«Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen» – über «Das grosse Eis» von Sonja Sophie Kreis #SchweizerBuchpreis 26/03 (32)

Dieses Eis war anders als das Eis auf dem Gemälde, das Mutter zum Weinen brachte. Es war nicht grau, sondern schwarz, zumindest zu Beginn der Seegfrörne, und brachte den See zum Musizieren.

Lieber Gallus

Als im Januar geborener Mensch liebe ich Schnee, Eis und das Pfeifen der kalten Winde beim Wandern durch die weisse Winterlandschaft. Sogar Skitouren auf Spitzbergen durfte ich einmal geniessen. Überrascht habe ich erfahren, dass eine mir unbekannte Autorin mit «Das grosse Eis» für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde und habe das ansprechend gestaltete Buch gekauft.
Sofort ist spürbar, dass die Autorin auch bildende Künstlerin ist. Dieser Roman lebt von den eindrücklichen Bildern sowohl vom Bodensee als auch vom fernen Grönland, wohin Max, der Bruder der Erzählerin Anna sich abgekapselt hat. Er hat sich seit Kindheit mit Expeditionen in arktische Zonen beschäftigt und konnte stundenlang ein Buch mit Bildern vom Scheitern der «Endurance» im Packeis von 1914 betrachten. Die ganze autofiktive Familiengeschichte über drei Generationen spiegelt sich farbtonreich in Eis, das wunderschön leuchten, aber auch gefährlich schmerzen kann.

In der Bucht von Ilulissat haben sich im Laufe der Nacht Eisplatten unterschiedlichster Grössen gebildet. Das Meer wie die zerrissene Farbschicht eines schlecht gealterten Ölgemäldes. Weit draussen scheint es zu schneien. Weisse Vorhänge wehen dem Festland entgegen.

Die Erzählerin Anna, begibt sich auf der Suche nach ihrem Bruder Alex in die Einsamkeit eines grönländischen Hotels in Ilulissat. Dort, festgehalten in einer stürmischen weissen Landschaft, brechen viele Erinnerungen an ihre Familie auf. Als Fotografin hat sie bewusst ihre Kamera zuhause gelassen und schreibt Notizhefte voll. Was hält eine Familie zusammen? Wie erlebte die deutsche Mutter nach der Heirat mit dem schönen Schweizer Paul den eisigen Empfang am andern Ufer des Bodensees? Was bewirkte der Zweite Welt Krieg in dieser weiten Grenzregion, was die Seegfrörne 1963? Was erlebt Anna auf der Suche nach Alex in Grönland, wohin sie ihm nach dem Tod der Eltern sein geliebtes Gemälde bringen will.

Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen. Irgendwann in jenen Wochen des grossen Eises hatte er beschlossen, alles darüber lesen und wissen zu wollen… Nur Mutters Ängste mochte er nicht, und leider quoll sie davon fast über. Hinter diesen Mauern aus Ängsten, in die sie ihn durch Verbote einsperrte, lag eine unermessliche Weite.

Die Hochzeit der älteren Schwester im Februar in einem schweizerischen Bergdorf fand ohne Alex statt. Anna erzählt uns diese Familiengeschichte in eindrücklichen Mosaiksteinen voll Wunden und Schmerz, aber auch voll Schönheit und Nähe. Dass vieles offen bleibt und die lyrisch, musikalische Sprache machen diesen Roman zu einem bleibenden Leseerlebnis.

Nur der Schneefall war zu hören. Es war dunkel. Es war hell. Ich dachte nichts, rein gar nichts. Ich dachte weder an Moni noch an Alex noch an die Hochzeit. Der Schnee beruhigte und betäubte mich.

Du siehst, ich habe die Lektüre «Das grosse Eis» genossen. Zum Glück ist dieser bildreiche musikalische Roman nominiert worden, sonst hätte ich ihn verpasst. Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre. Hast du das Buch (aus deiner Region!) schon gelesen?

Herzlich
Bär

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Lieber Bär

Oh ja, eben erst. Und ich bin so überrascht wie du! Ein wunderbarer Roman. Nicht nur, weil ich die Faszination des «ewigen» Eises sehr gut nachvollziehen kann. Obwohl ich in Zukunft nie nach Grönland reisen werde, fasziniert mich die Landschaft, deren Menschen und ihre Geschichte schon lange. Ich erinnere mich an Bücher über Polarexpeditionen, die ich als junger Mann verschlugen hatte, sei es die verrückte Expedition von Ernest Shackleton mit seinem Schiff Endurance. Oder die verschollene Expedition von John Franklin, der sechzig Jahre zuvor mit Schiff und Mannschaft eine Nord-West-Passage suchte – und noch viel mehr der Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny, der über eben diese Expedition einen exzellenten Roman schrieb, ein Buch, das noch immer zu meinen Lieblingsromanen zählt. Und jetzt, wo der dicke, reiche Blonde seinen unverschämten Anspruch auf dieses dünn besiedelte, an Erdöl reiche Eiland für sich beansprucht, erst recht.

Aber da schwingt noch eine weitere Referenz mit; jene mit dem Maler Adolf Dietrich (1877 – 1957), einem stillen Mann, der sein ganzes Leben im kleinen Ort Berlingen am Untersee (Bodensee) verbrachte und erst in seinen letzten Jahren von seiner Malerei, die ihn heute zu einen der Grossen des 20. Jahrhunderts macht, leben konnte. Der unbeirrt malte, was er in seiner unmittelbaren Umgebung, meist in seiner düstern, kleinen Stube an einem kleinen Tisch sitzend. Auch sein Leben ist und war Vorlage für ein wunderbares, lange nachhallendes Buch. Beat Brechbühl veröffentlichte 1999 die Erzählung «Fussreise mit Adolf Dietrich», die 2017 noch einmal beim Bilger Verlag erschien.

Würden meine Augen nichts mehr sehen, ich hätte so viele Dinge im Gedächtnis, ich könnte jahrelang davon leben. Bräuchte nichts Neues zu sehen, könnte da sein und mir meine Fundstücke ansehen, wie Filme oder Fotos. Adolf Dietrich

Ein Buch wie ein langes Gebet, ein Denkmal für den Maler ebenso wie für den Schriftsteller, auch wenn ihn die Gegenwart zu vergessen scheint.

Gibt es etwas grösseres bei der Lektüre, wenn das Gelesene Resonanz erzeugt? Wenn man spürt, dass sich im Hirn Synapsen finden? Und Sonja Sophia Kreis gelingt es auch mit ihrer Sprache, die unaufgeregt und zurückhaltend malt. Ihr geht es um weit mehr, als bloss eine Familiengeschichte zu erzählen. Es sind die Bilder, die sie evoziert. Sonja Sophia Kreis‘ Blick hat etwas Fotographisches – obwohl ihre Bilder nicht bloss abbilden. Es sind ihre Bilder die erst die meinigen auslösen. Es erscheint Verborgenes.

Faszinierend!

Lieber Urs, ich hoffe ich treffe die Autorin einmal. Vielleicht besuchen wir eine Lesung gemeinsam. Gallus und der Bär!

Liebgruss

Sonja Sophie Kreis, geboren 1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach San Francisco, Venedig, Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, Das große Eis, autobiografisch inspiriert, ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustration © leafrei.com