Alex Capus «Querfeldein», Hanser

Ein Roman, der vor Erzähllust sprüht. Wer Alex Capus kennt, wer bereits von ihm gelesen hat, ihn vielleicht sogar einmal live erlebte, wird sich bestätigt fühlen; ein Geschichtenerzähler wie er im Buch steht, in seinen. Einer, der mit grosser Geste erzählt, der seine Held*innen liebt, Menschen, ihre Geheimnisse, ihre Eigenheiten, ihre Abgründe.

Moskau liegt nicht weit vom Rhein, im Kanton Schaffhausen, nahe an der Grenze zu Deutschland. Nicht nur in der Fantasie von Alex Capus, sondern tatsächlich. Direkt an der Grenze steht das Gasthaus zur Moskau, der Dreh- und Angelpunkt des neuen Romans des grossen Geschichtenerzählers. Wie kaum ein anderer Autor sprudelt Capus in seiner Erzählfreude und Figurenzeichnung. Der kleine Ort an der Grenze wird zum lebendigen Schauplatz einer Familiegeschichte, eigenwilliges Personal verwandelt den stillen Ort, das Gasthaus, das Arnold bauen liess zu einem Stück Welttheater, eine Bühne, auf der sich die Wirren der Zwischenkriegszeit spiegeln, die Transformation einer Gesellschaft, der Wandel einer Zeit in grosser Unsicherheit.

Bis sich Arnold mit dem Gasthaus zur Moskau sesshaft machte, war er einer, der stets von Ort zu Ort, von Arbeitgeber zu Arbeitgeber weiterzog. Nicht weil er sich nicht festlegen wollte, sondern weil er den Trott, die lebenslange Wiederholung fürchtete. Aber mit einer Glückssträhne im Casino zu Geld gekommen, baut er sich an der Grenze zu Deutschland ein Gasthaus, vielleicht doch eine Idee davon, dereinst sesshaft zu werden. Und weil er im nahen Weiler Moskau, unweit von Ramsen die Witzbolde nicht zum Schweigen bringt, mahnt er den Schriftenmaler im letzten Augenblick nicht „Eintracht“, sondern „Zur Moskau“. Irgendwie Programm für einen Mann, der sich nicht festlegen will, für eine Gegend, wo auch „Petersburg“ nicht weit davon liegt, am Ende der Welt.

Alex Capus «Querfeldein», Hanser, 2026, 290 Seiten, ISBN 978-3-446-28564-4

462 510 Mark liegen auf seinem Konto. Eine Summe, die ihn ein Leben lang frei leben liess, die es ihm möglich machte, sämtliche Rechnungen in Bar zu bezahlen, was ihm wiederum den Respekt all jener brachte, die er für eine Leistung zu bezahlen hatte. Und als dann mitten im Winter eine Herde Wildpferde über die Grenze am Gasthof vorbeikam, vorneweg ein mächtiger Fuchshengst mit weissem Stern auf der Stirn, auf ihm eine junge Frau, ohne Sattel, bloss auf einer feldgrauen Wolldecke. Eine Erscheinung, von der sich Arnold nicht mehr zu lösen vermochte. Eine junge Frau, die am Ende der Welt eine neue Zeitrechnung einleutete. Die Amazone hiess Betty. Arnold und Betty werden sich schnell einig. Vier Monate später wird Hochzeit gefeiert, auch wenn Arnold mit keiner Silbe erfährt, woher seine Frau kommt. Er kennt nicht einmal ihren Familiennamen. An der Hochzeit ist kein Gast von ihrer Seite, dafür wird umso flotter und mitt viel Musik auf seiner Seite die Hochzeit gefeiert.

Dass Betty nicht ins Muster all jener Frauen passt, die den kleinen Ort im Schaffhausischen bewohnen, wird noch einmal klar, als wenig später das erste Kind zur Welt kommt. Dieses Baby gehört mir. Das weisst du und das weiss ich. Wahrscheinlich werden wir noch weitere Babys haben, dann wird eines vielleicht deines sein. Aber dieses hier ist meins. Kein Wunder ist auch die Erstgeborene Clara ein besonderes Kind. Kaum kann sie laufen, macht sie sich auf, für Stunden, später für Tage. Später holt sich Clara von jedem im Dorf den Respekt. Manch einer bekommt blaue Flecken und wagt es nicht mehr, ihre Nähe zu suchen.

Aber auch Clara findet jemanden; Hermann, den Bären. Einen Schmugggler, der sich auch von der braunen Grenzwacht nicht abschrecken lässt. Hermann wird schnell Teil der Familie, auch wenn sein Schnarchen vom Schopf nebenan bis ins Gasthaus zu hören ist. Aber Hermann macht Clara glücklich. Und tröstet auch Arnold, als sich Betty eines Tages aufmacht auf ihrem Pferd und verschwindet.

„Querfeldein“ ist mit derart viel Leichtigkeit und Freude erzählt, dass die Lektüre trunken macht. Ich staune über die Purzelbäume, die er schlägt. Auch wenn der Stoff in einen historischen Kontext gestellt ist, auch wenn es die Orte, das Haus am Ende der Welt gibt, drängt sich die Frage, ob das nun wahr sei, kein einziges Mal auf. Was erzählt wird, ist immer wahr, weil es genau so unwahr ist, wie alles Nacherzählte, dass durch Geist, Herz und Leib eines Erzählers oder einer Erzählerin gegangen ist. Mag sein, das Alex Capus in kein Muster helvetischen Erzählens passt. Wenn er erzählt, erinnert er mich an den grossen Schweizer Geschichtenerzähler André Kaminski (1923 – 1991), der es meisterlich verstand, mit der grossen Kelle anzurichten. Köstlich! 

Interview

Moskau liegt nicht vor deiner Haustür. Wie kam die Geschichte zu dir?
Ich bin unermüdlich gern in Brockenstuben und auf Flohmärkten unterwegs, krame dort in alten Sachen, die ich gar nicht brauche. In meinem Alter – ich werde 65 – hat man ja alles und sollte sich eher von Sachen lösen als sich neue zulegen. Irgendwo bin ich dann wohl auf diese Ansichtskarte des Gasthofs zur Moskau gestossen – wo das war, weiss ich nicht mehr. Was ist das denn, habe ich mir gedacht, wieso Moskau und warum in Ramsen. Eine erste Google-Suche hat mich zu Stefan Kellers schönem kleinen Band «Bildlegenden» geführt, in dem auch Hermann Webers Geschichte skizziert ist, und von da ging es weiter zu den Dissertationen und Artikeln von Historikern (u.a. Franco Battel: «Wo es hell ist, da ist die Schweiz»). Und dann bin ich natürlich selbst noch in die Archive gestiegen und habe Ramsen und Singen besucht.

aus «Bildlegenden» von Stefan Keller, Rotpunkt, 2016, Archiv Stefan Keller

Alle Protagonist*innen in deinem Roman sind starke Persönlichkeiten, Menschen, die sich nicht gerne einordnen und unterordnen lassen. Rebell*innen. Wahrscheinlich triffst du mit der Schilderung dieser Personen auch einen Nerv deiner Leser*innen. Eine ungestillte Sehnsucht, heimliche Versäumnisse. Oder steckt in deinem Personal ganz viel Alex Capus?
Die Figurenzeichnung ist natürlich fiktional, sie lässt sich kaum aus Parlamentsakten und Verhörprotokollen entnehmen. Und ja, ich zeichne Figuren, die mir gefallen, die mir entsprechen und über die ich etwas zu erzählen weiss. Insofern ist gewiss viel von mir in ihnen.

Es sind Menschen, die genau das tun, was sie wollen. Deine Protagonist*innen schlittern nicht einfach in ein Leben, in eine Existenz. Sie folgen ihrer inneren Stimme. Sie leben ein Leben, das sich nicht nach Normen richtet. Ist dein Roman auch ein Statement für weniger Anpassung? Das Rebellische in sich nicht zu verlieren?
Gerade in der heutigen Zeit, in der Milliardäre und Autokraten die Welt nach Belieben beherrschen zu dürfen glauben, ist das Signal wichtig, finde ich, dass auch in einem kleinen Dorf wie Ramsen eine Handvoll Menschen sich machtvoll gegen die Diktatoren erheben können. Diese Asterix-Geschichte in dem Buch ist mir sehr wichtig.

Wie sehr bist du bei diesem Roman oder bei allen Romanen, die du geschrieben hast, einem Plan gefolgt?
Ich kenne jedes Mal ungefähr den dramaturgischen Bogen, dem ich folgen will. Aber wie sich das in den Details ausgestaltet, ergibt sich Schritt für Schritt, da muss ich mich vorantasten. Darum fange ich auch beim Schreiben mit Seite eins an und höre mit der letzten auf, ich kann nicht den Mittelteil zuerst schreiben und dann den Schluss und schliesslich den Anfang. Bei «Querfeldein» stellte sich mir die ganze Zeit die Frage, wie ich die Rebellion der Leute von Ramsen schildern würde, wenn ich dort anlangte. Die Lösung war dann ganz einfach – ich habe es so erzählt, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, vermutlich, wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich. Wobei es natürlich auch ganz anders gewesen sein könnte.

Die eigentliche „Hauptperson“ in deinem Roman ist der Gasthof zur Moskau, Dreh- und Angelpunkt, die Bühne in deinem Roman. Du bist selber Wirt, hast in deinem Leben viel Zeit hinter der Theke verbacht. Ein Gasthaus ist auch eine Bühne mit Auftritten und Abgängen. Manchmal erschien mir dein Roman wie ein Freilichttheater. Es blitzten Erinnerungen an Jeremias-Gotthelf-Filme und -Bücher auf. Musst du dich als Beizer davor hüten, deine Stammgäste zu zeichnen?
Ich habe tatsächlich ein Herz für Gasthöfe, Wirte und Gäste, davon verstehe ich auch etwas, und darum fällt es mir leicht, darüber zu schreiben. Danke für die Erwähnung von Gotthelf, der hat ja in «Der Geltstag» einen ganzen Roman einer liederlichen Wirtin gewidmet. Er ist 2025 bei Diogenes neu erschienen und ich durfte ein Nachwort dazu schreiben.

Alex Capus, geboren 1961 in Frankreich, studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie in Basel und arbeitete während und nach seinem Studium als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Seit 1994 veröffentlicht Alex Capus Kurzgeschichten, historische Reportagen und Romane, die in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Daneben hat er auch John Fante übersetzt. Capus lebt als freier Schriftsteller in Olten.

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Beitragsbild © Mergime Nocaj