Leon Engler „Botanik des Wahnsinns“, DuMont

Vor lauter Angst verrückt zu werden, greift ein junger Mann zum Skalpell und legt die Wurzeln des Wahnsinns frei. Autor und Psychologe Leon Engler wirft einen differenzierten und doch nicht klinisch nüchternen Blick auf die Psychiatrie und den Umgang mit Erkrankten.

Aber wie weit fällt der Apfel nun?
Gastrezension: Luisa Taut ist 24 Jahre alt und hat Übersetzen und Dolmetschen an der Uni Leipzig studiert. Jetzt ist sie mitten im Master in vergleichenden Literaturwissenschaften an der Uni Basel. 

Statistisch gesehen sieht es für den Protagonisten von Leon Englers Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ schlecht aus: Als Sohn einer alkoholkranken Mutter und eines chronisch depressiven Vaters scheint das Verrücktwerden imminent. Auch ein Blick den Stammbaum entlang zu seinen Großeltern lässt den Rest an Hoffnung auf ein unbeschwertes Leben eher schwinden. Er sieht der Zeit beim Verstreichen zu, sieht, wie aus seiner Mutter langsam die ihre wird. So ist vielleicht kaum überraschend, dass er schließlich tatsächlich in der Psychiatrie landet. Doch anstatt auf der Seite der Behandelten zu sitzen, sitzt er auf dem Bürostuhl. Ich bin übergelaufen, stellt er fest.

Nach einer turbulenten Kindheit voller Umzüge von der Stadt aufs Land und wieder in die Stadt und der Flucht vor den Eltern in die großen Weltstädte lernt der frischgebackene Psychologe in der Klinik Steinhof das, was ihn ein Studium voller Statistik nicht lehren konnte. Er kennt die Symptome einer Depression, schließlich hat er Jahre damit zugebracht sie durchzupauken. Er kennt die Tests und Tabellen, und doch vergisst er alles, wenn sein depressiver Vater vor ihm steht. 

Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-7558-0053-8

Immer im Wechsel, oft auch innerhalb der Kapitel, werden die Leser*innen zu Reisenden auf verschiedenen Gedankenströmen. Mal setzt uns der Autor in der Vergangenheit des Erzählers ab, mal in der seines Vaters oder seiner Mutter und lässt uns an ihren so frustrierenden wie zarten Beziehungen zueinander teilhaben. «Wie geht es dir?», fragte ich. «Der Katze geht es gut», sagte er. Doch das hier ist kein reiner Familienroman.

Dass Leon Engler kein totaler Newcomer ist, spürt man. Elegant wirft der Hörbuch- und Theaterautor Gedanken zur Psychologie in den Raum, die in einem Zeitalter der mental-health-awareness unumgänglich sind: Gibt es überhaupt die Verrückten? Und wenn ja, sind das dann einfach die Pechvögel, die vom Ahnenfluch heimgesucht werden? Hätte es für sie gar nicht anders kommen können?
Das Aufkommen psychischer Krankheiten ist statistisch erfassbar und deren Vererbung mit Wahrscheinlichkeiten zu beziffern. Doch aus den Lebensgeschichten im Roman geht klar hervor, dass der vermeintliche Wahnsinn durchaus auch eine soziale Komponente hat.
Technologischer Fortschritt, kompetitiver Arbeitsmarkt, explodierende Mietpreise und eine gute Portion Zufall können sowohl Zutaten zum Erfolgsrezept sein, als auch auf geradem Weg zum existentiellen Ruin führen. Ist es da verwunderlich, depressiv zu werden? Eigenartiger wäre es doch, wenn er gut drauf wäre, sagt Engler in einem SRF-Interview über den Vater im Roman.

„Botanik des Wahnsinns“ besticht mit einem feinfühligen und nachdenklichen Protagonisten und Erzähler, der sehr genau und geduldig beobachtet und kein vorschnelles Urteil fällt. Die Erzählweise hat etwas Assoziatives an sich. Gedanken springen von Vergangenheit in die Gegenwart und von einem Aspekt zum nächsten. Geschmackssache sind wohl die eingebauten Zitate Nietzsches, Descartes’ und weiterer kluger Köpfe, die dem Notizenfundus des Erzählers entstammen sollen und vermutlich seinem Framing als gebildetem Das-große-Ganze-Seher dienen.

Was hängen bleibt, sind die Auseinandersetzung mit dem als krank Erkannten und dem vermeintlich Normalen. Zuhören ist wichtiger als Diagnostizieren und ein Mensch ist immer mehr als seine Krankheit (und erst recht mehr als die Krankheiten seiner Familie). Leon Engler zeigt in diesem Roman die Grenzen des Quantifizierbaren auf, und überhaupt die Grenzen dessen, was wir „normal“ nennen. Es ist ein leiser Aufruf, liebevoll in sich und um sich herum zu blicken und zu erkennen, wer und vor allem was uns eigentlich so verrückt macht. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. «Botanik des Wahnsinns» ist sein Debütroman, mit dem er auf der Shortlist für den aspekte-Literaturpreis stand.

Beitragsbild © Niklas Berg

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Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont

Manchmal erbt man „Dinge“, die man nicht verweigern kann. Von Generation zu Generation. Und wenn es nur die Angst davor ist, Opfer zu werden von etwas, was sich in der Abfolge der Generationen wie eine genetische Unverückbarkeit festgesetzt hat. Leon Engler erzählt in seinem Romandebüt von einen jungen Mann und seiner Angst, verrückt werden zu müssen.

Als seine Mutter stirbt, bleiben sieben Kartons in einem Lagerabteil in Wien. Die falschen Kartons, denn alles, womit man die Schulden seiner Mutter noch hätte begleichen können, wanderte in die Müllverbrennung. Übrig blieben sieben Kartons mit Dingen, die seine Mutter aussortiert hatte; alte Rechnungen, Steuererklärungen, ungeöffnete Briefe, Müll. Als er seine Mutter zum letzten Mal in der Wohnung besuchte, bevor sie nach der Zwangsräumung in die Klinik kam, war die Mutter nicht nur aus ihrer Wohnung, sondern auch aus ihrem Leben ausgezogen. Einem Leben, das nie zur Ruhe gekommen war, einem Leben mit wenigen Höhen und einer langen Kette von Tiefen. Schon die Mutter seiner Mutter war wie Wasser, ständig in Bewegung, ständig den Zustand wechselnd. Bipolar, zwölf Suizidversuche. Der Vater depressiv und dem Alkohol verfallen, schon lange von seiner Frau getrennt, war schon lange nicht mehr der Fels, der er hätte sein wollen und müssen.

Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit.

Dass er als Junge in ein Internat kam, war eine Befreiung. Und das Studium in den Staaten ein einzig grosser Versuch, um sich aus den festgeschriebenen Mechanismen einer zum Wahnsinn verurteilten Familie zu befreien. Er studiert Psychologie. Nicht zuletzt darum, um eben jene Mechanismen zu verstehen, seine Angst vor dem Wahnsinn zu zähmen. Bis er als Arzt zurückkehrt, in der Psychiatrie arbeitet, dort, wie man alle nach Diagnosen sortiert, um sich selber von seiner Angst zu heilen. Ich leide unter Agateophobie, der Angst, verrückt zu werden.
Was bei der Mutter zu einer Selbstverständlichkeit wurde, war es schon bei der Grossmutter. Sie schluckte Pillen mit sedierender, hypnotischer und narkotischer Wirkung wie Bonbons. Zwölf Mal verkündete sie ihren Glauben, dass es sich nicht lohne zu leben. Immer wieder verschwand die Grossmutter in der Psychiatrie. Ein Muster, dass sich in seiner Mutter fortsetzte.

Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont, 2025, 208 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-7558-0053-8

Er studierte, schloss das Studium ab, von dem er überzeugt war, dass es ihn zu nichts qualifizierte. Er beginnt eine Stelle in der Psychatrie, wird mehr hineingestossen, als dass er die Aufgaben in Angriff genommen hätte – und er liest. Er liest viel. Weil das Lesen das einzige ist, das ihn vor dem Verrücktwerden zu schützen scheint. Lesen, um nicht nachzudenken. Er schickt sich in den riesigen Apparat einer Klinik, von Abteilung zu Abteilung „weiterbefördert“, immer unsicher darüber, auf welcher Seite er wirklich steht. Wir versuchen hier, schreckliches Elend in ganz normales Unglück zu verwandeln.

Entweder passen wir den Patienten der Therapie an. Oder wir passen unsere Theorie an den Patienten an.

Was ist normal? Wer ist normal? Warum gibt es so vieles, dass nie dieser Norm entspricht? Warum fallen jene, die dieser Norm nicht entsprechen durch alle Netze, die sich eine Gesellschaft zum täglichen Überleben eingerichtet hat? Warum hat unsere Gesellschaft keinen Platz für jene Menschen, die diesen Normen nicht entsprechen? „Botanik des Wahnsinns“ hat nichts, gar nichts von einer Abrechnung. Es ist auch kein Hadern mit der Geschichte, der Herkunft, der Familie. Der Roman ist in aller Offenbarung und Ehrlichkeit eine Liebeserklärung, ein liebvoller Erklärungs- und Ordnungsversuch. Da erzählt jemand, der sich beinahe schämt, übergelaufen zu sein. Der Roman ist aber auch eine stille und gleichermassen subtile Kritik am Umgang mit den „Verrückten“ in den dazu eingerichteten Institutionen, ohne damit pampig oder besserwisserisch zu klingen. Neben der Liebeserklärung an seine Familie, den Bildern, die mit so viel Respekt geschrieben sind, ist es auch eine Liebeserklärung an all die Gestrandeten, die Gesellschaft die «Kranken» nennt.

Das schreibt einer, der die Menschen ernst nimmt, erst recht jene, die durch die Maschen fallen. Ein Buch, in dem ich Sätze lese, die hängen bleiben, die sich tief eingraben. Ein Buch, das zu verstehen hilft!

Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. «Botanik des Wahnsinns» ist sein Debütroman.

Beitragsbild © Niklas Berg