Toni Morrisons grosses Thema ihres Schreibens ist der Rassenkonflikt. Dass sich dieser nicht nur zwischen «Farbigen» und «Weissen» abspielt, beschreibt die Nobelpreisträgerin schon in der ersten Szene ihres neuen, starken Romans. Ein Roman, bei dem sie einen ihrer Protagonisten sagen lässt: «Es ist nur eine Farbe. Ein genetisches Merkmal – kein Makel, kein Fluch, kein Segen und auch keine Sünde.»
Lula Ann ist bei ihrer Geburt tiefschwarz. So schwarz, dass sich die ebenfalls dunkelhäutige Mutter zutiefst erschrocken und verängstigt von ihrem Baby auf Distanz hält und sich der Vater, überzeugt von der Untreue seiner Frau, ganz abwendet und für immer abtaucht. In der Folge heisst die Mutter die kleine Lula Ann, sie Sweetness zu nennen. Lieber als Kindermädchen registriert als als Mutter. Sweetness bekam mit Lila Ann keine Tochter, sondern ein Problem. Und Lula Ann wird darauf so sehr auf Anpassung und Unterwürfigkeit getrimmt, dass sich das Mädchen nicht nur von der Mutter trennt, sondern irgendwann auch von ihrem Namen. Als tiefschwarze Frau, stets in Weiss gekleidet, beginnt Lula Ann, die nun Bride heisst, eine erfolgreiche Karriere in der Kosmetikbranche. Ausgerechnet dort, wo man sich stets mit «Oberfläche» abgibt. Ein Leben gänzlich abgenabelt von der Familie, nicht aber von ihrer Vergangenheit. Als kleines Mädchen drängte man sie bei einer Strafsache wegen Misshandlung Minderjähriger zu einer Aussage gegen eine Lehrerin ihrer Schule. Darauf wurde Sofia Huxley aufgrund der Aussage der kleinen Lula Ann zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Aus Sofia Huxley wurde für 15 Jahre Sträfling 0071 140; ein gebrochenes Leben, eine Frau unauslöschlich gedemütigt. Lula Ann, jetzt Bride, kämpft mit einer Lüge, schwimmt in ihrer erfolgreichen Karriere, oben auf auf Oberflächlichkeiten, die aber selbst mit Kosmetik nicht zuzudecken sind.
Lügen, damit sie die Mutter einmal an der Hand nimmt, einmal stolz ist.
Das spürt auch Brooker, ihr Freund, der sie irgendwann im Bett zurücklässt mit dem Satz: «Du bist nicht die Frau.» Brooker kommt wider Erwarten nicht zurück, lässt kaum Spuren zurück, schon gar nicht, was sie aus seiner
Welt hätte erzählen, erinnern können. Nur eine Rechnung mit Mahnung wegen einer unbezahlten Reparatur einer Trompete bleibt. Bride, die nicht einmal wusste, dass Brooker Trompete spielt, macht sich mit der Rechnung auf die Suche nach Brooker, dem Einzigen in ihrem unruhigen Leben, der ihr zuhörte. Ihren Ex Brooker, den sie wie alles in ihrem Leben instrumentalisierte, zu einem Gegenstand der Unterhaltung machte, bei dem sie stets das Zentrum blieb, der Stern, um den sich alles drehte. Irgendwie hält Bride ihr Leben stets unter Kontrolle, bis sie mit ihrem Jaguar irgendwo im amerikanischen Nirgendwo gegen einen Baum kracht und nichts mehr so ist, wie es einmal war.
Toni Morrison erzählt aber weit mehr als die Geschichte einer gestrauchelten schwarzen Geschäftsfrau. Da ist Brooker, der Freund, der den gewaltsamen Tod seines grossen Bruders nie verkraftet. Sofia Huxley, die aus dem Knast entlassen wird und erst mit Faustschlägen in Brides Gesicht und den Tränen danach Befreiung erfährt. Rain, das Mädchen, das bei Fremden aufwächst, dem selben Ehepaar, das sich Bride nach dem Unfall annimmt. Ein Mädchen, das von ihrer Mutter mit sechs Jahren mit den Worten «Scher dich zum Teufel» rausgeschmissen wird. Oder Queen, Brookers Tante, die von allen verlassen in ihrem Wohnwagen die handschriftlichen Fragmente Brookers aufbewahrt, alle auf dünnes Papier, fast ohne Punkt und Komma. Texte über Bride.
«Was man Kindern antut, zählt. Und sie vergessen es womöglich nie.»
Toni Morrison schreibt über Lügen, Lebenslügen, das Schweigen darüber, über das Verborgene, nie Ausgesprochene, was Wahrheit ist. Sie schildert, welche Verwirrungen nie verarbeitete Verletzungen anrichten, weit über ihr Thema Rassenkonflikt hinaus. Was den Roman ganz besonders macht, ist die Nähe von Zartheit und Brutalität, ein Hinundher, das einem bei der Lektüre schwindlig macht.
Toni Morrison wurde am 18.2.1931 in Lorain, Ohio, USA, als zweites von vier Kindern eines schwarzen Arbeiterehepaares geboren. Erste Erfahrungen mit dem Südstaaten-Rassismus während einer Tournee als Mitglied der Universitätstheatergruppe. 1970 Debüt als Romanautorin. Zu ihren bedeutendsten Werken zählen u. a «Sehr blaue Augen», «Solomons Lied» «Menschenkind», «Jazz», «Paradies» und die Essaysammlung «Im Dunkeln spielen» über die Antinomien von weißer und schwarzer Kultur. Sie zählt seit langem zur Garde der bedeutendsten Autoren Amerikas. 1993 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.Übersetzt wurde «Gott, hilf dem Kind» von Thomas Piltz, freier Fotograf und Übersetzer.
Titelfoto: Sandra Kottonau

Mit einem Mal tritt Philipp in ein Gefüge aus Mensch und Material. Auf dem Recyclinghof arbeiten auch noch Arturo und João, zwei Portugiesen, der eine störrisch faul, der andere umtriebig und geschäftstüchtig. Philipp hat seinen Platz gefunden. Wieder könnte alles so bleiben.

Genauso wie ihren Vater Milan, der auch mit seiner neuen Familie nichts auf die Reihe bringt. Schon gar nicht, dass er sich endlich von seiner schnödenden Mutter abnabelt, die ihm immer noch jeden Monat einen weissen Umschlag mit Geld übergibt, obwohl sie kaum etwas an Milans neuer Familie goutieren kann. Milan weiss; Arbeit ist Scheisse, arbeiten tun die anderen. Milans Neue heisst Nati, eine Krankenschwester, Milans Retterin, «ihr eigener Diktator». Und Maja, die ältere von Natis Töchtern, Vevs neue Halbschwester, eine, die allzu gerne in Vevs angerissenem Leben bohrt.
Ein Mann, der sich abkoppelt, nun auf der Suche nach Herkunft, weil die Gegenwart zu kollabieren drohte, auf den Spuren seiner Herkunft, die letztlich auch nicht durch Stammbäume und Gentechnik zu klären sind. Und nicht zuletzt eine Flucht mit Fluchthelfern, Tabletten gegen Herzrhythmusstörungen, Hilfe für einen aus dem Tritt geworfenen, der als Preis dafür mit langen, heftigen und fremden Träumen zu kämpfen hat. Vater und Sohn weit voneinander entfernt, verbrüht durch Verletzungen, falsch verstanden und im entscheidenden Moment alleine gelassen. Für mich als Leser vielleicht eine der stärksten Szenen im Roman: Der Vater früher zurück aus den Staaten an der Preisverleihung zu Ehren seines Sohnes schlussendlich sitzen gelassen, weil die Festgesellschaft ohne ihn weitergezogen war.
Linus Reichlin, geboren 1957, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für seinen in mehrere Sprachen übersetzten Debütroman »Die Sehnsucht der Atome« erhielt er den Deutschen Krimi-Preis 2009. Sein Roman »Der Assistent der Sterne« wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2010/Kategorie Unterhaltung gewählt. Über seinen Eifersuchtsroman »Er« schrieb der Stern »Spannend bis zur letzten Minute«. 2014 erschien »Das Leuchten in der Ferne«, ein Roman über einen Kriegsreporter in Afghanistan – »das ist große Literatur, und dann auch noch spannend erzählt« (FAZ).
Tom Zürcher (1966) ist Zürcher, freier Texter und Schriftsteller. Vor bald 20 Jahren erschien bei Eichborn sein erster Roman «Högo Sopatis ermittelt», von dem im Klappentext steht: «Eine durchgedrehte Schweizer-Qualitäts-Detektivgeschichte…» und von der Zürcher Kantonalbank: «Wir wünschen allen Schriftstellern viel Erfolg und ein reiches Leben.» Ich auch. 😉