Lesebuch für KomplizInnen

100 Jahre, 135 Autorinnen und Autoren: Charles Linsmayers Anthologie «20/21 Synchron» besichtigt die viersprachige Buchschweiz.

von Peter Surber, Kulturredaktor

«Boden unter den Füssen zu gewinnen, flüchtet man in Erinnerung, sieht sich, wie Lenz, der den 20. Jänner durchs Gebirg ging, als kleiner Bub mit Vater nach dem Vesperbrot, wenn der diffuse Tag unmerklich in die Nacht überzukippen beginnt, vom Dorf durch den frischen Schnee die Aufforstung hinauf zum Glaspass stapfen…» – ein erster Satz, der hier noch lange nicht zu Ende ist, ein typischer Hänny-Satz. Reto Hänny, 1947 im bündnerischen Tschappina geboren, hat vor wenigen Tagen den Schweizer Grand Prix Literatur 2022 zugesprochen erhalten. Darum haben wir ihn als ersten gesucht im Lesebuch zu hundert Jahren Schweizer Literatur, das Charles Linsmayer herausgegeben hat. Hänny ist natürlich drin – aber nicht mit einem Auszug aus seinen Romanen mit den rabiaten Kurztiteln Ruch, Flug oder Sturz, sondern mit einem original für das Lesebuch geschriebenen Text: Glaspass.

Von «überraschend vielen» noch lebenden Autorinnen und Autoren habe er solche bisher unveröffentlichten Beiträge für die Anthologie erhalten, schreibt Linsmayer im Nachwort und bedankt sich für das «intensive Jahr» mit Schweizer Literatur, das ihm die Gespräche mit den Angefragten und die Arbeit am Buch beschert hätten.

Kanon und Entdeckungen
Eine solche intensive Entdeckungsreise durch Regionen, Themen und Jahrzehnte bietet das Buch auch den Leserinnen und Lesern. Es schlägt einen gewaltigen Bogen von 1920 bis 2020, aber geordnet ist es nicht chronologisch, sondern thematisch in kleinen, eher ad hoc gebildeten als systematisch wirkenden Gruppen. «Frühe Erfahrungen» stehen am Anfang, es folgen Texte über die Liebe, über «Väter und Mütter», «Freundschaften», «Städte und Landschaften», die Schweiz wird verhandelt oder der Tod, Schicksale «Auf der Schattenseite» oder Erlebnisse «Jenseits des Realen», Witziges steht neben Tragischem – ein beinah unerschöpfliches Kaleidoskop von Stimmen und Stimmungen.

Walser, Hesse, Ramuz, Hohl, Inglin und so weiter: Die Klassiker sind drin, die Grossschriftsteller von Frisch bis Dürrenmatt bis Burger bis Nizon, die erste Autorinnengarde von Annemarie Schwarzenbach, Alice Rivaz, Amélie Plume, Agota Kristof, Luisa Famos bis Helen Meier. Linsmayer hat den (inoffiziellen, aber über ein Jahrhundert herauskristallisierten) Kanon des viersprachigen Literaturschaffens intus und teils mitgeprägt: Er erinnert auch an Namen, die vermutlich vergessen wären, wenn er sie nicht selber seit den Achtzigerjahren in den 30 Bänden der Reihe «Frühling der Gegenwart» oder in der vierzigbändigen Edition «Reprinted by Huber» ans Licht geholt hätte: Francis Giauque, Cilette Ofaire, Monique Saint-Hélier, Kurt Guggenheim…

Man kommt mit Aufzählen nicht nach. Die Jüngsten? Arno Camenisch, Dorothee Elmiger, Meral Kureishi, Anna Stern, alles Achtzigerjahrgänge. Die Ostschweiz? Neben Elmiger, Meier und Stern sind Regina Ullmann, Niklaus Meienberg, Eveline Hasler, Peter Stamm und Peter Weber in Linsmayers «Long List aufgenommen. Dagegen fehlen wichtige regionale Stimmen wie Christoph Keller, Christian Uetz, Christine Fischer, Renato Kaiser, Lara Stoll und andere.

Generell sind Spoken-Word-Stimmen rar, wohl dem ausdrücklichen Lesebuch-Charakter geschuldet. «Vollständigkeit wurde nicht angestrebt», schreibt Linsmayer gleich selber im Nachwort – bei schweizweit rund 2500 Schriftstellerinnen und Schriftstellern wäre das auch ein Ding der Unmöglichkeit. Die Auswahl habe sich aus seinen Vorlieben und Erfahrungen ergeben. Begründungen, Gewichtungen und Tonalitäten, Wahlverwandtschaften und Kontraste schält das Nachwort heraus, und eine unübertreffliche Leistung sind die 135 Kurzbiografien, je eine Seite lang, die alle im Buch vertretenen Autorinnen und Autoren samt Bild vorstellen.

Vögel und Pilze
Am besten folgt man also als Leser ebenfalls seinen Vorlieben. Findet zum Beispiel Dorothee Elmigers Lockdown-Reflexion Schlafprotokoll, verfasst für eine Produktion am Zürcher Schauspielhaus 2020. Oder einen gespenstisch apokalyptischen Text mit dem Titel Vögel, frittiert der Zürcher Romanautorin Silvia Tschui. Darin ist die Welt, überhitzt und zu Tode ausgebeutet, am Ende, die Farben verloren, der Boden ausgetrocknet, die Wörter vergessen, «und man hatte nie eine Chance». «Verhängnis und Vision» heisst das Kapitel, in dem auch eines der wenigen Gedichte im Band zu finden ist, Raphael Urweiders tropische Trauer. Zur Aufheiterung folgt ein paar Seiten weiter Peter Webers Pilzöffentlichkeit, in der die Hallimasche das letzte Wort haben.

In einer kulturpessimistischen Schlussbetrachtung warnt der Herausgeber vor der «digital unterfütterten Jekami-Unterhaltungskultur globalen Zuschnitts», die das gedruckte Wort zunehmend «in eine Randexistenz» dränge. Er hofft im Gegenzug auf ein Lesepublikum, das, statt «Trends und Moden» zu folgen, dem Geschriebenen wieder mehr Zeit widmet und «zu neugierigen, aufnahmebereiten, geduldigen Adressaten und echten, begeisterungsfähigen Komplizen der Schreibenden» wird. Sein Lesebuch will dazu einen Beitrag leisten.

Dieser Bericht erschien in der Märzausgabe der Kuturzeitschrift Saiten.

Bei der Veranstaltung vom 10. März im Literaturhaus Thurgau sind Klaus Merz uns Silvia Tschui mit auf der Bühne. Begleitet werden Sie vom Gitarristen Philipp Schaufelberger. Moderation Peter Surber

Silvia Tschui, geb. 1974 in Zürich, studierte Germanistik und Grafikdesign. Ihr erster Roman „Jakobs Ross“ war in der Schweiz ein preisgekrönter Bestseller. Ihr aktueller Roman „Der Wod“ erschien bei Rowohlt.
Klaus Merz, geb. 1945, lebt in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt Rainer-Malkowski-Preis (2016) und Christine-Lavant-Preis (2018).

Sturm im Gebälk: Christian Uetz im Literaturhaus!

Er riss ganz ordentlich am alten Gebälk! Ein Mann, der ganz wörtlich kein Blatt vor den Mund nimmt! Der seine Wortkunst dermassen verinnerlicht, dass er sie frei vorträgt. Wobei «Vortrag» dem, was er tut, bei weitem nicht gerecht wird. Christian Uetz ist, was er spricht und schreibt. Christian Uetz ist ein Ereignis – und zusammen mit dem Musiker Adrian Egli sowieso!

Christian Uetz musste eine ordentliche Weile warten. Vor ein paar Jahren spazierte ich mit ihm an den Walliser Hängen und er erzählte mir, er wäre als Thurgauer noch nie im Literaturhaus Thurgau Gast gewesen. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich eines Tages die Ehre haben würde, die Geschicke eben dieses Hauses mitgehalten zu können. Aber nun war er da, Christian im Literaturhaus Thurgau, wo es ihn auch schon viel früher hätte hertragen sollen. Ist er doch nicht nur Thurgauer und einer der wenigen, die sich mit Ostschweizer Wurzeln im Literaturbetrieb etablieren konnten. Seine ersten Gedichte erschienen vor bald 30 Jahren in Beat Brechbühls hoch verdientem Waldgut Verlag. Beat Brechbühl muss gerochen haben, was im damals Dreissigjährigen steckte.

Heute ist Christian Uetz ein literarisches Urgestein, jemand, dem es beim Schreiben um viel mehr geht, als bloss eine Geschichte zu erzählen. Christian Uetz Gedichte, Essays und Romane sind Herausforderung, für viele Provokation, manchmal sogar Zumutung, sowohl inhaltlich wie sprachlich. Ganz sicher aber ist Christian Uetz ein Monolith in der deutschsprachigen Literatur, in der Literaturszene. Jemand, der mit seinem ganzen Sein Sprache und Leidenschaft ist und diese Leidenschaft mehr als wörtlich nimmt. Jemand, durch den sich Sprache manifestiert, der in Zungen redet und schreibt.

Auf eben jenem Spaziergang im Wallis, an einer Weggabelung unter einem Baum, performte Christian Uetz seinen verinnerlichten Text, auswendig und mit weit ausholenden Gesten. Während er zu Hochform auflief, kreuzte das Geschehen eine nichts ahnende Wandergruppe. Ich kann gut nachempfinden, was sich in den Köpfen jener Erstaunten abspielte, als sie den einen gegen den Himmel aufrufend sahen und eine ordentlich grosse Gruppe andächtig Lauschender.

Sein neuster Roman „Das nackte Wort“ ist vieles zugleich; die Findungsgeschichte eines Paars, ein existenzialistisches Tagebuch, ein philosophischer Trommelwirbel und der Versuch, dem Eros Sprache auf die Schliche zu kommen. Er will nicht schmeicheln, wahrscheinlich nicht einmal unterhalten. Aber ganz bestimmt will er Auseinandersetzung, so wie sein Schreiben Auseinandersetzung ist. Er will nicht unterhalten, weil auch sein Schreiben für ihn kein Unterhalten, kein netter Zeitvertreib, sondern bisweilen existenziell in seiner Auseinandersetzung ist.

«Ich war überwältigt von der Begeisterung, die «Das nackte Wort» im Bodmann-Haus auslöste und über die vielen persönlichsten Zusprüche danach! Ebenso hat mich das Zusammenspiel mit Adrian Emmanuel Egli, welches sich völlig aus dem Augenblick improvisierte, ekstatisch entfesselt. Dass die Befürchtung des Protagonisten Georg, die den Alltag lähmende Pandemie werde die Welt so depressiv und agressiv machen, dass sie nur Vorbote von neuen Weltkriegen sei, am Tag der russischen Invasion in die Ukraine wie stummmachende Prophetie klang, machte mir den Abend im Thurgauer Literaturhaus auch zu einem Schicksalstag der Geschichte, den ich doppelt nie vergessen werde.» Christian Uetz

Rezension von «Das nackte Wort» auf literaturblatt.ch

Christian Uetz und Arian Emanuel Egli am Samstag, 26. Februar in der Grabenhalle St. Gallen

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

«Tiny Furniture» Ein haptischer Gegenentwurf – Ausstellung im Literaturhaus Thurgau

Literatur kennt keine Grenzen, ihre Ausdrucksformen schon gar nicht. Die Konstanzerin Christine Zureich beweist, wie sehr Sprache in Dinge eindringen kann, wie unmittelbar sie berühren kann. Die Vernissage zu «Tiny Furniture – Lyrikobjekte für eine schrumpfende Welt»; ein Rausch für die Sinne!

Das gab es schon lange nicht mehr! Ein voller Saal, Gesichter, die man lesen kann, wenigstes etwas von der einstmaligen Unbeschwertheit zurück. Aber da war noch mehr. Wann sind Kinder im Publikum einer Lyriklesung? Wann gibt es den «Jöö-Effekt» sogar bei einer Kunstausstellung?
An diesem Abend im Literaturhaus Thurgau rührte die Ausstellung und die Lesung der Dichtirin, Schriftstellerin, Künstlerin Christine Zureich ein volles Haus in all seinen Sinnen. Da sah man BesucherInnen, die die filigranen Puppenmöbelchen andächtig in den Händen drehten, andere, die an den Vitrinen hängen blieben, forschten, sinnierten, sich wegtragen liessen und wieder andere, denen das Gezeigte das schiere Glück ins Gesicht schrieb.
Da war aber auch eine Künstlerin, die aus einer Lockdownnot eine Leidenschaft entwickelte, deren Tun weit mehr ist beseelt ist vom Wunsch, hinter die Dinge zu sehen, hinter einzelne Wörter, hinter den Gedanken und den inneren Dialog mit Gegenständen, die mehr als Geschichten erzählen.

«Alte Puppenstubenmöbel, teils handgefertigt, überwiegend aus Holz. Alle haben eine Patina, weisen kleine Brüche auf, Risse, Beschädigungen, sichtbare Reparaturen. Neben ihrer Geschichte transportieren sie jetzt auch Worte. Fundstücke aus Altpapier, neu zusammengesetzt und aufgeleimt. Poetische Kommentare in eine Möbelschau geschmuggelt, nicht wie bei Homer im Bauch des Artefakts, sondern auf dessen Hülle.»

©Torben Nudig

Die Objekte sind Zeugen, haben ein Leben hinter sich, Kinder, Menschen, denen die Objekte ans Herz wuchsen. Sie tragen eine Geschichte, Geschichten mit sich. Christine Zureich hört hin, lässt sich flüstern. Genauso wie sie dem Geheimnis einzelner Wörter zu lauschen weiss. Christine Zureichs Kunst ist voller Behutsamkeit, voller Hingabe, voller Zartheit.

«Selbstbefragung: Versteckt sich hinter der Beschäftigung mit diesen fremden Stücken der geheime Wunsch nach einem anderen Leben, einer bürgerlicheren Herkunft? Oder ist das Puppenküchen-Psychologie?»

© Torben Nudig

Ich erinnere mich mit den Puppenstubenmöbeln an meine Kindheit. Es gab ein Nachbarmädchen, deren Vater ihr ein Puppenhaus gebaut hatte, eines mit Küche und Lichtern, Treppen und Türen. In meiner Erinnerung war ich oft bei ihr, spielte aber nicht mit den Puppen, sondern räumte aus und richtete ein, immer wieder. Gebrauchsgegenstände in ihrer Verkleinerung, Verniedlichung, kombiniert mit Lyrik, die nichts mit Verniedlichung, nicht einmal mit Gebrauch am Hut hat. Eigentlich auch hier die Vereinigung von Gegensätzen. Christine Zureichs Lyrikobjekte untergraben die Wahrnehmung!

«Wie mutig von dir, lieber Gallus, auf das Experiment einzusteigen (und das auch noch mit Enthusiasmus!), mich mit meiner vermöbelten Lyrik das Literaturhaus einrichten zu lassen. Du hast damit (und natürlich mit deiner lebendigen Moderation) den Rahmen gesetzt für einen der funkelndsten Abenden seit langem. Aus meiner Sicht, jedenfalls. Danke!» Christine Zureich

Auch wenn es nicht gelingen konnte, die Buchveröffentlichung rechtzeitig auf den Büchertisch zu bekommen, freue ich mich nun umso mehr auf das Buch «Tiny Forniture. Lyrikobjekte für eine schrumpfende Welt«, heraugegeben vom Axel Dielmann Verlag.

Wer die Ausstellung im Literaturhaus besuchen will: Bis am 27. März bleibt die Gelegenheit dazu; entweder an den Veranstaltungen im Literaturhaus oder an den Sonntagen, an denen sie Künstlerin vor Ort ist: am 27. Februar, 6., 13. und 27. März 2022, jeweils 15.00 –17.00 Uhr!

Thurgauer Tagblatt vom 23. Februar 2022

Christian Uetz «Das nackte Wort», Secession

Eine Geschichte fürs Nachttischchen? Nein, sie müssten, wenn sie das Bett mit jemandem teilen und zu erzählen beginnen, mit heftigen Diskussionen rechnen. Strandlektüre? Nein, ausser es stört sie nicht, wenn ihnen die Schamesröte im Liegestuhl in den Kopf steigt. Zur „Reanimation“ auf dem Sofa nach einem Arbeitstag? Ich weiss nicht. Vielleicht erschlägt sie das schmale Buch.

Soll man „Das nackte Wort“ überhaupt lesen? Auf jeden Fall! Wenn man sich selbst etwas zutraut. Wenn man sich nicht ungerne provozieren lässt. Wenn man bereit ist, bei der Lektüre etwas zu investieren – mehr als nur Lebenszeit. Wenn man die Uetz’schen Sprachkaskaden zu geniessen versteht. Erst recht dann, wenn man den Dichter schon einmal live erlebt hat und sich mit der Lektüre der Sound seiner Sprache im Kopf entfaltet. Und nicht zuletzt dann, wenn man im immer grösseren Meer von Büchern nach den Klippen sucht, die das Zeug haben, dass man Schlagseite bekommt. „Das nackte Wort“ ragt wie ein einsamer Monolith aus der Vielheit der Gegenwartsliteratur. Ja doch, Christian Uetz ist ein Polterer, ein Provokateur, aber niemals Schaumschläger oder blosser Selbstinszenierer. Christian Uetz ist es bitter ernst. Er lockt mich aus meiner gedanklichen und weltanschaulichen Komfortzone. Manchmal zerrt er mich förmlich. Er zwingt mich, mich mit meinem eigenen Dasein, meinen Vorstellungen, meinen festgefahrenen Meinungen auseinanderzusetzen. Er rüttelt nicht nur an mir, sondern an den Grundfesten einer Gesellschaftsordnung, die sich schwer tut, sich von Festgefahrenem zu befreien, obwohl leere Kirchen und Querdenkerdemonstrationern vorgaukeln, man sei auf dem Weg der Emanzipation.

Christian Uetz «Das nackte Wort», Secession, 2021, 159 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-96639-045-3

Georg Niemann ist verheiratet und Vater. Er pendelt zwischen Deutschland und der Schweiz, seiner Familie und seiner Arbeit. Seine Ehe ist das, was man eine offene Beziehung nennt. Beide haben an das Gegenüber nicht den Anspruch unbedingter Treue, beide bleiben offen, nicht nur in ausserehelichen Beziehungen, sondern auch im Bestreben, dem andern gegenüber damit offen und ehrlich zu sein. Corona und Lockdown stossen Georg aber in eine innere und äussere Auseinandersetzung mit sich selbst und den Gegebenheiten, die ihn bis in die Grundfesten erschüttern. „Das nackte Wort“ ist eine Art Tagebuch. Georg erzählt von seiner Liebe zu Liv, seiner Frau. Seiner Liebe zu Toa, einer jungen Studentin. Von seinen Dialogen, seinen Gesprächen, seinen Auseinandersetzungen. Von den Tagen, an denen er mit aller verfügbaren Unruhe nach Klarheit und Antworten sucht, denn Georg möchte dienen, sucht nach einer Herrin, die herrscht, sucht nach dem erotischen Kick, der uferlosen Leidenschaft, die das bedingungslose Dienen bei ihm auszulösen vermag. 

Da ist aber nicht nur die Suche nach der grenzenlosen Erregung im Zusammensein mit Liv oder Toa. Georg sucht nach mehr, nach dem Göttlichen im Wort, in der Sprache, nach dem Göttlichen in der unbegrenzten Liebe. Georg schreibt, spricht und argumentiert sich in einen Sprachrausch, weit ab von unbedachten Plaudereien, gedankenlosem Geschwätz, banalem Geschichten-erzählen. Was ich in Georgs Auseinandersetzungen mitlese, reibt  an mir, schleift, eckt an, verunsichert mich. Christian Uetz schreibt keine Wohlfühlprosa. Christian Uetz forscht sprachlich ebenso nach der Göttlichkeit der Sprache, wie nach der Göttlichkeit des Eros. „Das nackte Wort“ ist Prosa gewordene Auseinandersetzung in der von Christian Uetz hochphilosophischen Art (Art sehrwohl doppeldeutig gemeint!).

Dass Christian Uetz zusammen mit dem Musiker Adrian Emanuel Egli zum ersten Mal in „sein“ Literaturhaus eingeladen wird, ist höchste Zeit und tiefe Verneigung vor einem Mann, der sich mit ganzem Geist, ganzer Seele und ganzem Körper der Sprache verschrieben hat!

Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk. Seine Performanceauftritte sind legendär!  Nach «Nur Du, und nur Ich» (2011) und «Sunderwarumbe – Ein Schweizer Requiem» (2012), «Es passierte» (2015) ist «Das nackte Wort» neben vielen Gedichtbänden, den ersten erschienen beim Waldgut Verlag, sein vierter Roman.

Beitragsillustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Klaus Merz aus «firma»

Wir führen
nur sporadisch Buch.
Es geht um die Denk-
würdigkeiten.

 

20. Juli 1968

Fast dämmert es schon unter den hohen Bäumen der Badeanstalt, die ihre Kronen mit den nahen Friedhofsbäumen verschränken. Seit je schwebt leichter Karbolineumgeruch, vermischt mit einem Hauch von Urin, über den grünen Wassern. Frau Droz macht Kasse und räumt das Leckereienkabäuschen auf, sie will heim, läutet mit ihren Schlüsseln. Während der junge Heilsarmeeoffizier zu einem letzten Überschlag vom Einmeterbrett ansetzt, greifen wir entschlossen nach den Kugelschreibern und setzen unsere Signaturen unter den Mietvertrag des Gebäudes, der schon seit dem Morgen in doppelter Ausführung vor uns auf den Badetüchern liegt: Die Firma steht.

 

7. August 1969

Kurz vor Feierabend versetzt Alexander, unser kaufmännischer Lehrling, die junge Belegschaft in Unruhe: Es gebe kein richtiges Leben im falschen, habe er über Mittag in einem Nachruf gelesen. Und er fragt grübelnd nach, ob es das „richtige“ Leben vielleicht gar nicht gebe. Da unser Dasein schon von Grund auf „falsch“ angelegt sei: sodass es eigentlich nur das falsche im falschen geben könne. Was ja dann aber, minus mal minus ergibt plus, durchwegs wieder zum „richtigen“ führen müsse. Unsere Belegschaft atmet auf, hörbar.

 

2. September 1971

Im Frühjahr entsteht neben dem florierenden Betrieb eine Minigolfanlage, achtzehn Bahnen, was bei den Angestellten natürlich stets für unliebsame Ablenkung sorgt und auch wochentags „viele Sportbegeisterte samt Familie ans Schlageisen ruft“, wie der Berichterstatter des Tagblattes elegant festzuhalten weiß. – Am Samstag, es nieselt, ziehen wir das Milchglas hoch, bis über den Scheitelbereich.

 

16. Mai 1972

Wir werden durchleuchtet. Der Wagen der Frauenliga fährt vor – Schirmbild – und macht uns alle ein wenig krank. Zuerst sind die Männer an der Reihe, sie machen sich schon im Freien oben frei. Einatmen. Still- halten. Ausatmen. „Aufatmen“, sagen die Raucher und langen noch schnell nach einem Sargnagel, bevor sie wieder an die Arbeit gehen. „Nach dem Durchleuchten der Damen riecht es jeweils weniger streng im Wagen als bei den Herren, Angstschweiss halt“, sagt der Fahrer, er raucht eine mit. „Die strahlende Röntgenschwester hat uns ja alles ganz leicht gemacht“, sagen wir, versenken die Kippen im  Abwasserschacht.

 

19. Januar 1973

Irina, die wir kurz nach dem Scheitern des Prager Frühlings bei uns aufgenommen und dann gern in der Firma behalten haben, trägt ein Medaillon um den Hals. Wer sich denn unter dem feinen Golddeckel verstecke, wollen wir immer wieder von ihr wissen. Sie widersetzt sich den Neckereien konsequent, „zieht den Eisernen Vorhang zu“, sagt Graber und erschrickt, als Irina ihm ihr Kleinod vor die Nase hält: Es ist ein Bildchen des jungen Jan Palach, der sich aus Protest gegen den sowjetischen Einmarsch auf dem Wenzelsplatz selbst angezündet hat. Vier Jahre zuvor, auf den Tag genau.

 

19. April 1975

Wäre der Geschlechtsverkehr nicht offensichtlich in geschäftseigenen Räumen vollzogen worden, wir hätten darüber hinwegsehen können: Die beiden Beteiligten zeigen ihre erhitzten Gesichter, dahinter unscharf das Firmenlogo. (Vom Fotografen, der das Bild kurz nach Neujahr ans Schwarze Brett gepinnt hat, keine Spur.) Wir haben Stellung beziehen müssen und halten fest: Es ist Liebe. Unterm Reisregen der gesamten Belegschaft verlässt das Hochzeitspaar kurz vor Mittag guter Hoffnung die Kirche.

 

2. April 1978

In unserem Firmenkeller wird getrommelt und geschwitzt. Mittwochnachmittags ist schulfrei, Kambers Sohn hat sich mit drei Freunden und ihrem Schwermetall zwischen den Kartoffelhorden eingerichtet. Von fern nur erahnen wir Obergeschossigen, was es heisst, wenn einem Hören und Sehen vergehen soll. „Gezinst“ wird auf den 1. Januar, ein Gratiskonzert für die Belegschaft, so steht’s im „Vertrag“. Noch wissen wir nicht, ob wir uns darauf freuen oder davor fürchten sollen.

 

7. Februar 1980

Hutlose Lieferanten werden nicht empfangen! Das Emailschild dräut über dem Geschäftseingang unseres einzigen Untermieters, dem permanent klammen Hutfabrikanten mit seinen sieben Kindern. Aus Solidarität zu ihm und seiner kleinen Belegschaft, der zarten Modistin aus Graz, entschliessen wir uns, über der Tür des eigenen Betriebes eine entsprechende Warntafel anzubringen: Herzlose Lieferanten werden nicht empfangen. Der Nachbar dankt es uns mit einem Allwetterhut.

 

7. Januar 1981

Mit ihrem nigelnagelneuen Schweizer Pass in der Jackentasche hat unsere lebensfrohe Irina ihre erste, lang ersehnte Reise in die einstige Heimat angetreten. Anfangs Woche ist sie wieder aus Pilsen zurückgekehrt. Sie habe ihr Geburtshaus betreten, sei vorgegangen bis zum Wohnzimmer: „Auf der Ofenbank sitzt Grossvater, Onkel Pepin auf der Couch, Grossmutter hantiert wie immer in der Küche.“ Beim Erzählen steigen Irina Tränen in die Augen: „Aber ich“, sagt sie, „bin eine andere geworden. Eine Fremde.“

 

11. Juni 1981

„Zweierlei Blunzen. Und dann geschnetzeltes Herz, hat unser neuer Kunde beim Mittagessen im Salzamt in Auftrag gegeben, während mir in meiner kulinarischen Unentschlossenheit nur das Schnitzel (aber was für eines!) in den Sinn gekommen ist.“ – Fast habe er sich vor dem Schlachtverständigen ein wenig geschämt. Überhaupt sei es einer seiner anregendsten Kundenbesuche seit Jahren gewesen, berichtet Karl, der langjährige Aussendienstmitarbeiter, bevor er uns die Bestellliste der Wiener Firma, korrekt wie immer, durchfaxt.

Klaus Merz, geboren 1945 in Aarau, lebt in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Hermann-Hesse-Literaturpreis 1997, Gottfried-Keller-Preis 2004, Aargauer Kulturpreis 2005, Werkpreis der schweizerischen Schillerstiftung 2005, Basler Lyrikpreis und Friedrich-Hölderlin-Preis (beide 2012) sowie zuletzt Rainer-Malkowski-Preis (2016) und Christine-Lavant-Preis (2018). Seit Herbst 2011 erscheint bei Haymon die Werkausgabe Klaus Merz in mehreren Bänden. 2020 ist mit der Erzählung «Im Schläfengebiet» ein Sonderdruck in bibliophilem Gewand und mit einem Begleitwort von Beatrice von Matt erschienen.

Beitragsbild © Fotowerk Aichner

Christine Zureich «Tiny Furniture – Lyrikobjekte für eine schrumpfende Welt»

Eigentlich schreibt Christine Zureich seriös. Also Texte auf Papier mit Stift und Papier oder Tastatur. In der Lockdown-Zeit aber wurde die Arbeit an ihrem aktuellen Romanmanuskript jäh ausgebremst, als über Monate ihr Schreibplatz Homeoffice, Homeschool, Homealles für die ganze Familie wurde. 3 Personen, 2 Türen, offener Grundriss. 

Spaziergänge durch Konstanz wurden zu wichtigen kleinen Fluchten für die Autorin. Auf einer ihrer Runden fand sie in einem „zu verschenken“-Karton eine Stoß Zeitschriften, die sie mitnahm. Zu Hause begann sie, statt darin zu lesen, das Altpapier auseinander zu schneiden, zu neuen Aussagen zusammenzufügen. Eine Methode, mit der auch die Dadaisten vor über 100 Jahren schon spielten, oder auch Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. 

Neu an Zureichs Zugang ist die dritte Dimension: Sie bringt die Worte nicht auf Papier, sondern auf vintage Puppenmöbelchen auf. Das erste Objekt hatte sie dabei schon 2015 collagiert, als Hausaufgabe für einen Online-Kurs eines Art-Colleges. Einem leeren Bücherschrank klebte sie damals einzelne Worte auf, um die Lücken zu benennen. Aber erst mit dem Altpapierfund in der merkwürdigen Zeit holte die Möbelchen-Kiste wieder hervor, das Projekt Tiny Furniture nahm seinen Lauf. 

Entstanden ist mehr als eine neue Form der Lyrikinszenierung. Die sorgfältig ausgesuchten Möbelchen (inzwischen hat Zureich etliche Konvolute zum ursprünglichen hinzu erstanden) gehören untrennbar zu Gesamtaussage des Objekts. Sie erlauben verschiedene Lesarten, Betrachtungsweisen und laden auch weniger lyrikaffine Menschen zum Spiel mit Worten ein. Tiny Furniture verkörpern dabei auf kongeniale Weise Zureichs (K)Lebensphilosophie: Spamt das Leben sich mit Altpapier zu, mach Lyrik draus.

 

I bet you’d rather
polish the
edge of the rainbow
now
Ich habe das Opernglas in die Tasche gesteckt.

1. Trojanische Pferdchen
Alte Puppenstubenmöbel, teils handgefertigt, überwiegend aus Holz. Alle haben eine Patina, weisen kleine Brüche auf, Risse, Beschädigungen, sichtbare Reparaturen. Neben ihrer Geschichte transportieren sie jetzt auch Worte. Fundstücke aus Altpapier, neu zusammengesetzt und aufgeleimt. Poetische Kommentare in eine Möbelschau geschmuggelt, nicht wie bei Homer im Bauch des Artefakts sondern auf dessen Hülle.

*****

 

Tatü
das Heidenröslein vildros (eg. Hedros).
der Knab’, Knabe gosse.

Tata
Mit unterschiedlich verkörperten Ideen, die Welt zu verändern.

2. Schöner Fragen
Sprechen Möbel? Muss man sie immer verstehen? Lassen sich mit Lyrik innere Räume einrichten?

*****

 

unübersehbar Schaden
Aber im Moment ist es Liebe
utväg der Ausweg
Leseübung.

3. Kintsugi
Das Verfahren, mit dem in Japan zerbrochene Keramik gekittet wird. Nicht unauffällig, versteckt, sondern mit Gold. Wie der Faden, der dieses Buch am Rücken zusammenhält. Auf den Möbeln: Papier-Kintsugi, Wort-Kitt.

*****

 

Ort, an dem wir miteinander reden können
Von der Schönheit im Beschädigten
It will be a good year
42:a lektionen
en handling

4. Risse
Leonard Cohen, der singt: There is a crack in everything. That‘s how the light gets in. Brüche, Risse, Beschädigungen überall, nicht nur an Tiny Furniture. Auch an uns. Vielleicht sind sie die Grundlage von Schönheit, Zartheit?

Mit ihren Tiny Furniture präsentiert die in Konstanz lebende Autorin Christine Zureich ein absolut ungewöhnliches Format: Lyrik, die in den Raum spricht, 3D-Gedichte. Aus Zeitschriften ausgeschnittene Worte und alte Puppenmöbel werden zusammengefügt zu poetischen Hybriden irgendwo zwischen Gedicht und Skulptur, selbstvergessenem Wort-Spiel und kompositorischer Strenge. Einen ersten Prototypen schuf Zureich bereits 2015, jedoch erst als mit der Pandemie die Welt zum Stillstand kam, holte sie die Spielzeugkiste wieder aus dem Keller und begann Lyrik in großem Maßstab zu vermöbeln… Zureichs Tiny Furniture passen mit ihrer Brüchigkeit und Verletzlichkeit sehr gut in diese Zeit, setzen ihr dabei zugleich auch etwas entgegen: eine Aufforderung zur bedingungslosen Verspieltheit. 

Zeitgleich mit der Vernissage im Bodmanhaus erscheint im axel dielmann-Verlag, Frankfurt, ein Gedichtband mit dem gleichen Titel. 

Christine Zureich, in Suffern, New York, geboren, studierte Soziologie, Amerikanistik und VWL in Tübingen, Uppsala und Frankfurt Main, wo sie im Anschluss als Übersetzerin und Museumspädagogin arbeitete. Heute lebt sie als freie Autorin und Dozentin in Konstanz am Bodensee. Im Februar 2018 debütierte sie mit ihrem Roman «Garten, Baby!» bei Ullstein fünf, Berlin. 2019 veröffentlichte sie mit «Whisperblower» (Kollaboration mit Veronika Fischer) bei Drei Masken, München, ein Bühnenstück zum Cum Ex Steuerskandal. Für ihr Manuskript «Ellens Song» war sie 2019 für den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis und 2020 für den Hans im Glück-Preis der Stadt Limburg nominiert. Im gleichen Jahr war sie mit der Kurzgeschichte «nahlandig» Preisträgerin des Schwäbischen Literaturpreises.

Webseite der Autorin

Luchsinger, Schmucki und Friedmann im Ungefähren als «Nœise» im Literaturhaus Thurgau

Literaturhäuser sind Schmelztiegel. Der Trompeter Christoph Luchsinger und die Ton-und Klangkünstler Annette Schmucki und Reno Friedmann verwandelten die Räume des Literaturhauses in eine vielstimmige Stimmen- und Toninstallation, die sich ganz bewusst gängigen Hörerfahrungen entgegenstemmte. Für einmal war Missverständnis erfrischend!

Sonst ist es im Haus eher ruhig, manchmal still, fast unheimlich still. Gäste berichten gar über nächtliche Geister. Manchmal scheine ich der einzige im Haus zu sein. Ich höre es atmen, die Geister und Seelen all jener, die in diesen Räumen lebten, schrieben, rangen. Aber zwischendurch schweigt alles, ausser Autotüren, Motorenlärm und das Gekläff der Hunde.

Aber immer wieder füllt sich das Haus mit Leben, strahlt aus und saugt ein – und zusammen mit den Klangkünstlern Christoph Luchsinger (Trompete), Annette Schmucki und Reto Friedmann (beide Konzept, Text, Komposition und Performance) mit einem ganz eigenen Klang-, Geräusch-, Sprach- und Tonnebel.

Im Untergeschoss stehen einzelne Transistorradios in Räumen verteilt, jeder in seiner eigenen Tonspur; russisch, chinesisch, englisch, albanisch, deutsch, thurgauisch und ungarisch. Christoph Luchsinger mit Trompete und Kopfhörer folgt seiner thurgauer Tonspur, antwortet, interpretiert und spricht mit seiner Trompete, wandelt durch die Räume, lehnt an einer Wand neben dem Bild Emanuel von Bodmans, dem Namensgeber des Hauses, einer Stimme, die immer leiser wird. Oder er kauert tief in einer Ecke vor der Tür zur Gästewohnung, wo sonst geschrieben wird, nur auf der anderen Seite, davor, dort, wo sonst vorbeigegangen wird. Mit geschlossenen Augen. «Ungefähre» nennt sich die Performance, die anschliessend im «Konzertsaal» unter dem Dach des Literaturhauses weiterklingt, die mich als Besucher mitnimmt ins Ungefähre, nicht Unfassbare.


Irgendwann sitzen die meisten Besucherinnen und Besucher irgendwo in den Räumen, die einen lesend in der ungefähren Geräusch- und Klangkulisse, die andern redend und schwatzend wie der Musiker selbst.

Aus den Transistorradios tönt es babylonisch, gleichzeitig, in- und übereinander, von einem Raum in den andern, bis hinauf unters Dach, wo Transistorradios zu Radioorchestern angeordnet sind, Inseln in einem Raum. Man will hören, verstehen oder einordnen, andere möglichst das Ganze auf sich wirken lassen, dabei entzieht sich Sprache, verweigert sich. Vielleicht ein Spiegel dessen, was in Gesellschaft, in der Kultur passiert, wo Eindeutigkeit immer weniger gefragt ist, Verwirrung und Verirrung um sich greift, sich das Fassbare in Nischen zurückzieht, vor dem man niederknien muss, um es verstehen zu können.

Christoph Luchsingers Spiel ist ein durch eine Trompete geblasener Sprechgesang in einer Vielstimmigkeit, die nicht in erster Linie gefallen will. Luchsingers Trompete schmeichelt nicht, ebenso wenig das «Radioorchester». Aber Nœise spiegelt die Welt.

«rauschen, wörter, stille stille. «noch nie sei stille so hörbar gewesen». es gab kein entrinnen. stille kann man nicht stillen. die stille will ausgehalten sein. wie der radiofone mix aus unterschiedlichstem rauschen, plärren, fiepen, singen zu beginn der performance – stille ist dehnbar. besonders für den trompeter, der über lange zeit konzentriert keinen ton spielen durfte. lieber gallus frei, liebe brigitte conrad, es war ein sehr schöner abend bei euch im bodmanhaus. lyrik aus wort, aus laut, aus ton, aus stille. aus dem zusammentreffen von all dem. lyrik wie aus einem wohlunpräparierten mixer. herausfordernd. herausfordernd und unvergesslich auch wegen der mitperformenden elektroheizung, die unsere ukw-sender ausser gefecht setzte und uns bis kurz vor der aufführung fast zum verzweifeln brachte. euer blablabor, annette schmucki und reto friedmann mit christoph luchsinger»

Thomas Kunst im Literaturhaus Thurgau: „Es war ein Fest bei euch!“

„Um aus Zandschow herauszukommen, bleibt er in Zandschow“, steht im Roman „Zandschower Klinken“ von Thomas Kunst, einem Roman, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises für Furore sorgte und selbst auf dieser Liste von gewissen KritikerInnen nicht ernst genommen werden wollte.

Man kann diesen Satz vielfältig verstehen. Vielleicht auch in den verschiedensten Lesarten eines Buches, in den vielfältigen Möglichkeiten mit Sprache Leben zu gestalten. Wer nur das eine sieht, wem von vorneweg klar ist, wie Literatur sein muss, wer sich in fixen Kategorien bewegt, wer eine Geschichte erzählt haben will mit klarem Schnittmuster und einem kunstvollen Plott, der ist mit Thomas Kunsts Prosa schlecht bedient. Da schreibt einer fernab von allen Paradigmen, denen sich der Literaturbetrieb im Gravitationsfeld der verschiedensten Interessen angepasst hat.

Thomas Kunst macht in einem Interview sehr deutlich, was er mit seinem Schreiben will und nicht will: „Mich interessiert keine Linarität, keine Nacherzählbarkeit. Mein Erzählen ist ein chaotischer Klumpen aus Einzeleinfällen, die ich irgendwie zusammenfüge.“ Was aus diesem angekündigten Chaos entsteht, ist aber alles andere als ein wirrer Haufen Sätze. Thomas Kunst lässt sich treiben, sowohl im Geschehen, wie in seiner Sprache. Sein Roman mäandert zwischen den verschiedensten Erzählweisen; manchmal wie ein Bericht, ein Brief, ein Gebet, ein Gedicht, eine Stimmung. Er mäandert auch in seinen Perspektiven, mal ganz nahe, mal von weit weg. Thomas Kunst liebt seine Figuren, die Gegend, die Sonderlinge, die Gestrandeten, die Erfolglosen, Gescheiterten, Aufrechtgebiebenen. Thomas Kunst erklärt nicht die Welt, schon gar nicht das idealisierte, verklärte Landleben, das in Magazinen bis zur Unkenntlichkeit entfremdet wird.

„Zu Beginn eines jeden Buches ist Wut und Zorn“, erklärt Thomas Kunst an der Lesung im Literaturhaus Thurgau. Eine Energie, eine Kraft, die der Autor in ausufernde Kreativität verwandeln kann. Das verlangt von mir als Leser einiges ab. „Ich habe grosse Lust, LeserInnen zur Weissglut zu bringen“, sagt Thomas Kunst in einem Interview. Seine Sprachkunst flötet nicht mit leisen Tönen, will mich nicht verzücken, schmeichelt mir nicht, schon gar nicht meinen eintrainierten Lesegewohnheiten, obwohl Thomas Kunsts Roman durchaus moralische Kraft hat, wenn er sich selbst ganz dezidiert als „politischer Autor“ bezeichnet. In “Zandschower Klinken“ steckt viel Kritik, viel Gesellschaftskritik, auch viel DDR, ohne dass der Roman ein Wenderoman oder ein DDR-Roman wäre. „Zandschower Klinken“ ist vielleicht eine Art Gegenentwurf zu all den „Dorfromanen“, die in der aktuellen Literaturszene Hochkonjunktur haben.

„Zandschower Klinken“ strotzt vor Potenz. Wer sich auf Kunst einlässt, wird belohnt, auch wenn einem der Autor nicht brav an der Hand nimmt.

Rezension von «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Michael Fehr «super light», Der gesunde Menschenversand

Michael Fehr ist ein Phänomen. Da sitzt einer gleich neben mir an einem kleinen Tischchen, ein Glas Wasser, ein kleines schwarzes Büchlein und ein Mobilphone mit einer Tastatur auf dem Display. Er stampft und klatscht, gibt den Rhythmus mit Luft, die durch die Lippen schiesst, singt und gibt den Bass, ein einziges vielfältiges Instrument von der Sohle bis zum Scheitel. Mensch gewordenes Lebensgefühl!

Besucht man die Webseite von Michael Fehr, springt einem der Schriftsteller und Dichter nicht gleich entgegen. Auf den ersten Blick könnte er auch ein Musiker sein. Vielleicht ein Saxophonist, einer, der mit seinem rauen Spiel die Szene aufmischt. Vielleicht ist dieser erste Eindruck ja auch gar nicht falsch. Vielleicht ist Michael Fehr einmal Musiker, einmal Dichter, ein Stimm- und Wortmusiker, oder alles in einer Person. Einer, der mit seiner eigenwilligen Kunst schwer einzuordnen ist, es tunlichst vermeidet, einer Schulbade zuzugehören. Michael Fehr ist Schriftsteller, Dichter, Performer, Sänger. Jedes seiner Bücher ist eine Überraschung, so wie man davon ausgehen kann, dass sein im Frühling erscheinendes Buch „Hotel der Zuversicht“ auch zu einem Sprach- und Leseexperiment wird. Vielleicht ist Michael Fehr so etwas wie der Tom Waits der Schweizer Literatur, ein bisschen «lonsome Cowboy».

Michael Fehr «super light», Der gesunde Menschenversand, 2021, 45 Seiten, CHF 15.00, direkt beim Verlag zu beziehen

Das sind für die Charakterisierung eines Künstlers vielleicht ein bisschen viele «Vielleicht“. Wer „super light“ auf der Bühne lauscht, den entführt Michael Fehr in eine ungefähre Zwischenwelt. Ein Vielleicht. Das mag mit der Entstehung seiner Texte zusammenhängen, da sie viel näher am Klang, am Sound, an der Akustik sind, als bei den meisten anderen Wortkünstlern, bei denen die noch stumme Schrift vorausgeht. Das mag an der Konzentration seiner Sprache liegen, an der Verdichtung der Bilder, einer Szenerie der Verknappung. Michael Fehr Erzählminiaturen öffnen Räume, erst recht, wenn er sie selber liest, noch viel mehr, wenn er sie in einen Rhythmus setzt, sein ganzer Körper mitgeht, wenn er singt, wenn er seine Augen schliesst und seine Arme in der Luft seinem Gesang Richtung geben.

Michael Fehr gab an diesem Abend sehr viel von sich, seinen Arbeiten, seinem Ringen um Sprache, seinem Denken und Nachdenken preis. Gedanken, die in seine Texte fliessen, von denen er durchdrungen ist, die durch seine Performance ein Ventil finden. Vielleicht auch, um sich angesichts der vielen Ungerechtigkeiten Luft zu machen.

Das Literaturhaus Thurgau dankt Michael Fehr und im Speziellen der Zeitschrift ERNST für die Zusammenarbeit!

Die Redaktion des Magazins ERNST, einem Schweizer Magazin, das sich sehr ambitioniert mit den verschiedensten Themen auseinandersetzt, nicht zuletzt literarisch, beabsichtigte schon lange eine Nummer zur Literatur, zum Buch. Nun wurde es gar eine Doppelnummer zum Thema „Manuskript“. Angefragt wurden Schreibende, sich zu ihren ganz verschiedenen Arten des Schreibens zu äussern. Darunter Gianna Molinari, Paul Nixon und Michael Fehr. Mehr Informationen zum ERNST.

Michael Fehr, geboren 1982, aufgewachsen in Muri bei Bern. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut und am Y Institut der Hochschule der Künste Bern. 2014 gewann Fehr mit einem Auszug aus «Simeliberg» den Kelag-Preis und den Preis der Automatischen Literaturkritik in Klagenfurt.

superliecht auf YouTube

Beitragsbilder © Marc Doradzillo

Thomas Kunst „Zandschower Klinken“, Suhrkamp

Thomas Kunst ist ein Meister der skurrilen Poesie. Dass es sein neuster Roman „Zandschower Klinken“ in die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, ehrt das Buch, den Schriftsteller, aber auch die Jury des Buchpreises, die ein Buch ins Scheinwerferlicht stellen wollte, das in vielem gängigen Mustern widerspricht. „Zandschower Klinken“ ist ganz und gar Kunst-Werk!

Das Wort „Klinke“ müsste man vielen in der Schweiz erklären. Das helvetische Pendant „Türfalle“ würde wohl nicht klingen wie Klinke, ergäbe aber in der Geschichte durchaus Sinn. Zandschow gibt es nicht, genauso wie seinen Nachbarort Höverlake. Aber Zandschov muss irgendwo in der flachen Pampas Norddeutschlands liegen. Ein Kaff, ein paar Häuser und ein Feuerwehrteich mit einer Schenke am Ufer und einer kleinen Insel mitten im kleinen Wasser.

„Im glücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, die du liebst. Im unglücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, kurz vor deinem Tod, die dir egal sind.“

Thomas Kunst «Zandschower Klinken», Suhrkamp, 254 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-518-42992-1

Bengt Claasen ist mit seinem Auto aus seinem alten Leben weggefahren, mit der Absicht, nicht zurückzukehren und dort zu bleiben, wo das Hundehalsband, das er auf das Armaturenbrett unter der Frontscheibe gelegt hat, runterrutscht. Folglich fährt Claasen langsam, langsam und sehr lange. Ungeachtet dessen, dass sich andere Autos hinter dem seinigen stauen und hupen. Bis das Hundehalsband wirklich rutscht und er seinen Wagen an den Strassenrand stellt, nicht weit von Zandschow, dem kleinen Ort im Nirgendwo. Kulturelles und gesellschaftliches Zentrum dort ist die Schenke am Feuerlöschteich; „Getränke-Wolf“. Dort gibt es alles, was es zum Existieren braucht. Und wenn nicht, dann hilft Getränke Wolf auch mal bei den Etiketten nach, um die Bedürfnisse seiner Gäste zu stillen. Zandschow folgt einem strikten Wochenplan. Am Montag übt man im ausrangierten Bauwagen das U-Bahn-Fahren, dienstags die Handhabung eines wiederbelebten Geldautomaten zwischen den Bäumen am Feuerlöschteich. Mittwochs dann die Europakonferenz mit Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Altersdemut und Selbstverteidigung. Am Donnerstag werden Plastikschwäne ausgesetzt, an den Freitagen soll jeder im Ort demonstrieren, wie der Weltuntergang manipulativ aufzuhalten sei und die Wochenenden sind zur Naherholung an der Küste. Der Teich ist Zandschows Indischer Ozean und Getränke Wolfs Sansibar. Im hintern Teil des Ladens steht eine Sonnenbank mit Lichtanimationen im Innenraum. Auch Wolf ist einer, der hätte gehen können, aber geblieben ist. Und wenn man nicht in die Welt draussen zieht, dann holt man die Welt zu sich, Sansibar an den Feuerlöschteich, feiert jedes Jahr das Darajani-Fest mit Hängematten und Freibier.

„Wolf besass alles, um aus Zandschow herauszukommen. Um aus Zandschow herauszukommen, blieb er in Zandschow.“

Claasen ist nicht der einzig Gestrandete in Zandschow. Da gibt es auch noch den Kleinen Grabosch, der vor Jahren mit einem Handwagen, allerlei Zeugs und einem übergrossen Kronleuchter in Zandschow ankam. Grabosch auf der Suche nach einem Ort, einer Decke, einem Raum für seine Leuchte.

Zandschow ist ernstzunehmen. Zandschow ist der Gegenentwurf zur Rationalität. Claasen hat sein Leben zurückgelassen. Zum Wenigen, das er mitnahm, gehört das Hundehalsband ohne Hund und seine Erinnerungen. Erinnerungen an seine Familie, einen fehlenden Vater, eine strenge Mutter und sein Reh, seine Schwester.

Es geht nicht darum, die Geschichte zu verstehen. So wenig, wie es dem Autor darum geht, eine Geschichte zu erzählen. „Zandschower Klinken“ ist eine literarische Symphonie mit Themen, die immer wieder auftauchen, Wiederholungen, Verdopplungen. Man spürt die Musikalität des Textes. Zugegeben, die Komposition ist eigenwillig und, zumindest für mich, nicht immer nachvollziehbar. Aber eben genauso wie das Leben selbst, dass nie einem Plan folgt, das eigenwillig bleibt, voller Wiederholungen und Zusammenhängen, die sich nie erschliessen. Thomas Kunst Roman hat etwas Fellinisches, einen ganz eigenen Zauber.

Thomas Kunst, geb. 1965, studierte zunächst Pädagogik. Er schreibt Lyrik und Prosa und befasst sich mit musikalischer Improvisation (Gitarre und Violine). Kunst debütierte 1991 bei Reclam Leipzig mit dem Buch «Besorg noch für das Segel die Chaussee. Gedichte und eine Erzählung». Seitdem sind seine Texte in 16 Einzeltiteln sowie in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Internet veröffentlicht worden. Thomas Kunst ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, lebt und arbeitet in Cuba.

Webseite des Autors

Illustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau