Buchstaben-Kunst-Dinger von kuriosem Gewicht, von beträchtlicher Grösse – Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026

Lauchzwiebel, laudabel, Laudanum, Laudatio: im Rahmen eines Festakts gehaltene feierliche Rede, in der jemandes Leistungen und Verdienste gewürdigt werden. Kein Wort über das eigentliche Problem: Dass es kein Sprechen über Kunst geben kann, dass dieser gerecht werden, sie auch nur berühren könnte.

Laudatio für Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026,
von Sascha Garzetti

Das Sprechen über etwas ist eine wunderliche Sache. Das hat mit der Sprache zu tun. Sprache erzählt immer von dem, was sie nicht ist. Von dem, was nicht da ist. Daraus erwachsen ihr aber auch Möglichkeiten. Denn: Sie ist ja da. Und das eine – ein Zeichen, ein Laut – hat mit dem anderen – den Bedeutungen, dem Kräuseln in den Synapsen – zu tun, ist mit ihm wie über einen feinen Faden verbunden –und über noch einen und noch einen. Zieht man im Bild nun – ausgehend von den Wörtern – Faden um Faden ein, so entsteht allmählich etwas, was ich einen Text nennen möchte: einander Zugewandtes, miteinander Verbundenes, ineinander Verwobenes. Darum soll es hier gehen.

Es gehört zu den Eigenheiten einer Preisverleihung, dass die Preisträgerin im besten Fall vor Ort ist und etwas macht, zeigt, sagt, liest, singt, das sich nicht neben das Sprechen über etwas gesellen, sondern sich davor stellen kann.

Aber wie die Zeit überbrücken?

Es gibt unzählige Wege, die Würdigung einer Autorin anzuzetteln.Es gibt das leere Blatt, auf das man ein Wort setzt, als wäre es ein erstes: Vorher war nichts,  nachher ist da ein Wort. Darauf könnte man sich etwas einbilden.

Gegenperspektive: Es gibt unzählige Wörter, die man abzutragen, fortzuschlagen, abzuschleifen, wegzuschreiben versucht, bis etwas übrig bleibt. Die Arbeit Barbara Hundeggers gleicht denn auch der einer Holz- oder Steinbildhauerin. Ihre Gedichte sprechen nicht von und über Themen, vielmehr legen sie diese offen, ja sprechen aus diesen heraus. Und sie sprechen aus der Sprache heraus. Denn: «In der Sprache ist ja alles schon da.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 59)

Aber wie die Zeit überbrücken?

Sich beispielsweise ein Wort bei der Autorin leihen: «[F]ür mich ist Lyrik auch das hochgradige Bewusstsein davon, dass Sprache und Wörter nicht beliebig abrufbar sind, um nur den eigenen inneren schönen Plan zu erfüllen oder zu dekorieren, sondern dass Sprache und Wörter ein einschüchternd starkes Eigenleben mitbringen, das sich nur dann produktiv nutzen lässt, wenn man es respektiert, also die Verästelungen und Vergangenheiten und Gewichte und Entgleisungen usw. der Wörter sowie andere Eigenheiten des Materials nicht ignoriert. Dichter/innen werden ja ganz gern als Beherrscher/innen der Sprache beschrieben, aber mir erscheint diese Herrschaftsdiktion fragwürdig und paternalistisch, denn Sprache ist ein so mächtiges Material und weiss sich durchzusetzen, selbstverständlich auch gegen mich – und die Sprache ist klüger als ich.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 46)

aufschirren, Aufschlag, Aufschlagball, aufschlagen: im Fall hart auftreffen, aufprallen; durch einen oder mehrere Schläge öffnen; den Ball zur Eröffnung des Spiels über das Netz schlagen; sich mit einer heftigen Bewegung bis zum Anschlag öffnen; ein oder mehrere Blätter eines Druck-Erzeugnisses zur Seite schlagen, sodass eine oder zwei Seiten darin offen daliegen; durch Aufheben der Lider öffnen; nach aussen umschlagen; durch Zusammenfügen der Teile aufstellen; auflodern; erhöhen, heraufsetzen; irgendwo erscheinen, ankommen.

Beim ersten Gedicht beispielsweise, der ersten Strophe: «wir stehn noch auf ein/ zwei beinen, wir atmen und/ schwatzen von lust. bis in die/ träume fehlt es an scheinen. und/ keine will was von brust-/ schwund hören.» Die Strophe weist voraus, setzt erste Inhalte, einen Ton – von vielen. Von hier an: Gedichte, die immerzu das Verwobensein des Subjektiven mit dem Gesellschaftspolitischen offenlegen – um selbst den nächsten Faden einzuziehen. Eine Sprache, die auf sich selbst und die Dinge zuhält, die das Bild, den Bruch, den Klang, den Rhythmus sucht, sodass es einen zu jedem Wort zieht, man immer tiefer in die unter diesen Versen liegenden Schichten hinabgerät.

Die poetische Präzision, die Alltägliches erfasst, scheint in «desto leichter die mädchen und alles andre als das» noch stärker gebrochen bis auf das Wort. Von diesem ausgehend die Verästelungen nach allen Richtungen: «desto schwerer die schuhe wir/ machten uns auf holen was uns/ gehört: sterne echtes wie/ rätsel und die noch warm/ ernst von der frage die/ wirklich wer stellte eine/ der anderen wir uns oder/ sich flugzettel sind da/ blattweise desto leichter/ die mädchen und alles/ andre als das» (Hundegger: desto leichter die mädchen und alles andre als das, S. 40) Bisweilen erzeugen die Gedichte das Paradoxon eines rhythmischen Stotterns, das zu noch mehr Präzision führt, weil es ein Heranzoomen ist: Ein Wort kann angebunden sein an ein letztes oder ein nächstes oder stehen wollen für sich. Die Zeilensprünge bei Hundegger sind Sprünge ins Ungewisse. Man liest und ja: liefert sich aus. Und Anbinden heisst auch: Zusammensetzen der Wörter: trommelrose, stachelblitz, mittagsbeschauchlichkeitswahnsinn, entwusstheitsflehen, geistergeplänkel, zwinkersucht. Man nimmt die Gedichte beim Wort.

Oder stellen Sie sich vor, Sie reisen für einen Schreibaufenthalt nach Rom – und am Abend vor Ihrer Abreise verstirbt der Papst: «timing du in rom und sedisvacanza/ vaterherrenpapstlos zwischenatemzeit.» (Hundegger: rom sehen und, S. 47) Man kann sich vieles vorstellen – ausser den Zufall. Aus diesem Zwischenraum, der sich von allen Seiten alsbald zu füllen beginnt, schöpft die Autorin im Gedichtzyklus rom sehen und, hängt Bericht, Schilderung, Zeitungsluft, durch die Sprache herausgearbeitete Impressionen, Beobachtungen, Begebenheiten selbst kleinster Art, das Nachdenken über die «innere Fracht» (Hundegger: rom sehen und, S. 84) ineinander. Was tun, wenn man morgens zum Kaffee eine Zeitung braucht, in deutscher Sprache aber nur die «Bild» aufliegt? Die «Bild» lesen? Ja, sich dafür aber entschädigen: Alles durch die Sprache sickern lassen, die Sprache durch alles – also auch durch sich selbst – und sehen, was geschieht, wenn nebeneinander gesetzt und ineinander verwoben wird, was sich sonst kaum berührt. Die Provokation nicht als Geste, sondern als Versuchungsanordnung, die Hallräume schafft.

Dompredigerin, Domprobst, Dompteur, Dompteurin: weibliche Person, die wilde Tiere für Vorführungen dressiert.

Als Vorarbeit für den Gedichtband schreibennichtschreiben las Barbara Hundegger den Duden von A bis Z durch: «eine der spannendsten Lektüren» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 77) ihres Lebens. Der Band setzt mit einem Prosa-Intro ein, das den Themenbereich des Schreibens an- und aufreisst, aber auch den Schreib- und Literaturbetrieb in pragmatischer Weise reflektiert: «preise und deren verleihungen – problematische momente literarischen daseins: wer gründlich schreibend den verhältnissen nachgeht, entwickelt ja logisch eine zurückhaltende haltung zur macht.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 8) Hundegger schreibt schonungslos und pointiert, um dennoch oder gerade deswegen tröstlich zu bleiben, in Trostvolles zu münden von Z nach A: «anfänglich: die einsamkeit von etwas, in dem du dir erscheinst. die ahnungen, die dich daheim suchten. – glücke, spätnachts. bestürzungen, mitten am tag. – die lichtspiele, wenn dir was dämmert. der dunkle ernst, der dir erhellt, dass du auch nur geblendet bist. – das viele-schriftarten-sein in deinen schriften. das schriftlich eins-sein mit dem, was deiner handschrift doch gelang. Anfänglich war es nicht abzusehen, dass das bei dir bleibt.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 16) Der Gedicht-Teil verbindet aus Nomen und Partizip II-Formen gebildete und gelistete Wendungen mit Gedichten, die aus diesem Material hervorgehen und deren Titel aus Nomen und Infinitiv-Formen gebildet sind. Die Titel wie kleine Türschwellen, darauf beinahe unmerklich ein Innehalten, ehe man in die Verse einfädelt: «drähte kappen: schon es kommt glück auf in dir von/ einem seine zigfach wendigen wesen/ kühn jonglierenden satz du dompteur/ dompteuse je nach gegen lage fall/ doch schon kommt ein unglück nach/ aus denselben wörtern sagt es säumig/ seinen preis den menschlichen entzug». (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 87)

Im Band «wie ein mensch der umdreht geht. dantes läuterungen reloaded» überträgt Barbara Hundegger die Themen aus Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» in die Gegenwart. Da steht der Dichter wie verknotet am Läuterungsberg: «dieser berg hat keine strafe die/ bitterer wäre als: im gehen den/ knoten deiner schulden nicht zu/ lösen | als oben elend übersäuert/ statt im strahlend himmelfreien/ im drückend gipfelinneren zur/ selbstschau gezwungen zu sein:/ auf folgen deines größten fehlers/ und worüber du nicht sprichst |/ ehrlich: grandios wird das nicht. (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 19) Die Gedichte sprechen eine Gegensprache, als ein vehementes Ansprechen gegen etwas, aber auch als ein Anlehnen an etwas und jemanden. Es gibt die Kritik an der Macht, ja an allem, was von Kanzeln, Thronen, Podien, Manageretagen herunterspricht. Es gibt aber auch die radikale Zugewandtheit allem gegenüber, zu dem die Sprache kommt – und immer wieder diesen feinzüngigen Humor. Es ist das stetige Ausmachen des einen im anderen,
das Einweben des einen in das andere, also das Ausfindigmachen, Benennen und Anlegen von Bezügen, Kontrasten, Texturen – selbst in Hanglage –, das diese Gedichte auszeichnet – und über die Dante in die Gegenwart steigt: «von dem was wir säten blieb: ihnen das/ heu | selbst das stroh: nahmen sie | wie/ das wasser: in pet-flaschen grub man es/ uns ab | uns ließ man als ernte: den staub.» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 111)

Streiferei, streifig, Streifjagd, Streiflicht: Licht, das [als schmaler Streifen] nur kurz irgendwo sichtbar wird, irgendwo auftrifft, über etwas hinhuscht; kurze, erhellende Darlegung.

Der Band [anich.atmosphären.atlas] ist dem 1723 in Oberpfuss (Tirol) geborenen Bauern und Kartographen Peter Anich gewidmet. Nach dem Tod des Vaters bildete sich Anich mathematisch und astronomisch weiter und machte solcherlei Fortschritte, dass er den Auftrag erhielt, für die Universität einen Himmelsglobus mit einem Durchmesser von einem Meter anzufertigen. Später fertigte Anich in kürzester Zeit eine Landkarte, die zwei Drittel des heutigen Nordtirols umfasst. Den Druck des «Atlas Tyrolensis», der genauesten Karte ihrer Zeit, die 1774 erschien, erlebte er nicht mehr. Die Arbeit war körperlich und geistig über alle Massen zehrend. Von heftigem Sumpffieber befallen, verstarb Anich 1766 an den
Folgen eines Schlaganfalls.

«ein bauer: er näherte sich/ den sternen des weltalls |/und von einem birnbaum/ aus: sie greifen nach ihm». (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7) So setzt Barbara Hundegger Peter Anich, den Bauern und «meister der mechanischen künste» (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7), ins Bild, auf einen Ast, unter die Sterne. Hier – in und zwischen die Zeilen gebettet – kann man ihn sich trotz aller Gewichte, von denen wir im Verlauf der Lektüre erfahren, leicht vorstellen. Die Autorin gibt einem eine Stimme, der zwar gesehen wurde, bei dem das Aber aber so schwer wog, wie die zuvor erwähnten Gewichte.

Im letzten Gedicht des Bandes heisst es: «dein ende: nichts sehen nichts/ hören | der ganze körper: taub | und gegen/ abend im garten | wohin man dich brachte:/ wüste krämpfe bei dem birnbaum wo dein/ hang begann | die sterne: prächtig | deiner:/ 43 geworden | ach anich: es ist aus | großer/ wagen kleiner wagen fahren beide vor dich/ zu holen | und du: steigst in den kleinen ein». (Hundegger: anich.atmosphären.atlas, S. 201) Barbara Hundegger reichen wenige Wörter, wenige Zeilen, um in Streiflichtern das Porträt eines Menschen zu entwerfen, etwas davon ein- und aufzufangen. Man liest es und will sich aufs Bein schlagen.

Eine Sache zu vermessen, zu durchdringen, heisst auch: durch sie hindurchzudringen zu etwas, was dahinter liegt, was es auch noch gibt. So weist« [anich.atmosphären.atlas]» über das Leben Peter Anichs, über das Tirol hinaus, indem es Strukturen offenlegt: Ein Mensch wird zerrieben zwischen Herkunft und sozialer Klasse, Wünschen, Sehnsüchten und Möglichkeiten, Pflichten und Anforderungen von oben. Das Durchmessen über die Biografie und den geografischen Raum hinaus geht in den Köpfen der Leser*innen weiter. Durch die sprachliche Gestaltung, den Ton, den Rhythmus, durch den diese Texte aufgespannt, gestützt, getragen werden, wächst der Raum ins Unermessliche.

In Ihrem letzten Band mit dem Titel «[in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis]» behandelt Barbara Hundegger die Corona-Pandemie, lotet Hörweiten und -tiefen aus, legt einen Katalog der Angst an, geht dem individuellen Erinnern der Überlebenden der Shoah und ihrer Nachfahren nach, fächert ein Motetten-Kabinett zu Textquellen bei Bach auf, entwirft das berührende Porträt einer Häuslerin, der tant’, widmet jedem der 55 Kilometer des Brennertunnels einen Dreizeiler – das macht sie wirklich –, sprüht Lebensregelnnebel, bis er sich lichtet und etwas sich mit ihm, indem sie Redewendungen und Sprichwörter dreht und wendet, dass kein Wort beim anderen bleibt, und schliesst mit Gedichten für und an Kinder. Im zyklischen Arbeiten potenziert sich die Wirkung der Gedichte entgegen der Logik in der Summe, wenn sie über ihre jeweiligen Grenzen hinaus mit dem Nachbarinnen-, dem Nachbarinnennachbarinnen-Gedicht Zwiesprache halten, aber auch über die Zyklen hinaus und hinweg, an deren Enden und Anfängen weitersprechend, einen Faden unscheinbar spinnend oder aufgreifend, das eine
an das andere knüpfen.

Haltung: Art und Weise, besonders beim Stehen, Gehen oder Sitzen, den Körper, besonders das Rückgrat, zu halten; Körperhaltung; innere [Grund]einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt; Verhalten, Auftreten, das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen wird; Beherrschtheit, innere Fassung; Tierhaltung.

Und wenn jemand fragte: «Worum geht es wirklich?»

Barbara Hundeggers Gedichte greifen verdichtend aus – und klammern ein. Es ist, als ob die Gedichte unzählige Stimmen hätten, die sie weitergeben: an diejenigen, die zu selten gesehen oder gehört werden. Hundegger erschreibt eine Poesie der radikalen Zugewandtheit: den Menschen wie den Dingen gegenüber, die in die Gedichte aufgenommen werden: «an jemandes/seite auf der seite stehen wo der mensch das herz/hat» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 113), heisst es einmal. Zugleich prangern und klagen die Texte an, sind in der kritischen Offenlegung von Missständen jedweder Art unmissverständlich, ohne je den lyrischen Ton abzulegen. Barbara Hundegger schreibt aus der Sprache herausgearbeitete, alles durchdringende Kleinstkunstwerke.

«schönrechnungsart: wie schwer der/ halbe mantel denen wiegt die er vor/ not bewahrt | rechnungsart: ja wie/ viele mäntel denn noch der schon/ hat der davon groß den halben gibt» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 39) Das hat mit Haltung zu tun.

«Das Nicht-Berücksichtigen, das Ausblenden der Verhältnisse, die uns umgeben und bestimmen – Armutsfragen, Minderheitenfragen, Geschlechtergerechtigkeitsfragen, Marktfragen, Medienfragen, Mechanismen und Dynamiken der Macht auch in demokratischen Systemen usw. – ist […] eine Quelle literarischer Ungenauigkeit und der Überantwortung politischer Zustände in die Zuständigkeit des und der Einzelnen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 52)

Ich kannte erst einige verstreute Gedichte Barbara Hundeggers, als ich sie als Moderatorin erleben konnte. Ich dachte: Das wird nicht allen passen. Die Auftakterin nichts als Wohlfühl-Vorband, stattdessen ein Ausloten bis ins Verwinkeltste, ein Auffalten, das dazu führen kann, dass die Gedichte im Anschluss einen schweren Stand zu haben scheinen. Aber Gedichte können sich nicht fürchten. Und es geht nicht um eine Inpflichtnahme der Wörter, vielmehr um die Verpflichtung der Autorin, sich selbst, einem Gegenüber, der Sache und der Sprache gegenüber – der fremden wie der eigenen. Auch das hat mit Zugewandtheit zu tun.

Und mit Haltung.

«Grundsätzlich gilt, dass die Texte, die ich produziere, in ihrer Gesamtheit den Anspruch verfolgen, sich in durchdachter Weise sprachlich und gesellschaftspolitisch komplex mit den je relevanten Themen, Spiel-Orten, Sprachfeldern usw. literarisch auseinanderzusetzen und aus dieser Sprach- und Wahrnehmungsarbeit so konzentrierte wie berührende lyrische Gebilde entstehen zu lassen, die das weithin Unterschätzte an Gedichten, jenseits verstaubter Erwartungen oder Zuschreibungen und in Opposition zur Randexistenz von Lyrik innerhalb des Literaturmarkts, emotional und intellektuell lesbar, hörbar, erfahr- und erfassbar zu machen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 57.) Das heisst auch: Gedichte in den öffentlichen Raum zu tragen. Und wenn die Acryl-Platten so gross sind, dass sie gerade noch so ins Auto passen, kann das in den Rücken gehen. Irgendwie hat auch das mit Haltung zu tun. Den Public-Poetry-Projekten wäre ein eigenes Kapitel zu widmen.

Ein literarischer Text ist aus Wörtern gemacht. Wenn man sie nebeneinander und untereinander aufreiht, es schafft, Bezüge zwischen selbigen herbeizuschreiben, kann ein Gerüst entstehen – Gedichte beginnen immer als Baustellen. Es gibt aber Texte, die wirken, als stünde einem ein Mensch gegenüber. In ihrem Innern klirrt es nicht, wie wenn Metall auf Metall schlägt. Sie haben ein Skelett, eine Wirbelsäule, ein Rückgrat: Haltung eben. Und es schlägt ein Herz nach draussen.

«Womit ich mich in meiner Lyrik-Arbeit die ganze Zeit befasse: mit der prekären Balance von Wörtern, ihren Bedeutungen, Schatten, ihrem Gewicht, ihrem Licht, um daraus Kleinstgesamtkunstwerke zu erschaffen – und wenn das gelingt, wenn es das hat, das Gedicht, was es dazu braucht, und wenn es (sich) das leistet, gleichzeitig poetisch, politisch und persönlich zu sein, dann ist es ein in sich und mit der Welt in schneidiger Schwebe austariertes Buchstaben-Kunst-Ding von erstaunlichem Gehalt.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 87)

Zu sagen, nichts sei vor Barbara Hundeggers sprachlichem Zugriff sicher, griffe zu kurz. Was ist das für ein Zugriff? Man denkt an die Bewegung der Finger, die fester greifen, wieder loslassen, noch einmal zugreifen, sieht eher aber ein Pulsieren vor sich, spürt, wie diesen Gedichten der Puls geht. Und vielleicht ist alles, was in diesen Texten zur Sprache kommt oder zu dem die Sprache kommt, gerade das: aufgehoben, zu sich genommen, getragen.

Ja, Barbara Hundeggers Gedichte erzählen etwas. Gerade die Gedichtzyklen erzählen sogar viel. Doch selbst dort, wo sie viel erzählen, breiten und erzählen sie nie aus. Stattdessen arbeiten die Gedichte mit Leerstellen, also mit Luft, lassen Raum, ihrem Nachhall nachzuhören. Der eigentliche Text entsteht durch diesen erweiterten Hallraum. Das heisst: die Leser*innen nicht ausschliessen, sie ernst nehmen. Und ja, auch das hat mit Haltung zu tun.

Die Auslassung in literarischen Texten ist anfällig für den Bluff. Wo nichts steht, entsteht nicht zwingend Tiefgang. Barbara Hundegger aber schreibt nicht nichts, sondern immer so viel, wie nötig ist. Denn: «Was in einem Gedicht steht, steht nicht – zwecks Deutung oftmals bemüht – ‚zwischen den Zeilen‘, sondern in seinen Zeilen, wer in die Zeilen nichts hineinschreibt, darf sich nicht wundern, dass sich daraus nichts herauslesen lässt und auch zwischen den Zeilen nichts steht.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62) Reduktion und Verdichtung sind immer der Klarheit verpflichtet, «denn die Schwebe, Mehrdeutigkeit, Offenheit eines Textes entsteht durch Genauigkeit und nicht durch Vernebelung.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62)

Wie das Gewicht einer Sache, deren sich ein Gedicht annimmt, in demselben erscheint, wird zuvorderst durch die Form, also die Sprache mitbestimmt. Die Sprache des Gedichts spottet dabei der Physik, wird es doch paradoxerweise in der Verdichtung leicht. Es zieht sich nicht zusammen, verschliesst sich nicht, sondern macht sich auf, hebt ab. Und es kann aufgehen in einem – über den Klang, der Rhythmus, den Sound.

«stirnen bieten: in dem schrägen licht des spätnachmittags/ staubwild durch dein fenster bricht in dem/ regenbogenstreifen den die spiegelkante als/ spektralstrahl über deinen schreibtisch wirft/ im zigarettennebel den deine herkunft deine/ zukunft um dich legt übersetzt sich etwas in/ schwerkraftlose wörter von kuriosem gewicht/ von beträchtlicher größe je näher sie kommen/ umso mehr als nähmen gezeiten projektionen/ lawinen plakate aus dem weltall kurs auf dich (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 41)

Im Film «Dead Poets Society» gibt es eine Szene, in der ein Schüler aus dem fiktiven literaturwissenschaftlichen Werk «Poesie verstehen» vorliest. Die Grösse eines Gedichts – so behauptet die Einleitung – lasse sich berechnen, indem man dessen sprachliche Perfektion, die sich ihrerseits insbesondere an der Verwendung metrischer Mittel bemessen lasse, auf der x-Achse vermerke, während man die Bedeutung des Gedichts auf der y-Achse festhalte. Die ermittelte Fläche bilde die Qualität eines Gedichts ab. Das ist natürlich Unsinn. Und so bittet Robin Williams die Schüler denn auch, die entsprechende Seite herauszureissen.

Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist. Wie oft man aus dem Stuhl springt und ins Nebenzimmer rennt, um seinen Liebsten ein Gedicht oder einen Vers daraus vorzulesen, auch wenn der dreijährige Sohn jedes Mal ruft: «Papa, ned immer rede!» Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie gross seine Fähigkeit ist, Atem zu holen, auf dass es gross und immer grösser wird, wenn man es wieder und wieder liest. Ihre Gedichte, liebe Barbara Hundegger, wachsen im Lesen ins Unermessliche.

Wenige Stunden, bevor die Geburt meines zweiten Sohnes losging, schrieben Sie mir: «kinder sind ja die nettesten menschen überhaupt auf der welt.» Ich habe Ihnen noch nicht geantwortet. Über Kinder zu schreiben ist dem Schreiben über Gedichte verwandt – was soll man sagen? Es gibts nichts mehr zu überbrücken.

Ihre Nachricht schloss mit der Bitte, ja der Aufforderung, das Leben zu feiern.

Heute, liebe Barbara Hundegger, feiern wir Sie und Ihre Gedichte. Ab morgen wieder das Leben.

Herzliche Gratulation.

Barbara Hundegger, geboren 1963 in Hall in Tirol, lebt als freie Schriftstellerin in Innsbruck. Mehrere Jahre Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Innsbruck und Wien; langjähriges Engagement in der Autonomen Frauenbewegung; berufliche Tätigkeit als Korrektorin, Lektorin und Redakteurin; Lektorin am Institut für Sprachkunst/Universität für Angewandte Kunst/Wien. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Reinhard-Priessnitz-Preis (1999), Christine-Lavant-Lyrikpreis (2003), Outstanding Artist Award für Literatur (2011), Anton-Wildgans-Preis (2014) und Tiroler Landespreis für Kunst (2020). 

Sascha Garzetti, 1986 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und skandinavische Literatur an der Universität Zürich. Heute unterrichtet er Deutsch an einem Gymnasium und Literarisches Schreiben an einer Volkshochschule. Garzetti schreibt Lyrik und Prosa. Seine Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Vereinzelte Gedichte und Gedichtzyklen wurden ins Englische, Spanische, Griechische, Ukrainische, Russische und Bosnische übersetzt. Zudem leitete Garzetti Schreibwerkstätten für junge Erwachsene. Als Mitglied der Basler Lyrikgruppe kuratiert er das Lyrikfestival Basel und den Basler Lyrikpreis mit.

Beitragsbild © Samuel Bramley

Die 45. Solothurner Literaturtage – Welten, die aufeinandertreffen!

Wie gut, dass es in Zeiten globaler Krisen Gelegenheiten wie die Solothurner Literaturtage gibt, die in konstruktiver Weise versuchen, vieles von dem zu spiegeln, was Grund genug gäbe, an den gegenwärtigen Tatsachen und ihrer Wirkungen zu verzweifeln. Wie noch nie strömten Besucherinnen und Besucher, als wäre jedem bewusst, wie schmal der Grat geworden ist.

Die Solothurner Literaturtage sind das Flaggschiff im nationalen Literaturbetrieb. Als solches von beachtlicher Grösse und mit viel Masse und Wasserverdrängung. Kein Wunder, wenn der eine Kapitän von Bord geht, dass es zuweilen vernünftig ist, diesen schweren Kahn unter eine furchtlose Doppelleitung zu stellen. Nathalie Widmer und Rico Engesser, beide noch lange nicht so alt wie das Festival selbst, müssen bestehen im Spagat zwischen den Erwartungen jener, die Tradition und Beständigkeit hochhalten und anderen, die dem in die Jahre gekommenen Schiff am liebsten mehr als nur neue Segel setzen wollen. 

Aber ganz offensichtlich goutiert man der neuen Leitung den guten Mix zwischen modernem Gesicht und reifer Haltung. Schon am ersten Tag wurden die Veranstaltungen förmlich überrannt. Lange Schlangen bildeten sich vor den Eingängen und Interessierte mussten freundlich weggewiesen werden, weil jeder mögliche Sitzplatz besetzt war. Der Dichter und Schriftsteller Andreas Neeser meinte im Vorfeld seiner Lyriklesung, es würden sich wohl nur eine Handvoll Interessierter an seiner Lesung finden, weil gleichzeitig Kim de L’Horizon im grossen Landhaussaal las. Weit gefehlt. Klar, die Schlange vor dem Landhaussaal war überwältigend. Aber genauso jene, die sich vor dem Einlass zur Lesung von Andreas Neeser formierte. Und als der Dichter dann las, die Stimmung von raunender Erwartung in andächtige Stille überging, war das Sprachglück fast mit Händen zu greifen. So wie sich Neesers Gedichte den Konventionen entziehen, ohne mich zu brüskieren, so schafft es das Festival immer wieder zwischen Tradition und Zeitgeist Brücken zu schlagen.

Das Festival zählt 45 Lenze. Ich mag den neuen Anstrich, die motivierte Crew und die zurückhaltenden Steuerleute, die das «Festivalgeschäft» schon jahrzehntelang kennen und es bestens verstehen, die verschiedensten Strömungen unter die gleiche Takelage zu bringen.
So wie beispielhaft die 25jährige Newcomerin Mina Hava mit ihrem Debütroman «Für Seka» und der 80jährige Routinier, das literarisches Urgestein Christian Haller mit seiner Novelle «Sich lichtende Nebel».

Mina Hava bei ihrer Lesung in der SRF-Sendung «Kultur-Talk» in der Cantina del Vino

Mina Hava schrieb sich mit ihrem Roman «Für Seka» in eine tiefe Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft Bosnien, dem Ort Omarska, der es im Krieg in den 90er Jahren nie in ein kollektives Bewusstsein schaffte, obwohl die Gräuel, die der Krieg in und um jenes Gefangenenlager anrichtete eine Wunde klaffen lässt, die bis heute weit weg von einer historischen Aufarbeitung steht. Was damals in Srebrenica vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschah, ritzte sich ins kollektive Bewusstsein. Was in Omarska passierte, begegnete selbst der Autorin, deren Familie ganz in der Nähe lebt, erst im Laufe ihrer Recherchen zu ihrer Herkunft. Omarska, ein Konzentrationslager damals, noch heute eine Mine, in der gnadenlos ausgenutzt wird, was Menschenkraft und Natur hergibt. Omarska, ein Schreckensort ohne Denkmal, wo man alles andere als interessiert ist, die Leichen in Massengräbern mit ihren Geschichten zu Tage zu bringen.
«Für Seka» ist nicht einfach Geschichte, die erzählt wird, sondern ein literarischer Zettelkasten genau jener Recherchen, mit denen Mina Hava in Rückblenden in verschiedene Vergangenheiten taucht. Auch eine Auseinandersetzung zwischen Bosnien und der Schweiz, ihre eigenen Geschichte, die sich in der Schweiz nicht «abgebildet» findet. Einmal mehr auch eine Auseinandersetzung mit dem verklärten Begriff der «Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen».

nach seiner Lesung im voll besetzten Landhaussaal beim Signieren seiner Bücher

Oder Christian Haller, der heuer seinen 80. Geburtstag feierte und längst zu den ganz Grossen der Schweizer Literatur gehört. Ob als Romancier, Lyriker oder mit seiner kantigen Art auch als Essayist –  er mischt sich in aktuelle gesellschaftliche Fragen, in seinem neusten Essay «Blitzgewitter», wie weit digitale Medien unser Leben nachhaltig verändern.
Auch sein neuestes Buch, die Novelle «Sich lichtende Nebel» beschäftig sich mit der Wahrnehmung, dem Irritierenden. «Es kann nur existieren, wofür es Wörter, eine Sprache gibt.» Eine Geschichte darüber, wie eine Banalität einer weltbewegenden Idee die Initialzündung gibt. Christian Haller lässt Figuren auftreten, deren Biographien sich durch Handlungen und Ideen ineinander verschränken. Nach zwei Trilogien, die sich mit seiner Herkunft, seinem eigenen Leben auseinandersetzten, war der Stoff um Heisenberg und seine Quantenphysik wie eine neue, noch unbesetzte Keimzelle, die zur Novelle wurde. Eine Novelle, die viel mehr will als das Verbildlichen einer komplexen physikalischen Fragestellung. «Sich lichtende Nebel» ist eine Liebesgeschichte, nicht zuletzt eine zur Liebe des Sehens, des Erkennens.

Mina Hava und Christian Haller stellen Fragen, Schicht für Schicht. Die beiden Bücher repräsentieren das Suchen nach Antworten. Beide in reifer Distanz und doch so verschieden in der Überzeugung, was Erzählen bewirken soll. Sie bricht auf – er ordnet.

Andreas Neeser «Nachts wird mir wetter», Haymon

„Was sind wir anderes als fortgesetztes Vermuten.“ Kurzprosa und Lyrik vom Feinsten 

Braucht es Mut, Lyrik zu veröffentlichen? Man könnte die Frage Andreas Neeser oder dem Verlag stellen. Andreas Neeser würde antworten, dass sich diese Frage gar nie stellt. Seine Lyrik ist Notwendigkeit! Jene der Welt etwas entgegenzusetzen, was in dem lauten Geschrei, Müll und all der verbalen Gewalt untergeht.

Nach bald einem Dutzend Veröffentlichungen mit Lyrik und Kurzprosa, ob in der Kunstsprache Deutsch oder Mundart, vereint sein neustes Werk alles, mit dem sich Andreas Neeser seit einem Vierteljahrhundert einen Namen macht. Schon im Titel seines neusten Buches „Nachts wird mir wetter“ demonstriert Andreas Neeser, was sein Schaffen ausmacht. Andreas Neeser kann Wörtern eine ganz überraschende Bedeutung geben, sie in ein anderes Licht setzen. „wetter“ ist klein geschrieben, wird zu einem emotionalen Zustand, einem Gefühl. Ein Wort, das sonst in seiner Bedeutung klar umrissen ist. Der Autor nimmt die Mundart ins Hochdeutsche hinein, gibt einzelnen Sätzen und Texten eine ganz eigene Färbung, einen Geschmack, der sich durchaus lokal verorten lässt, den Sätzen und Texten aber nichts von ihrer Gültigkeit, ihrem Verständnis nimmt. Ganz im Gegenteil; Andreas Neeser wird mit seiner Schreibkunst zu einem Unikat. Und Andreas Neeser experimentiert, scheut sich nicht, „Dinge“ in Verbindung zu bringen, die sich sonst nur gegenüberstehen, als würde er als Maler mit ganz verschiedenen Materialien und Ingredienzen ein Neues, Überraschendes kreieren.

Sein Band „Nachts wird mir wetter“ ist in vier Kapitel unterteilt. Im ersten Teil „Naturalia“ widmet sich Andreas Neeser in Kurzprosa Erinnerungen an seinen Grossvater, jener Gegend, dem Garten, den Spaziergängen mit einem Mann, der ihm als Junge gleichermassen Geheimnis und Heimat war.

 

So keime und sprieße ich|inwendig|bilde ich Zellen
mit holprigem Nichts. Ich glaube, ich werde – ein
wahreres Leben. Respekt und Vernunft. Akzeptieren
was ist, und dann loslassen, alles, was war. Wie das
klingt, Hokuspokus, Reiki – im Gegenteil: Dreimal am
Tag geh ich raus mit dem Hund. Überhaupt bin ich
Möglichst oft draußen, ich brauche das Licht. Und die
Luft. Meine Kreise sind enger geworden, Termine sind
Selten, Verholzen braucht Energie, meine ganzen
Reserven – und das ist ein Glück.

 

Andreas Neeser «Nachts wird mir wetter», Haymon, 2023, 80 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-7099-8182-5

Feine Betrachtungen über das eigene Sein, ein Nachspüren der eigenen Verletzlichkeit, ohne die Spur von Weinerlichkeit. Da verrät ein Mann seine Schwachheit, seine Ängste über den Zustand der Welt und seiner selbst.

Im zweiten Teil unter dem Titel „Zungen“ sind es Gedichte über Biographisches, Erfahrungen des Werdens, Erkundungen ohne den Zwang, erkennen zu müssen. Da in jedem in Deutsch geschriebenen Gedicht auch einzelne Mundartwörter eingeflochten sind oder eine einzelne Zeile wie ein Einschluss in einem Stein erscheint, sind diese Gedichte Umkreisungen von Geschmäckern, Gerüchen und Konsistenzen des Lebens. Die Mundarteinschliessungen werfen dabei einen ganz speziellen Schatten, erzeugen schimmerndes Licht.

 

Erweckung

Manchaml noch seh ich dich
damals
am See unserer Kindheit
erwateten zwei sich die Freiheit
und trauten sich
bis zu den Kniekehlen, manchmal
noch seh ich dich
licht auf der Sandbank
so nackt wie noch nie
standest du füdleblutt da als
ein Vorspiel auf Mundart und
Später erfuhr ich
Bei aufkommender Brise
den körnigen Klang deiner Brüste
viel praller und näher am Herz
warst du Blütter als
nackt
bist du immer noch
Zustand von Haut.

 

Mit „Einsagen. Aus“ ist der dritte Teil betitelt. Gedankenfetzen, angehängt an ein Satzzeichen. Gedanken, die schmerzen, die der Dichter nicht ausbreiten will, denen er in der Kürze den Stich mitten hinein lässt:

 

I

: Die Namen der Dinge –
doch das wär zu einfach
für alles.

II

: Aus der Haut fahren
ohne zu wissen
wohin.

III

– wäre das Grauen
nicht so unsagbar
farblos.

 

Auch im letzten Teil „Wettermachen“ bringt Andreas Neeser Wörter in neue Kombinationen, auch wenn hier Mundartausdrücke keine Rolle spielen. Aber das, was der Dichter in Mundart zu schaffen vermag, das gelingt ihm auch in der Kunst- und „Hochsprache“. Er bringt Sprache und Ausdruck in ein anderes Licht, als ob er mit einer einfachen sprachlichen Bewegung, einem Verschieben, den natürlichen Fluss eines Gedankens in neue, andere Bahnen lenken würde.

 

D-Day

Wie Geschwader von Bäuchen
zuehen sie westwärts, gestaffelt
von unten
glänzen die Schuppen
gewittergrau, schieferschwarz
unzeitliches Licht.

Kein Zweifel, sie kriechen an Land
aber uns geht es gut.

 

Andreas Neeser ist mit seinem Lyrikband Gast an den 45. Solothurner Literaturtagen vom 19. – 21. Mai 2023

Andreas Neeser, geboren 1964, lebt in Suhr bei Aarau. Studium der Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses Lenzburg. Seit 2012 freier Schriftsteller. Zahlreiche Buchveröffentlichungen im Bereich Lyrik und Prosa. Für seine vielfältigen literarischen Arbeiten wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2012 mit Atelierstipendien im Künstlerhaus Edenkoben und im Schriftstellerhaus Stuttgart sowie 2014 mit einem Werkbeitrag der Kulturstiftung Pro Helvetia. Der Gedichtband «Nachts wird mir wetter» geht ausserdem als vertontes Text-Stück auf Lesereise – mit Andreas Neeser und der Jazz-Musikerin Sarah Chaksad.

Auf literaturblatt.ch besprochen: «Alpefisch» (2020) Mundartroman, «Wie wir gehen» (2020) Roman, «Nüüt und anders Züüg» (2017) Mundartprosa, «Wie halten Fische die Luft an» (2015) Lyrik

Webseite des Autors

Beitragsbild ©  Ayse Yavas 

Klaus Merz und Sandro Zollinger «LOS»

Zusammen mit dem Bildkünstler Sandro Zollinger tourt Klaus Merz mit seiner 2005 erschienen Erzählung „Los“ durchs Land. „LOS“ wird zu einem mehrdimensionalen Sprach- und Bilderlebnis, das mit Hilfe von Virtual Reality, 3D-Brillen in ungewohnte Dimensionen führen will.

Erstaunlich genug, dass sich ein Dichter, der sich sonst so sicher und gewandt alt bewährter Kunstformen bedient, ein solches Wagnis auf dem Rücken digitaler Technik eingeht. Und weil ich dem sonst so besonnenen Dichter keine Experimente zutraue, die den Absturz mit einkalkulieren, freue ich mich auf einen akustisch-visuellen „Kunsttripp“ der Sonderklasse.

Spät im Herbst bricht Thaler auf eine Bergwanderung auf, von der er nicht wieder zurückkehrt. Es beginnt eine aufgeregte Suchaktion nach dem Verschwundenen. Aber selbst Hubschrauber, Passbilder im Fernseher oder Hellseher bringen ihn nicht zurück. Er bleibt verschollen, verschwunden – für die Zurückgebliebenen ohne Hoffnung – höchstens so wie jene Verstorbenen, denen man in leicht verschobener Perspektive mit einem Mal zu begegnen glaubt. Mit dem leisen Verdacht, dass sich da jemand aus dem Staub machte, der die Absicht lange mit sich getragen hatte, der nicht einfach verschwand, sondern verschwinden wollte.

„Los“ ist das knappe Erzählen eines Lebens, in dem der Protagonist gar nie richtig angekommen zu sein schien, von einem Mann, der sich noch in den letzten Monaten vor seinem eigenen Verschwinden mit dem Sterben seiner Mutter auseinandersetzte, einen eigentlichen Bericht verfasste, ein Protokoll einer zunehmenden Entfernung.
 Thaler spürte, dass in ihm etwas wuchs, das nicht zu stoppen war. Und als ihm ein Arzt bestätigt, was er in seinem Bauch querliegen spürt, als Zeichen ihm bestätigen, wird unumkehrbar, was enden wird, erst recht als ein Schwan vom Himmel fällt.


Mit Thalers Pensionierung ist nicht eingetroffen, vorauf viele hoffen, weder Freiheit noch ein Stück unverbaute Zukunft. Schon gar nicht nach einer misslungenen Reise mit einer Freundin in den Grand Canyon. Thaler ist sich nicht sicher, ob all die Sehnsucht nach Zweisamkeit nur Verzweiflungen, dem Zweifel entspringt. Weder in der Ehe seiner Eltern, noch in der Tatsache des frühen Todes seines ihm so nahen Bruders kann Thaler die Bestätigung finden, dass es jene tiefe Verbundenheit gibt, nach der er sich stets sehnte. War der Gang in die Berge letzte Konsequenz? Eine Herausforderung an das Schicksal?

Klaus Merz «Los», Haymon, 2005, 96 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-85218-466-1

Thaler hat sich verloren. Er geht nicht nur einfach „los“, er lässt „los“, bindet sich „los“. Selbst der Rückblick auf ein Leben als Lehrer für Kultur, Sprache, Philosophie gibt ihm nicht jenen Trost, jene Hoffnung, mit dem wirklichen Leben je verschmolzen zu sein. Alltag und Routine machten ihn stumpf. Kann ein Ultimatum an das Leben der Grund für jene Wanderung im November gewesen sein? Er geht auf eine Reise, weil Reisen das einzige ist, was ihm ein Zuhause gibt. Auf eine Reise an einen ungewissen Ort.

In nicht einmal hundert Seiten öffnet Klaus Merz eine Welt. Er leuchtet sie nicht aus. Er analysiert nicht, er ordnet nicht ein. „Los“ sind lose Bilder eines Lebens, die ich als Leser selbst zusammenfügen muss, Facetten eines Lebens, die nur erahnen lassen, was wirklich passierte. Wichtig in Klaus Merz Erzählung ist aber nicht das Warum, sondern das Wie. Das Wie seines Erzählens, wie er es schafft, mit wenigen Strichen, mit wenig Farbe jene Tiefe zu schaffen, die sein verdichtetes Schreiben auszeichnet. „Los“ ist ebenso poetisch wie lyrisch, ebenso verdichtet wie offen. „Los“ ist eine jener literarischen Perlen, für den man den stillen Dichter nicht genug würdigen kann!

Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, zählt zu den prägenden Stimmen der deutschsprachigen Literatur. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und mit renommierten Preisen im gesamten deutschsprachigen Raum ausgezeichnet.

Sandro Zollinger, Buch & Regie, geboren 1975 in Arosa, studierte nach seiner Ausbildung als Treuhänder Film- und Medientheorie in Berlin. Seit 2004 arbeitet er als unabhängiger Filmschaffender und Zukunftsforscher. Er ist Mitinhaber von «Montezuma». In seinen mehrfach ausgezeichneten Arbeiten beschäftigt er sich eindringlich mit der Suche nach innovativen Erzählformen und neuen Perspektiven.

Roman Vital, Montage & Regie, geboren 1975 in Arosa, studierte an der Filmakademie Baden-Württemberg Montage und Dokumentarfilm. Seit 2006 arbeitet er als freier Produzent, Regisseur und Filmeditor in Zürich. Er ist Inhaber von «Turaco Filmproduktion». Seine mehrfach preisgekrönten Arbeiten setzen sich nachdrücklich mit gesellschaftlichen Themen auseinander.

Illustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Literaturhaus Thurgau: Das Programm Oktober bis Dezember 2022

Liebe Besucherinnen und Besucher, Freundinnen und Freunde, Zugewandte und grundsätzlich Interessierte

Zwischen Oktober und Dezember 2022 knistert es im Literaturhaus Thurgau: Dramatische Verwandlungen in dystopischer Kulisse, Kunst und Familie im Schreiben vereint, ein Sommer mit Geschichte, ein Schicksal aus der Mitte heraus, eine Virtual-Reality-Reise, eine Widerstandsgeschichte vom Ufer des Bodensees und ein AutorInnenkollektiv, das sich stellt:

Mehr Informationen auf der Webseite des Literaturhauses

Illustrationen © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Fabian Neidhardt «Immer noch wach», Haymon

Alex ist dreissig. Nach immer grösser werdenden gesundheitlichen Problemen erhält er von einem Arzt die Diagnose Krebs; ein Tumor im Bauch mit Metastasen. Alex ist am Ende. Und weil er nicht seine ganze Umgebung mit an ein Ende mit Schrecken führen will, zieht er sich in ein Sterbehospiz zurück, ohne irgend jemandem zu sagen, wo sich dieses befindet.

Aber bei folgenden Untersuchungen, die erst gemacht werden, nachdem Alex schon ein paar Wochen im Hospiz ist und von Attacken gebeutelt auf sein Ende wartet, stellt man fest, dass die Diagnose damals ungenau war, der Tumor wohl da, aber die Auswirkungen nicht zwingend und direkt zum Tod führen müssen. Alex wird wieder auf dem Hospiz entlassen. Etwas, was sonst nie vorkommt, auf jeden Fall nicht aufrecht.

Was tut man mit einem Leben, das einem wieder zurückgeben wird, dass nun doch nicht kurz vor seinem Ende steht? Wohin mit sich, wenn man seine Freunde, seinen Platz, seine Liebe verlassen hat, um nie mehr zurückzukehren? Im „Abspann“ seines Romans schreibt Fabian Neidhardt, er habe durch Zufall in einem aufgeschlagenen Spiegel (36/2014) die Überschrift „Abschied ohne Ende“ gelesen und dann die Geschichte eines Mannes, der sich mit Krebs im Endstadium in ein Sterbehospiz begab, dieses aber nach ein paar Wochen wieder verlassen musste, nachdem deutlich wurde, dass er „Opfer“ von Fehldiagnose und Verwechslung war. Eine wilde Geschichte. Hätte es die Notiz am Ende des Buches nicht gegeben, die ich beim Blättern im Roman schon nach den ersten Seiten der Lektüre entdeckte, hätte ich den Roman wahrscheinlich gar nicht zu Ende gelesen. Zu trivial wäre mir die Geschichte gewesen, beinahe wie ein Groschenroman. Ich las Fabian Neidhardts Roman weiter, weil ich wissen wollte, wie der Autor mit dem Plott umgehen, wie glaubhaft er die Geschichte schildern würde. Und auch darum, weil Fabian Neidhardt seine Geschichte von Beginn weg nicht allzu sehr aufbläst und mit Neben- und Zusatzschauplätzen versieht, die vieles an der Geschichte glaubhaft machen und mich durch das Buch ziehen.

Fabian Neidhardt «Immer noch wach», Haymon, 2021, 268 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-7099-8118-4

Alex verlor als Kind seinen Vater durch Krebs. Und weil er damals zuschauen musste, wie dieser „verendete“, war ihm mit einer fast identischen Diagnose klar, dass er sein Sterben seiner Umgebung nicht zumuten will. Seine Mutter verstummte nach dem langen und qualvollen Sterben seines Vaters, reagierte auch Jahre später nicht auf Alex Fragen, auch dann nicht, als ein neuer Mann ins Leben seiner Mutter trat und dieses auch nachhaltig beschädigte, als sich herausstellte, dass Alex Mutter nur Affäre war. Alex Mutter stirbt, Alex verliert seine Familie. Alles, was ihn hält, ist Bene, sein Freund, den er seit seiner Sandkastenzeit mit sich weiss und Lisa, die er bei einem Festival kennenlernt und die Monate später vor seiner Wohnung steht und um Asyl bittet. Alex, Lisa und Bene werden Freunde, gar mehr, denn was zwischen den dreien passiert, lässt sich nicht so leicht in Freundschaft oder Liebe einordnen. Und als die drei zusammen einen Traum verwirklichen und an einer Kreuzung in der Stadt in den Räumen einer ehemaligen Metzgerei das Café „Türrahmen“ eröffnen. Alles entwickelt sich prächtig, bis Alex hinter der Theke zusammenbricht und seine Freunde ihn ins Spital bringen.

Der Roman lässt sich in drei Teile gliedern. Im ersten Teil muss sich Alex mit der Diagnose und seinen Konsequenzen auseinandersetzen, mit den Fragen seines Sterbens. Im zweiten Teil ist Alex ein „Gast“ im Sterbehospiz, einer der Erwartenden und begegnet den Kerzen, die vor den Zimmern der Verstorbenen brennen. Und im letzten Teil des Romans ist Alex auf Reisen, nicht mit der Liste der Dinge, die er noch tun will, sondern mit der Liste der Dinge, die all jene nicht mehr tun konnten, die Alex im Hospiz sterben sah. Alle drei Teile sind durchsetzt von Erinnerungen an seine Vergangenheit und Gegenwart, an die Begegnungen mit den Menschen, die sein Leben ausmachen.

Zugegeben, das Urteil über die Lektüre drohte immer wieder ins Negative zu kippen. Vielleicht wäre ein Lektorat gut bedient gewesen, wenn man die Handlung abgespeckt hätte. Die Fehldiagnose allein, die Rückkehr in ein verlassenes Leben, das Wiederauftauchen dort hätte für Fragen und Dramatik gereicht. Trotzdem ist Fabian Neidhardt Roman gute Unterhaltung und des Autors Schreibe ein Versprechen!

Interview

Du bist in etwa so alt wie dein Protagonist, der nach Untersuchungen erfahren muss, dass er wohl nicht mehr lange leben wird, dass sein Tumor im Bauch ein tödlicher ist. Meist sind Sterben und Tod in deinem Alter weit weg. Ich erinnere mich zumindest an meine Zeit zwischen 30 und 40. Ist dein Denken und Handeln dem Sterben und Tod gegenüber ein anderes geworden?
Ich habe meine halbe Jugend auf einem Friedhof verbracht, weil das Haus meiner Eltern dort steht. Und schon relativ früh war ich auf Beerdigungen meiner erweiterten Familie. Ich glaube, dass sich mein Handeln und Denken durch die Arbeit an dem Roman vertieft haben. Aber wäre nicht schon vorher ein Interesse und Auseinandersetzen da gewesen, hätte ich diese Geschichte so nicht verfolgt und ausgearbeitet.

Du warst für deinen Roman eine Woche lang in einem Sterbehospiz. Erstaunlich genug, dass man dich an einen solchen Ort lässt, da die Menschen dort ja wohl nur ungern zu Recherchezwecken „verwendet“ werden. Aber du schaffst es, das letzte Sein dort mit grossem Respekt zu schildern. Kein Mensch bezweifelt die Notwenigkeit solcher Institutionen. Aber sind sie nicht auch die Zeichen einer Zeit, in der man sich mit dem Sterben und dem Tod nicht auseinandersetzen will?
Total. Und Zeichen eines Systems, in dem für Effektivität auf Menschlichkeit verzichtet wird.

Mit einem Mal steht Alex sein ganzes Leben noch einmal offen. Das alte hat er zurückgelassen. Ein neues steht mit fast allen Optionen offen. Und doch kehrt er zurück, obwohl von seiner eigentlichen Familie ausser Erinnerungen nichts mehr geblieben ist. Warum ist es unrealistisch zu glauben, man würde dann einen absoluten Neustart beginnen?
Einerseits finde ich, dass in dem alten Leben eben doch viel geblieben ist: Seine selbstgewählte Familie, sein Lebenstraum und Menschen, denen er wichtig ist. Andererseits finde ich es überhaupt nicht unrealistisch, dass Menschen genau diesen Neustart beginnen. Im Gegenteil: Wie viele Menschen haben beispielsweise Kriegswirren genau dafür verwendet? Allein in der Geschichte meiner Familie ist das mehrfach passiert. Aber für Alex ist es nicht der Weg.

Während den Tagen, in denen du selbst das „Leben“ in einem Sterbehospiz begleitet hast, ist dir eine Person ganz offensichtlich speziell ans Herz gewachsen. Jemand, der als Imago auch in deinem Roman vorkommt. Wie war die Annäherung nicht als „Sterbender“, sondern als Schreibender?
Emotional aufwühlend und nachhaltig beeindruckend. Eine Woche lang bin ich Abends nach Hause gekommen, habe meiner Freundin erzählt, was ich erlebt habe, habe mich in den Schlaf geweint und bin am nächsten Morgen wieder hingegangen. Mehrmals befand ich mich in Situationen, in denen ich meine persönliche Grenze überschritten und das in den Momenten auf eine journalistisch distanzierte Art realisiert habe. Wie du ja selbst anmerkst, hatte ich nicht nur dieses erstaunliche Glück, dass die Hospizleitung mich hat eine Woche lang mitarbeiten lassen, sondern dass auch fast alle GästInnen und alle Menschen, die dort arbeiten, sehr offen mit mir umgegangen sind. Im Gegenzug habe ich aber auch alle Fragen, die mir gestellt worden sind, sehr offen beantwortet. Vielleicht ist das die kurze Antwort auf deine Frage: Indem ich diesem Vertrauensvorschuss mit sehr viel Vertrauen entgegengetreten bin, oft schmerzhaft offen. 

Bist du wie dein Protagonist ein Mensch der Listen?
Nein. Doch, klar, manchmal schon. In einigen Momenten helfen mir Listen, das Chaos in meinem Kopf in eine Struktur zu bringen und Dinge zeitweise auszulagern. Aber haben nicht alle Menschen ein Fable für Listen? Wenn man sich all die Top-Listen im Internet ansieht, könnte ich das meinen.

Gibt es ein Buch, das dich in den letzten Wochen und Monaten nicht in Ruhe gelassen hat? Und warum?
Irgendwo auf jeden Fall das nächste, das ich schreiben möchte. Und dann, weil mich die Geschichten nachhaltig beeindrucken, die Kurzgeschichten von Ted Chiang, dessen Gesamtwerk Ende 2020 erstmals komplett auf Deutsch im Golkonda Verlag erschienen ist. Ich habe einige von ihnen schon auf englisch gelesen und freue mich nun auf die deutsche Version. Weil Chiang in kurzen Texten unglaublich krasse Gedanken und Ideen verarbeitet und die, die ich gelesen habe, mein Denken verändert haben.

© Daniel Gebhardt

Fabian Neidhardt schreibt mit links, seit er einen Stift halten kann, und erzählt Geschichten, seit er 12 ist. 1986 als erster von vieren in eine polnisch-italienische Familie geboren, lebt in Stuttgart. Nach dem Volontariat beim Radio studierte er Sprechkunst und Kommunikationspädagogik an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart und Literarisches Schreiben am Literaturinstitut Hildesheim. Bis Mai 2019 absolvierte er die Ausbildung zum Storyliner bei der UFA Serienschule in Potsdam. Seit 2010 sitzt er als Strassenpoet mit seiner Schreibmaschine in Fussgängerzonen und schreibt Texte auf Zuruf. 2019 entwickelte er den Prosaroboter, der auf Knopfdruck Geschichten ausdruckt. 2020 ist er Stipendiat des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

«Die Vielleicht-Ära», ein TEDx-Beitrag

Fabian Neidhardts Blog

Beitragsbild © Sara Dahme

Sepp Mall «Holz und Haut», Plattform Gegenzauber

Liebeslied morgens

Wenn die Nacht dann / fällt
sind es gleich Millionen km
im Quadrat
Wie sollen zwei Zeilen / dies alles
durchmessen
mit ihren Zollstöckchen und Vers-
mäßchen
Wer Glück hat / hält
sich an den Rand der Dateien
(in den Dämmerschleifn der Ufer)
hofft dort deine Lippen zu
finden (um 5 Uhr morgens)
: die Landmassen des Tags
Wo sonst / lässt sich auf-
tauchen
im ersten Licht sich schütteln
wie ein Hund
: allem Unheil entronnen

 

Weiter nichts

Ein (Jänner) Tag / der hinausläuft
ins Grau
Wir trinken aus Leichtsinns-
Tassen / ver-
steckn uns hinter Kosenamen
Warum nicht (alles) aufzählen
die vertanen Jahre
all die entglittnen / Möglichkeiten
: und plötzlich alles hergeben wollen

Auf deinen Wangen Granatapfel-
farbn
und im Hecheln der Sekunden
(Liebesschwüre)
: wieder warten auf Schnee

 

Rien

Wir aßen zu Mittag
aßen zu Abend
Nichts als ein Hinhalten der Stunden

Dann irgendwann / das Zu-
nachten buchstabiern
lentement (Silbe für Silbe)
Und dein Kopf in meinem Schoß
: Nichts / nichts
über die Städte zieht Rauch
Flüchtig / wie alles

 

In die Nacht

Das Versprechen / sich nicht
aus den Augen zu verliern
Die Sträucher / die sich ducken im Wind
Und Schnee / der auf Felder fällt
(in glänzende Ackerfurchen)
Weit draußen die Häuser zusammen-
gedrängt

Schritt für Schritt verliern die Bilder
an Farbigkeit
verblassen im milchigen Licht
im Flockengestöber / das übers Hirn
zieht
: doch noch / ist es nicht

 

Sepp Mall «Schläft ein Lied», Haymon, 2014, 80 Seiten, CHF 24.90, ISBN 978-3-7099-7142-0

Sepp Mall, geboren am 1955 in Graun/Südtirol, lebt und arbeitet in Meran. Autor, Lehrer und Herausgeber. Schreibt vor allem Lyrik und Romane, ist aber auch als Übersetzer sowie mit Hörspielen und Theaterstücken an die Öffentlichkeit getreten. Diverse Preise und Stipendien, u.a. Meraner Lyrikpreis 1996. Für die Arbeit an dem Gedichtband „Holz und Haut“ (2020) erhielt Sepp Mall das Grosse Literaturstipendium 2017/18 des Landes Tirol.

Im kommenden Herbst erscheint bei Haymon neu: «Holz und Haut» Gedichte.

Beitragsbild © Claudia Pircher

Von Nähe und unsäglicher Distanz; Andreas Neeser im Literaturhaus Thurgau

Nachdem ich im Frühsommer 2014 Andreas Neesers Roman „Zwischen zwei Wassern“ unmittelbar nach einem Buch von Haruki Murakami gelesen hatte, musste ich den Autor unbedingt kennenlernen. So sehr mich der Erzählband Murakamis enttäuschte, so sehr faszinierte mich der Roman des 1964 geborenen Aargauers. Ich reiste von Amriswil nach Rothrist, an eine Lesung in der Bibliothek des Ortes. Eine denkwürdige Begegnung, denn seither begleitet mich das Schreiben und Wirken des Autors in seiner ganzen Vielfalt.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Andreas Neeser ist Erzähler, Romancier, Lyriker, Performer und vieles mehr in einem. Vor allem ist er ein Schriftsteller, der sich unglaublich nahe an seine Personen schreibt. Ein Autor, der die Musik in der Sprache liebt, ihren Klang, ihren Sound. Vielleicht ist dies eine Erklärung, dass Andreas Neeser sich in den letzten Jahren auch immer wieder der Mundart widmete. Und dabei nehme ich das Wort Mund-Art ganz wörtlich.

Ausgerechnet in diesem Frühjahr erschienen nun gleich zwei Romane; bei Haymon das Buch „Wie wir gehen“ und beim Zytglogge-Verlag der Mundart-Roman „Alpefisch“. Ausgerechnet in einer Zeit, in der keine Lesungen stattfanden, keine Festivals. In einer Zeit, in der die Buchverkäufe in den Keller rutschten und SchriftstellerInnen und Verlage in Existenznöte gerieten, Nöte, die noch längst nicht ausgestanden sind.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

«Wie wir gehen», Haymon Verlag Innsbruck: Was geschieht, wenn man es versäumt, eine gemeinsame Sprache zu finden? Wenn man sich trotz aller Liebe fremd bleibt? Monas Vater hat Krebs. Die Nähe zu ihrem Vater, die ihr ein Leben lang verwehrt blieb, gelingt ihr auch jetzt nicht herzustellen. Die Nähe zu all jenen, die ihr nahe stehen sollten; zu ihrer bald erwachsenen Tochter Noëlle, ihrem verloren gegangenen Mann, ihrer Aufgabe in ihrem Beruf. Was zwischen Mona und ihrem Vater steht, sind all die Geschichten davor, das Gift in den Generationen und die Unfähigkeit, Worte dafür zu finden. 

Mona drückt ihrem Vater ein Diktiergerät in die Hand und fordert ihn auf zu erzählen. All das, was über die Jahrzehnte ins Schweigen fiel, was vielleicht verständlich gemacht hätte. So wie jedem Konjunktiv ein scheinbares Versäumnis vorangeht. So wird ein Diktiergerät die Tür zu einem verschütteten Leben, zu mehreren verschütteten Leben, jenem des Vaters, der Tochter, des einstigen Mannes und der Geschichte von Mona selbst.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

«Alpefisch», ein Mundart-Roman, Zytglogge Basel: Eine junge Frau, Jus-Studentin, ein junger Mann, Heilpädagoge. Sie lieben sich. Sie brauchen sich. Aber weil Liebe Nähe ist, bricht in dieser Nähe bei beiden das auf, wovor sie sich lieber verschliessen würden, beginnt aus Liebe Kampf zu werden, an dem beide zu zerbrechen drohen. Andreas Neeser lotet aus, was sonst nur Schatten wirft.

Beide schleppen den Tod mit sich, Brunner jenen seines Bruders, der vor seinen Augen von einem Lastwagen weggerissen wurde, Kathrin den partiellen Tod ihrer selbst, das Wegsterben ihrer Leichtigkeit, ihrer Hoffnung, den Würgegriff eines nicht enden wollenden Alps. Brunner kämpft gegen seine Machtlosigkeit genauso wie Kathrin.

© Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Literatur am Tisch: Andreas Neeser

Ein grosser Tisch, darauf Leckereien und Wein, rundum Gäste, dazwischen Bücher. «Literatur am Tisch» hat Tradition; Angelika Waldis, Bettina Spoerri, Jens Steiner, Hansjörg Schertenleib, Patrick Tschan u. a. waren schon Gäste am Tisch in Amriswil. Andreas Neeser brachte seine beiden neuen Romane «Alpefisch» und «Wie wir gehen» mit an den Tisch.

Es gibt sie, die Menschen, die lesen. Jetzt in Zeiten einer Pandemie vielleicht immer mehr. Lesen kann aber weit mehr als blosse Unterhaltung sein, denn Bücher stellen Fragen. Bücher öffnen Türen. Bücher setzen einen Spiegel vor. Und wer nach der Lektüre sein Buch nicht einfach ins Regal schieben möchte, wer sich mit all dem, was hinter dem Papier verborgen ist, auseinandersetzen und gleichzeitig Gemeinschaft geniessen will, ist bei Literatur am Tisch genau richtig.

So richtig, dass ich in meiner Amtszeit als Programmleiter Literaturhaus Thurgau in Gottlieben am Seerhein dieses Format mit ins Programm des Literaturhauses bringen will. Nicht nur weil das Format eine einmalige Gelegenheit ist, einer Autorin oder einem Autor zu begegnen, sondern weil auch die Schreibenden das Format «geniessen». Nur selten bekommen SchriftstellerInnen wie Andreas Neeser die Rückmeldungen zum Buch so direkt, so emotional und ehrlich zu hören, wie bei Literatur am Tisch. Im Gegensatz zu einer Lesung sitzt man mit den Künstlern am Tisch, auf Augenhöhe, denn SchriftstellerInnen sind nichts ohne ihre LeserInnen.

«Literatur am Tisch bei Gallus und Irmgard Frei-Tomic – das ist ein bisschen wie fliegen. Wenn ein knappes halbes Dutzend Leserinnen und Leser über ein Buch reden, unverkopft und unverkrampft, ehrlich und auf Augenhöhe, dann stellt sich ein Gefühl ein, als setze die Schwerkraft aus. Für zwei, drei Stunden. Eine wunderbare Leichtigkeit, die man gerade als Autor selten empfindet.
Ich wünsche Gallus und Irmgard, dass Sie noch lange die Kraft haben, Menschen auf diese Art und Weise das Gefühl vom Fliegen zu ermöglichen!» Andreas Neeser

Ich danke Andreas Neeser und der Runde um den Tisch für den unvergesslichen Abend!

Rezension zu «Wie wir gehen» auf literaturblatt.ch

Eine Rezension zu «Alpefisch» folgt!

Fotos © Sandra Kottonau

Andreas Neeser «Wie wir gehen», Haymon

Monas Vater hat Krebs. Die Nähe zu ihrem Vater, die ihr ein Leben lang verwehrt blieb, gelingt ihr auch jetzt nicht herzustellen. Die Nähe zu all jenen, die ihr nahe stehen sollten; zu ihrer bald erwachsenen Tochter Noëlle, ihrem verloren gegangener Mann, ihrer Aufgabe in ihrem Beruf. Was zwischen Mona und ihrem Vater steht, sind all die Geschichten davor, das Gift in den Generationen und die Unfähigkeit, Worte dafür zu finden.

Es gibt Momente, die alles in Frage stellen, die einem aus der gewohnten Sicherheit kippen. Monas Vater droht zu sterben. Und mit ihm all die Geschichten, von denen sie weiss oder ahnt oder auch keine Ahnung hat. Die Geschichten, die aus ihrem Vater jenen Johannes machten, den sie als Vater zu lieben versucht. Und zwar nicht einfach, weil er ihr Vater ist. Sie möchte ihn lieben wie damals als Kind, uneingeschränkt. Mit dem Tod eines nahen Menschen sterben Geschichten, das Verstehen, all die Leben dahinter, die mit jeder Generation zurück im Nebel des Vergessens entschwinden.

Mona drückt ihrem Vater ein Diktiergerät in die Hand und fordert ihn auf zu erzählen. All das, was über die Jahrzehnte ins Schweigen fiel, was vielleicht verständlich gemacht hätte. So wie jedem Konjunktiv ein scheinbares Versäumnis vorangeht.

Andreas Neeser erzählt die Geschichte von Johannes, erzählt das, was viele mitnehmen, wenn sie gehen, sei es eine Scheidung oder der Tod. Erzählt von einem Leben als ungeliebter Sohn, verdingt an den reichen Onkel, der auf der anderen Talseite den grossen Hof bewirtschaftet. Von der Armut, die wie eine unheilbare Krankheit an der Familie klebt, sie nicht aus dem Würgegriff lässt. Wie Johannes, obwohl man ihn als Arbeitskraft schätzt, überzählig bleibt, keinen Platz findet, schon gar keine Liebe, auch dort nicht, wo sein Zuhause sein müsste.

Trotz Tuberkulose findet Johannes den Tritt, davon überzeugt, dass das Leben ein steter Kampf, niemandem zu trauen ist. Er findet Arbeit in der Fremde, bei den Bauarbeiten zum Grand-Dixance-Staudamm, wird Schweisser. Aber erneut von der Tuberkulose zurückgeworfen, schrammt er nur ganz knapp am Tod vorbei. Was Johannes in seiner Familie nie erfährt, vermag er auch in seiner Familie den Kindern nicht zu schenken, Mona, seiner Tochter nicht und schon  gar nicht Martin, seinem tot zur Welt gekommenen Sohn, der für die Eltern zum Trauma wird, das alles überschattet.

Andreas Neeser erzählt von Noëlle, Monas Tochter, die miterleben muss, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, wie Noëlles Vater nach einem Raubüberfall in sein Goldschmiedeatelier den Boden unter den Füssen verliert, nicht nur wirtschaftlich. Wie Mona zur Projektionsfläche wird, es niemandem Recht zu machen versteht, nicht ihrem Vater, der ihr zu entgleiten droht, nicht ihrer Tochter, die nicht verstehen will und kann, nicht den Menschen, die sie beruflich zu betreuen hat, die einer Heimat entflohen, viel weiter als Mona, die die ihre in Sichtweite zu verlieren fürchtet.

Wie nahe kommt man den Nächsten? Wie zu einem Vater, zu einer Mutter? Braucht es Krankheit und Tod, um jene Nähe zurückzugewinnen, die man ein Leben lang Stück für Stück verliert? Wie gross muss der Schmerz sein, bis die Wunde aufreisst? Wie viel Leben versäumt man, wenn man den tiefen Schmerz in seinem Leben unausgesprochen mit sich herumschleppt? Väter und Mütter sind nie weg, nicht wenn sie sich für immer verabschieden, nicht wenn sie verschwinden, nicht wenn sie sterben. Mona verliert ihren Vater, genauso wie Noëlle den ihren. Aber Väter bleiben. Fragt sich nur wie.

Andreas Neeser erzählt in seiner gewohnt gekonnten Art, webt ein dichtes Netz, öffnet Türen, die er manchmal nur einen Spalt offen lässt, lotet nicht aus, tut genau das, was das Leben auch macht. Er erklärt nicht, öffnet sacht, manchmal nur unvollständig, bewusst lückenhaft. Andreas Neeser erzählt von Familie, diesem zarten Gefüge, das lebenslangen Schmerz und tiefsitzende Verletzung bedeuten kann.

Fast zeitgleich erscheint Andreas Neeser erster Mundartroman «Alpefisch». Nach mehreren Sammlungen mit Kurzprosa, die unter den Titeln «No alles gleich wie morn» (2009), «S wird nüme, wies nie gsii isch» (2014) und «Nüüt und anders Züüg» (2017) sein erster buchfüllender Mundartroman wieder bei Zytglogge.

© Ayse Yavas

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses Lenzburg. Seit 2012 lebt er als Schriftsteller in Suhr. Für sein formal und inhaltlich vielfältiges Werk wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen und Preisen bedacht.
Mitglied von Autor/innen der Schweiz (AdS), Deutschschweizerisches PEN-Zentrum und VAA. Mitglied der Jury für den Franz-Tumler-Preis.

Kurzgeschichte «Mücken» von Andreas Neeser auf der Plattform Gegenzauber

Rezension von «Nüüt und anders Züüg» auf literaturblatt.ch

Andreas Neeser liest am Literaturfestival Wortlaut St. Gallen sowohl aus seinem Roman «Wie wir gehen» wie auch aus seinem Mundartroman «Alpefisch».

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Beitragsbild © Lea Frei