Peter Weibel «Schneewand», edition bücherlese

Warum setzen sich Menschen Gefahren aus? Warum begeben sich Menschen an jene Grenzen, die über Leben und Tod entscheiden können? Was passiert in solchen Grenzsituationen? Ist es die Sehnsucht nach der ultimativen Nähe? Peter Weibel nimmt mich in der Erzählung «Schneewand» hinauf auf einen Berg, mitten in einen Sturm, ins unsägliche Weiss tagelangen Schneetreibens. Warm anziehen!

Myriam ist hoffnungsvolle Cellistin mit politischem Bewusstsein, Kathrin Ärztin und Mutter zweier Kinder, Leon Lehrer, immer wieder an der Grenze, an seiner Aufgabe zu zerbrechen. Sie sind alle nah dran, jeder auf seine Art.

«Der Schnee war nie so gewesen. Nie wie der Schnee an diesem Morgen: Bestürzend, feindselig, fremd.»

Leon kennt die Berge, man vertraut seinem Berggängerurteil. Und als sich seine Wetterbedenken verflüchtigen, machen sich die drei auf den Weg hinauf auf den Berg, in eine Hütte weit oben, in der sie euphorisiert übernachten, um am nächsten Morgen festzustellen, dass sich das Wetter doch nicht so entwickelte, wie vorausgesagt wurde. Es schneit. Und weil es am frühen Morgen nur die Optionen gibt, schnell den Abstieg zu wagen oder in der Hütte abzuwarten, wagen es die drei. Sie trauen sich ins Weisse, stapfen durch den Schnee hinab, um irgendwann festzustellen, dass es ein Fehler war, dass man durch Lawinen, Erfrieren oder einen Absturz das Leben riskiert. Sie kämpfen sich zurück und finden zu ihrem Glück einen Rettungscontainer, der ihnen für einige Tage das Überleben sichert.

«Die Verzweiflung spaltet, weil der Widerstand nicht eindeutig ist, weil es keine klare Antwort darauf gibt.»

Menschen sitzen fest. Ausgerechnet in der Weite der Natur wird einem die eigene Endlichkeit unmittelbar vor Augen geführt. Menschen sitzen fest. Es gibt kein Vor und kein Zurück, keine Entscheidung, nur das Warten und die Hoffnung. Was es zum Überleben braucht, reicht für vier, fünf Tage. Man teilt auf, nicht nur das, was zum Essen bleibt, sondern auch den Schlaf. Um nicht einfach hinüber- und abzugleiten. Man stapft durch den Schnee vor dem Container, jene wenigen Meter hin und her, die einem für eine gewisse Zeit die Wärme in die Glieder zurückgeben.
Aber vor allem stellt man sich Fragen. Die drei im Container in der sich immer weiter ausdehnenden Zeit und ich als Leser, der mir während der Lektüre die Wolldecke bis unters Kinn ziehe. Was bleibt vom Leben?

«… aber es gab keinen Lehrgang für die Ohnmacht auf der Rückseite des Wissens.»

Ganz oben auf dem Berg, ganz weit weg von allem, eingeschlossen in den Schnee sind Myriam, Kathrin und Leon Gefangene. Alle Euphorie ist weg, dafür unter jedem Gedanken nackte Angst. Im Alltag weiss man vielleicht, dass das Leben endlich ist. Aber in Situationen, in denen man unmittelbar mit dem möglichen Ende konfrontiert wird, in denen der Alltag zu einer Erinnerung, einem Traum, zu Sehnsucht werden kann, stülpt sich Innerstes nach aussen. Man beginnt zu fragen, Bilder steigen auf. Myriam beginnt von Siniša Glavašević zu erzählen, jenem jungen Mann, der in Vucovar fürs Radio Geschichten für das Leben schrieb, während draussen Bomben fielen und Häuser explodierten. Leon erzählt von seinem schwindenden Glauben an die Zukunft, dem tiefen Schmerz einer Trennung und Kathrin als Ärztin von einer sterbenden Patientin, gleich alt wie sie, deren Kinder verständnislos am Bett standen.

«Die Worte blieben lange im Raum hängen, wie Eiskristalle … an der offenen Tür, an den Wänden, auf den Kleidern.»

Peter Weibel erzählt knapp und dicht. Mag sein, dass die Erzählung durch seine Gestrafftheit manchmal etwas überladen wirkt. Als ob das Konzentrat von allem im Gegensatz zu dem unendlichen Weiss des fallenden Schnees, dem Heulen und Pfeifen des Sturmes den Lesegenuss überreizen würde. Nichts desto trotz ist Peter Weibel eine mehr als beeindruckende Schilderung einer Extremsituation gelungen, die mich mitzieht bis an die Grenzen der Existenz. Dorthin, wo die wirklich wichtigen Fragen gestellt werden.

Ein kleines Interview mit Peter Weibel:

Eine Erzählung über eine Grenzerfahrung. Drei BergängerInnen eingeschlossen in Sturm und Schnee und die Angst, nie mehr zurück in den Alltag zu gelangen. Je mehr wir von den Gefahren wissen, desto mehr lockt sie. Man springt von Klippen, stürzt sich von Brücken, hangelt sich ungesichert durch den Fels. Warum braucht das der Mensch?
Die Grenzerfahrung. Ihre literarische Gestaltung ist die zentrale Linie des Textes; es gibt dazu einen bedeutenden Satz von Karl Jaspers; Wir werden wir selbst, wenn wir auf Grenzsituationen offenen Auges zugehen. Wir erfahren uns selbst an den Rändern, nicht in der Mitte des Lebens – dabei sind die Grenzsituationen, die uns zu Menschen machen, nicht die gesuchten Grenzsituationen beim Sprung von Klippen oder Brücken – es sind diejenigen, in die wir hineingeworfen werden, ohne sie gesucht zu haben: eine hereinstürzende Katastrophe, eine Epidemie (Camus’ Pest) – oder eben: ein unvorhersehbares Eingeschlossensein in Nebel und Schnee.

Je weiter man sich vom Alltag entfernt, je stärker wird die Sehnsucht nach ihm. Noch ein Paradox?
Die Entfernung vom Alltag und die Sehnsucht nach Alltag in der zu weiten Entfernung von ihm ist ein Paradox – und in dieser Dualität liegt wohl ein Dilemma unserer Existenz: Wir müssen uns von Alltag entfernen können, um ihn zu erkennen – aber wenn wir uns zu weit entfernen (oder entfernen müssen, zum Beispiel durch eine Krankheit), wird das Erkennen zum Schmerz über etwas Verlorenes.

Sie flechten in ihre Erzählung das Schicksal von Siniša Glavašević ein, der während der Schlacht um Vukovar während des Kroatienkriegs von serbischen Freischärlern umgebracht und verscharrt wurde. Oder jenes von Vedran Smailović, der als Cellist von Sarajevo in die Geschichte einging. Hinter diesen beiden, die sich in Grenzsituationen begaben, steht ihr Kampf für die Menschlichkeit. Entsteht der Drang, sich in Gefahr zu begeben durch die Sehnsucht nach Bedeutsamkeit?
Menschen wie Siniša Glavašević und Vedran Smailović (oder Izet Sarajlić, der in den Kriegsbunkern in Sarajevo Gedichte gegen den Krieg auf Papierservietten geschrieben hat) sind die einzigen Helden, die ein Krieg hervorzubringen hat. Sie sind es nicht aus Hunger nach Bedeutsamkeit, sondern weil sie in ihrer Menschlichkeit keine andere Wahl haben (Sisyphos!). Myriam spricht es in der Erzählung einmal aus: Klänge (oder Worte) können die Welt nicht verändern, sie können das Verderben nicht aufhalten – aber sie können die Welt wärmen.

Wir entfernen uns immer mehr von dem, was Leben ausmacht. Ist ihre Erzählung der Versuch, mich als Leser aus meiner latenten Betäubung zu wecken?
Es wäre vermessen, jemanden durch Literatur wecken  zu wollen. Literatur, Sprache ist nicht dazu da, belehren zu wollen – sie ist dazu da, Fragen zu stellen.

Jedem Kapitel ihrer Erzählung sind Zitate vorangestellt. Solche von grossen Schriftstellern, aber auch von solchen, denen das Vergessen droht. Zum Beispiel Walter Matthias Diggelmann oder Ludwig Hohl. Wie fanden sie den Weg in ihre Erzählung?
Die Zitate. Sie sind mir wichtig, weil sie zum Nach-Denken auffordern (im Lektorat haben wir beschlossen, jedem Kapitel ein Zitat voranzustellen). Jedes Zitat soll einen inhaltlichen Kern eines Kapitels vorauswerfen, der im Text zwischen den Zeilen steht. Und natürlich ist es auch eine Hommage an die AutorInnen, die mir alle viel bedeuten. Die meisten verwendeten Texte sind in meinem Kopf gespeichert, einzelne habe ich bewusst auf ihre inhaltliche Botschaft hin gesucht.

Foto © Ayse Yavas

Peter Weibel, geboren 1947, hat Medizin studiert und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. 1982 erschien ein erster Prosaband «Schmerzlose Sprache», seither veröffentlicht er regelmässig Prosa und Lyrik. Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, etwa mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013), dem ersten Kurt Marti Literaturpreis für «Mensch Keun» (edition bücherlese, 2017) und verschiedenen Essaypreisen. Peter Weibel lebt in Bern.

Rezension von «Der Schmetterling schläft» (Waldgut Verlag) auf literaturblatt.ch

Rezension von «Mensch Keun» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Peter K. Wehrli «Im Kanon der Vergänglichkeiten», Plattform Gegenzauber

Ein Missgeschick – er hatte seinen Fotoapparat vergessen – bildete den Auftakt für ein einmaliges literarisches Experiment: Peter K. Wehrlis «Katalog von Allem: Vom Anfang bis zum Neubeginn» (Ammann, 2008). Über vier Jahrzehnte hat der Journalist seine Eindrücke von Reisen und alltäglichen Begebenheiten nicht mit der Kamera, sondern mit den Mitteln der Sprache festgehalten. So entstand eine Wahrnehmungsart, die Wehrli bis heute immer weiter praktizierte und perfektionierte.

 

Katalog der besonderen und der andern Dinge
29 Nummern aus dem „Katalog von Allem“

1. das Klima

der Grenzübertritt von Portugal nach China, der durch die triumphbogenpathetische „Porta do Cerco“in Macao  führt, dorthin wo wirklich alles anders ist, sogar das Klima, das die Grenzpolizisten verbreiten, so anders, dass ich mir eingestehen muss:„Mehr als hier hat sich mir noch nie mit einem einzigen Schritt verändert“.

2. das Gedicht

die Liebe zur Stadt Macao, die der Dichter Austin Coates dadurch zeigte, dass er oben an der Avenida da Amizade seinen Füllfederhalter mit dem Wasser des Perlflusses füllte, damit sein Gedicht schrieb und sich dann doch darüber wunderte, dass niemand – ausser ihm – erkennen konnte, wie gut dieses Gedicht über Macao war und wie sehr er Macao liebte.

3. das Vergessen

die Antwort, mit der Anton Bruhin, als er tat, was er erklärtermassen nicht tun wollte, sein Tun begründete: «Ich habe vergessen, es nicht zu tun».

4. der Greis   

die Bestürzung, mit der Dagmar von ihrem Interview mit James Stewart zurückkam, und die deshalb anhielt, weil sie nicht den strahlenden Leinwandhelden gesprochen hatte, den wir alle vor unserem Auge haben, sondern einen gebrechlichen Alten, der nur, wo er sagte, was die Journalistin bereits über ihn wusste, zu erkennen zu geben vermochte, dass er James Stewart ist.

5. das Schlimmste

…wie er das Schlimmste und das Angenehmste beschreiben würde, das er sich vorstellen könne, diese Prüfungsfrage im Kurs „Kreatives Schreiben“, die Manfed sofort, als hätte er die Frage schon gekannt, mit dem Satz beantwortete, der in den Mitschülern Schauder und Beklemmung gleichzeitig auslöste: „Es krachte, als hätte der Mond die Sonne gerammt, und das Meer, die Meere schwappten über ihren Horizont“,

5a.und die eher verstört geflüsterte Nachfrage des Dozenten:“… und das Angenehmste ?“, auf die Manred nach sehr kurzer Besinnung brüsk entgegnete: „ … dass dies alles ein Traum gewesen ist“.

6. die Clowngesichter

die in Fetzen zerfledderten Clowngesichter auf den verwitterten Plakaten des ‘Circo Americano’, die mir klar machen, dass in der Schweiz die Anschläge von den Wänden entfernt werden sobald der Zirkus weitergezogen ist, dass sie in Brasilien aber erst dann nicht mehr sichtbar sind, wenn sie die Sonne ausgebleicht, der Regen verwaschen und der Wind zerzaust hat.

7. die Sympathie

die Sympathie, die ich für den Detektiv Marlowe empfinde, und dies allein deshalb, weil ihn Osvaldo Soriano im Roman «Traurig, einsam und endgültig»in einem Anflug von ergreifender Selbsterkenntnis sagen lässt: «Ich habe mein Leben lang gefragt und habe darüber vergessen, wie man antwortet».

8. die Zeit

die Feststellung, dass man von Germain Nouveau nicht etwa deshalb nicht mehr spricht und die Grossartigkeit des Monsu Desiderio nicht etwa deshalb vergessen worden ist, weil das, was die beiden taten, zwecklos gewesen wäre, sondern ganz einfach nur deshalb, weil die Zeit das grossmaschigste aller Siebe ist, – und offenbar nur selten jemand das Herstellen von feinmaschigeren für sinnvoll hält.

9. die Speisekarte 

die Speisekarte im Restaurant „Ribouldingue“ (10, rue Saint Julien le Pauve, 75005 Paris), die mich irritiert, dann verstört und mich schliesslich anekelt weil da als Gerichte nur Innereien angepriesen werden: Nieren, Lebern, Milz, Hoden, Hirn, Lunge, Herz, Kutteln etc., und meine Vermutung, dass ich Pablo, der mich eingeladen hatte, nur dann werde vorspielen können, das bestellte Gericht schmecke mir, wenn diese Innereien auf dem Teller so angerichtet sind, dass nicht (und für niemanden )  wahrzunehmen ist, dass es Innereien sind

10. die Vergangenheit

das Gewimmer in der Sitzreihe hinter mir bei der Vorführung von Charlie Chaplins Film «Circus» im Kino in Vevey im Mai 1969, dieses sirenenartige Heulen, das sich anhörte, als schalle es über weite Ebenen und frisch vernarbte Grenzen in diesen Tag hinein, und das mir wohl nur deshalb noch jetzt in den Ohren hallt, weil mir ein Blick nach hinten verraten hatte, dass es niemand anders war, als der greise Charles Chaplin, der da vor seinem jugendlichen Abbild auf der Leinwand weinte, jammerte angesichts einer Vergangenheit, die nur die Tränen jenes Menschen weckt, dessen Zukunft schon vorbei ist.

11. die Augenmerk

Ernsts Trauer über den Verlust des Schwenks, die noch grösser ist als jene über den Verzicht auf Zooms in Fernsehsendungen, das Bedauern also, dass diese Bildbewegungen nicht mehr ausgeführt werden dürfen, weil sie – da Schauen Zeit braucht und Sehen nicht – jene Sekunden kosten, die der Zuschauer im Zeitalter des Zappens braucht für seinen Entschluss, ein anderes Programm anzuwählen,

11a. und die erst beim Wiederlesen deutlich gewordene Einsicht, dass diese Eintragung durch eine Schärfenverlagerung viel verbindlicher werden könnte, dadurch nämlich, dass der Augenmerk im Titel von ‘der Schwenk’ auf ‘das Zeitalter’ verlegt würde.

12. die Folgen

die lakonische Trockenheit im Satz: «Nur Tote sterben nie», mit dem der greise Greta Garbo-Verehrer im ‚Esquinade‚ meine Frage beantwortet hatte, wie weit sich seine Art der Verehrung mit dem Tod der Schauspielerin gewandelt habe, und meine kurz nur aufflackernden Gedanken an die möglicherweise schauerlichen Folgen seines Nachsatzes: «Bei Filmstars spielt es keine Rolle, ob sie lebendig sind oder tot.»

13. der Kapitalismus

die beim Überdenken der Interviewspielregeln aufkommende Vermutung, dass Andy Warhol einerseits die zermürbende Wiederholung vermeiden und andererseits dem Interviewer etwas Verblüffung verschaffen wollte, als er damals, in der Galerie Bischofberger, Bices Frage: «Do you like Capitalism?» mit «Ja» beantwortete, und auf die von jemand anderem kurz darauf gestellte Frage: «Do you like Communism?» ebenfalls ein «Ja» ins Mikrophon hauchte und dann,auf die Ausschliesslichkeit der einen Antwort gegenüber der andern aufmerksam gemacht, sagte: «Oh, ich habe bereits vergessen, dass ich die vorherige Frage mit ‚Ja‘ beantwortet hatte!».

14. die Demokratie

die fundamentale Einsicht in die Formen des menschlichen Zusammenlebens, die Rara in ihrem radikalen Leitsatz verriet, dem ich –aller Radikalität zum Trotz – meine Zustimmung schenke: „Wer für die Privatisierung von Wasser. Strom, Luft, Verkehr plädiert, hat nicht begriffen, was Demokratie ist!“

15. der Kassenzettel

meine Verlegenheit, die sogar Beklemmung war und mich zu überprüfen zwang, ob ich denn schon so gebrechlich und vergreist aussehe, dass die junge Verkäuferin im Sainsbury Grund hatte, mich zu fragen: „Sie sind sicher über achtzig ?“

15a.und die Erlösung vom Schock, den mein ungenaues Zuhören verursacht hatte, als ich zuhause dann auf dem Kassenzettel unter dem Namen des erstandenen Rotweines ‚Corbières’ den Aufdruck fand: „Die Verkäuferin bestätigt, dass der Kunde über achtzehn Jahre alt ist“.

16. der Zerfall

meine Weigerung anzuerkennen, dass die kindlichen Gesten in der Altersdemenz Zeichen des Zerfalls seien, weil Eugens Gesten von jener frischen wachen Kindlichkeit sind, die verraten, dass sich da einer – mit List und endlich mit Erfolg – in seine Kindheit zurückgelebt hat,

16a. und meine eben überprüfte Feststellung, dass ich noch nie jemandem begegnet bin, von dem ich das Umgekehrte sagen könnte, nämlich: er habe sich – mit List und endlich mit Erfolg – in sein Alter vorgelebt.

17. der Roman

sein Temperament, sein Wissen, seine Vorlieben, seine Klugheit, seinen Witz und seine Neigungen, die der Schriftsteller in jeden Roman und in jede Erzählung einspeist, und dies derart rigoros, dass zu sagen ist: „Einen besseren Freund als den Autor, den er liest, kann ein Leser nicht haben“.

18. das Bemühen

das erkennbare Bemühen, es beiden – Frauen und Männern – recht zu machen, das der Präsident der ASASTP an der Generalversammlung erkennen liess, als er seine Eröffnungsrede mit dem Begrüssungswort begann: «Liebe Mitgliederinnen und Mitglieder»

18a. und mein Eingeständnis, dass mir die Unstimmigkeit erst aufgefallen war, als ein Versammlungsteilnehmer den Redner mit dem Zuruf unterbrach: «Max, jetzt hast du uns aber vergessen»,

18b. und mein Nachdenken, das mir eigentümlicherweise wie ein Nachrechnen vorkam und mir nach einer Weile klar machte, dass der Rufer recht hatte, weil nämlich die Wörter ‚Glied‘ und also auch ‚Mitglied‘ sächlichen Geschlechts sind,

18c. und mein Zögern, das mich jetzt – Wochen später – beim Eintragen dieser Wahrnehmung in den «Katalog von Allem» befällt, weil ich diese Nummer 18 mit ‚das Bemühen‚ überschreibe, wo ich ebenso gut und ebenso genau ‚die Vergeblichkeit des Bemühens‘ hätte schreiben können.

19. der Irrtum

die schönen blauen Augen des greisen Hans Coray, welche die Journalistin der Zeitschrift «Schöner Wohnen» in ihrem Artikel über den Designer beschrieb, diese Augen, die ein Irrtum sind, der sich nicht durch eine Richtigstellung im Blatt beseitigen lässt, ein Irrtum, auf den mich Rara, Corays Gattin, aufmerksam macht, als sie sagt: «Er hat gar keine blauen Augen, er schaut nur wie jemand, der schöne blaue Augen hat».

20. die Kunst

der verängstigte Blick in den Spiegel mit der fragenden Ahnung, um wieviel gealtert mich mein Spiegelbild wohl zeigen würde, wenn der Spiegel tatsächlich vorginge,

20a. und mein Lächeln beim Eingeständnis, dass ich mir diese verwegene Frage sicher nie stellen würde, wenn mich Franz Kafkas Feststellung nicht so beeindruckt hätte, die Kunst sei ein Spiegel, der vorgeht wie eine Uhr.

21. das Casting

der im herrlich entspannten Zustand vor dem Einschlafen praktizierte Versuch, auszuwählen, wem ich eine Rolle im Traum dieser Nacht zuteilen wolle,

21a.und die am Morgen beim Erwachen notwendige Feststellung, dass dieses Casting überraschenderweise perfekt funktioniert hat, – und zwar nicht aus esotherischen oder gar magischen Gründen, sondern nur deshalb, weil ich bei der Rollenbesetzung vor dem Schlaf an Susanne Wille und an Ady Berber gedacht hatte.

22. die Buschenschenke

der Empfang durch Peter Rosei und Christa in Radkersburg heute abend und das Beisammensitzen in der Buschenschenke (ein Wort, dessen Bedeutung ich – obschon sie mir erklärt worden ist – vergessen habe), die so intensiv waren, dass ich morgen früh wieder abreisen könnte im – andernorts sich erst nach längerem Aufenthalt einstellenden – schönen Gefühl, wirklich dort gewesen zu sein.

23. das Erstaunen

der alterslos alerte Kurt Guggenheim, als der er während den Dreharbeiten vor der Kamera stand, und der zum Greis gealterte, den ich nun im Filmbild vor mir sehe,

23a.und das von diesen unterschiedlichen Alterszuständen ein und desselben Augenblicks ausgelöste Erstaunen, dass mir meine möglicherweise havarierte Erinnerung einen andern, einen verjüngten Kurt Guggenheim zeigt; – der Sechsundachtzigjährige, der er ist, ist er nur im Film.

24. die Bedingung

das Glück, das du erstellen musst, wenn du glücklich werden willst, und die Bedingung dazu, die ist, dass du erst dann glücklich werden kannst, wenn du herausgefunden hast, was dich glücklich macht

25. der Glast

dieses jahrelang nicht mehr gebrauchte und deshalb fast schon vergessene Wort «Glast», an das mich das von Mittagshitze gesättigte Bild aus «High – Noon» erinnert, dieses Wort, das, obschon es das heisse Trockene signalisiert, mir jetzt doch die Tropen in den Körper und vor die Augen jagt, eine Vorstellung, die abzuwenden mir nicht gelingt; – sie bleibt.

26. der Federhalter

was ich fand, ohne es zu suchen: den Federhalter, mit dem ich vor 61 Jahren als Siebenjähriger bei Lehrer Redmann im Schulhaus Leimbach schreiben zu lernen begann, – nur seine Farbe Grün war in meiner Erinnerung längst erloschen,

26a.und was mich erstaunt, ist: nicht etwa der Fund und sein Nostalgiewert, sondern die Tatsache, dass er dort war, wo ich ihn vor sechs Jahrzehnten hingelegt hatte (in die rote Kartonschachtel) und dass er da war, obwohl ich ihn längst vergessen hatte und deshalb nicht verloren geglaubt haben konnte.

27. die Mühe

das blendend pralle Sonnenlicht über dem Eingang zum Friedhof der Freuden in Lissabon, dieses heisse Licht, durch das der alte Mann an Stöcken so zäh und gekrümmt vorwärtsschritt, als schleppe er nur mit Mühe seinen schwarzen Schatten am Boden hinter sich her.

28. die Poesie

das Entsetzen, das mich peinigt ob der heftig steigenden Zahl der Dinge, die ich bereits vergessen habe, und der Trost, dass ich wenigstens alle jene Dinge nicht vergessen kann, die mir Poesie geworden sind.

29. der Satz

der Satz, den mir nur die deutsche Sprache zu sagen erlaubt, und dem nichts und gar nichts mehr beigefügt werden muss, gar nichts mehr beigefügt werden kann, weil er der Satz von Allem ist: „Wenn der Anfang endlich zu Ende ist, kann der Schluss beginnen“:

Peter K. Wehrli, geboren 1939, Studium der Kunstgeschichte in Zürich und Paris. Reisen durch die Sahara und zur Piratenküste. Längere Aufenthalte in Südamerika. Redaktor beim Schweizer Fernsehen DRS. Tätigkeit als Herausgeber. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. «Zelluloid-Paradies» (1978), «Eigentlich Xurumbambo» (1992), «Katalog von Allem» (1999). Eine stark erweiterte und neu organisierte Ausgabe erschien 2008 unter dem Titel «Katalog von Allem: Vom Anfang bis zum Neubeginn» im Ammann Verlag, Zürich.

Webseite des Autors

Sorj Chalandon «Am Tag davor», dtv

Seit Jahrhunderten wird Bergbau betrieben. Und immer stiegen Menschen hinab, um den Profit jener zu bedienen, die mit dem Abgebauten das grosse Geschäft machten. Ein schmutziges Geschäft, das Tausende von Toten forderte. Und wer seine Grubenarbeit überlebte, war doch vom Tod gezeichnet, nicht nur von der Angst, sondern durch den feinen Staub, der sich in jeder Zelle festsetzt.

Am 27. Dezember 1974 sterben über 40 Bergleute in der Grube Saint-Amé in der nordfranzösischen Bergbaustadt Liévin, einer Stadt die vom Kohleabbau lebte, in der noch heute, 40 Jahre nach der Stilllegung der letzten Gruben, vieles an jene Zeit erinnert. «Am Tag davor» ist aber weit mehr als die Geschichte, das Protokoll einer Grubenkatastrophe und deren Auswirkungen. Der neue Roman von Sorj Chalandon leuchtet in die Seele eines Verwundeten, beschreibt das ganz persönliche Drama eines Mannes, der unter den Felsbrocken seiner eigenen Geschichte verschüttet liegt, der gefangen von seiner Sicht der Dinge, seinem Wahn, seiner Erklärung der Welt die Dinge in die Hand nehmen will, um sich am Leben, der Ungerechtigkeit zu rächen.

Sorj Chalondons Roman erzählt die Geschehnisse jener Tage kurz vor und kurz nach dem Grubenunglück. Im zweiten Teil des Romans ist es eine ganz andere Katastrophe. Die von Michel, der 1974 sechzehn ist und seinen älteren Bruder und Bergmann in jener Katastrophengrube im Spital sterben sieht, der sich von seinem Vater, der immer gegen die  gefährliche Arbeit untertags war, losgeschickt sieht, sich für den Tod seines Bruders und seiner Kumpel zu rächen. Einen Tod, den er dem reinen Profit zuschreibt, gezielter Liederlichkeit. Michel heiratet, bekommt eine Stelle als Lastwagenfahrer, weil er der Bruder eines Opfers ist, muss seinen verbitterten Vater vom Strick im Stall losbinden und begraben, sieht seine verbitterte Mutter sterben, findet eine Frau, die den Alp mitheiratet, die an Krebs erkrankt, die er im Sterben begleitet. Michel zieht sich immer mehr in sich zurück. Sein Plan, sich für sein eigenes und das Unglück seiner Familie zu rächen, wird zum Wahn. Bis er sich durch akribische Vorbereitung jenem Mann gegenüber sieht, den er seit Jahrzehnten für den Tod der 42 Bergleute, für den Tod seines grossen Bruders verantwortlich macht. Aus dem Verbrechen damals wird Verbrechen heute. Michel lässt sich festnehmen, nackt, mit Kohlenstaub eingeschmiert, wird eingesperrt und angeklagt.

Aber im Gefängnis, im Gerichtssaal, in Gesprächen mit seiner Verteidigerin, denen er sich immer wieder durch Schweigen entzieht, wo eigentlich der zweite Teil seines Rachefeldzuges gegen die Obrigkeit, gegen den Profit, gegen die Willkür stattfinden soll, wird Michel mit einer ganz anderen Wahrheit konfrontiert. Nicht nur Michel in seinem nie versiegenden Schmerz, sondern auch ich als Leser, der sich im ersten Teil des Romans ganz und gar auf die Seite Michels geschlagen hat, der ich darauf wartete, bis sich die Faust des Opfers gegen Ungerechtigkeit erhebt.

„Am Tag davor“ ist die Geschichte eines Wahn-sinnigen, eines Mannes, der all meine Sympathien gewinnt, der sein Leben nach einem Fehler, einem Unglück in eine Richtung drückt, die alles künftige Unglück in ein anderes Licht rückt. Der sein Tun rechtfertigt, seinem Plan, sich für all das Unglück an einem Mann und der Öffentlichkeit zu rächen, rechtfertigt. „Am Tag davor“ ist ein Roman darüber, dass nicht nur Michel in seinem Schmerz, sondern jeder seine Gegenwart, den Plan seiner Zukunft auf eine Vergangenheit baut, die er nur durch seine Augen sehen kann. Augen, die sich trüben, die verschieben, ausblenden, verwischen – lügen.

„Am Tag davor“ ist deshalb ein Meisterwerk, weil der Roman vielschichtig, nicht vorhersehbar, überraschend und entlarvend ist. Weil Sorj Chalandon viel mehr als eine Katastrophe schildert. Weil ich als Leser ertappt werde, mir als Leser genau das passiert, worin sich Michel in seinem Leben nach 1974 manövrierte; eine Gegenwart, die auf Sand baut, die wegrutscht, wenn man sich den Fakten stellt. Der Roman bietet derart viele Spielarten der Interpretation, dass man das Buch nach der letzten Seite noch lange aufgeschlagen liegen lassen will.

Vielleicht geht es Sorj Chalandon ja auch nur auf den ersten Blick um die Geschichte des Grubenunglück und das Schicksal Michels. Vielleicht ist «Der Tag davor» ein Roman darüber, was Geschichte ist. Wo die Wahrheit liegt in einer Gesellschaft, die sich Informationsgesellschaft nennt, wo scheinbar alle Fakten auf dem Tisch liegen. Grosse Literatur!

© D. Rouvre

Sorj Chalandon, geboren 1952 in Tunis, war viele Jahre lang Journalist. Seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie wurden mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Auch sein schriftstellerisches Schaffen wurde mit nahezu allen grossen französischen Literaturpreisen gewürdigt. «La légende de nos pères» (2009) erschien 2012 als erstes Buch in deutscher Übersetzung u.d.T. «Die Legende unserer Väter». «Mein fremder Vater» wurde mit dem Prix du Style ausgezeichnet.

Rezension von «Mein fremder Vater» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Das 48. Literaturblatt entsteht!

Wieder vier ganz besondere Bücher, für die ich mich für einen Tag in meine Bibliothek vergrabe und das neue, 48. Literaturblatt gestalte. Ich hoffe, allen AbonnementInnen damit etwas schenken zu können; Vier Bücher, für es sich lohnt, Lebenszeit zu teilen. Ich bin mir sicher!

«Sehr herzlichen Dank für deine hübsche Post, die Micha mir vorgelesen hat, da ich so klein gar nicht mehr lesen kann. Faszinierend, wie gegensätzlich unsere Sicht auf diesen Text ist, den ich mir abgerungen habe wie selten einen, der mir klobig, knochig vorkommt und als das absolute Gegenteil von Auskosten, manchmal fast bis zum Skelett reduziert. Vom Stoff her wäre es ein Roman, aber es war mir fast nicht möglich, zu Sprache zu finden, weil die Welt der Figuren eine fast wortlose ist.» Tim Krohn

«Mein Briefkasten ist meist leer, nur alle paar Wochen kommt eine Rechnung, Werbung, Behördenbrief, hässliche Post von der Hausverwaltung. Vor einigen Tagen: das Literaturblatt. Vier kleine Texte, einer davon über „Hundesohn“. Handgeschrieben. In einer leicht zur Seite fließenden Schreibschrift, die sich aus dem letzten Jahrtausend auf magische Weise in die digitale Zeit gerettet hat. Das kleeblattförmige H, die filigranen Schlenker an den Buchstaben, ich staune und erinnere mich an meine Schulzeit, ich hatte immer eine Vier in Schrift. Danke, lieber Gallus, für Deine flammende Literaturliebe, den Schwung und die Schnörkel in Deiner Sprache und Deinem Handgelenk.» Sonja M. Schultz

«Es ist schön, von der Frankfurter Buchmesse zurückzukehren und nach viel Getümmel, Gespräch und Gewese eine in feiner Handschrift verfasste Besprechung eines Lieblingsbuches vorzufinden: Von Norbert Scheuers „Winterbienen“. Verbindlichsten, besten Dank in die mir liebe Schweiz, Ihre Tanja Warter» C. H. Beck Verlag

Peter Stamm «Marcia aus Vermont. Eine Weihnachtsgeschichte», S. Fischer

«I have opened the door
In sign of surrender. The house is filling with cold.
Why will you stay out there? I am ready to answer.
The doors are open. Why will you not come in?»

Zeilen eines Gedichts, das der Erzähler in einem antiquarisch erstandenen Büchlein im kleinen Ort in Vermont findet. Ein paar Zeilen, Einladung und Abschreckung zugleich. Erinnerungen sind Türen. Und hinter manchen Türen verstecken sich Geschichten zu Erinnerungen, die durch die Zeit zu Fiktion werden. Erinnerungen sind immer erfunden. Gesehen und erfühlt durch ganz eigene Wahrnehmung, geformt und verändert bis zur Unkenntlichkeit.
Und mit einem Mal, einem Moment, in dem der Lichtschein einer fernen Erinnerung ins Bewusstsein scheint, machen sich Türen auf zu Zeiten, die in der Vergangenheit vergessen schienen. Türen, die einladen, die im Ungewissen lassen, ob es gut ist, die Tür ganz zu öffnen und einzutreten.

Peter war schon einmal in den Staaten, vor dreissig Jahren, damals noch ein unbekannter Künstler auf der Suche nach einem Weg, einem Ziel. Damals begegnete er durch Zufall auf den Strassen New Yorks einer jungen Frau, Marcia, der er für eine Zigarette Feuer gab, deren Hand er berührte, die ihn mit dieser Berührung in ein anderes Dasein zog, eine Wohnung, ein Bett, in Beziehungen, Freundschaften. Die Tage um Weihnachten bis Neujahr ziehen den jungen Mann in einen Strudel von Geschehnissen, die so intensiv sind wie sie abrupt enden. Erst drei Jahrzehnte später, wieder an Weihnachten, will Peter, mittlerweile gestandener Künstler, wissen, was aus dem geworden ist, was mit einem Mal wieder aufblitzt. Er lässt sich in eine Künstlerresidenz einladen, von der er weiss, dass sie von Marcias reichem Vater initiiert wurde, verbringt Tage im Schnee in Vermont, eingeschlossen von einem Blizzard, zusammen mit einem Bildband, in dem er Fotos von sich und Marcia findet und einem Text ganz am Schluss des Buches mit dem einen Satz «Ein Kind ward uns geboren». Peter wartet auf die Begegnung, auf Klärung, wird krank und sieht im Fieber seine Träume Fiktion und Realität ineinander verlaufen.

Eine Weihnachtsgeschichte, die die alte Frage «Was wäre wenn?» stellt. Fragen, die sich stellen, wenn die Zeit stehen bleibt, wenn man dick eingeschneit ist, wenn sich Fieberträume mit der Gegenwart queren. Ist das, was ich an Erinnerungen mit mir herumtrage, was das Fundament meines Denkens ausmacht, bloss eine sirrende Spiegelung? Eine Täuschung? Verblendung? Ist da sogar ein Kind aufgewachsen, von dem er nichts wusste.
So sehr die Reise damals, vor mehr als dreissig Jahren, ein Befreiungsschlag gegen ein altes klebriges Leben war, so sehr holt Peter in seiner eingerahmten Gegenwart ein Leben ein, dass er so nicht geführt hatte.

Peter Stamms 80seitige Weihnachtsgeschichte ist auch eine Erleuchtungsgeschichte, auch wenn das Licht an ihm vorbeizieht. «Ein Kind ward uns geboren», dieser Satz in jenem Buch, in dem Peter Fotos von sich und Marcia fand, sind wie ein Blitzstrahl in ein Leben, dass während den Tagen in Vermont, über dreissig Jahre nach den Tagen mit Marcia, zu einem Wendepunkt werden könnte, so wie Weihnachtsgeschichten fast immer Wendepunktgeschichten sind.

© Gaby Gerster

Peter Stamm, geboren 1963, studierte einige Semester Anglistik, Psychologie und Psychopathologie und übte verschiedene Berufe aus, u.a. in Paris und New York. Er lebt in der Schweiz. Seit 1990 arbeitet er als freier Autor. Er schrieb mehr als ein Dutzend Hörspiele. Seit seinem Romandebüt «Agnes» 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken, zuletzt die Romane «Weit über das Land» und «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» sowie unter dem Titel «Die Vertreibung aus dem Paradies» seine Bamberger Poetikvorlesungen. «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» wurde ausgezeichnet mit dem Schweizer Buchpreis 2018.

Rezension von «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Liebe Leserinnen und Leser!

Kat Menschik ist freie Illustratorin. Ihr Gartenbuch «Der goldene Grubber. Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr» (2014) wurde zum Dauerseller und unter die 25 schönsten Bücher des Jahres gewählt. Seit 2016 gestaltet Kat Menschik ihre eigene Buchreihe, jeder dieser Bände ist individuell gestaltet und ausgestattet: Shakespeares «Romeo und Julia» (2016), Kafkas «Ein Landarzt» (2016), E.T.A. Hoffmanns «Die Bergwerke zu Falun» (2017), Volker Kutschers «Moabit» (2017), Edgar Allen Poes «Unheimliche Geschichten» (2018) (ebenfalls eines der 25 schönsten deutschen Bücher des Jahres). Zuletzt erschien «Essen essen (mehr ist mehr!)» im Frühjahr 2019.

Kat Menschik besucht im kommenden Sommer das Literaturhaus Thurgau in Gottlieben am Seerhein! Weitere Informationen folgen.

Christoph Ransmayr «Arznei gegen die Sterblichkeit», S. Fischer

«Ein Schriftsteller? Ein Dichter? Nein, ich erhebe keinen Anspruch auf solche Titel. Ein Erzähler? Nennen Sie mich, wie Sie wollen», meint Christoph Ransmayr über sein Selbstverständnis als Autor. Mit «Arznei gegen die Sterblichkeit» macht Christoph Ransmayr ein Geschenk.

Drei Geschichten, ein schmales Büchlein. Damit macht man eine Zugfahrt durch eine regenverhangene Landschaft zu einem Ereignis, das unerwartet lange Warten beim Arzt zur Reise bis in die Steinzeit, man besänftigt den unruhigen Geist, der sich nachts gegen den Schlaf wehrt.

In seiner Vorgeschichte unter dem Titel «Arznei gegen die Sterblichkeit» macht sich der Schriftsteller Gedanken zu seinem Tun, seinem Schreiben, vergleicht sich mit dem alten, vernarbten Mann, der vor mehr als einer Million Jahren unter einer überhängenden Felswand an einer Feuerstelle sitzt und Geschichten erzählt. «Das einzige Tauschmittel, mit dem er … für menschliche Gesellschaft bezahlen kann, ist der Brückenschlag von den Dingen und Gestalten des Lebens über den Abgrund der Sprachlosigkeit hinweg in das Reich der Laute, des Flüsterns, des Schreiens und der Worte.» Christoph Ransmayr sieht sein Tun wie jenes des Geschichtenerzählers, der sich damit seine Existenzberechtigung gibt. Leicht nachvollziehbar in einer Zeit, in der Optimierung und Leistung zählen, in der einem eine Aufgabe zugesprochen wird, in der man zu funktionieren hat. Etwas, was mit der Kunst alles andere als harmoniert. Etwas, was immer und immer wieder Rechtfertigung fordert, dass allzu schnell und leicht als Beigemüse abgeurteilt wird, wo vergessen wird, dass das Erzählen, die Sprache, die Kunst überhaupt Identität schafft, Selbstbewusstsein. Kunst erinnert, mahnt, konfrontiert, provoziert, hinterfragt. Was wäre eine Gesellschaft, die sich all das nicht leisten würde?

In der ersten Geschichte «Mädchen mit gelbem Kleid» erzählt Christoph Ransmayr vordergründig von einer Reise nach, der Begegnung mit einem Kind, das sich mit dem Schleppen eines Wasserkanisters abmüht, denn die einzigen Rohre, die je verlegt wurden, gehören Konzernen zur Bewässerung ihrer Plantagen, von der Begegnung mit Berggorillas, dort wo Forscherin Dian Fossey hinterrücks erschlagen wurde. Ransmayr offenbart, wie sehr sich Europa über Jahrzehnte an der Welt bediente, sie sich zu Untertan machte, schamlos ausbeutete, Mensch, Tier, Natur, Bodenschätze. Dass der Reichtum Europas bis in die Gegenwart vom Blut der Jahrhunderte getränkt ist. Ransmayr reist nicht als Tourist. Schon sein Buch «Atlas eines ängstlichen Mannes» macht klar, dass Christoph Ransmayr keine Reiseziele sammelt. Es sind Begegnungen, zu denen mich der Autor mitnimmt, Begegnungen mit Menschen, mit der Menschlichkeit, auch dort, wo sie vergessen scheint.

In der dritten Geschichte «An der Bahre eines freien Mannes» erzählt er die Geschichte von Kohlhaas. Nicht jene mit der sich Kleist in den Kanon der deutschen Literatur schrieb und doch von jenem Kohlhaas, jenem aufrechten, guten Menschen, der sich mit der Justiz anlegt und an der «Gerechtigkeit» zugrunde geht. Ransmayr erzählt von seinem Vater, einem unehelichen Kind, mit vielen Talenten gesegnet und gefördert, der sich während des Krieges erfolgreich um eine Nazikarriere «drückte», Lehrer wurde, engagiertes Mitglied einer kleinen Landgemeinde, bis man ihm den Strick um den Hals legte und ihn in einem dorfinternen Machtkampf unlauterer Geschäfte beschuldigte. Sein Vater verstrickte sich mit der Justiz und dem Dorf und als er endlich freigesprochen in sein altes Leben zurückkehren wollte, starb seine von Sorgen gequälte Frau. Eine Geschichte darüber, dass es manchmal nicht reicht, Gutes zu tun, ein guter Mensch sein zu wollen. Vielleicht auch eine Geschichte darüber, dass sich Ransmayr selbst nicht traut, von sich selbst als Dichter und Schriftsteller zu sprechen.

«Arznei gegen die Sterblichkeit» ist Anstoss für vieles. Ein literarisches Kleinod, ein wunderbarer Beweis für die Kunst eines grossen Schriftstellers. Und für all jene, die Ransmayr schon lange kennen eine Ode an die Erinnerung.

© Magdalena Weyrer

Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen «Die Schrecken des Eises und der Finsternis», «Die letzte Welt», «Morbus Kitahara», «Der fliegende Berg» und dem «Atlas eines ängstlichen Mannes» erschienen bisher zehn Spielformen des Erzählens, darunter «Damen & Herren unter Wasser», «Geständnisse eines Touristen», «Der Wolfsjäger» und «Gerede». Für seine Bücher, die in mehr als dreissig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen. Zuletzt erschien der Roman «Cox oder Der Lauf der Zeit».

Autorenwebseite

Rezension von «Cox oder Der Lauf der Zeit» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Susanne Gregor «Das letzte rote Jahr», FVA

Das Jahr, in dem die Mauern fallen, sich Grenzen unerwartet öffnen, eine Zeitenwende über Europa hereinbricht; 1989. In Žilina, in der tschechoslowakischen Provinz, erleben drei Freundinnen, die in einem Plattenbau seit «Ewigkeiten» übereinander wohnen, wie sich nicht nur im Land, sondern bei der Arbeit, in den Familien, in der Schule, den Köpfen und den Herzen mit dem letzten roten Jahr alles ändert.

Die Ich-Erzählerin Miša und ihre beiden Freundinnen Rita, sie wohnt über ihr und Slavka unten, alle 14 und irgendwo zwischen Kindheit und noch nicht Erwachsensein verloren, erleben, was erst nur gerüchteweise, dann durch ausländische Radiosender und schlussendlich im Fernsehen wie ein langsamer Tsunami über die Länder am eisernen Vorhang hereinbricht. Die Vertrautheit der drei Mädchen, die unverrückbar und uneinnehmbar schien, zerbricht an den Geschehnissen, die nichts so zurücklassen, wie es einst für eine Ewigkeit eingestanzt war. Susanne Gregor schrieb einen Wenderoman aus der Sicht eines Mädchens, das sich mit dem Untergang der sozialistischen Tschechoslowakei aus Freundschaft, Familie, Sicherheit und Kindheit herausgerissen fühlt.

Susanne Gregor beginnt ihren Roman, als Miša in der Gegenwart von der Arbeit in einem Wiener Café und dem anschliessenden Besuch in der Bibliothek mit einem Stapel Bücher nach Hause kommt und den Fernseher einschaltet. In einer Vorabendseifenoper sieht sie im Hintergrund ein Gesicht, das sie kennt. Das Gesicht von Rita. Das Gesicht einer der beiden Freundinnen, die sie nach den Turbulenzen im Spätherbst 1989 aus den Augen verlor. Miša erinnert sich. Erinnert sich an einen Frühling, in dem alles in gewohntem Trott begann; die Streitereien der Eltern, die Besuche der sauberkeitsversessenen Grossmutter, die ewig mittelmässigen Leistungen in der Schule und die Beschwerden der entsprechenden Lehrer.

Aber was wie ein Rumpeln in den Tiefen der Sedimente schon vernehmbar ist, rüttelt auch an der Selbstverständlichkeit einer gewachsenen Freundschaft. Mišas Freundin Rita, die über ihr wohnt, verrennt sich immer mehr als überzeugte sozialistische Pionierin, schwänzt die Schule, weil ihre schichtarbeitenden Eltern fehlende Kontrolle zur Erziehungsmaxime erklären. Und Slavka unter ihr versteigt sich in ihrer schwärmerischen Liebe für den jungen Geschichtslehrer und ihrer Bestimmung als Gymnastiktänzerin. Momente des vertrauten Zusammenseins werden immer seltener, Selbstverständlichkeiten bröckeln.

Miša findet weder in der Schule noch zuhause jene Antworten, die die Gegenwart an Fragen stellt. Allerhöchstens Bücher tun es. Sie erzählen vom Leben, von der Liebe, von den grossen Geheimnissen. Miša weiss, dass hinter der Verstocktheit ihres grossen Bruders, hinter den Streitereien ihrer Eltern und den Andeutungen ihrer Grossmutter Wahrheiten verborgen sind, die nicht aufzuschlüsseln sind. Noch viel weniger, weil sich bis in die Familien mit den Geschehnissen des Jahres 1989 alles zu wandeln beginnt.

Es sind nicht so sehr die Geschehnisse aus der Sicht eines halbwüchsigen Mädchens, die mich an diesem Roman überzeugen, sondern wie Susanne Gregor es schafft, jene Risse in Politik und Gesellschaft, die Umwälzungen jenes Jahres aus der Sicht eines Mädchens zu schildern. Frühling, Sommer, Herbst und Winter in der Provinz, im Schatten des Weltgeschehens. Eine Welt zwischen Kindheit und Erwachsensein, Lichtjahre von beidem entfernt, dem naiven Glück eines Kindes und der geschlossenen Welt der selbst erklärten Erwachsenen. Alles bewegt sich, nichts ist mehr so, wie es einmal war. Die mit Stacheldraht und Schiessbefehl gesicherten Grenzen brechen auf, die Berliner Mauer fällt. Aber die Mauern und Grenzen fallen auch in den Menschen, die sich nicht mehr hinhalten lassen. Susanne Gregor erfühlt den Schmerz zerbrechender Freundschaft, einer Desillusionierung, die in ein ganzes Leben einbricht.

«Das letzte rote Jahr» ist ein Roman des grossen Aufbruchs, solide erzählt mit dem sicheren Gespür für die Feinheiten im Kleinen wie im Grossen. Die fast nüchterne Erzählweise kontrastiert mit den umwälzenden Geschehnissen des letzten roten Jahres, wie immer dünner werdendes Eis zerbricht, Geschehnisse auf der grossen Bühne Familien zerreissen, bis Vaclav Havel, damals eben mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet und eben noch Monate wegen «Rowdytums» im Gefängnis, zum ersten Präsidenten eines neuen Landes wurde.

Susanne Gregor, 1981 in Žilina (Tschechoslowakei) geboren, zog 1990 mit ihrer Familie nach Oberösterreich. Nach dem Studium der Germanistik und Publizistik in Salzburg lehrte sie ein Jahr lang an der University of New Orleans. Seit 2005 wohnt Gregor in Wien, wo sie Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. 2009 gewann sie den Förderpreis des Hohenemser Literaturpreises und 2010 den ersten Preis der exil-literaturpreise. 2011 erschien ihr Debütroman «Kein eigener Ort», 2015 der zweite Roman «Territorien», 2018 folgte der Erzählband «Unter Wasser».

Webseite der Autorin

Zum Beitragsbild: Nach der Lektüre von Vaclav Havels Buch «Angst vor der Freiheit» (Rowohlt) schrieb ist damals in aller Naivität einen Brief an der Adresse der Prager Burg. Zurück kamen zwei von Sachbearbeitern geschriebene Sätze und ein Foto mit der Signatur Vaclav Havels. Seither steht steht die Fotographie auf einem Regal in meiner Bibliothek.

Christian Uetz «Von mir ist nur der Gedanke», Plattform Gegenzauber

Ich habe kein Recht,
nicht Nietzsche zu sein, nicht
Kierkegaard, nicht Rilke. Auch ohne
Werke. Ich habe kein Recht, nicht wahnsinnig
zu sein, nicht zerspringend, nicht zerrissen. Auch
ohne Erfolg. Kein anderer ist schuld
am mich vom Anderen vom
Anderen abbringen lassen, wo
auch immer.

Von mir
ist nur der Gedanke, und der
ist nicht. Nicht da, nicht ich. Also bin ich nicht.
Nur du, und auch du nur mit allen gebrochen,
alle Zeit auf den toten Punkt gebracht, den schwarzloch
gerochenen. So sterngenau strahlt deines maßlos
ermordeten Morgens unvermoderbare
Mittagsverzückung aus den Lichtporen der
augenübersäten Nacht.

Ich trinke dich in mich
zurück. Ich sauf dich Tag und Nacht.
Und wiederum seufzst du mich in dich
hinaus. Du bist ja draußen in mir drin. Ich bin ja völlig
außer mir aus dir. Das macht ja den ununterscheidbaren
Unterschied zu meiner unverlassbaren Unentscheidbarkeit,
dass ich dich Lichttrunkene noch nicht, nicht und nicht mehr hell
sehe. Doch Himmel unserer höllischen Gottgleichheit, du uns in Funken
Getunkte, die du nicht bist, bist das
Werde, der du bist. Ich bin nicht
so. Du allein gibst mir das Unrecht, so
zu sein, wie ich bin. Und
so bin ich nicht.
Wenn es ist,
ist es immer, und es ist
nicht. Wenn du bist, bist du überall, und
du bist nicht. In dem Ich bin bist du, indem
ich bin nicht da. Und immer schlägst du unser
Du Nichtsein nieder. Da bin ich wieder, und kann mich
zum Büßen noch einmal entblößen. Bringt es das?
Nicht wirklich. Wirklich nichts als das ist
wirklich, worin wir allein uns begegnen,
im Unwirklichen von allem. Bringt
dich das näher?
Vollkommen.

Wo ich nicht
bin, bist du, wenn
ich weg will. Womit zeigst
du dich nicht? Mit der Zeit,
mit der abständigsten, durch
die abgestrittenste Lust, die
allmählich abseitigste, ab
schaumgeborenste.

 

secession Verlag

Der 1963 in Egnach am Bodensee geborene Christian Uetzist studierter Philosoph, und er glaubt an keine Wahrheit ausserhalb der Sprache. Ob im Gedicht oder in der Prosa: Sein Tanz an ihren Rändern ist immer auch ein Seiltanz über den Abgründen der Existenz. Und er gilt als Virtuose, wenn es um die Intensität der Sprache geht. Auswendig und in einem rasenden Tempo rezitiert er seine Texte bei Auftritten, dass einem Hören und Verstehen vergeht. Das ist gewollt. Einzig die Wortkraft zählt und die Suggestivkraft der Sätze,ckaum deren Inhalt. In seinem Gedichtband «Engel der Illusion» formuliert Uetz spielerisch und doch souverän Gedichte um gewichtige Themen: um die Präsenz des Anderen im Selbst, um Anwesenheit und Abwesenheit, um Negativität und Transzendenz. Mit seinen bildgewaltigen, selbstverlorenen und dabei tief nachdenklichen Gedichten sucht Christian Uetz in der Sprache nach der verborgenen Präsenz dieser Engel der Illusion, um ihr Scheinen erfahrbar zu machen. Was seine Texte so hervorbringen, sind Ekstasen der Begierde und die Trunkenheit der Vernunft. Es ist der Wahnsinn des Tages. Ihr Fluchtpunkt bleibt dabei stets eine mitreissende Affirmation des Lebens und der Sinnlichkeit, ein Lob der Sprache als derjenigen Kraft, welche die Illusion als Wahrheit, das Jenseits als Teil des Diesseits erkennbar macht.

Beitragsfoto © Internationales Literaturfestival Leukerbad