Franzobel «Das Floss der Medusa», Zsolnay

Es braucht Mut, um in den Schrecken des Romans «Das Floss der Medusa» einzutauchen. Franzobel schönt und schont nichts und niemanden. Wer den Roman liest, wird belohnt mit barocker Erzählkunst, spitzer Zunge, Humor «erst recht» und der Erkenntnis, dass die wahren Katastrophen der Menschheit im Verborgenen stattfinden.

Fast genau 27 Jahre nach der französischen Revolution, kaum ein Jahr nachdem Napoleon für 100 Tage zurück an die Macht kam und nach der verlorenen Schlacht bei Waterloo bis zu seinem Lebensende auf die Insel St. Helena verbannt wurde, läuft die Fregatte Medusa mit 400 Passagieren vor Westafrika auf eine Sandbank auf. Weil Bei- und Rettungsboote für die auf dem Meer Verlorenen nicht genug Platz bieten, baut man in aller Eile ein Floss, 20 Meter lang und 7 Meter breit. 149 Menschen, Männer, Frauen und Kinder drängen sich bis zu den Knien im Meerwasser stehend irgendwo, 120 Kilometer vor der mauretanischen Küste auf einer zusammengeflickten Insel. Während sich Kapitän und Passagiere auf den Booten an die Küste retten und danach tunlichst vermeiden, irgend jemandem von den Zurückgelassenen, hilflos auf dem Floss und dem Wrack der Medusa Verbliebenen zu erzählen, spielt sich in den zwei Wochen bis zur Rettung der Überlebenden auf dem Floss ein Drama ab, das in die allertiefsten Niederungen der menschlichen Spezies blicken lässt, eine Demontage der Krone der Schöpfung, ein Welttheater des Schreckens im Angesichts des sicheren Untergangs. Von den fast 150 Menschen, die auf dem Floss zurückbleiben, findet ein Schiff zwei Wochen später noch 15 Überlebende, alles Männer, Verrückte, Wahnsinnige und Ausgezehrte mit hohlen Augen und leerem Blick. 50 Stunden reichen, um aus Menschen Monster zu machen. Der Schrecken liegt nicht in der Tatsache, dass die Überlebenden in ihrer Verzweiflung irgendwann zu Kannibalen werden, viel mehr darin, dass wenige Tage genügen, um aus Menschen Bestien zu machen.
Einer der Überlebenden, der zweite Schiffsarzt Jean Baptist Henri Savigny, schrieb nach seiner Rettung einen Bericht, nach dessen Veröffentlichung ihn die Obrigkeit zwingen wollte zu dementieren, statt die Ehre der französischen Grand Nation mit derartigen Lügengeschichten in den Schmutz zu ziehen. Savigny tat es nicht. 1819 malte der französische Künstler Théodore Géricault ein grosses Gemälde dieses Martyriums, das im Pariser Salon aber als Affront gegen die französische Regierung gewertet wurde, den musentrunkenen Betrachter störte und somit zum Skandal wurde. Dabei hätte das Bild den Skandal von 1816 in Erinnerung rufen sollen.

Und nun, 100 Jahre später, machte sich die österreichische Landratte Franzoble daran, den Stoff, der brach lag und förmlich auf ihn zu warten schien, mit spitzer Zunge und dem Blick eines Betrachters aus dem 21. Jahrhundert möglichst objektiv und schonungslos nachzuerzählen. Dass er durch einen Freund auf den Stoff gekommen sei, sei «wie ein Blitzschlag, Liebe auf den ersten Blick, ein Geschenk» gewesen. Nicht nur, weil er über die Wucht des Stoffes staunte, sondern weil die Geschichte alles in sich hat, was hinter Moral, Erziehung und staatlicher Ordnung im Menschen normalweise verborgen bleibt.

«Das Floss der Medusa» ist die Geschichte einer nicht enden wollenden Katastrophe, die schon lange vor dem Auflaufen auf die Sandbank begann, selbst vor den Tagen in Rochefort-sur-Mer, wo die Medusa vor Anker lag und man ihren Bauch mit all den Errungenschaften der Zivilisation füllte, mit denen die zugestiegenen Siedler Schwarzafrika zu beglücken meinten. Kapitän war Hugues Duroy de Chaumareys, ein absolut untauglicher Emporkömmling, Speichellecker, gepuderter und geschminkter Egomane, der sich lieber mit Wein, Käse, Garderoben und Darmproblemen auseinandersetzte, als mit den permanenten Warnungen seiner Offiziere. Ein von Selbstzweifeln Zerfressener, der in Träumen und schrecklichen Vorahnungen genau weiss und spürt, dass er mit seinen eigenmächtigen und dilettantischen Entscheidungen die Katastrophe provoziert. Bis der schwerfällige Rumpf der Fregatte über den Rücken einer Sandbank schleift und unwiderruflich festsitzt. Das Martyrium der 149 Menschen auf dem Floss beginnt. Ein Martyrium, das an unmenschlicher Dramatik nicht zu überbieten ist. Erträglich macht die Geschichte, weil alles an ihr voller Metaphern ist. Sei es nun über den Zustand der Welt heute, die dilettantischen «Führer», die ihr Boot mit wehenden Fahnen auf den Abgrund zusteuern, die Arroganz der «ersten» Welt und was es bedeutet für Tage und Wochen auf einem Floss mitten im Meer nicht bloss Sonne, Wind und Wetter, sondern den menschlichen Untiefen ausgesetzt zu sein.

Franzobel gelang ein ganz besonderes Buch, eines, das ans Eingemachte geht. Franzobel wühlt mit Wonne und Lust in der Schlangengrube Mensch, scheut sich nie, den Schrecken beim Namen zu nennen, zwingt mich hinzuschauen, wo ich normalerweise nicht hinzuschauen brauche. Die Lektüre seines Romans macht demütig, lässt einen zweifeln. Vielleicht brauchte der Stoff eben diese Landratte Franzobel, der es schafft, angesichts des Grauens mit Humor und Sarkasmus das zu schildern, was sonst kaum in Worte zu fassen wäre. Zugegeben, Franzobel malt auf riesiger Leinwand, auf fast 600 Seiten, um einiges gnadenloser als der Romantiker Théodore Géricault, dessen 7 x 5 Meter grosses Bild «Floss der Medusa» im Louvre hängt. Was sich mir offenbart, ist die Potenzierung aller Dekadenz, ein schmierig, blutiges Puppentheater, ein Sittenbild des Schattens auf einer Bühne, die maximale Distanz erreicht von «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit», wonach ein paar Jahre zuvor eine ganze Nation geschrien hatte. Die Geschichte der Gier, der Unersättlichkeit.

Franzobel ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Ich verstehe seine Frau sehr gut, die heilfroh ist, dass ihr Mann endlich vom Floss gestiegen ist.

Franzobel, geboren 1967 in Vöcklabruck, ist einer der populärsten und polarisierendsten österreichischen Schriftsteller. Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 1995 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2002 den Arthur-Schnitzler-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Krimis » Wiener Wunder» (2014) und » Groschens Grab» (2015) sowie 2017 sein Roman » Das Floß der Medusa».

Franzobel liest am Buchfestival «Zürich liest» im kommenden Oktober!

 

4. Randnotiz: Das Loch

Das Loch
Im Zentrum klafft ein weites Loch. Trockener Staub brennt in meinen Augen, wenn ich an der riesigen Baustelle vorbeiradle. Männer, vorwiegend älteren Semesters, stehen am Absperrgitter und schauen ins Treiben auf dem Grund dessen, was einmal ein neues Einkaufszentrum werden soll. Die Männer am Absperrgitter erinnern mich an Ausgesperrte, von der Arbeit Verbannte. Da drinnen, in diesem Geviert aus Maschinen, Helmen, Staub und Erde findet das echte Leben statt, von dem man sie mit der Pensionierung abgeschnitten hatte. An der Grenze zur Strasse ist die Baustelle durch einen Kunststoffsichtschutz abgedeckt. Ein langes, weisses Band, noch fast jungfräulich und unbefleckt, das ergeben auf seine Bekritzelung und Besprayung wartet. Und manchmal sehe ich einzelne Fussgänger, letzthin einen alten Mann, nicht mehr gut zu Fuss, der sich tapfer und unbeirrt dem weissen Band entlang fast mitten auf der Strasse Richtung Kirche bewegte. Auf der anderen Seite wäre das Trottoir mehr als breit genug gewesen, auf seiner Seite aufgehoben, weil die Baustelle Platz braucht. Da schlurfte er, langsam und beharrlich. Bis zur Kreuzung waren es schon ein paar Autos, die im Schritttempo hinter ihm herrollten. Keiner hupte. Vielleicht aus Angst, den alten Mann zu Tode zu erschrecken. Wahrscheinlich war der alte Mann schon immer auf der rechten Seite Richtung Kirche gegangen. Das war seine Seite. Von einem Loch, auch von einem riesigen, klaffenden Loch liess er sich nicht vertreiben. Ein schönes Bild für manch eine politische und gesellschaftliche Situation, in der wir uns befinden.

Gallus Frei-Tomic

Kathy Zarnegin «Chaya», weissbooks, ein Interview am Literaturfestival Leukerbad

Am Literaturfestival in Leukerbad traf ich im Garten des Thermenhotels die Schriftstellerin Kathy Zarnegin, die mit «Chaya» einen wunderbaren Roman über eine junge Frau schrieb, die sich anschickt, die deutsche Sprache, die Dichtung zu erobern. Ein Buch voller Sprachlust, Witz und Ironie.

Seit 20 Jahren veröffentlichen Sie Texte; Essays, wissenschaftliche Texte, Lyrik und dieses Jahr Ihren ersten Roman «Chaya» bei weissbooks. «Chaya» ist die Geschichte eines Mädchens, das vom Iran in die Schweiz geschickt wird. Aus einem Land der Revolution in die ruhige, satte Schweiz. Sie sind auch Psychoanalytikerin mit eigener Praxis. Wofür schlägt Ihr Innerstes, Ihr Herz? Schaffen Sie es, alles miteinander zu verbinden? Ich schreibe schon viel länger als 20 Jahre, wie Chaya seit meiner Kindheit. «Chaya» ist auch nicht mein erster Roman, aber der erste, der veröffentlicht wurde. Bei allem, was ich tue, geht es um Sprache, um die Arbeit mit und an der Sprache. Und darum, was Effekte der Sprache mit uns anstellen, in uns bewirken, selbst in der Psychoanalyse. Was macht Sprache mit uns und was machen wir mit Sprache.

Chaya lernt Deutsch als junge Frau, taucht ein in eine neue, ganz andere Welt der Laute und des Sprechens. Nicht nur in ihrem Roman, sondern auch in ihren Gedichten spüre ich die Lust am Klang, an der Musik, am Sound von Worten, Zeilen und Texten. Die eigentliche Bedeutung, die Aussage scheint in der Lyrik nebensächlich zu werden. Sprache soll mehr als bloss Inhalt transportieren. Aber die Psychoanalytikerin legt das Gewicht doch in die Bedeutung. In der Psychoanalyse spielt die Bedeutung eine grosse Rolle. Aber viel mehr, was diese Bedeutungen «intravenös» bewirken. Man hört auch in der Psychoanalyse nicht nur auf die Bedeutung. Der Klang spielt eine wichtige Rolle, die Färbung, der Ton. In meinem literarischen Schreiben fühle ich mich als altmodische Person. Als jemanden, der auf Rhythmus und Klang reagiert und damit zu wirken versucht. Auch im Leben von Chaya, in der Suche nach Liebe und einem Zuhause, spielt der Klang, der Sound eine wichtige Bedeutung. Die Suche nach Rhythmus, Klang und Musik war mir auch wichtig beim Schreiben meines Romans, wenn auch weniger zentral wie in meinen Gedichten. Bei Romanen ist es selten die Geschichte, viel mehr der Sound, der eine Resonanz erzeugt, der LeserInnen am Lesen bleiben lässt.

In Ihrem Roman schildern Sie Gegensätze. Das farbige Leben im Iran vor der Revolution, die ledige Tante Farah, der Leuchtturm in Chayas Kindheit, der Gegenpol zur strengen und verschlossenen Mutter, den umtriebigen Vater und die leidenschaftliche Lektüre von 1001 Nacht. Und dann wird Chaya in die unterkühlte Schweiz verpflanzt, aus ihrer Sprache herausgerissen. Das Leben ist etwas Buntes mit vielen Schattenseiten. Je genauer ein Mensch zu- und hinhört, je aufmerksamer er ist, desto stärker nimmt er Gegensätze wahr. So unterschiedlich die Welten im Iran und in der Schweiz sind, im Leben von Chaya gab es eine Konsequenz, die Konsequenz wegzugehen, in eine fremde Welt hineinzuspringen.

Ein Unterschied zwischen Europa und dem Orient, erklärt ihr Roman, ist das Verhältnis zur Zeit. Hast gehöre nicht in die Welt des Orients. Stimmt das immer noch? Ich bin keine Orientexpertin. Ich schreibe aus der Erinnerung und aus Sehnsüchten. In meiner Orientwahrnehmung nimmt man sich mehr Zeit füreinander, Zeit für Menschen, für die Familie. Bei uns in Europa herrscht das Diktat der Arbeit. Der Roman «Chaya» entstand aus Geschichten aus dieser Arbeitswelt. So entstand auch die Idee einer Lyrikagentur. Wir leben in einer Gesellschaft, in der nicht nur das Empfinden, sondern die Gesundheit abhängig ist von ihrer Arbeit, ihrer Leistungsfähigkeit. Eine heikle und gefährliche Denkmentalität!

Chaya wird in Ihrem Roman zur Europanautin. «Sie entzog sich der Gravitation der Vergangenheit», schreiben Sie. Kann man das oder ist es bloss Wunschdenken oder Hoffnung? Natürlich glaube ich nicht, dass man seine Vergangenheit wie schmutzige Wäsche abstreifen kann. Man kann sich mit der Gegenwart arrangieren. Bei Chaya geht es immer um die Sprache, nur um die Sprache, wenn sie sich mit dem Abstreifen der Vergangenheit, dem Abstreifen der Muttersprache auseinandersetzt. Chaya zieht sich mit der neuen, fremden Sprache eine Uniform an.

Sie und Ihre Romanfigur Chaya verloren eine Sprache. Sie beide fanden in der Lyrik ein neues Zuhause, Chaya gar mit einer Gedichtagentur. Genügt Sprache als Heimat? Menschen sind unterschiedlich. Den einen genügt Musik oder Esskultur und es erzeugt Heimat, zumindest ein Heimatgefühl. Der Begriff Heimat ist ein Modewort und überstrapaziert. Wie viele Menschen hängen an kitschigen Vorstellungen von Heimat. Heimat ist eine Sehnsucht nach Orten, Menschen und Zuständen, die nicht einmal den Anspruch haben, realistisch sein zu müssen. Heimat ist die Erinnerung an Verbundenheit.

Chaya verliert mehrfach; die Sprache, die Vertrautheit, die Familie, die Mutter. Sie schreiben, Gedichte seien «Rezepte gegen die Traurigkeit». Ist das auch in Ihrem Leben so? Sprache und Sprechen ist ein Mittel gegen den Verlust. Und Verlust ist tief in der Literatur verankert. Literatur schafft Welten, neue Welten, Zustände und Figuren. Lyrik ist dabei viel komplexer, viel sprachbezogener und mit viel konkreterm und imaginärem Potenzial.

Mit dem Verlassen der Heimat und der «Ankunft» in der Schweiz gerät Chaya in ein «Dazwischen», nicht nur in ihrer Sprache. Dieses «Dazwischen» ist ein Ort des Schmerzes, ein Schmerz, der lähmen könnte. Chaya schafft den grossen Schritt aus diesem «Dazwischen». Millionen von Flüchtenden, Ausreisenden geraten in dieses «Dazwischen». Wann hört bei Chaya der Schmerz auf? Ob das «Dazwischen» je ganz aufhört, weiss ich nicht. Es kann für die Person aufhören, aber für die Umwelt noch lange nicht. Bevor ich meinen Roman «Chaya» veröffentlichte, interessierte man sich kaum für meine Herkunft. Und nun, mit einem Mal, setzt man mir diesen Stempel auf. Ich laufe nicht mit der Tafel «Ich bin eine Emigrantin» durchs Leben. Die Welt macht das mit mir. Bei Flüchtenden ist es noch ganz anders. Niemand verlässt seine Heimat freiwillig, wenn man der Gefahr und Unfreiheit entkommen ist. Und dann, im neuen Leben, kommt ein Leben, das mit diesen Menschen nicht zusammenpasst. Und rundum verlangt man von ihnen, dankbar und nun endlich glücklich zu sein. Sie leben mit dem permanenten Gefühl des Verlusts.

Chaya, die Europanautin, begegnet Männern, den unterschiedlichsten Männern. Männern mit Makeln, denen sie sich trotzdem auftut. Auch Männer sind unbekannte Territorien, manche bleiben fremd, andere werden vertraut. Wie gross war die Lust, das Chaya alles durchstehen zu lassen. Chaya ist eine energische Person, auch wenn sie sich als eine melancholische Orientalin bezeichnet. Wenn Lust da ist, bleibt sie, die Sprachlust, ihre Neugier. Auch in der Sprache der Erotik.

Wie sehr dominieren die Geschehnisse in und um ihr Herkunftsland ihr Leben, ihr Denken, ihr Schreiben, das Mädchen Chaya? Mit Chaya werde ich nun plötzlich reduziert auf meine Herkunft. Aber man kann viele «Herkünfte» haben. Meine Herkunft liegt in meiner geistigen Welt. Im Zusammenhang mit Chaya werde ich nie über meine wirkliche Herkunft befragt; die deutsche Literatur und die deutsche Philosophie. Das ist mein Koordinatensystem, das mein emotionales und geistiges Leben formte. Es sind Vorurteile und Bequemlichkeiten. Man sucht einen Aufhänger, eine Schublade. Man verkauft es leichter und besser.

Kathy Zarnegin, vielen Dank für das Interview und das wunderbare und fesselnde Buch, dass Sie uns Leserinnen und Leser geschenkt haben.

Kathy Zarnegin wurde in Teheran geboren und kam mit 15 Jahren in die Schweiz. Sie ist Lyrikerin, Essayistin, Übersetzerin aus dem Persischen, Philosophin und promovierte Literaturwissenschaftlerin. Sie ist Mitbegründerin des Lacan Seminar Zürich und Mitorganisatorin des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Ihre Lyrikveröffentlichungen hiessen «Tierische Träume» (1998), «Buchstäblich traurig» (2004) und «SaitenSprünge» (2006). «Chaya» ist ihr erster Roman.

Webseite der Autorin 

Drei Perlen aus dem 22. Literaturfestival Leukerbad

Die Literatur riss in Leukerbad den Himmel auf!

Literaturfestival Leukerbad, ein literarisches Gipfeltreffen inmitten der Walliser Steilwände und Felszähne. 3’800 Eintritte während drei Tagen! Das Programm aus Lesungen und der «Perspektiven»-Gesprächsreihe war dicht und sehr international: Aus Europa, Asien, Nord- und Südamerika reisten 37 Autoren und Protagonisten ins Bäderdorf.

Liao Yiwu, einer der bedeutendsten chinesischen Avantgarde-Dichter, 1987 in politische Ungnade gefallen, veruteilt, für Jahre ins Gefängnis gesteckt, gefoltert und von seiner Frau zwangsgeschieden, weil die Familie nichts mehr von ihm wissen wollte, spielte Tsiao, eine chinesische Flöte. Ein Instrument, das er während seiner Haft von einem ebenfalls eingesperrten Mönch erlernte. Er spielte, sang und las aus seinem neuen und ersten Roman «Die Wiedergeburt der Ameisen», in dem er die Geschichte seiner Familie mit der seines Heimatlandes verknüpft, das ihn verstossen hat. Er, der kaum je wieder einen Fuss in sein Heimatland setzen wird, las, während auf dem Platz draussen chinesische Touristen vorbeiflanieren.
Robert Menasse, der grosse Europäer, der sich nicht scheut, bei einer Rede an das Europäische Parlament den Anwesenden die Leviten zu lesen und man gespannt auf seinen im September erscheinenden grossen Roman «Die Hauptstadt» wartet. Er bannt mit seinem Erzählen über Europa, während die Pizza im Dorf von Ukrainerinnen serviert wird.
Oder der irakisch-kurdische Schriftsteller und Dichter Bachtyar Ali, der 20 Jahre unentdeckt in Deutschland lebte und in seinem Roman «Der letzte Granatapfel» die gefährliche Reise auf einem Flüchtlingsboot übers Mittelmeer erzählt, eine bildgewaltige Parabel über Unterdrückung und Bruderzwist. Abends dann geniesst man im Restaurant mit Aussicht mediterrane Küche. International – auf jeden Fall.

Drei ganz besondere Perlen möchte ich vorstellen. Drei Bücher, eine Autorin und zwei Autoren, die es zu entdecken gilt, wenn man nicht längst auf sie gestossen ist:

100 Jahre Geschichte eines Landes, das kaum je in den Fokus Europas gerät. Ein Epos über die Folgen der Teilung der koreanischen Halbinsel, eine Spionagegeschichte und gleichzeitig ein politischer und historischer Roman multipliziert mit einer ménage à trois, die zwischen die Fronten gerät. Ein Roman mit gewaltiger und überzeugender Sogkraft. Ein Soziogramm der Lügen und Illusionen. Anna Kim ist in Südkorea geboren, dort aber weder zuhause noch beheimatet. Erstaunlich genug, dass sie immer und immer wieder als Südkoreanerin genannt wird, obwohl sie sich dezidiert gegen eine verortete Heimat ausspricht. Trotzdem beschäftigt sich die Autorin mit der Geschichte ihres Herkunftslandes, den Auswüchsen des kalten Krieges in Südostasien im Willen, diesen Konflikt zu verstehen. «Wie schreibe ich über Vergangenes und Geschichte? Reine Beschreibung reicht mir nicht aus, auch wenn ich mit Recherche tief ins Geschehen eingedrungen bin.» Eine mitreissende Geschichte um Freundschaft, Loyalität, Verrat und das unmögliche Leben in der Diktatur.

Georgi Gospodinov ist der grosse Autor der bulgarischen Literatur. Sein viertes bei Droschl auf deutsch erschienene Buch ist eine Sammlung von Erzählungen. «8 Minuten und 19 Sekunden», die Erzählung die dem Buch den Titel gibt, dauert es, bis das Licht von der Sonne die Erde trifft. Genau so viel Zeit, wie Gerogi Gospodinov dem Leser der Geschichte einräumt, um sich mit seinen gleichsam spielerischen wie apokalyptischen Spielereien auseinanderzusetzen. Vielleicht ein Markenzeichen des Autors, der sich gerne der Faszination der Apokalypse hingibt, ohne literarisch der in Mode geratenen Dystopie zu verfallen. Seine Geschichten entspringen einer Mischung aus Melancholie und Humor, Absurdem und den Erfahrungen aus der bulgarischen Diktatur. Georgi Gospodinov verknüpft Wahrnehmungen, Empfindungen auf seine ganz eigene Art. Für mich eine grosse Entdeckung und ein Versprechen: Höchster Lesegenuss!

John Wray. Ein durch und durch amerikanischer Autor, der 2007 vom Literaturmagazin «Granta» unter die 20 besten jungen US-Autoren gewählt wurde. Aber er spricht deutsch und wird in diesem Sommer in der Arena des Bachmann-Preisschreibens in Klagenfurt mit einem deutschen Text antreten. Ein Amerikaner mit österreichischen Wurzeln und kärntner Akzent. So verzwickt seine Herkunft, so verzahnt sein Roman; eine historisch eingebettete Familiengeschichte über ein ganzes Jahrhundert, wissenschaftliche Einsprengsel über Physik und die Produktion eingelegter Gurken bis hin zum bewusst «schlechten» Science- Fiction und kruden, sektiererischen Verschwörungstheorien. Ein Erzähler, der sich in einer Zeitblase wiederfindet, in der Wohnung seiner schrägen Zwillingstanten, die Tonnen von Zeitungen und anderem Strandgut sammeln. Grotesk, skurril und kompliziert, aber nie unübersichtlich, wabernd in einem natürlichen Chaos, mit Absicht weit weg aller unnatürlichen Chronologie. Ein Buch, dem ich den Spass des Autors auf jeder Seite «anhöre». John Wray, ein ausserordentlich begnadeter Geschichtenerzähler mit cineastischem Blick und liebevollem, schrulligem Witz. Und wenn er liest, wünscht man dem fabulierenden Erzähler, dass die Verpflichtung des Vorlesens nie endet würde.

Wie jedes Jahr war das Literaturfestival Leukerbad ein Ort der Begegnungen. Nicht nur mit Büchern, mit Literatur, mit Lyrik und Romanen, sondern in faszinierenden Gesprächen, solchen auf der Bühne, solchen unterwegs und den vielen vor Ort. Ganz besonders freute ich mich über die Gelegenheit, ein Interview mit der Schriftstellerin Kathy Zarnegin zu führen, über ihren gelungenen Roman «Chaya». In drei Tagen auf literaturblatt.ch!

J. M. Coetzee «Ein Haus in Spanien», S. Fischer

Booker Prize, Nobelpreis – John Maxwell Coetzee braucht keinen Beistand mehr. Schon gar nicht aus der thurgauischen Provinz. Aber es gibt drei Gründe, warum ich doch auf den grossen Schriftsteller und Essayisten hinweisen möchte. Zum einen erschien bei S. Fischer ein schmuckes Bändchen mit drei Geschichten: «Ein Haus in Spanien». Ein schmales Buch, unaufgeregt, das die Stärken des Autors auf wenigen Seiten zeigt. Ein wunderschönes Büchlein, als wäre es mir zum Geschenk gemacht. Und drei Geschichten, die zum Weiterdenken anregen!

Vor ein paar Jahren las J. M. Coetzee schon einmal in Zürich. Und weil ich dachte, Gelegenheiten, ihn zu sehen und zu hören, würden selten genug bleiben, reservierte ich einen Platz früh genug und machte mich am besagten Tag vom Bodensee auf nach Zürich mit einer Tasche voller Coetzee-Romane. Aber als ich zeitlich schon ziemlich knapp, aber meines Platzes sicher vor den Türen des Veranstaltungsortes stand und eine Frau mit Brille die Reservationsliste mit der Nase knapp über dem Papier durchging, entschuldigte sich diese und meinte, mein Name sei nicht zu finden. Ich müsse warten, vielleicht gäbe es kurz vor Beginn noch einen freien Platz, den man mir überlassen könne. Ich stand da wie ein nasser Pudel, liess mich abschütteln, wie einen kleinen Jungen, sass eine  Stunde später wieder im Zug und ärgerte mich nicht über den Veranstalter, sondern über mich, der sich so einfach abschütteln liess.
Aber nun tut es J. M. Coetzee wieder. Er liest am 4. Juli in Zürich am Openair Literatur Festival im Alten Botanischen Garten. Eigens für das Festival präsentiert Coetzee seinen bisher unveröffentlichten Text The Glass Abattoir (Das Glas-Schlachthaus), eine Mischung aus Erzählung, Essay und ethischem Plädoyer. Ausgangspunkt ist die Frage, wie sich ein guter Sohn verhalten soll, wenn ihn die Mutter in einer Spätlebenskrise mit einer Fülle von Materialien über das Verhältnis von Menschen und Tieren bombardiert – und zwar nicht nur mit wissenschaftlichen Texten, sondern auch mit Anklageschriften gegen umstrittene Praktiken wie Vivisektion und industrielle Viehzucht.

Beim S. Fischer Verlag erschien 2017 nun das schmucke Büchlein «Ein Haus in Spanien» mit drei Geschichten, die zwischen 2000 und 2003 zum ersten Mal in den USA veröffentlicht wurden. So wie ich J. M. Coetzee für seine brillanten Romane schätze, für seine Meisterschaft, der Willkür und Gier auf den Nerv zu drücken, grosse Themen mitzunehmen, so liebe ich ihn für sein Feingefühl, Unscheinbares ernst zu nehmen und mehr als nur lesbar zu machen.

Wie schnell geht einem etwas über die Lippen, unüberlegt, dahin geworfen. So wie den Satz: «Ich habe mich in dieses Haus verliebt.» Kann man Dinge lieben? Oder sind Gedanken um solche Aussagen eine altmodische Pedanterie, der Neid eines Mannes, der zu alt, zu unbeweglich geworden ist, sich noch einmal zu verlieben, sei es auch bloss in ein Ding. Aber es ist gleichermassen  subtil und erfrischend, dass sich der Mann der Sprache um Abnützungserscheinungen der Sprache kümmert. Grund zum Kummer darüber gäbe es genug: Sitze ich an meinem Arbeitsplatz bei offenem Fenster, dringen manchmal Gesprächsfetzen von Jugendlichen an mein Ohr. Sie hocken unter meinem Fenster, rauchen, kiffen, schlagen das Rad und übertreffen sich gegenseitig mit verbalen Grobheiten. Da ist dieser eine Satz, dem Coetzee nachhängt kein Hammerschlag. Aber Grund genug, sich über das Wesen und die Launen der Liebe Gedanken zu machen.

J. M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Titelfoto: «Himmel über Meran» ©️ Philipp Frei

3. Randnotiz: Jeder in seiner Welt

Jeder in seiner Welt
Manchmal setze ich mich ins Café, um in Ruhe schreiben zu können, bestelle mir einen Kaffee, eine Praline dazu, lasse den Blick kurz schweifen, um zu beginnen. Mir gefällt das Gemurmel, das mich nichts angeht. Es scheint meine Konzentration anzustacheln. Aber manchmal klappt das nicht. Sie kennen das. Sie sitzen im Zug und müssen das Abteil verlassen, weil jemand kaum einen Meter Luftlinie entfernt mit Stöpseln in den Ohren so laut über die Untreue ihres Freundes schimpft, dass man sich zu schämen beginnt und zur Flucht genötigt wird. Im Café wars diesmal anders. Zwei ältere Männer hinter mir hielten mich vom Schreiben ab. Sie sprachen im Minutentakt über alle möglichen Themen; Motorräder, Frauenschuhe, Fussball, Energieineffizienz, Ferien in der Türkei, Trump, Rasentrimmer, Überstunden… Ich sass mit dem Rücken zu den beiden, sah sie nicht. Aber irgendwann legte ich den Stift weg. Ich war nicht überrascht über die Sprunghaftigkeit, auch nicht erschüttert über die deftige Wortwahl. Auch nicht über Meinungen, die ich nicht teilen konnte. Aber darüber, wie weit ich in meiner Welt von der ihren entfernt bin. Als ich dann doch genug hatte, ein erneuter Versuch zu schreiben gescheitert war, packte ich meine Sachen, legte die Münzen neben die Tasse und stand auf. Am Tisch hinter mir sassen zwei Männer so alt wie ich, die meine Brüder hätten sein können.

Gallus Frei-Tomic

Titelfoto «Sprengtafel» von Philipp Frei

Marianne Künzle «Uns Menschen in den Weg gestreut», Zytglogge

Mai 1921. Benedikt Pradin ist Arzt, 49 und mit seinen ergrauten Schläfen eine stattliche Erscheinung. Er, der immer alles richtig machte, muss erleben, wie selbst ernannte Heiler, Quacksalber und Kurpfuscher seinen Stand verunglimpfen, wie am Bahnhof in Zizers (im Rheintal zwischen Landquart und Chur) ein weitgereister Maharadscha mit seiner Entourage nicht seinesgleichen sucht, sondern den Kräuterpfarrer Johann Künzle.

Johann Künzle, Seelsorger und Kräutermann wurde nicht aus einer zündenden Geschäftsidee zu dem, was Künzle AG und ein umfassendes Lehrwerk über die heilenden Kräfte von Kräutern erahnen lassen. Seine Motivation war es, einer armen, der Willkür der Obrigkeiten ausgesetzten Bevölkerung zurückzugeben, was Industrialisierung, aufbrechende Moderne und Abhängigkeiten von Medizin und Arzneien anrichteten. Daneben war Johann Künzle in den harten Jahren während und nach dem ersten Weltkrieg überzeugt, dass mit Hilfe der Kräuter, die vor den Haustüren der Armen wachsen, viel mehr gegen Hunger und Krankheit hätte unternommen werden können, hätte man nicht vergessen, was seit Jahrhunderten zum Wissen einer naturnahen Bevölkerung gehörte. Im Jahr 1911 schrieb Johann Künzle sein erstes Kräuterbuch „Chrut und Uchrut“, das eine Lawine auszulösen begann. Eine Lawine, die einem Dorf, einer ganzen Gegend Arbeit und begrenzten Wohlstand brachte, Bauernfamilien mit dem Sammeln der Kräuter einen segensreichen Nebenverdienst und Johann Künzle eine nicht immer willkommene Publizität. Aber auf den Ruhm folgten Neid, Missgunst und Verleumdung.

Marianne Künzle schrieb nicht einfach eine Biographie über den Pfarrer mit Nickelbrille und langem weissem Bart, sondern über die Jahre 1910 bis 1922, als Johann Künzle überregional an Bedeutung gewann, weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt wurde und sich 1922 entscheiden musste, ob er sich von Neidern in die Enge getrieben zurückziehen soll. Sie beschreibt einen Mann mit vielen Gesichtern; den wohltätigen Pfarrer, den Kinderfreund, den Zornentbrannten, wenn er über Tintenfresser schimpfte, den Unnachgiebigen. Aber die Autorin bleibt nicht bei Pfarrer Künzle allein. Sie setzt ihn geschickt und gekonnt in eine Dreieckskonstellation; Pfarrer Künzle, der den Menschen zuhört, sie ernst nimmt, den Arzt Benedikt Pradin, der sich immer mehr vom Wirken des Pfarrers bedroht fühlt und der ehemalige Lehrer und Emporkömmling Loenz Schumacher. Zwischen den dreien entwickelt sich ein wahrer Krieg, in den alles Verfügbare eingespannt werden soll. Ein Psychogramm dreier Archetypen, die unfähig sind, aus einer festgefahrenen Rolle auszubrechen, auch wenn daran Menschenleben hängen. Und nicht zuletzt eine Geschichte darüber, dass es erst 100 Jahre her ist, dass man Frauen höchst ungern zuhörte und es für Frauen unsäglichen Mut abverlangte, eine eigene Meinung zu äussern. Die Geschichte eines Mannes, der es verstand, seine Gottergebenheit, seinen Glauben nicht bloss mit leeren Worthülsen zu koppeln, sondern mit Begeisterung , mit dem Leben selbst und einem Batzen für fleissige, bedürftige Helfer. Künzle spinnt ein sorgfältiges Geflecht um Johann Künzle und zeigt damit sehr anschaulich, wie sehr der Wangser Kräutermann in Konflikten verwoben war. Die Sprache der Autorin ist überraschend poetisch, hat manchmal etwas vom Geschmack und Geruch der Kräuter. Der Titel des Romans „Uns Menschen in den Weg gestreut“ ist ein Versprechen! Klare Sätze, bildhaft, dem Geschehen ganz nah.

Johann Künzle ist ein zwischen Zeiten und Epochen Eingeklemmter. Auf der einen Seite die Welt der klaren Fronten des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, die nicht zuletzt in Sachen Glauben und Gottverständnis keinerlei Interpretationen zuliess, schon gar nicht jene Verblendung, die die Natur selbst zur Gottheit erklärt. Auf der anderen Seite die alles aufbrechende Moderne, die Revolte, der Aufbruch. Der Pfarrer mit dem asketischen Aussehen, dem zuweilen stechenden Blick war kein Mann des Kompromisses. Die Welt war deutlich eingeteilt in Gutes und Böses. Ebenso war die Reaktion auf ihn und sein Wirken, obwohl er sich je länger je mehr falsch verstanden fühlte, bis er scheinbar resigniert seinen ersten Wirkungsort im St. Gallischen Wangs verlassen musste. Die einen verehrten ihn, andere, nicht zuletzt die etablierte Ärzteschaft, betrachteten ihn als Verkörperung des Rückwärtsgewandten, der Verunglimpfung moderner Wissenschaft, der Medizin. Die Honoratioren der Medizin schienen mit dem wachsenden Zulauf an die Tür des Kräuterpfarrers einen Hexenbann über den streitbaren Pfarrer legen zu wollen. So wurde der kräuterkundige, hilfsbereite und menschenfreundliche Pfarrer zu dem, was im Mittelalter, ein paar Jahrhunderte, zuvor Frauen wegen ihrer Kräuterheilkunde zu Fackeln werden liess.

Nicht zuletzt erstaunte mich bei der Lektüre einiges; Wer weiss, dass im Kanton Graubünden bis 1925 ein ausdrückliches Fahrverbot galt, von dem nicht einmal Krankentransporte ausgenommen wurden. So lud man bis im Sommer 1925 alles an der Grenze zum Kanton vom Automobil aufs Fuhrwerk um! Oder dass die „Spanische Grippe“, die von 1918 bis 1919 wütete, auch in der Schweiz Zehntausende dahinraffte, ausser in den Gemeinden rund um Pfarrer Künzle.

«Uns Menschen in den Weg gestreut» ist eine Mehrfach-Überraschung, ein Roman, sorgfältig mit sicherem Gespür für Sprache und Feinheiten geschrieben. Unbedingt lesenswert!

Marianne Künzle, geboren 1973 in Bern, arbeitete zuerst als Buchhändlerin. Später war sie Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace Schweiz. Sie absolvierte einen Lehrgang ‹Literarisches Schreiben› an der SAL (Schule für angewandte Linguistik). Seit Ende 2015 engagiert sich Marianne Künzle in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. «Uns Menschen in den Weg gestreut» ist ihr erster Roman.

Peter Schneider «Club der Unentwegten», Kiepenheuer und Witsch

Leben aus der Distanz? Aus der Distanz des Alters? Lieben aus der Distanz? Durch ein halbes Dutzend Flugstunden, über Kontinente getrennt? Durch ein halbes Leben, der Gewissheit, dass gemeinsames Altwerden unmöglich ist? Durch Biografien, die sich nicht so einfach offenbaren lassen, in denen Geheimnisse bleiben?

Roland, vielleicht so alt wie der Autor selbst, Privatgelehrter an einer New Yorker Universität und in Berlin Forschender auf den Spuren rund um die Spekulationen der im Louvre ausgestellten Mona Lisa, verliebt sich doch noch. In eine viel jüngere Frau, die er bei einer Trauerfeier in Manhatten kennenlernt. Roland liest dort ein Stück Prosa des Verstorbenen vor und ist schon während des Lesens betört vom Lachen der jungen Frau. Leyla, persischen Ursprungs, ist nicht nur viel jünger, scheint auch unerreichbar für den in die Jahre gekommenen Gelehrten. Und doch trifft die Liebe beide wie ein Gewitter, ein Wolkenbruch. Roland, abgeklärt und in seinem Leben eingerichtet, sieht sich mit einer Wand aus Emotionen konfrontiert, von denen er sich als werdender Greis befreit  fühlte. Darf und soll er das noch? Soll er sich hingeben, gehen lassen? Selbst im Wissen darum, dass er mit den Empfindungen und Torheiten eines Dreissigjährigen agiert? Ein Mann, der sich sonst mit der Echtheit jenes Bildes auseinandersetzt, das zum Inbegriff des Schönen, der Perfektion zählt. Ein Mann, der nichts dem Zufall überlässt, alles akribisch und wissenschaftlich angeht. Er, der sich immer mehr und unausweichlich mit den Zeichen des Alterns auseinanderzusetzen hat, damit, dass er Namen vergisst, immer öfter das Opfer «einer diskreten Verbrennungsanlage im Gehirn» wird. Ist es die Suche und Sehnsucht nach dem Glück angesichts der unbestreitbaren Endlichkeit des Lebens? Oder ist er nicht einfach ein blinder Idiot? Sind es die Geheimnisse um Leyla, genauso wie die Geheimnisse um den misteriösen Bilderraub vor mehr als 100 Jahren, als ein einfacher Handwerker die Mona Lisa aus dem Louvre trug und das Gemälde längere Zeit verborgen blieb? Roland selbst ist davon überzeugt, dass die ganze Welt dort im Louvre einer Kopie des berühmten Lächelns huldigt. Ist dem Lächeln der Mona Lisa zu trauen? Roland lässt sich in das Abenteuer fallen, erst recht, nachdem die alten Männer im «Club der Unentwegten», sein «alter» Freundeskreis in seiner Heimatstadt Berlin, von ihren Abenteuern erzählen. Alte Männer, die alle irgendwie der Liebe, dem Verliebtsein und der Sehnsucht danach ihr Leben ausrichten. Unentwegt lieben, bereit, alles, was sie an Normalität umgibt, aufs Spiel zu setzen, vielleicht ein letztes Mal.
Roland pendelt zwischen Welten, zwischen Berlin und New York, seinem Zuhause und seinem Liebestraum, zwischen Realität und Rausch. Noch viel mehr, als Leyla Roland bittet, Vater ihres Wunschkindes zu werden. Noch mehr, weil Roland weiss, dass Leyla geschwärzte Seiten mit sich herumträgt, vieles aus ihrer Geschichte, das sie nicht preisgeben will. Auf einer gemeinsamen Reise nach Italien, in die Trümmer der Ruinenstadt Pompeji, als Roland angesichts der Gipsabdrücke der Vulkantoten mit seinen Schilderungen der Katastrophe damals einen emotionalen Ausbruch Leylas verursacht, legt Leyla frei, was sie als Geheimnis, als Verletzung mit sich herumträgt. Leyla verlor damals, als am 11. September 2001 die beiden Türme in New York einstürzten, die Liebe ihres Lebens. Aber nicht, weil der Mann verbrannt, aus dem Fenster gesprungen, von Trümmern erschlagen oder von der Wucht des Einsturzes zerrieben wurde. Was an jenem Septembertag geschah, riss eine Mehrfachwunde in die Seele der jungen Frau.

Peter Schneider ist ein schnörkelloser, leidenschaftlicher Erzähler. Er zieht mich mit den emotionalen Beben eines in die Jahre gekommenen Mannes, der sich seiner Endlichkeit bewusst ist, nicht erst mit dieser einen Liebe, aber mit ihr umso mehr, in den Bann. Peter Schneider weiss, dass Gefühle kein Altern kennen, höchstens immer grösser werdende Entfernung von ihnen. «Club der Unentwegten» ist eine Liebesgeschichte, ein Roman darüber, was zwischen Mann und Frau wider aller Vernunft geschehen kann.

Peter Schneider, geboren 1940 in Lübeck, wuchs in Freiburg auf, wo er sein Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie aufnahm. Er schrieb Erzählungen, Romane, Drehbücher und Reportagen sowie Essays und Reden. Seit 1985 unterrichtet Peter Schneider als Gastdozent an amerikanischen Universitäten, unter anderem in Stanford, Princeton und Harvard. Seit 1996 lehrt er als Writer in Residence an der Georgetown University in Washington D.C. Er lebt in Berlin. Bei Kiepenheuer & Witsch erschienen zuletzt «Die Lieben meiner Mutter», 2013 und «An der Schönheit kann’s nicht liegen», 2015.

Titelbild: Sandra Kottonau

Lena Gorelik «Mehr Schwarz als Lila», Rowohlt

Paul ist verschwunden, seit Tagen. Alex, seine Freundin, macht sich Sorgen. Sie verkriecht sich zuhause, will mit niemandem reden, auch nicht mit Ratte, ihrer Freundin. Paul, Alex und Ratte sind 17, alle in der gleichen Klasse, aber die einzigen in Lena Goreliks Roman „Mehr Schwarz als Lila“, die einen Namen tragen. Alle anderen sind auswechselbar. Paul, Alex und Ratte nicht. Eine Schicksalsgemeinschaft. Eine Dreierbande wie sie es nur mit 17 gibt.

Ratte ist Alex beste Freundin. Ratte heisst eigentlich Nina. Aber Ratte hasst ihren Namen. Und Alex heisst eigentlich Alexandra. Alex wohnt mit ihrem schweigsamen Vater seit dem Tod ihrer Mutter und einem Papagei, den sie von ihrem Vater geschenkt bekam und irgendwie die Leerstelle füllen soll. Paul hat Mutter und Vater, aber auch einen Bruder. Und Pauls kleiner Bruder ist behindert, braucht Mutter und Vater, sodass Paul, dem in der Schule alles ziemlich leicht fällt, viel Zeit übrig bleibt. Für Paul schenken Alex und Ratte das, was er in der Familie nicht findet; Verbundenheit, Nähe. Paul schenkt Alex ein Notizbuch, blau, in Leinen gebunden. Auf dem Deckel steht „Shit that matters“. Alex sammelt Wörter und trägt mehr Schwarz als Lila. Und Ratte? An Ratte ist alles etwas anders, nicht bloss ihre braunen Rastas und dass sie stets ohne Helm auf ihrem Mofa fährt. Die Freundschaft der drei 17jährigen ist alles. Bis zu einem Ausflug, einer Klassenfahrt mit dem Referendar Johnny, mit dem an der Schule alles anders wurde. Sie fahren kurz vor den langen Ferien mit der Klasse nach Auschwitz, nicht nach Italien und ans Meer. Und dann gibt es dort jenen langen Kuss zwischen Alex und Paul. Ein Kuss unter dem Galgen in Auschwitz, ein Kuss, bei dem Alex Paul keine Wahl lässt, ein Kuss, der sich im Netz vertausendfacht, ein Kuss, der Paul in Polen zurücklässt und Alex zwingt, ihre Geschichte zu erzählen.

Lena Goreliks Roman erzählt, was passiert, wenn Freundschaft an der Allgemeinheit, an Interpretationen und Missverständnissen zu zerbrechen droht. Wenn sich ins geschlossene Private plötzlich die Allgemeinheit einmischt. Und Lena Gorelik versteht, dass Freundschaft mit 17, Freundschaft nach der Kindheit und vor dem Erwachsensein, anders ist, als alle Freundschaft sonst. Wenn sie zerbricht, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war, weil jene Freundschaft unter den dreien nie mehr und anders ist als Liebe und Familie.

Zum Kippen bringt das untrennbare Dreigestirn ausgerechnet ein Lehrer, ein Referendar, eine Stellvertretung. Ein junger, hübscher Typ. Schwarz gekleidet wie Alex. Lässig irgendwie. „Einer, der den Raum einnimmt, statt reinzukommen.“ Die drei nennen ihn Johnny, was sich der junge Striegel gefallen lässt. Mit Johnny glauben die drei einen Verbündeten in der Welt der Erwachsenen gefunden zu haben. Und dann noch Lehrer, Referendar. Plötzlich wird Schule wieder zum „Vielleicht“, einem Ort, wo Leben stattfindet. Johnny schreibt Wörter an die Wandtafel, lässt schreiben, jeden, ohne mit dem Resultat etwas beweisen zu müssen. Und irgendwann beginnen sie, sich die Texte vorzulesen, ihre Texte, Fünfminutentexte, Texte von innen.

Ratte, Paul und Alex sind alles. Zusammen betreten sie die Klasse, zusammen gehen sie in die Pause. Und manchmal sitzen die drei mit Alex’ Vater am Tisch und Alex’ Vater fragt: „Na ihr drei, wie war euer Tag?“
Aber mit Johnny beginnt das Gleichgewicht zu wackeln und unter dem Galgen in Auschwitz, einem Ort kollektiver Erinnerung, der alles andere ausblenden muss/will, zerbricht sie.
Paul, Alex und Ratte mögen Johnny, aber nicht alle gleich.

Lena Gorelik, Jahrgang 81, ist jung genug, um zu verstehen. Sie beschreibt mit ungebrochener Empathie, wie eine Freundschaft zerfällt, an der sich Paul, Alex und Ratte festhielten, die sie sicher und uneinnehmbar zu machen schien. Eine Art der Freundschaft, für die es in ihrer Nähe und Unmittelbarkeit in der Welt der Erwachsenen keinen Platz mehr hat, weil sich jene Welt zu sehr um Konvention und Anpassung bemüht. Und das endet ausgerechnet in Auschwitz, dem Ort, der kein Missverständnis duldet, gerät das, was zwischen Freundschaft und Liebe pendelt, ausser Kontrolle. So weit, dass sich selbst der Zentralrat der Juden einmischt, die Öffentlichkeit sowieso. Dabei hatte der Kuss nichts mit Auschwitz zu tun, nicht einmal mit Paul.

Was Lena Gorelik kann, ist erstaunlich. „Mehr Schwarz als Lila“ zeigt, wie sehr die Welt der Jugendlichen bebt, wie weit weg sie vom Verständnis Erwachsener sein kann. Lena Gorelik tut das mit so viel Sympathie und Wärme, dass ich nur staune. Lena Gorelik tut auf, was anderen nach der Jugend ein Leben lang verschlossen bleibt. Anlässlich einer Lesung in Stein am Rhein meinte Lena Gorelik, sie hätte schon immer einmal mit der Stimme eines Teenagers schreiben wollen, vielleicht auch, weil sie sich noch gar nicht so weit von dieser Zeit entfernt fühle. Lena Gorelik vermisst gute Bücher, die sich ernsthaft mit dieser Zeit auseinandersetzen, Bücher wie «Tschick» von Wolfgang Herrndorf. «Gratwanderungen, das Spiel mit Grenzen, das interessiert mich. Kunst soll Fragen stellen und im besten Fall bewegen.»

Lena Gorelik, in St. Petersburg geboren, kam elfjährig mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman „Meine weißen Nächte“ (2004) wurde sie als Entdeckung gefeiert, mit „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ihr Roman „Die Listensammlerin“ (2013) wurde mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet. 2015 erschien „Null bis unendlich“, die „Welt am Sonntag“ schrieb: „Ein starkes, ein emotionales Buch, das durch seine reduzierte Sprache große Gefühle offenlegt.“

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Titelbild: Sandra Kottonau