen Buch, Schrift und Druckkunst mehr sind als blosse Informationshilfe. Über 50 Ausstellende präsentierten Kostbarkeiten aus eigenem Druck, bewiesen, wie vielfältig sich pure Leidenschaft auf Papier manifestiert.

Ich besuche sie immer, so wie andere Landwirtschaftsmessen, Freizeitmessen, Buchmessen, Hochzeitsmessen. Solche Messen sind Ausdruck einer Lebenshaltung, einer Philosophie, einer Überzeugung. Und nirgends passt das Wort «Ausdruck» besser als im Zusammenhang mit der Buch- und Druckkunstmesse. Ausstellende und BesucherInnen sind Menschen, denen das Haptische, die Ästhetik des Greifbaren, die vielfältigen Möglichkeiten von Papier, Karton, Leder und Druckerfarben nicht nur das Auge erfreuen, sondern ebenso dem Tastsinn schmeicheln und als Duft in die Nase steigen. Es versammelt sich eine Gattung Mensch, die in Zeiten von Massenprodukten, digitaler Aufbereitung, künstlicher Intelligenz und Beliebigkeit das Original schätzen, dem Einzigartigen huldigen, dem Handwerk, der offensichtlichen Leidenschaft.

Unter den vielen AusstellerInnen ist einer meiner Fixpunkte der Messe jedes Jahr der Stand der Edition Thurnhof. Toni Kurz gründete vor einem halben Jahrhundert zusammen mit einem Freund die Galerie Thurnhof, aus der über die Jahrzehnte auch ein Verlag wuchs, der im Gegensatz zu anderen Verlagen aber nicht gewinnorientiert möglichst grosse Auflagen verkaufen will, sondern Inhalt und Form zu einem Kunstwerk in Kleinauflage macht. SprachkünsterInnen treffen auf GestalterInnen und einen Verleger, der sich das Schöne und Einzigartige auf die Fahne geschrieben hat.

So auch die Erzählung «Sei Erich» von Ana Marwan. Eine Liebesgeschichte an einen Hund, eine Aufforderung zum Nachdenken, so wie alle Texte von Ana Marwan. Zusammen mit den kunstvollen Lithografien von Regina Hadraba wird das schmale Buch zu einem mehrfachen Leseerlebnis. Das Buch ist nicht nur die Verpackung des Textes. Hier wird das Lesen, Sehen, Schauen und Blättern zum Vielfachgenuss. Dass es zu den meisten Kunstwerken aus der Edition Thurnhof noch eine Sonderedition mit Holzschuber, einem Autograf von Ana Marvan und einer Monotypie von Regina Hadraba gibt, signiert und nummeriert von I bis XX, macht ein solches Buch zum bibliophilen Schatz.

Autograf von Ana Marvan

Ana Marwan, 1980 in Murska Sobota/SLO geboren, aufgewachsen in Ljubljana. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Ljubljana und der Romanistik in Wien. Lebt als freie Autorin in Wien und schreibt Kurzgeschichten, Romane und Gedichte auf Deutsch und Slowenisch. 2023 und 2024 Mitherausgeberin und alleinige Chefredakteurin der Literaturzeitschrift „Literatur und Kritik“.

Monotypie von Regina Hadraba
Ana Marwan «Sei Erich», Edition Thurnhof, 2023, 11 Offsetfarblithografien von Regina Hadraba, 40 Seiten, 27 Euro, ISBN 978-3-900678-62-3

Regina Hadraba, 1964 in Waidhofen/Thaya geboren, Mitbegründerin der Künstlerinnengruppe Vakuum; Landesatelier im Künstlerhaus Salzburg; Webster University St.Louis, USA, 1994 Anerkennnungspreis des Landes NÖ, 1996 Innsbrucker Grafikwettbewerb (Preis des Landes NÖ); 1997 Anerkennungspreis beim Grafikwettbewerb „Pro Natura“; 2002 Kulturpreis der Stadt Baden.

Beitragsbild © Sandra Kottonau (Ana Marwan bei einer Lesung im Literaturhaus Thurgau 2023)

Edition Thurnhof

Mireille Zindel „Bald wärmer“, Pano

„Was, wenn ich ehrlich wäre?“ schreibt Mireille Zindel ganz zu Beginn ihrer literarischen Auseinandersetzung mit dem Tod ihrer kleinen Tochter Zoé. 12 Tage lebte das kleine Mädchen, ohne das Spital jemals zu verlassen. Und sechs Jahre dauerte es, bis die Schriftstellerin den einen Roman zur Seite legte, um auf ihre ganz eigene Art und Weise mit dem Abschied fortzufahren.

Adventszeit; man feiert in der Erwartung des Kindes. Kein Ereignis im Leben eines Menschen ist derart einschneidend wie die Geburt eines Kindes. Nichts generiert ein derart tiefes Glücksgefühl wie das erste In-die-Hand-Nehmen eines Kindes. Es ist nicht nur im christlichen Glauben die personifizierte Hoffnung, die menschgewordene Glückseligkeit. Auf der anderen Seite der Tod, das unwiderbringliche Abschiednehmen, die Trennung, das Auseinanderreissen. Die Angst, was dann passiert und danach sein wird. Die Angst vor der Leere, vor dem Verlorensein. Und was ist, wenn Geburt und Tod nur 12 Tage voneinander entfernt liegen? Wenn mit dem Moment des grösstmöglichen Glücks die Angst beginnt, das Bangen, das verzweifelte Greifen nach jedem Halm Hoffnung? Wenn der Tod unmittelbar bevorsteht, unabwendbar, wie ein Urteil, ein übergrosses Schwert, das trennen wird, was zusammengehört, was eine Schwangerschaft lang nicht nur im Bauch wuchs, sondern im Herzen, den Plan für ein gemeinsames Leben, eine Familie ausmachte?

Mireille Zindel «Bald wärmer», Pano, 2024, 244 Seiten, CHF ca. 32.80, ISBN 978-3-290-22073-0

Ich mag Bücher nicht, die mich zum Zeugen und Mitwisser einer Bewältigung, eines Heilungsprozesses machen. Bücher, die mir beweisen wollen, dass ich bloss stark genug sein muss, um mich meinem Trauma zu stellen. Die von mir ein Schulterklopfen provozieren wollen, die Anerkennung, es bravourös gemeistert zu haben. Mireille Zindel nimmt mich ganz behutsam mit auf einen Weg durch diese 12 Tage und weit darüber hinaus. Nicht Mitleid, sondern Selbstreflexion will sie provozieren. Sie zeigt, wie sehr wir uns auf Schienen bewegen, wie leicht es uns aus den Schienen wirft und Leben kippen kann, entgleisen, still stehen. Wie leicht wir uns von der Erwartung des Glücks verführen lassen, alles mit unsäglicher Selbstverständlichkeit erwarten und es mit grösstmöglicher Lockerheit ausblenden, dass neben all dem Glück bodenloses Unglück geschieht.

Spinale Muskelatrophie, SMA, war die Diagnose, die die Eltern zehn Tage nach der Geburt bekamen, zwei Tage vor dem Tod der kleinen Tochter. Ein Gendefekt. Damit war nur erklärt, was seit dem Moment der Geburt eine permanente Hektik und Dramatik auslöste, weil beim Kind schon mit dem ersten Augenblick lebensrettende Sofortmassnahmen ergriffen werden mussten. Weil ganz schnell klar wurde, dass dem Kind nicht jene Zukunft geschenkt werden würde, von der man neun Monate lang hoffte, mit der man Strampelhosen und Kinderbettchen kaufte, das Familienglück werden sollte. Ein Kind, das man der Mutter schon nach der Geburt wegnehmen musste, um es zu beatmen. Die Geburt war keine Fanfare des Glücks, sondern der Beginn langen Leidens, der Verzweiflung darüber, ob man es je schaffen würde. Das Gefühl umfassender Sinnlosigkeit drohte zu einem Lebensgefühl zu werden.

Mireille Zindel erzählt von ihrer grenzenlosen Liebe zu ihrem Kind, das sie nur kurz begleiten konnte, das in jener Zeit trotz allem ihr Glück ausmachte. Ein Glück, dass Mireille Zindel um jeden Preis zu konservieren versucht. „Bald wärmer“ erzählt vom Kampf. Aber auch von den Irrungen, dem Hadern und der Verzweiflung. Alles existiert gleichzeitig, schreibt Mireille Zindel. Spitäler sind Orte eben jener Gleichzeitigkeit.

Eigentlich müssten Männer dieses Buch lesen, denn es beweist, wie viel uns entgeht, wie gross die Welt einer Mutter ist. „Bald wärmer“ rüttelt mich wach, zeigt mir Tiefen, von denen ich nichts weiss. Und nicht zuletzt ist „Bald wärmer“ ein Buch der Hoffnung.

Mireille Zindel, Germanistin und Romanistin, Jahrgang 1973, ist eine Schweizer Schriftstellerin und lebt in Zürich. Für ihren ersten Roman «Irrgast» erhielt sie 2008 den Preis der Literaturperle (art-tv.ch) und den Literaturpreis der Marianne und Curt Dienemann Stiftung. Nach «Laura Theiler», «Kreuzfahrt», und «Die Zone» erschien 2024 ihr neuster Roman «Fest». Mireille Zindel schreibt auch Gedichte, Shortstories, Artikel und Reportagen und veröffentlicht Videos (Rest in poetry, Friedhofforum Stadt Zürich, 2024).

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ayse Yavas

«Ich – ein Mensch? War ich je Mensch?» – Szczepan Twardochs «Kälte» (15)

Lieber Gallus

Dieses Buch, mein erstes dieses Autors, hat mich tief bewegt, verunsichert, begeistert und verwirrt. Ist es ein gutes, lesenswertes Buch? Warum schreibt Twardoch oft so brutal, müssen die Szenen von Folter und Vergewaltigung so genüsslich-sinnlich dargestellt werden? Manchmal war es für mich zu viel des Schrecklichen. Insgesamt bin ich aber sehr beeindruckt und habe neben dem ungemein spannenden Abenteuer von Konrad Widuch im Packeis viel vom Kriegsgeschehen der Zeit der Russischen Revolution und des zweiten Weltkriegs mitbekommen, auch mit einem beeindruckenden Einblick in das damalige Leben der nordsibirischen Völker. Der Überlebenskampf gegen die eisige unwirtliche Natur und die Auseinandersetzung mit anderen Völkern des Polarkreises lassen keine «Wohlfühlpassagen» zu. Auch die oft grobe Sprache unterstreicht dies literarisch, lässt mich in Abgründe blicken.

Ich – ein Mensch? War ich je Mensch?

Sczcepan Twardoch «Kälte», Rowohlt, 2024, aus dem Polnischen von Olaf Kühl, 432 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-7371-0188-2

So beginnt das Notizbuch des Konrad Widuch, des Protagonisten, und eine einfache Antwort ist auch nach 400 Seiten nicht gegeben. Das Mitschwingen dieser Frage im Hintergrund macht die Tiefe und die Bedeutung dieses Werks aus. Scharfe Dissonanzen und wilde Rhythmen finden nur selten in Dur-Tonart ein wenig Trost, am ehesten in der Erinnerung an seine verlassene Sonja mit den Töchtern Wilena und Linel, von denen er sich aus strategischen Gründen getrennt hat. Die Erinnerung an sie geben dem Protagonisten Halt. Der ehemals fanatische Bolschewist macht eine tiefe Wandlung durch und sucht seinen Weg, was nicht ohne Mord und Totschlag, ohne Entbehrung und Verzicht geht. Oft in Eis erstarrte Einsamkeit ohne Lichtblick. Die Menschlichkeit schimmert neben dem Tierischen immer wieder durch, oft geht es aber ums pure Überleben, wo selbst Kannibalismus ins Spiel kommt.

Denn wenn Russland kommt, dann kommt hier jemand her wie der, der ich einmal war, er wird euren Dejwas stürzen und wird euch sagen, was ihr zu tun habt, und jeder von euch wird Sklave sein.

Leider ist dies aktueller denn je!
Klug verwoben ist die Geschichte mit dem Segelturn des Erzählers von Svalberg gegen Osten. Eigentlich wollte er dem eintönigen Alltag entfliehen und Einsamkeit erleben auf den Spitzbergen. Dort trifft er auf eine Frau mit Segelboot, kommt so zur Lektüre der Notizen des ebenso aus Schlesien stammenden Konrad Widuchs. Rätselhafter Zufall?

Das wunderschön gestaltete Literaturblatt No 67 hat mich wahrlich in eine abenteuerliche «Kälte» geführt, die ich trotz der manchmal kaum zu ertragenden Schrecken nicht missen möchte.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Wie ich mich freue, dass ich Dich mit meinen Lesetipps zur Lektüre von Szczepan Twardochs Roman verführen konnte. Und wie sehr ich mich freue, dass Du meine selbst gezeichneten und von Hand geschriebenen Literaturblätter gar in Deiner feinen Bibliothek aufhängst. Was für eine Ehre.

«Kälte» ist ein grosser Schlüsselroman zur Gegenwart, eine Reise durchs kollektive Unbewusste Europas … Es ist Weltliteratur, aus familienbiografischen Ereignissen gespeist, stand in der NZZ. In diesem kollektiven Unbewusstsein schlummern und modern seit Jahrtausenden all die Menschheitskatastrophen, die einzig die Gattung Mensch verursachte. Katastrophen, die sich in den Code des Menschseins unauslöschlich eingegraben haben. 

Aufgabe der Kunst, der Literatur ist es, sich diesen Katastrophen zu stellen, sich mit ihnen direkt zu konfrontieren, seien dies die kleinen Katastrophen oder die ganz grossen. Vielleicht ist genau das eines der Unterscheidungsmerkmale von guten und schlechten Büchern. Echte Literatur konfrontiert. Alles andere deckt bloss zu, spielt mit einer glatten Oberfläche, täuscht und gaukelt vor. Nicht dass es reine Unterhaltung nicht geben soll, aber echte Literatur, gute Bücher sollen und müssen reiben, sollen und müssen etwas von der wirklichen Welt spürbar und sichtbar machen.

Jonathan Littell «Die Wohlgesinnten», Piper, 2009, übersetzt von Hainer Kober, 1392 Seiten, CHF. ca. 31.90, ISBN 978-3-8333-0628-0

Vor einigen Jahren las ist mit tiefer Bestürzung und unsäglicher Betroffenheit den Roman «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell, den fiktiven Lebensbericht eines hohen SS-Offiziers, eines Unbelehrbaren, Uneinsichtigen. Ein bizarres Epos, das ein detailliertes und nur schwer ertragbares Bild des Zweiten Weltkriegs und der Verfolgung und Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten zeichnet. Nichts an diesem Protagonisten ruft nur einen Funken Sympathie hervor. Wer dieses Buch liest, steigt in die dunkelsten Höhlen menschlicher Abgründe. Wer sich beim Lesen nach einem Protagonisten sehnt, mit dem man sich solidarisieren, dem man wenigstens Mitgefühl entgegenbringen kann, wird gnadenlos enttäuscht. Und doch; der Roman konfrontiert mit der Wahrheit, einem Stück Mensch, dem wir uns ganz offensichtlich nur schwer stellen können.

«Kälte» konfrontiert. „Kälte“ ist die Hinterlassenschaft eines Hoffnungslosen. Nichts an dieser Geschichte, ausser einer atemberaubenden Kulisse, erinnert an Helden- und Abenteuergeschichten. Konrad Widuch ist kein Held. Er überlebt nur deshalb, weil er sich selbst der Nächste ist, einer der sich in seinen Reflexionen immer wieder vor die Frage gestellt sieht: Bin ich noch ein Mensch? Konrad Widuch erzählt ohne Schalldämpfer, ohne Filter. Seine endlos scheinende Flucht ins Nirgendwo ist ein irriger Überlebenskampf an den Rändern des Erträglichen, sowohl für ihn wie für mich als Leser.

Vielleicht ist das der grosse Wandel in der Kunst. Es genügt nicht mehr, Schönes zu schaffen, weder in der Bildenden Kunst noch in der Musik. Es muss reiben. Szczepan Twardoch tut es in allen seinen Romanen. Und deshalb zählt er mit Recht zu den ganz Grossen der Weltliteratur.

Liebe Grüsse

Gallus

Rezension von «Kälte» auf literaturblatt.ch

Szczepan Twardoch, geboren 1979, ist einer der herausragenden Autoren der Gegenwartsliteratur. Mit «Morphin» (2012) gelang ihm der Durchbruch, das Buch wurde mit dem Polityka-Passport-Preisausgezeichnet, Kritik und Leser waren begeistert. Für den Roman «Drach» wurden Twardoch und sein Übersetzer Olaf Kühl 2016 mit dem Brücke Berlin Preis geehrt, 2019 erhielt Twardoch den Samuel-Bogumil-Linde-Preis. Zuletzt erschienen der hochgelobte Roman «Der Boxer», das Tagebuch «Wale und Nachtfalter» und der Roman «Demut», den die NZZ als «Höhepunkt seines Schreibens» bezeichnete. Szczepan Twardoch lebt mit seiner Familie in Pilchowice/Schlesien.