Ich lade Sie ein: Mit Hansjörg Schertenleib an einem Tisch!

Am Mittwoch, den 13. Februar liest und diskutiert Hansjörg Schertenleib mit Gästen am Esstisch an der St. Gallerstrasse in Amriswil über seine Novelle «Die Fliegengöttin». Bei Wein, Käse, Brot und mehr sind sie herzlich eingeladen, mit dem Autor über sein Buch, das Schreiben, Literatur und das Leben als Schriftsteller zu diskutieren. Für 30 Fr. ist Ihnen ein ganz besonderer Genuss gewiss.

Der Abend beginn um 19 Uhr. Eine schriftliche (info@literaturblatt.ch) oder telefonische Anmeldung (071 695 36 69) ist wegen beschränkter Platzzahl unbedingt erforderlich. Der Abend schliesst spätestens um 21.30 Uhr. Vorteilhaft für ein gutes Gespräch; Sie haben «Die Fliegengöttin» gelesen!

«Die Fliegengöttin» bewegt. Hansjörg Schertenleib bewegt. Ein alt gewordenes Paar kämpft sich nach vielen gemeinsamen Jahren durch den Alltag. Er von Zweifeln und Schuld getrieben, sie eingeschlossen in ihre Krankheit. Er an seinen Grenzen, sie verloren weit über Grenzen hinaus. Hansjörg Schertenleib schrieb keine Novelle um die Krankheit Alzheimer, sondern um einen Mann, der an sich und seiner Situation zu zerbrechen droht.

Es geschah schon öfters, dass ich mit meiner Frau bei einem Spaziergang darüber sprach, was mit uns geschehen wird oder würde, wenn jemand von uns beiden erkrankt oder sterben wird. Etwas, was nicht einfach Möglichkeit ist, sondern irgendwann Tatsache wird.

Eilis und Willem sind seit vielen Jahrzehnten ein Paar, gemeinsam alt geworden, nachdem die Kinder aus dem Haus ausgezogen waren. Willem kam als junger Mann in Irland mit dem Schiff an Land, hat ein Leben hinter sich gelassen, eine schwangere Frau, eine Geschichte, die er mit niemandem teilte. Er lernte Eilis kennen, eine Frau, die ihn mit ihrer Bestimmtheit bezauberte, mit der Art, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Es kamen Kinder, Arbeit, Aufgaben, bis Willem erneut gezwungen war, sich mit quälenden Realitäten auseinanderzusetzen, diesmal ohne äussere Flucht, dafür umso mehr mit einer inneren.
Eine Tochter stirbt und ein Sohn stellt sich verkrusteten Konventionen entgegen. Dem einen hat er nichts entgegenzusetzen, dem andern verschliesst er sich, trotz dargebotener Hand seines Sohnes. Willem beginnt sich treiben zu lassen, lässt sich auf eine Beziehung mit der Frau seines besten Freundes ein. Und nun im Alter, nach dem gegenseitigen Versprechen, sich nicht mit einer Krankheit alleine zu lassen und dem anderen ein unwürdiges Dasein zu ersparen, ist Willem allein. Neben Eilis, die sich durch Alzheimer fast ganz aus ihrem Körper verabschiedete. Er spürt seine aufkommende Härte, dass ihm auch hier die Kraft fehlt, zu seiner Realität zu stehen. Wie damals, als er eine Schwangere sitzen liess, wie bei seiner Tochter, die er sterben lassen musste, wie in der verschütteten Beziehung zu seinem Sohn, der Lüge in seiner Liebe zu Eilis und einem Versprechen, dem er nicht standhält.

Eilis und Willems Ehe ist wie ein Haus mit vielen Zimmern. Ein Haus mit Zimmern, die unwiederbringlich geschlossen und verloren sind, ein Haus, aus dem Willem immer mehr verdrängt wird.

Hansjörg Schertenleib Novelle ist von so ergreifender Zartheit und Klarheit, dass man während der Lektüre zum Atemholen gezwungen wird. Hansjörg Schertenleib leuchtet in die Tiefen Willems, beschönigt nicht, obwohl in vielen seiner beschriebenen Szenen genau die Zartheit schimmert. Hansjörg Schertenleib leuchtet nicht aus, lässt Schatten im Verlaufe der Geschichte noch grösser werden, lässt offen, deutet nur an. Es sind die Szenen zwischen Eilis und Willem, die Dialoge, die keine wirklichen mehr sind, die Berührungen, die im Nichts verlaufen, die leeren Gesten, die leeren Sätze von Eilis genauso wie von Willem. Ich als Leser spüre die Ausweglosigkeit, die Verzweiflung in Willems Situation, ohne dass ich während des Lesens mit in die Tiefe gezogen werde. Es ist die Art des Schreibens, Hansjörg Schertenleibs Sprache, die das verhindert, all die überaus starken Szenen, die ein Vielfaches von dem erzählen, was geschrieben steht.

Ein Interview mit Hansjörg Schertenleib:

Ein Mann, der seine an Alzheimer erkrankte Frau bei sich zuhause behält, gegen den Rat fast aller, weil sie sich einst ein Versprechen gaben. „Fliegengöttin“ ist eine Liebesgeschichte über Grenzen hinaus, ein Glaubensbekenntnis an die Kraft der Liebe bei aller Bürde und ein Buch über die Macht des Versprochenen. Sind Versrechen nicht längst antiquiert?Versprechen sind in der Tat antiquiert. Ich bin aber ein altmodischer Autor (und Mensch…) der grossen Wert legt auf Begriffe wie ‚Loyalität‘, ‚Moral‘, ‚Ehrlichkeit‘. Ich mag keine Menschen und keine Erzählfiguren, die sich vor Verantwortung drücken.

Willem und Eilis sind Jahrzehnte zusammen, haben Stürme überlebt, selbst den Tod der einen Tochter. Alzheimer ist Hein Sturm, sondern eine langsam werdende, ewig dauernde Flaute. Wer lange mit jemandem zusammen ist, wer in Partnerschaft alt wird, muss sich irgendwann der Tatsache stellen, dass jemand unheilbar krank werden könnte, der eine zuerst stirbt. Warum glaubt der Mensch, sich den Fragen des Sterbens verschliessen zu können?
Weil der Mensch in der Regel die Tendenz hat, Problemen aus dem Weg zu gehen. Literatur darf dies nicht. Sie muss sich den Problemen stellen, muss sie verhandeln und in Geschichten verwandeln. Wobei es mir gerade bei existenziellen Problemen sehr wichtig ist, das Schwere leicht zu machen und zum Schweben zu bringen. Was im Fall meiner Novelle ‚Die Fliegengöttin‘ eine nicht eben einfache Aufgabe war. Ich will die Leserschaft mit einem guten Gefühl aus dem Text entlassen, ohne jedoch schön zu malen und Problemen aus dem Weg zu gehen.

Sie schreiben sich ganz nah an das Paar Eilis und Willem. Es ist unvermeidlich, dass ich als Leser glauben muss, sie wären tatsächlich Zeuge gewesen. Es sind die beschriebenen Gesten und vor allem die Dialoge mit der an Alzheimer erkrankten Ehefrau, die die Novelle in anrührender Zärtlichkeit so sehr authentisch machen. Alzheimer ist viel mehr als bloss ein Aufhänger in einer Geschichte um Liebe und Freundschaft. Kann man seinen Personen in einem Roman als Schriftsteller auch zu nahe treten?
So man als Autor seine Figuren mit Respekt behandelt, kann man ihnen nicht zu nahe treten, nein. Wobei es in meiner Arbeit immer auch um die nötige Distanz geht – diese zu finden und dennoch Nähe zu schaffen, ist eine der Schwierigkeiten, die sich am Schreibtisch stellen.

Sie beweisen sich in allen Ihren Büchern als Meister der „Beziehungs-inszenierung“. Es sind nie Nabelschauen. Die Personen werden nie nackt, keine geozentrierte Reflexion. Sie reduzieren das Personal Ihrer Bücher auf das Minimum, auch das, was erzählt werden muss. Wirkt die Landschaft Ihres Schreibortes in Irland?
Selbstverständlich hat mich die Landschaft Irlands – oder Donegals, um genau zu sein – beeinflusst, was meine Sprache, meinen Satzbau, meinen Duktus und den Rhythmus meiner Sätze betrifft. Nach 22 Jahren Irland bin ich nun freilich weitergezogen. Neuer Schreib- und Denkort ist die kleine Insel Spruce Head Island an der US-Ostküste Maines. Auch diese Landschaft wird mein Schreiben ohne Zweifel entscheidend beeinflussen.

Willem trägt viel Schuld mit sich, ungeteilte Schuld. Eine schwangere Frau, die er einst sitzen liess, eine Verantwortung, vor der er floh. Den einen Sohn, dessen Neigungen er nicht akzeptieren will und kann. Seitensprünge mit der Frau seines Freundes. Und mit der Krankheit seiner Frau, bei der er dieser eine Versprechen einzulösen hätte, sein Unvermögen, sein Zögern, die Blicke seiner Frau. Wie entscheidet der Schriftsteller, wie viel er in ein Buch „einpacken“ kann?
Das entscheide nicht ich, der Autor, das entscheidet die Geschichte, die ich erzähle. Handlungen der Figuren müssen motiviert werden, damit sie für die Leserschaft nachvollziehbar sind. Allerdings ist es wichtig, eben diese Handlungen nicht zu stark zu motivieren, da sonst die Gefahr des ‚Holzschnittes‘ besteht und komplizierte Vorgänge, und das sind alle Vorgänge zwischen Menschen, zu sehr zu vereinfachen. Auch hier muss die richtige Mischung gefunden werden. Was bedeutet, das ich nach der 1. Fassung in den folgenden 2. und 3. Fassungen in erster Linie streiche, streiche, streiche.

Ich danke Hansjörg Schertenleib für das Interview.

© Milena Schlösser

Hansjörg Schertenleib, geboren am 4. November 1957 in Zürich. Ausbildung zum Schriftsetzer/Typographen; Besuch der Kunstgewerbeschule Zürich. Seit 1982 freier Schriftsteller. Lebte in Norwegen, Wien, London, Boston und Berlin, zwischen 1996 und 2016 in einem ehemaligen Schulhaus aus dem Jahr 1891 im County Donegal in der Republik Irland, seit 2011 zeitweise in Suhr im Kanton Aargau und seit 2016 auf Spruce Head Island in Maine, USA. Besitzt seit 2003 die irische Staatsbürgerschaft.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Wiedergefunden: C. S. Mahrendorff «Und sie rührten an den Schlaf der Welt»

Das Buch, ein Wert, der bleibt. Denkste! An Buchmessen und Literatursendungen werden nur Bücher vorgestellt, die noch warm von der Druckerei sind. Ich griff für Sie nun ein Exemplar aus meinem Regal heraus, das Sie entdecken sollten.

Ungewöhnliche Spannung und überzeugendes Zeitkolorit, eine Fülle von historischen Personen, eine Liebesgeschichte und eine hochbrisante Kriminalaffäre – all das vereinigt der deutsche Autor C.S. Mahrendorff in diesem Roman.

Er ist das vielschichtige Epos des Fin de Siècle, das Europa in seinen letzten Walzertaumel versetzt. Literatur, bildende Kunst und Musik erleben neue Höhepunkte, Psychoanalyse, Traumdeutung und okkulte Strömungen bewegen die Gemüter. Sigmund Freud etabliert sich in Wien, Gustav Mahler feiert in Hamburg Triumphe. Gleichzeitig beginnt die k.u.k. Monarchie zu zerfallen, und die ersten antisemitischen Ausschreitungen werfen einen dunklen Schatten auf die Kaffeehausidylle der Donaumetropole.
In dieser Zeit des Umbruchs begegnet der Wiener Internist und Nervenarzt Dr. Leonhard Heydinger anlässlich eines Urlaubs auf der Insel Elba einem mysteriösen Engländer, der in Begleitung einer schillernden jungen Frau ist.

Heydinger, der in den Literatenkreisen »Jung-Wiens« verkehrt und im Salon der aufstrebenden Sopranistin Lena von Rother und ihres Vaters ein- und ausgeht, gerät zusehends in den Bann des Fremden, den er in Wien wiedertrifft. Als der Mann eines Tages plötzlich in seiner Sprechstunde erscheint, entpuppt er sich als kokainsüchtiger Amateurdetektiv, den neben einer unglücklichen Liebe vor allem eines an Wien bindet: die finsteren Machenschaften der Geheimgesellschaft »Die Schwarze Hand«.
Deren Erpressungen, die vornehmlich jüdischen Musikern gelten, ziehen in der Donaumetropole ihre unheilvollen Kreise. Als sie sich auch auf Deutschland auszuweiten beginnen und sogar Gustav Mahler, den Ersten Kapellmeister des Hamburger Stadttheaters, bedrohen, kommt man den Drahtziehern des Verbrechens allmählich auf die Spur…

Dieser furiose, sprachlich herausragende Roman ist ein faszinierendes gesellschaftskritisches Panorama der Jahrhundertwende im Gewande eines großen Spannungs- und Kriminalromans. Darüber hinaus zeigt der Autor Persönlichkeit und Wirken Gustav Mahlers in neuem Licht und entwirft ein packendes Porträt jener Legende des Viktorianismus, die den modernen Detektivmythos begründet hat. Vor allem aber erfährt der Lesende in kaum einem anderen Werk der heutigen Belletristik derart viel über die Voraussetzungen für den Lauf der Geschichte in unserem Jahrhundert. Er kann sich dem Sog der Erzählung nicht entziehen und ahnt gleichzeitig, wie es zu jener Entwicklung kommen konnte, die Europa schließlich in den Abgrund stürzte…

Gastbeitrag von Urs Heinz Aerni

Das Buch: «Und sie rührten an den Schlaf der Welt» Roman von C. S. Mahrendorff, Langen Müller, 1999, dann Neuauflagen bei S. Fischer.

C. S. Mahrendorff (1963–2004) studierte Geschichte, Musikwissenschaft und Jura, bevor er als Diplom-Finanzwirt in den hessischen Staatsdienst eintrat. Später lebte er als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main.

Perikles Monioudis «Robert Walser», Deutscher Kunstverlag

Robert Walser (1878 – 1956) ist unbestritten einer der Grossen in der Schweizer Literatur. Die Verehrung für ihn und sein Werk mag auch ein klein wenig im Wunsch nach Wiedergutmachung liegen einem Mann, einem Künstler gegenüber, den man zeitlebens nicht erkannte, dessen grosse Literatur sich nicht verkaufen liess, schon gar nicht in seinem Heimatland. Einem Mann gegenüber, der sich in der zweiten Hälfte seines Leben fast ganz in sich selbst zurückzog.

Robert Walser stirbt am Weihnachtstag 1956 78jährig auf einem einsamen Spaziergang im Schnee. Einsam. Fast vergessen. Obwohl er in renommierten deutschen Verlagen seine Romane («Fritz Kochers Aufsätze» bei Insel, «Geschwister Tanner», «Der Gehülfe» und «Jakob von Gunten» bei Cassirer) veröffentlichte, obwohl einmal Feuilletonist in fast allen grossen literarischen Zeitschriften, gelobt von Hermann Hesse und Franz Kafka, hatte man den stillen Schreiber fast vergessen.

Glücklicherweise besann man sich, wenn auch viel zu spät. Und dass es heute in Bern ein sehr umtriebiges Robert-Walser-Zentrum gibt, zeigt, wie gross, tiefgründig und vielgestalt der Kosmos Robert Walser ist. In seinem «geistigen Exil» in der Heilanstalten Waldau und schon zuvor in Bern begann Robert Walser winzig klein auf alle mögliche Zettel, Karten und Blätter zu schreiben. Seine «Mikrogramme» entstanden, die man erst nach dem Tod Robert Walsers ernst nahm; kleine Texte, Gedichte und ganze Romanentwürfe. Auch ein Zeichen seines Rückzugs, seiner Enttäuschung. Genauso wie seine Neigung, seine Schmerz mit Alkohol zuzudecken.

Robert Walser wuchs in der Enge des Kleinbürgertums in Biel auf, als siebtes von acht Kindern. Das Glück meinte es mit der Familie nicht gut; sozialer Abstieg, Sorgen um Sorgen, Depressionen der Geschwister, Selbstmord seines Bruders. Robert Walser wird Kommis (kaufmännischer Angestellter) in einer Bank, träumt von einer Schauspielerkarriere, die ihm versagt bleibt. Er beginnt zu schreiben. Sein erstes Buch erscheint im renommierten Insel Verlag in Berlin. Aber niemand kauft, niemand liest das Buch. Robert Walser verliert sich in der Grossstadt, kehrt zurück in die Enge eines Büros, schreibt weiter.

Robert Walser beginnt sich erst recht zurückzuziehen, als auch die weiteren Bücher nicht die erhoffte Aufmerksamkeit erreichen. Auch sein Beziehungsnetz ist klein und fragil. Sein Bruder Karl, der an den Bühnen Berlins ein gefragter Bühnenbildner, Maler und Illustrator wird, heiratet und scheint weniger Zeit zu haben. Frauenbekanntschaften sind schwierig. Alles Motive in seinen Texten.

Perikles Monioudis nähert sich mit viel Respekt und sehr behutsam der zerbrechlichen Figur Robert Walser, einer Figur, die sich in vielen seiner Lebensphasen allzu leicht dem heutigen Verständnis entzieht. Man spürt Monioudis‘ Verehrung für den grossen Schweizer, ohne dass er Robert Walser mit verklärtem Blick betrachten würde. Perikles Monioudis ruft in Erinnerung, was in einer Zeit, in der das Allerneuste das Neuste jagt, in der auch im Literaturgeschäft Sternchen viel zu schnell verblassen und man auf Klappentexten über Superlativen strauchelt, kaum mehr Platz hat: Da schrieb einer «Kleiner», der Grosses schuf, einer, den man übersah und überhörte.

Das Buch aus dem Deutschen Kunstverlag gehört zu einer ganzen Reihe überaus attraktiver Bände quer durch die Literatur: Marcel Proust, Else Lasker-Schüler, Selma Lagerlöf, Kurt Vonnegut… Ein idealer Einstieg oder Wiedereinstieg in die Werke grosser Literaten.

Robert Walser in Berlin, um 1907, © Keystone / Robert Walser-Stiftung Bern

Ein kleines Interview mit Perikles Monioudis:

In diesem Buch über Robert Walser wird nichts darüber verraten, warum gerade sie der sind, der dieses schreibt. Wie kam es dazu?
Ich wurde direkt vom Verlag angefragt, ganz ohne Agentur. Das Angebot ehrte mich, denn für die Reihe schreibt die Crème des deutschen Feuilletons. Für mich stand von Anfang an fest: ich verfasse keine sekundärwissenschaftliche Arbeit, sondern ich schreibe über Walser entlang dessen, was mich und alle anderen Literaten mit ihm verbindet, nämlich entlang des – wie ich es nenne – poetischen Instinkts. So habe ich Fakten zu Leben und Werk Walsers zum Teil gänzlich anders gewertet und gewürdigt als seine früheren Biografen, die erstens weit weg vom literarischen Schreiben als Lebensinhalt und Mittel der Lebensführung entfernt waren und zweitens Walser mangels anderer Möglichkeiten über ihren eigenen Kamm scherten, ihn also über ihre eigene Lebensauffassung sich zurechtschrieben und als armen, verkannten Tropf stilisierten. Dabei suchten sie Walser über weniger wichtige Momente wie etwa das vielzitierte Dienen zu fassen. Das ist kein guter Ansatz. Walser war zu seiner Berliner Zeit der bestvernetzte Schweizer Schriftsteller. Er war stolz – und er hatte jeden Grund dazu. Ich bin glücklich darüber, dass die Walser-Forschung heute neu aufblüht, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Künstlerinnen und Künstler nehmen sich Walsers Leben und Werk wunderbar innovativ und substantiell an. Walser wird erstmals sehr breit gelesen – auch im Ausland, wie die vielen neuen Übersetzungen zeigen.

Was liegt ihnen ganz speziell an der Figur Robert Walser?
Er suchte den Erfolg in Berlin mit aller Kraft, aber er blieb ihm versagt. Er versuchte, sein Schicksal zu zwingen. Wir wissen aus der griechischen Tragödie, dass man das nicht tun sollte, man darf sein Schicksal nicht zwingen, denn die Strafe folgt auf dem Fuss. Spass beiseite: Walser ertrug es nicht, keinen Publikumserfolg zu haben, obwohl doch für praktisch alle massgeblichen Literaten und Kritiker seiner Zeit sein Talent unbestritten war. Er schämte sich, er machte sich unsichtbar, so peripher wie möglich, auch vor sich selbst. Alles, was er in Berlin und anschliessend – vor seinem literarischen Verstummen – in der Schweiz wollte, war ein Ort, an dem er schreiben konnte. Der Ort wechselte häufig. Viele halten das an sich für wichtig und veranstalten etwa in Bern Spaziergänge zu den Wohnungen Walsers. Das ist grober Unfug. Walser folgte seinem poetischen Instinkt, er war kein Zirkustier, das man über seine «Unstetigkeit» zu fassen und auszustellen versuchen sollte. Zum Glück ist da als Korrektiv das Walser-Zentrum in Bern, das auch vor Ort eine vorzügliche Arbeit leistet.

Robert Walser, Spaziergang in Gais, 16.4.1956 (Karfreitag)
Foto: Carl Seelig, © Keystone / Robert Walser-Stiftung Bern

Ich las das Buch von „Wanderungen mit Robert Walser“ von Carl Seelig wie die Bücher Robert Walser schon als Student. Ihre Wirkung war fast noch stärker als jene der Bücher von Hermann Hess. Was wäre mit Robert Walser und seinem Nachlass passiert, hätte es Carl Seelig nicht gegeben?
Walser wäre uns ohne Seelig bestimmt ein ganz dickes Buch mit sieben Siegeln statt wie heute ein etwas weniger dickes Buch mit sieben Siegeln geblieben. Sie dürfen dabei aber nicht vergessen, dass Walser alles dafür getan hat, ein solches zu sein. Er verwischte seine Spuren, setzte falsche, wollte seine Nachwelt narren. Das ist ihm – nicht nur zu Lebzeiten – auch geglückt.

Erinnern Sie sich an Ihre erste „Begegnung“ mit Robert Walser?
In der Kantonsschule brachte uns unser Deutschlehrer die Werke Walsers richtig nahe. Meine grüne Walser-Gesamtausgabe aus jener Zeit ist von Eintragungen übersäht … ich habe sie aufbewahrt. Daneben stehen Bände der ersten Walser-Gesamtausgabe aus dem Kossodo-Verlag. Ich hatte Helmut Kossodo, den Berliner Verleger mit Westschweizer Wohnsitz, in den frühen Neunzigerjahren kurz vor seinem Tod in Genf noch besuchen dürfen.

Perikles Monioudis, geboren 1966 in Glarus, hat rund zwanzig literarische Bücher veröffenticht, zuletzt die Romane «Frederick» (dtv Hardcover, 2016) und «Land» (dtv, 2017). Er wurde u.a. mit dem Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, dem Preis des Schweizerischen Schriftstellerverbands und zuletzt mit dem Glarner Kulturpreis ausgezeichnet.

Ich danke ganz speziell dem Robert-Walser-Zentrum für die beiden von ihnen zur Verfügung gestellten Bilder!

Webseite von Perikles Monioudis

Robert Walser Zentrum

Ich danke Perikles Monioudis für das Interview.

Beitragsfoto © Keystone / Robert Walser-Stiftung

Zaza Burchuladze «Touristenfrühstück», Blumenbar

Georgien war Gastland an der Frankfurter Buchmesse 2018. Über Gäste spricht man nicht schlecht. Aber wenn man den Gesprächen mit dem georgischen Schriftsteller Zaza Burchuladze im Netz folgt, dann wird klar, wie dieses Land am Schwarzen Meer, zwischen Russland und der Türkei eingekeilt, von innen und aussen zerbröselt wird. In „Touristenfrühstück“, vom Verlag als Roman bezeichnet, erzählt Zaza Burchuladze von diesem „Zerbröselungsprozess», nicht nur in seinem Heimatland, sondern als Folge auch ihn ihm selbst.

„Vielleicht werde ich damit leben müssen. Vielleicht ist das meine Prüfung. Vielleicht bin ich verdammt, Tbilissi in mir herumzutragen wie einen Flaschengeist.»

Zaza Burchuladze, der in Georgien als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren gilt, musste sein Land 2014 verlassen, nachdem ihm offen mit dem Tod gedroht und er auf der Strasse verprügelt wurde. Seither lebt der Autor in Berlin. Seine Bücher werden in seinem Heimatland öffentlich verbrannt.

In seinem 2017 ebenfalls bei Blumenbar veröffentlichten Roman «Adibas» erzählt Zaza Burchuladze vom «Fünf-Tage-Krieg» 2008 mit Russland. Während der Himmel über der georgischen Stadt Tiflis von russischen Kampfjets zerrissen wird, vergnügt sich die Mittel- und Oberschicht ausgiebig und ausgelassen. «Es wird gevögelt, gekokst, es wird gelebt, gefeiert, aber wenig nachgedacht.» Ein Bild, das sich nicht nur in Georgien zeigt. Während man anderorts verhungert, verdurstet, während selbst Kinder ertrinken und vergessen werden, verglüht und verraucht hier schnell, was an gewissen Tagen mediales Entsetzen hervorbringt.

Zaza Burchuladze lebt in Berlin, im Ungewissen darüber, ob er je in sein verlorenes Georgien zurückkehren kann. Zaza Burchuladze ist voller Zweifel darüber, dass seine Sprache «klebrig, pampig, wie Beton geworden ist. Sie fliesst nicht mehr so wie früher.» Zweifel darüber, nicht mehr zu wissen, für wen er schreibt.

«Natürlich bin ich nicht der einzige, der die Vergangenheit in sich und mit sich herumschleppt wie eine Flaschenpost auf offener See, wobei es fraglos ist, dass die darin enthaltene Nachricht keinen allgemeinen Wert hat.»

Als Leser begleite ich in «Touristenfrühstück» den Autor auf seinen Gängen durch Berlin, in seinem Alltag in einer Stadt, die ihm die Entfernung zu seiner Heimat unsäglich unendlich scheinen lässt, ein ander Mal nur durch Oberflächlichkeiten verborgen. Auf dem Weg zu seinem Arzt zur Interferonbehandlung von Hepatitis C, in Deutschland durch Kassen finanziert, in Georgien ein Grund, die Existenz zu verlieren. Zum Treffen mit seinem Verleger, der den Zweifel schürt, ans Bett seines Kindes, das eine Geschichte erzählt bekommen will, das unbekannte Begriffe wie glänzende Kiesel mit nach Hause bringt. Ein Leben zwischen Vergangenheit, Gegenwart und ungewisser Zukunft, hin- und hergerissen zwischen Zorn und Sehnsucht, Bitterkeit und verblassenden Träumen, aufgerieben in Gegensätzen.

«Vielleicht spiele ich hier mit Allgemeinplätzen, aber das Fazit ist doch, dass der ‚homo civis‘ hier in Berlin nur in besonderen Ausnahmefällen gegen die Ordnung verstösst, wir Georgier aber nur in besonderen Ausnahmefällen die Ordnung einhalten.Wenn keines von beiden eine Perversion ist, muss es eine Frage der Ehre sein»

Dass auf dem Buchdeckel «Roman» geschrieben steht, muss nach «Adibas» eine verkaufstechnische Notwendigkeit gewesen sein, Strategie des Verlags, um den Sog des einen Buches ausnützen zu können. «Touristenfrühstück» ist ein Berlin-Tagebuch, ein Buch der Auseinandersetzung, der Konfrontation. Ein Buch, das es mir zu Beginn schwer machte, bis der Autor zu meinem Begleiter wurde und mich neugierig auf «mehr» machte.

© Ira Koklozin

Zaza Burchuladze, 1973 in Tbilissi geboren, übersetzte Fjodor Dostojewski und Daniil Charms ins Georgische. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Für seine Romane wurde er mehrfach ausgezeichnet. Bei Blumenbar erschien 2015 sein Roman »adibas«, der von der Stiftung Buchkunst zum »schönsten Buch des Jahres« gewählt wurde. 2017 folgte sein Flucht- und Heimatroman „Touristenfrühstück“, für den er 2018 mit dem Brücke-Berlin-Preis ausgezeichnet wurde.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Astrid Rosenfeld «Kinder des Zufalls», Kampa

Man könnte meinen, die Schriftstellerin von „Kinder des Zufalls“ wäre eine US-Amerikanerin. Nicht wegen der Fotos, die auf Buch, Verlagsvorschau und Netz gezeigt werden, fast immer mit Hut und amerikanischer Landschaft im Hintergrund, sondern wegen der Art ihres Erzählens, als hätte sie sie in ihrem Leben dort eingesogen. Nicht wegen der Schauplätze im neuen Roman, sondern weil ich während des Lesens den Staub der Hihgways in der Nase, selbst auf der Zunge spüre.

Alle Protagonisten in „Kinder des Zufalls“ sind unterwegs und kommen nie an. Maxwell und seine aus Deutschland kommende Mutter, Elisabeth und selbst ihre in Deutschland gebliebene Mutter Annegret. Sie sind getrieben, auf der Suche nach äusserm und inneren Zuhause.

Nach dem zweiten Weltkrieg verstummen die Väter, die späteren Grossväter. Die einen sind auf den Schlachtfeldern verendet, die anderen vegetieren als traumatisierte und geschundene Existenzen, als Rückkehrer und doch Gezeichnete in einem Deutschland, das sie wie den Krieg mehrfach verloren haben. Maxwells Vater starb im Vietnamkrieg, ohne zu wissen, dass er Vater geworden war. Und Elisabeths „Vater“ dämmert bis zu seinem Tod in einem speckigen Ohrensessel.

Maxwells Mutter sucht ihr Glück als Tänzerin, bis das Knie ihre Karriere als Ballerina beendet und sie sich mit Auto und Kind auf die Suche nach dem verlorenen Glück macht. Eine getriebene Existenz auf der ewigen Suche, zusammen mit Maxwell, ihrem Sohn, die niemals Sicherheit oder ein Zuhause erfährt.

Maxwell und Elisabeth begegnen sich, zwei durch Unruhen und permanenten Seitenwind aus der Spur geratene. Irgendwo im texanischen Nirgendwo, einem Ort, der aus nichts Geschichte macht, kreuzen sich Maxwells und Elisabeths Lebensgeschichten, begegnen sich nur kurz, um lange Zeit nebeneinander zu bleiben.

Astrid Rosenfeld spürt zwei verlorenen Existenzen nach. Maxwell und Elisabeth werden nie jene, die sie hätten sein können, sehnen sich ein Leben lang nach Erfüllung, einer Heimat, sei es auch nur in einem einzigen Menschen, und Liebe. Astrid Rosenfeld ent-wickelt, fabuliert, verstrickt neu, verwebt, gibt ihrem nur 270seitigen Roman grosse Dimension und Intensität und jenen „amerikanischen Drive“, der zu ihrem Auftreten passt. Da ist keine Geschwätzigkeit, sondern Reduktion auf einen klaren Strich und filigrane Zeichnung von Figuren und Situationen. Sie bleibt erfrischend offen, manchmal mit ihrem Erzählen gar in der Schwebe.

Ein Buch über die Suche nach Liebe, über die Flucht vor der Vergangenheit, all den Vergangenheiten, die nicht und niemals loslassen. Über Wahrheiten, die verloren gehen und Irrtümer, die sich an ein ganzes Leben haften. Träume beherrschen Leben. Sei es bei Menschen voller Träume oder bei jenen, denen Träume gänzlich abhanden gekommen sind.

«Kinder der Zufalls» Video des Verlags (auf Foto klicken)

Astrid Rosenfeld wurde 1977 in Köln geboren. Ihr Berufsziel war, nach der Schule Schauspielerin zu werden, daher ging sie nach dem Abitur nach Kalifornien, um erste Berufserfahrungen am Theater zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland begann sie eine Schauspielausbildung in Berlin, die sie aber nach anderthalb Jahren abbrach. Anschliessend war sie in verschiedenen Jobs in der Filmbranche tätig. Ihr Romandebüt «Adams Erbe» erschien im März 2011 die Diogenes. Astrid Rosenfeld lebt in Berlin.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Gabrielle Alioth «But you don’t really care for music, do you? – Szenen zu Leonard Cohen»

It’s time that we began to laugh and cry and cry and laugh

Ich bin dreizehn Jahre alt, meine ältere Schwester liest Salut les Copains und hört Jacques Brel. Wir haben die Maiunruhen, den Prager Frühling und den Vietnamkrieg am Fernsehen gesehen. An diesem Morgen stehe ich an der Haltestelle und warte auf den Bus, mit dem ich in die Stadt zur Schule fahren werde. Das rote Beret trage ich nicht mehr, es verrutscht auf meinem glatten braunen Haar. Dolly hat blondes gewelltes Haar, und ich bewundere sie. Sie kennt sich aus, auch mit Männern. An diesem Morgen singt sie den Refrain eines englischen Liedes. Ich verstehe fast alles, obwohl ich in der Schule nicht Englisch, sondern Altgriechisch lerne, und summe mit. Bis sie inne hält: „Du weißt natürlich, dass es laugh heißt, lachen und nicht lieben?“
„Natürlich“, lüge ich.

Many loved before us, I know that we are not new

Ich bin fünfzehn Jahre alt, und meine ältere Schwester hat mir ihr Moped geliehen. Es ist Samstagabend, und ich fahre an das Sommerfest auf dem Hügel am Stadtrand. Es dauert nicht lange, bis ich Urs finde. Er hat blaue Augen und gewelltes Haar. Er ist auf dem Weg zu einem Konzert und überrascht, als ich frage, ob ich mitkommen dürfe. Das Konzert findet in einem Gemeindesaal statt. Die erste Band spielt schon, als wir ankommen, und es ist dunkel, aber ich sehe Dolly in einer Ecke in den Armen ihres Freundes. Wir hocken uns auf den Boden zwischen die anderen. Urs küsst mich. Ich überlege, was er mit seiner Zunge in meinem Mund sucht, aber ich weiß es nicht.

I will help you if I must, I will kill you if I can

Ich bin siebzehn Jahre alt, und meine ältere Schwester wohnt nicht mehr zu Hause. Es ist Herbst, und ich fühle mich gut, aber ich kann es nicht länger verbergen. Ich muss etwas tun. Es macht überhaupt nicht weh, und als in der Nacht das Wasser bricht, hänge ich das nasse Leintuch über den Stuhl und lege mich wieder schlafen. Ich schlafe so gut in diesem Jahr. Am übernächsten Morgen bestellt meine Mutter ein Taxi. Ich schreie während der Fahrt und im Treppenhaus vor der Arztpraxis. Ich weiß, dass es Frauen gibt, die ihre Kinder allein im Urwald gebären. Eine Woche später gehe ich wieder in die Schule.

Just win me or lose me

Ich bin neunzehn Jahre alt, meine ältere Schwester ist nach Salzburg gezogen. Richard hat blaue Augen und blondes gewelltes Haar. Ich öffne den Mund, als er mich küsst. Richard ist aus gutem Haus und kennt sich aus. Ich erzähle ihm von dem Kind, aber er weiß, was er will. Nach dem Studium heiraten wir.

Waiting for the miracle to come

Es ist Sonntagnachmittag, und wir spazieren den Rhein entlang. Richard spricht über die Arbeit an seiner Dissertation. Ich denke an die Servietten, die ich noch bügeln muss, und die Kurzgeschichte über die toten Katzen, die ich gern schreiben würde. Wir setzen uns auf eine Bank. Richard erklärt mir, wer von seinen Verwandten in den Patrizierhäusern am gegenüberliegenden Ufer wohnt, und ich weiß, dass ich das nicht ein Leben lang aushalten werde.

And is this what you wanted, to live in a house that is haunted, by the ghost of you and me

Ich bin neunundzwanzig Jahre alt, und wir haben ein Haus in Irland gekauft. Es hat keine Heizung, kein Bad, die Fenster sind zerbrochen, aber es liegt am Hang eines Tales durch den ein Bach fließt. An einem Morgen im ersten Winter stehe ich am Ufer, als die Sonne aufgeht, und sehe den Tau in den Spinnweben zwischen den Schilfhalmen glitzern. Ich weiß, dass ich so lange hier bleiben werde, wie ich kann.

Give me back the Berlin wall

Im Sommer 1987 fahren wir zum ersten Mal nach Berlin. Die Grenzposten sehen so aus wie in Irland, nur dass die Soldaten ihre Gesichter nicht mit Tarnfarbe beschmiert haben. Während Richard Zeitungsredaktionen besucht, fahre ich mit der U-Bahn in den Osten und kaufe günstige Buchausgaben von Goethe, Fontane, Heinrich Mann. Unter den Linden muss ich an das Lied von Hildegard Knef denken.

And no one knows why the wine is flowing

Wir haben uns in dem Haus über dem Tal eingerichtet und mehr Land gekauft, nun gehört uns auch der Bach. Ich habe meinen ersten Roman veröffentlicht und beschlossen, weiterzuschreiben anstatt Kinder zu haben. Richard ist erfolgreich als Journalist; wenn es nötig ist, helfe ich ihm. Manchmal gehe ich gegen Abend an den Bach hinunter und schaue dem Wasser zu. In den kleinen Buchten am Ufer dreht es sich in Wirbeln. Das Tal ist ein Teil von mir, aber ich weiß es noch nicht.

Everybody knows that the war is over

Am 31. August 1994 gehe ich wie jeden Morgen mit den Hunden am Strand spazieren. Am Abend zuvor hat die IRA eine unbefristete Waffenruhe erklärt. Es wird noch vier Jahre dauern, bis das Karfreitagsabkommen unterzeichnet wird. Der Kormoran, der an diesem Morgen in der Mündung des Flusses sitzt, hat seine Flügel zum Trocknen ausgebreitet. Er sieht aus wie ein Wappentier.

Dance me to the end of love

Am Montagabend fahren wir in die Stadt für die Tanzstunden. Es ist kalt in dem großen Saal, wir sind allein mit der Lehrerin, und sie muss uns die Schritte immer wieder zeigen. Richard wird wütend, wenn er Fehler macht. Wir wissen beide, dass wir den Tango niemals lernen werden. Ich würde gern Rumba tanzen können. Es heißt, Rumba sei der Tanz der Liebe.

That’s how the light gets in

Ich arbeite an meinem vierten Roman. Es ist der hermetischste, den ich je schreiben werde, und ich weiß, dass ich am Ende eines Weges bin. Für drei Monate lebe ich in Santa Monica. Die Jacarandas blühen. Gegen Abend spaziere ich manchmal zum Meer hinunter, um den Sonnenuntergang zu sehen.

If you want a lover

Ich bin dreiundvierzig Jahre alt, als ich Dich wieder treffe. Ich weiß sofort, dass ich Dich liebe. Du sagst, es ist genauso wie damals. Ich bin glücklich, ich sehe es, als ich in den Spiegel schaue. Ich nehme mir vor, die zweite Chance nicht zu vertun.

There ain’t no cure

In unserer ersten Nacht klingelt Dein Telefon. Ein Notfall, Du musst ins Krankenhaus zurück. Vom Fenster des dunklen Zimmers aus sehe ich, wie Du auf dem Hotelparkplatz ins Auto steigst und den Motor startest. Bevor Du los fährst, blendest Du den Schweinwerfer für einen Augenblick auf. Die Zärtlichkeit des Lichts schnürt mir die Kehle zu.

It don’t matter how you worship as long as you’re down on your knees

Wir sehen uns heimlich, und oft muss ich auf Dich warten. Aber es ist besser, als nicht zu warten, und wenn Du da bist, ist es nicht mehr wichtig. Es fällt mir leicht, ein Doppelleben zu führen, und manchmal macht es auch Spaß. Ich schreibe über die Liebe.

The odds are there to beat

An einem Abendessen nach einer Lesung in Dhaka liest mir mein Tischnachbar aus der Hand. „There was an accident in your life“, sagt er. Ich weiß, wovon er spricht. „And there is another one to come.“ Die Gespräche am Tisch verstummen. Als ich am Tag darauf in einer Maschine der Bangla Airlines nach Kalkutta zurückfliege, überlege ich, ob ein Flugzeugabsturz ein accident ist. Aber natürlich stünde der nicht in meiner Hand.

If it be your will

Nach zehn Jahren erfährt Richard, dass ich ihn betrüge. Er sagt, er habe immer gewusst, dass ich eine Lügnerin sei. Der Scheidungstermin ist Ende Dezember. Die Verhandlung dauert nur ein paar Minuten, dann wünscht die Richterin uns Glück. Ich sehe Richard in seinem Regenmantel die Straße hinuntergehen und denke, dass er Dir dankbar sein sollte.

And thanks, for the trouble you took from her eyes, I thought it was there for good so I never tried

Ich gewöhne mich an das Alleinleben; an den Verlust des Tales werde ich mich nie gewöhnen. Ich richte mich in einem kleinen Haus auf einem Hügel ein, und jeden Morgen gehe ich mit dem Hund am Strand spazieren. Ich treffe Dich alle paar Wochen für zwei, drei Nächte, meist in einer fremden Stadt. Es ist nicht wichtig wo.

Everything depends upon, how near you sleep to me

Ich bin dreiundsechzig Jahre alt, Leonard Cohen ist vor zwei Jahren gestorben, meine Schwester lebt immer noch in Salzburg. Ich dachte stets, dass ich lieber ein interessantes als ein glückliches Leben hätte; es ist so schwer, über Glück zu schreiben. Heute scheint mir, dass wir unsere Möglichkeiten, über unser Leben zu entscheiden, maßlos überschätzen. Das Meiste passiert einfach – Liebe, Tod – und wir wissen nicht warum.

The story’s told, with facts and lies.

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman «Der Narr». Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig und unterrichtet an der Hochschule Luzern. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland. Ihr neuster Roman «Gallus, der Fremde» erschien bei Lenos. Im Waldgut Verlag erscheint im März erstmals ein Gedichtband «Der Mantel der Dichterin».

Rezension von «Gallus, der Fremde» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Noëmi Lerch vor vollem Haus

Noëmi Lerch war mit ihrem Roman «Grit» der letzte Gast in der Reihe «Wortklang – Klangwort» mit junger CH-Literatur. Nach Yaël Inokai, Arja Lobsiger, Dana Grigorcea und Julia Weber performte Noëmi Lerch zusammen mit den Musikern Christian Berger und Dominic Doppler den Abschluss der abenteuerlichen Reihe zwischen Literatur und Musik.

© Philipp Frei

Schon eine halbe Stunde vor Beginn füllte sich das kleine Foyer im Theater 111 St. Gallen. Man trank Wein, unterhielt sich, eine lockere Stimmung. Nichts vom erwartungsvollen Bangen anderer Abende, ob sich die Zuschauerreihen wohl füllen würden. Kein Hadern und Suchen nach Gründen, warum sich kaum jemand ins Traumland zwischen Literatur und Musik locken liess. Nicht einmal das feuchte Wetter, der Matsch auf den Strassen, das Schneegestöber hielten die Besucher zurück.

© Philipp Frei

Als ob es ein Zeichen gewesen wäre, ein Fingerzeig, den Plan, frische Formen der Literaturperformance zu finden, ja nicht aufzugeben.
Noëmi Lerchs Romanausschnitte aus «Grit» machen es dem Zuhörer zwar nicht leicht. Noëmi Lerch erzählt nicht einfach die Geschichte dreier Generationen auf einem Hof am Rande einer Ebene. Noëmi Lerchs Bilder sind Inneneinsichten und fokussierte Aussenansichten, manchmal rätselhafte Furchen ins Holz der Zeit. Aber zusammen mit der Musik von «Stories» (Christin Berger Gitarre und Dominic Doppler Drums) wuchs im intimen Kleintheater ein dichter Teppich aus Wort und Klang.

© Sandra Kottonau

Das Zusammenspiel von Literatur und Musik wird weitergehen. Im Herbst 2019 werden die Scheinwerfer im Theater 111 ihr Licht auf vier neue Abenteuer bündeln. Daten sind fix, Dichter und Dichterinnen gefragt, ein neuer Plan in Entwicklung, die Freude darauf gross. Abenteuer werden es sein, weil sich die Initianten dorthin wagen, wo auch für die Veranstalter das Abenteuer beginnt.

© Sandra Kottonau
«Durch den Schnee zum Theater 111 gekommen. Dank der Ruhe all der Anwesenden und des Ortes ganz in die Wärme des Lichtes auf der Bühne eintauchen können. Die Musik wie Wasser um mich. Meine Geschichte hat sich darin aufgelöst, wurde unsere Geschichte. Ich habe gestaunt, wie leicht es ging. 
Die Geschichte hat sich selber erzählt und wir haben zugehört.» Noëmi Lerch
Beitragsfotos © Sandra Kottonau und Philipp Frei

Daniel Sonder «Der Schönschreiber», ein Interview mit Urs Heinz Aerni

Wenn die ‚Diktatur der Körperlichkeit’ gebrochen wird
Der in Chur geborene Daniel Sonder legt mit „Der Schönschreiber“ seinen ersten Roman vor, der literarisch an das Eingemachte des Menschlichen geht.

Urs Heinz Aerni: 1952 wurden Sie in Chur geboren und nun erschien Ihr erster Roman. Wie muss man sich die Reifung dieses Buches vorstellen?

Daniel Sonder: Reifung ist in diesem Zusammenhang ein guter Begriff. Der Entstehungsprozess des Buches hat sich über Jahre, um nicht zu sagen Jahrzehnte hingezogen. Zunächst war’s einfach der Hang, Einfälle, Ideen, aber auch Erlebtes schriftlich festzuhalten. Vielleicht der Versuch, seinem Wesen nach Flüchtiges irgendwie zu bannen, oder banaler, auch nur die Eitelkeit, sich in wohlformulierten Texten eine Art Miniaturdenkmälchen zu setzen. So hat sich im Laufe der Zeit das eine oder andere angesammelt.

Aerni: … So wie auch die Korrespondenzen?

Sonder: Ja, später kamen dann noch Inspirationen durch Briefe, die im Zuge meiner Aktivitäten auf Partnerbörsen entstandenen sind, hinzu. Ernsthaft ein Romanprojekt ins Auge gefasst habe ich aber erst nach meiner vorzeitigen Pensionierung. Der „Schönschreiber“ ist dann innerhalb von etwa zwei Jahren entstanden, wobei sich Phasen konzentrierten Arbeitens ablösten mit solchen, in denen die Stimmung vorherrschte, dass aus dem Buch eh nichts würde. Zeiten während denen ich dann über Wochen auch nicht eine Zeile zu Papier brachte.

Aerni: Der Text ist dicht, die Gedanken sind verspielt. Wenn ich sage, dass man das Buch nicht einfach liest, sondern dass man sich am Buch lesend labt, was meinen Sie dazu?

Sonder: Da fühle ich mich zunächst etwas geschmeichelt. Denn, ein Buch, das einem erlaubt, sich daran zu laben, wie Sie es ausdrücken, dürfte über reine Unterhaltung hinaus wohl noch einiges mehr zu bieten haben. Hier zu widersprechen, sehe ich natürlich wenig Anlass.

Aerni: Nur zu!

Sonder: Eben, kein Widerspruch. Es bleibt allerdings die Frage, welchem Typ Leser sich dieser Mehrwert am ehesten erschliesst. Ich denke, es ist nicht schlecht, wenn etwa der Begriff Denklust nicht nur Befremden bei einem auslöst. Auch vorteilhaft dürfte sein, wenn einem gleichsam das Jonglieren mit Möglichkeiten näher ist, als das Bemühen, letztgültige Antworten zu fassen zu kriegen. Eine weitere hilfreiche Voraussetzung dürfte ein gewisses Mass an Robustheit sein gegenüber Schilderungen, die dem Pornographischen zuneigen.

Aerni: Sie geben mir das Stichwort; der Romanheld W. bezirzt Frauen durch seine Schreibe, das auch mal in den Chat-Sex rutscht. Welche Vorteile bringt die heutige Kommunikationstechnik dem Flirtwilligen aus Ihrer Sicht?

Sonder: In der leibhaftigen Begegnung ist allem was ich sage von Anbeginn ein enger Interpretationsrahmen vorgegeben, bedingt durch meine blosse physische Präsenz.
All meine Aussagen sind dann immer schon die von jemandem, der so und so aussieht, sich so und so bewegt, dessen Stimme einen bestimmten Klang hat etc. In gewissem Sinne bin ich dann gezwungen, der zu sein, welcher mir meine Körperlichkeit vorschreibt.
 Im rein textlichen Austausch wird das überwunden, findet eine befreiende Entkörperlichung statt. Ein gutes Stück weit selbst dann noch, wenn auch Fotos ausgetauscht werden. Die Verhältnisse werden damit im Vergleich zur Situation, wo am Anfang des Kennenlernens die leibhaftige Begegnung steht, gerade umgekehrt. Nicht die Körperlichkeit legt fest, wie das Gesagte interpretiert wird…

Aerni: Sondern?

Sonder: …sondern vielmehr entscheidet das zuvor Geschriebene zumindest in massgeblichen Teilen darüber, wie die physische Erscheinung und alles was damit einhergeht wahrgenommen wird.

Aerni: Also eine Art Umkehrschub von Körper zum Geist und dann wieder zurück?

Sonder: Ja, und damit wird die Diktatur der Körperlichkeit gebrochen und mein Denken wieder ermächtig, entscheidend mitzubestimmen darüber, wer ich für mein Gegenüber bin. Eine tolle Sache, wie ich finde, und nicht nur für Menschen, die als äusserlich wenig attraktiv gelten.

Aerni: Das Buch fabuliert zwischen Ironie, Philosophie und fast schon Juxerei mit erotischem Unterton. Sie entschieden sich für die Gattung Roman, war das immer schon von Anfang an klar?

Sonder: Schon in einer frühen Phase des gezielten Materialsammelns wurde deutlich, dass die inhaltlichen Ideen, die ich in dem Buch unterbringen wollte, sehr vielgestaltig sein würden. Gleichzeitig schwebte mir vor, mich unterschiedlicher Formen der Sprache zu bedienen. Vor diesem Hintergrund hielt ich es für notwendig, irgendwie etwas Durchgängiges, ein verbindendes, Zusammenhalt stiftendes Element einzuführen. Da lag dann der Gedanke an eine zentrale Figur, in deren einheitlichen Lebenswelt sich all das gebündelt findet, nahe. Damit war der Protagonist W. geboren und mit ihm der Entscheid für die Gattung Roman getroffen.

Aerni: Ein Protagonist, bei dem Sie dann quasi literarisch die Zügel schleifen lassen konnten?

Sonder: Sie sagen es. Dieser W. konnte sich nun in menschenleere philosophische Gefilde emporschwingen, sich in romantischem Verführungsgeflüster ergehen, in Debatten heftige Attacken reiten, seine sexuellen Phantasien ins Abseitige schweifen lassen oder auch alltägliche Beobachtungen anstellen und abenteuerliche Gedanken daran knüpfen. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Ironie aufscheinen lassen wo er grad lustig war und Zweifel einstreuen, wo Ideen ihm allzu sehr nach Wahrheit schielten. Und bei all dem war es immer die eine Person W., und damit seine Perspektive und seine Welt, die der ganzen Heterogenität Einheit und Verbundenheit brachten.

Aerni: Sie waren lange in der Softwareentwicklung tätig, was kühl und technisch vorzustellen ist, könnte sich durch die Jahre über eine Lust des Erzählens nah am Menschsein aufgestaut worden sein?

Sonder: Ihre Frage geht von der naheliegenden Annahme aus, dass die beiden
angesprochenen Tätigkeiten von irgendwie gegensätzlicher Natur sind.

Aerni: Ist dem nicht so?

Sonder: Seltsamerweise habe ich die Unterschiede gar nicht als so ausgeprägt erlebt, wie man das wohl allgemein erwarten würde. Das mag vielleicht damit zusammenhängen, dass es sich in beiden Fällen um ein kreatives Tun handelt, dessen Ergebnis die Form von, wenn auch sehr verschieden gearteten, Texten hat. Sowohl der Programmierer als auch der Schriftsteller sind ja abstrakt betrachtet mit nichts anderem zugange, als dem Erstellen von Zeichenketten. Eine weitere mögliche Parallele findet sich auch im Buch selbst angedeutet. Dort, wo der Protagonist der Frage nachgeht, ob seine Verführungsbriefe und ihre Wirkung bei den Adressatinnen nicht Ähnlichkeit haben könnten mit Trojanern, also Computerviren, die einmal eingeschleust ein Eigenleben führen und dabei gleichsam subversive Aktivitäten entfalten.

Aerni: Interessante Vergleiche…

Sonder: Was Sie in Ihrer Frage thematisieren, habe ich mir übrigens auch schon früher mal überlegt und bin dann zum zugegeben etwas hemdsärmeligen Vergleich gelangt, dass schreibendes Erzählen ungefähr so ist wie Programmieren angetrunkenem Zustand.

Aerni: Ein Pfau ziert das Buchcover, was so manches schlussfolgern lässt…

Sonder: Nun, der Pfau gilt ja weithin als Symbol der Eitelkeit und das wohl mit gutem Grunde. Haben Sie schon mal mitverfolgt, wie solch ein seltsames Wesen das Rad schlägt?

Aerni: Aber sicher, das geschieht mit zitterndem Brimborium…

Sonder: Das ist eine Performance von geradezu grotesker Selbstgefälligkeit. Der Narzisst im Reich der Tiere… Und W. der Held des Buches hat wohl auch eine narzisstische Seite, ob das auch auf den Autor des Werks zutrifft, bleibt der Spekulation der Leser überlassen. Und natürlich gibt der Pfau auch einfach ein schönes Bild ab und funktioniert dadurch bestens als Blickfang. Durch die Penetranz der Eitelkeit erfährt die Faszination aber auch eine Brechung, welche zusätzlich ein Element des Misstrauens ins Spiel bringt. Das alles passt eigentlich ganz gut zum Inhalt des Buches.

Aerni: Wenn ich ein Gemälde mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen malen würde, wie müsste es aussehen?

Sonder: Da gerate ich als erstes gerade ein wenig in Verlegenheit. Sie reden von einem Menschen und ich sollte jetzt wohl entscheiden, ob Frau oder Mann.

Aerni: Nicht nur…

Sonder: Nun, ich habe schon einige Male zu hören gekriegt, dass es sich beim „Schönschreiber“ vor allem um ein Männerbuch handle. Eine Einschätzung, die ich so nicht teilen mag. Um hier ein Gegengewicht zu setzen, soll der Mensch auf dem Bild deshalb eine Frau sein. Eine Frau reiferen Alters auf einer Terrasse an erhöhtem Ort sitzend, auf einem edel anmutenden, verschwenderischen Raum bietenden Lounge-Sessel. Es ist Sommer am späten Nachmittag, der Himmel wolkenlos. Die ärgste Hitze hat bereits ihren Rückzug angetreten, derweil ein leiser Windzug sich bemerkbar macht. Die Füsse der Frau sind nackt, ansonsten ist sie zwar sommerlich, aber in einem Masse stilvoll elegant gekleidet, wie es nicht so recht zur Situation passen will. Sie verströmt Kultiviertheit und Sinn für Ästhetik. Die Vorstellung, sie könnte adliger Abstammung sein, wäre nicht abwegig. Das Buch liegt aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben auf ihrem Schoss. Man erkennt, dass diesem Augenblick der Ruhe ein langes konzentriertes Lesen vorausgegangen ist. Den Kopf hat sie jetzt angehoben und den Blick geöffnet gegenüber der Weite, nicht suchend, einfach nur schauend. Sie scheint etwas zu erahnen, ohne es aber wissen zu wollen. Und ihre Augen, vielleicht sind sie umspielt von einem feinen kaum wahrnehmbaren Lächeln.

Daniel Sonder studierte Psychologie und Philosophie in Zürich, war anschließend viele Jahre in der Sofwareentwicklung tätig aber das Schreiben habe ihn „mehr oder weniger im Verborgenen schon lange beschäftigt“. Nun tritt der Vater von drei erwachsenen Töchtern mit Wohnsitz in Meilen am Zürichsee mit seinem Roman „Der Schönschreiber“ zum ersten Mal auf die Bühne des Literaturbetriebes.

Norbert Gstrein «Die kommenden Jahre», Hanser

Richard und Natascha sind ein Paar, Fanny ist ihr Kind. Richard ist Glaziologe, Gletscherforscher, Natascha Schriftstellerin. Es gab eine Zeit, da interessierten sich sich für die Welt des anderen. Das Interesse ist Sache geworden, Intimität entglitten, Missverständnis und Negativdeutung der Normalfall. Und als Natascha im Sommerhaus am See eine syrische Familie einquartiert, droht alle Selbstverständlichkeit zu kippen.

Norbert Gstrein scheut sich nicht, politische und gesellschaftliche Themen zu den seinen zu machen. Sein Roman ist vielschichtig. Es sind Szenen einer auseinanderbrechenden Ehe. Was tun, wenn das Schicksal geflüchteter Familien plötzlich zum eigenen Schicksal wird? Wenn die Bedrohungen von Fremdenfeindlichkeit, diffusen Ängsten und Hass bis in die eigene Familie wirken? «Die kommenden Jahre» ist ein Roman über einen Mann, der sich meine Sympathie durch Feigheit verspielt. Es ist gar nicht so einfach, den Protagonisten zu mögen, denn ich würde ihn gerne aus seiner Lethargie schupsen. Ein Krisenroman; über die Klimakrise in Ehe und auf den schwindenden Gletschern, in Krisen innen und aussen.

Richard ist oft weg von seiner Familie, auf Forschungsreisen und Kongressen. Und seit seine Frau in ihrem Wunsch, etwas Positives in einer immer akuter werdenden Gesellschaftskrise zu tun, einer syrischen Flüchtlingsfamilie das Sommerhaus als vorübergehenden Wohnsitz einrichtet, wird seine Abwesenheit immer mehr zur Flucht, zu einem Absprungbrett in seinem Kopf. Was wäre wenn?

Da ist sein kanadischer Freund Tim, der sich nicht binden lässt. Ein Mann, der an seine Grenzen geht und darüber hinaus. Etwas, was Richard nicht gelingen will, schon gar nicht in seiner Ehe, im Konflikt um das Sommerhaus am See. Da ist seine mexikanische Kollegin Idea, wie Tim ebenfalls Gletscherforscherin. Eine Frau, die ausspricht, was er kaum zu denken wagt, eine Frau, die seine Feigheit spürt und sie mehr als deutlich spiegelt. Eine Frau, zu der sich Richard hingezogen fühlt, genauso wie zu Nataschas Zwillingsschwester, die vor Jahren bei einem tragischen Unfall starb. Ein Unfall, bei dem Richard Schuld mit sich herumträgt.

Da ist diese Familie aus Damaskus, zu der Natascha Nähe sucht, zur Beschützerin wird, mit der ihr Schreiben verwickelt wird, an der sich die Ehe zerreibt. Das Haus am See, einst Ferienasyl der Familie, nun Asyl einer vom Krieg vertriebenen Familie. Brennpunkt von Auseinandersetzungen, Schauplatz in Zeitschriften und Zeitungen, bis Gefühle überkochen und ein Schuss fällt.

Ein Roman über Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Bin ich das, was ich will? Ist das, was ist, die Wahrheit? Wie viel spiele ich mir selbst vor? Habe ich Angst vor Entscheidungen? Lebe ich das Leben, das mir zusteht, von dem ich will, das es meines ist?

Auch wenn es vordergründig um eine Flüchtlingsfamilie geht, darum, was aus Hilfe werden kann, wie gute Absichten schlechte Auswirkungen nach sich ziehen können – auch wenn es die Geschichte eines Unentschlossenen, eines Feiglings ist, ist «Die kommenden Jahre» in erster Linie ein hervorragender Eheroman. Die Geschichte von Verfahrenheit und Ausweglosigkeit. Norbert Gstrein malt nicht aus, bringt Unordnung in das eigene Denken, stösst mich als Leser wie das Leben selbst in Situationen, aus denen es eigentlich keine Rettung gibt.

© Gustav Eckart

Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, lebt in Hamburg. Er erhielt unter anderem den Alfred-Döblin-Preis und den Uwe-Johnson-Preis. Bei Hanser erschienen «Die Winter im Süden» (Roman, 2008), «Die englischen Jahre» (Roman, Neuausgabe 2008), «Das Handwerk des Tötens» (Roman, Neuausgabe 2010), «Die ganze Wahrheit» (Roman, 2010), «In der Luft» (Erzählungen, Neuausgabe 2011), «Eine Ahnung vom Anfang» (Roman, 2013) und «In der freien Welt» (Roman, 2016).

Linn Ullmann an der BuchBasel

Linn Ullmann letztes deutsch erschienenes Buch «Die Unruhigen» erzählt von ihren drei grossen Lieben. Jener zu «Hammars», dem Ort am Meer, an dem ihr Vater ein Haus gebaut hatte. Der Liebe zu ihrem Vater, dem Filmemacher Ingmar Bergmann und jene zu ihrer Mutter, der Schauspielerin Liv Ullmann. Drei Lieben, bei denen es kaum gemeinsame Liebe gab, kein Familienidyll, kein Bild von Vater, Mutter und Tochter.

Ob nacherzählt oder Fiktion, ob erinnert oder gewoben, spielt keine Rolle. «Die Unruhigen» ist ein ganz eigener Familienroman, ein behutsame Annäherungen an Menschen, die unglaublich viel Raum für sich beanspruchen. Ein Familienbuch. Das Buch einer Annäherung. Ein Buch der Tochter über ihre Liebe zu ihrem Vater, der Liebe zu ihrer Mutter, auch wenn die Liebe der beiden Eltern untereinander irgendwann abhanden kam.

«Ich bin ein vierundsiebzig Jahre alter Mann, und erst jetzt beschliesst Gott, mich aus dem Kinderzimmer zu werfen.»

Linn Ullmann nennt weder ihren Vater Ingmar Bergmann (Drehbuchautor, Film- und Theaterregisseur, 1918 – 2007) noch ihre Mutter Liv Ullmann (geb. 1938, Schauspielerin und Regisseurin) mit Namen. Nicht bloss aus Respekt, sondern weil ihr Erzählen fiktionalisiert ist. Es geht nicht darum, den voyeuristischen Blick jener zu stillen, die nach Enthüllungen gieren. Auch wenn «Die Unruhigen» kein Buch über eine «normale» Familie ist, denn der Vater ist berühmt, umgeben von Frauen, die Mutter ebenfalls berühmt und viel unterwegs, in der Kindheit des Mädchens lange nicht anwesend und die Tochter einmal da, einmal hier, umgeben von Kindermädchen, die in ihrer Not mit dem Kind die Flinte ins Korn werfen.

Am Ursprung des Buches lag ein gescheitertes Buchprojekt. Ein Buch, dass Linn Ullmann zusammen mit ihrem alt und krank gewordenen Vater schreiben wollte, ein Buch über Erinnerungen, Träume, Ängste und Bilder. Ein Buch, an dessen Beginn ein kleines Aufnahmegerät stand, dass die Fragen und Antworten zuverlässig hätte aufzeichnen sollen, Fragen, die angesichts der fortschreitenden Krankheit zu spät gestellt wurden und im Vergessen des Vaters verloren gingen. Aufnahmen, die in Nebengeräuschen zu verschwinden drohten, so unbrauchbar schienen, dass sie auf einem Dachboden vergessen gingen, bis der Zufall sie wieder in die Hände der Tochter zurückbrachte. So wie das verschwommene Foto auf dem Cover des Romans. Ein Bild, das die Autorin lange mit sich auf ihrem Mobilphone herumtrug.

«Er sagte, dass Dinge fort waren. Er sagte, dass die Worte verschwanden. Wäre er jünger gewesen, hätte er ein Buch darüber geschrieben, alt zu werden. Doch jetzt, da er alt war, schaffte er das nicht.»

So sassen Tochter und Vater in den letzten Monaten eines langen Lebens im selbst gebauten Haus auf der Ostseeinsel Fårö zusammen, um festzustellen, dass Erinnerung vergessen geht. Die Erzählerin will all die Bilder ihres Lebens nicht verblassen lassen, nicht noch unschärfer werden lassen.

«Die Unruhigen» ist komponiert, unterteilt in sechs Kapitel, wie die sechs Violoncellosuiten von Johann Sebastian Bach. So wie jede Suite ihren Ton, ihr Temperament hat, zeigt sich dies auch in den sechs Kapiteln des Romans, deren Tonarten nicht dem Zufall überlassen sind, die beweisen, wie behutsam und mit wie viel formalem Bewusstsein sich die Autorin ihrem Vater und ihrer Mutter annähern will.

«Um über wirkliche Personen zu schreiben wie Eltern, Kinder, Geliebte, Freunde, Feinde, Onkel, Brüder oder zufällige Passanten, ist es notwendig, sie zu fiktionalisieren. Ich glaube, dies ist der einzige Weg, ihnen Leben einzuhauchen. ‚Sich erinnern‘ heisst, sich umzuschauen, immer wieder, jedes Mal von Neuem erstaunt.»

© Agnete Brun

Linn Ullmann ist eine der bedeutendsten Autorinnen Skandinaviens. Ihre Romane sind vielfach preisgekrönt und in 30 Sprachen übersetzt. 2017 erhielt sie von der Schwedischen Akademie den Doubloug-Preis für ihr Gesamtwerk. Bei Luchterhand erschien zuletzt „Das Verschwiegene“ – unter dem Titel „The Cold Song“ u.a. auf der Jahresbestenliste der New York Times und eines der Lieblingsbücher von James Wood (New Yorker). Für „Die Unruhigen“ erhielt sie den Hörerpreis des Norwegischen Rundfunks, der Roman war für den Kritikerpreis und den Nordischen Literaturpreis nominiert. Eine Bühnenfassung wird im Herbst 2018 am Königlichen Dramatischen Theater Stockholm unter der Regie von Pernilla August ihre Uraufführung haben.

Paul Berf, geboren 1963 in Frechen bei Köln, lebt nach seinem Skandinavistikstudium als freier Übersetzer in Köln. Er übertrug u. a. Henning Mankell, Kjell Westö, Aris Fioretos und Selma Lagerlöf ins Deutsche. 2005 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Schwedischen Akademie ausgezeichnet.

Beitragsbild © Ben Koechlin