Eine geballte Ladung Poesie an den Brugger Literaturtagen

Eugen Gomringer, der über neunzigjährige Begründer der konkreten Poesie, ein nimmermüder Streiter für die Macht des einzelnen Wortes und seine Tochter Nora Gomringer, auf allen Kanälen wirkender Tausendsassa der Lyrik, sind eine Wand, wenn sie miteinander oder nacheinander auf der Bühne auftreten. Begleitet von Nora Gomringers Mutter, Nortrud Gomringer, Herausgeberin und Literaturwissenschaftlerin, schuf die Dichterfamilie eine ganz spezielle Atmosphäre im Salzhaus, jenem alten Lagerort, in dem sich die Urwürze bis tief in die eichenen Balken frass.

Eugen Gomringer, vor fast einem Jahrhundert in einer anderen Zeit in Bolivien geboren, in der Schweiz aufgewachsen und schon lange in Deutschland lebend, fühlt sich nicht nur diesen drei Sprachen im Speziellen verpflichtet. Schon früh, in der Zusammenarbeit mit Max Bill, dem grossen Künstler und Architekten, verbanden sich Sprache mit Mathematik, Kunst mit Form, schoben sich Gestaltung und Reduktion ins Zentrum seiner Arbeit.
 Nicht viel mehr als vier Wörter in verschiedenen Kombinationen schaffen es, dass eine Hauswand auf der ein Gedicht Eugen Gomringers zu globalem Gesprächsstoff wird.

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas
avenidas y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Eigentlich ein Glück für die Poesie, ein Glück für Eugen Gomringer. Denn die zum Teil wilden Diskussionen und unmöglichsten Interpretationen beweisen die Kraft der Literatur, einzelner Wörter. Genau das, was Eugen Gomringer in seinem langen Wirken wirken will und kann. Die beste Werbung für ihn, auch wenn Ursache und Wirkung bisweilen bloss Kopfschütteln auslösen können, wohl verstanden nie in die Richtung des Erschaffers.

kein system im fehler
kein system mir fehlen
keiner fehl im system
keim in systemfehler
sein System im fehler
ein fehkler im system
seine kehl im fyrsten
ein symfehler im sekt
kein symmet is fehler
sey festh kleinr mime

Eugen Gomringer war 1944 zum ersten Mal in Brugg, damals knapp zwanzigjährig als Fliegerbeobachter. Heute, mehr als siebzig Jahre später, ist er der Flieger, der Überflieger, der brummende Koloss, der seine Ladung abwirft, begleitet von seiner Frau in weissen Handschuhen. Gomringers Gedichte sind metaphysische Sprach-Strichcodes, deren monolithischer Niederschlag sich manchmal um einen ganzen See verteilt.
 Gomringer gibt den Worten durch die Beziehung untereinander Gewicht, durch strenge Anordnung, lässt sie wirken, erst recht, wenn er sie selbst, klein geworden und gebeugt, auf der Bühne vorträgt. Gomringer versteckt sich nicht, in keiner Weise, auch wenn er vor lauter Buchzeichen nach dem richtigen Gedicht in der vorbestimmten Reihenfolge sucht. Er lässt sich Zeit, ein ganzes Leben lang. Aus Baum, Haus, Kind und Hund zeugt Gomringer einen ganzen Kosmos, den Kosmos seiner Kindheit. In der Lesung mit Witz kommentiert und neu kombiniert zeigen Gomringers Gedichte Zeitlosigkeit und Beständigkeit.

schwiizer

luege
aaluege
zueluege

nöd rede
sicher sii
nu luege

nüd znäch
nu vu wiitem
ruig bliibe

schwiizer sii
schwiizer bliibe
nu luege

Und Nora Gomringer? Seine Tochter, sprachlich längst abgenabelt und vogelfrei, zielt mit ihren Gedichten mitten ins Herz der Zeit, endgültig mit ihrer in den letzten Jahren geschaffenen Trilogie „Monster“ (2013), „Morbus“ (2015) und „Moden“ (2017). Während ihrer Lesung in Brugg fallen ihre Haare übers rechte Auge. Mit dem linken zielt sie, treffsicher und routiniert. Sie liebt wie ihr Vater das Konzentrierte, den „Espresso“ der Literatur. Im Geist, ganz und gar nicht im Windschatten ihres Vaters, sehr gut um die Wirkung des Konzentrats wissend, der Heilung, wie in der Medizin.

VERSIONEN

und
ein Boot legt an
Böcklin malt ein Boot, das anlegt,
umschattet,
soghaft.
Ein Bootsmann, namenlos,
allzu willig, sich preiszugeben.
Hitler besaß eine Version,
Utoya wurde eine
Insel
umschattet,
soghaft.
Ein Boot legt an,
an Bord ein Tod
ein Übergangsadvokat
Böcklin malt ein Boot, das anlegt.
Ein Bootsmann namenlos,
Versionen von Breivik.
An Bord ein Tod,
friedlos,
umsogen,
schattenhaft,
schemenlos,
eine Insel
und

(in: Nora Gomringer: Monster Poems. Voland & Quist 2013. S. 16)

Nora Gomringer ist genau das, was die Lyrik und damit die Literatur braucht; der lebende Beweis dafür, dass sich Lyrik seit ein paar Jahren mit neuem Selbstbewusstsein aus ihrer immer enger werdenden Nische zu befreien weiss. „Stand up“, „Slam Word“ oder „Poetry Slam“ beweisen, dass sich Lyrik nicht mehr abdrängen lässt in staubige, geriatrische oder schöngeistige Gefässe.

 

Semana santa

Als das Mädchen verschwand,
war es verschwunden ganz.
Tag 1 und alle fragten wen:
Wo ist es? Fragten sie und
wohin ist es denn so ganz?
Tag 2 und ein paar schlichen
verlegen aus den Häusern ein und aus.
Tag 3 und die Katzen saßen im Fenster.
Das war kein Zeichen.
Jeder weiß, dass Felidae
die Menschen hassen.
Tag 4 und eine Verwandte sprach ein Gebet
in der Ferne hinter vorgehaltener Hand.
Sehr leise, nachts, im Badezimmer
unter sehr grellem Licht.
Tag 5 und zwei, drei Schalen bargen Dinge
der Verschwundenen. Wer war sie noch?
Tag 6 und es stand eine Ersatzperson
im Garten, erschütternd plötzlich, unter einem Baum.
Tag 7 und es war eine Frau.
Und wie bei Frauen üblich trug sie einen Rock.
Und wie bei Frauen üblich trug sie langes Haar.
Und wie bei Frauen üblich trug sie einen Ring.
Unter ihrem Schleier
– wie bei Frauen üblich –
wurd sie unsichtbar.

(In: Nora Gomringer: Moden. Voland & Quist, Dresden & Leipzig. 2017.)

Nora Gomringer, die Medusa der neuen, deutschsprachigen (Lyrik)Welle, die Sirene, die lockt, schmeichelt und ohne Scham ihre Reize zeigt.

Eugen Gomringer, geb. 1925, ist bolivianisch-schweizerischer Autor und Begründer der Konkreten Poesie. Er war Max Bills Sekretär an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, gab die Buchreihe «konkrete poesie – poesia concreta» her aus und war u.a. Professor für Theorie der Ästhetik an der Staatl. Kunstakademie Düsseldorf. 1984 eröffnet er das Kunsthaus Rehau im oberfränkischen Rehau, wo er bis heute lebt.

Nora Gomringer hat sieben Lyrikbände vorgelegt und schreibt für Rundfunk und Feuilleton. Für Goethe Institut und Pro Helvetia reist sie um die (Literatur)Welt. Sie war Poetikdozentin an den Universitäten Koblenz-Landau, Sheffield und Kiel. Sie ist Mitherausgeberin des Jahrbuchs der Lyrik 2015 (DVA). Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen sowie Aufenthaltsstipendien in Venedig, New York, Berlin, Ahrenshoop, Krems und Novosibirsk wurde ihr 2011 der Jacob-Grimm-Preis als Teil des Kulturpreises Deutsche Sprache und 2012 der Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik zuerkannt. 2015 erhielt sie den Weilheimer Literaturpreis und im Juli den Ingeborg-Bachmann-Preis. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia leitet.

Beitragsbild © Regula Gerber, vlnr: Gabi Umbricht (Moderation), Eugen Gomringer, Nortrud Gomringer, Nora Gomringer

Sylvia Steiner «Wenn Buchstaben zusammenstehn», Gedichte

die strickarbeit
abgebrochen
mitten in der
angefangenen nadel

der kleine vogel
auf dem asphalt
flaches dürres blatt
mit zwei stielen

wäre der tod doch
eine mächtige glucke
die unter ihre fittiche
nimmt was
der bergung bedarf

 

märz

auch wenn die schafe
den schnee wegscharren
und überall farbe
austreibt
wäre die welt ohne dich
nur ein schirmbild

 

schutz

rot das blut des märtyrers
in der glasampulle
es verspricht den menschen
schutz
vor der natur

rot die letzten korallen
im meer
wer verspricht ihnen
schutz
vor den menschen

 

«schutz», unveröffentlicht, erscheint nächsten Frühling in meinem neuen Lyrikband beim Wolfbach-Verlag, Zürich
die strickarbeit,  aus Band «eine andere geografie»
märz, aus Band «wenn buchstaben zusammenstehn»

Sylvia Steiner, geboren 1937 in Basel, lebt in Winterthur. Sie veröffentlichte die Lyrikbände wenn buchstaben zusammenstehn (2003) und eine andere geografie (2010), ihre Gedichte erscheinen in Literaturzeitschriften und Anthologien.

Dana Grigorcea mit «Stories» (Musik!) im Theater 111 in St. Gallen

Am Samstag, den 3. November, um 20 Uhr liest Dana Grigorcea aus ihrer Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ zusammen mit dem Musikduo «Stories» (Christian Berger Saiteninstrumente, Dominik Doppler Drums) im Theater 111 an der Grossackerstrasse 3 in St. Gallen.

Dana Grigorcea, geboren 1979, studierte von 1998 bis 2002 an der Unversität Bukarest an der Fakultät für Fremdsprachen und Literatur. Nach verschiedenen Veröffentlichungen und ihrem Romanerstling „Baba Rada“ gewann sie am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 den 3sat-Preis. Nach dem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ erschien 2018 die Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“.

Anna ist Tänzerin. Gut verheiratet lebt sie ein schönes Leben. Dann trifft sie auf Gürkan. An der Seepromenade spricht er sie an. Und nichts ist mehr wie zuvor. Die Dame mit dem maghrebinischem Hündchen erzählt von einer ungewöhnlichen Liebe in Zürich, aus dem Herzen einer Gesellschaft, die dem schönen Leben frönen will. Eine hinreissende Geschichte über die Sehnsucht nach Sinn und Sinnlichkeit und über die Zeiten hinweg eine Hommage an Anton Tschechow.
Mehr Informationen zum Buch erhalten Sie, wenn Sie die Rezension auf literaturblatt.ch lesen!

Die Lesereihe, die mit Yael Inokai und Arja Lobsiger im Theater 111 begonnen hat, in der junge CH-Literatur eine ganz besondere Bühne erhalten soll, hat mit Dana Grigorcea eine ganz besondere Autorin eingeladen. Wer Dana Grigorcea einmal live erlebt hat, weiss, wie sehr Sie ZuhörerInnen gewinnen kann.

Christian Berger über die Lesereihe im Theater 111: «Es gibt viele Lesungen, die nach dem Schema «Lesung – Musik -Lesung – Musik» ablaufen. Das soll in dieser Reihe nicht so sein. Vielmehr soll durch die Gleichzeitigkeit, mit der Text und Musik vorgetragen werden, eine Performance zustande kommen, die sowohl über den Text als auch über die Musik hinausgeht. Die Gäste im Theater 111 sollen durch diesen mehrdimensionalen Zugang in eine Stimmung eintauchen und Lust zum Lesen bekommen. Im besten Fall schwingt die Musik mit, wenn man zuhause dann das Buch liest.»

Urs Faes «Raunächte», Insel-Bücherei

Ein Mann kehrt nach vielen Jahren an jenen Ort zurück, der ihm einmal Heimat war, in dem alle Hoffnung lag, aus der er sich vertreiben liess, der er den Rücken zeigte. Damals lud er sich aus Enttäuschung und Zorn Schuld auf, die er mit in die Ferne genommen hatte. Schuld, die ihn nach vielen Jahren an den Ort der grossen Enttäuschungen zurückführt.

Wenn ein Buch inhaltlich überzeugt, dann freut das den Leser, die Buchhändlerin, den Verlag und den Autor. Aber wenn ein Buch zu einem Gesamtkunstwerk wird, wie das in der Insel-Bücherei-Reihe sehr oft geschieht, dann wird ein Buch zu eine Reliquie, einem heiligen Gegenstand. Dann möchte ich es am liebsten allen, von denen ich weiss, dass ihnen das Buch wie mir etwas Heiliges ist, behutsam in die Hand legen mit dem Wunsch, dafür ein paar absolut ungestörte Stunden in ihrem Leben einzurichten.
Nanne Meyer, eine bildende Künstlerin aus Berlin hat die Erzählung mit Zeichnungen zu einem grossen Ganzen erweitert. Mehr als nur illustriert! Der Erzählung etwas beigefügt, was nicht einmal die Filmmusik beim Film kann. Ein doppelter Genuss. Augenpausen. Ein paar Atemzüge zwischen den Seiten, die den Text regelrecht einkochen. Dabei sind beides schon Substrate, Text und Bild; kein Strich zu viel, reduziert und absolut präzise.

Eine Heimkehrergeschichte. Eine Wintergeschichte. Eine tief verschneite Landschaft irgendwo im Schwarzwald. Ein Dorf am Wald, umgeben von Hügeln. Zwischen den Hügeln Bauernhöfe. Einer davon gehört Sebastian, seinem Bruder, den er schon Jahre nicht mehr gesehen hat, der auch mit Briefen nicht mehr zu erreichen war. Man kennt Manfreds Bruder im Dorf. Ein verschrobener Kerl, der sich nur mehr selten im Dorf blicken lässt. Ein Mann, den das Leben gestraft hat; die Eltern sterben, mit den Tieren auf dem Hof ist ihm das Glück nicht hold und Minna seine Frau wird krank, serbelt langsam weg in den Tod. Sebastian, sein jüngerer Bruder humpelt durch ein missratenes Leben. Kaum Licht auf dem eingeschneiten Hof, keine Spuren im Schnee vor dem Haus, nur ein dünner Rauch aus dem Kamin.

Manfred und Seb waren als Kinder wie Zwillinge. Aber als sie erwachsen wurden, trieben Entscheidungen Keile zwischen das Bruderpaar. Manfred hatte sich als älterer Bruder als Nachfolger auf dem Hof gesehen. Und eigentlich auch Minna, die junge Frau als seine Braut. Seb und Manfred verstanden sich beide gut mit Minna. Und wenn die Eltern damals entschieden hätte, wie Manfred erwartet hatte, wäre die ganze Katastrophe nicht passiert. Das Leid, das damals seinen Anfang nahm und auch nicht endete, als Manfred sich ins Ausland absetzte.

Manfred kehrt zurück, er der Versehrte in eine versehrte Landschaft, zugedeckt mit einer kalten Schicht unschuldigem Weiss. Er mietet sich im einzigen Gasthof ein. Der Wirt kennt ihn, erzählt in Brocken, wovon Manfred ahnt. Er streift durch die Landschaft, erinnert sich an seine Kindheit, die Verbundenheit mit seinem Bruder, den ersten Zwist, die Mutter, die in den stillen Zeiten um Weihnachten und Neujahr ein Summen hörte, die durchs Haus zog und mit Kräuterrauch die Geister aus den Mauern vertrieb. Er erinnert sich an Minna, seine einzige wirklich Liebe, die er durch seinen Zorn und seine Rache verlor, die sich damals für den Bruder entschied, gegen die Liebe, weil Manfreds Zorn auch sie vertrieb.

«Raunächte» ist eine atmosphärisch dichte, ungeheuer empathisch geschriebene Erzählung. 80 gewichtige Seiten, in den Urs Faes beweist, warum ihm Suhrkamp die Ehre erweist, nach «Paris. Eine Liebe» ein zweites Mal eine Erzählung in der edlen Insel-Bücherei-Reihe herauszugeben. Seine Sätze klingen. Es ist, als ob es schneien würde, während man liest. Urs Faes Sprache legt sich wie ein weicher, weisser Mantel um die Schultern des Lesers.
Bruder bleibt man immer, genau wie Sohn, Tochter, Schwester, Mutter oder Vater. Aus Familie steigt man nicht einfach aus. Man wird auch nicht entlassen. Urs Faes stellt jene Fragen, denen sich alle stellen müssen, irgendwann. Wo gehört man hin? Wo hätte man hingehört? Gibt es eine Rückkehr? Kann man Hass tilgen?

Dass auch die Künstlerin Nanne Meyer mit ihren Zeichnungen die genau gleichen Fragen stellen kann, dass sie es schafft, das Gewicht der 80 Seiten zu verdoppeln, erstaunt und freut mich gleichermassen. «Raunächte» ist ein Geschenk! Eine Offenbarung.

Mein Interview mit Urs Faes:

Ich bin von „Raunächte“ tief beeindruckt. Weil die Geschichte eines Heimkehrers stark erzählt ist. Weil die Zeichnungen von Nanne Meyer ihre Erzählung kongenial verstärken, alles andere als ergänzen. Weil ich das Büchlein nach der Lektüre an mein Herz drücke und nicht zulassen werde, dass es so einfach ins Regal geschoben wird. Weil ich es allen schenken möchte, denen Literatur und mehrfach gute Bücher wie mir am Herzen liegen! Wie kamen die Künstlerin Nanne Meyer und der Schriftsteller Urs Faes für dieses Buch zusammen?
Ich stiess vor ein paar Jahren in einer Zürcher Galerie auf Zeichnungen von Nanne Meyer, die durch grosse Eigenständigkeit, einen leisen Humor und einen sicher gekonnten Strich auffallen. Ich lernte sie dann in Berlin kennen. Das führte zu einem intensiven Austausch und auch zu einer Zusammenarbeit, zuerst im Band «Paris. Eine Liebe»; auch das Umschlagbild von «Halt auf Verlangen» ist von ihr und jetzt wieder die Zeichnungen zu «Raunächte».

Jene wichtigen Fragen des Lebens stellen Sie in Ihrer Erzählung ganz offensiv. Es geht um Schuld, um zerstörte Familienbande, um Liebe. Themen, die leicht der Schwere wegen in Schieflache geraten können, die das Erzählen dickflüssig und zäh machen können. Ihnen gelingt eine erstaunliche Leichtigkeit. Ist das die Qualität steigender Lebenserfahrung, dass man sich nicht in übersteigerter Emotionalität verliert?
Das Alter mag zur Gelassenheit beitragen, in meinem Falle hat sicher auch die Krankheit zusätzlich dazu beigetragen, gelassen und behutsam, mit einem Unterton von ironischer Distanz zu erzählen. Ich war zudem immer der Ansicht, dass,  in Sprache gebannt, die Schwere des In-der Welt-Seins leicht werden kann, dass ein knappes genaues Schreiben mit offenen Nischen, Emotionen allenfalls entstehen lassen kann, ohne dass sie sprachlich ausgebreitet werden müssen. 

Auch wenn die Hügel in „Ihrem“ Schwarzwald tief verschneit sind und man mit den Schuhen bis zu den Knien im Schnee versinkt. Auch wenn lange Spaziergänge, Wanderungen auf der Suche nach einer verlorenen Vergangenheit wegen der Kälte nicht ungefährlich sein können, schaffen sie es, Wärme zu erzeugen, erzeugen Sie erstaunliche Nähe, ohne voyeuristisch oder nur annähernd in sentimental zu werden. Es muss wohl so gewesen sein, dass sie einen Winter im Schwarzwald verbrachten.
«Ich habe die letzten Jahre viel im Schwarzwald verbracht, besonders aber im Herbst und Winter 17, auch als Rückzug aus einer dumpf kalten Oeffentlichkeitsdebatte. So war ich unterwegs im Schwarzwald zwischen Mummelsee und Kinzigtal. Aber auch in den Vogesen zwischen dem Odilienberg und dem Steintal, lernte Nebel, Dunkelbolde und Tobel kennen, aber auch den Wind in den dunklen Tannen, Licht- und Sonnenfäden, die überraschend einfallen.»

Manfred wandert und wandelt durch eine Landschaft, aber auch durch die Zeit. Eine Landschaft, der die Geschichte Namen gab; Stollengrund, Schorfen, Flackwald, Mühlstein… Ihnen haben es Flurnamen ganz offensichtlich angetan, weil jeder Name eine Geschichte erzählt. Wo lag der Anfang dieser Geschichte?
Die Namen tragen nicht nur Geschichten mit sich, sie haben auch einen Klang, eine leise Poesie. So liegt denn auch der Anfang dieser Erzählung draussen, in Nebel und Bäumen, das bezeugt eine Tagebuch-Notiz vom Dezember 16: Ich war mit jener Lucie unterwegs, der das Buch auch gewidmet ist, in den Sonnenuntergang, diesem Lichtgeflimmer zwischen Stämmen und Zweigen, in die Dämmerung hinein. Und langsam krochen die Nebel aus dem Tal herauf, die Nacht, setzte das Knarzen im Holz, das Sirren in den Zweigen ein. Da war auch der Ruf eines Käuzchens zu hören. Jetzt beginnen die Raunächte, sagte sie, erzählte, führte mich in unzähligen Gängen ins Hamersbachtal und zum Vogt auf Mühlstein, zur Berglekapelle und zur Teufelskanzlei, in Wälder, Sagen und Mythen, wo Kobolde sich lösten, aber auch Silben und Worte, die ins Erzählen führten.

„Raunächte“ ist eine Familiengeschichte. Darüber, dass man ihr auch durch Flucht nicht entrinnen kann. Darüber, dass irgendwann die Spiesse drehen, dass Zorn, Wut und Rache zurückschlagen, irgendwann zwingen, einen Versuch der Ordnung zu wagen, auch wenn nur noch Trümmer stehen. Steckt irgendwo in Ihrer Erzählung eine Hoffnung? Oder gar eine Mission? Eine Angst?
Es gehört zu unseren Bestimmungen in eine Familie hineingeboren und durch sie auch in seinem Gang und Verhalten bestimmt zu werden. Das sind Erfahrungen, die sich erzählerisch immer wieder melden. Botschaften hat der Erzähler nicht, eine Mission, ausser der des Erzählens, schon gar nicht. Sein Schreiben ist allenfalls, wie es Johannes Bobrowski einmal sagte, ein Benennen auf Hoffnung hin. Das entspricht vielleicht dem Licht, das dem Gehenden zwischen den dunklen Tannen immer wieder unvermittelt aufscheint, in die Lichtungen fällt, die Ebenen erhellt, dem, was im Klang der Sprache sich lösen kann, in einem Rhythmus, der über den Satz hinauszuklingen, nachzuhallen vermag.

Meinen Dank an Urs Faes!

© Sikle Keil

Urs Faes, 1947 geboren, lebt und arbeitet in Zürich. Seine Werke wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Schweizerischen Schillerpreis und dem Zolliker Kunstpreis. Sein Roman «Paarbildung» stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis.

Nanne Meyer, 1953 in Hamburg geboren, Studium an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, 1994 – 2016 Professorin an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee, lebt in Berlin.

Webseite des Autors

Webseite der Künstlerin Nanne Meyer

literaturblatt.ch dankt Nanne Meyer und dem Suhrkamp Verlag für die Erlaubnis, die Bilder der Künstlerin einzubetten.

Madame Nielsen «Ein endloser Sommer», Kiepenheuer & Witsch

Genauso schillernd und schwer fassbar wie das Buch ist die Autorin selbst. Eine Frau, die mit «Ein endloser Sommer» ein grosses literarisches Kunstwerk schuf, eine Frau, die selbst Kunstwerk ist, sich in ihrem Leben nicht nur einmal selbst erfand. Ein grosses Buch, weil die Sprache oszilliert, Sätze über ganze Seiten mäandern und mich der Roman in verschiedenster Hinsicht über die Massen in Bann zieht.

Ein endloser Sommer, irgendwo in Jütland, auf einem dem Verfall preisgegebenen Gutshof. Dort beginnt das Buch und zieht seine Fäden in all die folgenden Jahre wie ein Pilz, der sich ausbreitet. Autobiographisch ist der Roman mit Sicherheit, weil sich schon in jenem Sommer weit in der Ferne im Leben eines Mädchens abzeichnete, was die Autorin heute ausmacht. Damals eine Familie, die unter dem Terror eines cholerischen Vaters leidet. Eine Mutter, die nicht einmal die Liebe ihrer Kinder richtig zu erwidern versteht und ihre Zeit viel lieber auf dem Rücken eines Pferdes verbringt. Ein Mädchen und ihre beiden Brüder, sich selbst überlassen. Ein endloser Sommer beginnt, ein Sommer, der alles möglich macht, mit dem alles möglich ist.

Madame Nielsen ist eine Kunstfigur, die sich schon als Mädchen aus ihrem angeborenen Leben zu schälen begann. «Ein endloser Sommer» ist ein Sprachgemälde der grossen Gesten, ein Blick durch Zeiten in eine Vergangenheit, die an Intensität und Dichte derart kräftig leuchtet, dass es mir beim Lesen manchmal den Atem nimmt. Man schnappt nach Luft, fasziniert und verunsichert zugleich.

Madame Nielsen war als Claus Beck-Nielsen in den Neuzigerjahren Mitglied der Performance-Gruppe «The Wooster Group» um den Schauspieler Willem Defoe. 1999 veröffentlichte Claus Beck-Nielsen seinen ersten Roman und im Jahr darauf begann das, was mit der Figur Madame Nielsen 2013 sein «vorläufiges» Ende gefunden hat. Claus Beck-Nielsen löscht einen Teil seines Namens und will damit auch Erinnerungen löschen, lebt ohne Pass, ohne Geld und «ohne Gedächtnis» auf der Strasse am Bahnhof Kopenhagen. 2001 erklärt er Claus Beck-Nielsen für tot und reist mit Anzug und Krawatte als Klaus Nielsen nach Kuwait, in den Iran, den Irak und nach Afghanistan als Mitglied eines «nomadischen Parlaments». 2013 veröffentlicht sie unter dem Namen Madame Nielsen, elegant als Frau gekleidet, stets beängstigend dünn, ihren ersten Roman.

Was «Der endlose Sommer» ausmacht ist nicht so sehr die Geschichte, als vielmehr die Sprache und das, was die Sprache beim Lesen auslöst. Die Form ist nicht einfach Mittel zum Zweck. Form und Inhalt sind kongruent. So nebelhaft, traumhaft die Geschichte über weite Strecken ist, so wirkt auch die Sprache, die sich einem nur erschliesst, wenn man ihr mit absoluter Aufmerksamkeit folgt. «Ein endloser Sommer» belohnt einem dann mit absolutem Genuss, wenn man das Buch laut liest.
Madame Nielsen nimmt keine Rücksicht auf den Leser. Sie will nicht in erster Linie eine Geschichte erzählen. Es geht um Kunst. «Der endlose Sommer» ist eine literarische, eine sprachliche, eine geschriebene Performance. Madame Nielsen lässt einem mit vielen Leerstellen allein, mit Personen, die nur skizziert scheinen, einem Text, der sich nicht um Ordnung oder Chronologie kümmert.

«Der endlose Sommer» ist die Spur auf der Suche nach dem, was wirklich in einem steckt.

Ich las das «Der endlose Sommer» zusammen mit einer meiner Literaturgruppen. Ein einhelliges Urteil: Grossartig, unbedingt lesenswert!

© Sofie Amalie Klougart

Madame Nielsen, geboren 1963, Autorin, Sängerin, Künstlerin, Performerin. Ihre Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und sie war mehrfach für den Nordic-Council-Preis nominiert. Performances u.a. in Berlin und Wien.

Der Übersetzer Hannes Langendörfer, geboren 1975 in Heidelberg, studierte in Freiburg und Uppsala Skandinavistik und Germanistik. Er lebt als Übersetzer aus dem Dänischen, Schwedischen und Englischen in Berlin.

Ein Lesungsvideo auf der Webseite des Verlags

Fee Katrin Kanzler «Sofortbild», Literatur Quickie

«Sich ein Sofortbild von seinem Gegenüber zu machen, scheint in dieser Graphic Novel nicht das Ende einer Beziehung zu sein, vielmehr wird es zum Überdauern, zur Wertschätzung des Anderen und des Eigenen, die Kamera als Schlüssel zu neuen Wegen und Blickwinkeln. Wenn ein Polaroid poetisch sein kann, dann hat es Fee Katrin Kanzler in „Sofortbild“ geschossen.»

„Pixi-Bücher für Erwachsene“ steht auf der Verlagshomepage des Literatur Quickie Verlag aus Hamburg. Seit Oktober 2009 sollen sie eine lesenswerte Alternative sein, «um die kleinen Wartezeiten im Leben zu überbrücken».

Prosa im Pocket-Format, Geschichten to Go, Krimis auf dem Kopfkissen, Worte zum Wein oder im Wartezimmer, das Buch zum Bier, in der Bahn oder im Bus, Kafka zum Kaffee, Klabund im Klassenzimmer, das neue Leseformat, Lesen mit Format.

Das Programm umfasst mittlerweile über 90 Titel mit spannenden Kurzgeschichten, von denen 90 Prozent erstmalig verlegt worden sind.

Fee Katrin Kanzler ist eine der ersten AutorInnen, die nun die Reihe Graphic Novels eröffnen.

Fee Katrin Kanzler, 1981 geboren, studierte Philosophie und Anglistik in Tübingen und Stockholm. Sie war Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses, erhielt den Förderpreis für Literatur der Stadt Ulm und das Jahresstipendium für Literatur vom Land Baden-Württemberg. Sie lebt im Süden Deutschlands. Ihr Romandebüt „Die Schüchternheit der Pflaume“ (FVA 2012) wurde für den aspekte-Literaturpreis des ZDF nominiert. Im Herbst 2016 erschien ihr Roman »Sterben lernen«.

Rezension zu «Sterben lernen» auf literaturblatt.ch

Michelle Steinbeck mit STORIES (Musik!) am 26. Oktober in Arbon!

Am Freitag, den 26. Oktober, um 19.30 Uhr, in der Galerie Bleisch, Arbon:
Michelle Steinbeck („Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“) liest aus «Eingesperrte Vögel singen mehr» (Voland & Quist), eingewoben in die Musik von Christian Berger und Dominic Doppler (STORIES).

Michelle Steinbeck, 1990 geboren, ist Redaktorin der Fabrikzeitung (Rote Fabrik, Zürich), Veranstalterin und Mitglied von „Babelsprech, junge deutschsprachige Lyrik“. Sie veröffentlichte Prosa, Lyrik und Szenen in Sammelbänden, Heften, im Rundfunk und auf Theaterbühnen. «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» war ihr erster Roman, mit dem sie 2016 sowohl für den Schweizer wie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Michelle Steinbeck stellt zusammen mit dem Musikerduo Christian Berger und Dominic Doppler Gedichte und Kurzprosa aus ihrem frisch erschienen Gedichtband «Eingesperrte Vögel singen mehr» (Voland & Quist) vor.

«Ihre Gedichte und Geschichten sind ungezähmt, störrisch und kunstvoll arrangiert. Sie drücken und jucken, schreien mal schrill und flüstern mal leise, sie erzählen Märchen, schöne wie schauderhafte, und sie führen ein stets aufmerksam blickendes Ich sowie jede Menge groteskes Personal auf die Bühne der Literatur.»

Olivier Guez «Das Verschwinden des Josef Mengele», Aufbau

Eine Biografie über den Auschwitz-Lagerarzt Josef Mengele, diesen besessenen „Wissenschaftler“ am Menschen, bräuchte ich nicht zu lesen. Nicht einmal einen Erklärungsversuch darüber, warum sich die Alliierten so wenig erfolgreich darum bemühten, des in Südamerika untergetauchten Mediziners habhaft zu werden. Und trotzdem fasziniert dieses Buch total.

Olivier Guez, der mit dem Drehbuch zum beeindruckenden Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“, zeigte, dass er sich mit einem besonderen Blick auf die Geschichte um Aufarbeitung bemüht, schrieb mit „Das Verschwinden des Josef Mengele“ ein sowohl literarisch wie in seinen historischen Zusammenhängen packendes und aufschlussreiches Buch. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ war ein Film über den Kampf eines Frankfurter Generalstaatsanwalt, den Kampf gegen ehemalige Verantwortliche des Naziregimes, wie den Organisator des Holocaust Adolf Eichmann, den Kampf gegen das Vergessen und Verhindern.
Der Roman «Das Verschwinden des Josef Mengele» ist ein Lehrstück eines unbelehrbar Fanatischen, einer Nachkriegszeit, in der die Ideen der nationalsozialistischen Weltherrschaft noch lange munter weiterglimmen und ein Beispiel dafür, wie genügsam Nachkriegsdeutschland, die Alliierten und die Öffentlichkeit waren, nachdem man sich mit den Nürnberger Prozessen der Frage nach der Verantwortung gestellt zu haben schien.

1945, wenige Monate nach dem Krieg, arbeitet Mengele unter falschem Namen auf einem Oberbayrischen Bauernhof und selektioniert Kartoffeln. 1949 reist er in Argentinien ein, im aufstrebenden Land von Joan und Evita Perón und versucht sich mit Hilfe der „Rattenlinien“, ehemaliger Nazigrössen, die sich neu formierten, eine neue Existenz zu schaffen. Später flieht er nach Uruguay, dann nach Brasilien, wo er 1979 durch einen Schlaganfall beim Baden am Meer ertrinkt, 68jährig, 34 Jahre lang untergetaucht und nie vor ein Gericht gestellt.
Der Mann, der direkt oder indirekt verantwortlich war für abertausende von absonderlichen Tötungen im Dienste einer grausamen Ideologie. Der Mann, den die wenigen Überlebenden den «Todesengel von Auschwitz» nannten.

Mengele findet ein Leben lang Gesinnungsgenossen, finanzielle Unterstützung, Menschen, die sich seiner annehmen. Seine im schwäbischen Günzburg tief verankerte Industriellenfamilie unterstützt ihn fleissig, um der Agrartechnikfirma nicht zu schaden (Noch heute liest man auf landwirtschaftlichen Maschinen den Namenszug.) Das Argentinien unter Joan Perón, der auch in Europa im Strahlenmeer seiner zur Legende gewordenen Ehefrau Evita so etwas wie Kultstatus geniesst, war Sammelbecken für all jene entflohenen und untergetauchten Nazis, die es mit Geschick verstanden, sich ihrer Verantwortung zu entziehen oder auch nur den Hauch einer Schuld einzugestehen. Peróns Absicht war es, mit Hilfe all der Militärs, Wissenschaftler und Finanzgrössen Argentinien mit Staudämmen, Raketen und Atomkraftwerken auszurüsten und die USA nach der sicheren Niederlage in einem 3. Weltkrieg als Supermacht abzulösen. Man trifft sich bei Gesinnungsgenossen in grossen Landgütern mit Hitlerbüste im Garten und einem Hakenkreuz aus Granit auf dem Grund des Pools.

Dass es Deutschland mit der konsequenten Aufarbeitung auch 10 Jahre nach dem Krieg nicht allzu ernst war, zeigt die Tatsache, dass 1956 das westdeutsche Konsulat in Buenos Aires Josef Mengele einen Personalausweis und eine Geburtsurkunde ausstellte – ohne irgendwelche Konsequenzen.

Zweifelsohne war Mengele ein Monster. Olivier Guez legt sein Augenmerk aber nicht in erster Linie auf die Gräueltaten «des ehrgeizigen Chirurgen des Volkes, der grossen Hoffnung der Genforschung». Guez interessiert sich ebenso genau für die Umgebung, die es diesem Mann möglich machte, über dreissig Jahre auf der Flucht zu sein und selbst ein Jahr vor seinem Tod beim Aufeinandertreffen mit seinem leiblichen Sohn, der heute als Anwalt in München mit dem Namen sehr Frau lebt, sich weigerte nur ein Fitzelchen eines Irrtums einzugestehen.

Gut, wenn Bücher wie ein solches in Zeiten gelesen werden, in der Mitglieder des deutschen Bundestages Hitler und die Nazis nur als «Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte» bezeichnen. Noch besser, wenn sie gut geschrieben sind, sorgfältig recherchiert, nie mit dem Zeigefinger mahnend. Bis auf den letzten Satz: «Nehmen wir uns in Acht, der Mensch ist ein formbares Geschöpf, nehmen wir uns vor den Menschen in Acht.»

© JF Paga – Grasset

Olivier Guez, 1974 in Straßburg geboren, ist Autor und Journalist. Er arbeitete unter anderem für Le Monde, die New York Times und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Für das Drehbuch von «Der Staat gegen Fritz Bauer» erhielt er den deutschen Filmpreis. Olivier Guez lebt in Paris.

Übersetzt von Nicola Denis.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Rebecca C. Schnyder «Gewitter nach dahin»

Man fühlt sich nicht unbedingt fremd, da wo man gerade ist und doch denkt man für sich, dass man sich auch nicht unbedingt wie zu Hause fühlt, da wo man gerade ist. In diese Gedanken dann mischen sich Bilder, Bilder von früher und damals, Bilder vor dem inneren Augen, dem Innenauge; leicht verzerrt sieht man also vor dem Innenauge Bilder und denkt sich, ob das, was auf diesen Bilder ist wohl dorthin gehört, wo man sich zu Hause fühlt. Diese Bilder sind grün und braun und man denkt sich, das also sind sie, die Farben von damals, die einen nicht verlassen haben, und die noch immer gespeichert sind, da drinnen, tief drinnen in einem selber. Und man sieht auf diesen Bildern Umrisse von Hügeln und Gestalten, erahnt die Formen und denkt sich, das also sind sie, die Formen von damals – auch sie haben einen nicht verlassen.
Und genau in diesem Moment, in dem man sich dies alles fragt und dies alles für sich denkt, da zuckt der Himmel, genau in diesem Moment türmen sich Wolken auf, als wollen sie ein Turm bauen da oben im zuckenden Himmel. Und man erschrickt sich ein wenig, weil es so laut ist und so plötzlich, so plötzlich und laut eben, dass man sich erschrecken muss, gar nicht anders kann als sich zu erschrecken. Doch es ist kein böses Donnern und Grollen, das man hört und ab dem man sich erschreckt hat, schon gar kein unheimliches geschweige denn ein bedrohliches, es ist lediglich ein Donnern und Grollen, das sich seinen Weg gebahnt hat bis zu einem, bis dahin, wo man gerade sitzt oder liegt oder steht. Und es ermahnt einen, es gebe noch diesen Ort, diesen Ort gebe es doch, der einen jetzt rufe mit Wolkentürmen und zuckendem Himmel; es ist der Ruf nach dahin, dem Ort, wo man früher war und dachte, das ist es, hier dieser Ort, hier will man sein und bleiben, hier zu diesem Ort gehört man.
Und trotzdem man das wusste ging man weg, irgendwann dann eben doch weg, weil es könnte ja doch noch andere Orte geben und vielleicht gibt es woanders einen Ort, zu dem man sogar noch mehr gehört. Aber man zögert keine Sekunde damit, ihm zu folgen, diesem Ruf, der einen plötzlich ereilt und man braucht nicht zu fragen, wo er ist, dieser Ort, weil ehe man sich versieht, ist es lauter zu hören; das Donnern und das Grollen über dem Kopf und man sieht einen zuckenden Lichtstrahl quer über den Himmel, der wie zufällig die Richtung anzeigt. Und man muss nicht rennen, nicht hasten, gar darob stolpern, nur folgen diesem Ruf der ruft: Hier, komm, hier, hier ist dein Ort.
Und anstatt dass man im Gewitter den Kopf einzieht, streckt man ihn hoch, hoch in den Himmel und zwar so hoch, dass man ihn plötzlich in den Wolken hat und darüber und runter schaut auf die eigenen Füsse, die weit unter einem über grüne Hügel dem Ruf folgen. Man denkt nicht, muss nicht nachdenken, denn es läuft automatisch, die Füsse und alles was dazu gehört laufen ganz automatisch.
Unten sieht man bald Kühe, klein und braun, so braun wie die Häuser, die ebenfalls klein im Blickfeld von hoch oben aus dem Himmel stehen und zwar nicht angeschmiegt an die Hügel sondern thronend auf deren Kuppen. Sie sagen Hallo hier bin ich und auch wenn ich alt bin und klein und in deinen Augen nichts Besonderes, ich stehe hier, werde stehen bleiben, thronend auf der Kuppe der Hügel. Und mit dem Kopf oben in den Wolken sorgt man sich um diese kleinen Häuser auf ihren Kuppen mit ihrem altehrwürdigen Braun, das nur zum Schein unscheinbar ist, weil dahinter sich ja Geschichte verbirgt, nicht nur Geschichte sondern auch Geschichten, von Menschen, die einst gewohnt haben in diesen alten und kleinen Häusern; Geschichten von Menschen, die darin gewohnt haben und gelebt, die darin gelacht haben und manche wohl auch geweint. Und so sorgt man sich weil man den Kopf in den Wolken hat mitten im Donner und Gewitter und deshalb weiss um die Blitze, die sich noch immer wie zuckende Lichtstrahle, manche wie Lichtgestalten gar, quer durch den Himmel ziehen und nicht nur das, sondern sich zuweilen auch frech dem Boden nähern, der Erde, ebendieser auf welcher die braunen Häuser auf den Hügeln thronen.
Und dann, auf einmal hört man da oben mit den Ohren voll Wolken und Nass und Regen ein paar Töne, Klänge viel mehr und denkt sich ob das wohl die gleichen sind wie damals, früher, als man noch viele solcher Klänge hörte in dieser Gegend; und dass man irgendwann keine solche Klänge mehr gehört hat, hat nicht daran gelegen, dass es keine mehr gab, hier in dieser Gegend, sondern dass man selber weg war, also nicht mehr in der Gegend, ortsfremd und ortsfern geworden war, und solche Klänge nur mehr im leichten Schlaf gehört hatte, sozusagen im Traum obwohl die Tiefschlafphase nicht erreicht war. Denn so fein sind die Klänge, dass sie da nicht durchkommen, durchdringen, nicht so weit hinein reichen wie in die Tiefschlafphase in der normalerweise die Träume einen ereilen. Und so fragt man sich, ob man wieder träume, einen dieser Leichtschlaf-träume, das fragt man sich wenn man sie plötzlich wieder hört, diese Klänge. Bis man sie aber hört, immer deutlicher, mehr und lauter und weiss, dass kann kein Leichtschlaf-traum sein; nein sie sind da in aller Wirklichkeit, sie schwingen und klingen und finden das Ohr auch im Regen und durch die Wolken, Klänge, die sich gegenseitig suchen und finden, sich übereinanderlegen und einander folgen, Klänge aus Mündern, die sich im Kreis formieren.
Und so will man sich bücken, den Kopf aus den Wolken ziehen, gestrengter hinhören, mehr erhaschen von diesen Klängen, die drinnen im Innenohr, im Drinnenohr gespeichert waren trotz Ortsfernheit; trotz dessen dass man das Weite gesucht hatte, wortwörtlich die Weite, die Ebenen, die Durchatmungslandschaften in denen keine Erhebung den Blick aufhält. So lange hatte man dies Weite gesucht bis es gefunden war um dann doch zu denken: Ach, wie wäre es schön es gäbe eine Erhebung, ein Hügel oder Berg, die den Blick aufhalten würde.
Und während dem gestrengten Hören, dem Erhaschen dieser Klänge, Klänge, die einen Erinnerungsschleier lichten, lichten sich auch die Wolken, der Dunst vom Regen und man erhascht nicht nur die Klänge sondern auch den Blick auf einen Berg. Ein Berg, den man doch kennt, so denkt man für sich, einer wie es ihn nur einmal gibt und wie man ihn unter allen Bergen wiederfinden würde, ganz gleich wo und unter welchen Bergen. Und während man ihn betrachtet diesen Berg durchfährt es einen; es durchfährt einen mit der Gewissheit ob der eigenen Naivität und man lacht leise in sich hinein, über sich selber lacht man leise in sich hinein, dass man so naiv war und woanders gesucht hatte.
Und während man lacht, leise in sich hinein und über sich selber, ja während man also so lacht und gleichzeitig läuft, ganz automatisch läuft, währenddessen schickt man seinen Blick an den Berg und denkt, gut, dass es ihn gibt. Diesen Berg, um den man so froh ist, glücklich auch, ihn zu sehen, wieder zu erblicken, und zwar so sehr, dass man ihn gern aufgreifen möchte, einpacken, einstecken und zwar in die Hosentasche, um sich an ihm zu erfreuen ganz heimlich, noch mehr aber um ihn zu jedem Zeitpunkt aus der Tasche nehmen zu können, vor sich aufzustellen und einen Blick darauf zu werfen, auf diesen Berg, der Erinnerungsschleier lichtet. Dann aber mahnt einen das Donnern und Grollen – dieser Ruf – daran, nirgendwo hin zu gehen, wo man ihn bräuchte, diesen Berg in der Hosentasche, weil man doch da ist, wo er steht, im Original, gross und verankert; dass man da hingehen soll, und ebenso da bleiben soll, wo es nicht nötig ist, den Berg aus der Hosentasche zu nehmen, weil er ja vor einem steht, original, gross und verankert.
Und dann, ganz langsam, schleichend sogar verziehen sich die Wolken und die Türme und man realisiert, dass auch das Donnern und Grollen ein Ende nimmt, gar schon genommen hat, dass man kein Donnern und Grollen mehr im Ohr hat und auch keinen Regen im Auge oder auf den Füssen, sogar wieder über trockene Hügel läuft. Wenn also das Donnern und Grollen aufgehört hat, denkt man sich dann, oder fragt sich vielmehr, ob also der Ruf zu Ende ist, weil man da ist, wohin es einen gerufen hat. Und man schaut umher und sieht so viel Grün in all seinen Schattierungen, ein Grün, das sich hervortut unter den Wolken, die letzten Wolken sogar vertreibt und weil es sich so vertraut anfühlt, dieses Grün zu sehen und mehr noch, es unter den Füssen zu haben, kommt man nicht umhin zu lächeln. Denn wenn es also so ist, dass der Ruf zu Ende ist, dann bedeutet das, dass man wieder da ist; an dem Ort, der zu einem gehört und an dem Ort, zu dem man selber auch gehört.
Dann lächelt man also und sucht das passende Wort für diesen Ort und freut sich über den Reim, aber sucht dann weiter und man lächelt noch mehr, strahlt sogar, lacht auch laut vor Freude und etwas Schalk, weil man es gefunden hat, das Wort. Und man lacht weiter, ganz laut und sogar immer lauter und ist froh, dass man ihn wieder gefunden hat, diesen Ort, wieder hierher gefunden hat, nicht nur das sondern auch ein Wort gefunden hat für ihn, diesen Ort und denkt für sich, zum Glück bin ich gefolgt, diesem Donnern und Grollen, das mich ereilt hat, zum Glück bin ich gefolgt diesem einen Ruf, diesem Ruf nach Heimat, zum Glück.

Rebecca C. Schnyder, 1986 in Zürich geboren, lebt und arbeitet als freie Autorin (Drama/Hörspiel, Prosa) in St. Gallen. Für ihre Arbeiten erhielt Rebecca C. Schnyder mehrere Auszeichnungen, unter anderem den «Preis für das Schreiben von Theaterstücken» der Schweizerischen Autorengesellschaft, den Jurypreis am Autorenfestival SALZ! am Theater Lüneburg, den Publikumspreis am Autorenwettbewerb der Theater Konstanz und St. Gallen und zuletzt den Förderpreis der St. Gallischen Kulturstiftung. 2013/2014 war Rebecca C. Schnyder Teilnehmerin am Dramenprozessor am Theater Winkelwiese in Zürich und wurde mit «Alles trennt» zum Heidelberger Stückemarkt 2015 eingeladen (verteten durch Hartmann&Stauffacher Verlag). Seit Februar 2016 ist der Debütroman «Alles ist besser in der Nacht» im Buchhandel erhältlich (Dörlemann Verlag, 2016, Zürich).

Wenn sich Grösse in der Enge fast verliert; Florjan Lipuš

Der Grosse Österreichische Staatspreis ging 2018 an den Schriftsteller Florjan Lipuš. Vor einem Jahr besuchte ich den Schriftsteller in seinem Haus in Südkärnten und begegnete einem bescheidenen Schriftsteller, der in aller Stille für die Sprache, für die Literatur, gegen das Vergessen, gegen seinen Alptraum ankämpft. Unweit von seinem Haus las Florjan Lipuš im slowenischen Kulturverein Trat in Sittersdorf.

Männer mit schwarzen Anzügen und farbigen Krawatten eröffneten die feierliche Lesung im Kulturzentrum der kleinen südkärntner Ortschaft Sittersdorf. Damit ehrte Sittersdorf jenen Schriftsteller zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises, ausgerechnet jene Gemeinde, an die Florjan Lipuš nach einem unseeligen Streit seine Ehrenbürgerschaft zurückgegeben hatte.

Jene Gemeinde, deren Gemeinderäte in der ersten Reihe sassen, stimmte 2017 gegen zweisprachige Ortsschilder, deutsch und slowenisch. Jenem Gemeinderat gab Florjan Lipuš nach dieser Verweigerung einer «offenen Zweisprachigkeit» die vor mehr als 20 Jahren verliehene Ehrenbürgerschaft zurück. Florjan Lipuš, der zwar slowenisch spricht und schreibt, aber weit über den slowenischen Sprachraum geschätzt und verehrt wird, weiss, was Ausschluss und Verweigerung von Vielfalt in Kärntens Geschichte ausrichtete. Der Ortstafelstreit in Südkärnten ist ein unleidiges Kapitel in einem seit Generationen schwelenden Sprachenstreit in Südkärnten. In diesem Streit steckt ein tief verwurzeltes Misstrauen der jeweils anderen «Volksgruppe» gegenüber, über Generationen nicht zuletzt von der Politik geschürt, durch Weltkriege bis tief in die Seelen der Landschaft gebrannt, geschossen und eingeschnitten.

Schon vor zwei Jahren war Florjan Lipuš für den Grossen Österreichischen Staatspreis vorgeschlagen, bekam ihn aber nicht. Die Begründung damals: Florjan Lipuš schreibe nicht auf Deutsch. Das sorgte international für Kritik, nicht nur in der Literaturszene. Slowenisch ist eine von mehreren Sprachen in Österreich, eine Diskussion darüber sollte gar nicht erst geführt werden müssen, so der Tenor damals.

So zart die Person des 81jährigen, so kräftig das Schreiben und die Texte des Autors, so unverrückbar und stur die Fronten des Stellvertreterkrieges in den Tälern Südkärntens. So sehr die Geschichten, Romane und Erzählungen des grossen Schriftstellers um Vergebung ringen, mit der Vergangenheit kämpfen, sich in tiefen Verletzlichkeit ereifern, so schwer tut sich die Heimat des Dichters mit seiner Zweisprachigkeit. Ausgerechnet dieses kleine Zeichen, mit dem Vielfalt und Offenheit demonstriert werden könnte, wächst sich im kleinen Dorf südlich der Drau zu einem K(r)ampf aus.

Florjan Lipuš ist die Bescheidenheit in Person. Aber eine Bescheidenheit, die kein Blatt vor den Mund nimmt, die sich einmischt. Mit dem Grossen Österreichischen Staatspreis ist zu hoffen, dass dem Dichter die gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird und dass all die Werke, die in Deutsch nicht mehr erhältlich sind, wieder verlegt und gelesen werden.

Wären Ortsschilder-, Sprachen- und Ehrenbürgerstreit nicht Tatsachen, wären sie perfekter Stoff für einen Roman über die oberflächliche Idylle einer wunderschönen Landschaft, freundliche Leute und ein Dorf, über dem die Kirche thront, ein Idyll, dass sich Wirklichkeit und Tatsache entgegenstellt. Wenn es früher die Angst vor Vereinnahmung war, so hat sich heute die Angst nur minimal verlagert, die Angst vor «Kulturverlust» der sarazzinisch, feindlichen Übernahme, der global intellektuellen Verladung, geistiger «Verwüstung». Der Sprachenstreit ist ein Stellvertreterstreit.

Der Saal in Sittersdorf war voll. Ich sass in der hintersten Reihe. Die Texte der Musik waren slowenisch, die Texte, die Florjan Lipuš las, slowenisch. Das einzige, was ich an diesem Abend verstand, waren die übertrieben lauten Lacher und die Klingeltöne in den Taschen der Alten. Ich verstand kein Wort. Macht nichts. Ich verstehe Florjan Lipuš auch sonst. Ich war da, weil ich dem Autor die Ehre erweisen wollte, weil da ein Grosser las!

Auszug aus der Begründung des Kunstsenats des Grossen Österreichischen Staatspreises: «Florjan Lipuš, der 1937 als Sohn einer Magd in Lobnig oberhalb von Bad Eisenkappel/Zelezna kapla geboren wurde, ist ein Kärntner Schriftsteller slowenischer Sprache, der bereits 1981 mit seinem von Peter Handke und Helga Mracnikar ins Deutsche übersetzten Roman «Der Zögling Tjaž» in der internationalen Literaturwelt großes Aufsehen erregt hat. Im «Zögling Tjaž» ist sein gesamtes erzählerisches Opus thematisch angelegt, das er in zahlreichen Romanen und Erzählungen weiterentwickelt und entfaltet hat. Lipuš behandelt in seiner Literatur den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Vertreibung und Ermordung der Kärntner Slowenen, die Geringschätzung der slowenischen Minderheit durch die Mehrheitsbevölkerung, aber auch die Rettung der schwindenden Welt slowenischer Wörter und Wendungen als Grundlage einer neuen selbstbewussten Identität.»

Rezension von «Seelenruhig» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Marko Lipus