Leander Steinkopf erzählt von einem Mann und seiner Stadt. Von einem, der die Hast gegen Langsamkeit getauscht hat, sich selbst einen Gescheiterten nennt. Von einem Mann in Berlin. Er flaniert durch die Stadt, saugt sie in sich ein. Für einmal ein Stadtneurotiker, der nicht zerbricht, nicht leidet, sich nicht quält. Einer, der offenen Auges durch die Metropole geht, der Eile entgegen, sich nie aufdrängt und so den Blick für das Feine, Unscheinbare behält, den Blick den es braucht, um ihn in einer lärmenden Stadt nicht einfach über Oberflächlichkeiten schweifen zu lassen.
«Stadt der Feen und Wünsche» ist eine Liebesgeschichte. Eine Erzählung über die Liebe zu einer Stadt, zu Berlin, einem Kosmos von Möglichkeiten, auch jener, ob man sich von ihr einnehmen lässt oder ihr begegnet, wie er den Frauen begegnet; irgendwie schüchtern, nie aufdringlich, nie entblössend.
Er ging nach Berlin und es ging ihm in der Stadt der Plan abhanden, der Plan, mit dem er sich einst in die Stadt aufmachte. Nicht als Tourist, denn Touristen entstellen eine Stadt. Sie shoppen ein paar Tage dort, wo andere zu leben versuchen. Er begegnet den Menschen und bleibt doch allein. Menschen begegnen ihm, bleiben mit ihren eigenen Geschichten aber auf Distanz.
«Ich weiss gar nicht, woran ich gescheitert bin, nicht einmal worin. Aber ich merke, dass irgendwas falsch ist mit mir.»
Die Qualitäten der Erzählung liegen nicht nur in ihrer Sprache, der Unmittelbarkeit, dem Sound. Leander Steinkopf überzeugt durch seine Ehrlichkeit, die Direktheit, jegliches Fehlen von Wehleidigkeit und Selbstzerfleischung. Leander Steinkopf weiss, dass die Gefühle des Versagens, des Nicht-wissens-wo-man-hingehört in jeder und jedem steckt.
Ein Mann, der seiner Welt, der Stadt begegnet, den Menschen, den Momenten, ohne ihr und ihnen zu nahe zu treten, schon allein darum, weil er dann die Sehnsucht vermissen würde, käme er zu nahe.
Ein Mann und Berlin, das Einzige, was den Bogen über die Erzählung ausmacht. Denn auf dem Buchumschlag müsste «Erzählungen» stehen. Einer spaziert, wandelt und schlendert durch seine Stadt, die sich Zeit lässt, die seine zu werden. Er begegnet Menschen und Momenten, lässt sie zu Miniaturen werden,
Kleinsterzählungen, manchmal nebenbei erzählt, manchmal lärmend inszeniert. Lakonisch, aber mit viel Tiefe erzählt. Keine Nabelschau, auch kein Schürfen nach Gründen, warum er eigentlich allein, eigentlich einsam, trotz der Bewegungen statisch bleibt. Es mischen sich Gedanken ein, die sich um Gesellschaft und Philosophie drehen, Gedanken, die den Protagonisten bewegen, auch in seinen Gängen durch die Stadt, aber niemals dazu, dem «Fort-Schritt» zu genügen.
Leander Steinkopf will erzählen und tut dies meisterhaft! Der Verzicht auf einen grossen Erzählbogen hilft den Miniaturen im Text, ihren Glanz zu entwickeln. So wie dem Protagonisten in seinem Leben das grosse Ganze abhanden gekommen ist, passt das Muster seiner Lebens zum Schnittmuster der Erzählung. Ein Buch, das entschleunigt – ein besonderes Buch! Unbedingt lesenswert!
«Können sie mir die Seele etwas enger machen und das Stück abschneiden, das immer auf dem Boden schleift?»
Ein Interview mit Leander Steinkopf:
„Niemand hat die Absicht, eine Geschichte zu schreiben. Es reicht, ein Leben zu leben und dessen Zerfallsprodukte in Worte endzulagern“, lamentiert ein Mann, der ihrem Protagonisten auf seinen Streifzügen durch Berlin begegnet. Genau das tun sie. Und doch schreiben sie Geschichten. Eine nach der andern, Abschnitt für Abschnitt, manche über eine Seite und mehr, andere bloss ein paar Worte lang. Ihr Protagonist sammelt sie ein, als zöge er ein Netz hinter sich her. Waren zuerst die vielen Geschichten, Beobachtungen, Begegnungen und suchten eine Form, die jetzt auf dem Buchcover „Erzählung“ heisst?
Zwei Dinge waren von Anfang an da: Eine Fülle von Beobachtungen, Gedanken, Geschichtchen in Notizbüchern und ein Grundgefühl, das ich mit der Stadt und einer bestimmten Lebensphase verbinde, nämlich jene haltlose Offenheit, aus der heraus alles möglich scheint, aber nichts gesichert ist. Es ging mir vor allem darum jenes Gefühl einzufangen und beim Leser zu erzeugen. Mein Hauptwerkstoff waren besagte Notizen, dann brauchte ich einen Protagonisten, der die Arbeit macht, die vor allem in Untätigkeit besteht, der offen haltlos, sehnsüchtig unschlüssig durch den Tag geht. Ich suchte also eine Form für ein Gefühl und dachte mir sie sollte kurz sein, eine Erzählung, damit der Leser den Rest des Tages noch etwas von diesem Gefühl hat.
Sie promovierten über den Placeboeffekt. Ihr Protagonist leidet an der Stadt, von der er nicht lassen kann. Das einzige, was ihm zu helfen scheint, sind seine Begegnungen mit Frauen. Aber auch sie sind nicht einfach kleine Liebesgeschichten, auch sie helfen ihm nicht, richten ihn höchstens auf. Er krankt nicht nur an der Stadt, auch an der Gesellschaft und vor allem sich selbst. Da hilft nichts mehr. Ist ihr Protagonist verkümmert? Ein einsamer Leidender?
Eben sagte ich noch, es ginge mir vor allem um ein Gefühl. Worum es mir aber natürlich auch geht, so selbstverständlich und jederzeit, dass ich es manchmal zu erwähnen vergesse, ist die Gegenwart. Ein Stück weit lebt der Protagonist seinen Traum, denn er schätzt die Schwere und die Süße der Sehnsucht und verweigert sich deshalb der Erfüllung. Das macht unglücklich, aber irgendwie will er das auch. In anderer Hinsicht verkörpert er gewisse Leiden der Gegenwart und, wenn man so will, kann man das als Verkümmerung betrachten. Er zweifelt so sehr an sich, dass er die Zuneigung anderer nicht annehmen kann. Sein Empfinden eigener Wertlosigkeit kompensiert er, indem er andere abwertet. Er will nirgends dabei sein, will sich nicht einordnen, weil er sich dann nicht mehr einzigartig fühlte. Es ist eine konzentrierte Form des Narzissmus, der die Menschen der Gegenwart plagt. Man übersetzt Narzissmus gerne mit Selbstverliebtheit also einem Zuviel, aber – und hier spricht vielleicht der promovierte Psychologe – es ist ein Mangel. Man empfindet sich als ungenügend, meint nicht für sich selbst sondern nur für seine Leistungen liebenswert zu sein, glaubt einen grandiosen, undurchdringlichen Schein aufrechterhalten zu müssen, damit niemand das kümmerliche Dahinter entdeckt. Und, ja, das kann auch zum einsamen Leiden führen, weil man sich niemandem so recht öffnen kann. Aber trotzdem, trotz all dieser Macken ist der Protagonist glücklich, denn er hat Menschen, die ihn so nehmen, wie er ist, und in manchen Momenten kann er sich selbst auch so annehmen. In so einem Moment endet auch das Buch.
Es sind lange Spaziergänge. Ein Mann geht durch die Stadt. „Er behütet sein Alleinsein“, schreiben sie. Er wohnt alleine. WGs sind im zuwider. Er wandelt durch die Stadt, trifft die Leserin mit dem Buch (auch so eine aussterbende Rasse), Dostojewski in der Bar, dem biertrinkenden Bettler nach Feierabend in der U-Bahn. Sind sie ein Spaziergänger? Trifft man Sie in der Stadt auf Bänken sitzend, in ein kleines Büchlein schreibend?
Zunächst zum kleinen Büchlein: Ich benutze seit einer Weile das Format B5, Softcover, also es ist eher mittelgroß als klein. Spaziergänge der entdeckerischen Art mache ich kaum noch, was an München liegt, daran, dass ich nun schon drei Jahre hier bin und an anderen Anforderungen meines aktuellen Arbeitens. Gehen und kleine Fluchten ins Grüne sind ja eigentlich für jeden wichtig, nur ich habe in meinem aktuellen Beruf die Möglichkeit mir diese Freiheiten jederzeit zu nehmen. Wenn man im Denken nicht vorankommt, löst Gehen, Ruhe, Ablenkung die Blockade. Gehen ist nur effizient. Ich kann mich stundenlang am Arbeitsplatz mit einer Stelle quälen. Oder ich gehe kurz raus und das meiste ist gelöst. Ich beobachte natürlich noch, nehme sehr viel meiner Umwelt auf, aber ich habe gerade andere Prioritäten bei dem, was ich schreibe. Für meine Zeit in Berlin gilt ihre Vermutung viel mehr – und darauf bezog sie sich ja auch. Da war sogar auch mein Notizbuch kleinformatiger.
Ihr Protagonist heisst sich selbst einen, der gescheitert ist. Ein Enttäuschter, Zurückgezogener, Einsamer mitten in der Millionenmetropole Berlin. Aber statt in Weltschmerz und einer endlosen Nabelschau zu verfallen, scheint sein Blick auf die Welt trotz allem ein heiterer zu bleiben. Ist Heiterkeit ein probates Mittel gegen all den Schwachsinn, der rund um uns sein Unwesen treibt?
Heiterkeit ist ein gutes Wort, denn allzu oft, wenn behauptet wird, man solle die Welt mit Humor nehmen, dann ist Ironie und letztlich Zynismus gemeint. Ich sehe gerade zu viel Ironie, zu wenig Ernsthaftigkeit, kluge Menschen, die ihre Kraft, Arbeit, Hoffnung, Liebe an den nächsten Scherz auf Twitter verschenken, dann menschliche Annäherungen als Abtausch von Frotzeleien, Unterhaltungen als Schlagfertigkeitsschlachten zur Vermeidung echten Gesprächs. Es ist eine Epidemie der Coolness, weil Ernst und Bestimmtheit angreifbar machen, siehe oben: fragiles Selbst. Ein anderes Phänomen unserer Zeit oder eine andere vorherrschende Verhaltensweise ist das ständige Entdecken von Krisen und Katastrophen. Manche scheinen sich ja bedeutsam zu fühlen in diesem permanenten Alarmmodus, Selbstwert daraus zu schöpfen, zum Kämpfen bereit zu sein in diesen gefährlichen Lagen. Aber letztlich glaube ich, dass die heiter Gelassenen die Welt täglich retten, nicht die Krisenprediger mit dem Blaulicht auf dem Kopf. Es ist doch eigentlich ganz nett hier.
In ihrer Erzählung machen sie sich viele Gedanken um den Begriff der Freiheit. „Der Zaun gibt den Schweinen ein Stückchen Wald zum Grunzen und ausserhalb bin ich in die Freiheit gesperrt … Wenn man aber in die Freiheit gezwungen wird, ist da nichts, was wütend macht, ausser das eigene Unvermögen, die Freiheit zu nutzen.“ „Freiheit“ ist ein arg strapazierter Begriff. Aber ausgerechnet in einer Zeit, in der sie so nah wie noch nie ist, ketten wir uns an Manipulationen aller Art. Wo nehmen sie sich ihre Freiheiten?
Sie sind Schweizer und ich habe die naive Vorstellung von Schweizern, dass sie die Freiheit mehr schätzen, besser mit ihr umgehen können, weil sie sie schon länger genießen dürfen, von ihr schon länger gefordert sind. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Die Deutschen jedenfalls kommen mit der Freiheit nicht klar, sie brauchen die Obrigkeit, den Staat, der ihre Probleme löst. Ein Satz, den hier Politiker häufig sagen, ist: „Die Leute wollen, dass wir ihre konkreten Probleme im Alltag lösen“. Und ich denke mir: „Nein, haut ab! Das ist mein Leben!“ Und da wären wir wieder beim Selbst. Man kann die Probleme des Lebens als Herausforderungen betrachten, denen man sich als starkes Individuum stellt, dabei mal scheitert, mal gewinnt. Oder man kann aus der Freiheit flüchten, die Verantwortung anderen übertragen. Oder man kann an der Tatsache verzweifeln, dass zum freien Leben auch das Scheitern gehört. Freiheit ist eben eine große Herausforderung. Und in Deutschland wird man nun mal nicht zum Leben in Freiheit erzogen, sondern zum Angestelltendasein im Dienste der Exportnation. Ich nehme mir die Freiheit gerade nicht Teil davon zu sein. Ich will mir erlauben der deutschen Tendenz zum Einheitsdenken – In Deutschland findet ja kein Austausch von Argumenten statt, stattdessen kippen Stimmungen unvermittelt – ein paar eigene Gedanken entgegenzusetzen, mich für Vielfalt einsetzen. Ich möchte mit Lust die Freiheit auskosten, die uns der liberale Rechtsstaat schenkt. Die meisten Pflichten, die man um sich sieht, sind ja keine mehr, wenn man sie hinterfragt.
Vielen, herzlichen Dank für das spannende Interview!
Leander Steinkopf, 1985 geboren, studierte in Mannheim, Berlin und Sarajevo, promovierte schließlich über den Placeboeffekt. Er arbeitet als freier Journalist für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung», veröffentlicht literarische Essays im «Merkur» und schreibt Komödien für das Theater. Er lebt in München.
Beitragsbild © Sandra Kottonau

Umbruch. Die Angst vor dem Wolf als Angst vor der Ungewissheit, der Unberechenbarkeit, dem Wilden, den Träumen. Clemens und die junge Frau, die beiden Nachtwächter sitzen in ihrem Überwachungsraum mit all den Bildschirmen wie in einem Cockpit eines Raumschiffs. Man sucht nach dem Feind, dem Fremden, während nicht weit von der Fabrik ein junger Mann vom Himmel fällt, beobachtet von einem Jäger, der seiner Beobachtung aber erst dann traut, nachdem die Zeitung von dem Vorfall berichtet.
Gianna Molinari wurde 1988 in Basel geboren und lebt in Zürich. Sie studierte von 2009 bis 2012 Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut Biel und danach Neuere Deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Sie war Stipendiatin der Autorenwerkstatt Prosa 2012 am Literarischen Colloquium Berlin und erhielt im selben Jahr den Preis sowie den Publikumspreis des 17. MDR-Literaturwettbewerbs. Bei den „Tagen der deutschen Literatur“ 2017 in Klagenfurt wurde sie für einen Auszug aus ihrem Debüt „Hier ist noch alles möglich“ mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet.
Die Reise im Auto wird zur Tortur im Faradayschen Käfig, aufgeladen mit Emotionen, die sich nicht erden können. Betty deponiert ihren wieder erstarkten Vater in Stresa. Und weil man nun schon einmal in Italien ist, geht die Fahrt weiter nach Bellegra, einem kleinen Nest nicht weit von Rom, wo auf dem Friedhof Bettys Vater Ernesto liegen soll, «eine Liebe, die keine Verbindung mehr hatte». Ernesto hatte sich in seinem Musikerleben vor langer Zeit abgesetzt. Ein Umstand, der nichts klärte und nur immer wieder Spekulationen aufkochen liess. Betty will nun endlich Klarheit, auch darüber, ob unter der Grabplatte auf dem Friedhof wirklich ihr Vater liegt.
Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren, wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet; zuletzt war sie Stipendiatin der Deutschen Akademie Rom und im Ledig House, New York. Nach «Durst ist schlimmer als Heimweh», «Ich habe Freunde mitgebracht «und «Takeshis Haut» ist dies ihr vierter Roman. Seit 2010 veranstaltet Lucy Fricke HAM.LIT, das erste Hamburger Festival für junge Literatur und Musik. Sie lebt in Berlin.

Louis wird Butler eines Schweizer Bankiers und später Bediensteter von Sir William Stevenson, einem britischen Gouverneur auf einer Reise nach Australien. Aber dort wächst die Gewissheit, er würde so sein Leben damit verbringen, anderen zu dienen. Dies sei eine Form der Sklaverei, auch wenn sie bequem sei und ihn sättigte. Es treibt ihn weiter, zusammen mit seinem Colt Dragoon. Louis der Montesanto wird glückloser Kapitän auf einem Perlenfischerboot, strandet und verliert sich an der Küste Australiens, wo er von Aborigines «aufgenommen» wird und Jahre bei ihnen verbringt. Louis wird Vater zweier Kinder, verlässt die Ureinwohner genauso wie seine Familie, seine Kinder und landet irgendwann ausgezehrt und mit wilden Abenteuergeschichten in der Londoner High society, die nur darauf wartet, bis erkaltete Sensationen durch neue ersetzt werden.
In Gesprächen um die Qualität einer Romans muss ich immer wieder eine Lanze brechen, dafür, was die Literatur darf. Sie darf erfinden. «Lüge» wird zum
Da zieht einer aus, aus der Enge der Schweiz, aus der Vor- und Fremdbestimmung hinaus ins Abenteuer. In ihrem Roman wird Louis de Montesanto auch zu einem Prediger der Bescheidenheit, gegen den Besitz, gegen Geld und Ballast, zu einem, dem schlussendlich niemand mehr zuhört. Wie weit ist ihnen «Verzicht» angesichts dessen, was uns in den Medien vor Augen geführt wird, Herzenssache?
Ihr Roman ist eine «Ikarus-Geschichte». Wehe dem, der sich zu nahe an die Sonne wagt. So hoch hinaus, so tief der Fall. Und trotzdem lechzt die Gesellschaft heute genauso wie die Londoner Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert nach Sensationen, nach Menschen, die es wagen, Menschen, die ausbrechen, Menschen, die Sensationen verkörpern. Eigentlich wird Hans Roth alias Louis de Montesanto abgestraft für seinen Mut, seine Phantasie und seine Kompromisslosigkeit. Braucht die Gesellschaft nicht einfach doch nur die Bestätigung, dass Bravheit und Rechtschaffenheit das Mass aller Dinge sind?
Sie waren selbst lange Zeit in den verschiedensten Gegenden der Welt unterwegs. Ein Reisender mit Stift und Papier. Ist es heute nicht viel schwieriger zu reisen? Auf der einen Seite unendlich viel bequemer, aber fast nicht mehr wirklich hautnah, sich wirklich vom Bekannten entfernend?
In einem Interview erzählen Sie, dass sie eigentlich die Lebensgeschichte ihrer Tante Mary zu einem Roman verarbeiten wollten. Waren Sie auf ihren Reisen auf den Spuren ihrer Tante? Wird aus der Absicht nun doch noch ein Buch? Oder warten Sie neben ihrer journalistischen Arbeit erst mal ab, bis jemand die Filmrechte kauft?
Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. ›Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte‹ ist sein erster Roman.
die ohne Gruppe unmöglich wäre, jene absolute Leistungsbereitschaft, bei der es nur darum geht, gegen sich selbst zu siegen, wird dieses Buch nur schwer verstehen. Joachim Zelter will aber mehr als nur eine Radfahrt in die Tiefen der menschlichen Seele beschreiben. „Im Feld“ ist Metapher für ein Gesellschaft im Overdrive, über der anaeroben Schwelle. Keine Verteufelung, keine Anklage, denn der Autor kennt aus eigener Erfahrung den Lockruf jenes Zustandes, wenn der Körper weit über sich hinauswächst. Ein Zustand, der in kaum einem andern Moment besser zu er-fahren ist, als in einem Peloton (von franz.: pelote = Knäuel, im Radsport das geschlossene Hauptfeld der Radrennfahrer).
Joachim Zelter wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Von 1990 bis 1997 arbeitete er als Dozent für englische und deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Yale. Seit 1997 ist er freier Schriftsteller, Autor von Romanen, Theaterstücken und Hörspielen. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Mit dem Roman „Der Ministerpräsident“ war er 2010 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 war er Hausacher Stadtschreiber (Gisela-Scherer-Stipendium).
Wortgeistern finde ich sehr treffend…ohne den Sinn der Zeichen verstehen zu können, vermitteln sie dem Leser, der Leserin dennoch eine bestimmte Gestalthaftigkeit. Sie strahlen etwas aus.
beschäftigt, wohl weil das ja – sowohl für Jung als auch Alt – eine grundlegende Thematik ist: Womit identifizieren wir uns? Mit dem, was wir leisten? Oder gibt es da noch einen anderen Teil in uns, der – egal, wie viel wir auch leisten mögen – davon unberührt bleibt? Sehr umgetrieben hat mich u.a. auch das sog. Retired Husband-Syndrom – das späte Zeichen für einen Zusammenbruch, der eigentlich schon viel früher stattgefunden hat. Es macht die vielen nicht wieder gut zu machenden und zunächst kleinen Fehler deutlich, die in einer Ehe – aber auch in anderen Beziehungen – große Folgen haben können. 
Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr Roman Ich nannte ihn Krawatte wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.
mit Schlägen, Missachtung, allen Formen des Entzugs gestraft, von seiner Mutter schutzlos allein gelassen, weil er sie mit in den Abgrund gerissen hätte. Dorthin zurück, woher sie vor der Ehe mit Willem gekommen war: Traumatisiert vom Verschwinden ihrer Mutter während der Feuerstürme über Deutschland und ihres Vaters ins KZ Oranienburg bei Berlin. In den letzten Kriegstagen versteckte eine Nachbarin Gwendolin hinter einem Medizinschrank vor den einrückenden Russen. Danach irrte sie herum, bis ihr Vater auftaucht, ein Totgeglaubter, einst ein sprachgewaltiger Theaterkritiker. Ausgezehrt bis auf die Knochen vor ihrer Wohnungstür, nur noch ein Gespenst, ein stummes Überbleibsel dessen, was einst Familie war.
Susan Kreller, geboren 1977 in Plauen, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte über englischsprachige Kinderlyrik. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde sie 2012 mit dem Jugendbuch »Elefanten sieht man nicht« bekannt. Sie erhielt unter anderem das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium, den Hansjörg-Martin-Preis (2013) und 2015 den Deutschen Jugendliteraturpreis für »Schneeriese«. Sie arbeitet als Schriftstellerin, Journalistin und Literaturwissenschaftlerin und lebt in Bielefeld. »Pirasol« ist ihr Roman-Debüt im Berlin Verlag.
Mit der Familie geflohen aus dem Osten, vorübergehend in einem Flüchtlingslager und im Westen alles daran setzend, am Aufschwung teilzuhaben, ist das kleine Mädchen, das oft nicht will, wie man es gerne hätte, eine Last, ein Prüfstein, ein lästiger Klotz. Je länger die Kampfehe der Eltern dauert, je tiefer sich die Mutter in Abhängigkeiten von Ärzten und Medikamenten, von Beruhigungsmitteln und Diagnosen verliert, desto wichtiger wird abends die starke Hand des Vaters, die den Bengel ins Lot prügeln soll. „Das Mädchen braucht eine starke Hand.“ Und wenn das noch zu wenig ist, auch einmal eine Portion Valium aus dem Tablettensortiment der Mutter.
Birgit Vanderbeke, geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der Kasseler Universität.
“In Zeiten wie unseren hast du drei Möglichkeiten. Du kannst schreien, abhauen oder in die Hände spucken und mitanpacken.“
geschehen, wenn ein Kind stirbt? Arja Lobsigers Erstling ist ein feinfühliger Roman über den Einschlag eines Kometen, wenn nichts mehr dort ist, wo es einmal war, wenn Schäden irreparabel sind, wenn das, was zurückbleibt, ein Trümmerfeld bleibt. Arja Lobsiger hat sich für ihren ersten Roman einen schweren Stoff ausgesucht. Einen Stoff, an dem man leicht scheitern könnte. Dann, wenn sie darin ertrunken wäre, wenn sie die nötige Distanz nicht gefunden hätte. Aber Arja Lobsiger gelingt ein eindringlicher Roman über den Verlust. Nicht nur vom Verlust eines Lebens, eines Kindes, sondern vom Verlust einer Liebe, vom Verlust von Nähe und vom Verlust von Eltern. Denn so wie Alice und Jonas ihren Jüngsten verlieren, verliert Etna ihren Bruder und ihre Eltern. Jonas verliert Alice und Alice den Boden unter den Füssen.
Arja Lobsiger, geboren 1985, lebt in Nidau (Schweiz). Sie studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel Literarisches Schreiben und schloss ihr Studium 2009 mit dem Bachelor of Arts in Creative Writing ab. Anschliessend absolvierte sie an der Pädagogischen Hochschule Bern die Ausbildung zur Sekundarlehrerin. Arja Lobsiger veröffentlichte Essays und Kurzgeschichten in Zeitschriften und schrieb für den Zürcher Tages-Anzeiger einen Literaturblog. Sie ist Gewinnerin von Literaturwettbewerben, unter anderem des Berner Kurzgeschichtenwettbewerbs.