„Sodeli“, und dann wars vorbei, das 10. WORTLAUT-Literaturfestival St. Gallen

Auch wenn die Kälte noch immer im Schatten hockte und grosse grauschwarze Schneeberge mitten in der Stadt Saft liessen, war es neben der Sonne die Literatur, die am letzten Märzwochenende mein Herz erwärmte. Noch bevor an meinem Fenster zuhause der knorrige Aprikosenbaum zu blühen beginnt, schlug die Literatur aus, machte das Wort laut.

Die Zeichnungen, die diesen Text begleiten, sind von der Illustratorin Lea Frei, mit der ich an den kommenden Solothurner Literaturtagen die Veranstaltungen sowohl textlich wie zeichnerisch begleiten werde. Über die Resultate dieses spannenden Unternehmens wird auf literaturblatt.ch informiert.

Im Stundentakt schob sich Höhepunkt an Höhepunkt. Im grossen Saal im Waaghaus, fast versteckt im Splügeneck, mit Pastis in der Hauptpost, lautstark im Palace und der Grabenhalle. Da auch ich mich nicht zerreissen kann, war die Wahl zwischen „Laut“, „Luise“, „Rinks“ und „Lechts“, den vier zur Tradition und St. Galler Spezialität gewordenen Veranstaltungsreihen schnell gefällt. Von Tabea Steiner und Joachim Bitter souverän begleitet und moderiert, lauschte ich der Reihe „Luise“. Sechs Autorinnen und Autoren, die mit ihren Büchern eindrücklich bewiesen, dass Literatur fast alles kann; bezaubern, unterhalten, aufrütteln, verunsichern, beglücken und faszinieren!

Sechs Bücher, die es unbedingt zu lesen lohnt:

Auch in seinem zweiten Band zu den „Menschlichen Regungen“ von Tim Krohn begleitet mich bekanntes Personal aus dem ersten Band „Herr Brechbühl sucht eine Katze“. Herr Brechbühl wohnt noch immer alleine im Erdgeschoss eines Zürcher Mietshauses, wo ihm das kleine Mädchen aus der vierten Etage den Vorschlag macht, mit ihrer Familie die Wohnung zu tauschen, weil ihre Mutter im vierten Stockwerk keine Katze haben wolle. Er brauche die Wohnung im Erdgeschoss, die so praktisch wäre, doch gar nicht dringend, er könne ja auch ein paar Treppen weiter oben alt werden und sterben. Aber Herr Brechbühl will nicht in die vierte Etage, aber vielleicht eine Katze. Und auf der Suche nach einer solchen findet er Samira, eine Frau, die aus der Raupe Brechbühl einen Schmetterling zu machen versteht. Eine Frau, die Brechbühl nicht nur aus seinem Panzer schält, ihn regelrecht ins Leben zieht, in eines mit Geistern, Zeichen, Räucherstäbchen und Gestalten aus dem Reich der Toten. „Erich Wyss übt den freien Fall“ ist ein Roman, der köstlich unterhält, geschrieben von einem Autor, der nicht einfach mit menschlichen Regungen spielt, sondern meisterlich konstruiert und fabuliert.

Jens Steiner hält der Gesellschaft einen Spiegel vor Augen. Auch ihrer Augenwischerei, wenn man sich mit einem Ranking der Recycelns den uneingeschränkten Konsum zu erleichtern versucht, um all jene Leerstellen, die das immerwährende Entsorgen bringt, möglichst schnell wieder mit „Neuem“ aufzufüllen. „Mein Leben als Hoffnungsträger“ ist aber mehr als ein Abenteuerroman auf einem Recyclinghof. Philipp, der junge Mann, der sich dort anstellen lässt, ist, so angepasst sein Leben und Tun an jenem Ort scheint, ein „Verweigerer“. Einer, der sich dem Würgegriff von Leistung, Besitz und Fortschritt verschliesst und verweigert, der einen Kampf auszustehen hat mit sich selbst und seiner Umgebung. Jens Steiner leuchtet das Kleinräumige aus.

In „Max“ lässt sich Markus Orths Zeit mit Erzählen. Er hangelt sich nicht von einem zu nächsten Cliffhanger, die man als Leser unbedingt aufgelöst haben will. „Max“ ist aber auch mehr als eine Künstlerbiographie über den Maler Max Ernst, ein Buch, das vergöttert und verehrt, einen Künstler auf einen steinernen Sockel hebt. „Max“ ist ein Sittengemälde einer verrückten Zeit, über einen „verrückten“, aber keineswegs entrückten Künstler. Sechs mit den Musen seines Lebens überschriebene Kapitel, sechs Frauen, die ein wildes Leben begleiteten. Vor Beginn seines Romanprojekts habe er nicht mehr als zwei, drei Bilder des Künstlers gekannt. Erst durch die Auseinandersetzung über einen Schreibauftrag wurde er der Fülle gewahr, die das Leben und Schaffen Max Ernsts ausmachte. Markus Orths las jene Szene aus seinem Roman, als der Medizinstudent Max Ernst an einer Ausstellung in einer Nervenheilanstalt mit Werken von Insassen Henrik begegnet, einem Mann, der aus Brot Plastiken formt, die immer und immer wieder die Auseinandersetzung mit einem übermächtigen Vater zeigen. Max Ernst geht nach Haute und schreibt: „Ich werde malen, sonst nichts!“

Wazlaw, ein nicht mehr junger Mann, ein Heimatloser, ein Arbeitsmigrant, folgt dem Drift, immer auf der Suche, einer unendlichen Heimatsuche. Ein Leben, das in der Schwebe bleibt, ein Roman, bei dem vieles in der Schwebe bleibt, keine einfache Geschichte, so wie das Leben nie einfach ist. Ein Bohren in tiefe Schichten, in die Sedimente des Lebens. Anja Kampanns grosse Kunst ist die Sprache, das, was sie in ihrem ebenfalls bei Hanser erschienen Gedichtband „Proben von Stein und Licht“ (Als wären die Gedichte Gesteinsproben des darauf folgenden Romans!) aufs eindrücklichste bewies. Eine Sprache, die sich dem chronologischen Erzählen verschliesst, viel mehr sein will als das Nacherzählen einer Idee, einer Geschichte. Es sind Bilder, die durch alle Sinne dringen, klar gezeichnet und doch mehr als nur abbildend. „Wie hoch die Wasser steigen“ ist ein Buch, das man nicht in allem zu verstehen baucht, genau so, wie man Schostakowitsch niemals als Ganzes verstehen kann. Es ist, als stünde man ganz nah an einem riesigen Gemälde. Man sieht Farben, Punkte und Linien, den Pinselstrich und weiss, das nichts dem Zufall überlassen wurde. Erst in der Distanz, mit der Dauer des langsamen Lesens wird das Ganze sichtbar, das viel mehr ist als eine Geschichte.

Fast voll war der Saal bei Dana Grigorcea! Sympathien stürmten wie Fruchtfliegen auf die Frau mit den Fingernägeln im gleichen Rot wie das schmale Büchlein, das von so viel Leidenschaft erzählt. Nach dem letzten Roman „Das primäre Gefühl von Schuldlosigkeit“, einem Stadtroman, einem Roman über Herkunft, episodisch erzählt, war es die Lust auf eine Liebesgeschichte mit viel „Zug“, eine Geschichte, die in Zürich spielt. Auch ein Experiment, ob die gewonnenen Leser/innen ihrer letzten beiden Romane, die miteinander verwandt sind, ihr mit einer Liebesgeschichte folgen würden. „Schreiben am Scheitern vorbei.“ „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“, eine Tänzerin, die den Zenit ihres Erfolgs bereits überschritten hat, die einst mehr war, als sie zu erhoffen gewagt hatte, eine Ballerina. Eine Liebe zu einem Fremden, einem verheirateten Kurden, einem Mann, der sich sonst nicht in ihren Kreisen bewegt. Eine scheinbar leichtfüssige Novelle „in einer der schönsten Städte der Welt, mit freundlichen, sorglos wirkenden Menschen“.

Und zuletzt Nicol Ljubić. 1977 brennt Hartmut Gründler lichterloh. Ein Mann, der über lange Zeit unauffällig zur Untermiete im Haus der Familie Kelsterberg lebt. Eine Geschichte zum einen aus der Perspektive des zehnjährigen Sohnes der Familie und Jahrzehnte später aus der Rückschau desselben bei den Besuchen bei einer alt gewordenen Mutter. Damals, 1977, war Hanno Kelsterberg nicht nur Zeuge zunehmender Radikalisierung im Protest Hartmut Gründlers, sondern Zeuge einer «tektonischen Verschiebung» innerhalb der Familie, einer schmerzhaften Entfremdung der Eltern, der Emanzipation seiner Mutter, dem Abfallen seines Vaters. Drei Jahrzehnte später besucht Hanno seine greise Mutter. Die Katastrophe von Fukushima ist für die Mutter keine Keule einer falschen Atompolitik, sondern logische Konsequenz und damit lang erwartete Bestätigung für den Kampf Hartmut Gründlers, eines verkannten Messias. „Ein Mensch brennt“ ist provokant und mit politischem Ausrufezeichen geschrieben über ein vergessenes Kapitel deutscher Geschichte.

 

 

 

 

Den Organisierenden meinen grossen Dank und tiefen Respekt. Vor allem Joachim Bitter, Mitinitiant, Moderator und Literaturfreund aus Leidenschaft!

Nicol Ljubić «Ein Mensch brennt», dtv

Am 16. November 1977 übergoss sich der Lehrer Hartmut Gründler in Hamburg mit Benzin und zündete sich an. Fünf Tage später erlag er in einem Krankenhaus seinen Verbrennungen. Der damals 47jährige protestierte damit während des SPD-Bundesparteitages gegen «Falschinformationen» der SPD-Bundesregierung in Sachen Atompolitik.

Hartmut Gründlers Selbstverbrennung war der finale Protest einer ganzen Reihe mehr oder weniger spektakulärer Aktionen. Wegen Meinungsverschiedenheiten vom «Bund für Umweltschutz» ausgeschlossen, gründete der Unbeugsame den «Arbeitskreis Lebensschutz – Gewaltfreie Aktion im Umweltschutz e. V.“ und verbiss sich vor allem in den Kampf gegen Atomkraft.

Journalist und Schriftsteller Nicol Ljubić erzählt in seinem neusten Roman «Ein Mensch brennt» nicht einfach die Biografie eines kompromisslosen Weltverbesserers. Nicol Ljubić interessiert, was Hartmut Gründler mit seinem Tun auslöste. Nicht so sehr die Auswirkungen auf die Politik, die sich weder durch Hungerstreik noch Selbstverbrennung beirren liess, sondern auf jener seiner unmittelbaren Umgebung. Und damit auf die Familie Kelstenberg, Vater, Mutter und Sohn Hanno. Hartmut Gründlers Feuertod in Hamburg ist Brandbeschleuniger im ehelichen Schwelbrand in Hannos Familie in Tübingen. Das Buch ist Hannos Rückschau nach 37 Jahren, Jahre nach dem Tod seiner Mutter und etlicher Kisten, Ordner und Dateien über den Kampf gegen die scheinbare Ignoranz der Regierenden. Kurz vor ihrem Tod war Marta, Hannos mittlerweile über 70 gewordene Mutter, wohl die einzige, die die Atomkatastrophe in Fukushima zufrieden machte. «Er hatte es gewusst! Hartmut hatte es gewusst!» Und weil seine Mutter im Spitalbett kurz vor ihrem Tod Hanno bat, alles zu tun, damit sich ein Journalist fände, der die Geschichte von Hartmut zu einem Buch macht, ihm, dem Kämpfer seinen Platz im Haus der Geschichte gibt, macht sich Hanno ans Schreiben.

Selbst nach drei Jahrzehnten schwebt noch immer der Alp dieses Mannes und seines Endes über der Familie der Kerstenbergers. Monate nach Hartmuts Selbstverbrennung starb Hannos Vater an einem Autounfall und Hannos Mutter Marta begann in Berlin nach der einen Katastrophe und der Trennung von ihrem Mann eine neue Existenz. Eine Existenz im Schweif des Kometen, noch immer erfüllt von Hartmuts Kampf gegen Windmühlen. Bei Familie Kerstenberg gibt es drei verschiedene Zeitrechnungen, jene vor und jene nach Hartmut und noch jene kurze Zeit, in der Hartmut Gründler, der unbeirrbare Politkämpfer, Mieter im Untergeschoss ihres Hauses war.

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist nicht der Kampf und die Selbstzerstörung des heute vergessenen Kämpfers. Vielmehr die Zerstörung, die dieser in Hannos Familie anrichtet. Hartmut Gründler war nicht der Grund, dass die Familie auseinanderbrach, aber ein Katalysator. Marta, Hannos Mutter, spürte im umtriebigen, fast mönchischen Wesen ihres Mieters im Untergeschoss etwas von der Kraft und offensichtlichen Leidenschaft, die ihr bislang nicht nur im Umgang mit ihrem Mann fehlte. Mit Hartmut lehnte sie sich auf gegen die zementierten Strukturen ihres eigenen Lebens. Marta selbst war keine emanzipierte Frau, emanzipierte sich aber im Sog ihres Propheten. Hanno weiss über drei Jahrzehnte später, was Hartmut anrichtete, nicht bloss in der Ehe seiner Eltern, in der Hartmut unvereinbare Ein- und Ansichten aufeinanderprallen liess. Marta machte Hanno zu ihrem Verbündeten, schleppte ihn mit an Demonstrationen, Kundgebungen, Aktionen und schlussendlich gar ins Spital, wo Hartmut Gründler entstellt und schwarz verkohlt auf sein Ende wartete. Hanno war zehn, als man ihn ungefragt zu instrumentalisieren begann, als er zwischen die Fronten geriet, Dinge zu verstehen hatte, die ihm niemand verständlich machen konnte.

Wie so oft eine Geschichte «im Konjunktiv». Was wohl passiert wäre, was aus der Familie, aus ihm geworden wäre, hätte Hartmut Gründler damals nicht an der Tür ihres Hauses um eine Bleibe gefragt. Hätte er ein anderes Zuhause gefunden, bei einer anderen Familie. «Ein Mensch brennt» ist ungemein vielschichtig und thematisch hoch aktuell. Ein Roman über einen Radikalen, der als Sprachwissenschaftler den Kampf mit dem Wort führen will, gewaltfrei. Aber kaum jemand hört ihn. Und ausgerechnet er, der sich Gandhi zum Vorbild nahm, tötete sich selbst mit grösstmöglicher Gewalt. Ein Familien- und Gesellschaftsroman, der erzählt, wie sich in den 80ern eine Frau von ihrem Mann zu emanzipieren versucht, eine Frau die Überzeugung gewinnt, dass sich Kochen und Weltretten nicht vertragen. Über die 80er in Deutschland, als Othmar Hitzfeld noch selber Tore schoss, auch einmal sechs in einer Partie, die SPD noch unbeirrt an der Atomkraft festhielt und Autofahren ein Lebensgefühl war.

Nicol Ljubić erzählt genau, liess sich von Geschichten und Geschichte inspirieren. Vor allem von Hannos Zerrissenheit zwischen Vater und Mutter, einer bröckelnden Gegenwart und der Sehnsucht nach dem Damals, der Zeit v. Har., bevor Hartmut anklopfte. Ein Roman, der mir in die Knochen fuhr, bewusst machte, wie schnell Gegenwart Vergangenheit vergisst und Kampf Kollateralschäden verursacht, der der Kämpfer gar nicht beabsichtigt. Nichts ist verrückter als die Realität!

Nicol Ljubić, 1971 in Zagreb geboren, wuchs in Schweden, Griechenland, Russland und Deutschland auf. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitet als freier Journalist und Autor. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Theodor-Wolff-Preis. Für seinen zweiten Roman, «Meeresstille» (besprochen auf Literaturblatt XIII), erhielt er 2011 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis sowie den Ver.di-Literaturpreis, zudem stand der Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschien der Roman «Als wäre es Liebe». In den Jahren 2014 und 2016 war er Mitinitiator der Europäischen Schriftstellerkonferenz. Nicol Ljubić lebt in Berlin.

dtv-Webseite mit Hintergrundinformationen

Titelfoto: Sandra Kottonau