Zum dritten Mal stellten sich Lyrikerinnen und Lyriker am ersten Märzwochenende einem interessierten Publikum im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg. Vom Jahrgang 1989 bis 1938 bot das Lyrikfestival «Neonfische» nicht nur ein breites Spektrum, sondern auch manchen Kontrast, vom freien Assoziieren im Takt einer Schlagzeugs bis zu kühner «Wortkartographie». Nicht bloss die Neonfische als Süsswasserfische glitzerten. Das Biotop Lyrik zeigte sich in allen Farben und Schattierungen.
Neonfische sind keine Einzeltiere. Auch wenn sich die Schwarmbildung im Aargauer Literaturhaus in Grenzen hielt, macht Lyrik und diese Art von Begegnung deutlich, wie sehr Lyrik ein Gegenüber benötigt. In Werkstattgesprächen von jeweils drei Lyriker/innen und einer Moderation stellen sich die Schreibenden auch dem Publikum. Sie geben Einblicke in Entstehungsprozesse, Gedanken und Bilder, die mir sonst verschlossen bleiben. Sie stellen sich, auch mit dem Risiko, dass ich als Zuhörer sehr genau spüre, ob Wellen aufeinanderprallen oder ineinander übergehen. Eine ungemein spannende Art, den Autor/innen und ihren Texten zu begegnen. Erst recht, weil sich die Organisation des Festivals sehr darum bemüht, es dem Zuhörer möglichst einfach zu machen, in der Fülle der Texte nicht unterzugehen.
Werkstattgespräche sind Fenster, die aufgestossen werden. Vielleicht ein Gegensatz zu Romanautor/innen. So zerbrechlich Lyrik manchmal zu sein scheint, Lyriker/innen sind es nicht. Ich erinnere mich an ein Autorengespräch zwischen den Schriftstellern Zora del Buono und Matthias Zschokke: eine überaus vorsichtige und zaghafte Annäherung mit latenter Sprengkraft. Es ist, als ob Lyrik sich viel weniger mit dem eigenen Ich beschäftigt. Dichtung ist Musik, Komposition, zu der man findet oder auch nicht. Viel weniger Nabelschau.
Zum Beispiel Cornelia Travnicek, die sich in ihrem jüngsten Gedichtband «Parablüh» mit der autobiografischen Lyrik der Amerikanerin Sylvia Plath (1932–1963) auseinandersetzte, deren Bücher in den 1960er- und 1970er-Jahren zur Kultliteratur wurden und Silvia Plath zu einer Symbolfigur der Frauenbewegung machten. Zu Gedichten in Sylvia Plaths Band «Der Koloss» hat Cornelia Travnicek im «Nachglanz» der Lektüre eigene Gedichte geschrieben. So entstand ein «Monolog mit Sivia», eine intensive Auseinandersetzung mit einer Dichterin, in deren Werk Cornelia Travnicek regelrecht eintauchte. Gedichte, die die Welt der Autorin mitnehmen und zuweilen auch politische Töne anschlagen.
Cornelia Travnicek, geboren 1987, lebt in Niederösterreich. Sie studierte an der Universität Wien Sinologie und Informatik und arbeitet als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Für ihre literarischen Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. für ihr Romandebüt Chucks (2012). 2012 erhielt sie den Publikumspreis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt für einen Auszug aus ihrem Roman Junge Hunde (2015),
Parablüh
1.
Der Boden verfestigt sich unter ihrem Tritt
Der Kohl gibt seinen Geruch frei in der Sonne
In den Wimpern des Hundes, ein Insekt, sich verfangen
Im Staub des Weges ein zurückgelassenes Bein
Bereits trockener Knochen, ein Stück Fell
Ein Kokon dreht sich als Windspiel, wiegt
Die träumende Raupe
Der Hund nimmt den Hasenfuss zwischen die Beisser, hält ihn als Stöckchen
Hält ihn ihr hin, als ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann
2.
Hier haben sich ein Fuchs und eine Hase
Gute Nacht gesagt. Die kleinen Raubvögel stehen
Schräg unter dem Licht. Das Kind
Taumelt auf der Spur eines Falters, blind
Für Haar und Gebein. Dunkles Blau
Spannt der Abend über ihre Köpfe. Paraplui
Sagt die Mutter: Dunkles Blau auch zwischen Regen
Und sie. Parablüh sagt das Kind und pflanzt
Schirme in die Landschaft.
aus „Parablüh. Monolog mit Silvia“, Limbus
Mirko Bonné ist noch bis Ende März 2018 Residenzgast im Atelier Müllerhaus des Aargauer Literaturhauses in Lenzburg. Im kommenden Herbst erscheint im Schöffling Verlag, sein, wie er sagt, letzter Gedichtband unter dem Titel «Wimpern und Asche». Eine Gedichtsammlung aus vielen Jahren unter 12 thematisch eng gefassten Kapiteln. Viele Kindheitserinnerungen, die der Autor zurückholt, Klangbilder in verschiedensten Tonlagen. Erinnerungen, die ausgelöst werden durch Bilder der Gegenwart, weltöffnende Einblicke in eine damals paradiesisch erscheinende Kindheit. Mirko Bonné, der vielen als bedeutender Romancier bekannt ist und im vergangenen Jahr mit «Lichter als der Tag» für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist ein sensibler Beobachter mit erfrischendem Schalk in seinem Schreiben.
Mirko Bonné, geboren 1965 in Tegernsee, lebt in Hamburg. Neben Übersetzungen von u. a. Sherwood Anderson, Robert Creeley, E. E. Cummings, Emily Dickinson, John Keats, Grace Paley und William Butler Yeats veröffentlichte er bislang fünf Romane und fünf Gedichtbände sowie Aufsätze und Reisejournale.
Das trabende Gras
Es stimmt, auch ich
war mal im glücklichen Garten.
Nur bin ich mir nicht sicher, wo das war
und ob meine Grosseltern mir so ersparten,
Schrecken zu sehen,
vielleicht für ein Jahr.
Es war der Sommer,
als ich auf den Bäumen las.
Ich kletterte in die Wipfel, fühlte mich frei,
und wenn es leuchtete, im trabenden Gras,
mein Lieblingsgesicht,
war mir alles einerlei
Für Nadia Küchenmeister
aus „Wimpern und Asche“, Herbst 2018 bei Schöffling
Oder Jürg Halter, der nicht nur in seiner Lyrik, sondern auch im Werkstattgespräch Witz versprüht und nicht mit Seitenhieben an den «gossen Bruder» spart: «Lyrik ist und bleibt Kleinkunst, während Romane Gegenstand einer ganzen Industrie sind.» Jürg Halters Gedichte sind nicht zuletzt gesellschaftspolitische Statements. Das, was er schon als Kutti MC als Kunstfigur in der Rap-Szene begonnen hatte und in seinen eigenwilligen Performance-Auftritten weiterführt.
Jürg Halter, 1980 in Bern geboren, absolvierte ein Studium der Bildenden Künste an der Hochschule der Künste Bern. Jürg Halter ist Schriftsteller, Musiker und Performancekünstler. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation und zählt zu den Pionieren der neuen deutschsprachigen Spoken-Word-Szene. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. Auftritte in Europa, Afrika, den USA, Russland und Japan. Zuletzt erschienen: «Wir fürchten das Ende der Musik», Gedichte (Wallstein, 2014) und «Das 48-Stunden-Gedicht»
Erdwissenschaften
Sie versinkt in ihrem Sitz
wie ein Stein im Wasser;
geht unter wie eine
zu leise gestellte Frage.
Alles ist ein Sinken
zum Erdmittelpunkt
und zurück in Millionen
von Jahren und …
in allen Religionen gibt es
eigentlich nur einen Gott,
den der Schwerkraft.
Oder weshalb werfen sich
Gläubige auf den Boden
anstatt in die Luft zu springen?
aus «Wir fürchten das Ende der Musik», Wallstein 2014
Weitere Autor/innen waren: Meret Gut, Kathrin Schmidt, Joachim Sartorius, Robert Schindel, Raphael Urweider, Klaus Merz, Tim Holland und Frédéric Wandelère. Vielen Dank an die Festivalorganisatorinnen, allen voran Bettina Spoerri, die mit grosser Souveränität durch das Festival führte.
Fotos: Miklós Rózsa / Literaturhaus Lenzburg

Schnee von gestern, den rauen, ungeschliffenen Ton. Camenisch muss Camenisch bleiben. Das Rattern des alten Schlepplifts, Baujahr 71 ist das Rattern seiner Stimme. Auch der nächste Camenisch wird ein unverkennbarer Camenisch sein, ein erfolgreiches Nischenprodukt der Literatur, das nicht zuletzt wegen seiner Einmaligkeit glänzt. So wie seine Bücher aus dem Engeler Verlag als Einheit in Erscheinung treten, bleibt Camenisch mit jedem Buch Camenisch. Es ändert sich bloss die Färbung.
Arno Camenisch, 1978 in Tavanasa im Kanton Graubünden geboren, schreibt auf Deutsch und Rätoromanisch. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, wo er auch lebt. 2009 erschien im Engeler-Verlag der Roman „Sez Ner“, 2010 „Hinter dem Bahnhof“, 2012 „Ustrinkata“, 2013 „Fred und Franz“, 2014 „Nächster Halt Verlangen“, 2015 „Die Kur“, 2016 „Die Launen des Tages“, 2018 „Der letzte Schnee“. Seine Texte wurden in über 20 Sprachen übersetzt und seine Lesungen führten ihn quer durch die Welt, von Hongkong über Moskau und Buenos Aires bis nach New York. Im März 2015 strahlte das Schweizer Fernsehen und 3sat den Dokumentarfilm “Arno Camenisch – Schreiben auf der Kante” aus.





Der 1962 in Dresden geborene und in Berlin lebende Ingo Schulze, schon lange eine Grossmacht in der deutschen Literaturszene, schrieb mit seinem neusten Roman „Peter Holtz – Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ die Geschichte eines reinen Tors. Peter Holtz ist einer, der das Gute will, nur das Gute. 1974, kurz vor seinem 12 Geburtstag haut er ab aus einem sozialistischen Kinderheim auf der Suche nach der besseren Welt, auf der Suche nach Menschen wie ihm, die
ungebrochen an den real existierenden Sozialismus glauben. Der überaus witzige und tiefsinnige Roman erzählt in einem langen Bogen bis ins Jahr 1998, als aus dem bettelarmen Jungen ein wider Willen schwerreicher Mann geworden ist, dessen Tun und Lassen sich ohne Absicht in Gold und Geld verwandelt. Ingo Schulzes Roman beschreibt die Wendezeit der deutschen Geschichte. Er erzählt aber nicht bloss, sondern stellt mit seinem Erzählen ganz grundsätzliche Fragen. Ingo Schulze erzählt leicht, lädt mich ein, an der Seite eines Andersartigen die Suche nach dem Glück aufzunehmen. Lesen!
Und Rosa Yassin Hassan, eine aus Syrien geflohene Schriftstellerin und Bloggerin, die seit 2012 in Hamburg lebt und arabische Literatur unterrichtet. Vom Schriftsteller Yusuf Yeşilöz im Namen des DeutschSchweizer PEN Zentrums eingeladen ist Rosa Yassin Hassan auf einer Lesereise mit ihren Romanen „Ebenholz“ und „Wächter der Lüfte“. Am 15. November, am Writers in Prison Day wird in vielen Ländern verfolgter Schriftstellerinnen und Schriftsteller gedacht. Wäre Rosa Yassin Hassan 2012 nicht aus Syrien geflohen, wäre sie wegen ihrer ganz offenen Kritik in ihrem Blog an der Syrischen Regierung und ihrem Diktator Baschad al-Assad mit Sicherheit eingesperrt und gefoltert worden, wie viele ihrer Freunde, Verwandten und Gesinnungsgenossen.
„Schreiben ist meine Krankheit und meine Therapie, die Erinnerung eine tödliche Last“, verrät die Autorin im Interview mit Michael Guggenheimer, Schriftsteller und Journalist. Rosa Yassin Hassan will eine Brücke sein zum Verständnis der arabischen Kultur, die alles andere als deckungsgleich mit islamischer Kultur ist. Sie schreibt und spricht über Tabus; Religion, Politik und nicht zuletzt über Sex. Schreiben in einer Umgebung, die in Europa vollkommen anders ist als in ihrer Heimat Syrien, einem Land, dessen Infrastruktur heute zu 70% zerstört ist. Die Autorin entschied wie viele andere, die aus Syrien flohen, nie, Flüchtling zu werden. Sie sei schlicht zur Flucht gezwungen worden, aus einem Land, in dem nichts mehr funktioniert, in dem man in jedem Augenblick mit dem Tod bedroht ist. Was im Büchlein „Eine fatale Sprayaktion – Die Geschichte dreier Freunde in Syrien“ als Revolution die Welle zum Überschwappen brachte, ist längst zu einem verlorenen Bürgerkrieg geworden. Rosa Yassin Hassan kämpft mit Worten weiter.
Rolf Hermann fabuliert ums Fremdsein, sein Zuhause, die schrulligen Alten, die es im Jetzt kaum mehr zu geben scheint (mit Sicherheit aber in den Walliser Tälern!). Träfe Texte, die triefen. Hymnen über Nachbarn, die liebsten Feinde!
Rolf Hermann, geboren 1973 in Leuk, lebt heute als freier Schriftsteller in Biel/Bienne. Sein Studium in Fribourg und Iowa, USA, verdiente er sich als Schafhirt im Simplongebiet. Er ist Mitglied der Mundart-Combo «Die Gebirgspoeten». Sein Schaffen wurde verschiedentlich ausgezeichnet, zuletzt mit einem Literaturpreis des Kantons Bern (2015).
In einem der Flaggschiffe des Zürcher Literaturfestivals „Zürich liest 2017“, im Literaturhaus Zürich, lasen am Samstag Mariana Leky aus ihrem Bestsellerroman „Was man von hier aus sehen kann“ und Sten Nadolny aus „Das Glück des Zauberers“. Beide wurden sie mit ihren Romanen von ihren jeweiligen Moderationen zum „Magischen Realismus“ gezählt, der Verschmelzung von magischer Realität und realer Wirklichkeit. Aber wie magisch war dieser Abend im Literaturhaus Zürich denn wirklich?
gesehen?“, fragte die Auorin. „Irgendwie zusammengesetzte Tiere, irgendwie aus bekannten Einzelteilen zu einem neuen, nicht wirklich passendem, zusammengesetzt.“ Das Okapi ist das „Wappentier“ des Romans. So, wie viele die Menschen im Buch in ihren „Einzelteilen“ nicht wirklich zusammenpassen, sieht das Okapi zusammengesetzt aus. Mariana Leky erzählt langsam und genau, verstärkt durch ihre sprachliche Präzision meinen Blick. Sie versteht es, Menschen darzustellen, die langsam und doch mutig sind, etwas, was im realen Leben nicht zusammenzupassen scheint. Mariana Leky erzählt von Luise und ihrer Wunschgrossmutter Selma. Von Eltern, die nie da sind, wenn sie gebraucht werden und über einen grossen Bogen von
der 22 Jahre alt gewordenen Luise, die auf der Suche nach ihrem verloren gegangenen Hund Alaska einen 25jährigen buddhistischen Mönch trifft, der zum Mann ihres Lebens wird, sie, die Verstockte, sie, die für einmal die Initiative ergreift. Nicht wie der Optiker im Dorf, der seine Liebe zu Selma, Luises Grossmutter, über Jahrzehnte in einem Bündel Liebesbriefe mit sich herumträgt.
Etwas, was Sten Nadolny so nicht gelingen will. Nadolny erzählt in zwölf langen Briefen, die der grosse Zauberer Pahroc seiner Enkelin Mathilde schreibt, von 111 Jahren eines grossen Zaubererlebens und eines schrecklichen Jahrhunderts. Mag sein, dass das „Zauberthema“ arg strapaziert ist und ich als Nadolny-Leser mit jedem Roman des Autors jene absolute Faszination zurückwünsche, die ich seit drei Jahrzehnten seit seinem unübertroffenenen Buch „Entdeckung der Langsamkeit“ erwarte. Sten Nadolny bemüht sich, paart Witz mit Düsternis, Schrecken mit Komik, Magie mit der Grausamkeit von Krieg, Schmerz und Verzweiflung. Sehe ich den
mittlerweile über 75 Jahre alt gewordenen auf der Bühne erzählen und funkeln, nimmt er mich noch immer für sich ein. Selbst das mir fremde Thema, das er zu einer Metapher für intelligente, kreative und bewegliche Menschen gesehen haben will, die permanent in der Gefahr seien, zu einer Minderheit zu werden. Heute erst recht, in einer Zeit von Engstirnigkeit und Borniertheit, wo blanker Hass und dumpfer Nationalismus Politik machen. Dem Roman fehlt die Tiefe, vielen Szenen der Atem. Wenn Sie ihn noch nicht gelesen haben, lesen Sie „Die Entdeckung der Langsamkeit“ – epochal!