Sommer 2007. Usama spaziert mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn am Bodensee, als ihn sein Bruder Naser anruft und ihn bittet, ein Foto anzusehen. Ein Foto von jungen Männern, die alle zur gleichen Zeit in Bagdad getötet wurden und auf einem Friedhof auf ihre Identifizierung warten. Aber da ist kein Bildschirm aufzutreiben, dafür ein Mann zwischen den Welten; 2002 aus dem von Saddam Hussein beherrschten Irak geflohen, mit dem Herz und der Seele irgendwo zwischen Irak und der Schweiz hängengeblieben.
Vielleicht ist genau das eine Facette der Faszination, die vom Roman „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ ausgeht. Usama lebt in der Schweiz, bewegt sich in jenem Teil des Landes, das ich wie meine Westentasche kenne. Gleichzeitig ist seine Welt noch immer, auch nach fünfzehn Jahren und allen Bemühungen, sich zu integrieren und die Qualitäten jenes Landes zu erkennen, das seiner Familie ein neues Zuhause gibt, jene seiner Geschwister, seiner Eltern, der Erinnerung. Ein Land, das es nicht mehr gibt, wohl auf der Karte, aber nicht einmal dann, wenn er es besucht. Ein zerrissenes Land, der man die Geschichte genommen hat. Ein Land, das in krassem Kontrast zu dem Land steht, in dem er im Asylverfahren und Arbeitsprogrammen beschäftigt wird. Einem Land, in dem die Menschen „wandern“, etwas, was ein Iraker nie tun würde, höchstens als Pilger. Hier puppenhausartige Orte wie Stein am Rhein, Frauenfeld oder Weinfelden mit ihren sauberen Fassaden und den Wanderwegen durch grüne Wälder mit Sicht auf den See. Dort Bagdad oder was in der Erinnerung und Realität davon geblieben ist. Ein Ort an dem ein Mensch verschwindet, Ali, Usamas Bruder.
Von einem Moment auf den anderen ist Ali unauffindbar, geschluckt von den schrecklichsten Ahnungen. Der Augenstern einer ganzen Familie, der mit seinem Verschwinden tausend Fragen offen und eine verzweifelte Familie zurücklässt. Eine weitere Facette des Romans; die Geschichte einer aufgeladenen Schuld. Was geschieht mit all jenen, die aus welchen Gründen auch immer ihrer Heimat meist für immer den Rücken kehren und andere zurücklassen, die nicht folgen können oder wollen? Wie weit zieht man mit Flucht seine Familie mit ins Unglück? Wie ist das Leben in dieser perfekt scheinenden Kulisse zu ertragen? Auch hier ein Buch der Kontraste. Über einen Mann, der den Westeuropäer, den Schweizer zu verstehen versucht, dem vieles ein Rätsel bleibt.
Usama arbeitet nach verschiedenen Gelegenheitsjobs, die einem Mann im Asylverfahren zur Verfügung stehen in einem Beschäftigungsprogramm, in dem eine bunte Gruppe in den Wäldern der Ostschweiz Bäume pflanzt, den Wald pflegt. Er, der seiner Familie im Irak nur schwer erklären kann, was es in einem Wald zu tun geben könnte. Aber Usama findet einen ganz speziellen Zugang zu Bäumen. So auf einer Wanderung auf den Säntis, dem höchsten Berg der Ostschweizer Voralpen. Eine noch nicht alte Birke, der er verspricht, noch einmal vor ihr zu sehen ,“wenn die Falten in meinem Gesicht tiefer geworden sind und der Stamm sieben weitere Ringe zählt“. Usama offenbart sich den Bäumen, spricht mit ihnen, weil sie uneingeschränkt zuhören. Der Baum, der Liebe, der Baum der Hoffnung, der Baum der Ungewissheit, der Baum des Todes, der Baum der Heimat, der Baum des Traums, der Baum der Geduld – so wie die Kapitel seines Romans überschrieben sind.
„In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ ist die Annäherung Usama Al Shamanis an zwei Heimaten, die verschiedener nicht sein könnten, an eine Geschichte, an Schicksal und den tiefen Schmerz einer ganzen Sippe über einen für immer verlorenen Sohn. Ein zart erzähltes Buch, dem man die Tradition des arabischen Geschichtenerzählers anmerkt, das einen klaren Blick verrät, nicht nur den in die Fremde und in die Nähe, sondern auch den in die Tiefe des Herzens.
Usama Al Shamani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Al Nasiriyah), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert, er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 als Flüchtling in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittelter und übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann und «Der Islam» von Peter Heine. Usama Al Shamani lebt mit seiner Familie in Frauenfeld.

Aber irgendwann schafft es die kleine Marie, die gehärtete Seele ihrer Tante zu erweichen. Nicht durch Überzeugung, aber mit der Erkenntnis, es den Pflanzen gleichtun zu müssen, freundlich zu erblühen, selbst mit ganz wenig Wasser.
Claudia Schreiber wurde 1958 als das vierte von fünf Kindern geboren, die Eltern waren Landwirte, Obstbauern und später Konservenfabrikanten. Nach dem Studium wurde sie 1985 Redakteurin und Reporterin beim Südwestfunk Baden-Baden, später Redakteurin, Reporterin und Moderatorin beim Zweiten Deutschen Fernsehen Mainz, wo sie die Kinder-Nachrichtensendung logo! realisierte. 1992 begann – in Moskau – ihre Arbeit als Autorin, seit 1998 lebt und arbeitet Claudia Schreiber in Köln.
Peter Höner, Schriftsteller und Schauspieler, liest anlässlich der 1. Amriswiler Kulturnacht aus seinem Krimi „Kenia Leak“ in der Aula der Polizeischule Amriswil. Die Lesung mit Apéro und Büchertisch beginnt um 18.45 Uhr und dauert eine Stunde. Der Eintritt ist kostenlos!
Lea Frei, angehende Illustratorin, zeigt am Buchladen Brigitta Häderli in Amriswil am 22. September erstmals ihre Schnellporträts von verschiedenen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, gezeichnet am Wortlaut-Literaturfestival in St. Gallen und an den Solothurner Literaturtagen.




Michelle Steinbeck, 1990 geboren, ist Redaktorin der Fabrikzeitung (Rote Fabrik, Zürich), Veranstalterin und Mitglied von „Babelsprech, junge deutschsprachige Lyrik“. Sie veröffentlichte Prosa, Lyrik und Szenen in Sammelbänden, Heften, im Rundfunk und auf Theaterbühnen. «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» war ihr erster Roman, mit dem sie 2016 sowohl für den Schweizer wie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Michelle Steinbeck stellt zusammen mit dem Musikerduo Christian Berger und Dominic Doppler Gedichte und Kurzprosa aus ihrem frisch erschienen Gedichtband «Eingesperrte Vögel singen mehr» (Voland & Quist) vor.
Milena Michiko Flašar ist 1980 in St. Pölten geboren. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreichen Sprachen übersetzt. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien. Eine Rezension ihres neusten Romans «Herr Katō spielt Familie» auf literaturblatt.ch lesen sie
Wolfgang ist sechzehn. Nicht einmal sein Geburtstag ist Grund zur Hoffnung oder Freude. Wolfgang hat längst resigniert, den väterlichen Terror zur Selbstverständlichkeit erklärt. So sehr er die blauen Flecken seiner Mutter, ihr stundenlanges Beten im Bügelzimmer, seine permanete Angst und Verunsicherung, seinen blinden Gang auf dem Minenfeld hinnehmen muss, so sehr wird er zum Beschützer seiner kleinen Schwester Leonie, deren Auflehnung gegen ihren Vater irgendwann in der Katastrophe enden muss.
Michèle Minelli wurde 1968 in Zürich geboren und arbeitete zuerst als Filmschaffende, später als freie Schriftstellerin. Sie schreibt Romane, Sachbücher und probiert gerne verschiedene Textformen aus. Mit vierzig absolvierte sie das Eidgenössische Diplom als Ausbildungsleiterin und unterrichtet seither regelmäßig „Kreatives Schreiben“ und andere Themen in literarischen Lehrgängen.
Als die Zeichen des Tausendjährigen Reiches, das Säbelrasseln und die Stiefelabsätze immer unüberhörbarer werden, als die kleine Lucia aus ihrer Schule verbannt werden und sie und ihre Mutter Regina bald darauf auch ihre Wohnung verlieren, Juden überall abgeführt und in Lastwagen wegtransportiert werden, um nie mehr wiederzukehren, finden Regina und ihre Tochter Lucia in der Werkstatt des Freundes ihres Vaters ein Versteck.
Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und einige Jahre lang als Lehrer und Lektor gearbeitet. Seit langem lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Madrid. Seinen Erzählungen, die in 25 Sprachen übersetzt wurden, liegen authentische Fälle zugrunde. «Auroras Anlaß» und «Abschied von Sidonie» sind Schullektüre. Unter anderem wurde er 2017 mit dem Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich ausgezeichnet.



