Für jede Kunst ein Haus? Bildende Kunst in Museen und Galerien, Musik in Konzerthäusern und Clubs, Theater und Tanz auf Bühnen und Plätzen, Film in Kinos und zuhause, Literatur im Literaturhaus, im kleinen Lesekreis oder für sich, ganz allein. Was ganz zaghaft aufzubrechen beginnt, was viele Kunstschaffende längst auf ihre Fahnen geschrieben haben, die Sparten aufzubrechen und miteinander zu verbinden und zu verweben, manifestiert sich in aller Deutlichkeit am Lyrikfestival Basel.
Ulrike Almut Sandig, vielfach preisgekrönte Lyrikerin und Erzählerin, schon oft zusammen mit MusikerInnen aufgetreten, vertonte ihre Gedichte, ihre Texte zusammen mit der jungen Pamela Méndez, einer jungen, freischaffenden Songwriterin aus dem aargauischen Brugg, die bald ihr drittes Album veröffentlichen wird. Zusammen mit anderen Paarungen traten die beiden am Freitag spät im Sommercasino Basel auf, nachdem sie sich einen Nachmittag zusammen für diesen einen Auftritt vorbereitet hatten. So entstand ein vielschichtiges Klangkunstwerk, eine Performance aus Sound, Text, Stimme, Rhythmus und Gestus, öffnete sich ein weites Feld, dass den Text aus seiner Hülle riss, die Musik den Text dem Boden enthob und in neue Sphären katapultierte. Erfindungsreich und wagemutig, genauso wie politisch und gesellschaftskritisch. Ulrike Almut Sandig relativiert sowohl formal, inhaltlich und performativ die Grenzen traditioneller Lyrik.
Sie fügt sprachliche Netze zusammen, wirft sie aus, nicht um LeserInnen zu gewinnen, sondern in der Hoffnung, dass diese etwas von dem wiedererkennen, was an Verlinkungen in ihren Büchern ausgelegt ist, geheimnisvoll, zahlen- und symbolverliebt. Dichtung sei wohl die mutigste aller Kunstformen, meinte die Autorin, denn keine andere Kunstgattung strecke die Arme so weit auf, um andere Genres einzuladen und mitzunehmen.
Ebenso beeindruckend der Auftritt von Michael Fehr und Manuel Toller, die das Literaturhaus Basel zu einem musikalischen Tollhaus werden liessen. Als hätte Michael Fehr seine Geschichten, Bilder und Texte wie wilde Hunde losgelassen, als hätten die beiden den kratzenden, wütenden Sound eines Tom Waits ins Land hineingelassen, um ihn in helvetischem Grove an den Steilhängen der vaterländischen Widrigkeiten hinaufzupeitschen. Die beiden waren ein wahrhaft hinreissendes Ereignis, so gar nicht das, was man sonst in einem Lyrikfestival vermuten würde.
Preisträgerin des diesjährigen Basler Lyrikpreises 2020 ist die junge Dichterin Eva Maria Leuenberger mit ihrem Debütband «dekarnation», herausgegeben bei Droschl. Alisha Stöcklin und Rudolf Bussmann, beides Mitglieder der Lyrikgruppe Basel, die Festival und Preisvergabe organisiert, priesen in ihrer gemeinsamen Laudatio einen Erstling, der nichts mit Anfängerglück gemein hat, lobten einen sprachlich raffinierten Naturlyrikzyklus über «tal – moor – schlucht – tal», der ebenso viel Reife wie unmittelbare Nähe zu Sprache und Motiv zeigt. Dekarnation als Form der Inkarnation. Dekarnation nicht als das Ende, den blossen Zerfall, sondern den Anfang von etwas Neuem, nicht Schluss, sondern Beginn, losgelöst von der Zeit, nicht eingegrenzt in ein Dasein, ein Leben, sondern kleiner Abschnitt eines Ganzen, eines Kreislaufes. Lyrik, die trotz der Erdigkeit durch Leichtigkeit überzeugt, das scheinbar Dunkle erhellt.
hier ist ein tal
in vorhergesehener form
mit berg und bach und grüner wiese
am rande des baches
am ende der ersten äderung
wächst moos über die steine
zieht flaumig über die ränder hinweg
in diesem tal
lebt niemand mehr und niemand
kennt den weg:
ich wache auf
am rande des baches
und höre das wasser
der mund spricht ein wort
und ordnet es in die hügel ein
am bachufer, die decke aus moos
ich spüre den boden
wie er nachgibt unter mir
der bach, lang und laut,
beachtet mich nicht
hinter dem wasser
die anfänge von licht
splitternd, gehüllt ineinander
wie arme, schlingend
auf der haut perlt das wasser
in tropfen, licht /
darin der himmel ein boden
auf der anderen seite
des wassers
sitzt ein vogel, gefiedert,
blau mit gelb darum
und knickt den kopf:
es ist still
wir sind allein
Schlusspunkt in einem äusserst vielfältigen und abwechslungsreichen Programm war die Lyrikerin und Musikerin Lydia Daher, die zusammen mit dem Musiker Hannes Buder erst recht die Grenzen zwischen Musik und Literatur, zwischen Lyrik und Lyrics verwischen will. Sie arbeitet an Schnittstellen, tummelt sich an Genregrenzen, bildende Kunst mit eingeschlossen. Angesprochen, ob den Musik nicht einfach nur untermale oder begleite, meinte Hannes Buder: «Im besten Falle höre ich gut zu.» So wie der Illustrator seine Arbeit längst nicht mehr nur als Bebilderung versteht, will Hannes Buder weder Textmusik noch Hintergrund. Text und Musik als ebenbürtige MitspielerInnen, Fragende und Antwortende.
Ein gelungenes Festivalspektakel trotz des grossen Abwesenden Lutz Seiler! Ein grosses Kompliment an den unermüdlichen Eifer der organisierenden Lyrikgruppe Basel unter ihrer Präsidentin Simone Lappert.
Es gibt Romane, die einem beim Lesen magisch ins Geschehen ziehen. Es gibt Romane, die verunsichern, alleine lassen. Und es gibt Romane, die einem beim Lesen immer wieder durchbrechen lassen: Man folgt der Handlung, um mit einem Mal in eine Schicht tiefer ein- und durchzubrechen. Man reibt sich die Augen, immer wieder, bis zur letzten Seite.
Hätte mich jemand während der Lektüre von Mareike Fallwickls neuem Roman „Das Licht hier ist viel heller“ gefragt, worum es den geht in dem Buch, hätte ich bei den fast 400 Seiten wahrscheinlich alle 50 Seiten eine völlig andere Antwort gegeben. Das ist Absicht, geniale Konstruktion! Mareike Fallwickl stösst mich in Tiefen, die mich zur Selbstreflexion zwingen. Mareike Fallwickl blendet schonungslos in die Kampfzonen der Gesellschaft, seien es Rollenbilder, Familienstrukturen, Genderisierung und all das, was mit der MeToo-Debatte aus einem modrig-fauligen Untergrund hervorgebrochen ist.
Maximilian Wenger ist Schriftsteller. Allerdings aus der Mode gefallen, von den LeserInnen verschmäht, vom Agenten bedrängt, von der Familie abgehängt. Er siecht in einer kleinen Wohnung vor sich hin, trauert einem Leben nach, das ihn verlassen hat, leckt seine Wunden. Wenger ist aber nicht nur in seiner Existenz als Schriftsteller mehr als nur in Frage gestellt. Seine Frau Patrizia hat ihn vor die Tür gesetzt und durch einen wesentlich Jüngeren, Knackigeren ersetzt. Seine beiden fast erwachsenen Kinder Zoey und Spin langweilen sich seither alle zwei Wochen ein Wochenende lang in seiner kleinen Wohnung, bewegen sich Lichtjahre von seiner eigenen Welt entfernt. Nicht einmal das faltig gewordene Stück Haut zwischen seinen Beinen ist noch aufrichtig genug.
Bis Briefe in seinem Briefkasten landen, die zwar richtig adressiert sind, aber an den Vermieter gerichtet. Wenger öffnet sie, liest sie. Es sind Briefe einer Frau, die sich in San Remo Luft macht. Zornige, wütende Briefe an einen Mann, der sie verraten hat, der ihr nicht zur Seite stand, als andere Männer ihre Existenz vernichteten, so radikal, dass es nur die Flucht gab.
Mit einem Mal weiss Wenger, worüber er schreiben will. Seine wieder aufbrechende Motivation ist derart radikal, dass Wenger in einen Rausch gerät und in eben diesem Rausch nicht merkt, dass die Themen, über die er schreibt, wie eine Tsunamiwelle über ihn schwappen. Aber Wenger schreibt in einem Bunker. Obwohl seineTochter sich nicht nur äusserlich mit einem Mal vollkommen verändert, ihre Signale weder von der socialmediageilen Mutter noch vom egozentrischen Vater wahrgenommen werden, obwohl sein Sohn in der elterlichen Villa beinahe stirbt, weil Bücher brennen, die sich nicht von selbst entzünden, schreibt er sich weg in einen Rausch. Erst recht, als ihm bewusst wird, dass es genau jener Ton der Frau, deren Briefe er zu Unrecht liest, ist, den es braucht, um zurück ins Schaufenster der Öffentlichkeit zu gelangen.
Spin und seine ältere Schwester Zoey werden Schicksalsgemeinschaft, weil weder der schreibende Vater noch die umtriebige Mutter je die Zeit und Zuwendung hatten, die vonnöten gewesen wäre. „Wir steuern dieses Flugzeug, das nur noch trudelt, aus dem Rauch quillt…, gleich werden wir springen müssen.“ Sie beide werden in Notsituationen gedrängt, aus denen sie sich nur selbst herauswinden können, versehrt, verwundet, verändert und missverstanden.
„Das Licht ist hier viel heller“ ist vieles; ein Familiendrama, ein Roman über die Launen des Literaturbetriebs, ein Roman über Emanzipation und die Befreiung aus festgefahrenen Rollen, aber vor allem ein Roman über die tiefen Gräben in der Gesellschaft, über den Sturm, der über allem fetzt, die Jungen zweifeln lässt, ob es neben Sex Liebe gibt und die Alten, ob der Untergrund fest genug ist, auf dem man sich bewegt.
Mich bewegt der Blick der jungen Autorin, die Klarsicht, das Gespür für die Feinheiten und Details. Mich begeistert die Sprache, der Ton, der sich den verschiedenen Perspektiven perfekt anpasst, die Nähe, die sie zu erzeugen versteht, die in gewissen Situationen körperlich spürbar wird. „Das Licht ist hier heller!“, scheinen alle auszurufen, weil alle nach einem Weg suchen, der sie aus der Schwärze von Schuld und Verletzungen heraushieft.
Unbedingt lesen!
Ein Interview mit Mareike Fallwickl:
Wenn es einen Ort gibt, an dem offene Rechnungen präsentiert werden, an dem sich der Gestank von Verborgenem, Weggeschlossenem und Verdrängtem nicht verbergen lässt, dann ist es „Familie“, jenes zarte, empfindsame Gebilde, jener Sehnsuchtsort, jene Projektionsfläche, die im Brennpunkt ihres Romans steht. Gibt es den Ort, der viel heller ist? Das stimmt, und das macht die Familie für mich so interessant. Ich versuche, in meinen Romanen zu ergründen, was Eltern und Kinder einander antun, wo Schuld wurzelt und welche Konsequenzen sie hat. Aber: Bei allem Egoismus, aller Vernachlässigung und Lieblosigkeit gibt es auch immer etwas Gutes. In „Das Licht ist hier viel heller“ ist das die Beziehung zwischen Zoey und ihrem Bruder. Sie ist getragen von Zuneigung und Zusammenhalt. Das ist mir wichtig, weil ich zeigen möchte: Selbst wenn du ankaputtet bist, kannst du lieben. Selbst wenn alles andere dunkel ist, kann es irgendwo hell sein.
Die Abstände zwischen den Generationen scheinen immer grösser zu werden, auch wenn die Alten Sneakers tragen und sich zunehmend Junge den «Errungenschaften der Zivilisation“ verweigern. Jede und jeder rennt mit Scheuklappen im Gesicht seinem ganz persönlichen Glück hinterher. Jeder sein eigener Kampfstern? Ich sehe das nicht so, dass die Abstände zwischen den Generationen größer werden — die sind seit jeher in etwa gleich gross. Eher im Gegenteil: So viel Kommunikation wie heute gab es zwischen den Generationen nie zuvor. Früher wurde den Jungen von den Alten einfach befohlen, was sie zu tun, zu sagen und zu werden hatten. Die Kommunikation ging nur in eine Richtung. Dass die Menschen Egoisten sind: ja, natürlich. Aber auch das ist kein Merkmal unserer Zeit, so waren sie schon immer. Nie in der Geschichte der Menschheit haben wir aufeinander geachtet, sondern stets auf uns selbst. Deshalb sind wir ja auch da, wo wir sind: ziemlich am Ende.
In gewissen Passagen beschreiben sie das Glück des Schreibens und das des Lesens, den magischen Ort einer Buchhandlung und jenen, wenn einem die Muse an der Hand nimmt. Wo sind die Oasen in ihrer Welt und wodurch sehen sie sie bedroht? Das Lesen ist mit Sicherheit eine Oase, es ist Sucht und Flucht gleichermassen. Wer LeserIn ist, weiss um eine geheime, verborgene Welt in der realen. Wir sind anders, wir leben viele Leben. Bedroht sehe ich diese Oase in keiner Weise. Wer lesen will, wird lesen. Die Sehnsucht nach Geschichten, nach Bildung, nach der Erweiterung des Horizonts ist unabhängig von Zeit und Ort. Ich halte nichts vom Abgesang auf das Buch und von der ewigen Schwarzmalerei. Vieles wird sich verändern, ja. Aber Veränderung ist nichts Negatives.
Die Tatsache, dass ein Vater über genau das einen Roman schreibt, an dem sich seine Tochter verwundet hat, die Tatsache, dass sich der Vater schuldig macht an einem Geschehnis, das sich nur marginal von dem Alp seiner Tochter unterscheidet, macht ihren Roman zu einem Kreiseln, das sich mir als Leser in der Magengrube einlagert. Manifestierte sich der „Kampf“ zwischen den Familienmitgliedern auch während des Schreibens? Die Perspektive von Zoey ist erzähltechnisch ein Spiegel zur Perspektive von Wenger, und die Briefe vernähen diese beiden Handlungsstränge, die für die unterschiedlichen Sichten auf das Familiengefüge stehen, gleichzeitig aber auch im grösseren Ganzen für die alte und die junge Generation, für das Abdanken und den Aufbruch. Es gibt nur wenige Szenen, in denen Zoey und Wenger tatsächlich miteinander interagieren, deshalb ist es weniger ein „Kampf“ zwischen ihnen, vielmehr kämpfen sie beide an unterschiedlichen Fronten. Und das Tragische ist: Sie kämpfen, obwohl sie Vater und Tochter sind, eben nicht Seite an Seite.
Zoey fotografiert. Ein Projekt, mit dem sie sich für ein Stipendium in der Nähe von Prag erfolgreich bewarb, heisst #distorted. Gilt es nicht endlich zu lernen, zu akzeptieren, dass alle Wahrnehmung distorted, verzerrt ist, auch wenn darin viele Gefahren lauern? Es gilt vor allem endlich zu lernen, zu akzeptieren, dass es nichts Normatives und keine Standards gibt. Wir Menschen messen, wiegen und vergleichen, weil wir denken, wir müssten bestimmten Kriterien entsprechen, um geliebt zu werden. Wir schliessen einander aus, wir kategorisieren einander anhand von Unterschieden statt Gemeinsamkeiten. Das ist die Botschaft hinter #distorted: Sämtliche oberflächliche Wahrnehmung ist ein Bild, eine Vorstellung, gefiltert durch unsere Sinne, unsere Sozialisierung. Sie sollte nicht die Grundlage für unseren Umgang miteinander sein. Wir sind alle Menschen, wir haben denselben Ursprung, dieselben Ängste, dieselbe Sehnsucht. In Wahrheit gibt es keine Unterschiede.
Mareike Fallwickl, 1983 in Hallein bei Salzburg geboren, arbeitet als freie Texterin, schreibt für eine Salzburger Zeitung eine wöchentliche Kolumne und betreibt seit 2009 einen Literaturblog. Sie lebt im Salzburger Land. 2018 erschien ihr literarisches Debüt «Dunkelgrün fast schwarz» in der Frankfurter Verlagsanstalt, das von Lesern gefeiert und unter anderem für den Österreichischen Buchpreis sowie das «Lieblingsbuch der Unabhängigen» nominiert wurde.
Ruth Loosli ist eine Streiterin für das Wort, oft unterwegs, viel im Gespräch, immer mit spitzem Stift und kleinem Büchlein. Vor ein paar Jahren lud ich sie einmal ganz spontan zu einer Krimilesung in einer Buchhandlung in Winterthur ein. Ich sah sie am Schaufenster vorbeigehen, kurz stehen bleiben. Aber weil das Buch sie dann doch nicht zu fesseln vermochte, sass sie vor mir mit Stift und Büchlein und begann zu schreiben. Als wäre es hilfreich im Kampf gegen etwas, was ihr nicht gefällt. Als wäre Sprache, Schrift und Schreiben Schild und Speer, mit denen sie sich gegen das zur Wehr setzt, womit die Welt sie attackiert.
Gespräch mit Dichtung:
In einem ihrer Gedichte steht am Anfang:
Die Gedichte ruhen.
Sie sind Handläufe
die unserer Melancholie
schmeicheln und sie
hinunter auf die Strasse
begleiten.
Gibt dir das Schreiben Halt, eine Richtung? Braucht es das Schreiben und ganz besonders Gedichte, um eine immer schwerer zu lesende Gegenwart verständlicher zu machen? Gedichte als Kontrapunkt zu Fakten, denen man dann doch nicht trauen kann?
Das Dichten an sich, dem oft eine innere Aufmerksamkeit vorangeht, ein absolut konzentrierter Moment (wie der Moment, wenn ein Bogen gespannt wird) gibt mir Halt. Es ist meine Art, der Welt zu begegnen. Und auch meiner eigenen Alchemie, die immer wieder für Überraschungen sorgt, für Unsicherheit, für ein Ausbrechen ausgetretener Denkpfade. Überhaupt scheintder Verstand der heutigen Menschen ein Verzerrer zu sein und jeder will für sich in Anspruch nehmen, die Art, wie er die Welt sieht, sei die richtige.
Das erscheint mir lächerlich. Wir sehen täglich, in welche Sackgassen uns dieses Denken führt. Natürlich muss man die Dinge ordnen können, aber sie auf schwarz-weiss hinunter brechen zerstört uns als Menschengemeinschaft und unsere Umwelt.
Wenn dann noch ein Gedicht entsteht in meinem Alltag, ist das Glück.Das Glück, einer Wahrnehmung, einem Moment Gestalt zu geben. In Form von Worten. Andere machen es mit einem Bild, einer Melodie. Und ich habe mich dem Dichten anvertraut als Handlauf meiner Gegenwart.
Gerne weniger
an Gier
an Verlust an
Land an
Hunger an
Ohnmacht an
Rattengift an
Rampenlicht an
enger Sicht an
Hass an
Blindheit und
geschundener
Kindheit
(denn dort werden
die Weichen gestellt)
Man spürt die Leidenschaft, als nähmst du ein Messer in die Hand. Wenn dein Schreiben filetiert, aufschneidet, zusticht. Und doch ist da auch der grosse Hang zur Versöhnung, Umarmung, der Wunsch, den unlauteren Leidenschaften die Macht zu nehmen. Manchmal drückt Wut und Verzweiflung, manchmal das Wissen, dass nur das Kleine, Feine in eignen Händen liegt. Und wenn ich in meiner Lesart der Flüchtigkeit von Momenten bewusst werde, dann in Sätzen wie: «Sag es, ich halt dagegen an: die Luft!» Hat das Schreiben von Gedichten dein Sehen verändert?
Es war und ist ein Prozess und läuft immer auch parallel: ich schaue genau, weil ich Gedichte schreibe. Weil ich verstehen will. Weil ich mein Sehen und genaues Erfassen erweitern will. Das Gedicht ist dann eine logische Folge davon. Funktioniert aber auch umgekehrt, es beeinflusst und bedingt sich wechselseitig.
Zweifel
Die mongolische Hochzeit
findet in der Bretagne statt
das Brautpaar wechselt dreimal
die Kleidung von weiss zu blau zu rot.
Der Abend schreitet fort
und mit ihm das Paar.
Sie trauen der Zeit nicht
obwohl sie einander einen Ring
an den Finger gesteckt haben.
Es liegt ein grosses Staunen in den Gedichten, gepaart mit der Bescheidenheit, die mit dem Mut kämpft, mit der Bescheidenheit, die sich im Hintergrund lässt. Die weiss, dass nur zu gewinnen ist, was man sich mit Sprache verinnerlicht.
Du bist viel unterwegs, im Zug, zu Fuss, mit den Augen, mit deinem Herz – aber auch in den sozialen Medien. Wo stolpert Ruth Loosli?
Welche Frage! Ruth Loosli stolpert immer wieder. Unbedarft. Ungeschützt und manchmal über sich selber. Über minimale Erhebungen, die ich zu spät erkannte, weil zu schnell unterwegs. Ja, manchmal will ich zu schnell an einem anderen Ort sein. Weil genau dort ein Gedicht auf mich warten könnte. Ein Gespräch, eine Idee, ein offener Himmel. Die Bewegung ist zentral für mich. Durch Bewegung und Unterwegs-Sein fühle ich mich lebendig. Und manchmal stolpere ich in ein Fettnäpfchen, weil es mir schwer fällt, Konventionen einzuhalten. Öfter noch stolpere ich in mein Schweigen, das sich als Fallgrube erweisen kann. Da hilft dann nur noch ein Gedicht. Fremd oder eigen unwichtig.
Ertrinken
Ich könnte ertrinken
in meiner Zeit
sie schwappt über wie kochende
Milch über den Pfannenrand
beginnt zu zischen und
gleich danach zu stinken wie es
übergekochter Mich eigen ist
wenn sie die heiße Fläche berührt.
Auch ein bisschen die Angst darüber, was man mit dem «Sehen durch Schreiben» bei sich selber anrichten könnte? Schreiben ist ja nicht nur ein selig machender Prozess, ein nur glückliches Tun. Manchmal droht die Büchse der Pandora.
Ja, die Büchse der Pandora. Das Stinken von übergekochter Milch, wenn sie eine heisse Fläche berührt. Sie hat mit dem Schreiben selbst wenig zu tun (aber auch und gerade das kann man wiederum ganz anders sehen und begründen). Das Schreiben scheint mir eine der wenigen Möglichkeiten, das Stinken zu beschreiben, damit wir es wenigstens als Solches erkennen. Den schlechten Träumen die Stirn zu bieten. Die luftigen, leichten willkommen zu heissen. Die Träume sind mir wichtige Hinweise. Und manchmal scheint mir das ganze Leben mit Wort und Zahl ein einzig listiger Traum.
Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. In derselben Reihe erschien 2016 der Lyrikband «Berge falten». «Hungrige Tastatur» ist ihre erste Publikation im Waldgut Verlag.
Im Berlin der Gegenwart treffen sich Linus, Adam, Kaspar und Niu und gründen in einer versifften Wohnung ein Start-up-Unternehmen, ein Tool, das körperbezogene Daten seiner Nutzer sammelt, um ihnen Entscheidungen zu erleichtern oder gar abzunehmen. Ein besserer, glücklicherer, erfolgreicherer Mensch soll man werden. Das «Ting» ein permanenter Begleiter zur Selbstoptimierung.
Wir bewegen uns im Netz, sorglos darüber, was mit unseren Daten und Spuren passiert. Wir sind durch unsere Mobilphones jederzeit zu orten. Wir geben Daten preis, die ein cleveres Ührchen am Handgelenk als modisches Accessoire getarnt, der Cloud in den Rachen wirft. Unsere Küche ist vernetzt, unser Arbeitsplatz überwacht, fast alle Daten für den einigermassen gewieften Hacker unschwer einsehbar.
Und doch glauben wir noch immer daran, dass die Maschine unser Leben erleichtert. Noch immer glauben wir, dass mit zunehmender Begleitung von Technik und künstlicher Intelligenz das eigentliche Leben nur leichter und angenehmer wird. Und wir lächeln gequält, wenn man im Netz von den Verrückten liest, die im Wald nach dem urspünglichen Leben suchen, die sich dem Konsum verweigern oder in irgend einer abgelegenen Gegend der Welt die Langeweile kultivieren.
Noch immer verspricht die Wirtschaft Hand in Hand mit der Wissenschaft den Traum der unbegrenzten Möglichkeiten. Es braucht nur Talent, Entschlossenheit und Disziplin. Genau das vereint das Geviert, das sich daran macht, einen digitalen Glücksbringer markttauglich zu machen. Linus als Entwickler, Niu als Programmiererin, Adam als Geschäftsmann und Kaspar als Investor der ersten Stunde. Eine Idee schweisst die vier zusammen, lässt vergessen, was im Leben zuvor getrennt hätte. Ein Verrat zwischen Linus und Adam, eiserne Familientraditionen bei Kaspar und tiefe Einsamkeit bei Niu. So ist der aus vier Perspektiven erzählte Roman gar nicht so sehr die Geschichte einer Geschäftsidee, auf die die Welt nur zu warten scheint, sondern ein Roman darüber, was die Mechanismen einer Zweckgemeinschaft anrichten können, erst recht dann, wenn man sich freiwillig seiner Entscheidungsfreiheit berauben lässt und alles dem einen untergeordnet werden muss, wenn Erfolg bedingungslos wird, wenn sich alles einer Idee, einer Ideologie unterwirft.
Wenn man dem Internet zu glauben wagt, soll Steve Job, Mitbegründer von Apple und einer der erfolgreichsten Start-up-Unternehmen der Gegenwart kurz vor seinem Tod gesagt haben: «… In den Augen der Menschen gilt mein gesamtes Leben als eine Verkörperung des Erfolgs. Jedoch abgesehen von meiner Arbeit, habe ich wenig Freude in meinem Leben. Letztendlich gilt mein Reichtum nur als Fakt des Lebens, an den ich gewohnt bin. In diesem Augenblick, wo ich in einem Krankenbett liege und auf mein ganzes Leben zurückblicke, verstehe ich, dass all die Anerkennung und all der Reichtum, worauf ich so stolz war, an Wert verloren haben vor dem Gesicht des kommenden Todes…»
Alle vier Hauptpersonen starten als Gezeichnete in ihr abenteuerliches Unternehmen, mieten sich ein in einer ehemaligen Kirche, werden zu ihren eigenen ersten Testpersonen mit der Abmachung, dass dem der Firmenanteil verloren geht, der sich nicht an die Ratschläge des Tings hält. Das Unternehmen wächst, die Einsamkeit in der undurchschaubaren Verwicklung digitaler Zusammenhänge auch. Und als Google ein gigantisches Übernahmeangebot macht, zerbröselt das, was zuvor wie Freundschaft aussah.
Artur Dziuk Blick auf die Welt ist ein optimistischer. Vielleicht eine Spur zu optimistisch, angesichts dessen, mit welcher Begeisterung man sich in sämtlichen Lebenslagen auf Technik verlässt. Die Stärke des Romans liegt in den Figuren und den Geschichten um diese herum, ihre Herkunft, ihre Sehnsüchte, ihr Schicksal und die Blendungen. Artur Dziuk scheint sich viel mehr um die Beziehungen des Gevierts zu interessieren, als um die nachvollziehbare Erfolgsstory eines Start-ups. Ich hätte dem Buch eine ordentliche Prise mehr Pfeffer gegönnt. Das Buch ist spannend und lesenswert und für einen Debütroman mehr als beachtlich.
Ein Interview mit Artur Dziuk:
Durch den Roman schimmert die These, dass ein Team nur solange funktioniert, wie Ziele genau definiert und der Weg dorthin reglementiert ist. Glaubt man moderner Betriebsphilosophie, dann braucht es aber mehr als das. Und wenn man einigen wenigen glaubt, dann ist „Team“ glorifizierter Irrglauben. Selbst die Schriftstellerei ist weit weg von Teamarbeit. Ist Team nicht einfach der Traum eines nicht zu erreichenden Idealzustands? Was mich als Schriftsteller interessiert, sind der Druck und die Spannungen, die auf ArbeitnehmerInnen im modernen Arbeitskontexten wirken. Ein Team ist meist nur nach aussen hin eine Gemeinschaft mit gleichem Ziel und definierten Prozessen. Zwischen KollegInnen herrschen oftmals Konkurrenz, Missgunst und Taktierereien, was in einer Gesellschaft, die den kapitalistischen Wettbewerb schon in der Grundschule startet, auch nicht verwunderlich ist. Der Ellbogenkampf um die nächste Sprosse auf der Karriereleiter, die existentielle Angst vor dem Arbeitsplatzverlust und die Umerziehung von abgesicherten ArbeitnehmerInnen zu unabhängigen Entrepreneuren verändern und formen das Innenleben, die Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen. Genau dort möchte ich ansetzen.
Es siegt in ihren Roman nicht die Liebe, auch nicht die Freundschaft, sondern Geld, Macht und Intrige. Alle vier ProtagonistInnen verlieren durch das Ting den letzten Rest ihrer Fähigkeit zu Empathie. Ist das eine der Einsichten des Schriftstellers Artur Dziuk, dass sich Selbstoptimierung und echte Gemeinschaft niemals vereinen? Ich würde nicht zustimmen, dass die vier Figuren die Fähigkeit zur Empathie verlieren, vielmehr machen sie von jener seltener Gebrauch. Und das würde ich Personen tatsächlich attestieren, bei denen der Wille zu Selbstoptimierung und Effizienz fest im Mindset verankert sind: Der stete Blick nach innen führt zu weniger Empathie und politischem Bewusstsein. Wer meint, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied, der schiebt auch jedes Problem, jedes Scheitern dem Individuum allein in die Schuhe. Auf den Gedanken, dass an negativen Erfahrungen nicht die/der Einzelne, sondern unsere gesellschaftlichen Strukturen schuld sein könnten, kommen viele gar nicht mehr.
Alle vier sind Losgelassene, Verlassene, Vergessene. Selbst die Familie mag nicht mehr zu kompensieren, was durch den Druck der gesellschaftlichen Normen zu bröckeln beginnt. Schon gar nicht die Religion, ausser sie wird zu Selbstzweck und damit der dem Glauben an den uneingeschränkten Fortschritt gar nicht so fremd. Wo sehen sie das Glück in 50 Jahren? Glück wird es immer geben, auch wenn unsere Welt in 50 Jahren womöglich eine sehr viel unbequemere und sehr viel trostlosere sein wird. Vielleicht liegt ein Problem aber auch in solchen Aussagen. Wenn man sich anhört, wie über gesellschaftliche Veränderungen und Zukunftsperspektiven gesprochen wird, fällt auf, dass wir gänzlich verlernt haben, positive Visionen zu entwickeln, für die es sich zu kämpfen lohnt. Veränderungen werden nur noch angemahnt, um die nächste Krise oder den Totalzusammenbruch abzuwenden. Krisenfetisch schürt zwar Ängste und gewinnt so Wahlen, aber führt aus lösungsorientierter Sicht nur zu Stillstand.
Ihre Gesellschaftskritik blitzt manchmal durch. Lohnt es sich als Schriftsteller, Zurückhaltung zu üben, nett zu sein? In den Lucky Luck Comics reitet der brave Cowboy gegen den Horizont. Aber wenn der Horizont immer mehr wegbricht und es keine Perspektiven gibt, in irgend einer Ferne das Glück zu finden. Ist das Glück nicht unmittelbar da? Beim Schreiben spielen Aspekte wie «Zurückhaltung» oder «Nettigkeit» keine Rolle. Und schon gar nicht geht es jemandem, die/der ihre/seine Zeit mit dem Schreiben von Literatur verbringt, um «Entlohnung». Vielmehr treibt mich beim Schreiben um, welcher Blick auf die Welt und welche Sprache am besten zwischen Form und Inhalt vermitteln. Darüber hinaus möchte ich in meinen Texten keine pauschalen Aussagen treffen und einseitig verteufeln. Reflektion von Gegenwart ist ein wichtiger Aspekt für mich beim Schreiben, aber Kritik sollte auch positive Facetten zulassen. «Das Ting» ist natürlich alles andere als ein positiver Roman. Aber manchmal denke ich, dass er vielleicht genau das hätte werden sollen. Womit ich wieder auf die positiven Visionen anspiele.
An einer Stelle begegnet Adam jemandem, der ihn als einen der jungen Gründer von Ting erkennt. Er schiesst von sich und Adam ein Selfie und fragt ihn, ob er für einen Studenten wie ihn einen Tipp hätte. „Du musst 70 Stunden in der Woche arbeiten, alle zwischenmenschlichen Beziehungen ignorieren, die dir nicht nützen und Erfolg zum einzigen Massstab deines Lebens machen.“ Eine Antwort, die von vielen mit Zeigefingern unterstrichen wird. Und Ihr Tipp? Ich würde es vorziehen, mich mit direkten Ratschlägen zurückzuhalten. Aber ich freue mich natürlich über LeserInnen, die bei der Lektüre von «Das Ting» etwas für sich mitnehmen können. Und sei es bloss eine gute Zeit.
Artur Dziuk wurde 1983 in Polen geboren. Er studierte in Berlin und machte den Master of Arts im Literarischen Schreiben an der Universität Hildesheim. Er gilt als eines der neuen jungen literarischen Talente: 2013 war er Finalist beim 21. open mike. Er erhielt verschiedenste Stipendien und nahm an der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung teil. «Das Ting» ist sein Romandebüt. Heute lebt er in Hamburg.
Karl unterrichtet Sträflinge im Gefängnis. Obwohl er der ist, der nach ein paar Stunden das Gefängnis verlassen kann, fühlt er sich in seinem Leben gefangen. Eines Nachts bricht er aus seinem Gefängnis aus und schneidet in seinem Zorn gegen alles Unnötige eben den Stoff durch, der einen anderen vor dem Fallen schützen soll und ist mit einem Mal nicht nur gefangen, sondern verloren.
Karl ist verheiratet und Vater eines kleinen Jungen. Karl ist sich nicht mehr sicher, ob er seine Frau Lydia noch liebt. So sicher ist sich auch Lydia nicht, denn Karl wird seltsam, sein Leben immer mehr eine Anhäufung von unerklärbaren Andeutungen, ihre Ehe ein Grabenkampf im Dauerbeschuss von Missverständnissen und Fehlinterpretationen. Karl liegt nachts wach neben seiner Frau, sieht den Rücken, der einst Zentrum aller Sehnsucht war und jetzt nur noch die abgewandte Seite seiner Frau. Er fährt zur Arbeit in die Strafanstalt zu all den schweren Jungs, liest Gedichte von Rilke und stellt Fragen, die die tätowierten Männer mit Armen so dick wie Autoreifen aus der Reserve locken. Bis ihm einer der Häftlinge ein Bündel Papier in die Hand drückt, einen langen Brief, in dem er erzählt, wie er im Krieg mit einem Orden für sein Töten belohnt wurde und in Deutschland mit 15 Jahren Zuchthaus, weil er seine Schwester vor den Misshandlungen ihres Ehemannes bewahren wollte.
Karl ist gefangen. Er bringt einen Strauss weisse Tulpen mit nach Hause, schenkt unterwegs der Mutter aus der Nachbarschaft, die wie immer mit dem kleinen Homer an ihm vorbeigeht, eine Tulpe, weil der kleine Junge es will, streckt die sechs verbliebenen seiner Frau hin, die interpretiert, dass man etwas sagen will, wenn man sechs statt sieben weisse Tulpen schenkt. Und weil er diese Nachbarin dann auch noch mitten auf der Strasse umarmt und diese weint, versteht Lydia gar nichts mehr, schon gar nicht, weil Karl ihr zu verstehen gibt, es zu erklären sei zu kompliziert. Aber zu dem Zeitpunkt ist Karl nicht mehr bloss gefangen, sondern verloren. Verloren in den Konsequenzen seines Tuns, verloren in einem immer intensiver werdenden Austausch übers Smartphone mit einer Frau, die er gar nicht kennt. Einer Frau, der er all jene Fragen zu stellen traut, in denen er sonst eingeschlossen bliebe. Einer Frau, die in so sehr in Bann zieht, dass sich das, was zwischen ihm und seiner Frau geblieben ist, immer mehr relativiert. Verloren, weil Karl es versäumt, es nicht bloss geschehen zu lassen.
Kai Weyand schreibt von der Liebe, jenem zarten Fluidum, dass sich allzu leicht verflüchtigt, selbst dann, wenn man es institutionell festzuhalten versucht. Wie einem die Liebe den Kopf verdrehen kann, wie der Ausbruch aus einem Gefängnis zu unsäglichem Verlorensein führen kann. «Die Entdeckung der Fliehkraft» ist geschrieben mit der Erkenntnis, dass es Halt braucht, dass man sich so sehr in den Strudel unkontrollierbarer Ereignisse hineinmanövrieren kann, dass die Folgen katastrophal sein können.
Kai Weylands Roman ist wie ein Zug, dessen Lokführer abgesprungen ist. Allein schon durch die Wucht der Geschehnisse erhöht sich das Tempo immer mehr und ein Ende ohne Schrecken ist unabwendbar. Die Lunte brennt. Und nicht einmal der, der sie entfacht, ist in der Lage, sie zu löschen.
Auf der einen Seite eine Ehe, die in Gewohnheit, Alltag, Routine und sich türmenden Missverständnissen erstickt, auf der andern Seite eine Frau, die er nicht kennt, der er schreibt, Fragen stellt, auf die er sonst nicht einmal käme, der er Dinge erzählt, von denen er erst beim Schreiben merkt, wie wichtig sie werden. Ist nicht einfach die Langzeitbeziehung ein Ding aus der Vergangenheit? Nicht einmal das gemeinsame Kind zuhause rüttelt Karl zurück.
Ich denke nicht. Wenn wir uns verlieben, fangen wir an zu träumen und der Traum ist ja, dass das, was man erlebt, möglichst lange halten möge. Eine Langzeitbeziehung ist also das, was wir uns wünschen.
Aber Karl und Lydia passiert, was in vielen langjährigen Beziehungen passiert: sie vergessen, was einmal gewesen war, dass die Gegenwart mal Zukunft gewesen war, also etwas, was sie sich mal in leuchtenden Farben ausgemalt hatten. Im Strudel der Alltagsbewältigung haben sie aufgehört, die guten Zeiten der Vergangenheit lebendig zu halten. Sie haben aufgehört, sich gemeinsam zu erinnern und damit dem langsamen Zerfall des Beziehungsfundaments Vorschub geleistet. Statt gemeinsam haben sie angefangen, sich allein, jeder für sich zu erinnern. Aber wenn man sich alleine für sich erinnert, besteht die Gefahr, dass das blasse Licht der Gegenwart auch die Vergangenheit blass färbt, und auf einmal denkt man, ach, vielleicht war die Beziehung ja noch nie so richtig toll. Dann verliert die Erinnerung den Kern von Wahrheit und wird zur Bestätigung des eigenen Gefühls. Damit das nicht passiert, braucht es das gemeinsame Erinnern. Das gemeinsame Erinnern ist das Gespräch für die Zukunft.
Sie filetieren die Beziehung zwischen den Eheleuten Karl und Lydia mit messerscharfem Blick. Aber auch jene zwischen Karl und seinem stumm gewordenen Vater im Altersheim. Je näher die Menschen, desto länger der Weg?
Ich glaube, da ist etwas Wahres dran. Vielleicht liegt es an Folgendem: Der Mensch, der weiter weg ist, kann erobert werden, der, der uns nah ist, muss gehalten werden. Das sind zwei verschiedene Bewegungen.
Der Schwung, nach dem wir Menschen uns sehnen, erfahren wir in der Eroberung. Da ist Tempo, wir fliegen mit wehenden Fahnen voran, spüren uns in der Bewegung, das ist etwas Wunderbares. In der Eroberung liegt ein Versprechen. Möglicherweise ist man einem Schatz auf der Spur. Das Nahe kennen wir bereits, haben wahrscheinlich schon entdeckt, dass nicht alles Gold ist, was einst verlockend geglänzt hat. Ob wir jetzt noch etwas Neues entdecken, ist ein großes Fragezeichen, und die Erkundung ist mühsam, weil man erstmal seine bereits gesammelten Urteile beiseite schieben muss.
Das Halten erfordert Kraft und Ausdauer. Und wenn das, was man hält oder zu halten versucht, nicht mit den besten Erinnerungen versehen ist, muss man sich währenddessen noch mit der Frage auseinandersetzen, warum man das eigentlich macht. So geht es Karl mit seinem Vater. Er besucht seinen Vater im Altersheim, aber warum eigentlich, weiß er nicht. Ob es sich lohnt, etwas zu halten, was schwer ist, kann einem ja keiner sagen.
Homer dagegen, der kleine Junge aus der Nachbarschaft, dem Karl immer wieder einmal begegnet und der ihn in Rätsel und seine ungefilterte Ehrlichkeit verstrickt und Karoline, die Frau, der Karl schreibt – beide sind weit weg, scheinen Karl aber viel mehr in seinem Herzen zu berühren. Aber ob weit entfernt oder eigentlich doch so nah – Karl scheitert an Beziehungen. Nicht so bei seiner Arbeit im Gefängnis, beim Unterrichten der Gefangenen, einer Klientel, die nicht weglaufen kann, bei der er es meisterhaft versteht, Nähe und Distanz zu dosieren. Warum scheint im Beruf so einfach, was bei den Nächsten so schwer fällt?
Die Rolle im Beruf ist klarer definiert, in der Regel haben wir ein Aufgabenspektrum, das wir zu bearbeiten haben und für das wir Qualifikationen erworben haben.
Welche Qualifikationen in einer Beziehung von Nöten sind, muss ja immer neu verhandelt und erspürt werden. Manchmal redet man, obwohl man zuhören sollte, und dann redet man noch das Falsche. Schwupps sind schon zwei Minuspunkte auf dem Konto, und die Nähe, die man herstellen wollte, hat auf einmal zu einer großen Distanz geführt. Arbeitskollegen können uns nerven, aber Partner können uns in den Wahnsinn treiben, positiv und negativ: Himmel und Hölle. Unsere Sehnsucht nach Nähe oder Distanz ist abhängig von so vielen. Morgens wünschen wir uns Nähe am Abend und dann läuft der Tag so verquer, dass wir abends nur noch unsere Ruhe haben wollen. Beim Partner ist es möglicherweise andersherum. Das richtige Distanz-Nähe-Verhältnis ist so selten, wie Tage mit der richtigen Wohlfühltemperatur, meistens ist es zu warm oder zu kalt, gerade noch war der Wind erfrischend und auf einmal ist es zu kühl.
Sie arbeiteten selbst als Lehrer im Strafvollzug. Als Lehrer baut man sich eine Aura, ein Image. Sei es im Umgang mit Kindern oder Erwachsenen. Einer dieser Sträflinge im Roman schreibt auf eine Frage, die im Unterricht gestellt wurde, ob man das Gefühl habe, zurecht im Gefängnis zu sein, Karl einen Brief. Ihre Rolle als Lehrer im Strafvollzug muss eine ganz spezielle gewesen sein. Sie waren nicht Angehöriger, nicht Bewacher. Wird man Vertrauter?
Vertrauter war ich nie, wollte ich auch nie sein, das wäre mir zu intim gewesen. Ich wollte nicht über meine Rolle als Lehrer hinaus und möglicherweise falsche Erwartungen wecken. Aber ich wollte zeigen, dass ich vertrauenswürdig bin, dass meine Worte und mein Handeln keinen doppelten Boden haben. Lernen funktioniert meines Erachtens über Beziehung. Das ist in einem Gefängnis nicht anders, als in einer normalen Schule. Der Respekt, den ich den Menschen entgegengebracht habe, das Interesse an ihnen und die Leidenschaft im Unterricht waren ehrlich und nicht gespielt. Dennoch ist man als Lehrer ein Stück weit auch Schauspieler. Das Lernen braucht auch Unterhaltung, aber die Wahrheit hinter dem Spiel muss immer ersichtlich und glaubhaft sein.
Karl macht sich schuldig. Im Roman in mehrfacher Hinsicht. „Er entfernt Gitterstäbe“. Eine Schuld, die wahrscheinlich ungesühnt bleibt, die Karl mittragen wird. All die schweren Jungs im Knast sitzen Jahre ab für eine ihnen zugeschriebene Schuld. Auf welcher Seite der Gitterstäbe liegt die Freiheit?
Die Schuld ist natürlich ein Gefängnis, auch wenn man nicht im Gefängnis sitzt, und umgekehrt gilt es auch; man kann sich frei fühlen hinter Mauern. Die sehr schöne 4. Strophe des Liedes „Die Gedanken sind frei“ drückt das sehr gut aus.
Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.
Sophie Scholl hat die Meldodie dieses Liedes ihrem Vater, der wegen hitlerkritischer Äußerungen im Gefängnis saß, auf der Blockflöte vorgespielt. Das ist ein in meinen Augen sehr schönes Bild für das Gefühl von Freiheit diesseits und jenseits der Gitterstäbe. Freiheit ist da, wo man sie fühlt.
Kai Weyand, geb. 1968, absolvierte ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er arbeitete als Lehrer im Strafvollzug, ist Mitarbeiter einer Sozietät und lebt bei Freiburg. Sein 2015 erschienener Roman «Applaus für Bronikowski» wurde in die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2015 aufgenommen.
Rotgoldene Streifen
über Hügelkuppen,
Seidenschal
im schwindenden Tag.
Sehr oben, sehr nah
die haarscharfe Sichel
des ganz geahnten Mondes.
Sie liegt im Himmel,
eine aufgeschnittene Porzellanschale
mit angedeuteter Eiskugel:
Mango!
Keine Zeit,
das Fallholz
des Winters
bleibt
unbeachtet
liegen.
Steig aus
brausenden Augenblicken
ein in stille Minuten.
Lass sie wachsen
zu Zeiträumen.
Räum Zeit auf,
schirm dich ab,
gib den Augen
Atem
Pause.
Alles log, o!
Neulich
im Blog:
Ana log digital.
Auch Mono log,
er betrog sich selber.
Kata log dagegen
wie gedruckt.
Nur das Dia log
vorbildlich.
Wen kümmert’s?
Ich kümmere mich um mich.
Du kümmerst dich um dich.
Er kümmert sich um sich.
Sie kümmert sich um sich.
Wir verkümmern.
Zu sagen
euch Ungeborenen
werde der Kirschbaum
auch noch blühen,
ist Hoffnung
oder Stimmungsmache.
Dasselbe
Singvögel pfeifen dasselbe
Lied vom Tannenzweig
wie von der Stromleitung.
Stellen nicht fest,
meinen nicht,
singen.
Nur Bühne
und Kulissen
ändern sich.
Kuno Roth würzt seine hintersinnigen, wohl dosierten Gedichte mit einer Prise Heiterkeit, einem Schuss Nachdenklichkeit und einem Körnchen Gesellschaftsskepsis. In seinen prägnanten Versen über Natur und Technik, Liebe und Verlust, Politik und Wirtschaft erweist er sich als versierter Stilist. Dieser Lyriker beherrscht die von ihm bevorzugte Form der Kurzgedichte. Mit Lakonie, Humor und Pointiertheit gelingt es ihm, selbst komplexe Lebensphänomene poetisch auf den Punkt zu bringen.»Klima Vista» heisst der neue Gedichtband von Kuno Roth, der im September 2020 beim Verlag Prolyrica.ch erscheinen wird. (Hier ein Blick in die Vorschau)
Kuno Roth, Jahrgang 1957, lebt in Bern und Solothurn. Der ehemals promovierte Chemiker ist heute als Humanökologe, Umweltbildner sowie Schriftsteller tätig und arbeitet als Mentoring-Verantwortlicher bei Greenpeace International. Er schreibt vornehmlich Gedichte und Aphorismen sowie Glossen und Kolumnen.
So wie das Dorf „Glück“ in Dalmatien kaputt und halb verlassen kein Ort ist, an dem man bleiben kann, ohne sich fesseln zu lassen, selbst wenn es der Ort von „Familie“ ist, ist Glück nie Zustand, höchstens Sehnsucht, ein Ort, an dem Ana nie ankommt.
„Wir Kinder hatten kein Wort sondern dienten als Empfänger der Verheissungen des Vaters.“
Gebunden durch Gewalt in der Familie, von Generation an Generation weitergegeben, tief verankerten Verletzungen und Zerstörungen bis weit in die Vergangenheit, flieht Ana zusammen mit Igor in die USA, wandert aus, um „Glück“ zu verlassen und ihr Glück zu finden, vielleicht sogar gemeinsames Glück. Aber das Unglück, die ewige Zerstörung, klebt wie Harz am Leben der jungen Frau. Als wäre dieses in den Genen eingeschrieben, unauslöschlich, unabwendbar.
„Ich wollte nicht Mutter werden ich wollte fliegen in Luft leben Gedichte schreiben“
Die Idee einer grossen, glücklichen Liebe mit Igor auf der anderen Seite des Ozeans, in maximaler Distanz zum alten Leben, erweist sich als Irrtum. Was Igor in seiner Familie zurückzulassen versucht, wird durch Einsamkeit und Alkohol in ein Leben gebrannt, dass sich nicht aus den Ketten befreien kann. Ana wacht auf in den Schlägen ihres Mannes, im Blut ihres abgetriebenen Kindes, im Wunsch nach einem endgültigen Schnitt, ob bei ihm oder bei ihr, nur endgültig.
„Ich glaube mich wird der Schmerz vernichten bevor ich es ablege erzählen ohne Linderung um erzählend sich zu vergewissern dass es etwas gibt wozu erzählen gut ist es hilft nichts es gibt keinen ersten Stein zu werfen“
Ana flieht in ein Frauenhaus, in ein Womenirrhaus, ein Haus der verirrten Frauen, am Leben geirrt, in der Liebe verirrt, vom Leben beirrt. In ein Haus, angespült an einen Fels aus Illusionen, geplatzten Hoffnungen und den zerrissenen Glauben an die Liebe, wo Blut geleckt wird, alle das selbe Blut lecken, gezeichnet, ernüchtert, verlassen. Wo man den letzten Rest Mut sammelt, um noch einmal beginnen zu können, um sich noch einmal zurück in die Hölle zu wagen, von der manche glauben, sie hätten einen zweiten Ausgang, einen für sich und einen für die unauslöschliche Idee einer Liebe.
„wie kann einer sich Glück wachsen lassen wie die Haare“
Was einst als Theaterstück aufgeführt wurde, ist nun als Text in Buchform zu lesen; kein Theater mehr, auch kein Roman. Die Autorin Dragica Rajčić Holzner bewegt sich zwischen den Sparten. Noch immer ist die Stimme der Protagonistin hörbar. Aber der Autorin geht es längst nicht bloss darum, von einem Menschen zu erzählen, der sich nur mit grösster Kraftanstrengung aus Schienen herausheben kann, von einer Gesellschaft, die von vererbter Gewalt, Stumpfheit und fehlender Empathie gezeichnet ist. Solche Geschichten gibt es zuhauf. Es ist die Art, die Kunst, wie Dragica Rajčić Holzner schreibt, erzählt.
Gesetzt wie ein langes Gedicht stutzt man bei der Lektüre ob der Brüche, die durch den ein oder anderen „kroatischen“ Spracheinschluss verunsichern. Wortspielereien, die immer wieder zu Kippsätzen werden, die ganz überraschende Mehrdeutigkeiten erzeugen. Eine ganz eigene Textfärbung, die dem Buch nicht bloss Authentizität, sondern Eigenwilligkeit schenken. Dragica Rajčić Holzner vermeidet so, dass der Text sich auf eine emotionale Lesart einprägt. Natürlich geht es um eine junge Frau, die sich in ihrem Leben zu emanzipieren versucht.Natürlich geht es um eine Schriftstellerin, die ihre Stimme sucht, die sich aus einer scheinbar genetisch verankerten Umklammerung lösen will. Um eine junge Frau, die an die Liebe glaubt, um von ihr geschlagen zu werden, die wie viele andere mit selbstzerstörerischer Kraft zurück ins Verderben gezogen wird. Aber der Text, die Art ihres Erzählens funktioniert auch als Sound, als Spur der Verdichtung. Es gibt Sätze, die wie Hammerschläge an Intensität kaum zu überbieten sind, Szenen, die in ganz wenigen Worten maximale Wirkung erzeugen. Dragica Rajčić Holzner spielt mit der Sprache, aber nie mit mir als Leser.
„Glück“ ist literarisches Glück!
Dragica Rajčić Holzner, Geboren 1959 in Split, lebt als Autorin und Dozierende für literarisches Schreiben in Zürich und Innsbruck. Rajčić Holzner schreibt Gedichte, Kurzprosa und Theaterstücke und hat zahlreiche Bücher publiziert, zuletzt «Warten auf Brauch» und «Buch von Glück». Sie wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Lyrikpreis Meran ausgezeichnet.
«Was haben wilde Erdbeeren, wilde Lilien und Sonnenblumen gemeinsam? Es sind Namen dreier Bewegungen Taiwans, die jedes Mal zu einem unblutigen, wenngleich spektakulären Machtwechsel führten. Wie zeigt sich nun der in der Vergangenheit erprobte Widerstand? Und wie sehen die Zeichen von Non-Konformismus im turbokapitalistischen Alltag der Inselrepublik aus?
Mit diesen Fragen im Koffer gehe ich in Taiwan auf Spurensuche und werde mein Gewölk aus Gedanken, Beschreibungen, Zitaten in Miniaturen verdichten, die ich per Postkarte ans literaturblatt.ch schicke – jeden Monat eine.
Alice Grünfelder»
Alice Grünfelder reist. Anders als die meisten Reisenden sonst nicht zur Zerstreuung, sondern zur Konzentration auf ganz bestimmte Themen, die in ihr Schreiben hineinfliessen. Weil ich von dieser Reise erfuhr, entstand die Idee, dass Alice Grünfelder ganz spezielle Kartengrüsse aus dem für die meisten fremden Land schicken könnte. Kartengrüsse, die über das Oberflächliche hinaus in die Tiefe blicken lassen sollen. So freue ich mich, dass die Schriftstellerin uns mitnimmt auf ihre Reise.
Alice Grünfelder, lebt in Zürich, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und China. 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Von 2001–2010 eigene Literaturagentur für Literaturen aus Asien. Unterrichtet Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Sie leitet diverse Workshops rund ums Thema Schreiben und seit fünf Jahren den Kinderschreibworkshop „Wortschatz“ im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg. Als Herausgeberin und Übersetzerin aus dem Chinesischen und Englischen publizierte sie Bücher über Asien, zuletzt «Sri Lanka. Geschichten und Berichte» (2014) und «Flügelschlag des Schmetterlings. Tibeter erzählen» (2009). (Unionsverlag) 2018 erschien ihr erster Roman «Die Wüstengängerin» (Verlag edition8).
Schon erstaunlich. Seit über 40 Jahren wirkt der Buchkünstler Svato Zapletal in seinem Atelier, seinem Verlag in Hamburg. Dort entsteht Buchkunst für ein Publikum, dass das Buch selbst als Kunstwerk betrachtet, dem ein Buch nicht bloss Informationsträger ist, sondern Kunstobjekt selbst, Schmuck, Materie gewordenes Resultat von Leidenschaft, Meisterschaft und Liebe zu Wort, Bild und Papier.
Michael Köhlmeier, mehr als Schriftsteller, sondern König in Sachen Märchen, Sagen und Fabeln, hat in Zusammenarbeit mit dem Buchgestalter und Künstler Svato Zapletal eine Buchperle für Auge, Hand und Seele geschaffen.
Seit Erfindung der Buchdruckerkunst waren Illustrationen fester Bestandteil der Buchkunst. Selbst vor hundert Jahren blühte das illustrierte Buch. Und zwar nicht einfach in Form einer Bebilderung, sondern als Kontrapunkt, Ergänzung, Gegenüberstellung. Die Gestaltung eines Buches beschränkte sich nicht bloss auf den Satz, die Wahl des Papiers und die werbetechnisch optimale Ummantelung durch einen «Schutzumschlag». Text, Schrift, Illustration, Gestaltung bis hin zum Format, der Bindeart – alles vereinte sich im Buch.
Dass Bücher heute oft nur noch Textträger sind und weder Auge noch Hände zu schmeicheln wissen, ist dem Zwang der Wirtschaftlichkeit geschuldet. Umso mehr erstaunen mich Einzelkämpfer wie Svato Zapletal (Svato Verlag), Christian Ewald (Katzengraben Presse) oder Christa und Toni Kurz (Edition Thurnhof), die mit ihren Büchern, Publikationen und Papierkunstwerken in Kleinstauflagen Werke schaffen, die sich gegen Schnelllebigkeit, Verbrauch und Konsum wehren. Es ist ein Versuch gegen die Vergänglich- und Beliebigkeit, gegen Massenware und Masslosigkeit.
Nach Jahren, in denen sich für Svato Zapletal fast ausschliesslich klassische DichterInnen anerboten, sind es in der Gegenwart immer häufiger Namen, die auch aus zeitgenössischer Literatur den Text bieten: Doris Dörrie, Hans Magnus Enzensberger, Cees Nooteboom.
Neustes Werk aus dem Svato Verlag ist «Die Nacht der Diplomaten» von Michael Köhlmeier. Ein österreichischer Autor, der sich nicht erst seit dem Rechtsrutsch im eigenen Land pointiert zu Wort meldet. Ein Autor, der sich nicht scheut, zu gesellschaftlichen oder politischen Themen Stellung zu beziehen.
Wie wählen Sie Ihre Texte aus? Man könnte es einfach ausdrücken: Nach Vorlieben. Am Anfang waren es Expressionistische Dichter – da fühlte ich eine Verwandtschaft. Und natürlich, jetzt immer mehr, die moderne Prosa – etwas riskant, da das etwaige Publikum mitziehen muss; das Ganze ist ja schliesslich eine kostspielige Sache, es wird zwar in einer kleinen Auflage hergestellt, aber dennoch ist es eine Auflage.
Wie gehen Sie bei der Umsetzung vor? Lesen, lesen, lesen, immer wieder, dann zwei Wochen Pause und dann die Schrift festlegen, das ungefähre Format, dann fange ich an zu skizzieren. Das nimmt oft eine Richtung an, die überhaupt nicht verwirklicht wird. (Für dieses Buch waren es an die siebzig Skizzen, aber es waren mal auch einhundertsiebzig, bis ich wusste, was ich machen werde. Hand in Hand damit wird irgendeine „Dramaturgie“ des Buches gemacht. Da ist der Satz des Textes mit eingeschlossen. Und dann geht es an das Schneiden der Platten – meist benutze ich die Technik der „verlorenen Form“, die ist zwar etwas riskanter, aber man braucht nicht so viel Material (es sind bei den Bildern ca. 80 Druckvorgänge). Und das ist, inklusive des Druckens, mehr oder weniger Fleissarbeit.
Gibt es Rückmeldungen von Kunden? Selten lässt sich jemand auf eine Gestaltungsdiskussion ein, es sind eher Kollegen – oder meine Frau – bei denen es eine produktive Kritik gibt. Ohne mir auf die Schulter zu klopfen, sind die Kunden oft ziemlich begeistert, da sie ja auch wiederholt kaufen; die anderen schweigen weise…
Michael Köhlmeier erzählt in «Die Nacht der Diplomaten» von einem Gespräch zwischen Henry Kissinger, damals Sonderbeauftragter für Fragen der nationalen Sicherheit in der Regierung der USA, und Tschou En-lai, Ministerpräsident der Volksrepublik China, um den Besuch von US-Präsident Nixon bei Chinas Staatsoberhaupt Mao Tse-tung vorzubereiten. Im Laufe eines immer freundlicher werdenden Gesprächs stellte Tschou En-lai jene Frage, die alle anderen Fragen übertraf: «Halten sich die Vereinigten Staaten von Amerika die Option offen, über dem Gebiet der Volksrepublik China eine Atombombe abzuwerfen?» Eine Frage, die Kissinger mit einem Ja zu einer Drohung gemacht hätte und mit einem Nein zu einem Versprechen. Also erzählte der gefuchste amerikanische Diplomat eine Geschichte. Die Geschichte eines in die Tiefe gestürzten, verwundeten Löwen.
Keine platte Geschichte, eine Geschichte, die glauben macht, es gäbe auf einfache Fragen einfache Antworten. Eine Geschichte, die einem vor Augen führt wie Macht und Politik funktioniert. Eine Geschichte, die Haken schlägt und zeigt, wie wirkliche Diplomatie funktioniert. Grossartig erzählt, grossartig illustriert, grossartig umgesetzt!
Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein Werk wurde der österreichische Bestsellerautor unter anderem mit dem Manes-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet.
Ein Katzenbuch? Ich lese keine Katzenbücher. Und doch ist die Erzählung «Adieu Monsieur Monet» ein Buch über eine Katze, einen Kater. Und doch kein Katzenbuch! Eine Erzählung über einen Grossvater. Darüber wie eine Enkelin mit der ihr ganz eigenen Mischung aus Bestimmtheit und Charme eine feste Ordnung aus den Fugen bringt.
Ob Kaspar Schnetzler Katzen mag, weiss ich auch nach der Lektüre nicht. Mit Sicherheit nicht die Tatsache, dass sie Haare lassen, die Katzenstreu nur schwer verbergen kann, was die Tiere hinterlassen und sich Katzen nie an demokratisch gewachsene Regeln halten. Kaspar Schnetzlers Kater, der nicht zuletzt Monsieur Monet heisst, weil der Grossvater im Umgang mit dem zugetragenen Tier genau weiss, dass der Kater nie den Stellenwert einnehmen wird, den Katzen sehr oft geniessen, ist nur geduldet. Als seine Enkelin mit ihm das Programm gegen Einsamkeit startet, war das logische Folge eines traditionellen Museumsbesuch von Grossvater und Enkelin, als sich neben einem Bild von Ferdinand Hodler ein liegender Akt von Felix Valloton in den Vordergrund drängte und die Enkelin nach einem zu lange scheinenden Blick des Grossvater diesen fragt: «Grossvater, bist du einsam?» Und weil Enkelinnen tun dürfen, was die eigenen Kinder niemals hätten tun dürfen, steht diese eines Tages mit einem Kater in einem Korb und allem Nötigen zur Erstversorgung des Jungtiers in einer Tasche am Bahnhof.
Seit ein paar Jahren, schon lange pensioniert, seine Frau war gestorben, hatte er sich in seinem klein gewordenen Leben eingerichtet. Die Beziehung zu seiner einzigen Tochter hatte lange schon Risse bekommen, mit denen er sich abgefunden hatte, nicht längst nicht mehr zu kitten waren. Einziger Grund, warum er den mehr oder minder höflichen Kontakt aufrecht hielt, war die Enkelin, mit der Grova ab und an einen Tag verbringen durfte. Und wie alle Kinder spürt das Mädchen, was Erwachsene aus lauter Zurückhaltung nie benennen würden. Es wird ein Kater einquartiert, fremdbestimmt und ohne Zurück, denn Grova würde vor dem einzigen Menschen das Gesicht verlieren, für den sich eine übermenschliche Anstrengung noch zu lohnen scheint.
Ein Kater. Nicht nur der Gang in den «Fressnapf», jenes Geschäft, das alles anzubieten hat, was der Tierliebhaber mit Freude auszugeben bereit ist, wird zum Martyrium, sondern sein ganzes Leben, das mit einem Mal vollkommen vom Eigensinn einer Katze dominiert wird. Wär «Adieu Monsieur Monet» ein Katzenbuch, hätte Kaspar Schnetzler Anekdote an Anekdote gereiht. Aber dem Autor ging es darum, was ein Mädchen mit Entschlossenheit zum Wanken bringt. Grova ist nicht erst seit Grossmutters Tod von grantiger Natur. Es scheint, als wäre die Existenz des Tieres ein letzter Feldzug aus dem Jenseits gegen die Schweigsamkeit und Engstirnigkeit eines Mannes.
Wer das Buch liest und Katzen nicht mag, wird sich auch nach der Lektüre dieser Erzählung nicht in ein Katzenabenteuer wagen. Aber er wird sich fragen, was es braucht, um aus der Bahn geworfen zu werden. Und wer Katzen liebt, den wird freuen, mit wieviel Raffinesse dieses Tier die Krone der Schöpfung gängeln kann. Kasper Schnetzler ist feinsinniger Beobachter und trifft den Ton eines nicht nur von der verstorbenen Frau Verlassenen präzis.
Und vielleicht ist «Adieu Monsieur Monet» eine Tür für die grossen Romane eines Meisters des feinen Humors.
Kaspar Schnetzler (1942) lebt in Zürich. Er schreibt Romane, Erzählungen, Lyrik, Essays, Theaterstücke und Journalistisches. Ausgezeichnet wurde er mit einem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, dem Zürcher Journalistenpreis, einer Ehrengabe des Kantons Zürich.