Mein Highlight an der BuchBasel 2018

Warum nach Basel an das Internationale Literaturfestival? Wegen der Preisverleihung? Nein. Wegen der internationalen Gäste? Schon eher, bemüht sich die Festivalleitung doch sehr, aktuellen politischen und gesellschaftlichen Fragen eine Bühne zu geben, sei es mit Diskussionsrunden oder Schreibenden, die sich engagiert mit Konflikten, möglichen Antworten und deren Auseinandersetzung stellen. Aber ein Grund; Jedes Jahr Überraschungen und Entdeckungen.

Peter Stamm ist neu gekührter Buchpreisträger mit seinem Roman «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» (Rezension vom 1. April 2018 auf literaturblatt.ch). Das ist gut so – und keine Überraschung. «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» wird bleiben und nicht einfach im Meer der Neuerscheinungen langsam verschwinden. Dereinst wird dieses Buch in Schulen gelesen werden wie man es mit «Agnes» tut, Peter Stamms vor genau 20 Jahren erschienen erstem Roman. Man wird ihn lesen, weil die beiden Bücher miteinander korrespondieren, das eine irgendwie zum andern gehört.

Das alleine ist aber kein Grund, das Buch zum besten deutsch geschriebenen Werk 2018 zu erklären, zumal die Konkurrenz in diesem Jahr sehr gut und ebenfalls preiswürdig gewesen wäre. «Ein vielschichtiger Doppelgänger-Roman, in dem sich zwei Künstlerpaare ineinander spiegeln. Im Innersten dreht sich das Buch um die wirklichkeitsstiftende Kraft des Erzählens – und funktioniert zugleich so spannend wie ein Kriminalroman. Wir sind die Geschichten, die wir uns erzählen. Peter Stamm führt uns in ein virtuos konstruiertes Labyrinth, in dem wir uns glücklich verlieren», heisst es in der Begründung der Jury.

In Peter Stamms Roman geht es um existenzielle Fragen, wie immer in seinen Romanen. Auch in seinem letzten Roman „Weit über das Land“, in dem ein Familienvater scheinbar plötzlich aus seinem Leben abtaucht. In „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ kreuzen sich Realitäten. Die eine löscht die andere. Peter Stamm heizt dort ein, wo man meint, sicher zu sein. Er reisst auf, wie sich sonst kaum mehr jemand traut zu erzählen: von Vielbödigkeit, von den trüben Rändern der Wirklichkeit. Von dem, was die Erinnerung mit der scheinbaren Wahrheit macht. Peter Stamm tut dies in so unaufgeregter Art und Weise, dass es mich wundert, wie tief mich der schmale Roman ins Grübeln stösst.

Doch in meinem Bücherkoffer, den ich im Zug von Basel mit nach Hause schleppte, wartete ein ganz besonderer Schatz darauf gelesen zu werden. Als ich auf den Büchertischen im Volkshaus Basel stöberte, fiel mein Blick auf einen grauen Schuber mit fünf verschiedenen Büchern, bei denen man erst es sich erst auf den zweiten Blick bestätigte, dass sie vom selben Autor geschrieben wurden. Fünf Bücher, eine Enzyklopädie, eine Erzählung, ein Notizheft, eine Audiotranskription und ein Comic (jener gezeichnet von Raffaela Schöbitz). «Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen» (Suhrkamp) heisst das Panoptikum, das Konvolut an Texten, Illustrationen, Berichten, Zeichnungen. 1000 Seiten, von denen der Autor Philipp Weiss meint, es gäbe keinen Anfang, an dem man mit der Lektüre beginnen müsse, weder eine chronologische, oder sonst logische Linie, der man folgen müsse. «Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen» ist eine literarische Welt, in die man abtauchen kann, die übersprudelt von Ideen, Querverweisen, sprachlicher Vielfalt, Überraschungen und optischem Genuss.

Manchmal zwingt mich einer meiner erwachsenen Söhne, wenn er in meiner Gegenwart am Computer spielt, versuchsweise auch zum Spieler zu werden. Eines dieser neuen Spiele heisst «red dead redemption II», eine Westernwelt im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. Ein Spiel, von dem mein Sohn sagt, man können jederzeit irgendwo einsteigen und spielen, ob man nun einer Spur folge oder sich von der Lust leiten liesse.
Genauso scheint «Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen» zu funktionieren. Eine in Wort und Bild gezeichnete Welt zwischen Frankreich und Japan, zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert, von der 17jährigen Paulette, die 1871 den Aufstand der Pariser Kommune erlebt, ausbrechen will, einen Japaner heiratet, ein Kind von ihm bekommt und nach einer Wanderung über 130 Jahre im «ewigen» Eis eines französischen Gletschers eingeschlossen liegt. Von der Klimaforscherin Chantal, einer Urenkelin von Paulette, die ins aufgetaute Gesicht Paulettes schaut und sich auf die Suche nach Spuren macht und von Jona, dem von Chantal verlassenen Künstler, der sich auf die Suche nach Chantal macht und in Japan ein Land findet, das nicht nur von Tsunami und Erdbeben erschüttert wird.

«Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen» ist eine Reise, eine 1000 Seite lange Reise, auf die ich mich freue, von deren Erlebnissen ich mit Sicherheit noch berichten werde, weil Philipp Weiss zusammen mit der Künstlerin Raffaela Schöbitz etwas schuf, was einmalig, extravagant, kühn und intelligent ist!

Buchtrailer

Philipp Weiss, geboren 1982 in Wien, studierte Germanistik und Philosophie. Er schreibt Prosa und Theaterstücke, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. 2009 nahm er mit seinem Text «Blätterliebe» am Ingeborg-Bachmann-Preis teil. 2011 gewann er mit seinem Stück «Allerwelt» das Hans-Gratzer-Stipendium; das Stück wurde am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, wo er in der Spielzeit 2013/14 Hausautor war. «Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne» gewann 2015 den Preis der Theatertage Lyon und erschien auf Französisch in den Éditions Théâtrales (Montreuil). «Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen» ist sein Romandebüt.
Webseite des Autors

Raffaela Schöbitz, geboren 1987 in Korneuburg, hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien sowie Filmwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin studiert. Sie arbeitet als freischaffende Autorin, Dramatikerin und Illustratorin, u. a. für Revolver. Zeitschrift für Film und Deadline. Das Filmmagazin, und ist Teil des nicht.THEATER-Ensembles. Ihre Theaterstücke, «Zugvögel» (2014) und «Im Mutterbauch war’s früher besser» (2015), werden vom Kaiser Bühnenverlag vertreten. Daneben hat sie Kinderbücher verfasst, u. a. «Knollnase» und «Roboter haben’s auch nicht leicht», deren Illustrationen ebenfalls aus ihrer Feder stammen. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem DIXI Kinderliteraturpreis für Illustration (2015) und mit Stipendien des BKA Kunst und Kultur (2016 & 2017). 2017 war sie Stipendiatin der Peter Suhrkamp Stiftung. Ihre Bilder sind oft Mixed-Media-Collagen, ansonsten arbeitet sie häufig mit Tusche, Wasserfarben, Kohle und Buntstiften.
Webseite der Künstlerin

Nur ein Schritt bis zum Reptil: «Das Eidechsenkind» von Vincenzo Todisco

Was für ein Geschrei jedes Jahr um publikumswirksame Buchpreise. Dabei ist genau das die erklärte Absicht. Nur wenn Bücher ins Gespräch kommen, nur wenn über sie geschrieben, nachgedacht, gefeilscht und verhandelt wird, dann dient dem Buch sogar das Theater, der Beleidigte, der Verkannte, die Vergessene. Sei es der Schweizer, der Deutsche, der Österreichische Buchpreis, sie alle haben das Ziel, herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen.

Ein bedeutsamer Aussenseiter im Rennen um den Schweizer Buchpreis 2018 ist der Bündner Vincenzo Todisco mit seinem Roman «Das Echsenkind». (Rezension auf literaturblatt.ch vom 20. Juni 2018)

In den 70er Jahren gab es für einen «Gastarbeiter» in der Schweiz drei Möglichkeiten; Er arbeitete in der Fabrik, im Gastgewerbe oder auf dem Bau. «Gastarbeiter» ist und war eine reichlich unzutreffende Bezeichnung, hatte die arbeitenden Gäste doch kaum Rechte, verdienten weniger als ihre heimischen Kollegen und waren gesellschaftlichen und politischen Anfeindungen ausgesetzt. Vincenzo Todiscos Vater arbeitete u. a. im Hotel Palace in Luzern. Wenn der Vater abends müde nach Hause kam, erzählte er von den berühmten Gästen im Hotel, erinnert sich Vincenzo Todisco. Zum Beispiel von Herbert von Karajan – und davon, wie Vincenzo und seine Geschwister einmal in der Woche in den Badewannen des Luxushotels baden durften, selbstverständlich nur durch die Hintertür.

Vincenzo Todisco bezeichnet sich selbst als Musterbürger; vorbildlich integriert, alle vier Bündner Sprachen sprechend: italienisch, rätoromanisch, deutsch und Mundart. Deutsch lernte man damals ab der vierten Klasse mit einem Lehrmittel, das «Deutsch für Ausländer» hiess. Italienisch, jene Sprache, in der Vincenzo Todisco seine ersten vier Romane veröffentlichte («Das Krallenauge», «Wie im Western», «Der Bandoneonspieler» und «Rocco und Marittimo») bezeichnet der Autor als seine «Bauchsprache», die Sprache der Erinnerung. Deutsch ist «Kopfsprache», die Sprache der Rationalität. Irgendwann, so der Autor, war da das Bedürfnis, aus der Kopfsprache eine zweite Bauchsprache zu machen.

1961. In einer abgeschlossenen Wohnung im «Gastland» misst ein kleiner Junge in der Dunkelheit die Schritte durch die abgedunkelte Wohnung, während Mutter und Vater arbeiten. Bis 2002 galt in der Schweiz das «Saisonstatut», mit dem man ausländische Arbeitnehmer unter unwürdigen Umständen amtlich zur Unterschicht stempelte. Nicht zuletzt zwang man sie mit diesem Statut, ihre Kinder vor dem Auge der Öffentlichkeit und der Ämter zu verstecken. Die Geschichte der «versteckten Kinder» tauchte im Leben Vincenzo Todiscos immer wieder auf, bis er sich dazu entschloss, sich mit dem Abschluss einer eigentlichen Trilogie dem Thema literarisch auszusetzen.

Aus dem Es, dem kleinen Kind, wird ein Junge, ein junger Mann, ein Er. Eine Geschichte im Kosmos Haus, einer Wohnung, einem Zimmer, einem Schrank, im Dunkeln eines Verstecks. Die Chronik eines Hauses, in dem «nichts» geschieht, die Chronik eines «Stillstands», alles aus der Perspektive eines Kindes erzählt und doch nicht in der ersten Person. Ein Kind ohne Vergangenheit und Zukunft, eine Existenz im Schatten des Lebens.
Der Junge wird älter und beginnt im Verborgenen über die Wohnung seiner Eltern hinaus das Haus zu erkunden. Er schleicht sich in andere Wohnungen, lernt auf seinen Streifzügen Menschen kennen; den kalten Jungen, den Professor.

«Das Eidechsenkind» überzeugt durch seine Perspektiven, die Unmittelbarkeit, die detailgenauen Nahaufnahmen, durch starke Sprachbilder aus der Sicht eines Wesens, das eingesperrt ist in einem Haus und in sich selbst. Ein Kind, das sich geräuschlos zu bewegen lernt, wie eine Eidechse, die in Ritzen verschwindet, wenn Gefahr erscheint. Ein Bild, das an Anne Frank erinnert, wenn auch in einem ganz anderen Kontext.

Vincenzo Todisco, 1964 als Sohn italienischer Einwanderer in Stans geboren, studierte Romanistik in Zürich und lebt heute als Autor und Dozent in Rhäzüns. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2005 mit dem Bündner Literaturpreis ausgezeichnet. Im Rotpunktverlag liegen seine Romane in deutscher Übersetzung vor. „Das Eidechsenkind“ ist seine erste Buchveröffentlichung auf Deutsch.

«Schreiben ist praktizierte Utopie.» BuchBasel 2018

Wir brauchen Bücher, die zum Nachdenken bewegen, vielleicht sogar zwingen. Nicht nur blosse Unterhaltung. Während Antisemitismus, Unterdrückung jeglicher Art, Frauenfeindlichkeit und Pöbeleien salonfähig zu werden scheinen, sollen Bücher herausfordern, Texte wachrütteln, Kopf und Herz bewegen. Literatur ist Eingemachtes, Eingekochtes, Konzentriertes, destilliert, handgemacht, authentisch, wenn auch nicht immer leicht verträglich.

Während drinnen zwischen den Vitrinen bloss ein paar schwarze Kabel am Boden verraten, dass dort, wo sie enden, hinter weissen Stehlen, vor den Schaufensterscheiben, Autoren lesen, stehen vor dem Warenhaus drei Reihen Metallstühle mit Kunstfellen und ein Lautsprecher im Strom der Menschen. Michelle Steinbeck ist die erste, die liest. Und sie passt. Sie ist hipp mit ihren knallroten Lippen und den schmalen Fesseln unter dem minimalistischen Tischchen. Schaufensterlesungen!

«Ich wusste gar nicht, dass Schaufensterpuppen lesen können», meint einer der Vorübergehenden, einer derer, die nicht stehen bleiben, sich aber wenigstens hinreissen lassen. Michelle Steinbeck liest aus ihren neuen Gedichten «Eingesperrte Vögel singen mehr», macht die Lesung hinter Glas zur einstudierten Performance, kein Aquarium, aber ein Literarium, für einmal abgetrennt vom Publikum. Sie liest und sieht dabei nur sich selbst im Spiegel der grossen Scheibe in die Schwärze der einbrechenden Nacht, hört nichts, nur sich selbst, nicht einmal den Zwischenapplaus.
Während man aus dem Warenhaus volle Taschen trägt und drinnen im Erdgeschoss an Handgelenken schnuppert, ziert sie sich nicht, scheut sich nicht, durch ein Fenster ins Unbekannte zu schauen, durch ein Fenster, das den Blick nicht freigibt.

Julia von Lucadou, Bild © Christian Werner

Schaufensterlesungen – durchaus ein Gag, aber niemals das, was Literatur will. Literatur selbst ist Schaufenster. Nicht abgenabelt von dem, was auf der Strasse passiert, in keinem Elfenbeinturm entfremdet, von dem Felicitas Hoppe in ihrer Eröffnungsrede erzählt. Gute Literatur hat keine glatte Oberfläche, sie ist nicht durchsichtig, abgeschnitten vom Wahrhaftigen. Das beweisen all die Namen im Programmheft des Internationalen Literaturfestivals, die Schauplätze, an denen Literatur entstanden ist und von denen Literatur erzählt.

Ein paar hundert Stühle zur Eröffnungsfeier im Festsaal des Basler Volkshauses, ganze Batterien von langstieligen Gläsern, die bereitstehen und Publikum, dass sich auf den Füssen steht. Gespräche, wer das Rennen macht, den Schweizer Buchpreis 2018 erhalten soll. Peter Stamm, den man mit Nichtbeachtung vielleicht vergrämen würde, Heinz Helle, der doch schon einmal auf der Liste stand, Vincenzo Todisco, dessen Text beim Lesen schmerzen kann oder die Erstlinge der wilden Jungen, Gianna Molinari und Julia von Lucadou? Ob die Jury das Richtige tut, das Notwendige oder das Mutige?

So hat zumindest die Festivalleitung Mut, weil sie sich mit Literatur einmischen will. Sie beweist, dass sich Literatur in keinen Elfenbeinturm einsperren lässt, dass sie aber sehr wohl weit über Grenzen hinausschauen kann, räumlich und zeitlich. So überzeugen Formationen wie «Kosovë is everywhere», Sprachklangräume mit Dominic Oppliger & Marco Papiro, Klangwortverflechtungen mit DJ Tom Nagy und der Buchpreisnominierten Julia von Lucadou. Literatur ist ganz da!

Hansjörg Schertenleib «Die Fliegengöttin», Gatsby im Kampa Verlag

«Die Fliegengöttin» bewegt. Hansjörg Schertenleib bewegt. Ein alt gewordenes Paar kämpft sich nach vielen gemeinsamen Jahren durch den Alltag. Er von Zweifeln und Schuld getrieben, sie eingeschlossen in ihre Krankheit. Er an seinen Grenzen, sie verloren weit über Grenzen hinaus. Hansjörg Schertenleib schrieb keine Novelle um die Krankheit Alzheimer, sondern um einen Mann, der an sich und seiner Situation zu zerbrechen droht.

Es geschah schon öfters, dass ich mit meiner Frau bei einem Spaziergang darüber sprach, was mit uns geschehen wird oder würde, wenn jemand von uns beiden erkrankt oder sterben wird. Etwas, was nicht einfach Möglichkeit ist, sondern irgendwann Tatsache wird.

Eilis und Willem sind seit vielen Jahrzehnten ein Paar, gemeinsam alt geworden, nachdem die Kinder aus dem Haus ausgezogen waren. Willem kam als junger Mann in Irland mit dem Schiff an Land, hat ein Leben hinter sich gelassen, eine schwangere Frau, eine Geschichte, die er mit niemandem teilte. Er lernte Eilis kennen, eine Frau, die ihn mit ihrer Bestimmtheit bezauberte, mit der Art, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Es kamen Kinder, Arbeit, Aufgaben, bis Willem erneut gezwungen war, sich mit quälenden Realitäten auseinanderzusetzen, diesmal ohne äussere Flucht, dafür umso mehr mit einer inneren.
Eine Tochter stirbt und ein Sohn stellt sich verkrusteten Konventionen entgegen. Dem einen hat er nichts entgegenzusetzen, dem andern verschliesst er sich, trotz dargebotener Hand seines Sohnes. Willem beginnt sich treiben zu lassen, lässt sich auf eine Beziehung mit der Frau seines besten Freundes ein. Und nun im Alter, nach dem gegenseitigen Versprechen, sich nicht mit einer Krankheit alleine zu lassen und dem anderen ein unwürdiges Dasein zu ersparen, ist Willem allein. Neben Eilis, die sich durch Alzheimer fast ganz aus ihrem Körper verabschiedete. Er spürt seine aufkommende Härte, dass ihm auch hier die Kraft fehlt, zu seiner Realität zu stehen. Wie damals, als er eine Schwangere sitzen liess, wie bei seiner Tochter, die er sterben lassen musste, wie in der verschütteten Beziehung zu seinem Sohn, der Lüge in seiner Liebe zu Eilis und einem Versprechen, dem er nicht standhält.

Eilis und Willems Ehe ist wie ein Haus mit vielen Zimmern. Ein Haus mit Zimmern, die unwiederbringlich geschlossen und verloren sind, ein Haus, aus dem Willem immer mehr verdrängt wird.

Hansjörg Schertenleib Novelle ist von so ergreifender Zartheit und Klarheit, dass man während der Lektüre zum Atemholen gezwungen wird. Hansjörg Schertenleib leuchtet in die Tiefen Willems, beschönigt nicht, obwohl in vielen seiner beschriebenen Szenen genau die Zartheit schimmert. Hansjörg Schertenleib leuchtet nicht aus, lässt Schatten im Verlaufe der Geschichte noch grösser werden, lässt offen, deutet nur an. Es sind die Szenen zwischen Eilis und Willem, die Dialoge, die keine wirklichen mehr sind, die Berührungen, die im Nichts verlaufen, die leeren Gesten, die leeren Sätze von Eilis genauso wie von Willem. Ich als Leser spüre die Ausweglosigkeit, die Verzweiflung in Willems Situation, ohne dass ich während des Lesens mit in die Tiefe gezogen werde. Es ist die Art des Schreibens, Hansjörg Schertenleibs Sprache, die das verhindert, all die überaus starken Szenen, die ein Vielfaches von dem erzählen, was geschrieben steht.

Ein Interview mit Hansjörg Schertenleib:

Ein Mann, der seine an Alzheimer erkrankte Frau bei sich zuhause behält, gegen den Rat fast aller, weil sie sich einst ein Versprechen gaben. „Fliegengöttin“ ist eine Liebesgeschichte über Grenzen hinaus, ein Glaubensbekenntnis an die Kraft der Liebe bei aller Bürde und ein Buch über die Macht des Versprochenen. Sind Versrechen nicht längst antiquiert?
Versprechen sind in der Tat antiquiert. Ich bin aber ein altmodischer Autor (und Mensch…) der grossen Wert legt auf Begriffe wie ‚Loyalität‘, ‚Moral‘, ‚Ehrlichkeit‘. Ich mag keine Menschen und keine Erzählfiguren, die sich vor Verantwortung drücken.

Willem und Eilis sind Jahrzehnte zusammen, haben Stürme überlebt, selbst den Tod der einen Tochter. Alzheimer ist Hein Sturm, sondern eine langsam werdende, ewig dauernde Flaute. Wer lange mit jemandem zusammen ist, wer in Partnerschaft alt wird, muss sich irgendwann der Tatsache stellen, dass jemand unheilbar krank werden könnte, der eine zuerst stirbt. Warum glaubt der Mensch, sich den Fragen des Sterbens verschliessen zu können?
Weil der Mensch in der Regel die Tendenz hat, Problemen aus dem Weg zu gehen. Literatur darf dies nicht. Sie muss sich den Problemen stellen, muss sie verhandeln und in Geschichten verwandeln. Wobei es mir gerade bei existenziellen Problemen sehr wichtig ist, das Schwere leicht zu machen und zum Schweben zu bringen. Was im Fall meiner Novelle ‚Die Fliegengöttin‘ eine nicht eben einfache Aufgabe war. Ich will die Leserschaft mit einem guten Gefühl aus dem Text entlassen, ohne jedoch schön zu malen und Problemen aus dem Weg zu gehen.

Sie schreiben sich ganz nah an das Paar Eilis und Willem. Es ist unvermeidlich, dass ich als Leser glauben muss, sie wären tatsächlich Zeuge gewesen. Es sind die beschriebenen Gesten und vor allem die Dialoge mit der an Alzheimer erkrankten Ehefrau, die die Novelle in anrührender Zärtlichkeit so sehr authentisch machen. Alzheimer ist viel mehr als bloss ein Aufhänger in einer Geschichte um Liebe und Freundschaft. Kann man seinen Personen in einem Roman als Schriftsteller auch zu nahe treten?
So man als Autor seine Figuren mit Respekt behandelt, kann man ihnen nicht zu nahe treten, nein. Wobei es in meiner Arbeit immer auch um die nötige Distanz geht – diese zu finden und dennoch Nähe zu schaffen, ist eine der Schwierigkeiten, die sich am Schreibtisch stellen.

Sie beweisen sich in allen Ihren Büchern als Meister der „Beziehungs-inszenierung“. Es sind nie Nabelschauen. Die Personen werden nie nackt, keine geozentrierte Reflexion. Sie reduzieren das Personal Ihrer Bücher auf das Minimum, auch das, was erzählt werden muss. Wirkt die Landschaft Ihres Schreibortes in Irland?
Selbstverständlich hat mich die Landschaft Irlands – oder Donegals, um genau zu sein – beeinflusst, was meine Sprache, meinen Satzbau, meinen Duktus und den Rhythmus meiner Sätze betrifft. Nach 22 Jahren Irland bin ich nun freilich weitergezogen. Neuer Schreib- und Denkort ist die kleine Insel Spruce Head Island an der US-Ostküste Maines. Auch diese Landschaft wird mein Schreiben ohne Zweifel entscheidend beeinflussen.

Willem trägt viel Schuld mit sich, ungeteilte Schuld. Eine schwangere Frau, die er einst sitzen liess, eine Verantwortung, vor der er floh. Den einen Sohn, dessen Neigungen er nicht akzeptieren will und kann. Seitensprünge mit der Frau seines Freundes. Und mit der Krankheit seiner Frau, bei der er dieser eine Versprechen einzulösen hätte, sein Unvermögen, sein Zögern, die Blicke seiner Frau. Wie entscheidet der Schriftsteller, wie viel er in ein Buch „einpacken“ kann?
Das entscheide nicht ich, der Autor, das entscheidet die Geschichte, die ich erzähle. Handlungen der Figuren müssen motiviert werden, damit sie für die Leserschaft nachvollziehbar sind. Allerdings ist es wichtig, eben diese Handlungen nicht zu stark zu motivieren, da sonst die Gefahr des ‚Holzschnittes‘ besteht und komplizierte Vorgänge, und das sind alle Vorgänge zwischen Menschen, zu sehr zu vereinfachen. Auch hier muss die richtige Mischung gefunden werden. Was bedeutet, das ich nach der 1. Fassung in den folgenden 2. und 3. Fassungen in erster Linie streiche, streiche, streiche.

Ich danke Hansjörg Schertenleib für das Interview.

© Milena Schlösser

Hansjörg Schertenleib, geboren am 4. November 1957 in Zürich. Ausbildung zum Schriftsetzer/Typographen; Besuch der Kunstgewerbeschule Zürich. Seit 1982 freier Schriftsteller. Lebte in Norwegen, Wien, London, Boston und Berlin, zwischen 1996 und 2016 in einem ehemaligen Schulhaus aus dem Jahr 1891 im County Donegal in der Republik Irland, seit 2011 zeitweise in Suhr im Kanton Aargau und seit 2016 auf Spruce Head Island in Maine, USA. Besitzt seit 2003 die irische Staatsbürgerschaft.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Dana Grigorcea las in St. Gallen, mit Musik!

Im Rahmen der Reihe «Wortklang – Klangwort» las Dana Grigorcea Zusammen mit dem Musikduo «Stories» (Christian Berger und Dominic Doppler) aus ihrer Novelle «Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen». Die Performance im Theater 111 in St. Gallen wurde zu einem beinahe übersinnlichen Erlebnis!

«Was für ein wunderbarer Abend im Theater 111 in St. Gallen! Mit Musik zu lesen, war für mich eine neue Erfahrung, ich bedanke mich ganz herzlich bei Gallus Frei Tomic für die schöne Idee und die überaus gekonnte Hartnäckigkeit bei der Ausführung …! Es hat einfach alles gestimmt: die Einführung, die Musik des Duos „Stories“, die Art und Weise mit der die Musik auf meinen Text abgestimmt war, die Technik, die Beleuchtung im schönen Theater, das Publikum (!!) und die guten Gespräche danach. Vielen lieben Dank!»

Fotos © Philipp Frei

23. Literaturfestival Leukerbad: «Naturkunden» mit Judith Schalansky, ein Interview

In diesem Frühling feierte die Reihe «Naturkunden» vom Verlag Mattes und Seitz ihren 5. Geburtstag. Ein Jubiläum, das gefeiert werden musste, denn dass die bald 50 Bände aus dieser exklusiven Bände derart erfolgreich, nachhaltig und wegweisen sein würden, wie sie es tun. Judith Schalansky, Herausgeberin und Mitinitiantin dieser Reihe, brachte die Buchreihe mit nach Leukerbad und mit ihr Cord Riechelmann, der mit «Krähen» die Reihe begann und Jutta Person, die mit «Korallen» das halbe Hundert komplett machen wird.

In einem Hotelpark traf ich mich mit Judith Schalansky zu einem Interview:

Sie stellen zusammen mit Autoren die „Naturkunden“ – Reihe aus dem Verlag Matthes & Seitz beim 23. Literaturfestival Leukerbad vor. Etwas, was eigentlich gar nicht nötig ist, denn jeder, der Bücher liebt, kennt die von Ihnen herausgegeben Reihe ›Naturkunden‹. War da jemals die Hoffnung, dass aus einem mannigfaltigen Abenteuer eine „Institution“ werden würde?
Ach, als wir uns die Reihe ausgedacht haben, da haben wir keinen Gedanken an die ferne Zukunft verschwendet, sondern immer nur an das nächste Programm. Damals, vor fünf Jahren, waren Bücher über die Intelligenz der Pflanzen oder das Seelenleben von Bäumen in den Bestsellerlisten unvorstellbar. Was damals langsam anfing, war die Lust am sogenannten ›Landleben‹, die vage Sehnsucht nach Naturerlebnissen. Es ist schön, wenn die Naturkunden ihren Teil dazu beigetragen haben, dass das, was wir ›Natur‹ nennen, nicht mehr als Nischenthema wahrgenommen wird.

Bücher aus ihrer Reihe wie „Krähen“ von Cord Riechelmann oder „Äpfel und Birnen“ von Korbian Aigner besitzen Kultstatus, erreichen ein Publikum, dass sich sowohl für Sachthemen, wie für Kunst und Literatur interessiert. Es sind Bücher, die nicht einfach gelesen in ein Bücherregal verschwinden wollen, aber auch weit davon entfernt, Bestimmungshilfen sein zu wollen. Bücher, die von Innen und Aussen überzeugen. Bücher, denen man die Liebe zum Inhalt genauso ansieht wie die Liebe zum Objekt Buch. Sind das die Gründe für den Erfolg?
Natürlich. Es sind Bücher, in denen wir für den jeweiligen Inhalt eine angemessene Form zu finden versuchen. Wenn das gelingt – und das muss gar keine aufwendige oder sehr teure Gestaltung sein –, dann wird das Buch erst wirklich schön, auf eine ehrliche, zwingende, manchmal sogar ganz hintergründige Weise.

Bald steht mit dem 50. Band über Korallen, den die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Jutta Person, die schon über den Esel ein engagiertes Porträt in den Naturkunden verfasste, erscheinen. Zum 50. Mal erscheint dabei ihr Name als Herausgeberin. Was macht das mit ihnen?
Es versetzt mich in Erstaunen – sind es wirklich schon so viele ? –, vor allem aber löst es Freude in mir aus: die Freude darüber, dass etwas funktioniert hat und und noch funktioniert, Bücher ermöglicht zu haben, die es sonst nicht in dieser Form gegeben hätte, und die Vorfreude auf kommenden Bücher: Zeitgleich mit mit Jutta Persons ›Korallen‹ erscheint zum Beispiel das Portrait der ›Algen‹ der niederländischen Autorin Miek Zwamborn. Das sind zwei absolute Lieblingsprojekte. Wir begegnen der Unterwasserwelt in Fauna und Flora zugleich.

Gibt es unter all den Titeln der „Naturkunden“ solche, die ihnen ganz besonders ans Herz gewachsen sind oder solche, denen sie gerne mehr Aufmerksamkeit im Buchmarkt gegönnt hätten?
Annie Dillards ›Pilger am Tinker Creek‹ von 1974 ist einer meiner Lieblingstexte des Nature Writings geworden. Es geht darin um nichts geringeres als die Schöpfung, und das Ringen um eine Sprache für ihre ungeheuerliche Schönheit. Ein Buch des Lebens, ein Lebensbuch, in dem die Gesetze der Physik und die Fragen der Metaphysik mit den Mitteln der Poesie verhandelt werden. Ich habe nicht aufgehört, darin zu lesen.
Zdenek Burians so fantastische wie empathische Bilderwelten, die meine Vorstellung der sogenannten Urzeit stark geprägt haben, hätte ich mehr Beachtung gewünscht. Wir mussten lernen, dass großformatige, aufwendig hergestellte Bildbände sehr viel schwieriger zu kalkulieren sind als kleinere, textlastige Formate. Heute bespielen wir nur noch unregelmäßig dieses Format.

Ich weiss von einer Lesung in Zürich, als sie aus ihrem letzten bei Suhrkamp erschienen Roman „Der Hals der Giraffe“ lasen, wie sie noch ganz wage von einem kommenden Abenteuer erzählten, von Plänen einer Sachbuchreihe. Schon damals, als sie vom Werdegang ihres eigenen Romans, von den Schwierigkeiten rund um die äussere Erscheinung desselbigen erzählten, wie wichtig ihnen die Form, das Erscheinungsbild eines Buches ist, wie viel ihnen am „schönen Buch“ liegt. Hat die „Naturkunden“ – Reihe nicht ganz offensichtlich den ganzen Buchmarkt beeinflusst?
Es ist ja kein geringeres Kompliment, nachgeahmt zu werden. So lange es dem Buch und dem Thema ›Natur‹ hilft, ist dagegen gar nichts einzuwenden.

Sehr bald wurden Medien aufmerksam auf die „Naturkunden“ – Reihe. Ich erinnere mich an einen Auftritt in „Druckfrisch“ mit dem Literaturpapst Denis Scheck. Eigentlich war die Lancierung zusammen mit ihnen, einer viel beachteten Schriftstellerin, die mit dem Buch „Atlas der abgelegenen Inseln“ einen Bestseller landete der perfekte Coup. Wie viel Zufall, wie viel Kalkül lag in der Zusammenarbeit zwischen Verlagsleiter Andreas Rötzer und ihnen?
Das müssen sie Andreas Rötzer fragen. Mir erschein es als schöner Zufall: Ich traf Andreas Rötzer zum ersten Mal in Taipeh auf der Buchmesse 2012, wo er mir von seinen Plänen zu einer Reihe zum Thema ›Natur‹ erzählte. Aus einem zwanglosen Geplauder an der fesigen Küste Nordtaiwans, ergab sich dann ganz organisch die Zusammenarbeit. Ich war froh, nach Jahren einsamer Schreib- und Gestaltungsarbeit etwas Gemeinsames machen zu können und genoß die Möglichkeit, Programme zu gestalten, Themen zu setzen und Formate auszuprobieren.

Warum liegt ihnen so viel an der Form?
Weil die Form nichts Nachgeordnetes, sondern etwas Gestaltgebendes ist. Ich habe noch nie einen Inhalt ohne Form gesehen. 

Sie sind Herausgeberin, Schriftstellerin und Buchgestalterin. Gibt es eine Reihenfolge in ihrem Herzen?
Die Schriftstellerin und Buchgestalterin gehören untrennbar zusammen. Die Herausgeberin ergibt sich aus beiden. Es ist wunderbar, in Manuskripten Bücher zu entdecken und diese zum Leben zu erwecken.

Im kommenden Herbst erscheint wieder bei Suhrkamp der Erzählband „Verzeichnis einiger Verluste“. Wie viel Kampf zwischen all den Aufgaben und Projekten liegt in diesem neuen Buch?
Es ist ein Ringen verschiedener Daseinszustände. Das eigene Schreiben ähnlich über langen Zeitraum einer ziellosen Tiefenbohrung. Die Herausgeberschaft verlangt eher, das Ziel schon fest im Blick zu haben, die Dinge vom Ende her zu denken. Ich bin Andreas Rötzer und Pauline Altmann, die die Gestaltung der Naturkunden hauptsächlich besorgt, sehr dankbar für ihre Unterstützung, vor allem in den letzten beiden Jahren.

Welche Zukunft geben sie dem Medium Buch?
Ach, eine große! Nennen Sie mir ein Medium, das so sensationell und so tröstlich ist?

Frau Schalansky, vielen, vielen Dank!

Ganz neu ist Judith Schalanskys Roman «Verzeichnis einiger Verluste» bei Suhrkamp. Beim Verlag ist zu lesen: Die Weltgeschichte ist voller Dinge, die verloren sind – mutwillig zerstört oder im Lauf der Zeit abhandengekommen. In ihrem neuen Buch widmet sich Judith Schalansky dem, was das Verlorene hinterlässt: verhallte Echos und verwischte Spuren, Gerüchte und Legenden, Auslassungszeichen und Phantomschmerzen. Ausgehend von verlorengegangenen Natur- und Kunstgegenständen wie den Liedern der Sappho, dem abgerissenen Palast der Republik, einer ausgestorbenen Tigerart oder einer im Pazifik versunkenen Insel, entwirft sie ein naturgemäß unvollständiges Verzeichnis des Verschollenen und Verschwundenen, das seine erzählerische Kraft dort entfaltet, wo die herkömmliche Überlieferung versagt. Die Protagonisten dieser Geschichten sind Figuren im Abseits, die gegen die Vergänglichkeit ankämpfen: ein alter Mann, der das Wissen der Menschheit in seinem Tessiner Garten hortet, ein Ruinenmaler, der die Vergangenheit erschafft, wie sie niemals war, die gealterte Greta Garbo, die durch Manhattan streift und sich fragt, wann genau sie wohl gestorben sein mag, und die Schriftstellerin Schalansky, die in den Leerstellen ihrer eigenen Kindheit die Geschichtslosigkeit der DDR aufspürt.

So handelt dieses Buch gleichermaßen vom Suchen wie vom Finden, vom Verlieren wie vom Gewinnen und zeigt, dass der Unterschied zwischen An- und Abwesenheit womöglich marginal ist, solange es die Erinnerung gibt – und eine Literatur, die erfahrbar macht, wie nah Bewahren und Zerstören, Verlust und Schöpfung beieinanderliegen. (Eine Rezenzension auf literaturblatt.chfolgt!)

Juthith Schalansky gezeichnet von Falk Nordmann

Judith Schalansky, geboren 1980 in Greifswald, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign und lebt als freie Schriftstellerin und Buchgestalterin in Berlin. Sowohl ihr »Atlas der abgelegenen Inseln« (mare, 2009) als auch ihr Bildungsroman »Der Hals der Giraffe« (Suhrkamp, 2011) wurden von der Stiftung Buchkunst zum »Schönsten deutschen Buch« gekürt. Seit dem Frühjahr 2013 gibt sie die Reihe Naturkunden heraus.

Das 24. Internationale Literaturfestival in Leukerbad findet vom 28. – 30. Juni statt.

Charles Lewinsky «Der A-Quotient», Nagel & Kimche

Arschlöcher – Menschen, die nicht mit dem zur Verfügung stehenden Kopf denken wollen oder können. Charles Lewinsky schreibt über jene Sorte Mensch, die lieber mit dem Arsch denkt, lieber AQ statt IQ, über Theorie und Praxis des Lebens mit Arschlöchern. Eine höchst amüsante Lektüre, der Aktualität nicht abzusprechen ist!

Muss man Charles Lewinsky ernst nehmen? Nimmt Charles Lewinsky sich ernst mit diesem Buch? Ganz sicher ist ihm ernst, selbst mit diesem Buch, mit Menschen, die nicht nutzen, was ihnen geschenkt wurde, die gröhlen, brüllen, kopieren, marschieren. «Der A-Quotient», das Buch erscheint bereits zum dritten Mal. 1994 bei Haffmann, 2005 bei Zweitausendeins und nun bei Nagel & Kimche, überarbeitet versteht sich, «denn Arschlöcher vermehren sich wie die Karnickel», so Lewinsky. Weder Unterhaltungsindustrie, Medien und aktuelle Politik geben Anlass zur Hoffnung, dass die Menschheit vom Denken mit Hirn regiert und geleitet wird.

Charles Lewinsky ist bitter böse, beissend komisch und beängstigend nahe an der Wirklichkeit, wenn man sich bei der Lektüre auch zu trösten versucht, es handle sich um Überzeichnung. Er giesst, reizt und teilt aus, was bei seinem letzten Roman, seinem Krimi «Der Wille de Volkes» nur als laues Lüftchen zu spüren war, aber durchaus zum Messerstich hätte werden können. Damals blieb der von mir erhoffte Rundumschlag gegen das satte und selbstgefällige Establishment aus oder kümmerlich. Dabei hätte sich einen solchen niemand besser und mehr leisten können, wie der mit allen Wassern gewaschene Lewinsky. Hier tut er es, köstlich, leidenschaftlich, schamlos, sprachgewandt und «stringent». Nichts und niemand bleibt verschont, selbst er selbst nicht.

«Zum Glück gibt es ein einfaches und unfehlbares System, mit dessen Hilfe man ein Arschloch auf den ersten Blick erkennen kann. Ich weiss, dass es funktioniert. Ich hab’s an mir selber ausprobiert.
Man schaut ganz einfach in den Spiegel.»

Der Meister der literarischen Vielfalt, das sprachliche Multitalent bedient sich der Form eines wissenschaftlich abgestützten Ratgebers: «Über das Denken ohne Benutzung des Kopfes» oder «Spekulationen über die Frage, warum der Kopf so wenig benutzt wird» oder nach einem Theorieteil im Praxisteil «Das handliche Arschloch-Bestimmungsbuch».

Vor vielen Jahren las der 2006 verstorbene Robert Gernhardt im Literaturschiff auf dem Bodensee. Während er las und kaum mit der Wimper zuckte, kugelte ich mich vor Lachen, so sehr, dass der Bauch schmerzte und ich fürchtete, keine Luft mehr zu bekommen.
Ich garantiere bei der Lektüre von «Der A-Quotient» ähnliche Nebenwirkungen, vor allem dann, wenn man sich das Buch vorlesen lässt, so wie ich von meiner Frau. Was für ein Vergnügen!

Charles Lewinsky wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Dramaturg, Regisseur und Redaktor. Er schreibt Hörspiele, Romane und Theaterstücke und verfasste über 1000 TV-Shows und Drehbücher, etwa für den Film «Ein ganz gewöhnlicher Jude». Für den Roman «Johannistag» wurde er mit dem Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank ausgezeichnet. Sein Roman «Melnitz» wurde in zehn Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u.a. in China als Bester deutscher Roman 2006, in Frankreich als Bester ausländischer Roman 2008. Lewinskys jüngsten Romane wurden für die bedeutendsten deutschsprachigen Buchpreise nominiert: «Gerron» für den Schweizer Buchpreis 2011, «Kastelau» für den Deutschen Buchpreis 2014 und «Andersen» für den Schweizer Buchpreis 2016.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Kult Bau St. Gallen: Superbastard comes to town

Am Dienstag, den 20. November, um 20.00 Uhr in St. Gallen, im Kult-Bau an der Konkordiastrasse 27 in St.Gallen: «SUPERBASTARD COMES TO TOWN» mit Susann Klossek, Benedikt Maria Kramer und Andreas Niedermann. Moderation: Florian Vetsch

Susann Klossek studierte in Leipzig Germanistik und Slawistik. Im Zuge der Wende verschlug es sie nach Zürich, von wo aus sie acht Jahre lang Rohöldestillationsanlagen nach Russland verkaufte. Später wechselte sie in den Journalismus und ist seither als freie Redakteurin und Produzentin für verschiedene Medien, fürs Theater und das Schweizer Fernsehen tätig. Bisher sind zehn Bücher (Reisereportagen, Gedichte, Shortstories, Zeichnungen) von ihr erschienen, zuletzt im Gonzo Verlag das Road-Poem Pferde wetten nicht auf Menschen und im Freiraum-Verlag die Kollaboration mit Benedikt Maria Kramer Der Mann im gelben Kleid – Hohelied der Flughunde. Unter dem Titel Nachrichten aus dem beschädigten Ich schreibt sie einen Blog.
Hier mehr Informationen über die als weiblicher Bukowski gefeierte Autorin

Benedikt Maria Kramer (*1979 in Dachau) studierte nach einer Ausbildung zum Steinmetz Medienkunst an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Zwischen 2002 und 2007 Regie bei Kurz- und Langfilmen. Einige Auszeichnungen und Nominierungen. 2010 Gründung des Literaturmagazins Superbastard, das von Anfang an im Maro-Verlag gedruckt und ab 2013 vom Songdog-Verlag verlegt wird. 2016 Veröffentlichung des Lyrikbands Glücklichsein ist was für Anfänger und des Wortgefechts Der Mann im gelben Kleid, ein Dialog in Gedichtform zwischen Kramer und der Zürcher Autorin Susann Klossek. Zuletzt erschien in der Reihe Verstreute Gedichte im gONZo-Verlag das Heft In der Nachbarschaft. Vertonung vieler Texte durch die Band Rabenbad, deren Sänger er ist. Die Lesung am 20.11. im Kultbau ist auch Buchpremiere für seinen neuen bei Songdog erscheinenden Gedichtband Würdest du die Cops rufen, wenn ich in deiner Einfahrt mein Portemonnaie verbrenne? Mehr Informationen unter: www.Benedikt-Maria-Kramer.de

Andreas Niedermann (*1956 in Basel) zog nach einer Ausbildung zum Chemie- und Textillaboranten quer durch Europa. Er war als Steinbrecher, Journalist, Kinobetreiber, Alphirt, Theatertechniker und Fitnesstrainer tätig. 1987 veröffentlichte er seinen ersten Roman Sauser (Neuausgabe 2007). 1989 zog er nach Wien, wo er 2004 den Songdog-Verlag gründete. Inzwischen sind von ihm ein halbes Dutzend weitere Romane sowie ein paar Story-Bände erschienen, zuletzt der atmosphärische, im hochsommerlichen Wien angesiedelte Kriminalroman Blumberg. Andreas Niedermann lebt als Autor und Verleger in Wien und Wengen. Mehr Informationen unter http://www.songdog.at/andreas-niedermann.html

Wenn Hygiene stinkt.

Vor allem Im Sommer stank es im Werkraum des Schulhauses Kirchstrasse. Man dachte, es liege an der Belüftung, am Untergrund oder sonst irgend welchen Leichen im Keller. Aber ganz im Gegenteil: Was stank, diente einst der vorbildhaften Hygiene. 1909 richtete man in den Mauern des heutigen Werkraums 20 Schulbrausen ein. In einer Zeit, als Wohnungen im Normalfall kein Bad anzubieten hatten und man seine Waschungen am „Schüttstein“ in der Küche vollzog, als es auch in wachsenden, prosperierenden Dörfern wie Amriswil öffentliche Bäder gab und Körperhygiene weit weg von dem war, was man heute darunter versteht.
In Zeiten, in denen viele täglich duschen, Turnhallenduchen süsslich in Deowolken dampfen, in denen sich Lehrkräfte in gewissen Zeiten die Hände nach der Begrüssung mit Alkohol desinfizieren und man mit aller Selbstverständlichkeit in den Klassenzimmern kollektiv die Zähne putzt, spürt man mit einem Mal, wie weit weg die Zeiten der Grossmütter und Grossväter sind.
Grund für den Gestank war eine Ablaufleitung und ein Schacht, den man nicht versiegelte, unmittelbar unter dem Boden. Also vielleicht noch immer ein bisschen von dem Dreck, den die Kinder vor 100 Jahren mit Kernseife und Schweiss hinunterspülten.

Eine geballte Ladung Poesie an den Brugger Literaturtagen

Eugen Gomringer, der über neunzigjährige Begründer der konkreten Poesie, ein nimmermüder Streiter für die Macht des einzelnen Wortes und seine Tochter Nora Gomringer, auf allen Kanälen wirkender Tausendsassa der Lyrik, sind eine Wand, wenn sie miteinander oder nacheinander auf der Bühne auftreten. Begleitet von Nora Gomringers Mutter, Nortrud Gomringer, Herausgeberin und Literaturwissenschaftlerin, schuf die Dichterfamilie eine ganz spezielle Atmosphäre im Salzhaus, jenem alten Lagerort, in dem sich die Urwürze bis tief in die eichenen Balken frass.

Eugen Gomringer, vor fast einem Jahrhundert in einer anderen Zeit in Bolivien geboren, in der Schweiz aufgewachsen und schon lange in Deutschland lebend, fühlt sich nicht nur diesen drei Sprachen im Speziellen verpflichtet. Schon früh, in der Zusammenarbeit mit Max Bill, dem grossen Künstler und Architekten, verbanden sich Sprache mit Mathematik, Kunst mit Form, schoben sich Gestaltung und Reduktion ins Zentrum seiner Arbeit.
 Nicht viel mehr als vier Wörter in verschiedenen Kombinationen schaffen es, dass eine Hauswand auf der ein Gedicht Eugen Gomringers zu globalem Gesprächsstoff wird.

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Eigentlich ein Glück für die Poesie, ein Glück für Eugen Gomringer. Denn die zum Teil wilden Diskussionen und unmöglichsten Interpretationen beweisen die Kraft der Literatur, einzelner Wörter. Genau das, was Eugen Gomringer in seinem langen Wirken wirken will und kann. Die beste Werbung für ihn, auch wenn Ursache und Wirkung bisweilen bloss Kopfschütteln auslösen können, wohl verstanden nie in die Richtung des Erschaffers.

kein system im fehler
kein system mir fehlen
keiner fehl im system
keim in systemfehler
sein System im fehler
ein fehkler im system
seine kehl im fyrsten
ein symfehler im sekt
kein symmet is fehler
sey festh kleinr mime

Eugen Gomringer war 1944 zum ersten Mal in Brugg, damals knapp zwanzigjährig als Fliegerbeobachter. Heute, mehr als siebzig Jahre später, ist er der Flieger, der Überflieger, der brummende Koloss, der seine Ladung abwirft, begleitet von seiner Frau in weissen Handschuhen. Gomringers Gedichte sind metaphysische Sprach-Strichcodes, deren monolithischer Niederschlag sich manchmal um einen ganzen See verteilt.
 Gomringer gibt den Worten durch die Beziehung untereinander Gewicht, durch strenge Anordnung, lässt sie wirken, erst recht, wenn er sie selbst, klein geworden und gebeugt, auf der Bühne vorträgt. Gomringer versteckt sich nicht, in keiner Weise, auch wenn er vor lauter Buchzeichen nach dem richtigen Gedicht in der vorbestimmten Reihenfolge sucht. Er lässt sich Zeit, ein ganzes Leben lang. Aus Baum, Haus, Kind und Hund zeugt Gomringer einen ganzen Kosmos, den Kosmos seiner Kindheit. In der Lesung mit Witz kommentiert und neu kombiniert zeigen Gomringers Gedichte Zeitlosigkeit und Beständigkeit.

schwiizer

luege
aaluege
zueluege

nöd rede
sicher sii
nu luege

nüd znäch
nu vu wiitem
ruig bliibe

schwiizer sii
schwiizer bliibe
nu luege

Und Nora Gomringer? Seine Tochter, sprachlich längst abgenabelt und vogelfrei, zielt mit ihren Gedichten mitten ins Herz der Zeit, endgültig mit ihrer in den letzten Jahren geschaffenen Trilogie „Monster“ (2013), „Morbus“ (2015) und „Moden“ (2017). Während ihrer Lesung in Brugg fallen ihre Haare übers rechte Auge. Mit dem linken zielt sie, treffsicher und routiniert. Sie liebt wie ihr Vater das Konzentrierte, den „Espresso“ der Literatur. Im Geist, ganz und gar nicht im Windschatten ihres Vaters, sehr gut um die Wirkung des Konzentrats wissend, der Heilung, wie in der Medizin.

VERSIONEN

und
ein Boot legt an
Böcklin malt ein Boot, das anlegt,
umschattet,
soghaft.
Ein Bootsmann, namenlos,
allzu willig, sich preiszugeben.
Hitler besaß eine Version,
Utoya wurde eine
Insel
umschattet,
soghaft.
Ein Boot legt an,
an Bord ein Tod
ein Übergangsadvokat
Böcklin malt ein Boot, das anlegt.
Ein Bootsmann namenlos,
Versionen von Breivik.
An Bord ein Tod,
friedlos,
umsogen,
schattenhaft,
schemenlos,
eine Insel
und

(in: Nora Gomringer: Monster Poems. Voland & Quist 2013. S. 16)

Nora Gomringer ist genau das, was die Lyrik und damit die Literatur braucht; der lebende Beweis dafür, dass sich Lyrik seit ein paar Jahren mit neuem Selbstbewusstsein aus ihrer immer enger werdenden Nische zu befreien weiss. „Stand up“, „Slam Word“ oder „Poetry Slam“ beweisen, dass sich Lyrik nicht mehr abdrängen lässt in staubige, geriatrische oder schöngeistige Gefässe.

 

Semana santa

Als das Mädchen verschwand,
war es verschwunden ganz.
Tag 1 und alle fragten wen:
Wo ist es? Fragten sie und
wohin ist es denn so ganz?
Tag 2 und ein paar schlichen
verlegen aus den Häusern ein und aus.
Tag 3 und die Katzen saßen im Fenster.
Das war kein Zeichen.
Jeder weiß, dass Felidae
die Menschen hassen.
Tag 4 und eine Verwandte sprach ein Gebet
in der Ferne hinter vorgehaltener Hand.
Sehr leise, nachts, im Badezimmer
unter sehr grellem Licht.
Tag 5 und zwei, drei Schalen bargen Dinge
der Verschwundenen. Wer war sie noch?
Tag 6 und es stand eine Ersatzperson
im Garten, erschütternd plötzlich, unter einem Baum.
Tag 7 und es war eine Frau.
Und wie bei Frauen üblich trug sie einen Rock.
Und wie bei Frauen üblich trug sie langes Haar.
Und wie bei Frauen üblich trug sie einen Ring.
Unter ihrem Schleier
– wie bei Frauen üblich –
wurd sie unsichtbar.

(In: Nora Gomringer: Moden. Voland & Quist, Dresden & Leipzig. 2017.)

Nora Gomringer, die Medusa der neuen, deutschsprachigen (Lyrik)Welle, die Sirene, die lockt, schmeichelt und ohne Scham ihre Reize zeigt.

Eugen Gomringer, geb. 1925, ist bolivianisch-schweizerischer Autor und Begründer der Konkreten Poesie. Er war Max Bills Sekretär an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, gab die Buchreihe «konkrete poesie – poesia concreta» her aus und war u.a. Professor für Theorie der Ästhetik an der Staatl. Kunstakademie Düsseldorf. 1984 eröffnet er das Kunsthaus Rehau im oberfränkischen Rehau, wo er bis heute lebt.

Nora Gomringer hat sieben Lyrikbände vorgelegt und schreibt für Rundfunk und Feuilleton. Für Goethe Institut und Pro Helvetia reist sie um die (Literatur)Welt. Sie war Poetikdozentin an den Universitäten Koblenz-Landau, Sheffield und Kiel. Sie ist Mitherausgeberin des Jahrbuchs der Lyrik 2015 (DVA). Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen sowie Aufenthaltsstipendien in Venedig, New York, Berlin, Ahrenshoop, Krems und Novosibirsk wurde ihr 2011 der Jacob-Grimm-Preis als Teil des Kulturpreises Deutsche Sprache und 2012 der Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik zuerkannt. 2015 erhielt sie den Weilheimer Literaturpreis und im Juli den Ingeborg-Bachmann-Preis. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet.

Beitragsbild © Regula Gerber, vlnr: Gabi Umbricht (Moderation), Eugen Gomringer, Nortrud Gomringer, Nora Gomringer