Zsuzsanna Gahse schreibt längst nicht mehr, um sich zu beweisen. „Spielbeginn“, ihr neustes Buch, gibt sich wie ein Theater, gibt wieder, was Menschen sprechen, was die vielen Stimmen, die die Autorin mit sich trägt zum dem einen Instrument zu sagen haben, das die meisten von uns gedankenlos mit sich herumtragen; die Stimme, die Sprache.
Zsuzsanna Gahse, eine der eigenwilligsten Stimmen der Literatur im deutschsprachigen Raum, hat mit ihrem neusten Werk „Spielbeginn» schon über 30 Bücher verfasst, das erste vor über 40 Jahren. Keine Bücher, die sich um ein möglichst breites Publikum bemühen, die möglichst oft verkauft werden sollen.
„Spielbeginn“ ist Spracherkundung, Spracherfahrung und Sprachlandschaftsbegehung. Ein vielstimmiges „Theaterstück“, in dem sich die Stimmen treiben lassen, die sich in Stimmung bringen, die sich ins Wort fahren, sich gegenseitig herausfordern. „Spielbeginn“ ist Bühne für die Sprache, jenes Instrument, das uns in den Mund gelegt ist, das einen ganzen Körper zum Schwingen bringt und seine Umgebung in Verrutschungen treiben kann, manchmal in neue Sphären, manchmal auf Neuland, aufs Glatteis, ins Offsite, in Rage, in Verzückung, ins Schwärmen, in Zorn… Zsuzsanna Gahse will keine Geschichte erzählen, auch wenn ihr Buch voller kleiner Binnengeschichten (Die Autorin nennt sie Erzählinseln.) ist. Sie gibt ihre Stimme ihre Sprache, forscht ihr entgegen, erzählt, was die Simmen auf der Bühne ihrer Vorstellung in Worte zu fassen versuchen.

Eine Bühne mit Personal. Die einen tragen Namen, die andern nur Nummern. Die einen haben ein Gesicht, die andern tragen die Farbe Grün, wirken gesichtslos, sind Stimme und Sprache allein. Es ist die Hauptprobe zu einem Stück. Noch setzt man sich mit dem auseinander, was im Stück gesagt, gesprochen werden soll. Wie ein Orchester bei der Hauptprobe. Die Noten, die Partitur sind da, aber die SpielerInnen an den Instrumenten scheinen in einem demokratischen Diskurs darüber, wie das Stück gespielt werden muss, in welcher Stimm- oder Stimmungslage. Die Protagonisten mit Namen sind Solisten, das durchnummerierte Personal das Orchester. Dirigentin ist Zsuzsanna Gahse selbst mit dem Text, der Partitur ist.
„Spielbeginn“ ist nur Partitur und verlangt deshalb von mir als Leser einiges ab. Nur wer bereit ist, den eigenen Körper, die Vorstellung während des Lesens zu einem Instrument zu machen, vielleicht sogar den Mut aufbringt, laut zu lesen, wer sich wegbewegen kann von der Vorstellung, dass Sprache bloss Träger von Informationen, einer Geschichte ist, erahnt, worum es der Dichterin in ihrem Buch geht. Ein Buch, das sich den meisten Erzähltraditionen entzieht, sich aktiv sperrt.
Im zweiten Teil des Buches wird aus dem Theaterstück Prosa. Zwei Männer notieren, was ihnen unterwegs im Bodenseeraum begegnet. Sie kommunizieren noch immer miteinander, schreiben auf, denken nach. „Spielbeginn“ nimmt kontemplative Züge an und doch geht es nicht um die Geschichten zweier Männer, sondern was Sprache und das Sprechen mit ihnen macht.
Gahse beschreibt als Erzählstimme das Archaische, die Szenerie, die Bühne, die Landschaft, aber auch die Geräusche, die Töne, das Sprechen selbst mit all dem, was an Nebengeräuschen hörbar wird. Ganz nebenbei fallen Sätze wie Meisselschläge, markant und kantig. Betrachtungen bis hinein in den Laut selbst, hinein in den Muskel einer Zunge, des Mundes, des Gaumens, der Lippen.
„Spielbeginn“ ist ein mutiges Buch. Zsuzsanna Gahse vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser ihr Spiel mitmachen, dass sie sich einlassen. Wer dies tut, bewegt sich auf ungewohnten Pfaden – ein Abenteuer. Aber wer genau das will, wer mit auf die Bühne, hinaus in die Landschaft der Sprache, hinein in das grosse Orchester der Sprache will, sind genau jene, mit denen sich die Autorin in ihrem Spiel einlassen will. Eine Liebeserklärung an die Sprache, in Zeiten des Sprachverlusts.

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Italo-Svevo-Preis (2017), Werner-Bergengruen-Preis (2017), Schweizer Grand Prix Literatur (2019).
Beitragsbild © Ch. Rütimann



Als ich vor vielen Jahren die Schriftstellerin und Dichterin zum ersten Mal traf und mit meinen Büchern nach der Lesung bei ihr zum Signieren hinstand, bestätigte sich, was zuerst bei der stillen Lektüre und dann in der ersten Begegnung mit der Künstlerin sicht- und spürbar wurde; jene Liebenswürdigkeit, jene Sorgfalt, jene Empathie, die die Künstlerin ihrem Gegenüber zeigt, sei das nun in ihren Büchern, oder in den Begegnungen über die Bücher hinaus.






Alice Grünfelder, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und China. Sie war Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie unter anderem die Türkische Bibliothek betreute. Seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Alice Grünfelder ist Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen und veröffentlichte unter anderem Essays und Romane. Sie lebt und arbeitet in Zürich. Im Gepäck ihr 2023 erschienener Roman „Ein Jahrhundertsommer“.
Christian Berger (Gitarren, Loop, Electronics, Büchel, Sansula, Framedrum) und Dominic Doppler (Schlagzeug, Schlitztrommel, Perkussion, Sansula), zu zweit «Stories», Musiker aus der Ostschweiz, besitzen die besonderen Fähigkeiten, sich improvisatorisch auf literarische Texte einzulassen. Schon in mehreren gemeinsamen Projekten, zum Beispiel mit jungen CH-Schriftstellerinnen und ihren Romanen oder internationalen LyrikerInnen mit lyrischen Texten, bewiesen die beiden auf eindrückliche Weise, wie gut sie mit ihrer Musik Texte zu Klanglandschaften weiterspinnen können.
«Kaum zu fassen, wie unterschiedlich Berge betrachtet werden. Investitionsmöglichkeiten, Urlaubsregionen, Jagdgebiete, Regionen für Klettertouren zum Himmel hinauf …», notiert die Ich-Erzählerin von Bergisch in eine ihrer Mappen. Unterwegs in nicht nur freundlichen Alpengegenden sammelt sie in unterschiedlichen Hotels und Berghütten Porträts von Besuchern und den heimischen Gastgebern. Öfters ist sie auch mit Freunden unterwegs, die ihr Interesse für Speisen, Sprachen und deren topografische Zusammenhänge teilen. Sie sammeln Farben, suchen sogar nach Farblosigkeiten, und zu sechst entwickeln sie die Idee eines begehbaren Tagebuchs, um ihre Beobachtungen aufschlussreich archivieren und präsentieren zu können.



Die Kulturstiftung Thurgau gewährte der Dichterin, Hörspielautorin, Dramatikerin aus Wien ein zweimonatiges Stipendium im Bodmanhaus in Gottlieben. Zeit, um neue Ideen wachsen zu lassen, zu schreiben und mit Sicherheit auch das eigene Tun aus anderer Perspektive zu sehen. Für meine Moderation ihrer Lesung im Literaturhaus am Seerhein traf ich die Autorin schon ein paar Wochen zuvor in einem Café am Wasser. Zugegeben, ich war aufgeregt, denn eine Lyrik-Moderation schien mir wesentlich anspruchsvoller als eine, bei der man über einen Roman, eine Geschichte, einen Plot sprechen kann. Aber Margret Kreidl nahm vom ersten Augenblick alles Verkrampfte, alles rein Intellektuelle, zeigte, wie sehr ihre Lyrik nicht nur mit ihrem Blick auf die Unmittelbarkeit verknüpft ist, sondern wie sehr sie Biographisches mit den verschiedensten Stimmen aus der Welt verbindet. Margret Kreidl ist eine Verküpferin, eine sprachliche Verkupplerin.
Gahse, mit der Margret Kreidl freundschaftlich verbunden ist.
Margret Kreidl, geboren 1964 in Salzburg, von 1983 bis 1996 in Graz, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Prosa und Lyrik: Sprachspiele, Lautpoesie, Genretravestien, Materialtexte. Textinstallationen im öffentlichen Raum. Veröffentlichungen seit 1986. Hörspiele, Theaterstücke, Minidramen. Zuletzt erschienen 2017 bei Edition Korrespondenzen der Band «Zitat, Zikade – Zu den Sätzen» und 2018 in der Reihe Neue Lyrik aus Österreich «Hier schläft das Tier mit Zöpfen. Gedichte mit Fussnoten».
Seit nunmehr 14 Jahren schreibt der Berner Schriftsteller und Dichter täglich weiter an einem endlosen Poem mit dem Übertitel «Nicht bei Trost». Zumindest bezieht sich der Titel nicht auf sein Unterfangen, viel mehr auf die Art wie er schreibt, wie sich Franz Dodel von seinen Gedanken treiben, wegtreiben, davondriften lässt.
Franz Dodel, geboren 1949 in Bern, studierte Theologie und schloss ab mit einer Dissertation über die Spiritualität der Wüstenväter. Er arbeitet als freier Autor und als Fachreferent für Theologie und Religionswissenschaften. Die bei der Edition Korrespondenzen erschienen Bände wurden 2004 im Wettbewerb «Die schönsten Bücher der Schweiz» und 2008 als «Eines der schönsten Bücher Österreichs» ausgezeichnet. 2003 erhielt Franz Dodel den Heinz-Weder-Preis für Lyrik.