Überall Risse – Max Küng

«Vom Bahnhof – zack! – in die beste Buchhandlung. Dann die Lesung im wunderbaren Saal. Endlich wieder Publikum. Endlich wieder Menschen! Dann gleich rüber in den frisch renovierten Trauben. Dann wieder in die Buchhandlung auf einen Absacker. Ich bekam den Eindruck: Den Menschen in Weinfelden geht es gut, dort lässt sich leben. Vielleicht sind sie deshalb so gastfreundlich und sympathisch und gut gelaunt? Nun schreibe ich schnell das neue Buch fertig, damit ich wieder kommen darf.
Danke, lieber Gallus!» Max Küng

Wahrscheinlich sind es an die 1000 Kolumnen, die Max Küng über die Jahre für das Tagesanzeiger Magazin schrieb. Man kann sie nachlesen in drei seiner Bücher, von denen der Autor selbst sagt, es wäre die ideale Klolektüre. An den 5. Weinfelder Buchtagen war Max Küng mit seinem zweiten Roman „Fremde Freunde“. Und wer dachte, der Autor würde so einfach ein bisschen aus seinem Roman vorlesen, wurde angenehm überrascht.

„Max Küng“ geht nicht ohne seine Kolumnen. So las der Autor auch nicht einfach die ersten Kapitel seines Romans, sondern brachte für die Lesung in Weinfelden einen eigens für diese Veranstaltung verfassten Text mit in den gut besetzten Rathaussaal. Eine Mischung aus „Making of“, einzelnen Kolumnen und Gedanken über sein Buch und das Schreiben selbst.

Jacqueline und Jean besitzen seit einiger Zeit ein grosses Haus mit vielen Zimmern in Saint-Jacques-aux-Bois im Burgund. Ein lange gehegter Traum! Aber nach überbordenden Renovationen und Investitionen  wissen sie genau, dass sie es nicht werden halten können, wenn nicht irgend eine Massnahme ihre finanzielle Situation entschärft. Hinter der Fassade von freundschaftlicher Grosszügigkeit und Gastfreundschaft entwickeln die beiden ein ordentliches Mass an Kalkulation und laden zwei Paare mit ihren Kindern ein, um denen eine Teilhaberschaft schmackhaft zu machen. Ein Plan. Aber wie so oft bei Plänen, die unweigerlich zu einem Erfolg führen müssen, kommt es ganz anders und die beabsichtigten Ferientage in der französischen Idylle geraten arg in Schieflache.

Weil Max Küng ein begnadeter Beobachter ist und seine Pappenheimer kennt, weil er weiss, wie sehr er selbst vom naiven Wunsch nach Idylle geleitet ist, ist sein Roman alles andere als eine ernste Gesellschaftsanalyse über eine Mittelschicht, die sich hinter einer bröckelnden Fassade versteckt. „Fremde Freunde“ ist ein witziges Kammerspiel, das in vielem an eben solche Filme und Theater erinnert, in denen sich Paare aneinander aufladen bis die Funken blitzen. Ein Paarroman, ein Familienroman, über das Pech für Kinder, untalentierte Eltern zu bekommen, ein Kammerstück und in den Ansätzen gar ein Krimi.

Max Küng ist ein Ereignis!

Max Küng mit Katharina Alder, Initiativ und Leiterin der Weinfelder Buchtage

«Es war ja ein sehr lustiger und sympathischer Haufen von Menschen, an den ich in Weinfelden geraten bin. Ein lebenslustiges Volk, die Thurgauer*innen!» Max Küng

Rezension von «Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Fremde Freunde» auf literaturblatt.ch

Beitragsbilder © Gallus Frei

„Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn.“ Michael Köhlmeier an den 5. Weinfelder Buchtagen

Wer sich mit Literatur der Gegenwart beschäftigt, wird irgendwann am Namen Michael Köhlmeier hängen bleiben. Dass es für Katharina Alder, der Initiantin der Weinfelder Buchtage, ein Herzensding war, den grossen Österreicher einzuladen, war am ersten Abend dieser Buchtage greif- und spürbar!

Michael Köhlmeier lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer seit langer Zeit nicht weit von der schweizerisch-österreichischen Grenze, war lange Radiomann beim ORF und hat in den vergangenen 40 Jahren ein umfangreiches Werk an Romanen, Erzählungen, Essays herausgegeben, hat sich lange erfolgreich mit der griechischen Sagenwelt und Märchen auseinandergesetzt und scheut sich nicht, zu aktuellen Themen pointiert seine Meinung zu äussern, selbst dann, wenn bei grossen Veranstaltungen die Angesprochenen im Publikum sitzen. Eindrückliches Beispiel dazu ist sein Buch «Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle. Rede gegen das Vergessen.» Heinz-Christian Strache, mittlerweile verurteilter rechtspopulistischer Politiker, sass mit anderen seiner «freiheitlichen» Partei im Publikum, als Michael Köhlmeier in sechs Minuten ruhig und gelassen «seiner» Regierung die Leviten las.

Mittlerweile ist der Menge an Veröffentlichungen höchst beeindruckend, ebenso wie die lange Liste all der Preise, auch Veröffentlichungen zusammen mit seiner Frau Monika Helfer, beispielsweise ihr gemeinsames Buch „Der Mensch ist verschieden“.

Michael Köhlmeier «Matou», Hanser, 2021, 960 Seiten, CHF 45.00, ISBN 978-3-446-27079-4

Obwohl das Schicksal von Menschen stets im Vordergrund des Schaffens von Michael Köhlmeier stand und steht, erschien diesen Sommer mit «Matou» ein fast 1000seitiger Roman, der scheinbar die sieben Leben einer Katze in den Vordergrund stellt. Die Geschichte von Matou, von den Wirren der französischen Revolution bis in die Gegenwart. Die sieben Leben einer Katze, zuerst an der Seite Camille Desmoulins, eines Mitstreiters von Danton während der französischen Revolution, der 1794 auf dem Schafott einen Kopf kürzer gemacht wurde. Im nächsten Leben als Begleiter von E.T.A Hoffmann, der Matou das Schreiben und Lesen beibrachte. Auf der griechischen Katzeninsel Hydra, auf der man allen Katzen den Garaus machen wollte und Matou sein Königreich, seine Diktatur errichtete. Als Grosskatze im Kongo, als Begleiter eines verkrüppelten Mädchens, auf einem grausigen Rachefeldzug gegen den Massenmörder König Leopold II. Während des ersten Weltkriegs in Prag, als Schosstier von Andy Warhol in New York und schlussendlich in seinem letzten Leben unglücklich verwickelt in das schwierige Liebesleben eines schwierigen Zeitgenossen.

Aber „Matou“ ist nicht einfach ein Katzenroman. Glauben sie mir, Katzenbücher mag ich nicht, lese ich nicht. «Matou» ist nur vordergründig die epische Geschichte einer Katze, eines Katers, der kein Mensch sein will, aber wie ein Mensch sein will. «Matou» ist ein Epos, das uns vom Menschsein erzählt, von den Schwächen jener, die die Geschicke dieses Planeten auszumachen scheinen und von Tieren, die wir allzu schnell nur als Nutz- und Kuscheltiere deklarieren. Ein mächtiges Buch, das mäandert, mit Sprache spielt, das fasziniert und mich, das gebe ich zu, während der Lektüre manchmal auch verunsicherte.

Im Gespräch mit Michael Köhlmeier verriet der Schriftsteller, dass er sich oft bei der Arbeit an seinem Tisch im Erdgeschoss seines Hauses mit der Katze hinter dem Laptop fragte, was im Kopf der Katze vor sich gehe. Katzen sind eigenwillig, egozentrisch und launisch, ihr Blick sehr oft misstrauisch und kritisch.
Die Geschichte von den sieben Leben des Katers ist der rote Faden dieser Geschichte. Die Geschichte vom Resümieren des sprechenden, denkenden, lesenden und schreibenden Katers in seinem letzen Leben zwischen Berlin und Wien die Rahmenhandlung. Darüber hinaus ist «Matou» ein Meer von Subgeschichten. So wie die eine von Adenauer und de Gaule, die sich nach dem Krieg immer wieder heimlich treffen und sogar gemeinsam kochen und dabei in Streit geraten.

«Matou» ist auch Ausdruck einer buchgewordenen Schreiblust, eines Autors, der mich als Leser ganz direkt anspricht, der mit Ausdrucksformen, machmal bis ins Typographische spielt, ein Sprachexperiment, wie das Menschsein aus einer Aussenperspektive wahrgenommen werden kann, philosophische Betrachtungen, beispielsweise die über den Irrsinn und den Wahnsinn, eine Betrachtung, die in der Gegenwart nicht wichtiger und dringender sein könnte. Über der Unterschied zwischen «Jemanden lieben» und «Jemanden brauchen». Oder darüber, was Charisma sein könnte oder müsste.

Besuchen Sie die 5. Weinfelder Buchtage!Und dann noch:

Meinen dreifach grossen Respekt zolle ich Katharina Adler:
1. Sie wurde mit ihrer Buchhandlung «Klappentext» in Weinfelden zu einem Epizentrum der Literatur. In einer Zeit, in der an anderenOrten Buchhandlungen schliessen.
2. Sie wagt zusammen mit ihrem Team zum 5. Mal die Durchführung der Weinfelder Buchtage, allen Widrigkeiten der Gegenwart zum Trotz. Und
3. Sie spendiert aus eigener Tasche zum ersten Mal den «Weinfelder Buchpreis», dotiert mit 4000 CHF.
Ich verneige mich!

Beitragsbild © Dominik Anliker

Einer, der die Sprache sucht – ein Abend mit Urs Faes

«Schon der Ort, viel beschrieben, zeigte sich an diesem Septemberdonnerstag von seiner zauberhaften Seite: ein mildes Spätsommerlicht über den Dächern, über dem Wasser, über den Wellen, flockig flatterndes Laub – und die Verzauberung drang durch die offenen Fenster in den Raum unterm Dach, mit dem Duft von Meer und Weite, mit Sonne, die auf die Gesichter sich legte. Wieder Lesung vor Menschen; Gesichter, wenn auch noch unter Masken, die ein Mienenspiel verrieten, ein Nicken, ein unter der Maske scheues Lachen, ein Augenspiel, Blicke, zustimmende Gesten, gehaltene Augenblicke, «gestundete» Zeit – Lesezeit. Ein Wunder nach der Pandemie-isolation. Und da ist ein Gallus, der heranführt an Buch und Autor, an Stoff und Stern. Sternstunde. Dieser passionierte Leser mit dem Blick für das Wesentliche, für Nuancen und Details, für Laute und Klänge, für Silben und Sonden. Einer, der Bücher liebt, mit Fragen Räume öffnet, Gesprächsräume, Stoffräume, Leseräume, Räume zum Hören und Träumen: Lesetraumraum Gottlieben – und der schmale Spätmond über den Dächern nickt versonnen.» Urs Faes

Bücher werden nicht mit Stiften, weder mit Schreibmaschinen noch mit Computern geschrieben. Urs Faes ist «Schreiben» in Person, ganz Schreiben. Sein neuster Roman «Untertags» hat 15 Jahre Entstehungszeit gebraucht, bis er sich zwischen zwei Buchdeckel kleben liess. So war der Abend mit Urs Faes die Einweihung in seine Geheimnisse!

Urs Faes «Raunächte». Rezension auf literaturblatt.ch

Urs Faes Spur durch die Literatur ist mehr als 45 Jahre lang. Seine ersten Veröffentlichungen erschienen in Zeitungen und Zeitschriften und 1975 sein erstes Buch, sein Gedichtband «Eine Kerbe im Mittag». Nach einem Dutzend Romanen, vielen Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken gehört Urs Faes zu den Säulen der Schweizer Literaturszene. Als Hausautor von Suhrkamp sowieso und geadelt durch zwei Erzählungen, die in der Insel-Bücherei erschienen (2012 «Paris. Eine Liebe» und 2018 «Raunächte»). Dass Urs Faes nach so vielen preisgekrönten Büchern noch immer zu den Geheimtipps gehört und keines seiner Bücher von den Massen gelesen wird, zeigt, dass die Literatur dieses Meisters weder zum Fastfood noch zur leichten Küche gehören. Was Urs Faes in seinem Schreiben auftut, sind sowohl literarische wie thematische Tauchgänge in die Tiefe. «Keine leichte Kost», meinte ein Besucher bei einem Glas Wein im Anschluss an die Lesung im Literaturhaus Thurgau.

Stimmt, sein Roman «Untertags», eine Liebesgeschichte, eine Familiengeschichte, eine Findungsgeschichte, ein Abschiedgeschichte ist keine leichte Kost. «Ich wollte nicht noch ein Buch über Demenz schreiben, noch einen literarischen Erfahrungsbericht. Schon deshalb, weil ich den Begriff nicht mag und er in meinem Buch nicht einmal vorkommt. Demenz kommt von ‚ohne mens’‚ ‚ohne Verstand‘. Aber selbst Kleinkinder sprechen wir den Verband nicht ab, auch wenn die Kommunikation ganz anders funktioniert.» Urs Faes begleitete Paare, die mit dieser Krankheit zu kämpfen hatten, bekam schriftliches Material von Betroffenen, erlebte mit, was es heisst, sie zu begleiten. Und so wie seine Recherche eine behutsame, innige und langfristige Annäherung ist, so ist sein Buch «Untertags» eine behutsame, innige Annäherung an eine Liebe, die sich auch durch die Diagnose «Demenz» nicht auslöschen lässt.

Urs Faes «Untertags», Suhrkamp, 2020, 239 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-518-42948-8

Urs Faes schildert mit aller Behutsamkeit genau das, was das Erkennen in der Liebe ausmacht. Es ist nicht die bedingungslose Offenbarung, sondern die bedingungslose Hingabe. Was am Anfang zwischen Herta, der Erzählerin und Jakov Blumenthal, dem Mann mit den Cowboystiefeln durchaus ein zweiter Frühling war, wird zu einem langen, gemeinsamen Winter. Schweigen breitet sich aus. «Untertags» ist eine berührende Liebesgeschichte frei von jeder Sentimentalität, eingetaucht in die Ehrlichkeit eines Autors, der nicht beschönigen will und es in seiner ganz eigenen Art schafft, die Liebe in ihrer ganzen Kraft zu besingen.

Urs Faes breitete an diesem Abend seine Welt, sein Denken, sein Handeln, sein Herangehen an die Vielfältigkeit der Themen seines Romans aus. Urs Faes schreibt nicht mit Stift, auch nicht mit Tasten, sondern mit seinem ganzen Sein!

Rezension von «Untertags» mit Interview auf literaturblatt.ch

Gespräch mit Urs Faes über sein Buch «Untertags

«Was für ein besonderer Abend», Karl Rühmann mit der Schauspielerin Martina Schütze

Ein General und eine Frau. Ein Soldat und eine Mutter. Karl Rühmann, der 2020 mit seinem Roman «Der Held» auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises stand, performte zusammen mit der Schauspielerin Martina Schütze Passagen aus dem Roman, liess Literatur lebendig werden.

Hintergrund des Romans «Der Held» ist der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995. Ein Krieg, dessen Ursprung und Verlauf für viele in vielen Belangen undurchsichtig ist, weil er nicht in Vorstellungen passt. In der Vorstellung, dass Kriege immer solche sind von Angreifern und Angegriffenen, Guten und Bösen, Tätern und Opfern. Die Tatsache, dass in diesem Roman diese Unterscheidung ebenso unmöglich wird, unterstreicht die Verwirrung, die dieser Roman auslösen kann.

General Morodan ist «Der Held», freigesprochen vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Ein Held für sein Volk, sein Land, sein Dorf, die Veteranen seiner Armee. Oberst Bartok ist kein Held, zumindest kein offizieller, nicht freigesprochen, im Gegenteil aller Wahrscheinlichkeit nach ein Verurteilter. Schuldig – unschuldig nach der Rechtssprechung ist ganz etwas anderes als schuldig – unschuldig vor sich selbst und den Mitmenschen.
General Morodan und Oberst Bartok sind beide Insassen dieses Gefängnisses, warten auf ihren Prozess. Sie begegnen sich auf dem Gefängnishof, korrespondieren brieflich, auch nach der Freilassung des Generals. Sie korrespondieren in einer Art und Weise, dass ihnen die Zensur nicht zu Leibe rücken kann, weder dem einen in seiner Freiheit noch dem andern im Gefängnis. Diese Briefe deuten an, verschlüsseln vieles.
Ana, die Haushälterin des Generals ist die eigentliche Erzählstimme im Roman, einem Briefroman zwischen General und Oberst, Freigesprochenem und Verurteiltem. Ana richtet ihre Stimme an ihren toten Mann, einem «gefallenen» Soldaten, der auf der Seite des Generals kämpfte und nicht überlebte. Ana liest als Haushälterin heimlich die Briefe zwischen General und Oberst in der Hoffnung hinter das Geheimnis um den Tod ihres Mannes zu kommen. 

Martina Schütze, Schauspielerin und Bilderbuchautotin

So sassen Schriftsteller und Schauspielerin voneinander abgewandt auf der Bühne, der General und Ana, tauchten ein in Leben, in Rechtfertigung und Schmerz, beide auf der Suche nach ihrer Wahrheit. Dass eine Schauspielerin in eine solche Rolle schlüpfen kann, scheint selbstverständlich. Dass ein Schriftsteller derart überzeugend in die Haut seines Protagonisten schlüpfen kann, ist ausserordentlich. So war es auch nicht erstaunlich, dass man gebannt den beiden Akteueren zuhörte, erst recht, als sie selbst für Fragen in ihren Rollen blieben.

«Die Lesung klingt noch nach, die Fragen über die Wahrheit schwirren noch im Kopf umher. Mir hat das Konzept sehr gut gefallen, gern würde ich es weiterziehen. Wie wertvoll wäre das für Schulklassen.» Martina Schütze 

«Was für ein besonderer Abend: Eine szenische Lesung im Bodmanhaus mit der wunderbaren Martina Schütze. Danke, Gallus, für die Gelegenheit, ein etwas anders geartetes Programm zu wagen, und auch für deine klugen Fragen, die unser Gespräch beflügelt haben. Das Bodmanhaus ist ein besonderer Ort und ein grossartiges Zuhause für Geschichten und für die Fantasie.» Karl Rühmann

Karl Rühmann, Illustration von Lea Frei / leafrei.com

Rezension von «Der Held»

«Der alte Wolf»

Rezension «Glasmurmeln, ziegelrot»

«Ich pass von oben auf dich auf» von Martina Schütze, Herder Verlag

Es rockt im Literaturhaus, am Sommerfest!

Ob Bodman- oder
Literaturhaus, es bleibt
Gott lieb, ganz sicher!
(Heiku von Klaus Merz zum 20-Jahr-Jubiläum des Literaturhauses Thurgau)

Frédéric Zwickers Roman «Radost» ist ein Roadtripp zwischen den Welten. Zwischen der Kleinräumigkeit der Schweiz, der Verlorenheit Sansibars und dem Zauber einer Kulturstadt wie Zagreb. Fabian, ein arbeitslos gewordener Journalist, soll die Biografie von Max schreiben, eines Mannes, den er auf einer seiner Reisen an die Küste Afrikas kennenlernte, dem er wahrschiedlich das Leben rettete, dem er nach Jahren wiederbegegnet und ihm verrät, wie sehr er Gefangener einer Familie und einer Krankheit ist. Fabian beginnt zu schreiben, zu recherchieren, macht sich auf, bei sich und auf dem Rad bis nach Zagreb, auf den Spuren eines Mannes, der ihm immer mehr zum Freund und Spiegel wird.

Frédéric Zwicker brachte aber viel mehr als seinen neuen Roman mit ans Sommerfest in den Garten des Literaturhauses. Seit einem Jahr rockt «Hekto Super» zu den Texten Frédéric Zwickers, zuvor noch unter dem Namen «Knuts Koffer«, lange kroatisch und nun deutsch. «Verzwickte Lyrics mit Ohrwurm-Potenzial, getragen von treibenden Beats, einer Prise Retro-Synthie, knackigen Gitarrenriffs und Bass mit ordentlich Fuzz.» Hinter «Hekto Super» stecken neben Frédéric Zwicker (Gitarre und Gesang), Christoph Bucher (Bass) und die Brüder Florian (Schlagzeug und Gesang) und Tobias Vogler (Keyboard und Gesang). Gemeinsam haben sie mit ihren bisherigen Bands und Projekten tausende Kilometer im Tourbus zurückgelegt, die Bühnen Europas bespielt und über zehn Alben veröffentlicht. Nach vierzehn Jahren mit «Knuts Koffer» bricht mit «Hekto Super» für den Rapperswiler Autor und Musiker Frédéric Zwicker und seine Mitmusiker ein neues Kapitel an.

«Sommerfest hiess es, Sommerfest war es. Eitel Sonnenschein, im Garten Musik, feiner Wein, gutes Essen, gut gelaunte Gäste (auch die Mücken, die sich ganz besonders für das reichhaltige Buffet zu begeistern wussten), bezauberndes «Personal». Herzlichen Dank an Brigitte, Gallus, Karl und alle anderen Beteiligten für einen zauberhaften Abend. Ich wusste von einem früheren Besuch, dass das Bodmanhaus – oder Literaturhaus Thurgau – in Gottlieben ein besonders literarisches Plätzchen ist. Die Qualität des Abends war deshalb nicht überraschend, nur höchst erfreulich. Mit Ausnahme des Spital-Intermezzos unseres tapferen Bassisten genossen wir ein wunderbares Sommerfest. Und auch für mich als Lesenden waren sowohl das Publikum als auch die Moderation durch Gallus auf höchstem Niveau mehr als zufriedenstellend. Herzlichen Dank für die Gastfreundschaft!» Frédéric Zwicker

Aus der Rede:
«Als ich vor einem Jahr hier im Garten zum ersten Mal zum traditionellen Sommerfest begrüsste, schien das ärgste dieser langen Krise, in der wir uns auch ein Jahr danach noch befinden, ausgestanden. Es kam ganz anders. Vier Monate war es im Literaturhaus still. Noch im Dezember, bei der letzten Veranstaltung vor der zeitweiligen Stilllegung, schrieb Joachim Zelter nach seiner Lesung im Literaturhaus: «Ganz Europa befindet sich in einem Corona bedingten Lockdown. Ganz Europa? Nein, ein kleiner Ort am Bodensee lässt sich von keinem Virus der Welt einschüchtern oder unterkriegen und hält fest an der Unverzichtbarkeit lebendiger Autor:innen und lebendiger Zuhörer:innen in den Hallen des Literaturhauses Thurgau, die dort – Corona zum Trotz – sehnsüchtig aufeinandertreffen. Es ist eine Insel des gesprochenen/gehörten Wortes in einem verstummten Ozean.»

Der Geist des Literaturhauses wirkte auch in der Stille. Der Geist eines Ortes, an dem man sich bald wieder begegnete und begegnet; die Kunst den Geniesser:innen, die Literatur den Leser:innen, Klang, Wort und Bild allen offenen Herzen. Man machte mir zwar zwischendurch Mut, mich auch auf die digitale Schiene du begeben, Streaming-Lesungen zu organisieren, den Betrieb zu digitalisieren. Aber das war und sollte das Ding all jener Institutionen bleiben, die ein Budget zur notwendigen Professionalität aufzubringen in der Lage sind.

Das Literaturhaus Thurgau ist trotz aller Einschränkungen ein Bollwerk gegen die Verkleinerung der Welt geblieben. Wer Zeitungen liest, wer Medien konsumiert, muss irgendwann das Gefühl bekommen, die Welt sei auf einige wenige Themen eingeschmolzen. Und um eben diesem Gefühl entgegenzuwirken, braucht es Orte wie dieses Haus, die der Literatur eine Stimme geben. Denn Literatur macht Türen auf, Türen nach Innen und nach Aussen, ins Kleine und ins Grosse. Betrachten Sie das neue Bibliotheksregal im Literaturhaus, das ich zusammen mit Sandra Merten und meinem Sohn bauen durfte. Literatur ist so vielfältig wie die Farben ihrer Buchrücken. Hinter jeder Farbe steckt eine Offenbarung.

Bis vor einem Jahr war ich immer nur Besucher in Literaturhäusern, von Stans bis Hamburg. Aber Literaturhäuser, ob klein oder gross, innovativ oder traditionell, sind viel mehr als Veranstaltungsorte, Hüllen für Lesungen, Ausstellungen oder Konzerte. Literaturhäuser sind Brutstätten. Wissen Sie, dass Peter Stamm vieles aus seinem neuen Roman «Das Archiv der Gefühle» in den Mauern dieses Hauses schrieb? Peter Stamm ist Mitte September Gast im Literaturhaus und wird seine Schweizer Buchtaufe seines Romans hier feiern. Wissen Sie, dass Dorothee Elmiger, die mit ihrem letzten Buch «Aus der Zuckerfabrik», mit dem sie auf der Shortlist des Deutsch Buchpreises stand, hier im zweiten Stock in der Gäste- und Schreibwohnung in und an ihrem Werk arbeitete? Das Literaturhaus Thurgau ist seit Jahrzehnten von Sprache, Schrift und Wort durchtränkt, vom Erdgeschoss, der Werkstatt der Handbuchbinderei von Sandra Merten bis hinauf unters Dach zum Veranstaltungsraum, wo heute Frédéric Zwicker aus seinem Roman «Radost» lesen wird und der Autor selbst als Leadsänger seiner Band «Hekto Super» beweist, dass literarische Texte auch rocken können.

Zudem sehen Sie im Haus auch immer wieder die gezeichneten und signierten Porträts all jener, die im vergangenen Jahr im oder auf Einladung des Literaturhauses Thurgau gelesen haben. Zeichnungen der jungen Illustratorin Lea Frei. Zeichnungen, die aus meiner Sicht repräsentieren, was in einem kleinen Literaturhaus zum Wesentlichen wird; Wir können nicht mit Quantität überzeugen, nicht einmal mit Ausgewogenheit, schon gar nicht mit grossen Namen, die die Massen mobilisieren. Aber wir versuchen sowohl Sie, unsere Gäste, wie auch alle Künstler:innen, die in diesem Haus auf irgend eine ihr eigene Weise zu wirken wissen, mit Nähe, Freundschaft und Herzlichkeit zu begegnen. Die Illustrationen von Lea Frei sind so einzigartig wie das Literaturhaus selbst.

Dass ich als Intendant den Takt dieses Hauses so sehr mitbestimmen kann, freut und ehrt mich sehr. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Zufriedenheit und Euphorie jede der vergangenen Veranstaltungen erwirken konnte. Nicht nur bei mir natürlich! Dass ein solches Schiff seine Segel setzen kann, braucht es viel mehr als einen Steuermann. Die eigentliche Kapitänin auf diesem Schiff ist seit mehr als zwanzig Jahren Brigitte Conrad. Kein Kapitän, der auf der Brücke steht und schreit, sondern ein Kapitän, der sich in seine Koje im Stillen über Pläne und Berechnungen beugt und nie den Kurs verliert, selbst dann, wenn Gegenwind bläst oder Flaute herrscht. Ich danke Brigitte Conrad von ganzem Herzen, nicht nur in meinem Namen, sondern im Namen aller, denen das Literaturhaus Thurgau über die Jahre zu einem Stück Welt geworden ist.

Ich bedanke mich bei der Bodman-Stiftung, bei der Kulturstiftung unseres Kantons, beim Kulturamt. Ich bedanke mich bei Sandra Merten, die neben der Handbuchbinderei auch die Webseite betreut, Gäste empfängt und immer und immer wieder mit anpackt.

Das Literaturhaus Thurgau bleibt im Sinne Klaus Merz hoffentlich noch lange Gott lieb!»

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Am «Ort der Erquickung» mit Zora del Bouno

Weil das Literaturhaus im vergangenen Frühling gezwungen war, wegen Corona Veranstaltungen zu verschieben oder gar abzusagen, wurden zwei jener Lesungen ins Kunstmuseum in der Kartause Ittingen verlegt. Ein Glücksfall für die Schriftstellerin Zora del Buono und ihren Roman «Die Marschallin» und ein gutes Zeichen in die Zukunft!

Für einmal hatte der Zwang, sich wegen der Auswirkungen der Pandemie etwas einfallen zu lassen, auch eine gute Seite. Was mit den ersten zwei Veranstaltungen in einer Kooperation von Kunstmuseum und Literaturhaus Thurgau begonnen hat, zeigt alle Vorzeichen, dass daraus eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Institutionen werden kann. Zum ersten Mal gastierte «Literatur am Tisch» weder im Wohnzimmer des Intendanten des Literaturhauses noch im Bodmanhaus in Gottlieben selbst, sondern in einem der schönsten Räume, den das Kloster Ittingen zu einem Juwel im Thurtal macht.

Einst war es der repräsentative Speisesaal der Kaurtause, in dem allerdings nur an Sonntagen gespeist wurde. Und weil der Orden der Kartäuser ein eremitischer Orden ist, der sich ganz der Kontemplation und damit dem Schweigen verschreibt, wurde auch an den sonntäglichen Mittagessen geschwiegen, einzig begleitet durch geistliches Vorlesen in Latein. In jenem Raum an der Schmalseite unter dem Kruzifix sass für einmal nicht ein:e Prior:in, sondern die Schriftstellerin Zora del Buono. Um 18 Uhr nicht für eine Lesung in gewohntem Rahmen, sondern mit 11 Gästen zusammen zu Speis und Trank und einer äusserst angeregten Diskussion über ihren aktuellen Roman «Die Marschallin«. 

Im Anschluss daran las die Schriftstellerin im Museumskeller, in jenem Teil, in dem das «Adlerflügelfahrrad mit aufgesetztem Drachendeck», ein Kunstwerk von Gustav Mesmer auf einer hölzernen Rampe steht, als wolle es in den Himmel abheben. Was auf der Rampe im Moment erstarrte, passierte dafür umso mehr auf der Bühne mit der Geschichte um die Grossmutter der Autorin, der Geschichte eines ganzen Jahrhunderts, einer «Unglücksfamilie», einer Familie mit fünf Toten durch «höhere Gewalt», der Geschichte einer aristokratischen Kommunistin. Literatur hob ab!

Zora del Buonos Lesung im Museumskeller, moderiert von Cornelia Mechler

«Kartause Ittingen: Nie zuvor da gewesen (schlimme Bildungslücke), dafür gestern gleich im Doppelpack. Erst Literatur am (wunderbar gedeckten) Tisch mit köstlichem Käse und klostereigenem Wein. Danach die Lesung im Weinkeller (ohne Wein). Die Marschallin selig hätte es gefreut, in so stilvollem Ambiente präsentiert zu werden. Ich habe mich gefreut, von Gallus und Cornelia so munter durch den Abend begleitet zu werden; der Hund hat sich gefreut, von Gallus ausgeführt zu werden (der Weinkeller behagte dem Tier nicht); kurz gesagt: Freude allerseits. Grazie mille.» Zora del Buono

Am 28. Oktober geht im Museumskeller des Kunstmuseums die kleine Reihe aussergewöhnlicher Lesungen weiter. Dann liest Dragica Rajćić Holzner aus ihrem Roman «Liebe um Liebe«. Informationen zu dieser Lesung finden Sie auf der Webseite des Literaturhauses.

Mit Martina Clavadetscher am Tisch

«Martina Clavadetscher zählt zu den originellsten und wagemutigsten Stimmen ihrer Generation», schreibt Manfred Papst in der NZZ am Sonntag. Mit Sicherheit. Und nicht erst seit ihrem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams». Dass die Schriftstellerin einem ausgesuchten Kreis von Leser:innen so viel Nähe zuliess, war ein ganz besonderer Genuss.

«Literatur am Tisch» soll nicht nur für die Leser:innen zu einer besonderen Begegnung werden, sondern auch für die eingeladenen Schriftsteller:innen. Weil alle Gäste das Buch gelesen haben, weil man im kleinen Kreis darüber spricht und das Buch, den Roman deshalb ganz besonders genau und aufmerksam las, vielleicht sogar mehrmals, werden Gespräche über den Inhalt, über Leseeindrücke, Gewichtungen, die Sprache zu ganz besonderen Gesprächen, vertiefen sich immer weiter und erreichen Schichten, die bei Lesungen der üblichen Art nie erreicht werden können.

«Was für ein zauberhafter Abend mit zauberhaften Menschen: das Essen, der Wein, das spannende Gespräch zu meinem Buch, interessant, inspirierend, wir haben die Zeit vergessen und fast den Zug verpasst – danke für dieses «Literatur am Tisch»; genau so soll es sein! Herzlich M. Clavadetscher»

Aber auch die Autor:innen schwärmen nach solchen Veranstaltungen. Sie erfahren Wirkung, erleben direkt, was die Lesenden bewegt, befremdet, welche Fragen sie sich stellen, was sie beeindruckt oder verunsichert. Dass Martina Clavadetscher mit ihrem Roman viel mehr als blosse Unterhaltung liefern will, wird einem schon nach wenigen Seiten in ihrem Roman klar. «Die Erfindung des Ungehorsams» zwingt Leser:innen, sich ganz hineinzugeben. Und wer sich dann auf eine Begegnung mit der Autorin, auf eine Veranstaltung wie «Literatur am Tisch» einlässt, wird mit Perspektiven und Einsichten belohnt, die sonst verborgen bleiben.

© Janine Schranz

«Ihre natürliche, unkomplizierte, authentische Art hat mich gleich von Beginn weg begeistert. So ehrlich und spontan und auf Augenhöhe mit ihr über ihr Werk zu plaudern, hat mir sehr gut gefallen.  
Dank dem engagierten Austausch in unserer tollen und aufmerksamen Runde, durfte ich wieder viele neue Facetten in diesem Roman entdecken.» T. Hanselmann

«Es war ein sehr schöner Abend mit einer sehr klugen und ebenso sympathischen Martina Clavadetscher. Einmal mehr habe ich erfahren, wie bereichernd es ist, sich an eurem Tisch auszutauschen. Wunderbar auch, dass sich alle trauen ihre Leseerfahrungen mitzuteilen und dass die Autorin interessiert ist an den Feedbacks.» E. Berger

«Ein anspruchvolles Buch, das fasziniert, verwirrt und sprachlich begeistert! Martina Clavadetscher schaffte es auf eine sehr sympatische Weise auf unsere Fragen einzugehen, Hintergrundinformationen zu geben, unseren Gedankengängen zu folgen und sich darüber zu freuen! Dass sie zum Schluss eine meiner Lieblingsstellen vorlas, freute mich sehr!» D. Lötscher

«Zusammen mit der erfolgreichen Autorin, Martina Clavadetscher, durften wir bei Speis und Trank einen geselligen, lehrreichen Abend bei Gallus und Irmgard erleben. Bei den interessanten Ausführungen der Autorin und der Diskussion mit meinen Kolleginnen und Kollegen vom Lesekreis wurde mir wieder einmal mehr bewusst, wie wertvoll solche Begegnungen sind. Sie tragen wesentlich zum besseren, vertieften Verständnis des Gelesenen bei. «Die Erfindung des Ungehorsams» von Martina Clavadetscher wurde so von verschiedenen Seiten her beleuchtet und wohl jedem von uns nähergebracht. Ich danke der Autorin und den Gastgebern, Gallus und Irmgard, herzlich für den bereichernden literarischen Abend.» C. Blumer

«Das gelesene Buch hat sich mir – im hautnahen Austausch mit der Autorin – noch einmal ganz anders erschlossen. Was für ein Glück für jede Leserin und jeden Leser, mit einer Autor:in direkt ins Gespräch kommen zu können.» M. Sachweh

Das nächste «Literatur am Tisch» findet am 29. Juli, um 18 Uhr mit der Schriftstellerin Zora del Buono in der Kartause Ittingen statt. Die Anzahl der Gäste ist limitiert, damit ein Gespräch, bei dem man sich einbringen kann, auch wirklich stattfinden kann. Im Anschluss an «Literatur am Tisch» liest Zora del Buono um 20 Uhr aus ihrem Roman «Die Marschallin» im Museumskeller oder bei schönem Wetter im Klostergarten.

Anmeldung zu «Literatur am Tisch» mit Zora del Buono hier.

Beitragsbilder © Janine Schranz

Hildegard E. Keller mit «Was wir scheinen» im Literaturhaus Thurgau

Was es bedeutet, wenn Leidenschaft, Feuer und Begeisterung sich von der Bühne in den Zuschauerraum ergiessen, wenn nach einer Lesung alle beseelt und inspiriert den Nachglanz der Veranstaltung geniessen, das erlebte man bei der Lesung von Hildegard E. Keller mit ihrem Roman «Wie wir scheinen» über Hanna Arendt.

Ein letzter Sommer 1975 im Tessin. In Tegna, einem etwas abgelegenen Dorf unweit von Locarno, will Hannah Arendt noch einmal die Ruhe und Abgeschiedenheit in sich aufnehmen. Ausruhen vor der letzten grossen Reise. «Was wir scheinen» ist viel mehr als nur eine Biographie über eine Frau, die sich mit ihren Schriften exponierte und beinahe zerrieben wurde in den Mühlsteinen der Öffentlichkeit. «Was wir scheinen» (Der Titel ist der Anfang eines Gedichts von Hannah Arendt!) ist der Roman über eine Frau, die aufräumt, resümiert, nicht nur in ihren Papieren und Schriften, auch in ihren Erinnerungen, weil sie im Sommer 1975 genau spürt, dass es ihr letzter Sommer sein wird.

Von 2008 bis 2017 war Hildegard E. Keller in den USA, unterrichtete, auch Menschen, die von ehemaligen Flüchtlingen des zweiten Weltkriegs stammten. Zwischen zwei Welten, zwei Sprachen, zwei Kontinenten hat die Autorin über die Philosophin Hannah Arendt zu forschen begonnen und gewagt, der Frau auf dem steinernen Denkmal ihre Lebendigkeit zurückzugeben, einen frischen Blick auf die Frau, die man zu oft bloss auf die eine Schrift, die eine Reise, die eine Begegnung reduziert. Einen Blick auf die Frau, die Denkerin, die Dichterin, Privat- und Ehefrau, auf eine Freundin.

Was war der Preis, den Hannah Arendt zu bezahlen hatte für das Buch «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen», dass 1963, zwei Jahre nach dem Prozess in Jerusalem gegen den SS-Obersturmbandführer Adolf Eichmann erschienen war, die Reduzierung ihrer Arbeit auf den Begriff der «Banalität des Bösen»? Hildegard E. Keller spürt in ihrem Roman sehr nah der Frau nach, die auf dem steinernen Sockel allzu leicht vergessen wird, einer Frau, die von sich selbst sagte, sie sei eigentlich ein schüchterner Mensch.

Ein starker Abend mit zwei starken Frauen auf der Bühne. Grossen Danke an Hildegard E. Keller und die Moderatorin Cornelia Mechler.

«Der Untersee ist eine glückliche Landschaft. Am 1. Juli durfte ich im Fünfsterne-Literaturhaus meinen Roman WAS WIR SCHEINEN vorstellen, auf dem Podium mit der hellwachen, begeisterungsfähigen Cornelia Mechler. Gallus und Brigitte schmeissen den Laden aufs Allerbeste. Der Abend war unvergesslich, ich danke Gallus und seinem Team von Herzen.» Hildegard E. Keller

Meine ganz persönlichen Highlights des 25. Internationalen Literaturfestivals Leukerbad

Es schien, als hätte die Leitung der Jubiläumsausgabe des Internationalen Literaturfestivals in Leukerbad sämtliche unbeeinflussbaren Einwirkungen doch irgendwie besänftigen können: Das Festival stand unter einem guten Stern, in allen Belangen.

Wie würde das Festival sein? Ohne die Abende in den wasserentleerten Becken des Thermalbads? Mit Zelten? Was wäre, wenn sintflutartige Regengüsse auf die Zelte trommeln würden? Wenn sich die Wiesen in Festivalmatsch verwandeln? Nichts davon geschah. Es fügte sich alles harmonisch ineinander. Alles passierte so, wie man es sich erhofft hatte und es breitete sich erleichterte Zufriedenheit aus. Nicht zuletzt darum, weil es ein Experiment sein sollte, die beste Gelegenheit, mit Traditionen zu brechen, deren Alternativen sich viel genussfördernder erwiesen.
Als ich am Sonntag mit dem Bus die Kurven aus dem Tal hinunterfuhr, war ich mehr als zufrieden. Beglückt! Verführt und beseelt! Das Festival in Leukerbad hat mich einmal mehr gewonnen. Auch weil man dort besondere Namen trifft, weil man sie wirklich trifft, weil man die Gelegenheit geboten bekommt, ihnen wirklich zu begegnen, nicht nur aus der Ferne. Aber weil dieses Festival Überraschungen birgt, mit denen man nicht rechnet, selbst dann, wenn man wie ich, ihre Lesungen versäumt.

Es gab sie grossen Themen am diesjährigen Festival, grosse Namen und spektakuläre Diskussionen mit langanhaltendem Applaus. Aber es gab auch die leisen Töne, das Spektakel der Sprache, die Bezauberung. «Kapital und Ressentiment», «Nationalismus», «Brücken über den Röstigraben», «Populismus» oder «Gewalt gegen Frauen» hiessen die Themen der Diskussionen – auch wenn ich nicht verstand, dass bei den einen Themen nur Frauen, bei anderen Themen nur Männer auf der Bühne sassen, waren viele Themen doch auch ein Statement dafür, dass die offenen Gräben zwischen den Geschlechtern noch immer klaffen.
Aber es war auch ein Fest der Sprache, sei es in Lyrik oder Prosa.

Schmerzlich für mich war die Feststellung, dass ich einen der literarischen Höhepunkte versäumt hatte. Nachdem ich andere Festivalbesucher:innen immer wieder nach ihrem absoluten Highlight fragte, wurde immer wieder der eine Name genannt: Jakub Małecki! Der 1982 in Polen geborene Schriftsteller ist in seinem Heimatland ein gefeierter Autor, veröffentlichte fast ein Dutzend Romane. «Rost», sein erster auf Deutsch erschienener Roman ist die Geschichte des siebenjährigen Szymek, dessen Eltern bei einem Autounfall sterben, den man zu seiner Grossmutter Tosia bringt, raus in die Provinz, in ein Leben, dass so ganz anders tickt als das alte. Jakub Małecki erzählt aber auch die Geschichte der Grossmutter, die Auswirkungen jener Brüche, die der Krieg hinterliess, was mit den Menschen im kleinen Ort Cholny passierte. Dass «Rost» nun im Buchhandel liegt, sei einem reinen Zufall zu verdanken. Der Verleger sah den auf Polnisch ebenfalls „Rost“ betitelten Roman aufliegen, nahm ihn zur Hand und liess danach nicht mehr los. Jakub Małecki hat mit «Rost» ein im Licht der dörflichen Besonderheit erstrahlendes Lebenspanorama erschaffen, das aus Cholny heraus tief in unsere Welt zu leuchten vermag.
Als ich mir in der Festivalbuchhandlung den Roman von Jakub Małecki kaufen wollte, war dieser schon am zweiten Festivaltag ausverkauft.

Jakub Małecki im Gespräch mit Thorsten Dönges

Ein grosses Versprechen ist auch der neue Roman von Eva Menasse, von dem sie exklusiv zum ersten Mal einige Abschnitte vor Publikum las. Der Roman «Dunkelblum», der im kommenden August erscheinen wird, leuchtet in einen fiktiven Ort, eine Kleinstadt an der österreichisch-ungarischen Grenze. Während man 1989 Zeuge wird einer Massenflucht aus der sich auflösenden DDR, taucht ein rätselhafter Besucher im Städtchen auf, findet man ein Skelett in einer Wiese am Stadtrand und verschwindet eine junge Frau. Alles an dem Ort beginnt sich zu verschieben. Mit einem Mal tritt hervor, was man über Jahrzehnte totzuschweigen versuchte; all die Massaker, die in den Wirren des letzten Krieges geschahen. «Dunkelblum» ist ein schaurig-komisches Epos über die Wunden in der Landschaft und den Seelen der Menschen, die, anders als die Erinnerung, nicht vergehen. Eva Menasses Sprache ist gestochen scharf, ihr Erzählen gekonnt konstruiert und alles durchsetzt mit einer bissigen Prise Humor.

Jan Filipenko mit seinem Roman «Der ehemalige Sohn»

Aber nebst all den tiefschürfenden und aufwühlenden Gesprächen und Diskussionen gab es auch Momente, in denen ich herzhaft lachen konnte. Christoph Simon, der gleich mit mehreren Publikationen nach Leukerbad fuhr und die Zeiten des Ein- und Ausgesperrtseins äusserst produktiv und kreativ zu nutzen wusste, hätte am Freitag um Mitternacht oben auf der Gemmi gelesen. Man musste sich durch die Nacht mit einer Seilbahn hinauf auf den Felssporn tragen lassen und wäre nicht nur mit dem Blick auf die Lichter Leukerbads (die einzigen Stunden des Tages, an denen der Ort selbst strahlt!), sondern mit dem hintergründigen, skurrilen Witz des Schriftstellers und Kabarettisten belohnt worden. Aber nach einem langen Festivaltag wollte ich mich vor der Bergfahrt nur ganz kurz auf meinem Bett im Hotel niederlegen, nur einen Augenblick. Als ich irgendwann in meinen Kleidern aufwachte, pfiffen bereits die Vögel. Glücklicherweise las Christoph Simon aber auch noch am Samstag. Neben literarischen Kostbarkeiten aus verschiedenen Büchern auch aus seinem neuen mit dem sinnigen Titel «und das nach vier milliarden jahren evolution», dem bislang einzigen Buch aus der edition merkwürdig. Wer bewiesen haben will, dass Lyrik alles andere als kopflastig, verschroben oder verunsichernd sein muss, lese in den Gedichten Christoph Simons. Da geht des Herz gleich mehrfach auf! Simons Gedichte sind als lyrische Stories angelegt. Sie haben alle einen Inhalt, der sich sogar nacherzählen lässt. Aber das lyrisch Unsagbare lauert zwischen den Zeilen und in jenen Zeilenabbrüchen, die immer dann auftauchen, wenn man glaubt, etwas linear kapiert zu haben

Das sind nur drei Namen. Nur ein ganz kleines Stück von dem Spektakel, das einem mitten in der felsigen Arena geboten wurde. Mit alle den Veränderung, die die Zeit dem Festival aufzwang, freue ich mich auf das kommende Jahr noch etwas mehr!

Weitere Bücher mit ihren Autorinnen, die in Leukerbad lasen:
Lukas Maisel «Das Buch der geträumten Inseln»
Anna Prizkau «Fast ein neues Leben»
Michelle Steinbeck «Eingesperrte Vögel singen mehr»
Rolf Hermann «Eine Kuh namens Manhattan»
Patrícia Melo «Gestapelte Frauen»

Beitragsbilder © Literaturfestival Leukerbad

Christoph Simon «Dorfplatz Leukerbad – ein Gespräch während dem Literaturfestival»

Hey!
Hey! Alles klar?
Alles klar.
Wo warst du?
Auf der Alpina Terrasse.
Wer war da?
Der Maisel. Lukas Maisel. Erstlingswerk.
Wie war’s?
Sackstark. Mega sackstarkes Buch. Über einen Entdecker und über deutsche Flachspültoiletten und ferngesteuerte Kakerlaken. Ein Hit. Wo warst du?
Dala-Wanderung.
Wie war’s?
Super. Die Römer und so. Es gibt Leute im Wallis, die wollen dieses Tal fluten und eine Staumauer und wie die Grande Dixence.
Echt?
Vielleicht hab ich den Guide nicht richtig verstanden.
Wer hat gelesen?
Auf der Wanderung? Die Dana.
Ah, der Frankenstein-Roman.
Der Dracula-Roman.
Gut gewesen?
Fantastisch. «Echte Liebe braucht Überzeugung.» Sie hat von Bergunfällen erzählt und alle haben sich an der Hängebrücke festgehalten, als gäb’s kein Morgen.
Wohin gehst du jetzt?
Zu Yvonne Adhiambo Owuor.
Oh, da war ich gestern!
Wie war’s?
Bombastic. Sie ist impressive! Pures Gold!
Worum geht’s?
Ein Kind, ein Kätzchen, das Kind hat Asthma. Die Mutter hilft mit
Nelkenöl, Schwarzkümmelsamen, Dorschlebertran.
Das hilft?
Klar. Und das Kind wählt sich aus den Männern vom Schiff einen Vater, der will aber nicht sein Vater sein, aber «the more he runs the closer he gets». Wohin gehst du als nächstes?
Eben. Zu Yvonne Adhiambo Owuor.
Ah, ja.
Esther ist auch da.
Welche Esther?
Und der Gallus auch.
Die Esther vom Literaturhaus?
Der Gallus ist Literaturhaus. Die Esther weiss ich nicht.
Ich bin mit einer Esther im Shuttlebus gefahren. Sonst kenn ich keine Esther.
Weshalb warst du nicht auf der Gemmi gestern?
Ich war auf der Gemmi.
Ich hab dich nicht gesehen.
Wir haben in der Gondel gesprochen miteinander.

Echt? In welchem Hotel bist du?
Air B’n’B. Am Hang drüben.
Ah, Morgensonne.
Abendsonne.
Im Chalet Frieden?
Nein, Chalet Frohsinn.
Beim Schorsch?
Nein, beim Julius.
Der Julius von der Karin?
Nein, der Julius von der Monika.
Die Monika, die vom Karren gefallen ist?
Nein, die Monika, die auf den Karren gefallen ist. Beim Gleitschirmfliegen.
Schlimme Geschichte. Die Monika vom Schorsch.
Vom Julius.
Dort wohnst du.
Und du?
Hotel.
Nein, ich meine, wohin gehst du als nächstes?
Weiss nicht. Im Baldwin-Zelt ist Rolf Hermann, aber den versteh ich nicht.
Und im Bristol ist Peter Weber.
Der Regenmacherpeterweber? Cool. «Bei Gemütsverdunkelung: Lustbaden, lichtbaden, lachbaden.» Wer ist das dort drüben?
Die im Blauen?
Die im Weissen.
Die ist Pro Helvetia, glaub. der daneben ist Solothurn und die hinten dran könnte die Autorin aus Österreich sein.
Ist das nicht die von der Übersetzerwerkstatt?
Die ist dieses Jahr nicht da, die Übersetzerwerkstatt.
Dann ist es wahrscheinlich die Autorin aus Österreich.
oder ist es Monika?
Morgen dann noch Franziska Schutzbach.
Die kenn ich von Facebook.
Und Lukas.
Maisel? Die deutschen Flachspültoiletten?
Bärfuss. Der globale Nationalismus.
Ah ja, mit dem Lüscher.
Dem Lüscher seine Partnerin ist die deutsche Vorlesestimme von Yvonne Owuor.
Was du nicht sagst.
Da wolltest du doch hin.
Stimmt. Oder wollen wir uns setzen und was trinken?
Wir sitzen und trinken doch schon.

Beitragsbild © Literaturfestival Leukerbad