Lea Frei ist eine freischaffende Illustratorin und Comicautorin aus der Schweiz mit Atelier in St.Gallen.









Illustrationen © Lea Frei
Lea Frei ist eine freischaffende Illustratorin und Comicautorin aus der Schweiz mit Atelier in St.Gallen.









Illustrationen © Lea Frei
Laut schallt seine Stimme über den Platz: «Qimits! Qimits! Kommt her! Versucht euer Glück! Wenn ihr schnell seid, dann werdet ihr reich!» Während der junge Mann sich mit der Linken das Mikrofon vor den Mund hält, legt seine Rechte mit rasender Geschwindigkeit Spielkarten auf dem Pflaster aus, manche verdeckt, andere mit der Bildseite nach oben. Dann zaubert er zwei silberne Suppenlöffel hervor und platziert sie neben den Karten auf dem Boden. «Wer tritt gegen mich an? Schaut her: Ich spiele mit einer Hand, Eure Chancen stehen gut!»
Ich weiß allerdings sehr genau, wie gut meine Chancen stehen, darum schau ich ihm lieber aus der Entfernung zu. Kokle («Löffel») heißt dieses Spiel, das Kartenglück mit Strategie und Geschicklichkeit verbindet. Es geht im Kern darum, im richtigen Moment einen Löffel zu ergreifen. Wer ohne Löffel zurückbleibt oder das Besteck zu früh berührt, hat verloren. Der richtige Moment wiederum hängt von den Karten ab, die man in der Hand hält – oder vorgibt, in der Hand zu halten. Es ist ein lautes, lustiges, lebendiges Spiel. Man kennt auf Lemusa zahlreiche Versionen mit eigenen Finessen, Hürden und Gemeinheiten. Meist spielt man Kokle im Rahmen von Partys oder Kindergeburtstagen, zum Vergnügen. Es soll jedoch auch Hinterzimmer geben, in denen Kokle um Geld gespielt wird. Ja, man hört sogar von professionellen Zockerinnen und Zockern, die von ihren Spielgewinnen leben können – allerdings nur bis zu einem gewissen Alter. Irgendwann lässt die Reaktionsgeschwindigkeit nach, ist man nicht mehr schnell genug.
«Mangoljie yo kokle», «manquer sa cuillère», «seinen Löffel verpassen», sagt man auf Lemusa, wenn jemand eine Gelegenheit ungenutzt vorbeiziehen lässt. Sicher kommt daher auch der lemusische Begriff koklax, der den richtigen Zeitpunkt für eine Unternehmung beschreibt. Und wenn sich jemand gar nicht wohlfühlt in seiner Haut, dann sagt man, er sei «ehan yo kokle», also «neben seinem Löffel».
Der junge Mann hat sein mobiles Casino auf dem Platz vor dem Sumaz-Supermarkt im Zentrum von Bouden eingerichtet. Vermutlich hofft er, die Kundinnen und Kunden nach ihrem Einkauf mit der Aussicht zu ködern, sie könnten das eben ausgegebene Geld mit etwas Geschick bei ihm ganz leicht wieder einspielen. Aber die Erwachsenen sind nicht interessiert. Vielleicht kennen sie zu viele Leute, die bei solchen Gelegenheiten schon Geld verloren haben. Oder man ist, mit einem schönen Oktopus im Einkaufskorb und einer Flasche Médioc unter dem Arm, schlicht nicht in der Stimmung, sein Glück auf die Probe zu stellen. «Kefa on pysgodin eni patell, swate posse binair echel», lautet ein lemusisches Sprichwort: «Hat man einen Fisch in der Pfanne, kann einem der Ozean egal sein». Das entspricht etwa der deutschen Redewendung: «Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach».
Doch auch wenn die Erwachsenen auf Distanz bleiben, die Kinder sind von dem Mann mit dem Mikrofon magisch angezogen. Mit neugierig erregten Gesichtern stehen, kauern und hocken sie um ihn her. Sie würden noch so gerne spielen. Geld aber haben sie keins. Also kehrt der Kokle-Meister wieder und wieder zu denselben Gesten und denselben Lockrufen zurück, als sei er in einer Zeitschleife gefangen. Er kann nicht loslegen, denn dafür fehlen ihm die Gegner. Und er kann auch nicht aufhören, denn dafür hat er zu viele Zuschauer, zu viel Aufmerksamkeit. Und so findet sich der junge Mann, der hier tüchtig Kohle machen wollte, unfreiwillig in der Rolle des Kinderbetreuers wieder. Dass er dabei sein könnte, eine neue Bestimmung zu finden, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Viel eher dürfte er sich ganz schön «ehan yo kokle» fühlen.
Fast tut mir der Herr der Karten und Löffel ein wenig leid – auch wenn er ein Betrüger ist, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Doch da tritt entschiedenen Schrittes eine Polizistin mit knacksendem Funkgerät auf, fragt den Mann nach seinen Papieren, redet kurz und scharf auf ihn ein. Er sammelt seine Karten und Löffel, steckt das Mikrofon in seinen Rucksack, packt den Lautsprecher und geht davon, Erleichterung im Gesicht.

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
Nach ausverkauften Wortlaut- und Tagespässen sowie drei bestens besuchten Festivaltagen endete am vergangenen Sonntagabend die 17. Ausgabe des Sankt Galler Literaturfestivals Wortlaut. Das Publikum strömte geradezu in die zahlreichen Veranstaltungen, fast alle waren ausverkauft, die Stimmung ausgezeichnet.
Die Zahl der Besucher:innen konnte in diesem Jahr abermals gesteigert werden. Die Einnahmen durch Eintritte lagen über den Erwartungen. Festivalleiterin Ariane Novel zeigt sich nach drei intensiven Tagen Literatur überaus zufrieden und zieht eine deutlich positive Bilanz: In diesem Jahr haben wir so viele Pässe verkauft wie noch nie. Fast alle Veranstaltungen waren ausverkauft. Auch das Atelier als neuer Veranstaltungsort wurde vom Publikum ganz wunderbar angenommen. Die Stimmung im Team und unter den Gästen hätte nicht besser sein können. Als OK fühlen wir uns in Konzept und Umsetzung sehr bestätigt. Besser hätte es nicht laufen können.

Bereits die Eröffnungsfeier am Freitagabend mit Lukas Bärfuss und Nicola Steiner war bestens besucht: Dem Publikum in der Lokremise bot sich eine erlebnisreiche Mischung aus eindrucksvoller Gitarrenmusik des Thurgauer Musikers Tobias Engeler und einem hoch konzentrierten Literaturgespräch. Bärfuss und Steiner gingen eingehend auf das Festivalmotto „über:setzen“ ein, unterhielten sich über das Verhältnis von Literatur zu Künstlicher Intelligenz und streiften en passant viele weitere Themen.
Wie die Jahre zuvor gab es auch 2026 einhelliges Lob für die Zusammenstellung des klug kuratierten Festivalprogramms. Das diesjährige Motto „über:setzen“ begeisterte die zahlreich in die jeweiligen Veranstaltungen strömenden Besucherinnen und Besucher.
Hier die Eindrücke von zwei zu Wortlaut 2026 eingeladenen Autorinnen:
Der viele Schnee am Sonntagmorgen hatte mich etwas überrascht und auch die Kälte. Umso wohltuender der warme Empfang am Wortlaut St. Gallen! Die Festivalstimmung, die mich sonst nur openair anspringt, durchzog die Hauptpost bis hoch in den dritten Stock. Allerorts Begeisterung und Hingabe für Literatur und Sprache, die man spüren und sehen konnte. Auch dieses Sichtbarmachen ist ein «über:setzen», eine Übersetzungsleistung!, und ich danke dem gesamten Festivalteam und allen Beteiligten dafür. Katinka Ruffieux, Autorin
Liebes Wortlaut-Team, es war mir eine Freude, Teil vom diesjährigen Wortlaut zu sein, vielen Dank! Ich habe das fröhliche Literaturtreiben in der Hauptpost sehr genossen, von der aufmerksamen Stimmung während der Lesung bis zum Kaffee-Cüpli-Kuchen Ausklang im Café St. Gall, inmitten vom Kommen und Gehen und Verweilen von anderen begeisterten Festivalbesucherinnen und -besuchern! Julia Sutter, Autorin
Der beliebte Gassenhauer mit den Schauspieler:innen Diana Dengler und Marcus Schäfer fand erneut in den Räumlichkeiten des Café St.Gall statt. Der Andrang war gewaltig, die Stimmung ausgelassen.
Die kleineren Gesprächsformate wurden ebenfalls sehr gut angenommen – Turmzimmer und Atelier stellten sich als ideale Orte dafür heraus. Der Poetry Slam in der Grabenhalle war mit rund 260 Besucher:innen sehr gut besucht.
Zur letzten Veranstaltung am Wortlaut-Sonntag mit Paul Rechsteiner und Jonas Lüscher strömten viele literaturinteressierte Gäste in den Raum für Literatur.
Karsten Redmann
Beitragsbilder © Wortlaut / Philipp Neff / Timon Furrer
István ist 15, als ihn eine Nachbarin, der er bei den Einkäufen helfen soll, verführt. Eine Plattenbausiedlung am Rande einer ungarischen Stadt. Was ihn überrumpelt und in eine Welt reisst, die er nicht einzuordnen weiss, ist der Beginn eines Lebens, das von Katastrophe zu Katastrophe taumelt. „Was nicht gesagt werden kann“, mit dem David Szalay den Brooker Price 2025 gewann, ist die Geschichte eines Mannes, mit dem bloss geschieht.
Ich war hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Faszination. Warum kann dieser Mann sein Leben nicht wirklich in seine Hände nehmen? Warum lässt er alles nur geschehen? Warum nimmt er jene wenigen Geschenke, die ihm das Leben gibt, nicht wirklich entgegen? Warum bleibt er Zuschauer? Erdulder? Warum lässt er sich so sehr instrumentalisieren? Ich lese den Roman von David Szalay eigenartig fasziniert, weil die fast 400 Seiten etwas Unausweichliches haben, das in der Strenge und Konsequenz in einem Roman nur ganz selten ist.
Als Istváns Odysse beginnt, ist er noch ein Junge, seltsam allein und eingeschlossen in sich selbst. Als die Geschichte zu Ende geht, tut sie es lakonisch, so sehr, dass es weh tut. Istváns Geschichte beginnt mit seiner Mutter, die ihn hinausschickt und damit verliert. Und sie endet mit dem Tod seiner Mutter. István ist allein.

Durch ein tragisches Missgeschick kommt István, noch nicht einmal volljährig, was letztlich auch sein Glück ist, in die Mühlen der Justiz, von dort als ungarischer Soldat in den Irak, wo sein einziger Freund von einer Mine getötet wird und István nach Hause zu seiner Mutter kommt. Was im Krieg geschah, nimmt István mit, akzeptiert, dass man seine Verwundung posttraumatisch nennt, wird dank seiner militärischen Ausbildung zum Bodygard eines reichen Paars in England. Seine Hauptaufgabe; er chauffiert sie und ihn im Bentley wohin man ihn heisst, zwei Reiche, beide in ihrer Welt. Helen, die Frau seines Auftraggebers, macht ihn zu ihrem Liebhaber. Eine Beziehung, die Helens Sohn Thomas nicht verborgen bleibt.
Was für István zu Beginn auch in Sachen Sex Dienstleistung ist, wird über die Jahre eine Beziehung. Eine Beziehung, von der István genau weiss, dass sie nicht zu seinem Leben werden darf. Nicht nur weil Helen verheiratet ist. Nicht nur weil sein Chef, Helens Mann, an Krebs erkrankt. Und auch nicht weil er ahnt, dass ihm der Sohn der beiden immer mehr eine Rolle zuweist, die er nicht einnehmen will. Die Situation spitzt sich zu. Noch eine Katastrophe. Was sich als Zusammenfassung trivial liest, ist das Drehbuch eines Lebens, das wie ein Golfball von Loch zu Loch gestossen und geschlagen wird. Ein Leben, das nie zur Ruhe kommt.
István stellt sich selbst und dem Leben, seinem Leben, keine Fragen. Er erduldet. Und die flüchtige Seligkeit, die ihm das bisschen Glück in die Hände gibt, zerrinnt. Selbst als István Vater wird. Im Original heisst der Roman „Flesh“. Vielleicht hätte eine wörtliche Übersetzung dem Roman auch im Deutsch jene Note gegeben, die einem bei der Lektüre ein Frösteln über den Rücken zieht. David Szalay erzählt in genau dieser frostigen Distanz. Ein Roman wie ein kalter, dunkler Stein. Ein literarischer Monolith!
Aus der Begründung der Jury zur Nominierung für den Booker Prize 2025: István steht in vielerlei Hinsicht für das Stereotyp des Maskulinen – körperbetont, impulsiv, von den eigenen Gefühlen entfremdet (und in grossen Teilen des Romans sprachlos: Er zählt wohl zu den wortkargsten Figuren der Literatur). Dennoch zeichnet dieses hypnotisierende, fesselnde Buch mit seiner bewusst reduzierten Prosa das überaus bewegende Lebensporträt eines Menschen.
David Szalay, 1974 in Montreal, Kanada, geboren, wuchs in London auf und lebt in Wien. Mit «Was ein Mann ist», seinem vierten Roman, kam er 2016 auf die Shortlist des Man-Booker-Preises. Sein Werk wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ebenfalls auf Deutsch erschienen ist sein Roman «Turbulenzen».
Henning Ahrens, geb. 1964, lebt in Frankfurt a. M. Veröffentlicht als Autor Lyrik und Prosa; zuletzt erschien sein Roman «Mitgift» (S. Fischer Verlag). Er übersetzte Lyrik, Kinder- und Jugendbücher sowie zahlreiche Romane aus dem Englischen, darunter solche von Saul Bellow, Jonathan Safran Foer, Richard Powers und Hanif Kureishi.
Beitragsbild © Martin Figura
Ein Erstlingswerk, das querschlägt. Maja Iskras Roman «Uppercut» ist 2023 unter dem gleichnamigen Titel beziehungsweise dem serbischen Äquivalent „Aperkat“ erschienen. Jetzt wurde er von Mascha Dabić gemeinsam mit der Autorin übersetzt und macht der Leser:innenschaft eine von der deutschsprachigen Literatur kaum berührte Welt zugänglich, in der das Aufwachsen in den 90er Jahren in Belgrad während des Jugoslawienkrieges aus Perspektive einer jungen Frau beleuchtet wird.
Gastrezension von Sarah-Sophie Engel. Sie studiert Literatur- und Kulturtheorie an der Universität Tübingen, lebt in Basel und arbeitet als Mitarbeiterin in der Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel.
Dass der Uppercut, ein Faustschlag, der von unten auf das Kinn des Gegenübers zielt, nicht mittelalten, jähzornigen Schlägern vorbehalten ist, merken die Lesenden dieses Romans gleich zu Beginn. Denn die Gewalt umgibt in Belgrad der 90er Jahre jede und jeden. Wer nicht an der vergifteten Atmosphäre ersticken will, muss sich eben auf eigene Faust durchschlagen. So erinnert sich die Erzählerin an ihre Schulzeit, in der sie nachts der Gedanke an ihren spirituellen Schlag beruhigte und die Gewissheit ihr Halt gab, dass sie jeden Mitschüler ihrer Klasse verprügeln konnte, wenn sie nur wollte, auch wenn sie versuchte, dies nicht zu tun.
Die namenlose Ich-Erzählerin streift mit ihrer neuen Bekanntschaft Faris durch das Wiener Nachtleben. In leeren Clubs und lauten Bars unterhalten sie sich über Musik, kippen ein Glas Vodka nach dem anderen und teilen Erinnerungen aus ihrer Jugend in der gemeinsamen Heimat – die vielleicht auch gar keine mehr ist. Für Faris jedenfalls ist Jugoslawien ein schmerzendes schwarzes Loch und damit meint er eine Sehnsucht ohne Nostalgie. Die Erzählerin dagegen fühlt sich mit ihrer Herkunft verbunden: Dort sind meine Wurzeln. Jugoslawien ist mein Zuhause. So haben alle ihre eigene Sehnsucht, mit der sie in die Ferne starren und die sich immer wieder aufdrängt, ausgelöst durch einen Song, einen Zeitungsausschnitt oder den Tod eines Lieblingskünstlers.
Auch wenn sie nicht genau den gleichen Schmerz teilen, sind sich Faris und die Erzählerin einig über die Tragik des Todes von Lou Reed oder die Schwere des Verlusts von David Bowie, die sie beide tief erschüttern, während ihr Umfeld bloss mit den Schultern zuckt. Der Song Heroes ist nur einer dieser mystischen Hyperlinks, der die Hauptfigur zurückkatapultiert an den Ort ihrer Jugend: I can remember / Standing by the wall / And the guns shot above our heads / And we kissed, as though nothing could fall / And the shame was on the other side.

So wie die Musik gehen die geschilderten Episoden aus der Kindheit und Jugend der Erzählerin unter die Haut: die Angst vor der Dunkelheit, das erste Mal nicht zurückschlagen, der erste Kuss ohne Liebe und die erste Liebe ohne Kuss, Wettrennen auf der Todesstrecke am Donaukai und die stillgelegte Betonfabrik als Geheimversteck, als safe place. Die Erfahrungen der Kindheit brennen sich ein, sind Prototypen der Wahrnehmung und prägen den eigenen Zugang zur Welt – das macht sie so spannend, für einen selbst, aber auch für Lesende, die andere Perspektiven aufs Leben verstehen wollen.
Die Flashbacks der 90er Jahre verfolgen die Erzählerin auf Schritt und Tritt durch Wien. Manchmal gibt sie nach und setzt sich in den nächsten Flieger nach Belgrad, um mit Freunden, mit denen sie ein Herz teilt, am Donauufer zu sitzen, sich erneut ein Wettrennen zu liefern hinauf zum Kalemegdan und sich zu vergewissern, dass manche Dinge bleiben trotz den Jahren der Zerstörung. Noch immer ist Zoja schneller als sie und noch immer schafft die Erzählerin mehr Liegestützen. Mit Zoja verbrachte sie 1999 die Nächte im Luftschutzkeller, nach dem sie ihr Zuhause für immer verlassen hatte. Nach Ende der Schulzeit zog Zoja in die USA, studierte an einer Elite-Uni, war erfolgreich, aber unglücklich und kehrte mit Anfang Dreissig nach Belgrad zurück, bekam dort eine Stelle an der Uni. Sie schreiben sich Briefe, in denen Zoja ihren anhaltenden Frust teilt, unbeschönigt und mit gnadenloser Ehrlichkeit. Seit der Kindheit verbindet die beiden ein seltsames Band aus unausgesprochener, fast hündischer Loyalität. Als Freundschaftsbeweis verewigt Zoja die Erzählerin auf ihrer Haut mit dem Vers: Nicht flussaufwärts, / nicht flussabwärts, / ich will quer über den Fluss – Dieser Vers … Das warst immer du., sagt Zoja, und, ich wollte dich auf mir haben.
Ein anderes Mal sitzt die Erzählerin mit Balša an der Donau, mit Blick auf die Kriegsinsel. Sie teilen Erinnerungen aus der Kindheit, in der sie beide unter der Tyrannei ihrer Väter litten. Das patriarchale Bootcamp, das nach Vinjak-Schnaps und Drina ohne Filter roch, schikanierte sie täglich, man durfte nie Schwäche zeigen und auf ein seltenes, unverhofftes Lob folgte im nächsten Rausch ein Donnerwetter, das nichts übrig liess ausser einem tiefen schwarzen Loch, aus dem Selbstzweifel und Wut wuchsen. Die Erzählerin beschreibt ihre Jugend zwischen zwei Feuern – auf der einen Seite Vaters ständige, unerklärliche Wut, und andererseits das tägliche Grauen auf der Strasse und in der Schule. Sie ist umzingelt von diesen beiden Brennherden, die schliesslich zusammenschmelzen und den Krieg im Außen ins Innere kehren – so stellt sie rückblickend fest: Der Krieg in mir ist noch nicht vorbei.
In diesem Roman ist alles ultimativ. Die Sprache geht immer aufs Ganze und trifft die Dinge mit voller Wucht. Es regnet, als gäbe es nichts außer diesen Regen, mit solchen Sätzen baut Iskra ihren Roman, als gäbe es für sie nichts, ausser genau das alles zu sagen. Und trotz des teils schwerverdaulichen Inhalts bleibt es leicht. Nichts wird in die Länge gezogen oder unnötig dramatisiert. Was nach den 156 Seiten zurückbleibt, ist der Eindruck einer unerschrockenen Widerständigkeit, die sich gegen alles richtet, was sich der Hauptfigur aufdrängt: Unfreiheit, Konventionen, Autorität, Schläge. Und doch ist eine gewisse Durchlässigkeit unvermeidbar und nötig, um Verbündete zu finden und Freundschaften wachsen zu lassen. Wann sich den Fluten entgegenstellen und wann sich treiben lassen, ist eine wichtige Frage, noch wichtiger ist aber, selbst nicht unterzugehen.
Maja Iskra wuchs in Belgrad auf, studierte in Wien und Valencia und lebt seit über zwanzig Jahren in Wien. Sie ist Landschaftsarchitektin und Medienkünstlerin und arbeitet an der Schnittstelle von Stadtentwicklung und visueller Kommunikation. Ihr Debütroman «Uppercut«» war Finalist für den serbischen Beogradski Pobednik Preis und den Zlatni Suncokret Preis 2023 und stand auf der Longlist des NIN Preises, des Laza Kostić Preises sowie des regionalen Meša Selimović Preises. Ihre Erzählung «Hiraeth» gewann 2018 den zweiten Platz beim European Short Story Festival.
Mascha Dabić, geboren 1981 in Sarajevo, übersetzt Literatur aus dem Balkanraum, u.a. von Barbi Marković, Svetislav Basara, Dragan Velikić, Damir Ovčina und Goran Ferčec. Sie lebt in Wien, arbeitet als Dolmetscherin und lehrt an den Universitäten Innsbruck, Graz und Wien.
Beitragsbild © Ivo Kosanovic
Vom 27. bis 29. März 2026 findet die 17. Ausgabe des Sankt Galler Literaturfestivals Wortlaut statt. Insgesamt werden 29 Veranstaltungen in der Lokremise, den Bibliotheken Hauptpost und Katharinen, der Grabenhalle sowie dem Stadtbistro durchgeführt. Zu den fast 50 geladenen Autor:innen und Künstler:innen gehören u. a. Fabio Andina, Flurina Badel, Lukas Bärfuss, Martina Clavadetscher, Romain Buffat, Julia Weber, Usama Al Shahmani, Helga Schubert, Laura Vogt, Nora Gomringer und Jonas Lüscher.
Wichtiger Hinweis: Aufgrund der hohen Nachfrage sind die Tages- und Wortlaut-Pässe mittlerweile ausverkauft. Für die grossen Veranstaltungen am Freitag- und Samstagabend sowie die Veranstaltungen am Festivalsonntag sind aber noch Einzeltickets verfügbar.
Am Festivalwochenende vom 27. bis 29. März finden in St. Gallen zahlreiche Lesungen, Performances sowie Podiumsdiskussionen mit Autor:innen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich statt. Zudem wird die Buchtaufe der Ostschweizer Autorin Laura Vogt gefeiert; musikalisch begleitet vom Kontrabassisten Marc Jenny. Darüber hinaus wird das Publikum eingeladen, Gast des Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein. Neu bietet das Festival ein kostenloses Familienprogramm in der Stadtbibliothek Katharinen an. Weitere Kooperationen mit neuen Formaten gibt es mit dem Förderraum und dem open art museum. Mit Katinka Ruffieux und Julia Sutter stellt das Festival zwei Debütantinnen vor. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost der «Silent Reading Rave» statt.
Festivalmotto
Das Motto des diesjährigen Festivals lautet «über:setzen». Neben den zahlreichen Lesungen in den vier Landessprachen sollen im Rahmen des Festivals vor allem folgende Fragen zum Schwerpunktthema diskutiert werden: Wie wird ein Buch in eine andere Sprache übertragen? Wie lassen sich komplexe Themen so vermitteln, dass sie verständlich und zugänglich werden? Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden?
Pass-Kontingent
Aufgrund der hohen Nachfrage sind die Tages- und Wortlaut-Pässe mittlerweile ausverkauft. Einzeltickets können aber an den jeweiligen Kassen in den Lokalitäten erworben werden. Insbesondere für die grossen Veranstaltungen am Samstagabend und unsere Veranstaltungen am Festivalsonntag sind noch Plätze verfügbar. Tickets für die Eröffnung und die Lesungen mit Helga Schubert und Navid Kermani können entweder vor Ort oder im Vorverkauf über eventfrog erworben werden.
Einzeltickets für die Veranstaltungen mit den beiden kürzlich ausgezeichneten Schweizer Literaturpreisträger:innen Martina Clavadetscher und Jonas Lüscher sind nur an den jeweiligen Veranstaltungskassen verfügbar.
Eröffnung
Am Eröffnungsabend stellt der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss den Akt des Übersetzens in einen grösseren kulturellen Zusammenhang: Wie verschafft er seinen Themen Gehör, und wie erreicht er sein Publikum? Gemeinsam mit Nicola Steiner geht Bärfuss diesen Fragen nach und zeigt, was es dazu braucht und weshalb dies heute wichtiger ist denn je. Musikalisch begleitet wird der Eröffnungsabend vom Thurgauer Gitarristen Tobias Engeler. Das Grusswort spricht die Regierungsrätin Laura Bucher.
Festivalzentrum
Das Café St. Gall in der Bibliothek Hauptpost ist in diesem Jahr Festivalzentrum. Hier werden von Samstag bis Sonntag Speisen und Getränke angeboten. Zudem können Informationen zum Programm eingeholt werden. Sämtliche Veranstaltungen im Café St.Gall sind übrigens kostenlos.
Tickets und Pässe
Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre bezahlen keinen Eintritt. Studierende und Inhaberinnen und Inhaber der KulturLegi der Caritas erhalten reduzierte Ticketpreise.
Tickets für einzelne Veranstaltungen am Freitag, Samstag und Sonntag können nur an den jeweiligen Kassen in den Lokalitäten erworben werden. Ausnahmen von dieser Regel: Für die Eröffnungsveranstaltung sowie die Veranstaltungen mit Helga Schubert und Navid Kermani können auch Tickets im Vorverkauf erworben werden.
Tagespässe sowie Wortlaut-Pässe werden bevorzugt behandelt. Einzeltickets sind nur erhältlich, wenn freie Plätze zur Verfügung stehen. Wer ein Einzelticket kaufen möchte, erscheint bitte 15 Minuten vor Veranstaltungsbeginn – die Plätze werden 5 Minuten vor Beginn freigegeben. Aus organisatorischen Gründen können keine Platzreservationen entgegengenommen werden.
Freier Eintritt: Die Veranstaltungen im Café St.Gall und in der Stadtbibliothek Katharinen sind kostenlos. Für Geflüchtete sowie Mitglieder des A*dS ist der Eintritt zu sämtlichen Veranstaltungen kostenfrei.
Nähere Informationen zu den aktuellen Ticketpreisen finden sich hier: www.wortlaut.ch/tickets/
Lokalitäten 2026
Lokremise: Grünbergstrasse 7, 9000 St.Gallen
Turmzimmer (Bibliothek Hauptpost): Eingang Gutenbergstr. 2, 9000 St.Gallen
Raum für Literatur (Bibliothek Hauptpost): Eingang St.Leonhard-Str. 40, 9000 St. Gallen (3. Stock)
Atelier (Bibliothek Hauptpost): Eingang St.Leonhard-Str. 40, 9000 St.Gallen (3. Stock)
Stadtbibliothek Katharinen: Katharinengasse 11, 9000 St.Gallen
Grabenhalle: Unterer Graben 17, 9000 St.Gallen
Stadtbistro: Webergasse 22, 9000 St.Gallen
Nähere Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen und weitere wichtige Informationen zum Festival finden sich auf der Webseite www.wortlaut.ch.
Allgemeine Information: Wortlaut ist das literarische Frühjahrsereignis der Ostschweiz. 2026 wird es zum 17. Mal durchgeführt und findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Sämtliche Veranstaltungsorte sind fussläufig erreichbar und liegen bahnhofsnah. Ziel des Literaturfestivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekanntzumachen. Festivalleiterin ist Ariane Novel.
Karsten Redmann
redmann@wortlaut.ch
M 0041 (0)77 437 5339
www.wortlaut.ch
Catalin Dorian Florescu schreibt sich mit seinem neuen Ramon einmal mehr in sein grosses Thema hinein; die Freiheit. Wenig erstaunlich, denn Florescu stammt aus einem Land, dass die Freiheit jehrzehntelang mit Füssen trat und es bis in die Gegenwart nicht schafft, jene dunkle Zeit der Diktatur und ihre Folgen aufzuarbeiten.
Rumänien geriet schon während des 2. Weltkriegs zwischen die Fronten, nach dem Ende des Krieges unter sowjetischen Einfluss und nach einer kurzen Phase politischen Aufbruchs, während des ungarischen Aufstands 1956 ab 1965 in den Würgegriff des Autokraten Nicolae Ceaușescu, der erst Ende 1989, im Strudel der Wende und des beginnenden Zerfalls der Sowjetunion nach einem Schnellprozess zusammen mit seiner Frau erschossen wurde. Nicolae Ceaușescu war weg, aber es dauerte noch Jahre, bis heute, dass sich Rumänien nicht von den Folgen dieser Zeit erholen konnte. Eine Erholung, die nur erfolgreich sein kann, wenn eine Gesellschaft sich aktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Von Aufarbeitung und einem echten Neubeginn keine Spur.
Was wissen wir schon über die Freiheit? Dafür sind wir nicht geboren.
Florescu versucht genau dies, zumindest literarisch. Matei sehnt sich nach Freiheit, ein ganzes Leben, schnuppert daran, um sich aber in seiner Sehnsucht nach Rache in ein neues Eingesperrtsein zu schicken. Matei gerät in seiner Sehnsucht nach sprachlicher Entfaltung, nach Wahrhaftigkeit in seiner Sprache, im Mut, seine Stimme zu erheben in die Mühlen der Diktatur. Er, der in der Sprache seine Heimat sucht, wird weggesperrt, zusammen mit vielen anderen auf einen langen Marsch Richtung Donaudelta geschickt, wo sie in einem Gefangenenlager in totaler Abgeschiedenheit und Isolation für etwas bestraft werden sollen, was aus heutiger Sicht zu den selbstverständlichsten Menschenrechten gehört; das Recht auf ein Leben in Freiheit, freie Meinungsäusserung und Anspruch auf ein faires Rechtssystem. Nach Jahren im Lager, nach Folter, Entbehrung und dem Verlust vieler Freundschaften kommt Matei wieder frei. Nicht weil er Wiedergutmachung oder Gerechtigkeit erfährt, sondern weil der totalitäre Staat Lager wie diese nicht mehr braucht. Längst ist das ganze Land mit Hilfe von Überwachung, Angst und Denunziation zu einem riesigen Arbeitslager geworden, in dem eine Elite profitiert und die Masse dafür zu bluten hat.
Wir standen ohne Gebrauchsanweisung für die Freiheit da.

Obwohl Matei im Lager Menschlichkeit erfährt und nie die Sehnsucht nach Freiheit verliert, ihn nach dem Lager die Witwe eines Lagerfreundes in ihrem Haus aufnimmt und eine Arbeit als Sargmacher vermittelt, ergibt er sich für Jahre seiner Schwermut, verkündet, er wolle sterben. Bis er in der Stadt, in der er sich mit seinem Leben abmüht, seinen ehemaligen Peiniger, den Folterer wiedersieht und den Plan fasst, sich an dem Mann zu rächen. Einem Mann, der in der scheinbar neuen Zeit unbehelligt sein Leben weiterführen kann. Für Matei, der mit Monica eine neue Familie gefunden hat, eine Enkelin, die ihn Grossvater nennt, ist es nicht die Liebe, die ihn zu neuem Leben weckt, sondern die Sehnsucht sich für all den Schmerz, allen Verlust zu rächen. Jener Verhöroffizier, dem er nachzustellen beginnt, wird Stellvertreter für ein System, das seine Seele unheilbar vergiftet hat. Matei riskiert alles.
Ich hätte Schriftsteller werden können oder irgendetwas anderes, ich wäre glücklich gewesen, ich hätte einen gesunden Körper haben können, ich hätte bei meinem Vater sein können, als er starb, und noch vieles mehr.
Es ist nicht nur die Geschichte, die mich durch dieses Buch zieht, sondern die Intensität ihres Erzähltons. Florescu ist ein Meister der Stimmung. Er formt seine Figuren nicht durch fotographische Zeichnung, sondern durch ihre Inszenierung, ihre Einbettung ins Geschehen, ihre Emotionalität, die Farbintensität der über viele Strecken epischen Bilder. Florescu malt mit seiner ganz eigenen Sprache, lässt mich mitleiden, ohne auf Emotionalität zu drücken. Da schreibt einer, der mich davon überzeugen will, dass des Menschen grösste Gefahr der Mensch selber ist. In einer Gegenwart, die in globalen Gewaltexzessen zu versinken droht, wiederholt sich in Permaschleife immer und immer wieder, was zur grössten Bedrohung der Menschheit wird, was letztlich gar nichts mit Freiheit zu tun hat. Matei entdeckt die Freiheit dort, wo er am weitesten davon entfernt scheint und verliert sie dort für immer, wo ihn die Liebe retten will.
„Matei entdeckt die Freitheit“ ist ein grossartiges Buch. Ein Epos in ganz eigener Färbung!
Catalin Dorian Florescu ist 1967 in Rumänien geboren und hat seine Kindheit in der kommunistischen Diktatur verbracht. 1982 schaffte es die Familie, sich in den Westen abzusetzen. Seitdem wohnt der Autor in Zürich, wo er Psychologie studierte. Für mehrere Jahre arbeitete er im Bereich der Drogenabhängigkeit und liess sich in Gestalttherapie ausbilden. Seit Dezember 2001 lebt er als freier Schriftsteller. Im Jahr 2019 war er als «literarischer Matrose» auf der Donau unterwegs. Seit einem Jahr arbeitet er wieder therapeutisch. Er hat u.a. sieben Romane geschrieben – Schweizer Buchpreis 2011, Anna Seghers-, Josef von Eichendorff- und Andreas Gryphius-Literaturpreis. In Rumänien wurde ihm die Kavaliersmedaille für kulturelle Verdienste verliehen.
mehr von und über Catalin Dorian Florescu auf literaturblatt.ch
Beitragsbild © Evi Fragolia
Auch wenn Michael Georgs Bregels Gedichte in diesem Band nur jeweils drei Zeilen lang sind und sich auf ein halbes hundert Seiten verteilen – kein Leichtgewicht. Hinter den Zeilen versteckt sich weit mehr. Es sind Gedanken, die mir entgegenfliegen, viele hängenbleiben und sich in mir einnisten.
Was fettgedruckt wie Titel von längeren Gedichten erscheint, sind wohl eher Kapitelüberschriften, kleine Wimpel, die dem Folgenden eine Richtung geben, Pausen von Portionen, die ich als Leser zum Verdauen brauche. Gedruckt auf dickes Papier, das nicht aufgeschnitten ist, nicht gebunden ein langes Leporello wäre, eine Spur durch Gedanken.
spiel
zieh, aber lass dir
nie das spielbrett unter den
füßen wegziehen
dein stein bedroht mich
mein stein hängt um meinen hals
wir spielen mühle
sobald du den stein
berührst, gilt das als dein zug,
du bist verloren
was wir spielen, wenn
wir spielen, spielen wir, wenn,
ohne Anleitung
Verdichtung im wahrsten Sinne des Wortes. Zeilen mit vielen Sichten, vielen Böden. Bilder, die mehr als deutlich machen, dass sich da noch viel mehr sagen lässt, dass die Zeilen nur die Berührungen auf den Oberflächen bleiben.

Ich trug das Buch ein Weile mit mir herum. Es passte wie ausgemessen in die Tasche meines Wintermantels. Es war mir ein Begleiter, ein Mitdenker, eine Zündkapsel, ein Vervielfacher, ein Spiegel. Ich nahm das Buch hervor – und manchmal reichte das Innehalten, das Halten des Buches allein, die rauhe Oberfläche seines Buchumschlags aus handgeschöpftem, dickem Papier. Als hätte der Autor all das zwischen und unter den Zeilen, all die Zischenräume zu einem grossen Brei zerdrückt, eingeschwärzt und an der Luft getrocknet. Das Leporello jener Zeilen, die als Kondensat übriggeblieben in diesen schwarzen Bodensatz mit fester Schnur eingebunden und wie ein Paket aus Worten in die Welt hinausgeschickt.
ende
man dachte es muss
erst einen anfang geben
bevor es endet
abenderwartung
bedeutender eingebung
tiefe enttäuschung
irgendwann wenn wir
alles vergessen haben
fängt es von vorne an
Die Zeilen nisten sich ein, haken sich fest, treiben mich um. Nicht die Spur von Larmoyanz, nichts von entrückter Unsachlichkeit. Für diesen Band denkt man zu zweit, taucht ein in die Falten eines Spaziergangs durch die Welt.
„Siebzehn“ erschien in der Neuen Cranach Presse Kronach, herausgegeben von Ingo Cesaro in einer nummerierten und signierten 1. Auflage von 100 Exemplaren.
Michael Georg Bregel, geb. 1971 in München, lebt in Berlin. Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Diplom-Politologe. War Redakteur bei Radio Mainwelle, Bayreuth und bei der Berliner Morgenpost. Seit 2005 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler. Übersetzt vorwiegend Comics für verschiedene große Verlage. Seine künstlerische Arbeit, hauptsächlich Fotografie, Sieb- und Stempeldrucke sowie experimentelle Videos war und ist in Ausstellungen, Museen und Kinos zu sehen. Texte und Bilder in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, mehrere Herausgeberschaften.
Michael Georg Bregel «Raunacht», Rezension auf literaturblatt.ch
In der Schweiz zählt man 300 000 Alkoholabhängige, in Deutschland über 2 Millionen, in beiden Ländern eine Quote zwischen 2 und 3 Prozent der Bevölkerung. Scheinbar wenig, nicht aber, wenn man sich im Klaren wird, was dieser Anteil anrichtet. Lena Schätte erzählt von einer Familie, die an der Sucht zerbricht.
Muss man sich einen solchen Roman antun? Literatur über die Kollateralschäden von Sucht gibt es genug, denke man nur an Angelika Klüssendorf. Aber wie Angelika Klüssendorf schafft es Lena Schütte in ganz eigener Manier von dieser Dauerschlechtwetterlage zu erzählen, von Menschen, die es aller guten Vorsätze zum Trotz nicht mehr schaffen, die das Leben straft, die sich verlieren, die als Versager, Looser, ewige Verlierer taxiert und verdammt werden. Lena Schüttes Roman ist viel, viel mehr als Betroffenheitsliteratur, viel mehr ein nüchterner Bericht aus dem Schlachtfeld eine Sucht, einer Familie, die daran zerbricht, von Menschen, die Zuversicht und Hoffnung verlieren, die von der Gesellschaft stigmatisiert werden.
Fremde Väter tragen die Probleme nach aussen, doch meiner trägt sie rein.

Da ist die Geschichte einer Familie, einer jungen Frau, Tochter eines Alkoholikers, eines Mannes der sich krank trinkt und einer Tochter, die im Schweif ihres Vater dem gleichen unstillbaren Durst erliegt. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist eine Liebesgeschichte trotz allem. Weil Motte, die Tochter, immer und immer wieder den Mann erkennt, der sich hinter dem Betrunkenen verbirgt, den Mann, der seinen Kampf gegen den Alkohol irgendwann aufgegeben hat, der seine Stelle in der Fabrik verliert, die Familie an den Abgrund reisst, todkrank wird und genau in jener Zeit, als sein absehbarer Tod nicht mehr zu leugnen ist, eine Zartheit an den Tag legt, die nicht nur die Tochter an ihn bindet, sondern mir als Leser vieles klar macht. Hinter jenen Trinkenden sind keine Monster, auch wenn sie sich im Suff als solche gebärden. Motte schwirrt um das langsam verblassende Licht ihres Vaters.
Ich steige aus mir heraus und lasse die Leute mit meinem Körper allein.
Motte, die Ich-Erzählerin, wächst in einer Kleinstadt auf. Man kennen sich. Natürlich bleibt auch die Sucht des Vaters und die Tatsache, dass Motte ins gleiche „Fahrwasser“ gerät, niemandem verborgen. Sowieso nicht, wenn Dorffeste und Versammlungen zu Exzessen werden. Die Mutter versucht die Familie zusammenzuhalten, auch wenn die wirtschaftliche und soziale Lage der Familie im prekärer werden. Man muss in kleinere Wohnungen umziehen, die ältere Schwester reisst aus und bricht den Kontakt ab, Rettungsversuche scheitern und in Dorf und Schule wird die Situation immer schwieriger. Die Phasen tiefer Depression dauern bei der Mutter immer länger an. Was Motte bleibt, ist ihr Bruder, der im Dorf bleibt und als Kindergärtner arbeitet. Als auch er auszieht und der Enge der Familie entflieht, wird er für Motte zum letzten Anker in einem verlorenen Leben.
Ich wünschte, wir wären andere gewesen.
Was überzeugt an diesem Roman, ist in erster Linie seine Erzählweise, seine Sprache. Die Verknappung, Verdichtung, die trockene Art des Erzählens. Lena Schätte schreibt nicht von Emotionen, löst mit ihrem Erzählen aber welche aus. Sie deutet und urteilt nicht. Da ist nicht einmal das Bedauern einer Stimme, die in der Sucht zu ertrinken droht. Lena Schätte schildert Leben und Situationen ohne Wehleidigkeit. Sie schreibt als Wissende, als Liebende trotz allem, als Verstehende, ohne je eine Gewissheit aufdrängen zu wollen. „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ ist einer jener Romane, die man mit Bleistift liest. Weil da immer wieder Sätze auftauchen, die man ihrer Prägnanz nicht erwartet. Ein Roman mit scharfen Kanten – eigenartig schön.
Lena Schätte, geboren 1993 in Lüdenscheid, debütierte 2014 mit dem Roman «Ruhrpottliebe». In den Folgejahren arbeitete sie als Psychiatriekrankenschwester im Ruhrgebiet, bis sie 2020 ein Studium des Literarischen Schreibens am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aufnahm. Heute betreut sie suchtkranke Menschen in Lüdenscheid – und schreibt. Für ihren Roman «Das Schwarz an den Händen meines Vaters» wurde Lena Schätte mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis und dem Förderpreis Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet; der Roman stand zudem auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025.
Beitragsbild © Boris Breuer
Der Klang ihres Namens hat eine schwebende Aura, die mich sogleich packt, ich wiederhole ihn zwei Mal, drei Mal. Misaki. Sie ist lautlos neben mich getreten, schaut gebannt auf die Kristallsteine, die vor mir auf dem Tisch liegen, abgebrochene Stücke und filigrane Nadeln. Wo findet man die? Ich zeige nach oben, auf die Felsabbrüche, die Geröllhänge am Giuv, man kann sie finden, aber meistens kehrt man mit leeren Händen zurück. Man feiert die kleinen Siege und hat auch bei Niederlagen die magische Kraft des Steins vor sich. Sie hat sich jetzt zögernd hingesetzt, viel zu vorsichtig, ich heisse Misaki. Sie lächelt befangen, als ich sie nach der Bedeutung des Namens frage, schöne Blüte. Ihr schönes fremdes Gesicht hat wirklich den Glanz einer Blüte, nur ihre Augen sind dunkel, etwas Verletzbares liegt darin. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie zur Hütte hochgestiegen ist, was sie hier sucht. Ich frage nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr die Berge nicht fremd sind, ich könnte nicht sagen warum. Dass in ihrer grazilen Erscheinung auch eine Kraft liegt, die dem Berg gewachsen ist.
Sie nimmt eine Quarznadel in die Hand, hebt sie hoch, sie lässt die Spiegelflächen im Licht aufblitzen, ihre Augen leuchten: Sie ist wunderbar, die Kraft des Universums ist darin, aber warum musst du sie selbst suchen, kann man sie nicht auch kaufen? Ich sage, die magische Kraft ist erst da, wenn du den Stein selbst entdeckst, und sie wird grösser, wenn du ihn weitergibst. Du stehst oben, im Reich der Steine, die Welt ist weit weg, eine andere Welt ist da, archaisch und eigentlich nicht fassbar, und im Kristallstein berührst du ihr Geheimnis. Du hältst das Geheimnis in den Händen, wenn du den Kristall aus einer Kluft herausbrichst – die magische Kraft ist nicht der Stein, es ist das Herz, das durch den Stein spricht. Manchmal gebe ich kleine Quarzsteine weiter – Glückssteine für eine Reise um die Welt, Schutzsteine für Schwerkranke, wo jede Hoffnung ausserhalb der Worte liegt.
Misaki hat schweigend zugehört, irgendwie gedankenverloren, sie sagt, die Wendung vom Herz, das durch den Stein spricht, könnte in einem japanischen Kurzgedicht stehen, sie gefällt mir. Unsere Gedichte sind Verschlüsselungen, sie tragen das Mysterium der vieldeutigen Worte. Etwas beschäftigt sie, ich frage nicht nach, einmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas sagen möchte, aber sie fragt nur, und du steigst morgen zum Reich der Steine hoch? Ich sage nein, ich bin in die Hütte gekommen, um meinen eigenen Geschichten nochmals nahe zu sein. Um sie zu verstehen. Es sind zwei Geschichten, sie gehören auf rätselhafte Art zusammen, sie haben hier begonnen und hier geendet. Ist Misaki überrascht? Sie schaut mich mit seltsamem Blick an, wenn du mir die Geschichten erzählst, erzähle ich dir meine Geschichte.
Ich sage, die erste Geschichte ist die Geschichte einer Grenzüberschreitung zusammen mit meinem Sohn. Er war damals sechzehn Jahre alt, wir sind im Nebel bis zum Gipfel geklettert, mit Kristallen in den Säcken, und beim Abstieg in die Nebelfalle geraten. Zwei, drei Versuche, über Felsabbrüche zum Gletscher zu gelangen, scheitern, im Nebel lauert die Täuschung überall, wir müssen wieder hoch, eine heikle Geröllwand hinauf, die Dämmerung hat schon begonnen. Die Gesteinsformationen sind locker, keine zuverlässigen Griffe, mehr als einmal bewegt sich ein Felsbrocken bedrohlich. Dass wir es dennoch geschafft haben, trotz ungenügender Seilsicherung geschafft haben, hatte nichts mit meinem Leichtsinn zu tun, aber mit dem Mut meines Sohnes. Kein Wort über seine Angst, über die tödliche Gefahr, aber die feste Zuversicht, dass das Mögliche ganz nahe an das Unmögliche heranreichen kann. Später haben wir beide darüber geschrieben, um die Schreckensstunden loszuwerden. Um sie mit Worten zu bannen. Keiner hat vom andern gewusst, dass er schreibt, wir hätten es beide ahnen können, wir haben es nicht geahnt. Jeder hat den anderen Text später gelesen, sehr viel später, in beiden Erzählungen haben die Berggänger das Glück nicht, das wir beide hatten. In beiden Erzählungen stürzt einer an der Stelle, wo uns die Engel leben liessen.
Der Berg hat euch zusammengeführt, sagt Misaki entschieden, und das Schreiben noch einmal, auf entfernten Pfaden. Im Leben habt ihr euch gehalten, in den Worten ist einer gefallen. Es ist die Poesie des undurchschaubaren Lebens wie in unseren japanischen Gedichten mit abgezählten Silben und Zeilen.
Und die zweite Geschichte? Ich schaue hinüber, zu den Felsrinnen am Giuv, die im warmen Abendlicht fast gefahrlos aussehen: Die Engel müssen gestaunt haben über den erneuten Leichtsinn am gleichen Berg, zweiundzwanzig Jahre später. Wie viele Freikarten hat man bei ihnen zugute? Ich sage, die zweite Geschichte ist die Einlösung des Unwahrscheinlichen – dass eine geschriebene Geschichte auch wahr werden kann. Dass man vorausschreiben kann, was man ahnungslos im Kopf entwirft. Ich bin mit Freunden unterwegs zu den Steinen, im Herz die alte Geschichte; das Gras über den Felsen ist nass vom schmelzenden Schnee, glitschig. Wieder die Täuschung im Nebel, wieder Unvernunft. Mein Sturz beginnt genau dort, wo der alte Berggänger in meiner Erzählung den Halt verloren hat – ich muss die Worte nicht nachlesen, sie sind im eigenen Leben angekommen. Zuerst die Fassungslosigkeit, doch nicht ich, es kann nicht mir geschehen, dann die Beschleunigung, die Gewissheit im rasenden Fall, es ist vorbei. Es ist noch nicht vorbei. Die Freunde und die Nothelfer, die vom Himmel herabsegeln, haben mich gerettet. Die Engel haben noch einmal ihr Veto eingelegt. Ein letztes Mal.
Ein paar Minuten ist es ganz still zwischen uns, die Gespräche der Hüttengäste sind weit weg, ausserhalb. Misaki schaut mich durchdringend an, ihre Augen haben einen eigenartigen Glanz. Als würde sie etwas sehen oder könnte dunkle Zusammenhänge deuten. Sie sagt, Toyotama Tsuno hat in einem Haiku geschrieben, «sobald der ausgestreckte Finger das Glück berührt, ist es nicht mehr das Glück.» Deine Engel verkörpern das Ungreifbare, sie erscheinen immer dann, wenn wir ins Leere fallen. Ins Nichts. Bei uns sind es Naturmächte, die Ahnen. Die göttlichen Wesen. Ohne sie würde es unser Land und unser Volk nicht mehr geben. Sie sagt, auch die Berge sind Teil des Mysteriums, das uns umgibt. Das Universum hat sie geschaffen, lange bevor es uns Menschen gab, in Japan sind es heilige Stätten, aber für viele sind sie nicht mehr heilig. Der männliche Wahn, sie zu bezwingen! Soll ich dir meine Geschichte erzählen?
Sie redet jetzt langsam, stockend, wägt jedes Wort ab. Horcht mit jedem Wort in die Erinnerung hinein, in sich selbst. Sie sagt, ich bin hier heraufgekommen, um meinem Vater nochmals nahe zu sein. Misaki hat den Aufstieg zu dieser Hütte mehr zufällig gewählt, wenn es denn Zufälle gibt, sie will nur den Atem von Fels und Eis spüren, sie will nicht dort sein, wo sie nicht hingehen kann. Sie kann nicht vor der fürchterlichen Wand stehen, wo ihr Vater damals abgestürzt ist. Wo man ihn während Tagen gesucht hat, während Tagen, in denen sie über den halben Erdball hinweg nur gehört hat, wir tun alles, aber wir werden ihn kaum mehr lebend finden. Sie haben ihn gefunden. Misaki hat ihn heimgeholt und ist im Hubraum des Flugzeugs neben seinem Sarg gesessen, sie hat ihn verzweifelt angerufen und nicht geglaubt, dass er einfach schweigt, dass er ihre keine Antwort gibt, nur noch ein letztes Mal.
Ihre Hände machen eine schützende Bewegung, als würde sie nochmals den Sarg berühren, nochmals mit ihrem Vater reden: Er hat mich gelehrt, die Berge zu lieben und später zu hassen. Er hat mich auf Kletterrouten am Tanigawadake mitgenommen, ich habe gelernt, dass man mit dem Berg zusammenwachsen kann, dass sich die Energien von Fels und Körper verbinden. Sie sagt, mein Vater hat mir etwas gegeben, was anderen Mädchen nicht gegeben wird, dafür bin ich ihm dankbar. Ich habe die Berge geliebt, aber dass habe ich sie hassen gelernt, weil ihm die Berge in Japan nicht mehr genügt haben, weil er ganz oben stehen wollte. Dort oben, wo das Gewicht des Lebens anders wird. Er wollte einer der Bergsteiger sein, die in Japan zur Legende werden. Zur gefährlichen Legende. Sie sagt, ich weiss nicht, was sie antreibt, was sie vernichtet, Überflieger wie Nobukazu Kuriki, der acht Mal versucht hat, auf den Everestgipfel zu kommen, der noch mit abgefrorenen Fingerkuppen hinauf wollte und beim achten Mal nicht mehr zurückgekehrt ist. Sie wissen nicht mehr, dass die Berge heilig sind, sie wollen selbst geheiligt werden, als Sieger oder als gefallene Helden im eisigen Grab. Misaki schaut mit leerem Blick durch mich hindurch, zu dem Felswänden am Giuv hinüber, mit Tränen in den Augen: Warum mussten es dann die Gewaltwände der Alpen sein, ich habe nicht gefragt, vielleicht sind es Siegestrophäen für die grossen Bergsteiger, zu denen mein Vater gehören wollte. Er hätte mir erklären müssen, warum der Höhenrausch, der Siegesrausch alles löscht, warum er die Liebe löscht und jede Vorstellung vom Schmerz, den man zurücklässt.
Sie schweigt jetzt lange, ihre Augen sind wieder dunkel geworden, sie sieht zerbrechlich aus, unnahbar und zerbrechlich. Ihre Worte bleiben wie Schläge im Raum zurück – ihr Vater hat ihr die Leidenschaft für die Berge weitergegeben und sie im Sog seiner Berge im Stich gelassen. Man kann die Berge lieben, man kann sie hassen, aber sie weisen immer auf das Rätselhafte unserer Existenz. Auch unsere Begegnung, das Zusammen-treffen unserer Geschichten ist rätselhaft – man steigt hoch, um sich selbst nahe zu sein, dem eigenen Glück oder Unglück, und kommt einem anderen Menschen nahe. Zufällig oder zu-gefallen. Ich möchte meinen Arm um Misaki legen, ihr sagen, dein Vater soll deinen Zorn und deine Liebe zu ihm hören. Aber ich bewege meinen Arm nicht, ich rede nicht, ich lege nur einen leuchtenden Kristallstein in ihre Hände.
Peter Weibel schreibt, aquarelliert und zeichnet. Seit über vierzig Jahren veröffentlicht er Texte in Prosa und Lyrik, oft mit Cover und Illustrationen aus eigener Hand. In derEdition Bücherlese erschienen bisher sechs Prosabände, nach der Erzählung «Akonos Berg» (2022) «Kaltfront» (2024). Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, unter anderem mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und für «Mensch Keun» (2017) mit dem ersten Kurt Marti Literaturpreis. Peter Weibel, geboren 1947, studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Er lebt und arbeitet in Bern.
Beitragsbild © Sandra Kottonau