Rudolf Bussmann „Verheissenes Land“, Plattform Gegenzauber

Begegnung

Eine Ausfallstrasse, lang und gerade
Die ödeste Strasse der Stadt.
Man geht um die Welt, um hier zu landen.
Die Gedanken zurückgefahren, die Antennen
Eingezogen marschiert man ins Ungewisse.
Fehlgeleitet von Neugier hab ich den Stadtkern
Verlassen, um in solche Unlust zu kommen.

Eine Reparaturwerkstatt für Motorräder
Ein Gasflaschendepot, geparkte Autos 
Welkendes Grün vor einem Blumengeschäft.
Nur vom Schicksal Verurteilte gehn hier zu Fuss
Ein in sich gekehrter Alter, ein Halbwüchsiger
Vor sich hinredend mit geballten Fäusten
Eine Frau mit Kinderwagen. Welchen Ort

Hast du gewählt, Kind! Die Frau schaut mich an. 
Sie lächelt, nickt mir über den Kinderwagen zu
Als wär ich ein Freund. Neben den Gasflaschen
Bin ich stehengeblieben. Ein Strahlen ohne Grund
Bevor sie verschwand. Wie war ihr Mund? Trug sie 
Ein Hütchen? Ein Kopftuch? Ich überquere die Strasse
Trete ins Blumengeschäft, frage nach Rosen.

Komme mit einem Strauss aus dem Laden. 
Gehe die Strasse zurück, die ödeste Strasse der Stadt 
Im gleichen Schritt wie zuvor den baumlosen 
Fassaden entlang, Staub an den Schuhen
Im Arm einen Strauss, unterwegs nirgendwohin
Mit einem Strauss Rosen.

 

Auf dem Suk

Zuoberst auf dem Verkaufstisch liegt 
Ein Ballen Stoff, fein anzufassen, ein Gewebe 
Für ein besonderes Kleid, den eine suchende Hand
Unter dem Berg aus Ballen hervorgeholt hat. Ungewiss
Wohin seine Reise geht, wo seine Stücke hingelangen
Weggeschnitten von der grossen Schere

Nach Westen, Süden oder Osten. Vielleicht 
Entscheiden seine Farben, entscheidet seine Struktur
Oder die Macht seiner Muster, zu welchem Fest er
Bestimmt ist, zu Ostern, zu Pessach, zum Ramadan.
Im Gewoge anderer Kleider wird er 
Von den Schultern seiner Trägerin fliessen

Und Worte einer Sprache des Westens, Ostens 
Oder Südens werden über ihn gleiten.
Unentschlossene Hände befühlen den Stoff
Zögern die Freude, ihn zu besitzen
Eine Weile hinaus. Faltenlos liegt er da
Schwer und ungeteilt.

 

Eichung

Unter dieser alten mächtigen Eiche 
Sitze ich. Wie lange schon bin ich da?

Seit ich in der Kinderbibel die Geschichten
Von Abraham und Jakob las

Seit ich diesen Ort
Im Traum gesehen habe

Seit ich am frühen Nachmittag
Hierher gewandert bin

Seit ich die Frage stellte
Noch keine halbe Minute.

Zuvor war Wind, war Stille
Zwischen Blättern ein Himmel

War ein Geruch von Hitze und Harz
War ich ein Tag der keinen Anfang kennt.

 

(aus «Verheissenes Land» Gedichte, edition bücherlese 2024)

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

www.rudolfbussmann.ch

Beitragsbild © Ayse Yavas

Hauslesung mit Rudolf Bussmann in Kriens LU

Rund zwei Dutzend Literaturbegeisterte lauschten in einem ganz dem Buch ausgerichteten Wohnzimmer hoch über dem Vierwaldstättersee. Rudolf Bussmann las und diskutierte zu «Der Flötenspieler», einem Roman, der seit seiner Veröffentlichung 1991 nicht gealtert ist und nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Rudolf Bussmann sieht man seine beinahe acht Jahrzehnte nicht an, weder von aussen, noch von innen. In seinem Gesicht immer noch dieser neugierige Blick, in seinem Wesen die unbedingte Herzlichkeit, in seinem Tun die Leidenschaft und in seinem Schreiben der ungestillte Wille, der Spur zum Mark des Lebens zu folgen. Ob als Romancier mit Prosa aller Couleur, ob als Lyriker, Übersetzer oder Herausgeber in der Vielfalt seines künstlerischen Ausdrucks oder in seiner Kompetenz als Literaturvermittler, als Leiter von Lesezirkeln, als Schreibbegleiter, Moderator oder als Mitinitiant der Basler Lyriktage – Rudolf Bussmann ist durchdrungen von seinem Tun und nichts vom einsam vor sich hinbrütenden Kopffüssler.

1987, vier Jahr vor Erscheinen seines ersten grossen Romans „Der Flötenspieler“, mit 40 traute er sich in die Existenz eines „freien Schriftstellers“ und in den fast vier Jahrzehnten danach sind Romane, Gedichtbände, Kurzprosa und Essays erschienen. Kein Vielschreiber, aber einer, der sich in Tiefen schreibt, der wenig interessiert am reinen Geschichtenerzählen ist, dessen Texte, ob Prosa oder Gedicht, zum Mitdenken, zum Nachdenken zwingen. Texte, die genau jene literarische Sorgfalt zeigen, die auch seine Person auszeichnen. Weil er einer ist, der schauen, zuhören, verzahnen und nachdenken kann und dies ohne Aufhebens tut, sind auch seine Texte Einladungen zum Schauen, Zuhören, Verzahnen und Nachdenken. Und sein Romandebüt „Der Flötenspieler“, 1991 bei Luchterhand, einem der renomiertesten Literaturverlage erschienen, programmatisch für Rudolf Bussmanns Schreiben – und ein Paukenschlag dazu.

Um lieben zu können, muss man eine Zukunft vor sich haben.

2022, zu Rudolf Bussmanns 75. Geburtstag hatte Judith Kaufmann, Verlegerin, den Mut, diesen wundervoll verschlungenen, kostbaren Roman in ihrem Verlag edition bücherlese, neu herauszugeben.

Nur im Abserbeln ist noch der Stachel des Neuen.

Thomas Waller steckt in einer Krise. Seit sein Arbeitgeber, die Perduta-Versicherung (italienisch, Partizip Perfekt von «perdere» (verlieren) und bedeutet „verloren“) in einen neuen Glaspalast umgezogen ist, ins Limbus-Haus, einen Palast der Rationalisierung und Effizienz, minotaurisch verwinkelt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Auch seine Ehe kriselt. Nicht nur, weil Hilde mit einem Mal Mathilde genannt werden will und mitten in einer Metamorphose mit ungewissem Ausgang steckt, sich jener Hilde, die er vor 10 Jahren geheiratet hatte, immer mehr entfremdet. Waller sieht sich nicht nur in seiner Arbeit, auch in seiner Ehe und dem Geschehen in der Welt als Bedrängter und Bedrohter. Nicht nur das Klima bei der Arbeit und in seiner kinderlosen Ehe ist vergiftet. Der Reaktor in Tschernobyl ist explodiert. Eine neue Zeitrechnung beginnt. Waller haut ab, in die Abgeschiedenheit des Juras, in ein Hotel, das eigentlich geschlossen hat, mit wenig Gepäck, ein paar leeren Heften und seiner Flöte. Aber das Leben holt ihn auch dort wieder ein, das Gift, das ihn zu zersetzen droht, die Abgründe, denen er entfliehen wollte. „Der Flötenspieler“ ist ein Roman von kafkaesker Kraft, ein Roman wie das Labyrinth des Minotaurus, ein Roman, der auch 40 Jahre nach seinem Ersterscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Das Gespräch so spannend zu halten, dass der Winternebel seine Nase dicht an die Fensterscheiben drückte, um etwas davon mitzubekommen. Rudolf Bussmann

Grosser Dank an das Veranstalterpaar Monika und Urs! Ein Genuss!

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler», Luchterhand/edition bücherlese, 1991/2022, 288 Seiten, CHF neu ca. 29.00, ISBN 978-3-906907-57-4

Rezension von «Der Flötenspieler» auf literaturblatt.ch

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

von ​​​​Rudolf Bussmann zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Seit es die wunderbare Plattform literaturblatt.ch gibt, und je mehr sie anwächst, fragen sich Leserinnen und Leser, wer und was sich eigentlich dahinter verbirgt. Eine einschlägige Analyse erlaubt nun einen Blick hinter die Kulissen. In geduldiger Arbeit ist es gelungen, die DNA der Plattform zu isolieren und gewisse Informationen zu entschlüsseln. Nachdem als Betreiber der Domain ein gewisser Gallus identifiziert wurde, konnte die Buchstabenfolge G-a-l-l-u-s‘ L-i-t-e-r-a-t-u-r-b-l-a-t-t in ihre Bestandteile zerlegt und in neuer Reihenfolge zusammengesetzt werden. So kamen dahinter liegende Inhalte zum Vorschein. Einige Sequenzen sind festgehalten und aufgezeichnet worden.

Gallus‘ Literaturblatt – Blauer Geburtstags-Baiser

Literaturblatt

ultra lesbar
irre geil
stabil agil
alert & geballt
beste Ausleg-Gala
rares Les-Labsal
Attribut: great!

Gallus

Lesart-Sieger
streitbar liberal
Tabu-Tilger
Taubenauge & Argusauge
stetig taetig
Arbeits-Urtier
illustrer Star

Salut Gallus!

ragst aus Grau & Staub raus
liest alles Rare & Gute aus
gibst taegl. gratis Literatur-Rat
traegst als Stil-Guru Silber-Tiara
urteilst subtiler als alle

User R.

salutiert
gratuliert
gibt Gala-Baiser

© Ayse Yavas

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa und Romane. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Webseite führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Seine letzte Buchpublikation in der edition bücherlese ist der Gedichtband «Verheißenes Land», 2024. Rudolf Bussmann lebt in Basel.

Rudolf Bussmann «Wem wäre er nicht auf die Nerven gegangen», Plattform Gegenzauber

Wem wäre er nicht auf die Nerven gegangen? Er mit seiner Fragerei? Wer hätte sich nicht früher oder später von ihm abgesetzt? Wäre geflohen vor seinen Fragen, die uns nichts angingen, uns mit seinen Sorgen quälten, von uns Antworten erwarteten, die niemand zu geben wusste? Können Sie sich vorstellen, was das heißt? Diese Fragerei von früh bis spät? Dieses aufsässige Fordern nach Antwort? Wären nicht auch Ihnen die Nerven durchgegangen? Hätten nicht auch Sie einen Punkt gesetzt? Ihn ins Leere laufen lassen mit seinen Fragen?
Was hätten Sie getan an unserer Stelle?
Warum antworten Sie nicht?

(erschienen in «Popcorn», Waldgut 2013)

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. Nach der Promotion bildete er sich zum Gymnasiallehrer aus und war an verschiedenen Berufs- und Höheren Fachschulen tätig. Er schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und ist als Herausgeber und Übersetzer tätig. Zuletzt erschienen sind «Eine Brücke für das  Gedicht, 75 zeitgenössische Gedichte befragt von Rudolf Bussmann» (2014) und «Das andere Du», Roman (2016). Rudolf Bussmann leitet Schreibseminare und Lesezirkel, er lebt in Basel. 

Rudolf Bussmann «Verheißenes Land», Gedichte, edition bücherlese, erscheint im März 2024

Rudolf Bussmann «Verheißenes Land», Gedichte, edition bücherlese
Die Passkontrolle ist vorbei, die Passagiere treten ins Mittagslicht. Die Reise durch Israel und Palästina beginnt. Sieben Tage dauert sie. Vorbei an Barrieren, Grenzposten, Mauern führt sie auf die Zinnen einer Altstadt. Sie führt in die bunte Vielfalt eines Suks, sie führt in das Quartier orthodoxer Gläubiger, sie führt in besetzte Gebiete. Eine verlassene Mühle kommt in den Blick, die Stimme eines Vertriebenen ist zu hören, eine schattige Eiche lädt zum Verweilen ein. Das Ich, unterwegs zu Fuß, mit Auto oder Bus, wird gewahr, wie sich ihm ein alter Kulturraum öffnet, der keine festen Grenzen kennt und in vorbiblische Zeiten zurückreicht. Gleichzeitig wird es von der politischen Hochspannung, die das Land im Griff hat, erfasst.
Rudolf Bussmann hat Israel und die Westbank 2018 bereist und die Niederschrift des Buches vor dem Überfall der Hamas vom Oktober 2023 beendet. Seine Gedichte begegnen den Widersprüchen und Konflikten mit einer Sprache, die in starken Bildern Schönheiten genauso wie Abgründe dokumentiert. Sie holen die Vision vom verheißenen Land aus der Versenkung und versuchen ihr in einem eindrücklichen Statement neue Konturen zu geben.

Rezension «Der Flötenspieler», edition bücherlese

Webseite des Autors

Beitragsbild © Ayse Yavas

20 Jahre Lyrik-Feinkost in Basel

Das Internationale Lyrikfestival Basel feierte die 20. Jubiläumsausgabe nicht mit Pauken und Trompeten, dafür mit sprachlichen Leckerbissen, die beweisen, das sich Lyrik längst nicht mehr in die Ecke der schöngeistigen Verzückung drängen lässt.

Schonungslos ehrlich und politisch, experimentierfreudig, direkt und eigensinnig, wild musikalisch, analytisch und leidenschaftlich – wie vielfältig, kräftig und authentisch Lyrik sein kann, das bewies das diesjährige Lyrikfestival Basel eindrücklich und äusserst professionell. Sich für eine Kunstform derart ins Zeug zu legen, vor der sich andere VeranstalterInnen aus Angst vor möglichem Desinteresse mit Bedauern aus der Affäre ziehen, gebührt Hochachtung und inniger Dank. Aber weil das Organisationskomitee aus der „Basler Lyrikgruppe“ besteht, einem lebendigen Haufen Dichterinnen und Dichtern, wird das jährlich stattfindende Festival nicht einfach eine Bühne, sondern lebendige Auseinandersetzung mit den verschiedensten Ausdrucksformen von Lyrik. Alisha Stöcklin, Ariane von Graffenried, Simone Lappert, Claudia Gabler, Wolfram Malte Fues und Rudolf Bussmann zusammen mit all jenen, die sich in der Vergangenheit um das Festival bemühten, feierten mit den Stimmen aller PreisträgerInnen des Basler Lyrikpreises die Sprache und zwei Jahrzehnte Abenteuer.

Rike Scheffler arbeitet transdisziplinär in Gebieten der Lyrik, Performance, Installation und Musik. Ihr neuer Gedichtband «Lava. Rituale» (2023) erkundet zärtliche, spekulative Seinsweisen artenübergreifender Allianz und Kollaboration mit mehr-als-menschlichen Agent*innen und KI.

Aus dem diesjährig Dargebotenen Höhepunkte herauszuheben ist schwierig und in meinem Fall höchst subjektiv. Da waren die leidenschaftlichen, zuweilen heiteren Texte von Dinçer Güçyeter, die eindringliche Performance von Rike Scheffler, der Tripp ins Dunkle mit Martin Piekar, die Entdeckung einer neuen Stimme, jener der diesjährigen Preisträgerin Carla Creda, das musikalische Aufstöbern von Störefrieden mit Airane von Graffenried und Robert Aeberhard, die tiefsinnige Auseinandersetzung mit der Klimakatastrophe von Steinunn Sigurðardóttir, Marion Poschmann und Daniel Falb und die witzige Begegnung der Performerinnen Nora Gommringer und Augusta Laar.

Dinçer Güçyeter ist ein deutscher Theatermacher, Lyriker, Herausgeber und Verleger. Güçyeter wuchs als Sohn eines Kneipiers und einer Angestellten auf. Er machte einen Realschulabschluss an einer Abendschule. Von 1996 bis 2000 absolvierte er eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker. Zwischenzeitlich war er als Gastronom tätig. Im Jahr 2012 gründete Güçyeter den ELIF Verlag mit dem Programmschwerpunkt Lyrik. Seinen Verlag finanziert Güçyeter bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. 2017 erschien «Aus Glut geschnitzt» und 2021 «Mein Prinz, ich bin das Ghetto». 2022 erhielt Güçyeter den Peter-Huchel-Preis. Sein Roman «Unser Deutschlandmärchen» wurde 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Dinçer Güçyeter im Gespräch Henri-Michel Yéré

Verändert sich auch das Klima in den Künsten, in der Literatur, in den Gedichten? Wie anders, ist doch die Dichtung immer mehr der Seismograph dessen, was Menschen umtreibt. Für die isländische Dichterin und Schriftstellerin Steinunn Sigurðardóttir sind die klimatischen Veränderungen nicht bloss sichtbar, sie werden zur ganz direkten Bedrohung.

 

Geröllberg

Der gletscher, ewig
aber doch aus vergänglichem stoff, kam ans licht.
Aus wasser und lebenden farben.

                      ***

Der Zerbrechliche zerspringt 
in tausend teile

wird zu dem wasser aus dem er gekommen.

Das war nicht unumgänglich. Doch wir
gleichgültigen ehrlosen heizten an,
liessen taten … auf taten folgen …

                      ***

Vatnajökull vom wasser genommen.

(aus «Nachtdämmern» von Steinunn Sigurdardóttir, Dörlemann, 2022, aus dem Isländischen von Kristof Magnusson)

Daniel Falb ist Dichter und Theoretiker. Er lebt und arbeitet in Berlin, wo er Philosophie studierte und mit einer Arbeit zum Begriff der Kollektivität promovierte. Er veröffentlichte fünf Gedichtbände, zuletzt «Deutschland. Ein Weltmärchen (in leichter Sprache)» (2023). Marion Poschmann (live zugeschaltet, weil die DB Reispläne verunmöglichte), lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für Lyrik und Prosa, darunter den Peter-Huchel-Preis 2011, den ersten Deutschen Preis für Nature Writing 2017 sowie den Joseph-Breitbach-Preis 2023. Steinunn Sigurðardóttir, geboren in Reykjavik, studierte Psychologie und Philosophie am University College Dublin. Sie arbeitete als Radio- und Fernsehjournalistin und veröffentlichte mehrere Gedichtbände und Romane. «Der Zeitdieb» wurde in Frankreich mit Emmanuelle Béart und Sandrine Bonnaire verfilmt. Auf Deutsch erschien zuletzt «Nachtdämmern», eine Elegie über den sterbenden Grossgletscher Vatnajökull in Südostisland. Im Gespräch mit Alisha Stöcklin

Der Vatnajökull, der grösste Gletscher Islands und ausserhalb des Polargebiets der grösste Gletscher Europas, schmilzt. Damit wandelt sich Island, das zu 10 % von Gletschern bedeckt ist, nicht bloss zu einer Geröllinsel. Die riesigen Gletscher Islands besänftigen noch die «bösen» Vulkane, die unter der malerischen Oberfläche schlummern. Steinunn Sigurðardóttirs Dichtung im Band «Nachtdämmern» richtet sich ganz direkt gegen Ignoranz und Verdrängung. Dichtung reagiert, ganz im Gegenteil zu einem Grossteil der Gesellschaft, die munter weiteragiert, als wäre die Zukunft so einfach die Fortsetzung der Vergangenheit. Wissenschaft und Kultur sind sich in einem breiten Spektrum aktiv und sehr intensiv dessen bewusst, was die menschlichen Eingriffe an globalen Veränderungen mit sich bringen. Kein Wunder, dass jene Kunst, die um Worte, Sätze, Formulierungen ringt, nach Klärung und vielleicht sogar Erklärung Niederschlag findet, was an Ängsten und Befürchtungen aus der Suppe unleugbarer Fakten steigt.

Ariane von Graffenried ist Schriftstellerin und promovierte Theaterwissenschaftlerin. Sie ist Mitglied der Autor*innengruppe Bern ist überall und tritt als Spoken-Word-Performerin im Duo Fitzgerald & Rimini auf. 2017 erschien ihr Buch «Babylon Park», 2019 folgte «50 Hertz», eine CD mit Gedichtband. Für ihre Texte wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Warum fällt es uns so schwer, in grossen Zusammenhängen und Räumen zu denken, geschweige denn zu leben? Horizonte gehen auf, das Raumschiff Erde ist ein in sich geschlossenes Ökosystem. In der Literatur, in der wie in keiner anderen Kunstform das eigene Ich verlassen werden kann, verschieben sich Perspektiven. Das zeigt auch Marion Poschmann in ihrer Dichtung. Sie fordert eine «Romantisierung». Keine Verklärung, Beschönigung oder Idylle, sondern eine revolutionäre Bewegung als Gegenkraft zur rationalen Vernunft, eine Besinnung auf das «Einzigartige», als letzter Akt gegen all das Zerstörerische.

Schon der Begriff «Klimawandel» beschönigt die rollende Katastrophe. So wie unsere Gesellschaft noch immer nach Worten ringt, um den Dingen Kontur zu geben, tut es die Kunst. Dichtung ist gefundene Sprache.

Reservieren sie sich das letzte Wochenende im Januar 2025

Fotos © Samuel Bramley

Die Laudatio zum Basler Lyrikpreis 2024 an Carla Cerda – von Rudolf Bussmann

Auf dem Titelblatt von Carla Cerdas letztem Gedichtband Ausgleichsflächen stehen die Sätze: „Attention Readers! Dies ist ein Experiment der poetischen Kommunikation realer Ereignisse“. Der ironische Ruf nach Aufmerksamkeit kann auch als Warnung aufgefasst werden: Wer zu lesen beginnt, soll sich. vorsehen. Was hat es damit auf sich? Worauf muss, darf man gefasst sein, wenn man sich aufmacht, in Carla Cerdas Sprachwelt einzudringen? Allgemein gesprochen darauf, dass in den Gedichten das herkömmliche Verständnis von Realität und Fiktion erweitert und in kühner Weise neu bestimmt wird. Wenn wir im Folgenden nach einer etwas genaueren Antwort suchen, können uns zwei Textpassagen behilflich sein, die wir näher heranzoomen wollen.

Zwei Gedichtbände hat Carla Cerda bis jetzt veröffentlicht, Loops 2020 und Ausgleichsflächen 2023, beide sind in der Reihe roughbooks bei Urs Engeler erschienen. Die schmalen Büchlein enthalten je rund fünfzig Gedichte, gegliedert in fünf resp. sechs Gedichtzyklen, denen manchmal ein Intro vorangestellt ist. Eines davon haben wir gerade kennen gelernt.

Zoom eins

Es führt zum ersten Zyklus von Ausgleichsflächen, worin von einer Mutter und ihrem Kind die Rede ist. Die beiden sind mit einem Spiel beschäftig. Weiter anwesend sind ein Mann und eine Box mit einem Käfer drin. Wobei diese als anwesend zu bezeichnen ziemlich gewagt ist. Beim Mann handelt es sich – Attention readers! – um einen Chatbot, also um ein Computerprogramm, das menschliche Konversation simuliert. Der Kantbot, wie er im Gedicht genannt wird, schreibt gerade an einer wissenschaftlichen Abhandlung, einem Text, der vor über 200 Jahren verfasst wurde. Es ist ein posthum erschienenes Manuskript von Immanuel Kant. Den Philosophen beschäftigt darin unter anderem die Frage nach dem leeren Raum, in dem, obwohl er leer ist, dennoch physikalische Gesetze wirken, etwa das der Gravitation. Dass Carla Cerda gewisse von Kants Formulierungen in ihren Zusammenhang aufgenommen hat, ist kein Zufall. Sie holt Kant gleichsam als Vater an den Tisch zu Mutter und Kind, weil sie bei ihm vorgedacht findet, was sie heute beschäftigt.

und der Kantbot ist jetzt auf Seite 20, Convolut XI
angekommen, wo „die Gravitationsanziehung
dynamisch durch den leeren Raum –
obzwar kein solcher da ist“ 

Hinter Kants wunderbar lapidaren Feststellung von der Existenz des gedachten leeren Raums, der gar keiner ist, verbergen sich Grundfragen nicht nur der Physik, sondern auch der Literatur: In welchem Verhältnis steht, was ich lesend vor mir habe, zu meiner Erfahrungswelt? Wer bestimmt seinen Wirklichkeitsstatus? Welche Realität kommt einer Box mit einem Käfer zu, wenn sie in einem Gedicht auftaucht? Und: ist die Box weniger präsent, wenn das Gedicht sie mit den Worten einführt:

„ein Käfer in einer Box und die Box ist weg“ 

Die Dichterin weiss, dass mir die Box gegenwärtig bleibt, auch wenn sie diese im Gedicht zum Verschwinden bringt. Der Zyklus heisst „Bootstrap“. Bootstrapping benennt in der Computersprache einen Vorgang, der aus einem einfachen Programm ein komplexeres generiert. Ich habe aus dem Wort Box mittels der Formel „ist weg“ eine Vorstellung generiert, in der zwei Boxen£existieren, eine, die es gibt, und eine, die es nicht gibt, und beide meinen dieselbe.

Das erste Gedicht des Zyklus, aus dem die zitierte Zeile stammt, ist von denkbarer Schlichtheit. Dennoch fallen wir von einem Bootstrap in den anderen, von einer Falle – Trap – in die nächste. „spielen wir ein Spiel“, heisst der erste Satz. Wer spricht da zu wem? Die Mutter spricht zum Kind. Oder spricht die Ich-Erzählerin zu uns, den Lesenden? Es bleibt offen, der einfache Satz generiert zwei mögliche Bezugsfelder, die unaufgelöst nebeneinander stehen bleiben. Darauf folgt eine Aufzählung des Spielmaterials. Unter anderem wird auch das Kind vorgestellt, und zwar folgendermassen:

„das Kind, sowie es aufhört, nicht zu sprechen“

Das Kind scheint nur anwesend und für das Spiel brauchbar zu sein, wenn es sein Schweigen bricht und zu sprechen beginnt. Sein Reden macht es präsent, oder anders gesagt, seine Anwesenheit verdankt es dem Wort. Genau wie die Box, die da ist, weil sie genannt wurde.

Es gibt eine zweite bemerkenswerte Aussage über das Kind, sie ist in Klammern beigefügt:

„das Kind, sowie es aufhört, nicht zu sprechen (in etwa du)“

„in etwa du“ könnte zum Kind gesprochen sein, es würde dann bedeuten: Im Gedicht kommt ein Kind vor wie du eines bist, mein Schatz. Die Ich-Erzählerin spricht als Mutter zum Kind. Auch die Lesenden können sich mit dem Du gemeint fühlen. „in etwa du“ hiesse: so wie du, wenn du zum Kind wirst. Es sei denn, der Zusatz beziehe sich nicht auf eine Person, sondern auf die Sprache und meine ganz einfach nur das Personalpronomen selber, dem hier keine Person fest zugewiesen sei.
Ähnliches gilt für das Ich der Mutter. Wir, die Lesenden, tun gut daran, dieses Ich nicht ausschliesslich als Person, sondern ebenso als Pronomen anzusehen. Das mildert unseren Schreck, wenn das Ich auf einmal buchstäblich aus dem Text fällt:

„ich falle – ups – durch eine fiese Laufmasche im Satzgefüge.“

Verunglückt ist hier bloss das Pronomen, das drei Zeilen später munter wiederaufersteht und im Text weiterfährt.

Ein unspezifisches Sie, ein unspezifisches Du, eine Box, die nicht da ist, ein Philosoph als Chatbot – den erwähnten Textstellen ist gemeinsam, dass sie mehrere Bezugsebenen zur Verfügung halten, zwischen denen Lesende hin und her wechseln können und die untereinander agieren. Das gehört zum Spiel, zu dem uns die erste Zeile einlädt; zum Spiel, zu dem Carla Cerdas Bücher einladen. Die Autorin beherrscht es in all seinen Nuancen. Sie treibt es bis zum Irrwitz, bis zur Absurdität, behält die Spielfäden aber fest in der Hand.

Die 34-Jährige weiss mit Texten umzugehen, sie hat am Literaturinstitut Leipzig studiert. Sie hat ein Studium der Biologie und Ökologie hinter sich, kennt sich aus in der Welt der Wissenschaft. Und als Übersetzerin aus dem Spanischen und Englischen hat sie einen wunderbar leichten Umgang mit Sprachen. Ihre Spiellust kennt keine Grenzen. Das ist wörtlich gemeint. Sie geht über die Grenzen hinaus, die ein Gedicht in der Regel setzt, und bezieht nicht nur Wörter, Sätze, Zeilen mit ein, sondern auch die Druckseite selber.

Zoom zwei

Im Zyklus „Apophenia“ wird dem Lesepublikum ein mechanischer, durch Lochkarten gesteuerter Webstuhl vorgeführt. Die Gedichte sprechen diesmal ein Sie (in der Höflichkeitsform) an. Achtung, Personalpronomen! Wir Leser:innen werden uns hüten, uns vorschnell selber in das Sie hineinzudeuten. Wie recht wir mit unserer Vorsicht haben! Bringt der Text das „Sie“ doch in eine befremdliche Situation.

„fühlen Sie einmal hier unter der haut den stoff
die geschichte ihrer hm die geschichte des
programms das Sie hervorbrachte Ihre ganz
persönliche lochkarte sehen Sie? fühlen Sie?
merken Sie?“ 

Wir sind uns nicht sicher, was dem „Sie“ an dieser Stelle genau widerfährt. Aber wir haben verstanden, es geht um eine Lochkarte, „Ihre ganz / persönliche lochkarte sehen Sie? fühlen Sie? / merken Sie?“ Tatsächlich, wir fühlen die Lochkarte. Sie liegt in unserer Hand. Wir sehen, dass der Satzspiegel des aufgeschlagenen Gedichtbands eine Veränderung erfahren hat. Der Text ist vom Gedicht zur Lochkarte mutiert.
Gleichzeitig besteht er darauf, ein Gedicht zu sein. Die Lesenden haben die Wahl nicht nur zwischen verschiedenen Bedeutungen, sondern zwischen verschiedenen Erscheinungsweisen bedruckten Papiers. Wenn sie Lust haben, können sie die Lochkarte wahrnehmen und synchron dazu das Gedicht lesen. Das erhöht den Genuss, das hebt die Stimmung.

Vielleicht wäre für die Lektüre von Carla Cerdas Werk ein neuer Terminus einzuführen, das „synchrone Lesen“. Ihre Gedichte ermuntern dazu, verschiedene sich überlagernde Inhalte zusammenzudenken. Dies nicht im Sinne von Metaphern, die sich via Assoziation einstellen, sondern durch das Verflechten von Themen. So wechselt der Webrahmen-Zyklus von der Stoffproduktion zu anderen Kontexten, die mitgelesen werden können. Etwa zur literarischen Textproduktion. Und er führt, es liegt nahe, zur Bild- und Textproduktion des Internets. Es liegt nahe nicht nur deshalb, weil die Lochkarte der Vorgänger der Speichermedien Magnetband und Diskette ist. Sondern insbesondere deshalb, weil Carla Cerdas gesamtes lyrisches Schaffen mit dem Internet auf das engste verknüpft ist. Davon soll abschliessend die Rede sein.

Die Dichterin als DJ

Ein grosser Teil der in den Gedichten verarbeiteten Inhalte stammt aus der digitalen Welt. Sie sind raffiniert eingepasst und als solche nicht erkennbar, oder dann ganz offensichtlich im Copy/Paste-Verfahren übernommen. Sie gehören mit zu dem, was verhandelt wird, können es auch ergänzen, konterkarieren, ihm eine Alternative entgegenhalten.

Mitunter lässt sich ihr Weg von ihren Internetwurzeln bis in das Gedicht nachverfolgen. Etwa im Fall eines englischen Zitats aus der Finanzbranche, das ohne ersichtlichen Grund in den Webstuhl-Zyklus platzt. „trust me on this testimony everybody“, meldet sich mitten im zweiten Gedicht eine Stimme, um fortzufahren:

„I invested 900 and I withdrew 9000 it was like a dream come true” 

Vielleicht rühmt sich hier jemand, der gerade einen Deal mit Loom gemacht hat? Loom, das englische Wort für Webstuhl, bezeichnet auch eine Kryptowährung. Im Wort Loom bündeln sich zwei Welten, die des Webens und die des Spekulierens. Diese Nachbarschaft macht sich Carla Cerda zunutze. Sie wiederholt mehrfach die Beteuerung „trust me on this –“ und gibt diese Floskel aus der Werbesprache für Finanzprodukte der Lächerlichkeit preis.

Sie liebt es, en passant hier eine Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung anzubringen, dort Auswüchse unserer Zivilisation blosszustellen. Hellwach verfolgt sie das Weltgeschehen, setzt in ihre Lyrik Fetzen und Splitter davon ein, die im poetischen Umfeld nicht selten absonderlich und komisch wirken. Einmal lässt sie die Ich-Erzählerin sich damit brüsten, dass ihr Gedicht, das von einer Platane handle, die α Biodiversität erhöhen und ihre eigenen biodiversity credits wieder ins Gleichgewicht bringen werde. Das Gedicht löst sich hier aus seinem ästhetischen Kontext und gibt sich als Bon für Artenvielfalt aus, als Ausgleichsfläche für Umweltsünden – eine ironiegeladene Anspielung auf die verbalen Kraftakte in den Reden von Politikern und Industrievertretern.

Auch in diesem Beispiel manifestiert sich Carla Cerdas Lust, aus der Hermetik des Gedichts auszubrechen, diesem neue Funktionen zuzuweisen und die Grenzen der Lyrik zu transzendieren. Es interessieren sie neben der Welt der Märchen und Mythen, der Belletristik, der Kommunikation insbesondere die Bereiche, die als poesieresistent erscheinen. Der Einbezug von Textfragmenten aus der Meeresbiologie, dem Abbau von Bodenschätzen, der Karpfenzucht oder der Aktienbörse erschliesst dafür nahezu unerschöpfliche Quellen. Die Autorin wählt aus ihrem in umfangreichen Recherchen zusammengetragenen Material das Passende aus, wandelt um, passt ein, kombiniert, schneidet weg. Ihre Arbeit erinnert an die Tätigkeit einer DJ, die am Mischpult steht, sampelt, mixt und scratcht und die fortlaufend ihre Rhythmen komponiert. Ab und zu macht sie sich in Ausrufen Luft. Mit den eingestreuten hey, ups, äh, hm, oh, iiih, aha
scheint sie sich selber zu befeuern, vor allem aber steigert sie damit das Vergnügen der Lesenden. Sie macht Stimmung. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser Lyrik: wie heiter, wie munter sie daherkommt. Als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, als aus den gigantischen Materialbergen des Internets eine Folge von durchgestalteten Gedichten zu machen. Als wäre es die eigentliche Bestimmung des worldwide web, in Poesie verwandelt zu werden.

Dieser Dichterin ist – Attention! – viel zuzutrauen. Der Basler Lyrikpreis, den ihr die Jury, bestehend aus Wolfram Malte Fues, Claudia Gabler, Simone Lappert, Alisha Stöcklin, Ariane von Graffenried und Rudolf Bussmann heute überreicht, soll sie dazu ermutigen, ihren literarischen Weg so konsequent und originär fortzusetzen, wie sie ihn begonnen hat. Unsere guten Wünsche begleiten sie dabei.

von Rudolf Bussmann

© Samuel Bramley

Carla Cerda, geboren 1990, ist Biologin, Dichterin und Übersetzerin und lebt in Leipzig, wo sie als Teil der «anemonen» interdisziplinäre Lesungen und Workshops mitorganisiert. Sie hat zwei Gedichtbände veröffentlicht: «Loops» (2020) und «Ausgleichsflächen» (2023), beide bei roughbooks. Sie erhiel tauch den Hauptpreis beim open mike 2019 und den Heimrad-Bäcker-Förderpreis 2022.

Beitragsbild © privat

Basler Lyrikpreis 2024 geht an Carla Cerda

Die Preisverleihung findet im Rahmen des 20. Internationalen Lyrikfestivals Basel am Samstag, 27. Januar 2024 um 19:00 Uhr im Literaturhaus Basel statt. Die Laudatio hält Rudolf Bussmann.

Carla Cerda wagt sich mit ihren Gedichten in Bereiche vor, die für Lyrik weitgehend unentdeckt sind. Sie interessiert sich für automatisierte Nachrichten gleichermassen wie für Wettermessgeräte oder Enzyme. Mit frechem Witz mischt sie die Formeln der Computer- und Wissenschaftssprache auf, lässt ein Sprachassistenzprogramm als Person auftreten, unterhält sich mit einem Bot. Mit leichter Hand hebt sie die Grenzen zwischen Logik, Algorithmenregeln und Fantasie auf. Dass ihre Gedichte dabei die Formstrenge wahren, erhöht ihren Reiz. Die Lektüre ihres noch schmalen Werks ist ein Vergnügen.

Carla Cerda (*1990) ist Dichterin und Übersetzerin und lebt in Leipzig, wo sie als Teil der «anemonen» interdisziplinäre Lesungen und Workshops mitorganisiert. Sie hat zwei Gedichtbände veröffentlicht: Loops (2020) und Ausgleichsflächen (2023), beide bei roughbooks.

Mit dem Basler Lyrikpreis zeichnen die Mitglieder der Basler Lyrikgruppe (aktuell Rudolf Bussmann, Wolfram Malte Fues, Claudia Gabler, Simone Lappert, Alisha Stöcklin und Ariane von Graffenried) jährlich das Werk eines/einer* Kolleg*in aus. Der Basler Lyrikpreis wird an Dichter*innen verliehen, deren Werk sich durch Innovationskraft auszeichnet und durch den Mut zu konsequentem und eigenwilligem Arbeiten mit Sprache. Er soll dazu beitragen, herausragende Stimmen einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen.

Der mit Fr. 10’000 dotierte Basler Lyrikpreis wird von der GGG gestiftet. Frühere Preisträger*innen waren u. a. Anna Hetzer (2023), Nadja Küchenmeister (2022), Hans Thill (2021), Eva Maria Leuenberger (2020) Katharina Schulthens (2019), Dagmara Kraus (2018), Walle Sayer (2017), Ron Winkler (2016) und José F. A. Oliver (2015).

Vom 25. bis zum 28. Januar 2024 findet das Basler Lyrikfestival bereits zum zwanzigsten Mal statt. Aus dezentral organisierten Veranstaltungen einer Gruppe von Basler Lyriker*innen hat sich im Verlauf der Jahre ein etabliertes Festival entwickelt. Bis heute kuratiert die Lyrikgruppe das Programm. Zum Jubiläum bietet das Festival u. a. Nora Gomringer, Dinçer Güçyeter und Klima-Lyrik eine Bühne.

Schon am 19. Januar präsentieren Schüler*innen im Rahmen der Museumsnacht Basel die Ergebnisse eines Schreibworkshops mit Sarah Altenaichinger in der Fondation Beyeler. Nach einem Lyrikspaziergang gibt es am Freitag den Dichter und Verleger Dinçer Güçyeter im Porträt zu erleben. Darauf folgen waghalsige Sprachperformances im Late Night Varieté. Das 20. Jubiläum wird gebührend gefeiert: am Samstag finden sich aktuelle und ehemalige Mitglieder der Lyrikgruppe zu einer kurzweiligen Gruppenlesung ein, und für den Sonntagnachmittag hat Nora Gomringer eine Carte blanche erhalten. Sie tritt mit der Dichterin und Festivalmacherin Augusta Laar in den Dialog. Auf dem Podium zum Thema Lyrik im Kontext Klima/Wandel diskutieren Daniel Falb, Marion Poschmann und Steinunn Sigurðardóttir. Ausserdem: ein Workshop mit Dinçer Güçyeter, Begegnungen mit Martin Piekar und Verena Stauffer sowie die Verleihung des Basler Lyrikpreises 2024 mit anschliessendem Konzert von Fitzgerald & Rimini. Das Festival endet mit einer Sofalesung von Anna Ospelt.

(aus der Medienmitteilung des Festivals)

Informationen zum Lyrikfestival Basel

Bussmann, Weibel, Kaufmann und die Kraft der Literatur

Je 75 Jahre Rudolf Bussmann und Peter Weibel und 10 Jahre Verlag edition bücherlese – Grund genug, um mit Büchern, Gedichten und Geschichten zu feiern!

Peter Weibel und Rudolf Bussmann

Rudolf Bussmann und Peter Weibel schreiben beide seit über 40 Jahren. Beide sind mit ihren Werken tief verbunden mit dem thurgauischen Waldgut-Verlag und ihrem Verleger Beat Brechbühl, mit dem beide mehrer Werke ihres Schaffens veröffentlichten, Lyrik ebenso wie erzählende Literatur.

Seit ein paar Jahren nun sind beide in der luzernischen edition bücherlese beheimatet, den die Verlegerin Judith Kaufmann vor einem Jahrzehnt gründete. Damals kein leichtes Unterfangen, das ein mutiges Bekenntnis zum gebundenen Buch mehr als voraussetzte und heute noch immer ein Wagnis ist. So wie Schreiben und „Büchermachen» stets ein Wagnis bleibt, wird doch seit Jahrzehnten der Totengesang des anspruchsvollen Buches gesungen.

Was in der Verlagswelt leider immer wieder geschieht und mit dem Waldgut-Verlag exemplarisch zur Kenntnis genommen werden muss, berührt Lesende in der Regel nur marginal, kann aber für Autorinnen und Autoren existenziell werden. Wenn Verlage aufgekauft werden und sich ein Verlagsprogramm mit einem Schlag radikal neu ausrichtet, wenn Verlage untergehen, weil sie es nicht schafften, sich von einer einzigen Person zu emanzipieren, wenn sich in Verkaufszahlen und Resonanz nicht einstellt, was Schreibende und Verlegende nicht nur hoffen, sondern brauchen, dann offenbart sich, wie schnell ein sicher geglaubter Hafen, ein Fels in der Brandung bröckeln kann.

Der Abend im Literaturhaus Thurgau war aber alles andere als gegenseitiges Wundenlecken und Bedauern. Die Verlegerin Judith Kaufmann genauso wie die beiden gestandenen Dichter; sie alle strahlen in der Kraft eines Tuns, das weit über Selbstverwirklichung und Selbstinszienierung hinausgeht. Sie alle beweisen mit ihrem Tun und Schaffen wie sehr Leidenschaft für ihre Kunst zum Segen all jener wird, die zu geniessen verstehen, die das Geschenk der Literatur entgegennehmen.

So las Peter Weibel aus seinem Erzählband „An den Rändern“, Geschichten, die nur jemand schreiben kann, der weiss. Keine Tinkturen, keine Rezepturen, keine Kuren und keine Therapien, sondern dass uns letztlich nur die Liebe aus diesem mehr oder minder langen Stück Leben retten kann. Und Rudolf Bussmann aus seinem Roman „Der Flötenspieler“, einem Roman, in dem einer nicht nur vor seinen Aufgaben flieht, auch vor sich selbst, all den Unerklärlichkeiten, dem Scheitern, seiner Psyche, in der er sich verliert. „Der Flötenspieler“ ist ein Abenteuer, ein literarisches, hellsichtiges Abenteuer, dem ich auch 30 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung abenteuerliche LeserInnen wünsche!

«Es war eine wunderbar stimmige literarische Geburtstagsfeier, die das Bodmanhaus für Peter Weibel und mich bereithielt, mit Gallus Frei als wachem Moderator, einem konzentrierten Publikum und einer munteren Schar beim Apéro. Der herrliche Sommerabend tat ein Übriges, die Gäste tüchtig zu verwöhnen. Herzlichen Dank allen Beteiligten und auch der Fotografin Sandra Kottonau.» Rudolf Bussmann

«Der Abend hat mich gewärmt, die Worte, die verschiedenen Wortklänge haben mich gewärmt, und auch die langen Gespräche über Worte und zwischen den Worten. Ich habe den hellen Abend mitgenommen, vom See und vom Haus mit mir genommen, und einen Namen für unsere Verbindung auf der Wortbühne gefunden: Wahlverwandtschaften.» Peter Weibel

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Robert Bussmann & Peter Weibel, zweimal 75 Jahre Leben, zweimal 40 Jahre Literatur!

Das Literaturhaus Thurgau lädt die beiden Dichter Rudolf Bussmann und Peter Weibel zusammen mit ihrer Verlegerin Judith Kaufmann zu einem Geburtstagsabend ein. Ein Feiertag für alle drei Gäste und ein Feiertag für die Literatur!

Rudolf Bussmann und Peter Weibel feiern in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. Beide sind von Literatur durchtränkt. Beide schreiben Romane, Erzählungen, Gedichte. Und weil ihr Verlag, die edition bücherlese, heuer ihr 10jähriges Jubiläum feiert, waren dies Gründe genug, um mit Literatur und Gespräch Rudolf Bussmann, Peter Weibel und Judith Kaufmann zu feiern.

Beide Dichter, werden sowohl Passagen aus ihrer Prosa lesen wie Gedichte, die in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben wurden. Gemeinsam mit der Verlegerin Judith Kaufmann tauchen wir in den Kosmos zweier Dichter ein, denen die Leidenschaft für Literatur eine breite Spur ins Leben zeichnet.

Ein paar Stimmen:

«Ungerufen»: Hier versammelt Rudolf Bussmann an die hundert Gedichte, die in sechs Abteilungen eine breite Vielfalt an lyrischen Formen präsentieren. Der Autor lässt sich ganz auf Bilder ein, die ihm ungerufen begegnen. In der Stille erreicht ihn nur leise das Nachklingen des alltäglichen Lärmens. Gemeinsam ist diesen Gedichten eine poetische Beweglichkeit, die unterschwellig immer auch eine leise Melancholie verrät. Trotz und Demut heben sich gegenseitig auf. Der Autor hält sich, wie es einmal heisst, an all das, was ihm beim Anfassen zerfiel.
Beat Mazenauer in Viceversa 14

«Ein Duell»: Eingebettet in die Auseinandersetzung zweier Schweizer Freunde beschreibt Rudolf Bussmann auf ebenso erschütternde wie zurückhaltende Weise die letzten Lebensmonate der DDR-Autorin Irmtraud Morgner, mit der er selbst liiert war und deren Werk er postum herausgegeben hat.
Charles Linsmayer

«Der Schmetterling schläft»: Peter Weibel hat sich stets des Menschen und des Lebens angenommen. Die Worte, die er in seinen Büchern wählt, wirken wie heilende Hände. Seine Sprache ist wie Poesie, sie schafft wunderbare Bilder und ist von einer Poesie und einer Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht.
Dieter Langhart, St. Galler Tagblatt

«Schneewand»: Ein intensives Lektüreerlebnis, das mit kraftvollen Bildern existenzielle Fragen aufwirft.
Babina Cathomen über Peter Weibel, Kulturtipp

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. Nach der Promotion bildete er sich zum Gymnasiallehrer aus und war an verschiedenen Berufs- und Höheren Fachschulen tätig. Er schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und ist als Herausgeber und Übersetzer tätig. Zuletzt erschienen: „Das andere Du“ Roman (2017), „Ungerufen“ Gedichte (2019), „Herbst in Nordkorea. Annäherung an ein verschlossenes Land“ (2021) und «Der Flötenspieler» (1991/2022). Rudolf Bussmann leitet Schreibseminare und Lesezirkel, er lebt in Basel.

Peter Weibel, geboren 1947, hat Medizin studiert und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. 1982 erschien ein erster Prosaband «Schmerzlose Sprache», seither veröffentlich er regelmässig Prosa und Lyrik. Er erhielt unter anderem einen Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und den ersten Kurt Marti Literaturpreis für «Mensch Keun» (2017). Für die Texte «Hannah» und «Kocherpark» wurde er beim Bund-Essay-Wettbewerb 2015 bzw. 2019 ausgezeichnet. 2019 «Schneewand«, 2021 «An den Rändern» und im kommenden Herbst die Erzählung «Akontos Berg». Peter Weibel lebt in Bern.

Die edition bücherlese wurde 2013 von Judith Kaufmann gegründet und verlegt überwiegend belletristische Werke von Schweizer AutorInnen. Als junger Verlag veröffentlichte die edition bücherlese in den letzten Jahren einige Debütromane, etwa von «Knochenlieder» von Martina Clavadetscher oder «Balg» von Tabea Steiner, aber auch Bücher von bereits etablierten Schreibenden wie Rudolf Bussmann oder Peter Weibel. Der Verlag ist seit 2018 in Luzern beheimatet. Blick in den Verlag (video, youtube)

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler», edition bücherlese

In „Der Flötenspieler“ geht einer weg, haut ab. Etwas, was man in der Gegenwart manchmal gerne tun würde, wenn es denn eine Chance gäbe. Thomas Waller tut es, mit fast nichts, ausser seiner Flöte und einer Vergangenheit, die sich nicht mehr mit der Gegenwart koppeln lässt. Ein Roman für AbenteurerInnen!


Rudolf Bussmann, Dichter, Romancier, Übersetzter, Herausgeber und Literaturvermittler feiert heuer seinen 75. Geburtstag. Rudolf Bussmanns Leben ist Literatur. Er ist keiner jener, die sich in ihrer stillen Kammer zurückziehen und nur dann an die Öffentlichkeit treten, wenn ihre Literatur im Fokus steht. Nichts gegen ein spitzweg’sches Dasein, nichts gegen Schreibende, die sich ganz auf ihr eigenes Tun konzentrieren (müssen). Rudolf Bussmann schreibt nicht nur Gedichte, Erzählungen und Romane, er schreibt sich mit seinem Engagement auch in die Herzen jener, die ein Gegenüber brauchen, das zuhört und versteht. Sei es als Moderator an der BuchBasel oder am Internationalen Lyrikfestival in Basel, sei es in der Lyrikgruppe Basel um Alisha Stöcklin, Claudia Gabler, Simone Lappert, Ariane von Graffenried und Wolfram Malte Fues, in der man sich regelmässig trifft, die Lyriktage vorbereitet, kuratiert und jedes Jahr den von der GGG Basel gestifteten Basler Lyrikpreis vergibt.

«In ein paar Jahren, wenn die Alten weg sind, haben wir nur noch Leute, wie wir sie brauchen, durch und durch eingespielt in die Elektronik. Zuverlässig wie die Programme.»

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler, edition bücherlese, 2022, 288 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-906907-57-4

Anlässlich seines 75. Geburtstags brachte sein Verlag edition bücherlese seinen 1991 bei Luchterhand erstmals erschienenen Roman „Der Flötenspieler“ erneut heraus. Ein Geschenk an den Schriftsteller, aber viel mehr an LeserInnen, denen der Zugang zu diesem schillernden Roman verwehrt geblieben wäre, hätte der Verlag den Mut nicht gehabt, dem Roman noch einmal eine Tür zu öffnen. „Der Flötenspieler“, ein gleichermassen geheimnisvoller, prophetischer und poetischer Roman.

Thomas Waller, verheiratet mit Mathilde, arbeitet bei der Perduta-Versicherung, eben umgezogen ins Limbus-Haus, einen gläsernen Palast, minothaurisch verwinkelt. Limbus, im Volksmund auch „Vorhalle“, Sitz einer Versicherungsgesellschaft, die Rationalisierung und Effizienz zur obersten Maxime macht und hinter Hochglanzfassaden seinen ArbeitnehmerInnen selbst dann ein Lächeln abringen will, wenn es rein gar nichts zu lachen gibt. Auch Thomas Waller hat nichts zu lachen. Die Enge am Arbeitsplatz schlingt sich immer heftig um ihn, schlägt auf seine Gesundheit, bis er abtaucht und verschwindet, nicht nur von seiner Arbeitsstelle, sondern auch aus seiner Ehe, die wie seine Arbeit zu einem Gefängnis wurde. Er verschwindet im Jura, im Wald, einem kleinen Dorf, in einem Hotel, das nicht wirklich offen für Gäste scheint, in einem kleinen Kosmos. Etwas, was er aus seinem alten Leben mitnimmt, ist seine Flöte, ein Instrument, dass in der Vergangenheit einst eine grosse Hoffnung in sich trug.

«Der Hass läuft ins Innere der Gesellschaft und frisst die Liebe aus ihr weg.»

Rudolf Bussmanns Geschichte ist in der Zeit nach der Tschernobyl-Katastrophe angesiedelt. Waller führt Tagebuch und jene, die sich nach seinem gänzlichen Verschwinden auf die Suche nach Waller machen, finden diese Bücher. Auch die Polizei, die einen Suizid nicht ausschliesst, aber trotz Nachforschungen keine Beweise offen legen kann, beschäftigt sich mit Wallers Verschwinden. Die Tagebücher zeigen einen sensiblen Mann, der sich durch Tschernobyl, zunehmende Umweltsorgen, den Kämpfen am Arbeitsplatz und den Verlust seiner Liebe zu seiner Frau immer mehr in eine Zwischenwelt verliert. Heute würde man bei Waller wohl von einem Burnout sprechen, damals, in den 80er, schien es ein solches nicht zu geben.

Das minotaurische Labyrinth im Limbus-Haus an seinem Arbeitsplatz spiegelt sich auch im Leben des Protagonisten. Waller findet nicht heraus. Und wenn, dann nur durch die bedingungslose Flucht. Einfaches Leben scheint nicht mehr möglich. Das Leben hat sich zu einer Vorhalle verwandelt. Eine Ansicht, die angesichts dessen, was momentan auf unserem immer kleiner werdenden Planeten an Aktualität nur gewonnen hat. Aber es ist nicht so sehr das Labyrinthische in Wallers Leben, das an „Der Flötenspieler“ interessiert und fasziniert. Es ist das Labyrinthische an der Geschichte selbst. Der Roman selbst ist ein Labyrinth, das mich als Leser immer und immer wieder zu einem Innehalten zwingt. Faszinierend, wie Geschichte und Sprache schillern und oszillieren. Rudolf Bussmanns Roman ist von kafkaesker Kraft, überzeugt mit Bildern, die ausmachen, was Menschsein bedeutet; Geheimnisse.

«Um lieben zu können, muss man eine Zukunft vor sich haben.»

Waller flieht nicht nur vor seinen Aufgaben, er flieht auch vor sich selbst, all den Unerklärlichkeiten, dem Scheitern, seiner Psyche, in der er sich verliert. „Der Flötenspieler“ ist ein Abenteuer, ein literarisches Abenteuer, dem ich auch 30 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung abenteuerliche LeserInnen wünsche!

Interview vom 14.04.1991, 8 Min

Rudolf Bussmann, 1947 in Olten geboren, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. Nach der Promotion bildete er sich zum Gymnasiallehrer aus und war an verschiedenen Berufs- und Höheren Fachschulen tätig. Er schreibt Romane, Kurzprosa, Lyrik und ist als Herausgeber und Übersetzer tätig. Zuletzt erschienen: «Das andere Du» Roman (2017), «Ungerufen» Gedichte (2019), «Herbst in Nordkorea. Annäherung an ein verschlossenes Land» (2021). Rudolf Bussmann leitet Schreibseminare und Lesezirkel, er lebt in Basel.

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Beitragsbild © Claude Giger