Alexandra Lavizzari «Was Alina sah», PalmArtPress

Nicht nur das Blau ihrer Augen machte Alina zu etwas Besonderem. Vielleicht die Tatsache, dass sie nicht in die Familie hineingeboren wurde, in der sie aufwächst, aber ganz sicher die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die allen andern verborgen bleiben. „Was Alina sah“ ist ein perfektes Stück Erzählkunst.

Alexandra Lavizzari schreibt seit bald vier Jahrzehnten Erzählungen und Romane. Ob historisch oder ganz im Jetzt, Alexandra Lavizzari taucht tief ein. Genauso in der Geschichte um Alina, ein Mädchen, eine junge Frau, die die Fähigkeit hat, hinter die Dinge zu sehen, die das Unglück kommen sieht, die das Leid anderer in sich aufsaugt und den Schmerz zu ihrem eigenen macht, mit ihren tiefblauen Augen nicht nur ihre Gegenwart bezaubert, sondern durch die Zeit hindurchsehen kann. Vielleicht ist genau diese Fähigkeit auch die von Schreibenden; durch das Erzählen ein Leben zum eigenen werden lassen. Erzählen, als ob es das eigene Leben wäre. Und uns Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, mitzuleben, so sehr, dass man zwischen zwei Buchdeckeln ins Geschehen eingreifen möchte.

Judith bekommt eine kleine Schwester. Alina ist nicht ihre tatsächliche Schwester, nicht einmal ihre Halbschwester. Weil Judiths Mutter wegen „Unterleibsproblemen“ nicht noch einmal schwanger werden sollte und sich die Eltern ein Einzelkind nicht vorstellen will, eine Monopolstellung in der Familie undenkbar ist, fahren die Eltern eines Tages weg und kommen mit Alina zurück. Die Stunde des Teilens hatte für mich geschlagen. Alinas Start ins Leben ist ein ganz anderer als der von Judith. Judiths Eltern, gut situiert, ohne wirtschaftliche Sorgen, der Vater hat gar Zeit für das kostspielige Hobby des Erfindens, ist Alinas Ort ihrer Geburt eine öffentliche Toilette. Alina kommt aus dem Heim in ihr neues Zuhause, ein Zuhause, das nie ganz ihr Zuhause sein würde, ein Nest, in dem sie sich immer fremd fühlt. Nicht weil es an der Liebe ihrer neuen Eltern oder an der Zuwendung von Judith gefehlt hätte, sondern weil Alina schon als kleines Mädchen spürt, dass nicht nur ihr Herz in einem anderen Takt pulst. Ihr Inneres sieht Dinge, die allen anderen verborgen bleiben, sie trägt einen Schmerz mit sich herum, von dem andere nicht einmal etwas erahnen.

Alexandra Lavizzari «Was Alina sah», PalmArtPress, 2025, 218 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-96258-226-5

Zum ersten Mal wird es spürbar, als die kleine Alina den Tod eines befreundeten Nachbarn voraussieht, man ihre Prophezeiung aber viel mehr als schlechtes Omen sieht, als Störung einer Ordnung, als eklatante Einmischung in den Lauf der Dinge. Während Alina in ihren schulischen Leistungen alles andere als reussiert, müssen nicht nur die Eltern erfahren, dass ihre Adoprivtochter ein verborgenes Leben führt. Erst sind es Gelegenheitsjobs, organisierte Hilfen, die ihr Taschengeld aufbessern, später mehr und mehr Abwesenheiten, die die Familie mit Sorge erfüllen und Judith, die Erzählerin zur pflegeleichten, beinah unsichtbaren Nebensache machen. Während es sich in der Stadt mehr und mehr herumspricht, dass Alina den besonderen Blick hat, drohendes Unglück sehen kann, wird auch mehr und mehr klar, wie sehr die werdende Frau darunter zu leiden hat. Vor allem dann, wenn das Unglück doch eintritt und Alina nicht verhindern kann, was sie mit ihrem Blick durch Zeit und Raum hindurch schon einmal miterleben muss.

Niemand kann Alina helfen, auch Judith nicht. Auch ihre Eltern nicht, die alles Erdenkliche tun, um Alina vor sich selbst zu schützen. Während Alina mehr und mehr zum Medium wird, sich das Geld auf ihrem Bankkonto sammelt, Vater mit seiner Erfindung eines zusammenklappbaren Wohnwagens nicht nur wegen Alinas Geschichte immer wieder ins Stocken gerät und die Mutter sich in ihren anerzogenen Selbstverständlichkeiten bedroht sieht, verliert sich Alina im Bann ihres Blicks.

Man kann „Was Alina sah“ durchaus als Parabel darüber lesen, was mit Menschen geschieht, die über ganz spezielle Fähigkeiten verfügen. Was von aussen wie ungerechtfertigtes Übermass an Glück erscheint, kann für die Betroffenen zur lebensbedrohenden Bürde werden. Aber Alexandra Lavizzaris Roman ist einfach gut erzählt. In einer Unverkrampftheit, wie man sie sonst viel eher im Angelsächsischen antrifft. Ein Roman, der mit Bildern spielt, die mitreissen. Ein Buch, das nicht loslässt. Köstlich und mit viel Können!

«Malen und Schreiben sind bei mir zwei vollkommen verschiedene Welten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben», erklärt Alexandra Lavizzari (Pastell).

Alexandra Lavizzari, 1953 in Basel geboren, Studium der Ethnologie mit anschliessendem zweijährigem Praktikum am Rietberg Museum, Zürich. Sie lebte von 1980-2000 in Nepal, Pakistan und Thailand und ist nun, nach einem längeren Aufenthalt in Italien, mehr oder weniger in Südwestengland ansässig, wo sie sich neben dem Schreiben auch als Kunstmalerin betätigt. 1999 erschien bei Zytglogge ihr erstes literarisches Werk, die Novelle ‚Ein Sommer‘. Es folgten viele Romane und Erzählungen, auch biografische Essays über Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. 

«Silke», ein Romananfang

Beitragsbild © privat

Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7

Schon das Dritte SMS von Armin, die Ansage mit jedem Mal dringlicher: «Wo bleibst du?», «Wann kommst du endlich?», «Wir warten ALLE auf dich!»
Sie fühlte sich von SMS zu SMS immer weniger angesprochen. «Mensch Lea…» begann das Vierte. Rasch wischte sie es weg. Einfach hier sitzen zwischen all diesen Büchern und book lovers, das war es, was sie wollte an diesem Nachmittag des 24. Dezembers. 

Am Mittag war sie losgegangen, um rasch mal Wein und die letzten Geschenke zu kaufen. «Bin grad zurück», hatte sie zu Armin gesagt und ihn zwischen Tannenbäumchen und Weihnachtsschmuck stehen gelassen. Den Jungs hatte sie zugerufen «Helft Papa den Baum schmücken», dann warf sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Das war vor exakt drei Stunden, zwölf Minuten und «pling», inzwischen fünf SMS gewesen. 

Zuvor war Armin mit den Einkäufen für Heiligabend nach Hause gekommen. Er hatte ihr eine Flasche Weisswein vor die Nase gestellt und gesagt: «Bio aus Chile, den wollte ich schon immer mal probieren, nimmt mich wunder, was der taugt.»
Sie musterte die Flasche, ein hässliches neon-grünes Etikett, dann ihren Mann. 
«Das ist nicht dein Ernst, oder?»
«Doch, he du, nur drei Franken, und für das Fondue kommt es sowieso nicht so drauf an.»
Damit liess er sie stehen, um den Weihnachtsschmuck vom Estrich zu holen. 

Es war ihm tatsächlich ernst. Das konnte doch nicht wahr sein, Wein aus Chile für ein Schweizer Käse Fondue. Bio hin oder her, aber das ging gar nicht. Auch zu argentinischem Rind wäre es für sie ein No-Go gewesen, und bisher hatte sie angenommen, dass auch ihr Mann so dachte. Wie konnte man Wein kaufen, der in Containerschiffen und mit Lastwagen über tausende von Kilometern herangekarrt wird? Noch nie hatten sie solche Weine gekauft. Warum ausgerechnet heute, an Weihnachten? Was war bloss in ihren Mann gefahren?
Wütend räumte sie die Einkäufe weg, die Flasche liess sie auf dem Tisch stehen. Als Armin, gelassen wie immer, in die Küche zurückkam, fauchte sie: 
«Das glaub ich jetzt einfach nicht. Wie kannst du bloss Wein aus Chile kaufen, und dann noch für unser Weihnachts-Fondue?»
«Ich sag’s doch, ich will ihn probieren, ich will wissen, ob ein Wein für drei Franken etwas taugt.»
«Das interessiert mich nicht, das tut man einfach nicht, und so etwas haben wir bisher noch nie getan. Warum gerade heute? Ich verstehe dich nicht. Ich dachte, wir sind uns einig, dass wir keinen Wein aus Südafrika, Chile oder sonst von einem anderen Kontinent kaufen.»
«Jetzt sei doch nicht päpstlicher als der Papst. Die machen gute Weine, und eventuell ist es in Zukunft sogar ökologischer, wenn die sich auf Weinbau spezialisieren und wir es hier sein lassen damit, wie mit dem Fleisch. Die Ökobilanz von Weidefleisch aus Argentinien ist, trotz der grauen Transportenergie, immer noch um einiges positiver, als wenn wir die Viecher hier mit importiertem Kraftfutter durchfüttern.»
«Und was sollen dann unsere Bauern deiner Meinung nach in Zukunft tun?»
«Tja, weiss auch nicht, auf der Bank oder für eine Versicherung arbeiten?»
«Du hast sie wohl nicht alle. Mach doch mit deinem Wein, was du willst, ich geh einen anderen kaufen, der kommt mir nicht in mein Fondue.»
Damit hatte sie ihn stehen gelassen, um eben mal richtigen Fonduewein und letzte Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

Das Velofahren tat ihr gut, der Wind um Nase und Ohren und die leise Konzentration auf den Verkehr entspannten sie. Schon beim COOP war ihr leichter ums Herz. Der Wein war rasch gekauft, ein Fendant. Nun noch in die Buchhandlung, die Bücher für die Jungs und Armin kaufen. 

Sie schenkte immer Bücher zu Weihnachten, das hatte Tradition, und diesbezüglich war auf ihren Mann verlass. Er schenkte ihr auch Bücher, meistens waren diese ganz OK, doch manchmal griff er daneben.
Vor einem Jahr hatte er ihr dieses peinliche Malibu-Buch geschenkt. Was hatte er sich bloss dabei gedacht? Sie war doch keine, die seichte Romane las. Krimis ja, aber bitte keine Sentimentalitäten. Seither sprach sie öfters über ihre Lieblingsbücher und die gerade angesagten Autorinnen, die diesen oder jenen Preis gewonnen hätten. Bisher leider ohne Erfolg. 
Und zum Geburtstag hatte er ihr ein Buch geschenkt, das sie schon hatte. Das hatte sie getroffen, beleidigt irgendwie. Hatte er den keine Augen im Kopf? Sie versteckte ihre Bücher doch nicht. Die Ungelesenen lagerten auf einem Stapel neben ihrem Bett und kamen erst nach dem Lesen ins Regal, ausser die, die sie kein Zweites Mal in die Hand nehmen würde, die kamen ins Brocki. 

Schon war er wieder da, der Ärger. Auf dem Weg nach Örlikon trat sie kräftig in die Pedale. Seit ein paar Tagen plagte sie diese bange Vorahnung, es könnten die letzten Weihnachten sein, die sie gemeinsam als Familie verbrachten. Vielleicht, weil Ihr Ältester gerade zwanzig geworden war, und sie selbst in diesem Alter zu Hause ausgezogen war. Danach hatte sie keine einzige Nacht mehr bei ihren Eltern verbracht, nicht einmal als ihre Mutter im Sterben lag. Sie konnte einfach nicht. 

Die Buchhandlung empfang sie mit einem wohligen Duft nach Zimt und Orangen, und da kam ihr das passende Buch für ihren Vegi-Sohn wieder in den Sinn: Simple von Ottolenghi. Für den Jüngeren, der neuerdings einen übertriebenen Hang zum Philosophieren hatte, wie sie fand, musste sie etwas länger stöbern. Doch nach ein paar Sätzen Lob der Erde von Byung-Chue Han lächelte sie zufrieden. Eine Philosophie der Langsamkeit und der exakten Beobachtung war genau das richtige für ihren Grübler. Sie ging zur Kasse und liess sich die beiden Bücher einpacken. 

Sie war nie eine dieser überbehütenden Mütter gewesen. Selbstverständlich wollte auch sie nur das Beste für ihre Kinder, doch ihnen Vorschriften machen, was aus ihrem Leben werden sollte, das war nicht ihr Ding. Stattdessen liess sie sich lieber von ihren Ideen und von ihrer unbändigen Energie anstecken, und wusste schon jetzt, dass sie diese Kopfauffrischungen am meisten vermissen würde, wenn sie dereinst ausgezogen sein würden. Manchmal kam sie sich egoistisch vor, weil sie überzeugt war, dass ihre Jungs ihr viel mehr geben konnten als sie ihnen. 

Mit Armin war sie die Familienplanung pragmatisch angegangen. Er verdiente gut und war bereit, sein Pensum zu reduzieren, damit sie nach den Schwangerschaften rasch wieder zurück an die Arbeit konnte. Ausserdem war er ordentlicher als sie, konnte gut kochen und war überhaupt recht fix im Haushalten. Mit der Zeit genoss sie es, nach getaner Arbeit nach Hause in eine aufgeräumte Wohnung zu kommen, in der es erst noch lecker nach Pasta oder Risotto duftete. 

Für ihren Mann wollte sie wie immer einen Krimi kaufen, und zwar den Letzten von Camilleri, der erst kürzlich posthum erschienen war. Und einen historischen Roman, vielleicht Friedas Fall, den sie im Frühling im Kino gesehen hatte, oder war das eher etwas für Frauen? Ein Sachbuch auf jeden Fall. Etwas Anspruchsvolles konnte nie schaden. Zielstrebig steuerte sie auf die Ecke mit den Sachbüchern zu, und da sah sie ihn, von hinten und doch unverkennbar, Max. 

Er trug seinen alten Lodenmantel, den er damals von seinem Vater geerbt hatte, als dieser überraschend gestorben war, und sie noch ein Paar waren. Sie hatten sich an der Uni kennengelernt und konnten unendlich über Bücher diskutieren, gnadenlos und leidenschaftlich. 

Ihr Atem stockte, und das fahle Gefühl des Verlassenwerdens kehrte abrupt in ihren Bauch zurück, so als ob es nie weg gewesen wäre, bloss überdeckt von Ehe und Arbeit, aufgefüllt von zwei Schwangerschaften und begraben unter bestimmt mehr als tausend Büchern, die sie seit der Trennung verschlungen hatte. Und jetzt meldete sich ihr Körper und meinte doch tatsächlich, dass nichts von all dem, dieses unstillbare Loch, diese Lücke, die er vor einem Vierteljahrhundert in ihr hinterlassen hatte, zu schliessen vermocht hatte. 

Sie atmete tief durch. Dann liess sie sich von der Buchhändlerin zwei Pappbecher mit Glühwein geben und peilte ihn an. 
«Max, magst du mit mir auf uns anstossen?», sagte sie und wunderte sich kein bisschen über das «uns» in ihrer Frage. 

Tina Wodiunig, 1960*, lebt und arbeitet in Zürich. Während ihrem Ethnologie- und Sinologie-Studium lebte sie ein Jahr lang in China, danach begann sie in einem Museum zu arbeiten und absolvierte einen MAS in Museologie an der Uni Basel. Sie ist Mitglied der Autor*innen-Gruppe «Die aus Zürich». Derzeit arbeitet sie an einem Roman über ihre Grosstante, die in St. Gallen aufwuchs, nach Österreich ausgewiesen wurde und 1941 von den Nazis ermordet wurde. 

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

edition aequinoctium – aus Liebe zu Wort und Bild

Wenn unbeirrbare Leidenschaft, das sichere Gefühl für Ästhetik und ein Plan, der sich in keiner Weise von wirtschaftlichem Denken leiten lässt, zusammenfinden, dann entstehen Kostbarkeiten, die ihresgleichen suchen, papierene Kunst, die einen Verkaufsort bräuchte, der sich grundlegend von den Gemischtwarenläden der Gegenwart unterscheidet.

Als nach der Erfindung des Buchdrucks das gedruckte Buch zu einem Kulturgut wurde, auch für «Normalsterbliche» erschwinglich, jedes Buch ein Manifest von Sorgfalt und Kompromisslosigkeit war, war Literatur noch weit weg vom Verbrauchsmaterial der Gegenwart. Dass es noch immer Verlage, BuchkünstlerInnen und BannerträgerInnen des Guten und Schönen gibt, grenzt an ein Wunder. Aber dass der Schweizer Schriftsteller, Herausgeber, Dichter und Lektor Markus Bundi zu ihnen gehört, verwundert nicht. Zusammen mit dem Grafiker Claudius Fischer erscheinen jährlich zwei Hefte, die eigentlich auf Samtkissen und Marmorsockeln zu Ansicht und Verkauf präsentiert werden müssten. Papierobjekte zum Lesen, Staunen und Verweilen, Kunststücke, die sich nach der Lektüre nicht so einfach in ein Regal schieben lassen, Hefte, die man nach der Lektüre in jedem Fall noch eine Weile mit sich herumträgt, weil sie einem ans Herz wachsen.

Markus Bundi: Menschen werden von Bildern inspiriert, und seit es Sprache gibt, evozieren Texte in deren Köpfen Bilder. Wenig erstaunlich also, dass das altgriechische Wort Idee nichts anderes meint als »Bild«. Darin trafen wir uns, die Herausgeber der edition aequinoctium schon früh. Claudius Fischer, der Zeichner und Gestalter, und ich, der Wörtermensch. Manchmal als ein scharfer Gegensatz – wie Tag und Nacht –, dann wieder ganz nah beieinander wie die Tag- und Nachtgleiche. Diese Wechselwirkung wollen wir befördern, indem wir sie nach aussen tragen, uns darüber austauschen, welches Tandem aus Kunst und Literatur gemeinsam abheben und fliegen könnte. Und so wird, wenn alles gut geht, auf das kommende Aequinoctium das nächste Heft erscheinen …

Am 22. September 2024 erschien das erste Heft der beiden Initianten selbst; «Als Sisyphos seinen Stein verlor», eine Kurzgeschichte von Markus Bundi (Erstveröffentlichung) und Zeichnungen aus dem Abreisskalender-Tagebuch von Claudius Fischer.

Die Hefte der edition aequinoctium haben einen Umfang von 16 bis maximal 24 Seiten, sind in ein Format 13 mal 21 gekleidet und werden mit grösster Sorgfalt von Hubert Oeschger in Bad Zurzach gedruckt. Die Auflage jedes Heftes ist limitiert, die einzelnen Exemplare handsigniert.

Im Frühling 2025 erschien «Nicht ganz stabil», ein Text von Zsuzsanna Gahse (Gewinnerin des Schweizer Grand Prix Literatur) und Fotografien des Künstlers Christoph Rütimann. Ein kongeniales Paar! Betrachtungen über den Mittelpunkt und die Wölbungen darüber.

Das dritte Heft, erschienen zur Tag- und Nachtgleiche im Herbst 2025, enthält neue Gedichte von Katharina Lanfranconi sowie einen durch das Heft fliessenden Farbrausch. Tuschearbeiten, die Sadhyo Niederberger aus Aarau speziell für die Edition geschaffen hat. Text und Bilder durchdringen sich, spiegeln sich wider und setzen Kontrapunkte.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für kunstaffine HaptikerInnen!

Markus Bundi, lic. phil. I, geboren 1969, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete in jungen Jahren als Journalist, erst als Sport-, dann als Kulturredaktor bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit über zwanzig Jahren unterrichtet er Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau. Er lebt als freier Autor, Literaturvermittler, Lektor und Herausgeber (u. a. der Werkausgabe Klaus Merz) in Neuenhof/ Schweiz. Für seien literarische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied bei PEN Deutschland.

Claudius Fischer, geboren 1962, lebt in Würenlingen. Ausbildung zum Grafiker. Weiterbildung an der F+F Schule für Kunst und Design und an der Schule für Gestaltung in Bern/Biel. Arbeit als Grafik-Designer in verschiedenen Agenturen und viele Jahre als Hausmann. Seit 2000 eigenes Studio für Grafik-Design. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 20214 Red Hot Design Award in visueller Kommunikation.

edition aequinoctium

Beitragsbild © Sadhyo Niederberger

Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7

Ava erwachte an diesem Morgen unerwartet mürrisch.
Draussen warteten Dunkelheit und Kälte, sie verkroch sich nochmals unter der warmen Decke. Nur noch fünf Minuten, dachte sie und döste nochmals ein. 
Sie träumte vom Esel im Stall, den man in diesen Tagen überall sah, sei es auf Karten oder in den Gassen mitsamt dem Nikolaus. Daneben stand eine Krippe mit dem Jesuskind. Doch wer war nun daneben?
Die Kirche, die das Kind nicht wachsen liess oder der Metzger, der Schweinsfilets im Teig im Akkord zu verkaufen wusste?
Egal, dachte der Esel Kim, ich bitte das Jesuskind um Flügel, dann kann ich mich davonmachen. Es hat zu viele Leute hier, zu viel Neonlicht, zu viel Lärm. 
Iah, rief er laut und schon wuchsen ihm schmale Knorpel, überzogen mit Faszien und Muskeln aus der Seite. Bestimmt lassen sie sich als Flügel benutzen, dachte Kim, scharte mit den Hufen im feuchten Heu und schaute zum Kind. 
Lass mich ziehen, bat der Esel.
Das Kind nahm seine Hand zum Mund und knabberte daran. Es schien dabei zu nicken, für niemanden sichtbar. Doch diesen Zuspruch liess sich Kim nicht nehmen, er versuchte ein wenig die seitlichen Fächer zu bewegen und schon strampelte er sich ein paar Zentimeter vom Boden weg. Dann plumpste er wieder auf den Boden. 
Ava schrak auf und schaute auf die Uhr. 
Nun war sie wirklich spät dran, sie stand eilig auf, kämmte ihre langen Haare, griff kurz nach dem Pinsel, um den Lippen etwas Rot aufzulegen und schob wenig später das Fahrrad aus dem Velokeller. Sie hatte heute Sonntagsdienst in der Apotheke. Sie hatte Pharmazeutik studiert und die Stelle, die sie kurz nach Abschluss an der ETH gefunden hatte, passte ihr. Sie waren ein kleines Team, alle jung und …  dynamisch, bei diesem Wort musste Ava grinsen. Sie stoppte bei der Bäckerei, wo man von draussen etwas bestellen konnte, bezahlte ihren Kaffee und den Laugengipfel und biss mit Genuss in das frische Gebäck. Wenige Gebäude weiter stellte sie das Fahrrad in das Parkfeld und schloss das geliebte Vehikel ab. 

In der Apotheke schlüpfte sie in den weissen Kittel und schon stand sie hinter der Theke. 
Sie mochte die Vielzahl der Fragen, mit denen die Menschen an sie herantraten. 
Ein älterer Mann fragte nach einer Salbe, er habe sich den Fuss verstaucht. 
Reiben Sie diese ein, sagte Ava, sie ist schmerzstillend und abschwellend – und lagern Sie den Fuss hoch, schob sie nach. Der Mann bedankte sich, bezahlte und ging humpelnd davon.

Viele Leute husteten, als sie reinkamen; sie verkaufte Erkältungstee und wenn es etwas Stärkeres sein sollte, Neocitran. 
Eine junge Frau hatte ein quengelndes Kind bei sich und verlangte nach Schmerztabletten. 
Kopfschmerzen, fragte Ava mitfühlend nach und die Frau nickte. 
Fast gleichzeitig war ein Junge eingetreten, er wartete geduldig und hielt ihr dann ein Rezept hin, für meine Mama, sagte er und schaute sie fragend an. 
So ging es den ganzen Tag weiter. Ava verkaufte Medikamente, griff nach Schachteln und Fläschchen und kam kaum zu einer Pause. 
Draussen spielte die Heilsarmee Weihnachtslieder, mit jeder Türöffnung drangen Fetzen bekannter Melodien hinein. Ava war versucht, mitzusingen, so allmählich wurde sie müde und nostalgisch. Und hörte den Magen knurren. 
Kurz vor Ladenschluss trat ein Mann mit einem smarten Wuschelkopf an die Theke. Er trug ein schmales Instrument an der Seite und einen grauen Flanellmantel. Ein Knopf fehlte, vielleicht waren es zwei. In diesem Moment kam Ava der Esel in den Sinn, sie hatte keine Ahnung weshalb. 
Spontan fragte sie den durchfroren wirkenden Mann, als sie ihm die Vitamin C Sprudeltabletten hinübergereicht hatte, ob er ebenso hungrig sei wie sie. In der Nähe sei ein günstiges Lokal, ich lade dich ein, sagte sie und war ebenso überrascht wie der schlaksige Mensch ihr gegenüber.

Wenig später sassen sie sich vis à vis und schauten sich etwas verlegen an.
Dass sich der Mann als Kim vorstellte, verwunderte Ava kaum mehr, nur ihre Augenbrauen schnellten kurz hoch.
Ava sah von ihrem Sitzplatz auf die Gasse hinaus zu den Juddbrunnen, wo die Krippenfiguren aus Holz aufgestellt worden waren. Sie lächelte dem Jesuskind in der Holzkrippe zu, das immer noch an seiner Faust knabberte. Gut gemacht, Kleines, du bist gar nicht so daneben, zwinkerte sie ihm zu. 

© Ayse Yavas

Ruth Loosli, geboren 1959 im Seeland, lebt in Winterthur. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, fünf Lyrikbände, ein Roman («Mojas Stimmen»). Schriftbilder entstehen, eines fürs Plakat von «Zürich liest» 2023. Ein erstes Bilderbuch erscheint 2024, ein zweites im Frühjahr 2026. In der Galerie Weiertal werden 2026 Schriftbilder zu sehen sein.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Benedikt Weibel «Abenteuer Lesen. Hundert Quellen der Lust und der Erkenntnis», Edition Exodus

In einer Zeit, in der Lesen nicht mehr Pflicht ist, in der Lesen für viele nicht mehr zum Leben gehört, hast du ein besonderes Buch über das Lesen geschrieben. Über Bücher. Über die Verzauberung und Selbsterkundung durch das Buch.

Eine Liebeserklärung an das Buch
Gastbeitrag von Peter Weibel

«Abenteuer Lesen» – Hundert Quellen der Lust und des Erkennens: Eine Reise durch hundert Bücher, die dein Leben geprägt haben. Zu hundert Autorinnen und Autoren, die man sprechen hört, die uns zum Lesen auffordern. Eine Reise zur verborgenen Seele der Bücher. Jedes Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben (Carlos Ruiz Zafon). Du schreibst keine Rezensionen. Du schreibst über deine Emotionen. Darüber, was dich in einem Buch bewegt hat und warum. Was dich berührt hat. Du schreibst es zu Recht und nachdrücklich: Von Bedeutung ist nicht die literaturkritische Wertung eines Buches, von Bedeutung ist, ob wir vom Buch berührt werden. Denn wir werden berührt, wenn wir in einem Buch Teile unserer eigenen Geschichte wiederfinden.

Jedes Buch hat eine Aura. Der Ort und die Stimmung dort, wo wir es zum ersten Mal gelesen haben. Der Sog in die eigene Lebensgeschichte hinein. Die Entdeckung klingender Passagen, Wortperlen beim zweiten Lesen. Und manchmal auch die Entfernung beim Lesen nach zwanzig Jahren, die unsere Berührbarkeit verändert haben.

Benedikt Weibel
«Abenteuer Lesen. Hundert Quellen der Lust und der Erkenntnis», Edition Exodus, 2025, 527 Seiten, CHF ca. 42.00, ISBN 978-3-907386-06-4

Natürlich sind unter den hundert Büchern auch grosse Werke, die man kennt. (Oder zu kennen glaubt.) Thomas Mann. Lew Tolstoi. Max Frisch. Aber auch längst vergessene Trouvaillen sind dabei. Die an Muskelschwund leidende Autorin Ursula Eggli, die 1977 in «Herz im Korsett» eine Lanze für die Rechte von Behinderten und Frauen gebrochen hat, als die Gesellschaft dazu noch nicht bereit war. Oder der radikale Zeitgenosse und wilde Alpinist Hans Morgenthaler mit «In der Stadt».

Bücher erzählen die Zeitgeschichte eindringlicher als jeder Geschichtsunterricht. Wer das Buch «Mila 18» über den jüdischen Aufstand im Wahrschauer Ghetto von Leon Uris gelesen hat, wird die Wunden der Vergangenheit nie mehr los. Wer mit Hemingways «Wem die Stunde schlägt» in den spanischen Bürgerkrieg gezogen ist, begreift das zerrissene Spanien von heute.

Bücher spiegeln die Weltgeschichte – die Auswahl deiner hundert Bücher spiegelt die biografische Spannweite der Nachkriegsgeneration. Und deine persönliche Biografie. Hans Magnus Enzensbergers «Kurzer Sommer der Anarchie» hat dich früh politisiert. Heinrich Harrers Buch über die Tragödien der Eiger Nordwand «Die weisse Spinne» hat deine Leidenschaft für die Berge erstaunlicherweise nicht gebrochen. Hat dich womöglich dazu bewegt, später Bergführer zu werden. Wittgensteins rätselhaftes Werk «Traktats Logico-Philosophicus», das kaum einer entschlüsseln kann, hat dich zur Wahrscheinlichkeitstheorie geführt. Caroline Alexanders Buch «Die Endurance» über Shackletons Überlebenskampf in der antarktischen Eishölle hat das Geheimnis der Führungskunst und den Glauben, dass auch Unmögliches möglich werden kann, geprägt.

Ich weiss nicht, wie du es geschafft hast, hundert Bücher ein zweites oder drittes Mal nochmals zu lesen, das sind vielleicht dreissigtausend Seiten, wahrscheinlich mehr. Und darüber ein fünfhundertseitiges Buch zu schreiben. Aber du hast es geschafft. Und es ist ein einzigartiges Buch über den unermesslichen Reichtum der Bücherwelt geworden. Eine Liebeserklärung an das Buch. Wenn von vielen Leserinnen und Lesern jede auch nur fünf Bücher wiederentdeckt, werden tausende vergessene Bücher in die Gegenwart zurückkehren. Nicht nur, aber auch deshalb muss man «Abenteuer Lesen» allen ans Herz legen, die noch lesen wollen.

Benedikt Weibel, geboren 1946, war von 1993–2006 Chef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Als Publizist schreibt er Kolumnen. Ausserdem hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter «Simplicity – die Kunst, die Komplexität zu reduzieren» (Zürich 2014), «Das Jahr der Träume 1968 und die Welt von heute» (Zürich 2017), «Wir Mobilitätsmenschen. Wege und Irrwege zu einem nachhaltigen Verkehr» (Basel 2021).

Beitragsbild © Michael Stahl

Wortlaut – St.Galler Literaturfestival vom 27. bis 29. März 2026

Wortlaut ist das literarische Frühjahrsereignis der Ostschweiz. 2026 wird es zum 17. Mal durchgeführt und findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Sämtliche Veranstaltungsorte wie Lokremise, Bibliothek Hauptpost und Grabenhalle sind fussläufig erreichbar und liegen bahnhofsnah. Ziel des Literaturfestivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekanntzumachen.

Wir alle übersetzen tagtäglich das, was wir denken, in Worte. Im Rahmen der 17. Ausgabe des Wortlaut – St. Galler Literaturfestivals wollen wir nun diesen Prozess genauer anschauen: Was passiert, wenn Gedanken Form annehmen – erst in Worte, dann in Schrift? Oder wenn ein Buch in eine andere Sprache übertragen wird? Wie können komplizierte Themen vermittelt werden? Anders gesagt: Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden? Wir freuen uns sehr, genau darüber mit unseren Autor:innen am Wortlaut zu sprechen!

Es finden moderierte Lesungen mit Autor*innen aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Raum statt. Darüber hinaus organisieren wir spannende Wortwechsel, Werkstattgespräche und eine Podiumsdiskussion. Das Publikum in St.Gallen wird ferner eingeladen, Gast des schon traditionellen Dialekt Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein, sich an einem Literaturspaziergang durch die Gallusstadt zu beteiligen oder den Lesungen im öffentlichen Nahverkehr zu lauschen. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost ein sogenannter Silent Reading Rave statt.

Wortlaut ist ein Fest, das Sie auch in diesem Jahr zu literarischen Entdeckungen und Grenzüberschreitungen einlädt. Freuen Sie sich mit uns auf ein reichhaltiges und entdeckungsfreudiges 17. St.Galler Literaturfestival!

Advents-Überraschung: Early Bird Festivalpässe ab jetzt erhältlich!

Du suchst noch ein passendes Weihnachtsgeschenk für deine literaturbegeisterte Mutter oder deinen Bruder, der eine Leseratte ist? Verschenke jetzt Vorfreude für das 17. Wortlaut vom 27.-29. März 2026.

Denn du kannst dir jetzt zum ersten Mal für das Wortlaut Literaturfestival 2026 exklusive Festivalpässe zum Sonderpreis sichern!

Wir freuen uns darauf, dich 2026 beim Wortlaut Literaturfestival willkommen zu heissen!

Die Aktion gilt vom 8.-31. Dezember 2025

Zu den Early Bird Festivalpässen

Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7

Es hat geklopft!
Sie richtet sich auf, schaltet das Licht an, schlüpft in die Pantoffeln, eilt zur Wohnungstür und hinaus auf den Korridor. Doch da ist niemand. Sie ruft den Namen ihres Sohnes, zuerst leise, dann lauter.
Keine Antwort.
Nichts.
Nur ihr Herz, das pocht.
Sie geht zurück in die Wohnung, durch die Küche auf den Balkon, lehnt über die Brüstung, weit hinaus, um zur Eingangstür hinunterzuschauen. Doch auch da ist niemand. Im Halbdunkel erkennt sie nur die Konturen der Mülltonnen, die neben dem Eingang stehen. Die Straße ist leer. Aus der Ferne hört sie einen Hund bellen, dann ist es wieder still.
Fröstelnd geht sie zurück in die Wohnung. Es ist erst halb fünf, doch sie beschließt, wach zu bleiben, Kaffee zu kochen, das Frühstück zuzubereiten. Als sie in der Küche hantiert, fällt ihr Blick auf den Kalender. Nicht auf den alten, der über der Kommode hängt und seit zwei Jahren und drei Monaten den 30. August anzeigt. Nein, auf den anderen Kalender fällt ihr Blick, auf den aktuellen, von dem sie nun ein Blatt abreißt und sieht, dass heute der erste Advent ist.
Sie lächelt. Den ersten Advent haben sie früher wie Weihnachten gefeiert. Mit einem festlichen Abendessen und Geschenken. «Kleine Weihnachten», hat ihr Sohn einmal gesagt, was sie lustig fand. Wie alt war er damals? Vier, vielleicht fünf? Den ersten Advent haben sie danach immer so genannt, «kleine Weihnachten», auch später noch, als ihr Sohn zur Schule ging und noch später, als er Student war.
Sie stellt zwei Tassen auf den Tisch und rückt den Stuhl zurecht, auf dem seit dem Datum auf dem Kalenderblatt über der Kommode niemand mehr gesessen hat. Sie setzt sich auf den Stuhl gegenüber, frühstückt und lässt danach das Geschirr stehen, damit sie noch einmal frühstücken kann, wenn ihr Sohn kommt.
Punkt acht meldet sie sich in der Chatgruppe und erzählt vom Klopfen. «Vielleicht ist heute der Tag», endet sie ihre Nachricht.
«Hoffentlich», antwortet jemand.
Drei reagieren mit einem Herzen.
Niemand aus der Chatgruppe fragt, ob es wirklich geklopft habe. Und niemand sagt, sie müsse realistisch sein und abschließen, wie ihr einmal ein Arzt geraten hat. Trauern solle sie, hat er empfohlen, wie wenn ihr Sohn gestorben wäre. Als ob ihr Sohn gestorben wäre!
Wer wäre sie dann überhaupt? Sie ist Witwe, seit vor vielen Jahren ihr Mann gestorben ist. Ihr Sohn wurde dadurch Halbwaise und würde Vollwaise, wenn auch sie stürbe. Doch für eine Mutter, deren Kind gestorben ist, gibt es keine Bezeichnung, erst recht nicht für eine Mutter, deren Kind verschwunden ist.
Verschwunden worden ist, müsste sie wohl sagen. Denn was vorgefallen ist, wurde beobachtet, das Beobachtete berichtet, das Berichtete bestätigt. Und bestritten. Es sind Puzzleteile, die sich bis jetzt zu keinem Bild zusammenfügen lassen. Solange sie es nicht genau weiß, ist ihr Sohn nicht gestorben. Er ist vor zwei Jahren und drei Monaten, am 30. August kurz nach Mittag, aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekommen. Noch nicht.
In der Chatgruppe braucht sie das Warten nicht zu erklären. Sie alle kennen es. Auch die Geräusche kennen sie. Manche hören ebenfalls ein Klopfen, andere das Telefon klingeln oder eine Tür knarren. Nachts ein Schnarchen im Nebenzimmer, tagsüber eine Stimme, ein Räuspern, ein Rufen, ein Lachen, ein Singen, ein Pfeifen. Einige hören Schreie, immer wieder Schreie.
Heute war das Klopfen anders. Kräftiger, hartnäckiger vielleicht. Es klang wie eine Ankündigung. Als sei ihr Sohn unterwegs und komme bald durch die Tür, heute noch oder morgen erst, nächste Woche oder an Weihnachten. Sie wird ihm auch dieses Jahr ein Geschenk kaufen, sein Lieblingsessen kochen, die Wohnung schmücken.
«Es ist Advent, die Zeit der Ankunft», schreibt eine der Mütter in den Gruppenchat. Jemand reagiert mit einem Stern. Im Verlauf des Tages melden sich alle aus der Gruppe. Es brauchen keine Worte zu sein, denn manchmal fehlen sie. Ein Emoji genügt. Sonst wird nachgefragt. Denn sie alle sind auf einer Achterbahn, könnten jederzeit hinausgeschleudert werden und fallen, tief fallen.
Als wieder halb fünf ist, weiß sie nicht mehr, was sie den ganzen Tag über gemacht hat. Gewartet hat sie, natürlich hat sie gewartet. Das tut sie jeden Tag. Manchmal strickt sie dabei. Im Schrank liegen drei Pullover, ein Schal und fünf Paar Socken, die sie für ihren Sohn gestrickt hat.
Angefangen hat sie damit, als sie gesehen hat, wie abgemagert die jungen Männer sind, die zurückkommen. Auch der Sohn ihrer Nachbarin. Gezittert hat er. Also hat sie ihm einen Schal gestrickt, den er fortan immer trug, sogar am Tag, als er wegzog, um das alles hinter sich zu lassen, wie er ihr beim Abschied erklärte. Kurz darauf ist auch ihre Nachbarin weggezogen, um das alles hinter sich zu lassen.
Sie selber kann nicht wegziehen. Nur selten verlässt sie ihre Wohnung. Sie ist hier, um zu warten. Je weiter der Tag fortschreitet, desto beschwerlicher wird das Warten. Wenn sie die Kraft dazu hat, setzt sie sich an den Computer, füllt Formulare aus, kontaktiert Organisationen, vernetzt sich, schreibt Briefe, erzählt wieder und wieder seine Geschichte, die längst zu ihrer Geschichte geworden ist. 
Sie kämpft für die Suche ihres Sohnes, aber auch gegen die Dunkelheit, die sich am Ende des Tages ausbreitet und gegen die keine Lampe hilft. Wenn sie dann nicht aufpasst, kullern plötzlich Tränen über ihre Wangen, beben die Schultern und hört sie ein Schluchzen, das tief aus ihr herausdringt und doch so tönt, als käme es von einem fremden Wesen.
Bevor sie zu Bett geht, schaut sie ins Zimmer ihres Sohnes, das aussieht, als sei er nur für ein paar Stunden weggegangen. Und das war er auch, nur für ein paar Stunden weggegangen. In der Bibliothek ein paar Bücher holen wollte er und zwei, drei Dinge einkaufen. «Bis gleich», rief er an jenem 30. August nach dem Mittagessen und ging.
«Bis gleich», flüstert sie und geht in ihr Zimmer. Sie setzt sich aufs Bett, schlüpft aus den Pantoffeln, legt sich hin, löscht das Licht. Und lauscht auf Geräusche.

Alexandra von Arx, geboren 1972 in Olten, ist Juristin, Übersetzerin und internationale Wahlbeobachterin. Als Autorin wurde sie mit zwei Förderpreisen für Literatur und mehreren Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bislang hat sie drei Romane und einen Erzählband veröffentlicht, zuletzt «Das mit uns» im Zytglogge Verlag.

Webseite der Autorin

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Jina Khayyer „Im Herzen der Katze“, Suhrkamp

Jina Khayyer stand mit ihrem Debüt „Im Herzen einer Katze“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025. Ein Buch, das gleichermassen aufwühlt wie verunsichert. Ein Buch, das LeserInnen mit Sicherheit aus der Komfortzone lockt und Fragen aufdrängt, die man eigentlich nur ungerne zulassen will.

Dass uns vieles an der Welt sprachlos zurücklässt, daran scheinen wir uns gewöhnt zu haben. Vielleicht auch eine natürliche Reaktion darauf, dass vieles unbegreiflich erscheint, unlösbar, durch fast nichts mehr zu korrigieren. Sprachlosigkeit einhergehend mit Tatenlosigkeit. Aber wenn ich dann durch die Lektüre eines Buches gezwungen werde, mich Tatsachen zu stellen, die Menschen zu Tausendenden nicht nur die Freiheit, sondern das Leben kostet, dann kann Lesen beinahe unerträglich werden. 

Jina Khayyer stammt aus dem Iran. Einem Land, das von Mullahs, bärtigen Männern regiert wird, das sich im Würgegriff einer Form des Islams befindet, willkürlicher Macht, die auf dem Rücken all derer zementiert wird, die sich dem Regime widersetzen und nicht akzeptieren wollen, dass das Recht auf Freiheit, Meinungsäusserung mit Füssen getreten wird. Am allermeisten leiden Frauen darunter, eine ganze Generation, die in den Medien mitansehen muss, wie auf der anderen Seite der Grenzen weibliche Freiheit gelebt werden kann, deren Mütter in Zeiten des Aufbruchs, als mit dem Wahlsieg Mohammad Chātamis bei den Präsidentschaftswahlen 1997 mit einem Mal Presse- und Bewegungsfreiheit möglich schienen und Frauen sich unverhüllt, geschminkt und in voller Haarpracht in den Strassen der Metropolen bewegten.

Jina Khayyer «Im Herzen der Katze», Suhrkamp, 2025, 253 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43248-8

Die Autorin lebt und wirkt in Deutschland. Ein grosser Teil ihrer Familie lebt aber noch immer im Iran, allen voran ihre Schwester, die einen Iraner heiratete und durch nichts aus diesem Land zu vertreiben ist. Über ihre sozialen Kanäle erfährt die Erzählerin dieses Romans, dass in den Strassen von Teheran eine junge Frau mit gleichem Vornamen wie sie von Sittenwächtern umgebracht wurde. Der Mord an Jina Mahsa Amini am 16. September 2022 wird der Anfang einer weiteren, blutigen Revolte gegen ein Regime, das sich mit ebenso massloser wie gezielter Gewalt an der Macht zu halten versucht. Jina in Deutschland muss aus der Ferne zuschauen, wie sich auf dem Bildschirm manifestiert, was nicht einmal in den wüstesten Träumen vorstellbar ist. Obwohl es Dank des Mutes vieler Verzweifelter immer wieder zu Kundgebungen und einem Aufflammen der Revolte kommt, macht das iranische Regime mit aller Härte klar, dass vor nichts zurückgeschreckt wird, auch nicht vor öffentlichen Hinrichtungen von Menschen, deren Vergehen einzig und allein die Hoffnung auf Freiheit war.

Jina Khayyer erinnert sich an eine Reise in ihr Ursprungsland, als sie als junge Frau für kurze Zeit in den Schoss ihrer grossen Familie zurückkehrte, als sie als westlich sozialisierte Frau mit einem Schleier verhüllt mit dem Auto eine Reise durch den Iran unternahm. Eine Reise durch ein einst blühendes, buntes, kulturell vielfältiges Land mit vielen Sprachen und ebenso vielen Ethnien. Durch ein Land, das aber schon damals nur noch ein Schatten seiner selbst war, in der Angst erstarrt, kontrolliert von bärtigen Männen, die ihre Kalaschnikows ganz offen tragen und nur schon durch einen „falschen“ Blick provoziert werden können. Und wer, vor allem als Frau, erst recht als junge Frau, einmal in die Mühlen dieses Machtapparts gelangt, entkommt ihm kaum mehr unverletzt in Geist und Seele.

„Im Herzen einer Katze“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Road-Tripp. Ein Höllentripp! Nichts für zarte Seelen, die sich nicht in der Lage sehen, der Fratze des lachenden Unrechts ins Gesicht zu schauen. Auch wenn der Roman seine Längen hat und damit vielleicht die scheinbare Idylle in der Quarantäne einer Familie zeigen will, ordnet die Autorin auf beeindruckende Weise, was in seiner Gesamtheit fast nicht zu ertragen ist. Immer wieder blitzt die arabische Kunst des Fabulierens, der blumigen Erzählung auf, der Weisheit in einer Sprache, die schon über viele Jahrhunderte ihre Blüten trägt und auch durch die graue Gegenwart nicht auszulöschen ist.

Mit Sicherheit war die Nominierung zum Deutschen Buchpreis auch ein Signal, ein Manifest, ein Zeichen. Ein Zeichen, das unmissverständlich ist und an all jene gerichtet ist, die sich den gegenwärtigen Verhältnissen im Iran strategisch verschliessen.

Jina Khayyer ist Schriftstellerin, Dichterin, Malerin und Journalistin. In Deutschland geboren, iranischer Abstammung lebt und arbeitet sie seit 2006 in Paris und in der Provence. Sie ist Autorin für die Zeitschriften ‚The Gentlewoman‘, ‚Fantastic Man‘ und ‚Apartamento‘. Zuletzt wurden ihre Gedichte und Zeichnungen in der Kunsthalle Baden-Baden im Rahmen der Gruppenausstellung SEA AND FOG (2024) ausgestellt. «Im Herzen der Katze» ist ihr Romandebüt und stand in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025.

Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7

Der Alpstein hat sich an einer bestimmten Stelle tief gesenkt und um fast 1000 Meter nach Norden verschoben. Die Saxerlücke ist Teil dieser uralten Verwerfung. Wanderer geniessen dort seit jeher die herrliche Aussicht; für mich aber zeigt sich an dieser Bruchstelle ein anderes Bild. Die Saxerlücke ist Riss und Verbindung zugleich, ein Ort der Möglichkeiten, des Hätte-sein-Könnens. 

Wie jedes Jahr sassen wir an Heiligabend am Esstisch, den meine Grossmutter gedeckt hatte. Goldumrahmte Teller und Kristallkelche machten aus dem Fest etwas Erhabenes. Die Sitzordnung war immer dieselbe. Am Kopfende blieb jedoch Jahr für Jahr ein Stuhl frei, trotz aufgedecktem Geschirr, und es schien, als erwartete Grossmutter einen weiteren Gast. Sämtliche Fragen, die sich um diesen Platz drehten, alle Mythen, die sich um ihn rankten und von uns aufgetischt wurden, entlockten Grossmutter nie das Geheimnis. Selbst Grossvater hatte, als es noch lebte, das Ritual nicht verstanden. 
Ich nahm an, dass sich mittlerweile niemand mehr darum scherte, der Sache auf den Grund zu kommen. «Die Alten haben ihre Marotten», sagte meine Mutter lachend und füllte den Rotwein in die Gläser. 

Wir assen Braten, Kartoffelstock und warmes Apfelmus. Die Gläser klirrten in immer kürzeren Abständen. Meine Familie wusste sich zu amüsieren: Viele Witze flogen quer über den Tisch, nur meine Grossmutter blieb seltsam still. 
Kurz vor Mitternacht machten sich die Gäste auf den Weg zur Messe. Ich blieb. Etwas hielt mich zurück, vielleicht war es Grossmutters Blick, der mich immer wieder suchte. Er hatte etwas Forderndes. Da ich ihre einzige Enkelin war, hatten wir eine besonders enge Bindung.
Es roch nach Kaffee und Kerzenwachs. Ich wartete auf dem Sofa, bis sie aus der Küche zurückkehrte. Als sie erschien, trug sie einen Krug in den Händen und ein Album unter dem Arm. Sie stellte den Krug auf den Tisch, setzte sich mir gegenüber und strich mit dem Daumen über den Einband. Sie hob den Deckel. Das Foto zeigte die Saxerlücke. Erst beim zweiten Blick sah ich ihn – einen Mann mit schwarzem Haar, die Hände in die Hüften gestützt. Da begann sie zu erzählen. 
Von Aldo, dem italienischen Hilfsarbeiter. 
Wie rasch das Gerede damals im Dorf die Runde machte. 
Wie Zettel unter der Tür lagen, auf denen «Tschingge-Freundin» stand. 
Ihr Vater hatte sie fortan nicht mehr ausgehen lassen. Doch sie schlich sich heimlich davon, um Aldo zu treffen. Zuerst in den Wald, an den Fuss des Berges, schliesslich zur Saxerlücke.
Aldo wollte in der Schweiz bleiben. Das Bürgerrecht, sagte sie, habe ihm die Gemeinde angeboten – für vierzigtausend Franken. Für ihn war das eine unüberwindbare Summe. Also kehrte er nach Italien zurück. Für immer.
Grossmutter legte die Hand auf das Foto.
Meinen Grossvater habe sie fünf Jahre später kennengelernt, sagte sie. Es sei Liebe gewesen, wenn auch eine ruhigere. «Vergleichen konnte ich es nicht», fügte sie hinzu, «es war einfach anders.»
Ich fragte sie, ob sie den leeren Stuhl seither für Aldo freihielt.
Sie lächelte und schüttelte den Kopf.
«Nicht ganz», sagte sie. «Er steht für das Ungelebte, die verpassten Gelegenheiten. Und die Geschichten, die man sich darüber erzählt. Sie wiederholen sich. Gewisse Geschichten wiederholen sich.»
Wir sassen noch lange beisammen, bis draussen das erste Licht durch die Fenster drang. Am Morgen nahm ich den frühen Zug nach Hause.

Vor ein paar Wochen ist Grossmutter gestorben. 
Wenn der Schnee schmilzt, werde ich zur Saxerlücke hinaufgehen. Vielleicht hat sich der Berg seither ein wenig weiter verschoben.

Gabriela Caponio, 1975, wohnt im Kanton Zürich. Sucht in Archiven nach Geschichten, besonders nach Kriminalfällen aus dem Zürich der 20er. Das Interesse gilt allgemein dem Proletariat und den Unterprivilegierten.  

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

«Im kalten Advent» von Helmut Blepp 1/7

Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer

Dreh- und Angelpunkt dieses Romans ist ein Loch, Schacht ¾, eine Kohlenmine im Donbass, jener Gegend, in der seit Jahren ein unerbittlicher Angriffskrieg der Russen gegen ihren einstigen Bruderstaat, die Ukraine, den Boden mit Blut tränkt, eine Gegend, in der das Böse immer wieder seine Fratze zeigt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden Tausende von Juden im Donbass ermordet und ihre Leichen in eben diese stillgelegte Kohlenmine geworfen. Nach dem Krieg wurde die Mine mit einem Betonpfropfen verschlossen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber wie naiv zu glauben, all die Geister dieser Toten würden Ruhe geben, man könne so einfach vergessen. Tausende von Toten in einer Mine, die einst ein grosses Versprechen war, die Reichtum verhiess, mit deren Kohle man die Räder einer prosperierenden Wirtschaft antreiben wollte, in deren Unterhalt sich aber ein Wurm einfrass, der Stollen so unsicher wurde, man sich gezwungen fühlte, die Mine stillzulegen. Eine Mine, die im Unterbewusstsein einer ganzen Gegend wirkt wie ein ewig schlechtes Gewissen.

Und als im Juli 2014 das Passagierflugzeug MH-17 über eben diesem Bergbaudorf von russischen Freischärlern abgeschossen wird, regnet es Frackteile und Tote über einem Dorf, das mit den Auswirkungen des Bösen einmal mehr unfreiwillig in die Mangel genommen wird. Ein Irrtum, denn die Männer, die die Maschine vom Himmel holten, glaubten eine feindliche Transportmaschine im Visier zu haben. Eine Tat, die die russischen Besatzer mit allen Mitteln zu vertuschen versuchen, so wie man damals die Toten im Schacht ¾ stillhalten wollte, eine Tat, bei der fast 300 Unschuldige ihr Leben verloren, darunter 80 Kinder. Unschuldige damals, Unschuldige heute.

Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer, 2025, aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 256 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-10-397521-5

Der Roman, der fünf Tage rund um diesen tragischen Abschuss einer Boing 777 beschreibt, mit Rückblenden in die Zeit, als man noch hoffen konnte, die Kohlenmine würde das werden, was man von ihr erhoffte. Eine sterbende Hauptfigur in Sergej Lebedews Roman ist Marianna, die Wäscherin im Dorf. Jene Frau, die alles wieder weiss wäscht. Aber sie ist krank, krebskrank. Und weil sie im Sterben liegt, ist ihre Tochter Shanna zurück ins Dorf gekommen. Ein schwieriger Gang, denn ihre Mutter ist nicht mehr die, die sie einst gewesen war. Als ob all das Böse, dass sie über die Jahrzehnte aus den beschmutzen Stoffen der Menschen waschen musste, den Krebs wie eine Schmutzschicht auf ihre Haut getrieben hätte. Shanna ist nicht nur einfach traurig, sondern enttäuscht, wütend, nicht zuletzt darum, weil die Mutter sie zurück in dieses Dorf gebracht hatte, ein Dorf, von dem sie ahnt, dass das Böse auch sie ereilen will, und weil sie es nicht schafft, den Schmutz von den Laken ihrer Mutter zu waschen.

Zum Beispiel ihr Nachbar Valet, gleich alt wie Shanna, mit ihr aufgewachsen, aber als junger Mann nach Moskau gezogen, um sich am grossen, starken Bruder zu orientieren, um dereinst mächtig zurückzukehren und sich das zu nehmen, von dem er schon ein ganzes Leben überzeugt war, es würde ihm zustehen. Valet lauert auf seine Gelegenheit. Bis ihm eine Leiche im Gestrüpp, eine Tote aus dem Passagierflugzeug MH-17 das bietet, was er glaubt, würde ihm helfen, Shanna auf seine Seite zu bringen.

Vorgesetzter von Valet ist General Korol, ein Veteran aus dem Tschetschenienkrieg, der schon in den 70er Jahren in dieser Stadt als KGB-Offizier diente, die dritte Stimme des Romans, die vierte Stimme die des Ingenieurs, der damals die Kohlemine plante, er ausgerechnet ein Jude.

Man mag Sergej Lebedew vorwerfen, dass er es mit den geschichtlichen Tatsachen und Schauplätzen nicht so genau nimmt. Das kann einem dann stören, wenn man einem Schriftsteller seine Freiheiten verweigert. Wenn man nicht spürt, worum es Lebedew in diesem Roman doch eigentlich geht. Lebedew bündelt all das Böse an einem Ort, an jenem Ort, der bis in die Gegenwart immer wieder zum Totenfeld wurde. Es ist ein Roman über einen ewigen Schmerz. Ein Roman eines Mannes, den dieser ewige Schmerz aus seiner Heimat vertrieb. Ein Roman mit einer mehr als deutlichen Anklage. Starke Worte!

Sergej Lebedew arbeitete nach dem Studium der Geologie als Journalist. Gegenstand seiner Romane sind für den 1981 Geborenen die russische Vergangenheit, insbesondere die Stalin-Zeit mit ihren Folgen für das moderne Russland. Bei S. Fischer sind seine Romane «Der Himmel auf ihren Schultern» (2013), 2Menschen im August» (2015), «Kronos‘ Kinder» (2018) und «Das perfekte Gift» (2021) erschienen. Zuletzt erschien der Erzählband «Titan oder Die Gespenster der Vergangenheit» (2023). Sergej Lebedew lebt zurzeit in Potsdam.

Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.

Beitragsbild © Jane Lezina