Sonja Crone «Im Garten des Gleichmuts», Plattform Gegenzauber

Wenn wir uns
wundern
schwebt
ein Sommervogel
über dem
leeren Stuhl

 

Im Garten des Gleichmuts

Dort wachsen keine Blumen
Dabei sprießen den Kindern
Die Kirschblüten
Direkt aus den Ohren

 

Meine Worte
wurzeln in Stein
tragen
seltene Früchte
aus Blau 
auf Blättern
sind sie
zu lesen

 

Der Punkt ist ein Moment
ohne Anfang und Ende
und wir Pointillisten
tupfen das Jetzt
näher an die Unendlichkeit

 

seziertes Insekt
da schimmert nun deine Idee
im Lichteinfall fort

 

Lauschend
das Hören der Kunst
zum eigenen Ohr
werden lassen

 

Sonja Crone, geboren 1982 in Speyer am Rhein lebt in Oberwil bei Basel (Schweiz). Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, Gräzistik und Besuche philosophischer sowie kunstgeschichtlicher Lehrveranstaltungen in Leipzig, Bern und Basel. Sie ist nun als Lyrikerin, bildende Künstlerin und Lektorin tätig. Ihre Texte wurden bisher in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Ihr Debüt „Einen Spalt weit“ erschien im März 2024 im „Geest-Verlag“.

Beitragsbild © privat

Ahojana 1 «Die Solistin» – Eine Postkarte aus Maizye von Owida N. Woiax

Wie konzentriert sie ist. Ihr Körper aufrecht, angespannt, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen geradeaus. Als spiele sie das Soloinstrument in einem klassischen Konzert, ein Symphonieorchester im Rücken, eine Dirigentin neben sich und vor sich im Halbdunkeln dreitausend Ohren. Dabei hält sie bloß eine Wasserpistole hoch, mit der sie den Putzschaum von meinem Auto spritz. Das Orchester sind zwei Hunde, die hechelnd einen hungrigen Habicht aus dem Hof vor der Werkstatt vertreiben. Für die Rolle der Dirigentin komme nur ich infrage. Und ich bin so musikalisch wie eine Tanksäule, «xeloan az on popom o bænzol», das sagt man so auf Lemusa. Aber die Ohren zuhalten, das kann ich gut. Denn die Wasserpumpe macht einen kruden Krach und wirkt dabei doch so, als müsse in jedem Moment ein Infarkt ihr störrisches Stottern zersprengen.

Vor einer Stunde hatte ich meinen Wagen auf einen kleinen Parkplatz im Westen des Hafens von Maizye gelenkt. Ich stellte den Motor ab und schaute den Wellen zu, die, von einem Gewitter angestachelt, mit Wucht gegen das Land schlugen. Mehrere Meter reckten sich die Fäuste aus Gischt in den Himmel, wo sie für zwei oder drei Sekunden in bizarren Verkrümmungen erstarrten, als überlegten sie sich, was jetzt zu tun sei, ehe plötzlich alle Kraft aus ihnen wich und sie wie willenloses Wasserfleisch auf die Kiesel des Strandes herunterbrachen.
Ich wunderte mich, dass kein anderes Auto auf dem Parkplatz stand. Einen besseren Ort, um das launische Spiel der Swatala, der lemusischen See zu genießen, konnte es kaum geben. Ich sass in der ersten Reihe, geschützt von einem stabilen Gehäuse und gewärmt vom warmen Gebläse der Heizung. Da aber türmte sich plötzlich eine Welle zu solcher Höhe auf, dass es dunkel wurde. Im nächsten Moment stürzte der Ozean über mir zusammen, packte eine Hand meinen Wagen, schüttelte ihn hin und her, wieder und wieder. Aus der Lüftung spritze mir salziger Schlamm ins Gesicht. Ich drehte den Zündschlüssel um, doch der Motor hustete bloß. Erst beim vierten oder fünften Versuch sprang er an, ich legte den Rückwärtsgang ein, das Getriebe krachte, ich setzte zurück, bis zur Einfahrt des Platzes. Endlich konnte ich wieder durch die Windschutzscheibe sehen. Mein Pullover und meine Hose waren nass, mein Gesicht fühlte sich ölig an. Ich suchte nach einem Taschentuch, rieb mir die Augenhöhlen trocken, die Stirn, das Kinn. Dann musste ich lachen.
Die Lüftung gab immer noch seltsame Geräusche von sich, immerhin aber spuckte sie kein Wasser mehr. Für die Karosserie war so ein Bad in Salzlake sicher nicht gut. Das Auto war neu. Ich sei die allererste Mieterin, hatte mir der Mann von der Firma Karavektur versichert. Ich befürchtete, bei der Rückgabe könnte es Ärger geben, wenn da Salzflecken oder gar Kristalle auf dem Lack säßen. Also hielt ich bei der nächsten Garage mit Waschplatz an.

Endlich war der ganze Schaum weggespült, nur über dem Abfluss am Eingang der Werkstatt schimmerten noch ein paar Blasen in der Luft. Es roch wie im Duschraum einer Fußballmannschaft nach dem Spiel. Die junge Frau trat etwas zurück, um ihr Werk in seiner ganzen glänzenden und triefenden Schönheit zu besehen. Sie legte sich die Wasserpistole über den linken Arm, wischte sich die Rechte an der Hose trocken. Ihr Körper entspannte sich, die Runzeln verebbten, die Augen wurden weicher und fast erschien ein Lächeln in ihrem Gesicht. Jetzt war sie ganz Solistin, die tosenden Applaus entgegennahm.

Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Buchstaben-Kunst-Dinger von kuriosem Gewicht, von beträchtlicher Grösse – Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026

Lauchzwiebel, laudabel, Laudanum, Laudatio: im Rahmen eines Festakts gehaltene feierliche Rede, in der jemandes Leistungen und Verdienste gewürdigt werden. Kein Wort über das eigentliche Problem: Dass es kein Sprechen über Kunst geben kann, dass dieser gerecht werden, sie auch nur berühren könnte.

Laudatio für Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026,
von Sascha Garzetti

Das Sprechen über etwas ist eine wunderliche Sache. Das hat mit der Sprache zu tun. Sprache erzählt immer von dem, was sie nicht ist. Von dem, was nicht da ist. Daraus erwachsen ihr aber auch Möglichkeiten. Denn: Sie ist ja da. Und das eine – ein Zeichen, ein Laut – hat mit dem anderen – den Bedeutungen, dem Kräuseln in den Synapsen – zu tun, ist mit ihm wie über einen feinen Faden verbunden –und über noch einen und noch einen. Zieht man im Bild nun – ausgehend von den Wörtern – Faden um Faden ein, so entsteht allmählich etwas, was ich einen Text nennen möchte: einander Zugewandtes, miteinander Verbundenes, ineinander Verwobenes. Darum soll es hier gehen.

Es gehört zu den Eigenheiten einer Preisverleihung, dass die Preisträgerin im besten Fall vor Ort ist und etwas macht, zeigt, sagt, liest, singt, das sich nicht neben das Sprechen über etwas gesellen, sondern sich davor stellen kann.

Aber wie die Zeit überbrücken?

Es gibt unzählige Wege, die Würdigung einer Autorin anzuzetteln.Es gibt das leere Blatt, auf das man ein Wort setzt, als wäre es ein erstes: Vorher war nichts,  nachher ist da ein Wort. Darauf könnte man sich etwas einbilden.

Gegenperspektive: Es gibt unzählige Wörter, die man abzutragen, fortzuschlagen, abzuschleifen, wegzuschreiben versucht, bis etwas übrig bleibt. Die Arbeit Barbara Hundeggers gleicht denn auch der einer Holz- oder Steinbildhauerin. Ihre Gedichte sprechen nicht von und über Themen, vielmehr legen sie diese offen, ja sprechen aus diesen heraus. Und sie sprechen aus der Sprache heraus. Denn: «In der Sprache ist ja alles schon da.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 59)

Aber wie die Zeit überbrücken?

Sich beispielsweise ein Wort bei der Autorin leihen: «[F]ür mich ist Lyrik auch das hochgradige Bewusstsein davon, dass Sprache und Wörter nicht beliebig abrufbar sind, um nur den eigenen inneren schönen Plan zu erfüllen oder zu dekorieren, sondern dass Sprache und Wörter ein einschüchternd starkes Eigenleben mitbringen, das sich nur dann produktiv nutzen lässt, wenn man es respektiert, also die Verästelungen und Vergangenheiten und Gewichte und Entgleisungen usw. der Wörter sowie andere Eigenheiten des Materials nicht ignoriert. Dichter/innen werden ja ganz gern als Beherrscher/innen der Sprache beschrieben, aber mir erscheint diese Herrschaftsdiktion fragwürdig und paternalistisch, denn Sprache ist ein so mächtiges Material und weiss sich durchzusetzen, selbstverständlich auch gegen mich – und die Sprache ist klüger als ich.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 46)

aufschirren, Aufschlag, Aufschlagball, aufschlagen: im Fall hart auftreffen, aufprallen; durch einen oder mehrere Schläge öffnen; den Ball zur Eröffnung des Spiels über das Netz schlagen; sich mit einer heftigen Bewegung bis zum Anschlag öffnen; ein oder mehrere Blätter eines Druck-Erzeugnisses zur Seite schlagen, sodass eine oder zwei Seiten darin offen daliegen; durch Aufheben der Lider öffnen; nach aussen umschlagen; durch Zusammenfügen der Teile aufstellen; auflodern; erhöhen, heraufsetzen; irgendwo erscheinen, ankommen.

Beim ersten Gedicht beispielsweise, der ersten Strophe: «wir stehn noch auf ein/ zwei beinen, wir atmen und/ schwatzen von lust. bis in die/ träume fehlt es an scheinen. und/ keine will was von brust-/ schwund hören.» Die Strophe weist voraus, setzt erste Inhalte, einen Ton – von vielen. Von hier an: Gedichte, die immerzu das Verwobensein des Subjektiven mit dem Gesellschaftspolitischen offenlegen – um selbst den nächsten Faden einzuziehen. Eine Sprache, die auf sich selbst und die Dinge zuhält, die das Bild, den Bruch, den Klang, den Rhythmus sucht, sodass es einen zu jedem Wort zieht, man immer tiefer in die unter diesen Versen liegenden Schichten hinabgerät.

Die poetische Präzision, die Alltägliches erfasst, scheint in «desto leichter die mädchen und alles andre als das» noch stärker gebrochen bis auf das Wort. Von diesem ausgehend die Verästelungen nach allen Richtungen: «desto schwerer die schuhe wir/ machten uns auf holen was uns/ gehört: sterne echtes wie/ rätsel und die noch warm/ ernst von der frage die/ wirklich wer stellte eine/ der anderen wir uns oder/ sich flugzettel sind da/ blattweise desto leichter/ die mädchen und alles/ andre als das» (Hundegger: desto leichter die mädchen und alles andre als das, S. 40) Bisweilen erzeugen die Gedichte das Paradoxon eines rhythmischen Stotterns, das zu noch mehr Präzision führt, weil es ein Heranzoomen ist: Ein Wort kann angebunden sein an ein letztes oder ein nächstes oder stehen wollen für sich. Die Zeilensprünge bei Hundegger sind Sprünge ins Ungewisse. Man liest und ja: liefert sich aus. Und Anbinden heisst auch: Zusammensetzen der Wörter: trommelrose, stachelblitz, mittagsbeschauchlichkeitswahnsinn, entwusstheitsflehen, geistergeplänkel, zwinkersucht. Man nimmt die Gedichte beim Wort.

Oder stellen Sie sich vor, Sie reisen für einen Schreibaufenthalt nach Rom – und am Abend vor Ihrer Abreise verstirbt der Papst: «timing du in rom und sedisvacanza/ vaterherrenpapstlos zwischenatemzeit.» (Hundegger: rom sehen und, S. 47) Man kann sich vieles vorstellen – ausser den Zufall. Aus diesem Zwischenraum, der sich von allen Seiten alsbald zu füllen beginnt, schöpft die Autorin im Gedichtzyklus rom sehen und, hängt Bericht, Schilderung, Zeitungsluft, durch die Sprache herausgearbeitete Impressionen, Beobachtungen, Begebenheiten selbst kleinster Art, das Nachdenken über die «innere Fracht» (Hundegger: rom sehen und, S. 84) ineinander. Was tun, wenn man morgens zum Kaffee eine Zeitung braucht, in deutscher Sprache aber nur die «Bild» aufliegt? Die «Bild» lesen? Ja, sich dafür aber entschädigen: Alles durch die Sprache sickern lassen, die Sprache durch alles – also auch durch sich selbst – und sehen, was geschieht, wenn nebeneinander gesetzt und ineinander verwoben wird, was sich sonst kaum berührt. Die Provokation nicht als Geste, sondern als Versuchungsanordnung, die Hallräume schafft.

Dompredigerin, Domprobst, Dompteur, Dompteurin: weibliche Person, die wilde Tiere für Vorführungen dressiert.

Als Vorarbeit für den Gedichtband schreibennichtschreiben las Barbara Hundegger den Duden von A bis Z durch: «eine der spannendsten Lektüren» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 77) ihres Lebens. Der Band setzt mit einem Prosa-Intro ein, das den Themenbereich des Schreibens an- und aufreisst, aber auch den Schreib- und Literaturbetrieb in pragmatischer Weise reflektiert: «preise und deren verleihungen – problematische momente literarischen daseins: wer gründlich schreibend den verhältnissen nachgeht, entwickelt ja logisch eine zurückhaltende haltung zur macht.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 8) Hundegger schreibt schonungslos und pointiert, um dennoch oder gerade deswegen tröstlich zu bleiben, in Trostvolles zu münden von Z nach A: «anfänglich: die einsamkeit von etwas, in dem du dir erscheinst. die ahnungen, die dich daheim suchten. – glücke, spätnachts. bestürzungen, mitten am tag. – die lichtspiele, wenn dir was dämmert. der dunkle ernst, der dir erhellt, dass du auch nur geblendet bist. – das viele-schriftarten-sein in deinen schriften. das schriftlich eins-sein mit dem, was deiner handschrift doch gelang. Anfänglich war es nicht abzusehen, dass das bei dir bleibt.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 16) Der Gedicht-Teil verbindet aus Nomen und Partizip II-Formen gebildete und gelistete Wendungen mit Gedichten, die aus diesem Material hervorgehen und deren Titel aus Nomen und Infinitiv-Formen gebildet sind. Die Titel wie kleine Türschwellen, darauf beinahe unmerklich ein Innehalten, ehe man in die Verse einfädelt: «drähte kappen: schon es kommt glück auf in dir von/ einem seine zigfach wendigen wesen/ kühn jonglierenden satz du dompteur/ dompteuse je nach gegen lage fall/ doch schon kommt ein unglück nach/ aus denselben wörtern sagt es säumig/ seinen preis den menschlichen entzug». (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 87)

Im Band «wie ein mensch der umdreht geht. dantes läuterungen reloaded» überträgt Barbara Hundegger die Themen aus Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» in die Gegenwart. Da steht der Dichter wie verknotet am Läuterungsberg: «dieser berg hat keine strafe die/ bitterer wäre als: im gehen den/ knoten deiner schulden nicht zu/ lösen | als oben elend übersäuert/ statt im strahlend himmelfreien/ im drückend gipfelinneren zur/ selbstschau gezwungen zu sein:/ auf folgen deines größten fehlers/ und worüber du nicht sprichst |/ ehrlich: grandios wird das nicht. (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 19) Die Gedichte sprechen eine Gegensprache, als ein vehementes Ansprechen gegen etwas, aber auch als ein Anlehnen an etwas und jemanden. Es gibt die Kritik an der Macht, ja an allem, was von Kanzeln, Thronen, Podien, Manageretagen herunterspricht. Es gibt aber auch die radikale Zugewandtheit allem gegenüber, zu dem die Sprache kommt – und immer wieder diesen feinzüngigen Humor. Es ist das stetige Ausmachen des einen im anderen,
das Einweben des einen in das andere, also das Ausfindigmachen, Benennen und Anlegen von Bezügen, Kontrasten, Texturen – selbst in Hanglage –, das diese Gedichte auszeichnet – und über die Dante in die Gegenwart steigt: «von dem was wir säten blieb: ihnen das/ heu | selbst das stroh: nahmen sie | wie/ das wasser: in pet-flaschen grub man es/ uns ab | uns ließ man als ernte: den staub.» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 111)

Streiferei, streifig, Streifjagd, Streiflicht: Licht, das [als schmaler Streifen] nur kurz irgendwo sichtbar wird, irgendwo auftrifft, über etwas hinhuscht; kurze, erhellende Darlegung.

Der Band [anich.atmosphären.atlas] ist dem 1723 in Oberpfuss (Tirol) geborenen Bauern und Kartographen Peter Anich gewidmet. Nach dem Tod des Vaters bildete sich Anich mathematisch und astronomisch weiter und machte solcherlei Fortschritte, dass er den Auftrag erhielt, für die Universität einen Himmelsglobus mit einem Durchmesser von einem Meter anzufertigen. Später fertigte Anich in kürzester Zeit eine Landkarte, die zwei Drittel des heutigen Nordtirols umfasst. Den Druck des «Atlas Tyrolensis», der genauesten Karte ihrer Zeit, die 1774 erschien, erlebte er nicht mehr. Die Arbeit war körperlich und geistig über alle Massen zehrend. Von heftigem Sumpffieber befallen, verstarb Anich 1766 an den
Folgen eines Schlaganfalls.

«ein bauer: er näherte sich/ den sternen des weltalls |/und von einem birnbaum/ aus: sie greifen nach ihm». (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7) So setzt Barbara Hundegger Peter Anich, den Bauern und «meister der mechanischen künste» (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7), ins Bild, auf einen Ast, unter die Sterne. Hier – in und zwischen die Zeilen gebettet – kann man ihn sich trotz aller Gewichte, von denen wir im Verlauf der Lektüre erfahren, leicht vorstellen. Die Autorin gibt einem eine Stimme, der zwar gesehen wurde, bei dem das Aber aber so schwer wog, wie die zuvor erwähnten Gewichte.

Im letzten Gedicht des Bandes heisst es: «dein ende: nichts sehen nichts/ hören | der ganze körper: taub | und gegen/ abend im garten | wohin man dich brachte:/ wüste krämpfe bei dem birnbaum wo dein/ hang begann | die sterne: prächtig | deiner:/ 43 geworden | ach anich: es ist aus | großer/ wagen kleiner wagen fahren beide vor dich/ zu holen | und du: steigst in den kleinen ein». (Hundegger: anich.atmosphären.atlas, S. 201) Barbara Hundegger reichen wenige Wörter, wenige Zeilen, um in Streiflichtern das Porträt eines Menschen zu entwerfen, etwas davon ein- und aufzufangen. Man liest es und will sich aufs Bein schlagen.

Eine Sache zu vermessen, zu durchdringen, heisst auch: durch sie hindurchzudringen zu etwas, was dahinter liegt, was es auch noch gibt. So weist« [anich.atmosphären.atlas]» über das Leben Peter Anichs, über das Tirol hinaus, indem es Strukturen offenlegt: Ein Mensch wird zerrieben zwischen Herkunft und sozialer Klasse, Wünschen, Sehnsüchten und Möglichkeiten, Pflichten und Anforderungen von oben. Das Durchmessen über die Biografie und den geografischen Raum hinaus geht in den Köpfen der Leser*innen weiter. Durch die sprachliche Gestaltung, den Ton, den Rhythmus, durch den diese Texte aufgespannt, gestützt, getragen werden, wächst der Raum ins Unermessliche.

In Ihrem letzten Band mit dem Titel «[in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis]» behandelt Barbara Hundegger die Corona-Pandemie, lotet Hörweiten und -tiefen aus, legt einen Katalog der Angst an, geht dem individuellen Erinnern der Überlebenden der Shoah und ihrer Nachfahren nach, fächert ein Motetten-Kabinett zu Textquellen bei Bach auf, entwirft das berührende Porträt einer Häuslerin, der tant’, widmet jedem der 55 Kilometer des Brennertunnels einen Dreizeiler – das macht sie wirklich –, sprüht Lebensregelnnebel, bis er sich lichtet und etwas sich mit ihm, indem sie Redewendungen und Sprichwörter dreht und wendet, dass kein Wort beim anderen bleibt, und schliesst mit Gedichten für und an Kinder. Im zyklischen Arbeiten potenziert sich die Wirkung der Gedichte entgegen der Logik in der Summe, wenn sie über ihre jeweiligen Grenzen hinaus mit dem Nachbarinnen-, dem Nachbarinnennachbarinnen-Gedicht Zwiesprache halten, aber auch über die Zyklen hinaus und hinweg, an deren Enden und Anfängen weitersprechend, einen Faden unscheinbar spinnend oder aufgreifend, das eine
an das andere knüpfen.

Haltung: Art und Weise, besonders beim Stehen, Gehen oder Sitzen, den Körper, besonders das Rückgrat, zu halten; Körperhaltung; innere [Grund]einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt; Verhalten, Auftreten, das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen wird; Beherrschtheit, innere Fassung; Tierhaltung.

Und wenn jemand fragte: «Worum geht es wirklich?»

Barbara Hundeggers Gedichte greifen verdichtend aus – und klammern ein. Es ist, als ob die Gedichte unzählige Stimmen hätten, die sie weitergeben: an diejenigen, die zu selten gesehen oder gehört werden. Hundegger erschreibt eine Poesie der radikalen Zugewandtheit: den Menschen wie den Dingen gegenüber, die in die Gedichte aufgenommen werden: «an jemandes/seite auf der seite stehen wo der mensch das herz/hat» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 113), heisst es einmal. Zugleich prangern und klagen die Texte an, sind in der kritischen Offenlegung von Missständen jedweder Art unmissverständlich, ohne je den lyrischen Ton abzulegen. Barbara Hundegger schreibt aus der Sprache herausgearbeitete, alles durchdringende Kleinstkunstwerke.

«schönrechnungsart: wie schwer der/ halbe mantel denen wiegt die er vor/ not bewahrt | rechnungsart: ja wie/ viele mäntel denn noch der schon/ hat der davon groß den halben gibt» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 39) Das hat mit Haltung zu tun.

«Das Nicht-Berücksichtigen, das Ausblenden der Verhältnisse, die uns umgeben und bestimmen – Armutsfragen, Minderheitenfragen, Geschlechtergerechtigkeitsfragen, Marktfragen, Medienfragen, Mechanismen und Dynamiken der Macht auch in demokratischen Systemen usw. – ist […] eine Quelle literarischer Ungenauigkeit und der Überantwortung politischer Zustände in die Zuständigkeit des und der Einzelnen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 52)

Ich kannte erst einige verstreute Gedichte Barbara Hundeggers, als ich sie als Moderatorin erleben konnte. Ich dachte: Das wird nicht allen passen. Die Auftakterin nichts als Wohlfühl-Vorband, stattdessen ein Ausloten bis ins Verwinkeltste, ein Auffalten, das dazu führen kann, dass die Gedichte im Anschluss einen schweren Stand zu haben scheinen. Aber Gedichte können sich nicht fürchten. Und es geht nicht um eine Inpflichtnahme der Wörter, vielmehr um die Verpflichtung der Autorin, sich selbst, einem Gegenüber, der Sache und der Sprache gegenüber – der fremden wie der eigenen. Auch das hat mit Zugewandtheit zu tun.

Und mit Haltung.

«Grundsätzlich gilt, dass die Texte, die ich produziere, in ihrer Gesamtheit den Anspruch verfolgen, sich in durchdachter Weise sprachlich und gesellschaftspolitisch komplex mit den je relevanten Themen, Spiel-Orten, Sprachfeldern usw. literarisch auseinanderzusetzen und aus dieser Sprach- und Wahrnehmungsarbeit so konzentrierte wie berührende lyrische Gebilde entstehen zu lassen, die das weithin Unterschätzte an Gedichten, jenseits verstaubter Erwartungen oder Zuschreibungen und in Opposition zur Randexistenz von Lyrik innerhalb des Literaturmarkts, emotional und intellektuell lesbar, hörbar, erfahr- und erfassbar zu machen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 57.) Das heisst auch: Gedichte in den öffentlichen Raum zu tragen. Und wenn die Acryl-Platten so gross sind, dass sie gerade noch so ins Auto passen, kann das in den Rücken gehen. Irgendwie hat auch das mit Haltung zu tun. Den Public-Poetry-Projekten wäre ein eigenes Kapitel zu widmen.

Ein literarischer Text ist aus Wörtern gemacht. Wenn man sie nebeneinander und untereinander aufreiht, es schafft, Bezüge zwischen selbigen herbeizuschreiben, kann ein Gerüst entstehen – Gedichte beginnen immer als Baustellen. Es gibt aber Texte, die wirken, als stünde einem ein Mensch gegenüber. In ihrem Innern klirrt es nicht, wie wenn Metall auf Metall schlägt. Sie haben ein Skelett, eine Wirbelsäule, ein Rückgrat: Haltung eben. Und es schlägt ein Herz nach draussen.

«Womit ich mich in meiner Lyrik-Arbeit die ganze Zeit befasse: mit der prekären Balance von Wörtern, ihren Bedeutungen, Schatten, ihrem Gewicht, ihrem Licht, um daraus Kleinstgesamtkunstwerke zu erschaffen – und wenn das gelingt, wenn es das hat, das Gedicht, was es dazu braucht, und wenn es (sich) das leistet, gleichzeitig poetisch, politisch und persönlich zu sein, dann ist es ein in sich und mit der Welt in schneidiger Schwebe austariertes Buchstaben-Kunst-Ding von erstaunlichem Gehalt.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 87)

Zu sagen, nichts sei vor Barbara Hundeggers sprachlichem Zugriff sicher, griffe zu kurz. Was ist das für ein Zugriff? Man denkt an die Bewegung der Finger, die fester greifen, wieder loslassen, noch einmal zugreifen, sieht eher aber ein Pulsieren vor sich, spürt, wie diesen Gedichten der Puls geht. Und vielleicht ist alles, was in diesen Texten zur Sprache kommt oder zu dem die Sprache kommt, gerade das: aufgehoben, zu sich genommen, getragen.

Ja, Barbara Hundeggers Gedichte erzählen etwas. Gerade die Gedichtzyklen erzählen sogar viel. Doch selbst dort, wo sie viel erzählen, breiten und erzählen sie nie aus. Stattdessen arbeiten die Gedichte mit Leerstellen, also mit Luft, lassen Raum, ihrem Nachhall nachzuhören. Der eigentliche Text entsteht durch diesen erweiterten Hallraum. Das heisst: die Leser*innen nicht ausschliessen, sie ernst nehmen. Und ja, auch das hat mit Haltung zu tun.

Die Auslassung in literarischen Texten ist anfällig für den Bluff. Wo nichts steht, entsteht nicht zwingend Tiefgang. Barbara Hundegger aber schreibt nicht nichts, sondern immer so viel, wie nötig ist. Denn: «Was in einem Gedicht steht, steht nicht – zwecks Deutung oftmals bemüht – ‚zwischen den Zeilen‘, sondern in seinen Zeilen, wer in die Zeilen nichts hineinschreibt, darf sich nicht wundern, dass sich daraus nichts herauslesen lässt und auch zwischen den Zeilen nichts steht.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62) Reduktion und Verdichtung sind immer der Klarheit verpflichtet, «denn die Schwebe, Mehrdeutigkeit, Offenheit eines Textes entsteht durch Genauigkeit und nicht durch Vernebelung.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62)

Wie das Gewicht einer Sache, deren sich ein Gedicht annimmt, in demselben erscheint, wird zuvorderst durch die Form, also die Sprache mitbestimmt. Die Sprache des Gedichts spottet dabei der Physik, wird es doch paradoxerweise in der Verdichtung leicht. Es zieht sich nicht zusammen, verschliesst sich nicht, sondern macht sich auf, hebt ab. Und es kann aufgehen in einem – über den Klang, der Rhythmus, den Sound.

«stirnen bieten: in dem schrägen licht des spätnachmittags/ staubwild durch dein fenster bricht in dem/ regenbogenstreifen den die spiegelkante als/ spektralstrahl über deinen schreibtisch wirft/ im zigarettennebel den deine herkunft deine/ zukunft um dich legt übersetzt sich etwas in/ schwerkraftlose wörter von kuriosem gewicht/ von beträchtlicher größe je näher sie kommen/ umso mehr als nähmen gezeiten projektionen/ lawinen plakate aus dem weltall kurs auf dich (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 41)

Im Film «Dead Poets Society» gibt es eine Szene, in der ein Schüler aus dem fiktiven literaturwissenschaftlichen Werk «Poesie verstehen» vorliest. Die Grösse eines Gedichts – so behauptet die Einleitung – lasse sich berechnen, indem man dessen sprachliche Perfektion, die sich ihrerseits insbesondere an der Verwendung metrischer Mittel bemessen lasse, auf der x-Achse vermerke, während man die Bedeutung des Gedichts auf der y-Achse festhalte. Die ermittelte Fläche bilde die Qualität eines Gedichts ab. Das ist natürlich Unsinn. Und so bittet Robin Williams die Schüler denn auch, die entsprechende Seite herauszureissen.

Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist. Wie oft man aus dem Stuhl springt und ins Nebenzimmer rennt, um seinen Liebsten ein Gedicht oder einen Vers daraus vorzulesen, auch wenn der dreijährige Sohn jedes Mal ruft: «Papa, ned immer rede!» Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie gross seine Fähigkeit ist, Atem zu holen, auf dass es gross und immer grösser wird, wenn man es wieder und wieder liest. Ihre Gedichte, liebe Barbara Hundegger, wachsen im Lesen ins Unermessliche.

Wenige Stunden, bevor die Geburt meines zweiten Sohnes losging, schrieben Sie mir: «kinder sind ja die nettesten menschen überhaupt auf der welt.» Ich habe Ihnen noch nicht geantwortet. Über Kinder zu schreiben ist dem Schreiben über Gedichte verwandt – was soll man sagen? Es gibts nichts mehr zu überbrücken.

Ihre Nachricht schloss mit der Bitte, ja der Aufforderung, das Leben zu feiern.

Heute, liebe Barbara Hundegger, feiern wir Sie und Ihre Gedichte. Ab morgen wieder das Leben.

Herzliche Gratulation.

Barbara Hundegger, geboren 1963 in Hall in Tirol, lebt als freie Schriftstellerin in Innsbruck. Mehrere Jahre Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Innsbruck und Wien; langjähriges Engagement in der Autonomen Frauenbewegung; berufliche Tätigkeit als Korrektorin, Lektorin und Redakteurin; Lektorin am Institut für Sprachkunst/Universität für Angewandte Kunst/Wien. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Reinhard-Priessnitz-Preis (1999), Christine-Lavant-Lyrikpreis (2003), Outstanding Artist Award für Literatur (2011), Anton-Wildgans-Preis (2014) und Tiroler Landespreis für Kunst (2020). 

Sascha Garzetti, 1986 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und skandinavische Literatur an der Universität Zürich. Heute unterrichtet er Deutsch an einem Gymnasium und Literarisches Schreiben an einer Volkshochschule. Garzetti schreibt Lyrik und Prosa. Seine Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Vereinzelte Gedichte und Gedichtzyklen wurden ins Englische, Spanische, Griechische, Ukrainische, Russische und Bosnische übersetzt. Zudem leitete Garzetti Schreibwerkstätten für junge Erwachsene. Als Mitglied der Basler Lyrikgruppe kuratiert er das Lyrikfestival Basel und den Basler Lyrikpreis mit.

Beitragsbild © Samuel Bramley

Abbas Khider «Der letzte Sommer der Tauben», Hanser

Noah ist zwölf und lebt ganz für seine Tauben auf dem Dach seiner Familie. Mutter und Vater haben sich recht und schlecht in ihrem Leben eingerichtet und das eine oder andere Mal bringt ihm das Glück eine neue Taube. Bis Männer in Autos das Kalifat ausrufen und mit einem Mal alles anders sein muss.

Nur zu gut erinnern wir uns an Bilder von Pickups, bärtigen Männern, Gewehre gegen den Himmel gereckt und schwarze Fahnen im Fahrtwind, als vor gut 10 Jahren im Irak und in Syrien die Terrororganisation ISIS den islamischen Staat ausrief. Zu glauben, dass all jene, die damals mordeten und brandschatzten, heute zur Besinnung gekommen wären, ist naiv. Ebenso die Hoffnung, dass sich die Bevölkerung in Staaten wie Afganistan irgendwann ganz bestimmt aus ihrer Knechtschaft selbst befreien werden. Was ist dann an Kraft noch geblieben? Oder man sieht Bilder von Kundgebungen in Deutschland, Städten wie Hamburg, wo junge, bärtige Männer, muskelbepackt und mit unverholener Selbstsicherheit und Radikalität das Kalifat in Deutschland fordern, das Kalifat als Allheilmittel anpreisen. Wenn am Rande solcher Veranstaltungen ein artiges Häufchen eingeschüchteter Frauen unter ihren Niqab applaudiert und man sich angesichts der meist jungen Männer, die lauthals Parolen schreien, fragen muss, was da ungehindert zu gedeihen scheint.

Noch viel schlimmer dabei ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr differenzieren können zwischen Islam und Islamismus. Und wenn aus christlicher Sicht dann noch die Versuchung geschürt wird, den Islam mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen und vergessen wird, was in den letzten zwei Jahrtausenden im Namen der Christen angerichtet wurde, scheint jedes Mass, jede Relation im Gezeter des Hasses unterzugehen.

Abbas Khider «Der letze Sommer der Tauben», Hanser, 216 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-446-28222-3

Noahs Glück ist brüchig. Schon sein älterer Bruder ist irgendwann aus der Familie verschwunden, zusammen mit ihm alle Bilder von ihm, sein Name, alles. Nur manchmal sieht er seine nie mehr frohe Mutter unter Tränen jenem einen, letzten Foto seines Bruders nachtrauern. Seine Schwester ist schwanger. Aber auch ihr Glück ist bedroht. Ihr Mann, der bei der Polizei arbeitete, ist jetzt, wo die Mudschaheddin die Macht mit ihren Gewehren zeigen, eingesperrt und von deren Willkür bedroht.

Es ist Sommer in der Stadt. Noahs Vater ist von den neuen Machthabern gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen Vorschriften anzupassen. Alles, was zu sehr nach Weiblichkeit aussieht, muss verschwinden, verbrannt werden. Jeder abgebildete Frauenkörper muss mit einem Stift geschwärzt werden. Sein Onkel Ali, der unter dem gleichen Dach ein Café führt, muss den Laden dichtmachen. Alles, was ihm bleibt, ist seine Taubenzucht, das, was ihn mit Noah verbindet. Tauben sind für Noah und seinen Onkel all das, was ihnen nach und nach genommen wird, nicht nur die Freiheit, die Fähigkeit zu fliegen, auch ihr soziales Gefüge, der Zusammenhalt, den Willen, sich nach den Schwächsten in der Gruppe zu richten. 

Zusammen mit seinen Freunden Shirzad und Mohamed waren sie einst eine Clique, nannten sich die Al-Pacino-Bande. Aber nachdem Shirzad als Jeside zusammen mit seiner Familie verschwindet und Mohamed nach einem „Ferienlager“, an dem der Gebrauch der Waffe gelernt wurde, nicht mehr der gleiche ist wie zuvor, spürt Noah, dass sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Bis auch die Tauben vom Himmel verschwinden sollen.

Abbas Kidher zeigt im kleinen Kosmos eines Zwölfjähigen, dass es kaum ein Entrinnen gibt, wie die Kombination aus Staat, Recht und Religion keine Freiheiten erlaubt, wie ein hassgesteuertes, hirarichisches System von enthemmten Männern alles zunichte macht, was die Rechte des Individuums hochalten will, wie aus Hoffnung Angst wird.

Mag sein, dass der Roman von Abbas Khider aus der Sicht des Zwölfjährigen erzählt manchmal fast zu sehr zur Parabel, die Gegenüberstellung von Gesellschaft und Taubenschlag arg strapaziert wird. Trotzdem erzählt der Roman ein Stück beklemmender Wirklichkeit und Realität.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Berliner Literaturpreis geehrt. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin. 

Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher»

Beitragsbild © Peter-Andreas Hassiepen

Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

***

Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand

Manchmal überraschen mich Bücher, die Sprache in einem Buch so sehr, dass ich regelrecht betört bin. Dass die Autorin eine Österreicherin ist, wundert mich wenig, denn wie kein anderes Land scheint Österreich immer und immer wieder Stimmen hervorzubringen, die mit einem ganz eigenen Sound bestechen.

Eine Bäuerin in einem kleinen, norddeutschen Bauernhof schlachtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts illegal ein Schaf. In einer Zeit, in der alles, was man brauchte, von der Scholle kommen musste, auf der man lebte. In einer Zeit, in der die Bäuerin alles können musste, um eine Familie am Leben zu halten. Wie man schlachtet, pökelt, räuchert, wie man Früchte und Gemüse konserviert, wie man Wunden versorgt. Zur Not, und von der Not gab es viel, musste eine junge Frau den Hof auch alleine führen, wenn die Mutter viel zu jung starb oder Vater und Ehemänner aus dem Krieg nicht zurückkehrten.

Henrike führt das Schaf in die Waschküche, wo sie alle Fenster abgedunkelt hat, damit niemand im Dorf das heimliche Schlachten mitbekommt. Schweine würden schreien. Schafe sterben still. Henrike hängt das tote Schaf an eine Holzleiter und zieht das Messer in gerader Linie bis zum Brustknochen, öffnet den Körper wie ein Buch, kehrt das Innerste nach aussen. So wie Anna Maschik es mit dem Erzählen durch ein ganzes Jahrhundert tut.

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand, 2025, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-630-87814-0

Die einzigen im Dorf, auf die niemand verzichten kann, sind Anna, die Hebamme, und Nora, die Totenfrau. Nicht etwa ein Priester. Beides sind Begleiterinnen in Momenten, in denen die Kraft zum eigenen Handeln fehlt; bei der Geburt und beim Gang in den Tod. Anna Maschiks von Bildkraft strotzender Roman macht bewusst, wie nah die Zeiten waren, in denen das Schicksal einer Frau unabwendbar im Zyklus von Werden und Vergehen, von Dienen und Aufopferung eingebunden war. Das Leben auf einem Bauernhof oder später in der Stadt, „an der Seite eines Mannes“, ist weit weg vom romantisierten Blick auf die Liebe, von der Selbstverständlichkeit der Gegenwart. Man wird in eine Famlie geboren, begleitet von Liebe oder nicht, hat zu überleben, zu arbeiten, vorbestimmt in einer Aufgabe, in Traditionen, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Von der Urgrossmutter Henrike, der Grossmutter Hilde, der Mutter Miriam; sie alle bringen ungefragt Kinder zur Welt, die einen stumm, die andern laut. Hildes Bruder Benedikt verschläft die ersten 15 Jahre seines Lebens. Miriams Bruder Wolfgang bleibt ungeliebt, ein Aussenseiter, ein Wolf. Und als alle Kinder Hildes mit einem Mal aus dem Haus ausziehen, bricht das Familiengefüge auseinander, weil das, was sie zusammenschweisst, die Not war. Alle Mütter tun sich schwer mit ihren Töchtern, auch wenn alle Frauen in der Familie alles daran setzen zu überleben. Auch wenn dieser kleine Rest Überleben nur das Stück Garten beim Haus ausmacht. Was für ein Schmerz, wenn dann auch noch die Farben aus dem Garten verschwinden.

Alma, die letzte in der Ahnenreihe der Frauen, ist die Erzählerin. Sie öffnet nicht den Körper des geschlachteten Schafs. Sie öffnet die Innereien einer Familie. Sie zieht das Messer bis zum Brustbein, bis zum Innersten. Dass Anna Maschik dabei Traumbilder hineinnimmt, dass sie Wiederholungen einbaut, die das „Immergleiche“ des Lebens spiegeln, dass Anna Maschik Listen mitnimmt, die sich wie Litaneien lesen, die sich die Frauen vorbeten müssen, um zu überleben, macht dieses Buch zu einem ungewohnt brachialen Leseerlebnis.

Und wenn man sich vor Augen hält, das „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ein Debüt ist, bewundert man den Guss, aus dem dieses aussergewöhnliche Buch geschrieben ist. Ein Versprechen! Grossartig!

Anna Maschik, 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Leipzig. Sie arbeitete als Produktionsleitung eines Theaterfestivals und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einem Wiener Gymnasium. Sie hat Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten« ist ihr erster Roman.

Beitragsbild © Luca Senoner

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida

Es sind Besessene, die ein Buch schreiben. Es sind Verrückte, die zwei Jahrzehnte an ein und demselben Projekt weiter und weiterarbeiten, die weder Zeit noch Energie scheuen. Es sind Wilde, die sich von gar nichts zurückschrecken lassen. Samuel Herzog gehört zu dieser ganz besonderen Spezies Mensch! Ich liebe sie!

Reisen sie gerne in ferne, fremde Länder? Mögen sie Abenteuer, den Schritt ins Unbekannte? Lieben sie die Vorbereitungen auf eine grosse Reise, das Stöbern im Netz, das Blättern in Reiseführern, das Zusammenstellen einer Tour, bei der man möglichst viele Sehenswürdigkeiten entdecken kann, der Bevölkerung des Landes möglichst nahe kommt? Oder fürchten sie sich davor, ein Ziel ins Auge zu fassen, weil sie genau wissen, dass das Budget nicht reichen wird? Meldet sich das schlechte Gewissen, weil sie wissen, dass sie damals beschlossen, kein Flugzeug mehr zu besteigen? Oder fehlt ihnen die Zeit? Samuel Herzog bietet ihnen die einmalige Chance, eine Reise zu wagen, die ihr Budget nicht überstrapaziert, minimale Belastungen für die Umwelt verursacht und erstaunlich viele neue Perspektiven eröffnet, ohne dass sie sich aus dem Sofa erheben müssen.

Lemusa ist eine Insel auf 33° N / 44° W, mitten im atlantischen Ozean, etwa 130 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Eine Insel, die alles bietet, was AbenteuerInnen lockt; eine wechselhafte Geschichte, gastfreundliche Einheimische, romantische Buchten, sagenhafte Landschaften, pikante Gerichte, geheimnisvolle Urwälder, und blühende Ortschaften. Eine eigene Fluggesellschaft, eine unabhängige, wenn auch streitbare Regierung und eine blühende Kultur. 

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025, 3500 Seiten, Auflage: 333 Exemplare, CHF ca. 198.00, ISBN 978-3-03908-008-3

Niemand auf diesem Planeten kennt die Insel Lemusa so gut, wie Samuel Herzog. Kein Wunder, denn Samuel Herzog hat die Insel vor einem Vierteljahrhundert erfunden. Lemusa gibt es als real existierende Insel nicht, in seiner Vielfalt nur im Kopf ihres Schöpfers und in der einen oder anderen Facette in Köpfen jener, die sich durch «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» von der Faszination einer (verrückten) Idee verführen lassen. Alles fing an mit dieser einen Idee; einmal ein Schöpfer sein, einmal eine Welt erfinden, einmal alle Wenn und Aber zur Seite legen, sich durch nichts und niemanden einengen lassen. Zuerst wuchs die Idee, die Insel im Kopf, dann auf einer Webseite, und nun ist sie in sieben Bänden in einem Schuber auf Papier gebannt. Reiseführer in die Fantasie, ein Durstlöscher für Sehnsüchte, ein Bilderbuch für Unersättliche.

Ich liebe Menschen, die unbeirrt eine Idee verfolgen, die sich nicht abbringen lassen, vor allem in Absichten, die keinen wirtschaftlichen Zweck verfolgen. Samuel Herzog ist einer, der sich längst in den Winkeln, Höhlen und Zwischenwelten seiner Insel verloren hat. Sogar eine Sprache hat er für seine Insel erfunden, eine Schrift, Literatur. Eine Fülle von Rezepten, die man nachkochen kann, mit denen man sich in der Küche die Düfte dieser ewig fremden Insel nach Hause holen kann. Über QR-Codes rezitiert Samuel Herzog Gedichte verschiedener lemurischer Stimmen. Ich lese Reportagen zu den verschiedensten Themen, Samuel Herzog erzählt von seinen ausgedehnten Spaziergängen auf der Insel. «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» sind Reiseführer nach innen, vielfarbige Fächer einer bunten Welt, die in nichts von der Realität in den Schatten gestellt wird.

«Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» ist Kunst, sowohl sprachlich wie in seiner Konsequenz. Ich blättere und lese, staune und schmunzle. SchriftstellerInnen erfinden Geschichten, Welten, Leben. Samuel Herzog ein Stück Welt!
Aber Achtung: Wer sich den Schuber kauft und für diesen auf dem stillen Örtchen den geeigneten Platz findet, braucht die Nachsicht seiner Mitbewohner oder das Glück einer zweiten Nasszelle. Auf Lemusa kann man sich verlieren.

Phantastisch – im wahrsten Sinne des Wortes!

Ein dreiminütigen Video übers «Lemusa-Projekt»
Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli, Karin Rey «Der Verlag», Roman, Rotpunkt

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Fotos © Edition Frida (Mathias Balzer)

Helga Schubert «Luft zum Leben», dtv

Nachdem man der DDR-Autorin Helga Schubert 1980 die Teilnahme am Bachmann-Preislesen verweigert hatte und sie dann 40 Jahre später mit 80 Jahren erneut einlud, leuchtete ein Stern am Literaturhimmel, der nie erloschen war, den man aber schlicht vergessen hatte. Helga Schubert gewann den Bachmann-Preis und schrieb sich mit „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ zurück ins kollektive Literaturbewusstsein.

Es mag die Geschichte sein, die Helga Schubert die Herzen einer grossen LeserInnenschar öffnete, dass da eine einen Preis gewinnt, die man abgeschrieben hatte. Vielleicht ist es die Tatsache, dass Helga Schubert ihren kranken Ehemann, den Maler und früheren Professor für Klinische Psychologie Johannes Helm bis kurz vor seinem hundertsten Geburtstag in einem kleinen Dorf im Meklenburgischen rund um die Uhr pflegte und ihr Schreiben fast ganz hintanstellte. Aber noch viel mehr ist es die Art ihres Schreibens, ihre klare, unprätentiöse Sprache mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie und Witz, der die Bücher zu speziellen, die Person Helga Schubert zur Identifikationsfigur macht. Da schreibt eine, die sich nicht in den Vordergrund schiebt, die sich ehrlich wundert, dass sie von so vielen gelesen wird, dass man sie auch 85jährig noch liest.

Helga Schubert «Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang», dtv, 2025, 288 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-28513-1

Zugegeben, „Luft zum Leben“ ist nicht das ideale Buch, um in den Kosmos Helga Schubert einzusteigen, auch wenn die Texte aus 65 Jahren, von 1960 bis in die Gegenwart, nicht nur viel von dem erzählen, womit sich Helga Schubert herumzuschlagen hatte, was sie beschäftigte, von der Rolle der Frau im Realsozialismus oder der Willkür staatlicher Paranoia, über das Glück in ihrer Kindheit am Leben geblieben zu sein oder der Sehnsucht nach Heimat und offenen Grenzen. Aber wer Helga Schubert aus ihren Büchern kennt, seien es jene, die nach 20 Jahren Schreibpause mit dem Paukenschlag aus Klagenfurt erschienen oder die vielen vor und nach der Wende, die nicht zuletzt Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und der DDR selbst waren und mit dem Buch „Judasfrauen“ zum Thema „Denunziantinnen im Dritten Reich“ wenige Jahre nach dem Fall der Mauer für Aufsehen sorgten.

„Luft zum Leben“ ist viel mehr als eine Sammlung von verschiedenen Texten, auch nicht einfach Geschichten und Erzählungen. In dieser Textsammlung offenbart Helga Schubert genau das, was das Wesen ihrer Texte in den Büchern zuvor ausmacht; Helga Schubert ist gnadenlos direkt und ehrlich, beschönt nichts, auch nicht ihre Rolle als junge Ehefrau, als Mutter, als Teil eines Systems. Es geht in vielen Texten um Verlust, sei es der Verlust ihrer geliebten Grossmütter oder das Verlust einer geistigen Heimat, einer Zugehörigkeit. Sie erzählt vom Leben in der DDR, von Willkür und Verweigerung, von Verletzungen, nicht zuletzt von der, dass eine Mauer sie einzuschliessen versuchte.

Manche Texte lesen sich wie Essays, andere wie Betrachtungen. Aber immer ist es die freine Beobachtung, die Helga Schubert zum Schreiben führt, die kleine, unscheinbare Geste, eine Begegnung, sei es am Rande einer Demonstration in Berlin oder ihr spontaner, unbeabsichtigter Besuch in einer feministischen Buchhandlung, sei es das Nicht-Vorhandensein eines Vaters, der im Krieg gefallen war, die Frage, wer er gewesen war, seien es Träume, die sich wie farbige Metaphern ihres Lebens lesen.

Mit „Luft zum Leben“ schenkt Helga Schubert viel Stoff. Für mich als Bewohner einer jahrhundertealten Demokratie auch ein ehrlicher Blick durch den eisernen Vorhang, bei dessen Fall man 1989 glaubte, es wäre einer für immer.

Helga Schubert ist Gast am Wortlaut Literaturfestival St. Gallen vom 27. – 29. März 2026. Weitere Informationen folgen.

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte «Vom Aufstehen» den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2023 erschien «Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe», 2024 wurde Helga Schubert mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis MV ausgezeichnet.

Helga Schubert «Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe», dtv

Helga Schubert «Vom Aufstehen», dtv

Beitragsbild ©Eddy Zimmermann Rabauke Filmproduktion

Thomas Dütsch «Mit jedem Vers», Plattform Gegenzauber

Ziegenhirte 2.0

Er führt seine kleine Herde auf die Weide zieht
ein Bündel frischer Erlenzweige hinter sich her
Die Ziegen freuen sich wie im Märchenbuch Sie 
machen Sprünge rempeln einander an wedeln
mit den Schwänzen knabbern begierig am Laub 
Der Hirte zückt sein Smartphone filmt die Tiere
während sieben Sekunden verschickt das Video 
Dann telefoniert er sitzend auf dem Brunnenrand 
Die Ziegen eilen herbei stossen mit ihren Hörnern
fordernd gegen seine kreidebleichen Kniekehlen
Er tätschelt ihre Hälse spricht weiter in sein Gerät
Die Ziegen wenden sich ab trotten verwirrt davon
Der Hirte ist 70 Er trägt eine weisse Apple Watch
An seinem Arm klebt ein frisches Dialysepflaster 

(2022)

 

Das Eimerchen

Mein täglicher Weg an den Schreibtisch führt
im Gegenuhrzeigersinn um den Häuserblock
Ich leere das Eimerchen mit dem Grüngut
dehne meinen Rumpf vor dem Bücherschrank
zähle heute die bunten Pinguine vor der Kita
morgen die Schafe unterm Kirschbaum gelange
das quengelnde Eimerchen fest im Griff auf
eine sanfte Anhöhe sehe zu wie sich langsam
das Seebecken freinebelt während im Westen
die Nacht Länge um Länge abseilt den Mond
Wachgepinselt vom Hauch des frühen Tages
setz ich mich um Jahre verjüngt an mein Pult
Das Eimerchen indes will nicht an seinen Platz

(2024)

 

Ginge ich nicht

Mit einer Kaltnadel ritzt mir die Nebelhand
ihr Herbstmonogramm in die Nackenhaut
Ich schriee ginge ich nicht

Müde zirkelt mir die verdistelte Mittagssonne
ihr sprödes Licht vor die Füße
Ich haderte ginge ich nicht

Kreisend schwärzen letzte Stare den Himmel zu
und ihre Schreie steinigen mein ermattetes Herz
Ich stürbe ginge ich nicht

Ginge ich nicht durchs lodernde Laub

(2001)

 

Mit jedem Vers

Mit jedem Vers den ich schreibe
werde ich arm und ärmer verliere
eines meiner Geheimnisse die ich
mit Worten nicht benennen kann

Als Schmuggelware im Mantelsaum
trägt jeder Vers aus der Schneiderei
unzengroß eine Wahrheit über mich
ins Buchstabengetümmel hinaus

Die Leser werden Schnitt und Wurf 
genau besehen doch es wird dauern
bis einer das Verstuch dort befühlt wo
im Saum die Verhärtung zu spüren ist

Ich aber schreibe Verse wie eh und je
bis ich einst da steh nackt und kahl
eine geheimnislose Eiche ohne Frucht
wartend auf Sturm wartend auf Schnee

(2011)

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich publizierte er Gedichte in den Literaturzeitschriften «einspruch», «drehpunkt» und «Sprache im technischen Zeitalter». Auch die «Neue Zürcher Zeitung», die «Zeit» und der «Tages-Anzeiger», Zürich, brachten Gedichte von ihm. 2001 erschien sein erster Lyrikband «Windgeschäft», für den er eine Anerkennungsgabe des Kantons Zürich erhielt. 2011 folgte sein zweiter Gedichtband «Weißzeug», der mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde. In der «NZZ am Sonntag» lobte Manfred Papst die «Sorgfalt und das Formbewusstsein» seines Schreibens. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Wortlaut Literaturfestival St. Gallen 2026: Bekanntgabe des gesamten Festivalprogramms und Start des Vorverkaufs

Die 17. Ausgabe des St. Galler Literaturfestivals Wortlaut findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Das Schwerpunktthema in diesem Jahr lautet «über:setzen». Insgesamt werden in St. Gallen 29 Veranstaltungen in der Lokremise, der Bibliothek Hauptpost, der Grabenhalle und der Stadtbibliothek Katharinen durchgeführt.

Unter anderem treten folgende Autor:innen auf: Lukas Bärfuss, Martina Clavadetscher, Navid Kermani, Flurina Badel, Fabio Andina, Romain Buffat, Julia Weber, Jonas Lüscher mit Paul Rechsteiner, Laura Vogt, Nora Gomringer mit Nancy Hünger, Miriam Meckel und Léa Steinacker, Helga Schubert, Katinka Ruffieux, Usama Al Shahmani und Vea Kaiser. Ziel des Festivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekannt zu machen und Debatten anzuregen.

Ende Januar liegen die gedruckten Programmhefte in ausgewählten Buchhandlungen und anderen Kulturorten der Stadt St. Gallen aus.
Der Vorverkauf von Tickets und Pässen startet zeitgleich.

Das Motto des diesjährigen Festivals lautet «über:setzen». Neben den zahlreichen Lesungen in den vier Landessprachen sollen im Rahmen des Festivals vor allem folgende Fragen zum Schwerpunktthema diskutiert werden: Wie wird ein Buch in eine andere Sprache übertragen? Wie lassen sich komplexe Themen so vermitteln, dass sie verständlich und zugänglich werden? Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden?

Am Eröffnungsabend (Freitag, 27. März, 19.30 Uhr, Lokremise) stellt der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss den Akt des Übersetzens in einen grösseren kulturellen Zusammenhang: Wie verschafft er seinen Themen Gehör, und wie erreicht er sein Publikum? Gemeinsam mit Nicola Steiner geht Bärfuss diesen Fragen nach und zeigt, was es dazu braucht und weshalb dies heute wichtiger ist denn je. Musikalisch begleitet wird der Eröffnungsabend vom Thurgauer Gitarristen Tobias Engeler.
Das Grusswort spricht die Regierungsrätin Laura Bucher.

Am Festivalwochenende vom 27. bis 29. März finden Lesungen, Performances sowie Podiumsdiskussionen mit Autor:innen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich statt. Zudem wird die Buchpremiere der Ostschweizer Autorin Laura Vogt gefeiert; musikalisch begleitet werden Lesung und Gespräch vom Kontrabassisten Marc Jenny. Darüber hinaus wird das Publikum eingeladen, Gast des schon traditionellen Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein. Neu bietet das Festival ein Familienprogramm in der Stadtbibliothek Katharinen an. Weitere Kooperationen mit neuen Formaten gibt es zudem mit dem Förderraum und dem open art museum in St. Gallen. Mit Katinka Ruffieux und Julia Sutter stellt das Festival zwei Debütantinnen dem Publikum vor. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost ein so genannter «Silent Reading Rave» statt.

Die letzte Veranstaltung von Wortlaut findet am Sonntag (29. März, um 16.45 Uhr) im Raum für Literatur statt: Paul Rechsteiner, politisches Urgestein, bekommt eine Carte blanche und lädt den Schriftsteller Jonas Lüscher ein. Ihr Gespräch wird weit über die Literatur hinausgehen und doch viel mit den Themen von Lüschers aktuellem Roman «Verzauberte Vorbestimmung» zu tun haben. Wovon träumen wir Menschen des Kapitalismus und wovon unsere sich zunehmend gegen uns erhebenden Maschinen? Im Spiegelraum dieses Romans ist kein Konflikt ausgestanden und noch jede Geschichte möglich.

Das Cafe St.Gall in der Bibliothek Hauptpost ist auch in diesem Jahr Festivalzentrum. Hier werden von Samstag bis Sonntag Speisen und Getränke angeboten. Zudem können Tagespässe gekauft und Informationen zum Programm eingeholt werden.
Nähere Informationen dazu finden sich ebenfalls auf der Webseite www.wortlaut.ch