Claudia Schreiber «Goldregenrausch», Kein & Aber

Ein Hof und daneben ein Haus. Eine Familie mit ein paar Kindern und daneben eine ledig gebliebene Tante, die Schwester des Bauern. Was als Setting so gar keine Spektakel verspricht, wächst sich in Claudia Schreibers neuem Roman „Goldregenrausch“ zu einem veritablen Drama aus, in das ich als Leser so sehr einsteige, dass ich am liebsten Brandbeschleuniger hinzuschütten würde, um ein Schrecken ohne Ende abzuwehren.

Marie, das fünfte Kind der Bäuerin, flutscht. Ein ungewollter Nachzügler, ein Mädchen nach vier Rabauken, nachdem sich das Leben auf dem Feld, mit der Hacke in der Hand längst endgültig eingespielt hatte. Während die Bäuerin im Wochenbett das süsse Nichtstun geniesst und mit ihrem kräftigen Busen stillt, bringt sie ihr Arzt darauf, die überflüssige Muttermilch zu verkaufen. Interessierte verschiedenster Couleur gäbe es genug. Und so wird aus dem Wochenbett ein monatelanger, ärztlich abgesegneter Dauerzustand. Es fliesst Geld, viel Geld, von dem der Bauer keine Ahnung hat und das die Träume der Bäuerin beflügelt.

Aber kaum ist das nicht mehr länger aufrecht zu haltende Wiegenfest zu Ende, beginnt für die kleine Marie, das Mädchen, das noch nicht einmal spricht und noch in Windeln liegt, ein Leben im Abseits. Während die Eltern von morgens bis abends auf dem Feld rackern und die viel älteren Brüder die Schule und Umgebung verunsichern, parkiert man Marie in einem Laufstall, mit einer Flasche Milch und einer Flasche Wasser, überlässt sie dem Schicksal, im Sommer im Garten und im Winter in einem leeren Zimmer mit psychodelischer Tapete.

Bauer und Bäuerin erwarten von Greta, der Schwester des Bauern, die im kleinen Häuschen neben dem Hof Wohnrecht geniesst, keiner geregelten Arbeit nachgeht und eine begnadete Gärtnerin ist, dass sie sich um die kleine Marie kümmert. Aber Greta wurde nie gefragt, so wie sie im Leben nie gefragt wurde, wenn man über ihr Leben entschied. Der Bruder ist davon überzeugt, Greta sei zurückgeblieben, protzt in Gesellschaft, „der Vater habe nach Gretas Geburt versehentlich ihren Körper im Garten vergraben und statt dessen deren Nachgeburt grossgezogen“.

Aber irgendwann schafft es die kleine Marie, die gehärtete Seele ihrer Tante zu erweichen. Nicht durch Überzeugung, aber mit der Erkenntnis, es den Pflanzen gleichtun zu müssen, freundlich zu erblühen, selbst mit ganz wenig Wasser.
So entgleitet Marie immer mehr den herzlosen, abgestumpften Eltern. Selbst Arzt und Klerus können nichts bewegen. Zwischen Marie und Greta wächst eine Allianz der Verschmähten, zwei Vergessener. Marie, ganz im Stillen zum grossen Mädchen geworden, an den Eltern vorbei heimlich bis zum Abitur, findet allen Widrigkeiten zum Trotz den Zugang zur Welt. Zusammen mit ihrer Tante. Manchmal auch im Goldregenrausch, da die Tante sehr gut weiss, wie die heilende und tröstende Wirkung des Krauts einzusetzen ist.

In einer „Familie“, in der nur Arbeit und Erfolg zählt, in der Probleme mit flotten Sprüchen weggewischt werden, in der man sich am Feierabend zudröhnt, muss eine Frau wie Greta, die nie einer geregelten Arbeit nachging und trotz allem in ihrem Gleichgewicht nicht gestört werden kann, eine permanente Provokation. So sehr, dass die kleine Bühne von Hof und Nebenhaus Schauplatz eines Dramas wird, dass niemand aufzuhalten vermag. Am wenigsten ich Leser, der zurufen will: „Nimm endlich das Gift!“

Kein Kind verdient, wohin es geboren wird. Nicht die Kinder in Kriegsgebieten, nicht die Kinder in familiären Kriegsgebieten. Die Schäden und Traumas, die Kinder in ihr Erwachsensein schleppen, lassen sich untereinander nicht vergleichen und nicht einstufen. Schrecklich sind sie allemal. Und jeder, der in irgend einer Weise mit dem Schicksal solcher Kinder konfrontiert ist, weiss, wie schwierig es ist, Einfluss zu nehmen, etwas bewirken zu wollen. Wie schnell «elterliche Gewalt» zur existenzbedrohenden, realen, körperlichen und psychischen Gewalt werden kann.

Claudia Schreiber schreibt markig, unverblümt und direkt. Beschönigungen und Vorsicht liegen ihr nicht. Es lässt sich auch nicht verbergen, dass Männer in ihrer Geschichte alles andere als gut wegkommen. Marie und ihre Tante Greta sind einsame Kämpferinnen. Eine ganz junge und eine alte, die mit dem, was ihnen geblieben ist, den Kampf aufnehmen. Einen Kampf mit ungleichlangen Spiessen. Eine Kampf allerdings, der erst auf den letzten Seiten des Buches ausgetragen ist. Ein Kampf, bei dem man bei der Lektüre zum schweigenden Mitlesen gezwungen ist. Wahre Kraft verbirgt sich nicht hinter denen, die den Mund aufreissen. Und wer wie Greta den Menschen durch Enttäuschungen abgeschworen hat, mit der Natur, den Pflanzen und Tieren aber mehr als nur verbunden bleibt, dort ist auch die Liebe geblieben.

Ein in vieler Hinsicht starkes Buch von einer starken Frau über starke Frauen!

Claudia Schreiber wurde 1958 als das vierte von fünf Kindern geboren, die Eltern waren Landwirte, Obstbauern und später Konservenfabrikanten. Nach dem Studium wurde sie 1985 Redakteurin und Reporterin beim Südwestfunk Baden-Baden, später Redakteurin, Reporterin und Moderatorin beim Zweiten Deutschen Fernsehen Mainz, wo sie die Kinder-Nachrichtensendung logo! realisierte. 1992 begann – in Moskau – ihre Arbeit als Autorin, seit 1998 lebt und arbeitet Claudia Schreiber in Köln.

«Die Brautmutter» von Claudia Schreiber, eine Kurzgeschichte auf der «Plattform Gegenzauber»

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Sandra Kottonau

literaturblatt.ch an der 1. Kulturnacht Amriswil

Amriswil geht ein Licht auf!

Am 22. September bricht sie an, die 1. Kulturnacht Amriswil. An über dreissig Standorten, in Geschäften, Ateliers, in Galerien, Stuben und Sälen, auf Plätzen und in Kirchen, in Bars und Restaurants pulst Kultur bis in den Morgen. Über dreissig weisse Farbeimer leuchten in dieser Nacht und locken neugierige Amriswiler, wenn Amateure und Vollprofis in Sachen Kultur zeigen, was das Jahr über ihre Seele bewegt. Die weissen Maleimer sind mit Licht gefüllt, wenn sie an Türen, Ampeln, an Wänden und auf dem Boden den Weg weisen. Vielleicht bleibt ja etwas von dem Licht, weil Kultur meist dort geschieht, wo Uhren anders ticken, Pflichten fast verschwinden, das Licht sich anders bricht und wie einst ein Bundesrat feststellt „Freude herrscht“. Vielleicht ist das Licht mehr als ein Schein, sondern ein lebendiger Beweis dafür, dass Amriswil sich mit Recht einst den Slogan gab „Leben mit Kultur“. Die Eimer sind leer, mit Licht gefüllt, das ausfliessen und sich in seine Farben verteilen soll. Amriswil wird am 22. September ein Licht aufgehen!

Peter Höner, Schriftsteller und Schauspieler, liest anlässlich der 1. Amriswiler Kulturnacht aus seinem Krimi „Kenia Leak“ in der Aula der Polizeischule Amriswil. Die Lesung mit Apéro und Büchertisch beginnt um 18.45 Uhr und dauert eine Stunde. Der Eintritt ist kostenlos!

Ein kenianischer Clan, der bis nach Europa operiert, ein blinder, kenianischer Ermittler im Ruhestand mit einer brisanten CD, eine afrikanische Liebesgeschichte in der Schweiz, eine Freundschaft alter Männer, die an den Grenzen der Legalität zu zerschellen droht, ein Flüchtlingsheim, in dem die Hoffnung strandet und veritabler Fremdenhass.

Rezension «Kenia Leak» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Lea Frei, angehende Illustratorin, zeigt am Buchladen Brigitta Häderli in Amriswil am 22. September erstmals ihre Schnellporträts von verschiedenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, gezeichnet am Wortlaut-Literaturfestival in St. Gallen und an den Solothurner Literaturtagen.

Lea Frei wird an diesem Abend nicht nur ihre ausgestellten Zeichnungen präsentieren, sondern weitere Einblicke in ihr Schaffen zeigen und spontan zum Stift greifen. Im zweiten Teil des Abends wird aus verschiedenen Werken der portraitieren Autorinnen und Autoren vorgelesen. Literatur zum Sehen und Hören! Literatur zum Geniessen! für Speis und Trank ist gesorgt!

Webseite von Lea Frei

Arja Lobsiger mit STORIES im Theater 111

Die junge CH-Autorin Arja Lobsiger las zusammen mit dem Musikerduo STORIES, mit Christin Berger und Dominic Doppler aus ihrem im Orte-Verlag erschienen Roman «Jonas bleibt». Auch wenn die Konkurrenz in St. Gallen mit einer Lesung von Franz Hohler hart war, fand sich ein feines Publikum für einen bezaubernden Abend im kleinen Theater 111. Ein Abend, der Grenzen sprengte!

Arja Lobsiger, geboren 1985, Schriftstellerin und Lehrerin, veröffentlichte Essays, Gedichte und Kurzgeschichten. Ihr Debüt-Roman „Jonas bleibt“ erhielt viel Beachtung in der Presse. «Ein berührender Roman über drei Menschen auf der Suche nach ihrem Weg aus der vermeintlichen Ausweglosigkeit. Der tragische Unfall eines Jungen verändert die Familie, und das Gefüge droht auseinanderzubrechen. Die Schwester fühlt sich am Tod des Bruders mitschuldig, die Mutter fällt in eine Depression, und der Vater verfängt sich in Wünschen und Vorwürfen. Eines Tages bricht die Mutter auf und sucht ihr Glück auf einer Insel im Mittelmeer. Taugt dieser Ort als Paradies ohne Erinnerungen?»

„Wortklang“, das Zusammenwirken von Literatur (Programm: Gallus Frei, literaturblatt.ch) und Musik (Christian Berger: Saiteninstrumente und Dominic Doppler: Percussion) definiert an sechs Abenden die Begegnung zwischen Wort und Klang, zwischen Literatur und Musik neu. Das Gegensätzliche verschmilzt und lässt Harmonisches in Spannungen um Aussagen ringen. Jeder Abend ein Unikat und einmaliges Erlebnis, das Hörerinnen und Hörer begeistern soll!

«Vielen Dank Gallus für die Einladung zu diesem wunderbaren Wort-Klang-Abend im gemütlichen Theater 111 in St. Gallen! Es war ein einzigartiges, unvergessliches Erlebnis, mit Dominic Doppler und Christian Berger auf der Bühne zu stehen und meine Worte in ihren Klangteppich zu weben. Dieser Teppich gab meinem Text einen neuen Rhythmus, andere Pausen, betonte Passagen und schuf eine Atmosphäre, in welcher die Worte zum Klingen gebracht wurden. Ganz gemäss dem Motto: Wort-Klang Klang-Wort.» Arja Lobsiger

Fotos © Philipp Neff, schliff.ch

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Nächste Veranstaltung:

Freitag, 26. Oktober, 2018, 19.30 Uhr, außer Programm in der Galerie Bleisch, Arbon:
Michelle Steinbeck („Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“) liest aus Prosa und Poesie.
Michelle Steinbeck, 1990 geboren, ist Redaktorin der Fabrikzeitung (Rote Fabrik, Zürich), Veranstalterin und Mitglied von „Babelsprech, junge deutschsprachige Lyrik“. Sie veröffentlichte Prosa, Lyrik und Szenen in Sammelbänden, Heften, im Rundfunk und auf Theaterbühnen. «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» war ihr erster Roman, mit dem sie 2016 sowohl für den Schweizer wie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Michelle Steinbeck stellt zusammen mit dem Musikerduo Christian Berger und Dominic Doppler Gedichte und Kurzprosa aus ihrem frisch erschienen Gedichtband «Eingesperrte Vögel singen mehr» (Voland & Quist) vor.

«Ihre Gedichte und Geschichten sind ungezähmt, störrisch und kunstvoll arrangiert. Sie drücken und jucken, schreien mal schrill und flüstern mal leise, sie erzählen Märchen, schöne wie schauderhafte, und sie führen ein stets aufmerksam blickendes Ich sowie jede Menge groteskes Personal auf die Bühne der Literatur.

Milena Michiko Flašar «Gelbe Hände»

Es war ein Sommertag. Turmhohe Wolken. Ich lief – den Kopf im Himmel – von der Schule heim. Nach Hause kommen. Das war: Der Geruch von frisch gekochtem Reis. Die Stimme der Mutter. おかえりなさい. In diesem einen Wort war ich zu Hause, in seinem freundlichen Klang. Dem entgegenzulaufen – mit fliegenden Zöpfen – ist das, was ich heute unter „Kindheit“ verstehe: Kaum den Boden zu berühren. Mein Körper (noch keiner, dessen ich mir bewusst gewesen wäre) war leicht wie der eines Vogels.

An jenem Tag aber wurden mir die Flügel gestutzt und auch wenn ich es damals nicht vorhersehen konnte, war er ein Punkt (einer von vielen), von dem aus es kein Zurück mehr gab. Erwachsensein, das heißt wohl: Sich an derlei zu erinnern. Älterwerden: Es mit einem Lächeln zu tun. Das Grüppchen Kinder, das mir an jenem Tag den Weg versperrte, war – im Nachhinein betrachtet – das Abbild einer Welt, der es – so oder so – gegenüberzutreten galt.

„Hey, du!“ Jemand hatte mich am Ärmel gepackt. Aus dem Gebüsch rief es „Tsching-tschang-tschung“. Gefolgt von einem Kichern und einer Handvoll Kieselsteine, die quer durch die Luft auf mich herniederprasselten. „Zeig uns deine Hände“, hieß es. Ich streckte sie aus. „Die sind ja gelb!“, hieß es weiter. Mit Nachdruck: „Gelb!“ Aus dem Gebüsch rief es „Schlitzauge-Chinese-Bambusfresser!“ Dann ließ man mich laufen. Aber ich lief nicht. Ich ging. Zum ersten Mal lastete das Gefühl eines Unterschieds auf mir, der davor keine Rolle gespielt hatte, und zum ersten Mal schämte ich mich für die Besonderheiten meiner Herkunft und noch mehr für den Wunsch, normal zu sein, eine von denen, die im Gebüsch gesessen waren. Im Licht der Sonne betrachtete ich meine Hände. Sie waren tatsächlich gelb. Bis dahin waren sie einfach nur Hände gewesen. Hände zum Klettern, zum Graben, zum Sandburgenbauen. Dabei waren nicht sie es, die sich verändert hatten, sondern mein Blick, der soeben eine Kränkung erfahren hatte.

Mit diesem gekränkten Blick trottete ich heim. Es roch nach frisch gekochtem Reis. Die Stimme der Mutter. おかえりなさい. Mein Zuhause hatte einen Riss abbekommen, wie von einem kleinen, nicht messbaren Erdbeben. Ich sagte „ただいま“ und legte die Schultasche ab. Mein Körper (plötzlich wusste ich um ihn) war schwer. Ich spürte den Boden unter mir.

 

Anmerkungen:

おかえりなさい (Okaerinasai): Japanische Grußformel. Sagt man bei der Rückkehr eines Familienmitglieds. In etwa: Willkommen daheim.

ただいま (Tadaima): Japanische Grußformel. Sagt man, wenn man nach Hause kommt. In etwa: Bin wieder daheim.

 

Milena Michiko Flašar ist 1980 in St. Pölten geboren. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreichen Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien. Eine Rezension ihres neusten Romans «Herr Katō spielt Familie» auf literaturblatt.ch lesen sie hier.

Beitragsbild © Helmut Wimmer.

Michèle Minelli «Passiert es heute? Passiert es jetzt?», Jungbrunnen

Wolfgang wird von der Polizei in die geschlossenene Jugendpsychiatrie gebracht. Seine kleine Schwester Leonie muss zu den Grosseltern und von der Mutter ist kaum mehr die Rede. Nicht erst die Katastrophe hat die Familie zerrissen und ein Trümmerfeld hinterlassen. Was mit einem lauten Knall ein Ende mit Schrecken fand, die dünne Fassade einer Familie pulverisierte, zerstörte das Letzte, was von dem geblieben war, was ein gnadenloser Vater über Jahre durch Herzlosigkeit und Willkür in seinen Grundfesten vernichtete.

Michèle Minelli, die mit «Passiert es heute? Passiert es jetzt?» ihren ersten Jugendroman schrieb, hat sich mit ihrem Roman keine leichte Aufgabe gestellt. Eine Aufgabe, bei der es viele Möglichkeiten des Scheiterns gäbe, die nur dann funktioren kann, wenn der Grad an Nähe und Distanz sowohl zu den Protagonisten wie zur Katastrophe nicht in Trvialität kippt. Nicht nur die Themen, mit denen sie konfrontiert, sondern auch die Perspektiven des Erzählens, die Art (Kunst), wie sie sich mitten ins Geschehen setzt, sind explosiv.

Eine Geschichte, die unter die Haut geht, weil sie die Schrecken einer in sich eingeschlossenen Familie genauso spiegelt wie die Unmöglichkeit, eine sich anbahnende Katastrophe in diesem eingeschlossenen Kosmos vorauszusehen oder sie gar abzuwenden. So sehr die Familie als «Keimzelle der Gesellschaft» bezeichnet wird, so sehr schliessen sich Konflikte in ihr ein. Kinder werden zu Gefangenen, zu Eingesperrten, Eingeschlossenen, hilflos der «elterlichen Gewalt» ausgesetzt.

Wolfgang ist sechzehn. Nicht einmal sein Geburtstag ist Grund zur Hoffnung oder Freude. Wolfgang hat längst resigniert, den väterlichen Terror zur Selbstverständlichkeit erklärt. So sehr er die blauen Flecken seiner Mutter, ihr stundenlanges Beten im Bügelzimmer, seine permanete Angst und Verunsicherung, seinen blinden Gang auf dem Minenfeld hinnehmen muss, so sehr wird er zum Beschützer seiner kleinen Schwester Leonie, deren Auflehnung gegen ihren Vater irgendwann in der Katastrophe enden muss.

Wolfgang nennt seinen Vater im Stillen «Möchtegernvater». Einer der sich zum Vater erklärt, einer, der seine Position erkaufen, erzwingen und zurechtschlagen muss. Sein Vater nennt ihn ganz offen «Jammerlappen» oder «Murks», weil er nichts zustande bringe, nichts tauge. Ein Vater, dem die Liebe längst abhanden kam, wo man nicht einmal den Fotos aus der Vergangenheit traut, der die Liebe durch Drill, bodenlose Strenge, Verachtung und Gewalt ersetzte, dessen Unberechenbarkeit alles Vertrauen längst zerstörte.

Bis an einem Donnerstag das eskaliert, was längst zu einem unaufhaltsamen, zerstörerischen Höllensturz wurde. Wolfgang reisst für einen kurzen Augenblick die Macht an sich, um die zerstörerische Dynamik von seiner Schwester und seiner Mutter weg auf ihn selbst, seinen Vater zu richten.
Mit einem Mal sitzt Wolfgang an einem Ort, wo Türen und Fenster geschlossen sing, die Böden beim Gehen fiepsen und die Erwachsenen Fragen ohne Fallen stellen. An einem Ort, wo nicht nur er mit einem schrecklichen Geheimnis, das mit einem Knall durch ihn hindurch gegangen war und nicht hängen blieb, sondern auch andere Jugendliche auf Antworten warten, die sie sich ohne Hilfe nicht geben können, die sich in der Vergangenheit verbergen.

Michèle Minelli sticht mitten hinein. Sie schrieb eine Geschichte, die ihr zu Herzen ging, die erzählt werden musste. Beispielhaft für all die Familientyranneien, die nie nach aussen gelangen. Kein Protokoll, kein Bericht. Michèle Minelli setzt sich als Erzählerin unter die Haut eines Sechzehnjährigen, ganz nah, unmittelbar. Sie schildert, was in den Tagen nach der Katastrophe passiert und nicht passiert, was mit einem Jungen geschieht, der nicht realisieren kann, was Not und Affekt mit ihm machten. Die Geschichte geht unter die Haut und wird es überall dort tun, wo man ihr in ihrer Dringlichkeit Zutritt gewährt. Ein Buch, das abverlangt und stehen lässt.

Michèle Minelli wurde 1968 in Zürich geboren und arbeitete zuerst als Filmschaffende, später als freie Schriftstellerin. Sie schreibt Romane, Sachbücher und probiert gerne verschiedene Textformen aus. Mit vierzig absolvierte sie das Eidgenössische Diplom als Ausbildungsleiterin und unterrichtet seither regelmäßig „Kreatives Schreiben“ und andere Themen in literarischen Lehrgängen.
„Schon als Kind fand ich schreiben einfacher als reden. Mit Fremden sprechen war das Allerschlimmste; noch mit zwölf heulte ich, wenn mich meine Mutter einkaufen schickte. So wurde das Schreiben zu dem Ort, an dem ich mich wohl und aufgehoben fühle und von wo aus ich am besten mit der Welt in Kontakt treten kann. Dass ich heute auch für Jugendliche schreibe, bedeutet für mich, dass sich der Kreis nun schließt.“

Von Michèle Minelli erscheint im Salis Verlag der Roman «Der Garten der anderen».

Webseite der Autorin

Erich Hackl «Am Seil», Diogenes

«Am Seil» ist eine Heldengeschichte. Die Geschichte eines Mannes, der sich selbst nie zum Helden erklärt hätte und nur durch die Hartnäckigkeit der Geretteten und ihrer Nachfahren zu einem solchen, als «Gerechter unter den Völkern», erklärt wurde. Eine beispielhafte Geschichte aus der Zeit der schlimmsten Judenverfolgungen für eine Zeit der grössten globalen Fluchtbewegungen.

«Reinhold ist der Held meiner Geschichte. Nur seinetwegen erzähle ich sie.» Lucia Heilman

Ich begleite das Werk Erich Hackls schon drei Jahrzehnte und bin tief beeindruckt. Erich Hackl ist ein Anwalt derer, die keine Stimme finden. Sein Thema ist weder die eigene Befindlichkeit noch die Fiktion. Es sind Widerstandsgeschichten und fast immer auf authentischen Fällen basierend. Er setzt Denkmäler; sei es das eines in einem KZ ermordeten Romamädchens, eines verschleppten Opfers der argentinischen Militärjunta, seiner eigenen Mutter, die sich durch Kriegs- und Nachkriegsjahre kämpfen muss oder wie in «Am Seil» das stille Leben des Kunstschlossers Reinhold Duschka, der Lucia Heilman und ihre Mutter während viereinhalb Jahren in seiner engen Werkstatt versteckt und damit vor dem sicheren Tod rettet.

Erich Hackl lädt diese Geschichten aber nicht wie andere mit nachempfundenen Emotionen auf. Er dramatisiert nicht, wo es den Kern der Sache damit verfälschen würde. Erich Hackl zeichnet in knappen Strichen nach, skizziert Leben, Schicksale in seinen Ereignissen so klar und schlicht, dass die Figuren in der Fantasie des Lesers umso mehr wachsen und an Bedeutung gewinnen. Sie bleiben mit ihrer Geschichte authentisch.

Rudolf Kraus und Reinhold Duschka waren Freunde. Beste Freunde «zu einer Zeit, in der Männer noch beste Freunde und Frauen beste Freundinnen hatten, vor einer halben Ewigkeit also». Rudolf Kraus ist der Vater Lucia Heilmans. Aber Lucias Mutter meint zu Rudolf, er sei «anständig und gewissenhaft, hilfsbereit und alles, was du willst, aber als Ehemann wäre er nicht auszuhalten».

Als die Zeichen des Tausendjährigen Reiches, das Säbelrasseln und die Stiefelabsätze immer unüberhörbarer werden, als die kleine Lucia aus ihrer Schule verbannt werden und sie und ihre Mutter Regina bald darauf auch ihre Wohnung verlieren, Juden überall abgeführt und in Lastwagen wegtransportiert werden, um nie mehr wiederzukehren, finden Regina und ihre Tochter Lucia in der Werkstatt des Freundes ihres Vaters ein Versteck.

Der Kunstschlosser Reinhold Duschka ist nicht nur der Freund von Lucias Vaters, sondern auch ein Seilkamerad im Alpenverein, in den beide eintreten, ein Kletterkamerad. Als Kletterer weiss man; wer in Gemeinschaft am Berg, am Seil unterwegs ist, braucht unbedingtes Vertrauen. Auf-jemanden-angewiesen-sein ist keine Schwäche, sondern die einzige Chance zu bestehen. So auch in der Not des Weltkriegs, im Angesicht der Ausrottung ganzer Völker und damit der Menschlichkeit, all der Verfolgung und Denunziation. Reinhold Duschka leistet Widerstand, ohne diesen zu provozieren, «intelligenten Widerstand». Widerstand, der das eigene Risiko möglichst gering hält, ohne Zugeständnisse zu machen. Widerstand ohne Abenteuer.

Lucia und ihre Mutter Regina leben viereinhalb Jahre in der Werkstatt Reinhold Duschkas, der alles daran setzen muss, dass das Versteck nicht durch eine kleine Unvorsichtigkeit auffliegt. Jeder Gang zum Klo, jede Lebensmittelbeschaffung wird zum Wagnis, bis Lucia und Regina nur noch in Lumpen in der Werksatt herumhuschen, beschäftigt von Reinhold, abgelenkt nur durch die Erinnerung und Bücher, die Reinhold aus der Bücherei mitbringt.

Alle vier überleben den Krieg. 1990, drei Jahre vor Reinhold Duschkas Tod, wird ihm für seinen selbstlosen Einsatz die Auszeichnung «Gerechter unter den Völkern» verliehen. Erich Hackl hat uns diesen Mann zurück in die Erinnerung gebracht und damit ein deutliches Zeichen für jene Menschlichkeit gesetzt, die auch in der Gegenwart verloren zu gehen droht.

Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. «Auroras Anlaß» und «Abschied von Sidonie» sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet.

Interview mit Erich Hackl

Lucia Heilman erzählt in der ORF TVthek.

Erich Hackl liest u. a. am 10. Dezember im Aargauer Literaturhaus Lenzburg.

Es fühlt sich an wie im freien Fall

Im Tagblatt vom 5. September war folgender Bericht von Mirjam Bächtold zu lesen. Grund genug, um am kommenden Samstag die musikalische Lesung mit Arja Lobsiger und dem Duo STORIES im Theater 111 in St. Gallen zu besuchen. Mehr Informationen unter christianberger.ch!

Lea Frei, «Schnellporträts» von den Solothurner Literaturtagen

Es sind Skizzen, schnelle Zeichnungen, die die junge Illustratorin Lea Frei an verschiedenen Literaturevents des laufenden Jahres von aktuellen Autorinnen und Autoren festhielt. Eine Auswahl davon wird erstmals an der 1. Amriswiler Kulturnacht vom 22. September im Buchladen Brigitta Häderli gezeigt.

Zeichnungen wollen nicht dokumentieren. Im Unterschied zu einer Fotografie halten sie keinen Moment fest. Sie sind das Resultat einer Zeitspanne des Beobachtens. Eine Zeichnung bildet durchaus ab, aber viel mehr als eine Fotografie. Sie reduziert ebenso, wie sie die Betrachtungsweise des Zeichnenden, der Zeichnenden wiedergibt. Zeichnungen sind festgehaltene Begegnungen. Wer sich schon einmal in der Position des Porträtierten befand weiss, wie nahe einem die Zeichnerin kommt, nur schon weil sie schaut, wie sonst niemand schaut.

Besuchen Sie die 1. Amriswiler Kulturnacht am 22. September – und schauen Sie im Buchladen Häderli vorbei, an der Freiestrasse 3! Ein Besuch lohnt sich in vielerlei Hinsicht! (Die Zeichnungen sind käuflich!)

 

Zum Anschlag auf den Gedenkstein in Goldegg

Lieber Gallus Frei, in der Nacht auf Samstag wurde der Gedenkstein für die Kriegsdienstverweigerer in Goldegg so beschmiert, dass alle eingravierten Namen unkenntlich wurden. Solche Werbung für mein Buch hatte ich mir nicht gewünscht.
Ich grüße Sie herzlich,
Hanna Sukare

«Karl Rupitsch wurde 1944 in Mauthausen gehenkt, weil er den Kriegsdienst verweigert hatte. Ein Grab bekam er nicht. Die Nationalsozialisten ermordeten ihre Gegner nicht nur, sondern wollten auch deren Namen auslöschen.

Karl Rupitschs Tochter, Brigitte Höfert, kämpfte lange für einen Gedenkstein, der an ihren Vater und die anderen Goldegger Kriegsdienstverweigerer erinnert sowie an deren Unterstützerinnen, die ins KZ kamen. 2014 wurde der Gedenkstein in Goldegg schließlich auf dem Grundstück der Gebietskrankenkasse verlegt. In der Nacht auf den 2. September 2018 wurde dieser Gedenkstein beschmiert. Penibel hat der Täter jeden einzelnen Opfernamen unkenntlich gemacht, als verübe er seine Untat gemäß der Tradition des Nationalsozialismus: Die Namen der Opfer auslöschen.

Ich denke heute an die Nachkommen der Goldegger Kriegsdienstverweigerer. Der Anschlag in Goldegg reißt ihre Wunden wieder auf. Den Nachkommen gelten mein Mitgefühl und meine Hochachtung. Ihre Väter und die Frauen, die sie unterstützt haben, trugen mit dazu bei, dass Österreich seinen Staatsvertrag bekam, und wir alle in einem freien Land leben. Die Namen dieser Männer und Frauen sind unauslöschlich im Buch der Geschichte verankert.

Ich hoffe, die Gemeinde Goldegg nimmt diese schockierende Untat zum Anlass, sich ein für alle Mal zu ihren Kriegsdienstverweigerern und deren Unterstützerinnen zu bekennen.

Hanna Sukare, 3. September 2018»

Rezension von «Schwedenreiter» auf literaturblatt.ch

Martin Prinz «Die unsichtbaren Seiten», Insel

Nichts am Roman «Die unsichtbaren Seiten» ist spektakulär. Aber genau das ist das Spektakuläre am zweiten Roman des Österreichers Martin Prinz. Mit dem Tod seines Grossvaters, einer prägenden Figur in seinem Leben, spürt er seiner Vergangenheit nach, den Generationen vor ihm, der Frage, wie und warum man der geworden ist, der man ist. Es ist die Behutsamkeit seines Schreibens, die Unmittelbarkeit ohne einen Anflug von Exhibitionismus, die Klarheit der Linien, die wunderbar überzeugen.

Wer «Die unsichtbaren Seiten» liest, dem verschliesst sich nicht, dass sich alles an diesem Roman klar verorten lässt. Lilienfeld liegt südlich von St. Pölten, nicht weit von Wien. Ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kennt, in dem sich die Strukturen, nicht zuletzt die politischen, bis in die Gegenwart scheinbar klar und eindeutig zeigen. Nach dem Krieg wird dort der Grossvater des Erzählenden Bürgermeister, der «König von Lilienfeld» und amtet fast drei Jahrzehnte.

Als der Grossvater stirbt und ein Haus voller Erinnerungen zurücklässt, streift der Enkel durch das leere Haus und fängt die Stimmen ein, die von überall her, aus allen Dingen und Gegenständen, vor allem aus Fotografien zu ihm sprechen. Fragen, die jedem mehr oder weniger gestellt werden, der sich nach dem Sterben eines Verwandten an den Nachlass machen muss, um das zu retten, was einst wichtig war und nun droht, entsorgt zu werden. Stimmen, die Geschichten erzählen und verschwinden, wenn die Erinnerung an den Verstorbenen zu verblassen droht.

«Die unsichtbaren Seiten» ist keine Abrechnung, da wird nichts aufgedeckt, niedergerissen oder durchleuchtet. Martin Prinz zeichnet unaufgeregt mit der perfekten Mischung aus Distanz und Nähe. Selbst jene Verwandten, die der Erzählende nie wirklich durchschaut, die ihm fremd, auf Distanz bleiben, schildert er mit derart feiner Wahrnehmung, dass aus Distanz Respekt, Liebe wird. Und weil nichts im Erzählstrom aufwirbelt, bleibt der Blick des Lesenden klar, stets vom Geschehen mitgerissen, von der Sprache fasziniert.

Martin Prinz erzählt von jenem Moment an, wo der Erzählende die Welt als solche erkennt. Der erste Teil des Romans ist die langsame Eroberung der Welt eines kleinen Jungen. Er spürt Menschen, ihren Verbindungen, den Ausstrahlungen, den Häusern und Orten nach, sieht zu Beginn mit den Augen eines Kindes. Er sinniert im Verlaufe des Romans immer mehr über die Veränderungen im Grossen und im Kleinen. Er leuchtet einen Ort, ein Geflecht aus, das sich im Laufe der Zeit immer mehr vom Lebensort zum Schlafort wandelt, in dem alles zu verschwinden droht, was Leben und Gemeinschaft über die eigenen Hausmauern hinaus ausmachte. Man spürt Heimweh, die Nähe und Unmittelbarkeit verloren zu haben, jenes kindliche Aufgehobensein ohne Deutungszwang. Die Erinnerung an Geräusche und Gerüche, die ihre entsprechenden Bilder verloren haben. An eine Zeit, in der man sich nicht mit Hobbys vor der Langeweile schützen musste, in der Arbeit Leben bedeutete und Leben Arbeit.

«Die unsichtbaren Seiten» erzählt von den unsichtbaren Seiten. Ein Buch, das sich am literarischen Himmel diametral von Krimis und emotionsgeladener Action unterscheidet. Einem Stück Literaturhimmel, in dem es sehr ruhig geworden ist. Es beschreibt, was sonst schnell nicht der Rede wert ist, schon gar kein Buch. «Die unsichtbaren Seiten» ist eine Liebeserklärung an das Leben und all jene, ohne die man niemals der geworden wäre, der man ist!

© Lukas Beck

Martin Prinz, geboren 1973, aufgewachsen in Lilienfeld (Niederösterreich), studierte Theaterwissenschaft und Germanistik und lebt als Schriftsteller in Wien.

Martin Prinz liest.

Beitragsfoto © Sandra Kottonau