Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat

Julia Weber verblüfft. Nicht nur weil ihr mit „Weil ich Ruth bin“ ein aussergewöhnlicher Roman gelungen ist, sondern weil das Buch während des Lesens Wirkungen erzielt, die ganz selten sind. Das Buch umarmt mich, Julia Webers Sprache umgarnt mich. Und dabei hätte die Geschichte genug Stoff, der schmerzt. Messerstiche, die wehtun.

Ein Mutter-Tochter-Buch, ein Buch über Freundschaft, ein Liebesroman, die Geschichte einer Frau, die sich einer Welt ausgesetzt findet, die nur schlecht mit dem Ungenormten umgehen kann, ein Roman über die Macht der Verwandlung, über Selbstfindung, über das Geheimnis des ganz eigenen Selbst. Stoff genug, um sich zu verlieren, als Autorin genauso wie als Lesende. Aber Julia Weber erschafft einen Kosmos des Kleinräumigen, der trunken macht, der mich staunen lässt. Da hat sich eine Autorin in einen Rausch geschrieben, einen mitreissenden Sprachstrom, der mich unweigerlich nach wenigen Seiten erfasst und erst  mit der letzten Seite loslässt.

Ruth ist anders, schon als sie zur Welt kommt. Ihr Körper ist mit einem feinen Flaum bedeckt, mit Haaren, die wachsen, von denen die Mutter weiss, dass sie mehr als bloss Haare sind, dass sie Zeichen sind, wie schon bei ihr, als sie Kind war, bei Ruths Grossmutter, in der langen Reihe der Frauen. Was erst nur Zeichen ist und die Umgebung verunsichert, das Leben für die kleine Ruth zum Märtyrium macht, wandelt sich mit zunehmendem Alter zu einer Art Larvenstadium, denn Ruth ist nicht einfach ein haariges Mädchen (auch wenn der Begriff für ihre Zukunft ein durchaus treffender ist), sie entwickelt besondere Kräfte, besondere Fähigkeiten. So wie in ihrem „Schweif“ unerklärliche Dinge passieren können, so entwickelt sie die Fähigkeit, Menschen in Tiere zu verwandeln. Was am Anfang wie ein Zaubertrick erscheint, für die Betroffenen, die Auserwählten zu einem kurzen Glück wird, wird mit zunehmendem Alter für immer mehr Menschen in Ruths Umgebung ein Tor zum Glück, eine Tür zur Flucht. Gleichzeitig für eine Umgebung, die sich schwer tut mit einem Mädchen, einer jungen Frau, die nicht ist, wie sie sein sollte.

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat, 2026, 464 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03926-101-7

Solange Ruth Kind ist, wird ihr Anderssein geduldet. Aber als junge Erwachsene, erst recht als Ruth eine eigene, kleine Wohnung bezieht, wird sie mit Argwohn beobachtet. Eine Entfremdung, die Ruth auch in den Reaktionen derer sieht, die sie doch eigentlich liebt. Allen voran Toni, mit dem sie als Kind und Jugendliche eine tiefe Freundschaft verbindet, eine Liebe mit Glitzerstaub, der sich aber mit einem Mal abwendet, als er zum Mann wird.

Ruth muss nicht nur bei Toni erfahren, dass die Welt nicht die ist, von der sie gerne ein Teil wäre. An die Seite ihrer Mutter klebt sich ein neuer Mann, der die Welt seiner Mutter immer kleiner macht, bis diese sich in ihrer Angst, einen Fehler zu machen, gänzlich einschliessen lässt. Und Linda, die eine Freundin noch aus der Schulzeit, die schöne, grosse Linda eines Tages mit ihrem Kind vor ihrer Wohnung steht und Hilfe braucht. Nicht nur weil ihr Mann sie schlägt, sondern weil Linda den Tritt nicht mehr findet. So wie viele in ihrer Umgebung, denen Ruth zu einem Anker geworden ist, zur einzigen Verbindung mit jenem Stück Welt, zu der sie in der Realität den Kontakt verloren. Es wird eng in Ruths Wohnung, eng in Ruths Leben.

Ruth ist von jener Sorte Mensch, die zum Schwamm werden, von denen man nimmt, die bis zur Selbstaufgabe geben. Aber auch von jener Sorte Mensch, denen es schwer fällt, die ungeschriebenen Gesetze einer immer rationaler werdenden Gesellschaft zu akzeptieren. Ruth wird zu einem Medium, das an der scheinbaren Wirklichkeit zu zerbrechen droht, zu einem Mensch, der nicht akzeptieren will und kann, dass all das, was in den ersten Jahren eines Lebens ein fluider Zustand ist, jener Zustand des Glücks, der nicht nur für einen Moment aufblitzt. Ruth ist auf der Suche nach ihrem Vater und findet ihn bloss dort, wo er nicht ist. Sie sehnt sich nach Liebe, nach Geborgenheit und kämpft gegen toxische Männlichkeit.

Die Geschichte fasziniert; opulent, sinnlich, phantastisch (ganz wörtlich). Aber noch viel mehr fasziniert die Sprache, dieser ganz eigene, satte Sound und Julia Webers Fähigkeit aus dem Schmerz eine konstruktive Kraft zu erzeugen. Dieser Roman schafft etwas, was nur in ganz wenigen Büchern zu finden ist; das Glück des Lesens!

Interview

Dein Buch ist auf ganz eigenartige Weise faszinierend. Man leidet mit der Figur Ruth. Man leidet an der Welt, in der sie lebt. Man leidet an dem, woran das Personal in deinem Buch leiden muss. Und trotzdem tut einem das Lesen gut. Weil es nicht die Geschichte ist, sondern die Musik deiner Sprache. Kannst du etwas darüber erzählen, wie du zum Sound in deiner Sprache gekommen bist und wie du es geschafft hast, diesen Sound über mehr als 400 Seiten funktionieren zu lassen.

Diese Sprache, die auch in «Weil ich Ruth bin» noch vorhanden ist, habe ich in Biel am Literaturinstitut angefangen zu üben und suchen und entwickeln. Für mich hat Kunst sehr viel mit Zugewandtheit und Trost zu tun und soll dennoch ein Ort sein, der die Welt schonungslos zeigt. Das könnte ein Widerspruch sein, und ist es in der Kunst nicht, weil man dort das Schreckliche direkt neben das Schöne stellen kann. Ich habe in meinem ersten Buch «Immer ist alles schön» eine Sprache entwickelt, indem ich in mein Notizbuch geschrieben habe, um das genaue Betrachten zu üben. Jeden Tag habe ich das scheinbar Langweilige und Graue versucht besonders zu beschreiben. Ich habe versucht, eine hoffnungsvolle Sprache in diese Welt der Funktion und der Macht und des Geldes zu setzen. 
Und von dieser Sprache der Durchlässigkeit und Zugewandtheit lebt auch «Weil ich Ruth bin». So kann eine Geschichte, die noch so traurig ist, Trost geben. Manchmal schien mir die Sprache von Ruth fast zu intensiv, wie ein Schnaps oder auch ein Elixier, vielleicht ein Zaubertrank, dann habe ich versucht, sie etwas gemächlicher zu machen oder sanfter, sodass man das Buch über 400 Seiten lesen kann. Ich glaube, das ist mir gelungen, ohne sie wässrig zu machen

In den Roman eingefügt sind kurze, kursiv gedruckte Textpassagen, die nach dem Vater suchen und vor allem das finden, was fehlt, wo er nicht ist. Ein Abtasten in der Leere. Im Roman selbst gibt es diese Suche nicht. Die Versuche von Ruth, von ihrer Mutter etwas über den fehlenden Vater zu erfahren, werden ziemlich rigoros abgeblockt. Wie kam es zu diesen Passagen, die ganz anders „klingen“?

Ich habe ein paarmal überlegt, diese Passagen rauszunehmen, gerade weil sie vom Ton her nicht immer passen. Aber ich konnte nicht. Es sind Stücke von Ruth, ein Fragen vielleicht auch von mir an sie, an ihre Schwäche, die es gibt, auch wenn Ruth wahnsinnig stark ist. Auch sie ist ein normaler Mensch, auch sie ist ein Kind, das seine Mutter liebt, das Angst hat, das seinen Vater vermisst, das sich eine Welt wünscht, in der die Menschen gut zueinander sind. Diese Passagen sind eigentlich Briefe. Sind die Bitte an ihren Vater, den es nicht gibt, aber den sie sich vorstellen und wünschen kann, und also sind es Briefe an alle männlichen Personen auf dieser Welt. Ein Wunsch nach mehr Weichheit und Verletzlichkeit, mehr Unsicherheit.

Man suggeriert uns zwar immer wieder, jeder Mensch müsse seine ganz eigene Fähigkeit, Begabung, Kraft finden. Es wäre die ureigenste Aufgabe von Erziehung und Bildung, den Weg dorthin zu finden. Ist dein Buch auch die Bestandsaufnahme dessen, was wirklich passiert? Dass wir gelebt werden? Dass man sich Menschen untertan macht, dass man sie intrumentalisiert, statt nach ihrem Kern zu suchen?

Ja, das ist es bestimmt. Das ist schon immer ein Teil meines Schreibens gewesen, eigentlich das Kernthema all meiner Bücher. Der Wunsch, die Gesellschaft so zu formen, dass in ihr mehr Vielfalt, Lebendigkeit und Wärme und vielleicht weniger Funktionalität und Leistung möglich ist. Das wünschte ich mir. Ich glaube, wir könnten noch ganz anders zusammenleben, als wir es tun und dennoch erfüllt sein und satt. Und für mich hat die Art der Individualität, die so gepriesen wird, eigentlich mehr mit dem Kapitalismus zu tun als mit der Lebendigkeit und Verwandlung und dem Vorhandensein, die Ruth lebt und feiert und in die Menschen legt. Sie verwandelt Menschen in Tiere, damit sie vergessen, dass sie noch Yoga machen müssten und sich eine Creme bestellen, die ihr 30jähriges Ich zurückbringt, das schon damals unglücklich war, weil es nie so schön und erfolgreich und fleissig war wie die Menschen auf den Plakaten an der Bushaltestelle. 

© Sandra Kottonau

Du bist Mutter, Familienfrau und Schriftstellerin. Niemand weiss so gut wie du, wie sehr wir in Rollenbildern eingebunden sind. Ein bisschen abgeändert könnte der Titel deines Romans doch auch der Titel deines Lebens sein; Weil ich Julia bin. Ich bin sicher, dass dein Buch Mut macht, damit jede und jeder dort seinen Namen einsetzen kann. Und trotzdem kann „Mut-machen“ nicht deine Motivation gewesen sein. Was stand ganz am Anfang dieses Manuskripts?

Am Anfang stand eine Anfrage von Michelle Steinbeck, die damals noch Redaktorin der Fabrikzeitung in Zürich war. Sie haben eine Ausgabe zu Irmgard Keun gemacht und sie hat mich gebeten einen Text zu schreiben. Ich habe dann versucht die Protagonistin von „Das kunstseidene Mädchen» in die Gegenwart zu holen. Ihr Selbstbewusstsein hat mich sehr fasziniert, diese Figur, die in der Zeit der Weimarer Republik lebte und die als Frau fast keine Rechte hatte, die in Not lebte und sich darum verkaufen musste, behielt ihren Stolz, war klar und autonom in einer Art und Weise, die ich sehr bewundere. Ich habe das gleiche in Ruth gesucht. Und nach 4 Seiten schreiben habe ich gemerkt, dass ich da weitermachen will, dass Ruth mir noch einiges erzählt. Und sie ist auch eine Figur, die ich bewundere, weil sie Charakterzüge hat, die ich an mir vermisse. Sie kann zum Beispiel gut wütend sein, was mir oft schwer fällt.

Männer kommen in deinem Roman schlecht weg. Als Lesender muss man das ertragen. Ich musste es ertragen, obwohl ich es vor allem als Katalysator zur Selbstreflexion verstand. Eigenartig aber war meine Reaktion während des Lesens trotzdem. Ich fühlte mich nie angegriffen, sehr wohl aber gespiegelt, nicht zuletzt in der Suche nach dem fehlenden Vater. Was hast du mit diesem Buch gefunden?

Oh, was habe ich gefunden? Ich habe viel gefunden. Ich habe Ruth gefunden, die stark ist und gleichzeitig verletzlich. Ich habe keine Lösungen gefunden. Ich habe Bilder gefunden, wie Menschen sein könnten, wie sie zusammenleben. Manchmal habe ich auch ein bisschen Rache gefunden, wenn ich Ruth jemandem die Hand schwer werden lassen konnte, der eigentlich jemanden gegen ihren Willen berühren wollte. Oder wenn sie einen Mann in ein Tier verwandelt und ihn so harmlos macht. Ich habe auch einen Weg gefunden, meine Wut in Sätze zu formen. 

Liebe Julia, vielen Dank. Wir sehen uns bestimmt im November im Foyer im Theater Basel!  Und natürlich am Wortlaut!

Julia Weber wird 1983 in Moshi (Tansania) geboren und zieht 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Nach der Schule macht sie eine Lehre als Fotofachangestellte und absolviert die gestalterische Berufsmaturität. Von 2009 bis 2012 studiert Julia Weber literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne. Im Jahr 2012 gründet sie den Literaturdienst (www.literaturdienst.ch ) und ist 2015 Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht.
Im Frühjahr 2017 erschien ihr Debüt «Immer ist alles schön», das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem internationalen Franz-Tumler-Literaturpreis, der Alfred Döblin Medaille der Universität Mainz, 2017 steht der Roman auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

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Webseite der Autorin

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Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat

Ein Mann wird mit der Geschichte, dem Schicksal seiner Familie konfrontiert. Erst der Tod seines Vaters, mit dem ihn nichts mehr zu verbinden schien, öffnet das Tor zu einem Teil eines verschlossenen Lebens. Usama Al Shahmani erzählt vom Schrecken der Geschichte und von der Macht der Verdrängung.

Geschichte, historisches Bewusstsein ist stets perspektivisch, das Resultat von Hervorheben und Verdrängen. Und wie sehr erlebte Geschichte mit ihren letzten direkt Betroffenen ins Vergessen abzurutschen, aus dem Bewusstsein einer Gegenwart zu verschwinden droht, erst recht wenn jene sterben, die unmittelbar mit den Geschehnissen in der Vergangenheit verbunden waren, daran erinnern all jene, die in irgend welcher Form auch immer gegen dieses Vergessen ankämpften. Bestes Beispiel war Margot Fiedländer, die sich bis zu ihrem Tod 2025 als eine der letzten Überlebenden des Holocausts als Zeitzeugin engagierte. Aber auch im Innerfamiliären, in der Verwandtschaft kann der Tod unliebsame Teile der Geschichte einer Familie, einer Kultur ins Vergessen reissen. Wissen wir, woher wir kommen? Kennen wir die Geschichte unserer Vorfahren? Sind wir uns dessen bewusst, woher das Wasser kommt, das unser Leben möglich macht?

Im neuen Roman von Usama Al Shahmani wird Gadi, der schon seit Jahrzehnten in Zürich als Dozent für hebräische Sprache lebt, von seiner Schwester ans Sterbebett seines Vaters Zakai Mieche in einem Spital in Jerusalem gerufen. Gadi fliegt, nicht wegen seines Vaters, schon eher wegen seiner Schwester und ganz sicher aus einem Pflichtgefühl seiner Familie gegenüber. Seit dreissig Jahren war nichts mehr zwischen ihm und seinem Vater. Selbst als sie noch eine Familie waren, war sein Vater keiner, der sich fürsorglich um die Familie kümmerte, der irgendwann aus der Familie verschwand. Irgendwann zerbrach das Band zwischen Sohn und Vater ganz.

Gadis Vater Zakai hinterlässt seinen beiden Kindern ein Testament und einen Stapel Aufzeichnungen, Dokumente, Briefe und Hefte und den einen, letzten Wunsch, man möge die Hälfte seiner Asche in den Tigris, den Fluss, der durch Bagdad fliesst, streuen.

Gadi nimmt sich der Asche und den Dokumenten an, reist zurück nach Zürich und beginnt schon im Flugzeug, in den Aufzeichnungen seines Vaters zu lesen. Anfangs mit Widerwillen, dann mehr und mehr mit der Ahnung, dass sich da etwas offenbart, von dem er keine Ahnung hatte. Die Aufzeichnungen erzählen die Geschichte seiner Familie, die Geschichte einer jüdischen Familie in der irakischen Hauptstadt Bagdad, die Leidensgeschichte der irakischen Juden. In den Wirren der Geschichte, unter Saddam Hussein, in Kriegen und unter amerikanischen Bomben drohten die Juden all das zu verlieren, was zuvor über Jahrhunderte das Leben in der Stadt ausmachte; ein friedliches, befruchtendes Zusammenleben vieler Religionen, die Auslöschung einer mehr als 2000jährigen jüdischen Tradition. Gadi liest von seiner Herkunft, seiner Geschichte. Mit einem Mal wird ihm bewusst, wie wenig er weiss, nicht nur von der Geschichte seiner Familie, auch von der Geschichte seines Herkunftslandes.

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat, 2025, 224 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-093-5

Gadi erfährt von seinem Grossvater, der in Bagdad eine Fabrik besass und sich massgeblich einmischte in die Geschicke eines Vielvölkerstaates. Er erfährt von einer einst blühenden jüdischen Gemeinde im Irak. Noch 1940 lebten in Bagdad 90 000 Jüdinnen und Juden, bildeten einen wichtigen Teil des irakischen Lebens. Aber weil sich die Machthaber im Land im Schatten eines tobenden Weltkriegs in einer Allianz mit den Nationalsozialisten Deutschlands auf der Siegerstrasse glaubten, schwappten Fremdenhass, grassierender Antisemitismus, Enteignung, Verfolgung, Willkür und Gewalt über und rissen die einst blühende jüdische Gemeinde in den Abgrund. Gadis Grossvater verlor alles, nicht nur seine Fabrik. Der Rest der Familie floh nach Palästina und es legte sich ein Mantel des Schweigens über die Familie.

Zusammen mit einem Freund macht sich Gadi auf nach Bagdad, im Gepäck die Asche seines Vaters. In der Stadt, von der nicht viel aus der Zeit seines Grossvaters geblieben ist, lernt er die 90jährige Myra kennen, die als eine der letzten Jüdinnen in Bagdad lebt, aber tunlichst vermeidet, sich als solche zu zeigen. Myras Erzählungen und die Aufzeichnungen seines Vaters setzen Gadis Selbstverständnis in ein ganz anderes Licht. Mit einem Mal fällt der Mantel des Schweigens.

Usama Al Shahmani konstruiert aus Erzählung und dokumentarisch angelegten Textpassagen einen Roman, der mich immer tiefer in die gewaltsamen Erosionen einer Stadt, eines Landes hineinzieht, dessen Geschichte mir so völlig unbekannt war. Sein präzise recherchierter Roman zeigt, wohin wir abdriften, wenn Ideologien über Menschlichkeit siegen, wenn die Gier nach Macht und Einfluss Volksgruppen zu Sündenböcken macht, die auszumerzen sind. Mag sein, dass der Schrecken aus Geschichte und Einsicht den Protagonisten etwas fahle Farben hinterlässt. Nichts desto trotz ist „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ ein wichtiges, ein mahnendes Buch. Und glücklicherweise blitzt das bildhafte, poetische Erzählen des Autors immer wider auf.

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Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Seit 2021 ist er Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert.  Seither sind die Romane «Im Fallen lernt die Feder fliegen», «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» und «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» erschienen. 2022 nahm er mit seinem Text «Porträt des Verschwindens» an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Usama Al Shahmani lebt in Zürich.

Usama Al Shahmani «Wo die Diktatur beginnt, liegt die Kultur im Sterben – Eine Kindheit zwischen dem Krieg und dem bewaffneten Frieden» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Ayse Yavas

Wer gewinnt den Schweiter Buchpreis 2025? #SchweizerBuchpreis 25/08

Vielleicht verfolgen sie die Verleihung der Buchpreise in unseren Nachbarländern. Mein Fazit: Die GewinnerInnen feiern ihr Buch und den Preis als einen Lohn, als Bestätigung, als Schubkraft zum Weiterschreiben. Die NichtgewinnerInnen buchen ihren «Trostpreis»allzuoft ab als Zeichen reinen Kommerzes.

In einem kurzen Interview mit Marlene Streeruwitz im Zusammenhang mit der diesjährigen Verleihung des Österreichischen Buchpreises, bei dem sie mit ihrem Roman «Auflösungen» eben nicht mit dem Österreichischen Buchpreis beehrt wurde, meinte die Schriftstellerin (sinngemäss) schmallippig: Das ist kein Literaturpreis, sondern ein Kommerzpreis, ein Verkaufspreis. Gewonnen hat der 1968 in Bulgarien geborene und 1990 nach Österreich geflohene Dimitré Diner mit seinem über 1000 Seiten schweren Opus Magnum «Zeit der Mutigen».

Die immer gleiche ungute Situation nach der Verleihung des Buchpreises: Fünf Autorinnen und Autoren sitzen in der ersten Reihe und nach Bekanntgabe der Preisträgerin, des Preisträgers blitzen die Kameras nur noch in ein einziges Gesicht. Den «Verschmähten» wird mit Bedauern auf die Schulter geklopft. Man steht noch eine Weile verloren neben den vielen Stuhlreihen, während auf oder neben der Bühne das grosse Feiern schon begonnen hat, Mikrofone erste Reaktionen auffangen und sich eine Traube um die Glücklichen bildet.

Stimmt, getragen wird der Preis auch vom SBVV, dem Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband, einem Dienstleister der Buchbranche, einer Institution, die in erster Linie an optimalen Verkaufszahlen interessiert ist. Aber diesen Preis auf reinen Kommerz zu reduzieren, ist nicht richtig, denn die Jury ist unabhängig, besetzt ausschliesslich von KennerInnen der hiesigen Literatur, von Fachleuten, die an Literatur interessiert sind, auch wenn ihre Entscheide, wie alle Juryentscheide, niemals von allen nachvollziehbar sind.

Klickt man sich auf der Webseite des Schweizer Fernsehens auf die letzten Umfragen zum Schweizer Buchpreis, findet man eine Resultate, die überraschen:

vom 13. November 2025

Ich bin überzeugt, das Dorothee Elmiger den Schweizer Buchpreis entgegennehmen wird. Ihr Buch hat alles; Tiefe, Gewicht, Geheimnis, eine ganz eigene Sprache und Stoff genug, um stundenlang darüber nachzudenken oder zu diskutieren. Nicht dass der Roman von Jonas Lüscher das alles nicht auch hätte. Aber sein Roman ist verschlüsselter. Er wolle nicht unterhalten, erklärte Jonas Lüscher. Auch der Roman von Meral Kureyshi. Aber ihr Roman bleibt kleinräumiger, zarter.

Eine grosse Überraschung bei dieser Umfrage ist der Roman von Melara Mvogdobo «Die Grossmütter». Und doch ist die Umfrage keine Überraschung. Das Voting ist eine Manifestation der Sympathie. Zu gleichen Teilen der Autorin, wie ihrem Buch gegenüber. Melara Mvogdobo gibt zwei Frauen eine Stimme, die nur durch viel Kraft nicht stumm bleiben oder stumm gemacht wurden. «Die Grossmütter» ist eindeutig, unmissverständlich, direkt und messerscharf.

mehr zum Schweizer Buchpreis

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

 

Meral Kureyshi «Im Meer waren wir nie», Limmat #SchweizerBuchpreis 25/05

«Im Meer waren wir nie» ist ein Familienroman, wenn auch nicht Abbild jener klassischen, idealisierten Familie; Vater, Mutter, Kind. Ein Bild, das lange genug alles andere zur Ausnahme, zum Sonderfall machte. Ein Roman über Befreiungsversuche – und eine würdige Nomination zum besten Buch in der Schweizer Literaturlandschaft.

In „Im Meer waren wir nie“ passiert nur wenig. Kein Roman, der sich plottorientiert um Spannung und Unterhaltung bemüht. Nicht dass dieser Roman nicht unterhalten würde. Aber er tut dies auf eine ganz eigene Weise. Es sind die Innenansichten der beschriebenen Personen und ihrer Welten. Es ist die Atmosphäre, die Meral Kureyshi mit viel Feingefühl und Empathie zeichnet. In einer Sprache, die in ihrer Tonalität, ihrer Zerbrechlichkeit genau das widerspiegelt, was die Protagonistinnen auszuhalten haben; ihr Gefangensein in einer Situation, ihre Beinahe-Ausweglosigkeit, dieses Gefühl, nicht dort zu sein, wo die Frauen eigentlich sein wollen.

Die Erzählerin und ihre Freundin aus Kindertagen leben in zwei Wohnungen übereinander. Weil Sophie als alleinerziehende Lehrerin Unterstützung braucht, hat es sich über die Jahre irgendwie ergeben, dass die Erzählerin für Sophies Sohn Eric schaut, wenn seine Mutter nicht da ist, oder keine Kraft mehr hat, sich um ihren Sohn zu kümmern. Eric ist acht, vorlaut und voller Leben. 

Meral Kureyshi «Im Meer waren wir nie», Limmat, 2025, 216 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-085-0

Und weil die Erzählerin so sehr zur Familie gehört und sich aus Ermangelung einer eigenen, die sich irgendwo zwischen ihrer einstigen Heimat 2000 Kilometer entfernt und der Schweiz verloren hat, ist es für sie selbstverständlich, als man sie bittet, Sophies Grossmutter Lili im Altersheim beizustehen, ihr Gesellschaft zu leisten, sie zu begleiten, ihr vorzulesen. Man bezahlt sie dafür. Sie wird zu einer Stütze in einem filigranen Familiengefüge, aber ebenso zu einer Selbstverständlichkeit. Zu der, die immer Zeit hat, die sich allem stellt, die zum Dreh- und Angelpunkt wird. Auch in ihrer ursprünglichen Familie, denn Nuri, ihre jüngere Schwester zieht vorübergehend bei ihr ein, geflohen aus einem Leben in Bedrängnis.

Lili begleitete vor Jahren ihren pflegebedüftig gewordenen Ehemann Emil ins Altersheim. Als er starb, blieb sie. Und als auch sie immer mehr Hilfe benötigt, aber niemand aus der Familie jene Zeit aufbringen kann, ist die Erzählerin gerade richtig, um jene Rolle einzunehmen. Zwischen Lili und ihr entsteht eine seltsame Beziehung, weder Freundschaft noch etwas wie Verwandtschaft. Genauso die Beziehung zu dem kleinen Eric, der sich ihr gegenüber ebenso ablehnend wie Nähe suchend zeigen kann. Auch die Freundschaft zu Sophie, Erics Mutter, ist eine andere geworden oder die Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Nuri. Es sind alles Beziehungen in der Schwebe. Nicht zuletzt darum, weil in allen Beziehungen Unausgesprochenes liegt, Geheimnisse, die nach Klärung rufen.

Die Erzählerin weiss, dass sie ihnen allen sagen muss, dass sie eine Stelle weit weg gefunden hat. Lili schleppt eine Schachtel mit Briefen mit sich herum, Zeugnisse einer alten Liebe, von der sie ihrer treuen Begleitung nur häppchenweise erzählt. Sophie von einer Beziehung, einem neuen Mann an ihrer Seite. Und Lilis Leben gibt mehr als deutliche Signale, dass es nicht mehr lange dauern würde, dass es Dinge gibt, die ausgesprochen und noch getan werden müssten.

Meral Kureyshis Roman beschreibt einen Typus Familie, der immer mehr dem entspricht, was bleibt, wenn aus Träumen und Erwartungen nicht wird, was hätte werden sollen. Familien, aus denen sich die Männer in ganz unterschiedlicher Art und Weise entfernen, die Pflichten aber an den Frauen hängen bleiben. „Im Meer waren wir nie“ beschreibt Frauen, deren Lebensentwürfe sich in der Maschinerie der Realitäten verheddern. Sei es Lili, die statt ihrer Liebe die Sicherheit wählt und nie darüber hinwegkommt, seien es Sophie und ihre Mutter, die sich ein Stück Freiheit erkaufen, in dem sie eine bezahlte Begleitung engagieren. Sei es die Erzählerin selbst, die erst mit Lilis Tod den letzten Schritt aus dem Hamsterrad schafft.

Beeindruckend an diesem Roman ist die Sprache, die Kunst der Schriftstellerin, aus unglaublicher Nähe jene Welt zu zeichnen, aus der es fast kein Entkommen gibt. Bilder, die mit wenigen Sätzen ganze Geschichten öffnen. Sätze, die in ihrer Poesie nachhallen. Kein Roman der lauten Töne, dafür einer tiefen Wärme!

Meral Kureyshi, geboren 1983 in Prizren, kam 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz und lebt in Bern. Sie studierte Literatur und Germanistik und arbeitet als freie Autorin. Ihr erster Roman «Elefanten im Garten» war nominiert für den Schweizer Buchpreis, wurde mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. Ihr zweiter Roman «Fünf Jahreszeiten» wurde im Manuskript ausgezeichnet mit dem Literaturpreis «Das zweite Buch» der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung. 2020 wurde sie zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen (Bachmannpreis). Für «Im Meer waren wir nie» erhielt sie 2025 einen Literaturpreis des Kantons Bern.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

Echte Perlen? #SchweizerBuchpreis 25/01

Schweizer Buchpreis 2025 – das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizer:innen oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autori:nnen. Ist das möglich? Kann das eine Jury bestimmen? Gibt es das eine, beste Buch? Was sind die Kriterien für das beste Buch?

Ich bin mir sicher, dass die Jury mit Tim Felchlin, Literaturredaktor und Kulturjournalist, Martina Läubli, Kulturjournalistin, Simone Nuber, Master of Science, Isabelle Vonlanthen, stellvertretende Leiterin des Literaturhauses Zürich und Manuela Waeber, freie Lektorin alles daran setzen, die Nominierungen und die Wahl zum Schweizer Buchpreises möglichst objektiv aussehen zu lassen, würden doch deutliche Fehlentscheidungen die Glaubwürdigkeit eines solchen Prädikats „bestes Buch“ noch mehr in Frage stellen. Aber das beste Buch gibt es nicht. Die Frage scheitert an mehreren Punkten. Auch wenn es Leute aus dem Literaturbetrieb gibt, die der Überzeugung sind, dass es unauslöschliche Kriterien für gute Literatur gibt. Gute Literatur zeichnet sich durch ihre Fähigkeit aus, tiefgründige Wahrheiten über die menschliche Erfahrung zu vermitteln, starke emotionale Reaktionen hervorzurufen und die Zeit zu überdauern. Sie zeichnet sich durch gut entwickelte Charaktere, fesselnde Handlungen und eine reiche, nuancierte Sprache aus. Aber wer bestimmt, was tiefgründig ist? Ist es nicht so, dass emotionale Reaktionen ganz unterschiedlich ausfallen können, nicht nur in der Kunst. Was ist „nuancierte“ Sprache? Wülstig mit Sicherheit nicht. Schon gar nicht sichtbar durch die Anzahl von Adjektiven.

Vielleicht muss ich ganz persönlich auf die Frage antworten, was gute Literatur zumindest für mich sein kann: Sie muss mich fesseln. Sie muss mich überraschen. Sie muss mich in irgend einer Form provozieren. Sie muss in mir einen Nachhall erzeugen, muss sich in mir festhaken. Der Sound muss musikalisch sein. Ich soll bewegt werden… Ich könnte die Liste noch weiterführen, ohne je den Anspruch zu haben, eine solche Liste habe Allgemeingültigkeit. Robert Walser wurde wie Franz Kafka zu Lebzeiten nur von wenigen beachtet und geschätzt, am wenigsten vom Buchmarkt. Oder umgekehrt; Kennen sie John Knittel? Der Schweizer Schriftsteller war zu Lebzeiten sehr erfolgreich, starb 1970. Heute kennt ihn kaum mehr jemand. Vergessen. Kennen sie Ruth Blum? Die Schaffhauserin starb 1975. Ich kaufte alle ihre Bücher in Antiquariaten und war hell begeistert. Vergessen. Noch so eine lange Liste.

Das beste Buch! Warum ist unter den Nominierten nicht „Sommerschatten“ von Urs Faes? Oder „Walzer für niemand“ von Sophie Hunger? Oder „Sechzehn Monate“ von Fabia Andina? Hört die Schweiz an den Sprachgrenzen auf?Schweizer Buchpreis? Oder „die spinne“ von Eva Maria Leuenberger? Warum nicht einmal Lyrik in der Liste der Nominierten? Weil man der Lyrik kein Scheinwerferlicht zutraut? Weil sich damit keine Verkaufszahlen generieren? (Hut ab vor allen Verlagen, die sich noch immer tapfer trauen, Lyrik zu drucken!) Die Liste jener Bücher, die es auch verdient hätten, wird mit der Intensität des Lesens nicht kürzer. Auch das Unverständnis über diese Versäumnisse. Zudem muss man wissen, dass sich etliche Grössen der hiesigen Literatur durch ihre Verlage gar nicht mehr zur Wahl stellen wollen.

Immerhin stehen für einmal keine Debüts in der Liste. Wie soll ein Debüt eine Chance haben neben einem Buch eines literarischen Schwergewichts? Und Schwergewichte sind in der Liste der Nominierten sehr wohl vertreten: Mit Sicherheit die erst 40jährige Dorothee Elmiger, die mit ihrem Roman „Die Holländerinnen“ auch in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. Und zweifelsohne Jonas Lüscher. Meral Kureyshi schaffte es mit ihrem Debüt „Elefanten im Garten“ vor 10 Jahren auf die Liste der Nominierten und gilt seither als wichtige Stimme der CH-Literatur. Von Melara Mvogdobo las ich vor ein paar Jahren ihr Debüt „Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden“ und konnte mich nicht wirklich begeistern lassen, genauso wie vom Debüt „Anton will bleiben“ von Nelio Biedermann. Dass ihre Folgeromane von ganz anderer Qualität sind, darüber lässt sich streiten, zumal „Lásár“ in einer Weise gehypt wurde und wird, die jede Verhältnismässigkeit vermissen lässt.

Meine Meinung war ziemlich schnell gemacht.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

Angelika Overath «Engadinerinnen – Frauenleben in einem hohen Tal», Limmat

Intensive Mutmach-Geschichten! Wenn Frauen aus dem Hochtal Engadin im schweizerischen Graubünden ihre Geschichten preisgeben. Angelika Overath porträtiert 18 Frauen und daraus ist ein lesenswertes Buch entstanden.

Gastbeitrag von
Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Frau Overath, Sie erzählen Geschichten von 18 Frauen aus dem Engadin, die wunderbar unterschiedlich sind. Wie haben Sie sie gefunden und sagten alle sofort zu?

Angelika Overath: Begonnen habe ich mit meiner Freundin Franziska Barta. Sie führt eine Landarztpraxis in Zuoz im Oberengadin. Als Mädchen war sie mit ihrer Mutter von Ostberlin nach Westberlin geflohen. Die zweite «Engadinerin» war eine Nachbarin, die Kindergärtnerin Tina Puorger aus Sent im Unterengadin. Es war mir wichtig, eine Mischung von Frauen zu haben, die im Tal aufgewachsen sind, und solchen, die hier erst später eine Heimat fanden. Ich wollte auch verschiedene Berufe abbilden. Manche der Frauen kannte ich, andere wurden mir empfohlen. Bis auf zwei haben alle zugesagt.

Aerni: Mit welchen Infos haben Sie die Frauen für das Buch angefragt?

Overath: Die Spielregeln waren klar: Für ein Interview kam ich zu den Frauen nach Hause oder an den Arbeitsplatz. Dann schickte ich meinen Text-Vorschlag. Die Frauen sagten, was ich falsch verstanden hatte, was fehlte und vor allem, was raus sollte.

Aerni: Aha, das kam anscheinend oft vor?

Overath: Oft erzählt man etwas am Küchentisch, das man dann nicht unbedingt öffentlich lesen möchte.

Aerni: Faires Vorgehen…

Overath: Es war mir wichtig, dass die Frauen mit ihrem Portrait einverstanden waren. So habe ich zwar einige «Spitzen» verloren. Aber das Material, das ich hatte, war immer noch kostbar genug. Während der Interviews ließ ich kein Aufnahmegerät laufen. Ich wollte, dass die Konzentration der Frau, die erzählt, der Konzentration der Frau, die mitschreibt, entspricht. Jedes Interview war eine einmalige intime Situation. Es sind, glaube ich, intensive Mutmach-Geschichten entstanden; alle Frauen waren auf eine besondere Weise tapfer.

Aerni: Sie porträtieren Frauen zwischen dem Alter von 25 bis 83 Jahren. Machten Sie doch für alle einen weiteren gemeinsamen Nenner aus?

Overath: Es ging um Leidenschaft. Ich suchte Frauen, die das, was sie taten, mit Begeisterung leisteten, die Ideen hatten, die etwas wollten. Dabei ergab sich eine gelebte Alltagsgeschichte des Engadins. Verschiedene Generationen, verschiedene Berufe, verschiedene Hoffnungen.

Aerni: Ob Hüttenwartin, Sterbebegleiterin oder Reinigungskraft, das Engadiner Frauenleben zeigt eine große Vielfältigkeit. Sie selber wohnen ja auch schon seit fast 20 Jahren in Sent. Wie würden Sie das typische Leben im Engadin für sich zusammenfassen?

Angelika Overath «Engadinerinnen – Frauenleben in einem hohen Tal», Limmat, 200 Seiten, 36 Farbfotos, CHF 34.00, ISBN 978-3-03926-067-6

Overath: Wir leben in einer grandiosen Landschaft, in einem besonderen, schon südlichen Licht. Das Engadin ist eines der höchsten bewohnten Täler Europas. Seit die Engländer gegen Ende des 19. Jahrhunderts in St. Moritz den Wintersport erfunden haben, ist das Tal geprägt vom Tourismus. Und schon vorher gab es, allerdings in kleinerem Rahmen, die Bäderkultur um die Mineralquellen. Durch die Geschichte der Zuckerbäcker, die aus dem Tal in die Fremde zogen – zunächst nach Venedig, bald nach ganz Europa – und die in den Sommern, wie die Schwalben («Randulins») in ihrer Heimatdörfer zurückkamen, mischten sich im Tal bäuerliche Lebensweisen mit Stadtkulturen. Im Engadin gehört das Fremde zum Eigenen. Im Tal wohnen viele italienische und portugiesische Familien, die übrigens das bedrohte Rätoromanisch neu beleben. Es ist für sie leichter zu lernen als Bündnerdeutsch.

Aerni: Eine der porträtierten Frauen, Birgit Kohl, sagt: «Da, wo ich bin, ist es gut.» Sie selber stammen aus Karlsruhe. Sind Sie auch definitiv angekommen oder flammen ab und zu doch noch Wünsche nach Neuem auf?

Overath: Ich mag meine badische Geburtsstadt Karlsruhe sehr, auch wegen der Nähe zu Frankreich. Auch hier mischen sich Kulturen. Dann lebten wir lange im schwäbischen Tübingen und drei Jahre in Griechenland, Thessaloniki. Ich reise gerne. Ich liebe das Meer. Aber Sent ist mein Dorf, in dem ich zu Hause sein darf. Sent ist ein sehr offenens Dorf. Seine rund 900 Einwohner kommen aus sieben Nationen. Ich spüre hier eine Toleranz und eine Empathie, die mir gefällt. Man schaut zu einander, hilft sich. Vielleicht ist das naiv, aber ich glaube, uns verbindet auch die Dankbarkeit, hier leben zu dürfen. Dankbarkeit macht freundlich.

Aerni: Sie publizieren nicht nur schöne Bücher und preisgekrönte Literatur, sondern vermitteln auch anderen das Schreiben. Was kann das eigene Schreiben für das Leben bedeuten?

Overath: Schreiben ist immer eine Intensivierung von Erfahrung. Für manche Menschen, zum Beispiel für mich, ist es eine Notwendigkeit.

Aerni: Warum?

Overath: Ich schaffe mir einen Raum, der mir gehört, in dem ich etwas ausprobieren kann. Und wenn ich literarische Reportagen oder Portraits schreibe, dann nehme ich Teil an der Welt. Und bin wie eine Kamera, die Momente der Wirklichkeit zeigt. Schon als 5-jähriges Mädchen wollte ich Tagebuch führen. Aber ich konnte noch nicht schreiben. Ich bat meine Großmutter, die bei uns lebte, ob sie für mich aufschreiben würde, was ich ihr sagte. Sie meinte, sie könne nicht so gut schreiben, aber sie wolle es versuchen. Das Projekt scheiterte daran, dass meine Mutter kein Papier herausrückte. Da fällt mir ein: Meine Mutter und meine Großmutter waren Flüchtlinge aus dem Sudetenland. Das hat meine Vorstellung von «Heimat» sicher geprägt. Ich habe darüber in meinem Debüt-Roman «Nahe Tage» geschrieben.

Aerni: Nebst dem Mut, drauflos zu schreiben, gäbe es noch andere Voraussetzungen, die Sie empfehlen würden?

Overath: Ich empfehle nicht, drauflos zu schreiben. Wir arbeiten in der Schreibschule Sent mit Aufgaben und Spielen, die weiterführen. Formale oder auch inhaltliche Vorgaben sind Geländer, an denen Schreibende sicher weiterkommen. Nichts ist so wenig inspirierend wie ein leeres Blatt. Natürlich geht es um Freiheit, aber kreativ ist Freiheit nur innerhalb einer Form. Sonst wird es beliebig und uferlos. Wir üben uns in den Strategien der Aufmerksamkeit. Wichtig ist die Genauigkeit der Sprache wie dem Empfinden gegenüber. Und wie Diebe lesen wir klassische Texte und beobachten, wie es die Meisterinnen und Meister der Literatur gemacht haben.

Aerni: Sie leben im Dorf Sent auf 1450 m.ü.M. Doch das bunte Literaturgeschehen spielt sich in Literaturhäusern, großen Buchhandlungen und an Buchmessen in den Städten ab. Tut dieser geografische Abstand gut?

Overath: Sicher, wenn ich in Berlin leben würde, wäre ich mehr im Geschehen. Auf dem literarischen Markt funktioniert sehr vieles über Netzwerke. Aber wie viel Erfolg brauche ich denn?

Aerni: Gute Frage.

Overath: Wie viel meiner Energie bin ich bereit, in meine Vermarktung zu investieren? Ich glaube, man muss aufpassen, dass man beim Wirbeln um Aufmerksamkeit nicht seine Substanz verliert. Wenn ich nicht mehr spüre, warum ich schreibe, bin ich verloren. Ich bin auch kaum in den sozialen Medien unterwegs. Ich schreibe meine Bücher, sorgfältig. Gehe auf Lesungen, wenn ich eingeladen werde. Und führe zusammen mit meinem Mann jetzt im fünften Jahr die Schreibschule Sent. Sie hat sich zu einer Art literarischem Salon entwickelt. Es kommen interessante Menschen zu uns. Unsere öffentlichen Jahresabschlusslesungen, jeweils am 1. Sonntag im März, sind wunderbare Treffen, bei dem sich Autorinnen und Autoren, Einheimische, Feriengäste treffen und nach der Lesung bei einem Apéro noch lange diskutieren. Vielleicht kann ich, in Anlehnung an Birgit Kohl, sagen: Da, wo wir sind, ist Sprache. Und Gemeinschaft.

Aerni: Welche Veränderungen in Ihrer Region beobachten Sie vielleicht auch mit Sorge?

Overath: Die Zahl der Zweitwohnungen nimmt zu. Wenn junge einheimische Familien sich die Miete im Engadin nicht mehr leisten können und das Tal verlassen, ändert sich der Charakter der Dörfer rasant. Viele Menschen aus Zürich, Basel oder Mailand arbeiten im Home-Office im Engadin. Sie können teure Wohnungen bezahlen. Sie sind nur sporadisch da. Sie sprechen kein Rätoromanisch und nehmen nicht am Dorfleben teil. Das Engadin ist ja nicht nur eine Landschaft, sondern auch eine besondere Lebenskultur der Bräuche, der Feste, der Chöre. Landschaft und Gemeinschaft sind bedroht. Auch davon erzählen «meine» Engadinerinnen.

(Interview erschien bereits in der «Bündner Woche»)

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren und heute als Schriftstellerin, Journalistin, Lyrikerin und Dozentin in Sent im Unterengadin. Zuletzt erschienen «Krautwelten» (Suhrkamp Insel, 2021), eine Hommage an die Kohlpflanzen, der zweisprachige Gedichtband in Vallader und Deutsch «Schwarzhandel mit dem Himmel / Marchà nair cul azur» (Telegramme, 2022) und der Roman «Unschärfen der Liebe» (Luchterhand, 2023). Angelika Overath wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis für literarische Reportage und dem Bündner Literaturpreis. Zusammen mit ihrem Mann, dem Literaturwissenschaftler und Essayisten Manfred Koch, führt sie eine Schreibschule in Sent.

Beitragsbild © Franziska Barta

Daniel de Roulet «Ein Sonntag in den Bergen», Limmat – Wortlaut St. Gallen

Als das Buch zum ersten Mal 2006 erschien, war es gar kein Bestseller, obwohl es Zündstoff gehabt hätte. Obwohl die Reaktion aus Politik und Kultur zwiespältig waren, von Bewunderung bis Entrüstung. Während man auf das Buch in Deutschland und Frankreich mehrheitlich positiv reagierte, schimpfte man in der Schweiz den Schriftsteller als linken Terroristen.

Da steigt ein junger Architekt mit seiner Angebeteten in die verschneiten Berge über dem berneroberländischen Gstaad, mit einem Brecheisen und Utensilien für einen Brandanschlag in seinem Rucksack. Er steigt durch ein aufgebrochenes Fenster in ein Ferienchalet des Medienmoguls Axel Springer, von dem er überzeugt ist, er sei im Krieg Nazi gewesen oder hätte zumindest von ihnen profitiert, der Besitzer der Boulevardzeitung „Bild“, für jeden Linken Flaggschiff all dessen, was die 68er-Bewegung ins Rutschen bringen wollte. Das Chalet brannte bis auf die Grundmauern nieder. Man vermutete Zusammenhänge mit einem weiteren Brandanschlag auf Sylt, erklärte nach einer Untersuchung, man habe es hier mit Profis zu tun. Man verdächtigte ‘Elitekommandos, die aus der Kälte kamen’. De Roulet blieb unbehelligt.

Dass Daniel de Roulet 2006 mit „Ein Sonntag in den Bergen“ seine Tat öffentlich, das Buch zu einer Rechtfertigungsschrift machte, offen über seine damalige Naivität schrieb, nahm man ihm zum Teil sehr übel. Nicht zuletzt lud man den streitbaren Schriftsteller mit diesem einen Buch zu keiner einzigen Lesung in der deutschsprachigen Schweiz ein. Im Gegenteil, man forderte den Schriftsteller gar zur finanziellen Wiedergutmachung auf, was er dann in gewisser Weise auch vollzog.

Daniel de Roulet «Ein Sonntag in den Bergen», Limmat 2024, aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, 128 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-086-7

So harmlos der Titel des Buches, so brisant der Inhalt. „Ein Sonntag in den Bergen“ ist Erklärungsversuch, Schuldeingeständnis, Rechtfertigungsversuch, Liebesgeschichte und historisches Zeugnis einer Zeit, in der in Deutschland die RAF operierte und in Europa nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Tausende auf die Strasse gingen, weil man den Staatsapparat, die Polizei mit den Machtstrukturen der Nazizeit verband. 

Daniel de Roulet, Sohn eines Pfarrers, dem er immer wieder den Vorwurf machte, während der Nazizeit nicht genug für den Widerstand, für die verfolgten Juden getan zu haben, reagierte äusserst empfindlich auf den Vorwurf seiner damaligen Geliebten, auf die grossspurigen Reden endlich Taten folgen zu lassen. „Du bist nichts weiter als ein Sprücheklopfer!“, schimpft sie ihn, die Frau, die er damals als die Frau seines Lebens sah. Daniel de Roulet schiebt die Schuld nicht weiter. Aber sein Stolz, sein Selbstverständnis, schien irreparabel in Schieflage zu geraten, würde es nicht irgendwie zum Knall kommen. Und weil Roulet wusste, dass Axel Springers sperriges Chalet über Gstaad nur sehr selten bewohnt war, sollte es logisches Ziel einer Attake werden, die ‘Operation Berchtesgaden’, in Anlehnung an Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg.

Aber warum eine Neuauflage jetzt, ein halbes Jahrhundert nach der Tat? Zum einen nehmen die Jahre seit der Erstveröffentlichung viel Emotionalität aus der Tat von damals. Mitttlerweile scheint Gras über die Sache gewachsen zu sein, nicht aber über die Tatsache, dass eine Gesellschaft ganz offensichtlich Feindbilder und Schuldige braucht, dass es immer wieder brennen muss, wo Ohnmacht keine anderen Ventile findet und wie sehr Desinformation, Manipulation und Naivität lebensbedrohlich werden kann.

Interessant ist „Ein Sonntag in den Bergen“ auch deshalb, weil mit den Jahren weitere Ebenen dazugekommen sind. Neben der fatalen Geschichte eines Liebespaares, den Folgen eines Grossbrandes in den verschneiten Alpen, die zur Staatsaffäre wurde, ist das Buch Roulets ein Dialog mit seinem Gegenüber Axel Springer, einer durchaus streitbaren Figur der Nachkriegsgeschichte, die Konfrontation mit einer Tat, die den Schriftsteller nie losliess, einer Schuld, zu der er sich unbedingt bekennen musste, nicht zuletzt der endgültigen Klärung willen, einer Klärung, die Auswirkungen bis in die dortige Bevölkerung hatte.

Was einmal zwingend erschien, wird im Nachhinein zur unleugbaren Dummheit. Eine Erfahrung, die im Kleinen oder Grossen allen blüht.

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.

Maria Hoffmann-Dartevelle, 1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren.

weitere Rezensionen zum Werk von Daniel de Roulet

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Beitragsbild © Ayse Yavas

Christoph Keller «Blauer Sand», Limmat

Leo hat sich ausgeklinkt. Seit siebzehn Jahren haust und versteckt er sich in einem Bunker auf einer kleinen Insel in der Flensburger Förde an der deutsch-dänischen Grenze. Immer im Oktober sticht er aufs Festland, um seinen jährlichen Mord zu begehen. Er tötet jene, die der Welt Schaden zufügen.

Vorläufig blockieren die meisten nur Strassen oder demonstrieren sonst auf eine Art, Greenpeace schon seit Jahrzehnten. Aber wer weiss, zu welchen Massnahmen all die Verzweifelten greifen werden, wenn die Hoffnungslosigkeit die Massen ergreift, wenn aus Hoffnung- und Ratlosigkeit tödliche Radikalität wird?

Erstaunlich genug, dass die Menschheit die immer grösser werdende Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Dahinsiechenden und unsäglich Privilegierten so einfach hinnimmt, dass man den Versprechen und Beschwichtigungen der Mächtigen noch immer glaubt, die die Massen zu betäuben wissen, damit sie, die in Objektive Lächelnden, weiterhin auf der Sonnenseite des Lebens ihren Luxus geniessen können.

Leo hat sich einer Aufgabe verschrieben, auch wenn ihm klar ist, dass er mit seinen Morden höchstens Verunsicherung erreicht, persönliche Genugtuung, der „Tropfen auf dem heissen Stein“ gleich wieder verdampft. Ich werde mich von keinem Kraken in die Tiefe ziehen lassen. Ich bin der Krake.

Einzig halbwegs Verbündete ist die todkranke Liv, die auf der grösseren Insel gleich daneben, die mit Bikes über eine schmale Holzbrücke befahren werden kann, eine Imbissbude betreibt. Bei Liv gibt es die besten Hotdogs der Welt. Aber Liv hat ALS, eine unheilbare Nervenkrankheit, Muskelschwund, der irgendwann unausweichlich zum Erstickungstod führt. Aber so wie Leo eine Strategie für seinen Rachefeldzug eingerichtet hat, wird es Liv tun, wenn es soweit sein wird. Die Dynamitstangen sind bereit; ein kurzes Ende mit Schrecken.

Christoph Keller «Blauer Sand», Limmat, 2024, 208 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03926-077-5

Die Insel, auf der Leo sich seit Jahren versteckt, hat sich über die Jahre verändert, weil sich immer wieder Horden von Tagestouristen auf ihr breit machen, weil von dem einstmals rätselhaft blauen Sand nach den Posts eines Besuchers nichts geblieben ist.
Leo, der durchs Jahr das Leben eines Eremiten führt, der sich mehr oder weniger selbst versorgt, spürt aber nicht nur das drohende Ende Livs und die trampelnden Touristen auf der Insel. Dass etwas da ist, was bisher fern blieb; eine junge Frau auf der Suche nach dem Mörder ihres Vaters. Thea ist wie Leo auf einer Mission. Obwohl sie ihren Vater nicht mochte.

Es kommt zum Showdown auf der kleinen Insel, ein Showdown, der aber so gar nicht jene Wendung einnimmt, die die Protagonisten gleichermassen überrascht wie mich als Leser. Eine Begegnung, mit der Leo schon viel früher rechnete. Thea und Leo stehen sich gegenüber, so wie Leo seinen Opfern jeweils gegenübersteht. Es muss mehr sein als eine blosse Auslöschung, ein simpler Rachemord. So wie Liv in ihrer Hotdogbude mit einem lauten Knall von der Insel verschwinden will, so will Leo mit jedem seiner Morde ein Statement abgeben. Es müssen kleine Siege sein.
Wenn Leo einmal im Jahr in einem Flugzeug sitzt und sich in der Business Class einen Bourbon gönnt, hat er es wieder getan, jedes Jahr im Oktober. Wieder „einen Scheisskerl“ erledigt, von denen es auf der Welt genug gibt.

Leo sagt von sich selber, es sei nicht Rache, sein Motiv sei Schutz. Er sei der vernünftigste Mensch der Welt, einer, der die Typen ausschaltet, die am Ast sägen, auf dem wir alle sitzen.

Christoph Kellers Roman ist nicht blosse Versuchsanordnung. Wann wird aus Enttäuschung Radikalität? Kann man von einem eingeschlagenen Weg zurück, selbst auf einer Einbahnstrasse? Die Lektüre dieses Romans ist Auseinandersetzung. Nicht zuletzt die Literatur gewordene Reaktion eines Mannes, der seinen Zorn über die Gegenwart nicht verbergen kann. Ist das eine Töten amoralischer als das andere? Die Grenzen zwischen Heldentat und Verbrechen sind seit jeher fliessend und oft bloss Resultat einer eingenommenen Perspektive. Kellers Roman rüttelt auf und ist logische Konsequenz einer aus dem Ruder gelaufenen Gesellschaft. Womit sich Keller hier auseinandersetzt, wird über Kurz oder Lang Realität werden, wenn wir es nicht schaffen einer immer breiter werdenden Masse die Hoffnung zurückzugeben.

Ein wichtiges Buch!

Interview

Wir leben in einer Zeit, in der viele Leserinnen und Leser bei Büchern den Faktencheck machen. Ein Buch muss mit der Realität, mit dem Leben der Schreibenden fest verknüpft sein. Rein fiktionales Schreiben scheint regelrecht out zu sein. Dein Buch hat einen seltsamen Bezug zur Realtät, denn wir alle wissen, wie nah wir dem Szenario eines „Rächers“ gekommen sind, dass es wohl nicht mehr viel braucht, bis sich Klimaaktivist*innen noch ein paar Stufen mehr radikalisieren. Wie weit ist ein solcher Roman das Resultat Deiner eigenen Sorge, aber auch Deiner Wut? Ist das Buch Dein Versuch, Dich „zu retten“?
Diesen Kurs verdanke ich John Berger, der meinem Roman ein bisschen Pate stand. Ich kehre immer wieder zu seinen Essays zurück und wundere mich jedes Mal mehr: Wie kann einer ein so rigoroser Warner in der Wüste sein, aber nie zur Tat schreiten? Ein vergleichbares Gefühl packt einen ja auch beim täglichen Nachrichten hören. So viel Negatives, dass immer mehr nicht mehr ertragen, Burn-out kriegen oder sich ausklinken. So einer ist mein Leo Cavor, der sich ausgeklinkt hat, aber eben jedes Jahr im frühen Oktober loszieht, um jemanden zu eliminieren, der dem Planeten und der Menschheit enormen Schaden zufügt. Nur eben: Gewalt gebiert Gewalt. Ich würde das nicht tun. Ich bin ein Schreibtischtäter.

„Nichts ist schwieriger, als die Menschen zur Vernunft zu bringen, selbst wenn es um das eigene Überleben geht“, sagt Thea irgendwann zu Leo. Das wissen wir alle selbst. Wir konsumieren grenzenlos. Wir lenken uns strategisch ab von den tatsächlichen Problemen dieses Planeten und seiner Bewohner. Leo hat sich irgendwann entschieden, das scheinbar Unverrückbare nicht mehr einfach hinzunehmen. Auch Liv nimmt nicht einfach hin, wie die Krankheit sie tötet. Und Thea nimmt auch nicht bloss hin, auch wenn ihr Tun eine seltsame Wendung einnimmt. Wie weit glaubst Du, muss Literatur Stellung beziehen?
Das ist eine Paraphrase des berühmten Zitats von Bertrand Russell. Es ist schon schlimm zu sehen, wie die Menschen die Probleme ausblenden und weitermachen wie gehabt. Vor allem, wenn es um Reisen und Autos geht, setzt der Verstand aus. Nach mir die Sintflut, Tanz auf dem Vulkan. Ich kann mir keine andere Literatur vorstellen als eben jene, die zu den täglichen Schrecken Stellung bezieht. Das geht ja alles auf Tschechow zurück, der in «Onkel Wanja» den Arzt Astrow über das Abholzen der Wälder verzweifeln lässt. Das war visionär. Heute haben sich die Visionäre irgendwie erledigt, es ist ja alles offensichtlich, nur wollen wir es nicht wahrhaben. Mir hilft da die Fantasie – eine magische Insel zu schaffen oder einen sich mit jedem Schritt dehnenden Garten wie in «Der Boden unter den Füssen».

Wann ist Töten eine Heldentat?
Ach, im Krieg wohl. Wir befinden uns im Krieg – mit der Natur, die doch unser Verbündeter sein sollte. Aber eigentlich nie.

Jene kleine Insel in der Flensburger Förde, die Insel mit dem einstmals blauen Sand, ist Stellvertreterin für all jene Orte, die durch den Fokus der Öffentlichkeit zerstört werden, ein Fokus, der mitunter auch ganz uneigennützige und respektable Ursachen hatte. Aber kaum im Fokus ergisst sich eine Horde fotografierender und filmender Wilder über jene letzten Reste unberührter Natur und zerstören. In einer Zeit, in der man sich alles in die eigene Stube holen kann doch eigentlich seltsam. Ist es die Sucht, an etwas Besonderem teilhaben zu wollen?
Ja, das, und Rastlosigkeit. Der Mensch ist ein rastloses Wesen, muss immer in Bewegung sein. Aber weil wir immer mehr werden, stöhnt unser armer Planet auf. Da bin ich schon versucht, einen Zusammenhang mit den immer häufiger, immer stärker werdenden Unwettern zu sehen. Vielleicht will uns die Erde ja abschütteln. Kommt die Ironie dazu, dass unsere individuelle Sucht nach dem Besonderen immer mehr zum Massentourismus wird.

Leo ist nichts anderes als ein Umwelt- oder Klimaaktivist, wenn auch mit ganz radikalen Mitteln. Ich kann ihn durchaus verstehen. Und ich bin mir sicher, Du „spielst“ mit genau diesem Gefühl, diesem dauernden Kippen zwischen Moral und Schadenfreude. Das muss man aushalten können, wenn man Dein Buch liest. Wirst Du mit mahnenden Briefen zugedeckt? Gibt es Reaktionen?
Nein, keine einzige Postkarte. Vielleicht eben, weil man das Thema meiden will.

Am 4. Dezember erschoss ein 26jähiger einen Chef des Versicherers UnitedHealthcare mitten in New York und wurde nach seiner Festnahme von vielen im Netz als Held gefeiert. Werden so Attentäter zu Helden?
Genau davon erzählt ja mein Roman, habe ich als Erstes gedacht. Da schaltet einer den CEO einer wirklich üblen Krankenkasse aus. Eine Versicherung, die Ungezählte auf dem Gewissen hat, weil sie überall nur an Gewinnoptimierung denkt. Und der Mord wird auf Social Media gefeiert. Die USA sind, was Gewalt angeht, ein Pulverfass. Allzu viele stehen mit gezückten Streichhölzern bereit. Es wäre jetzt natürlich schön, mit meinem Serienmörder Leo Cavour davon zu träumen, das ein moralisch gerechtfertigter Mord – wenn es das denn gibt – das Leben Zahlloser rettet.

Christoph Keller, geboren 1963, ist der Autor zahlreicher Romane und Theaterstücke und eines Essaybandes. Sein bekanntestes Werk ist der Erinnerungsroman «Der beste Tänzer» (S. Fischer Verlag, 2003). «Jeder Krüppel ein Superheld» ist seit 2022 in Englisch (Penguin Random House UK, London) erhältlich. Keller, der auf Deutsch und Englisch schreibt und über zwanzig Jahre in New York verbracht hat, lebt mit der Lyrikerin Jan Heller Levi in St. Gallen. Sein Roman «Der Boden unter den Füssen» wurde mit dem Alemannischen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet.

Douna Loup «Verwildern», Limmat

Als ich vor mehr als zehn Jahren den ersten in Deutsch erschienen Roman von Douna Loup las, hatte ich das Gefühl, eine Perle gefunden zu haben, etwas Besonderem begegnet zu sein. „Verwildern“ ist die konsequente Fortführung einer ganz eigenwilligen Stimme, die sowohl in der Form wie in ihrer Tonalität Resonanzen erzeugt, die weit über das Übliche hinausgehen!

„Die Schwesterfrau“, Douna Loups deutschsprachiges Debüt, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung, dem Prix Michel Dentan und dem Prix Senghor du premier roman francophone. Dass es 12 Jahre dauerte, bis Douna Loup mit einem zweiten Buch auf dem deutschsprachigen Markt erscheint, mag verschiedene Gründe haben. An Gelegenheiten zu Übersetzungen hätte es nicht gefehlt. Mit Sicherheit belohnt „Verwildern“ aber die Neuentdeckung. Zu hoffen ist, dass „Verwildern“ weit über die Schweiz hinaus wahrgenommen wird. Buch und Autorin hätten es mehr als verdient.

„Verwildern“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die als Mädchen zusammen mit ihrer Mutter weit draussen aufwuchs, eingebettet in die Natur, als Teil ihrer selbst. Keine paradiesische Kindheit, aber eine Kindheit in absoluter Unmittelbarkeit, wörtlich hautnah mit der Natur verbunden. Umso grösser ist der Schrecken, als das Mädchen erfährt, dass sie nicht nur einen Vater hätte, sondern auch noch einen drei Jahre ältern Bruder. Aber weil es nach ihrer Geburt zum Bruch zwischen Mutter und Vater kam und dieser die junge Mutter mit der Tochter alleine zurückliess, wird das Wissen um einen bisher nicht existierenden Bruder zu einer ultimativen Kraft, mit der das Mädchen die Mutter zwingt, sich gemeinsam mit ihr auf die Suche zu machen. Auf die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen.

Douna Loup «Verwildern», Limmat, 2024, übersetzt von Steven Wyss, 152 Seiten, CHF ca. 30.–, ISBN 978-3-03926-070-6

Mutter und Tochter machen sich mit fast nichts auf den Weg, auf einen langen Weg, lernen sich ganz neu kennen, nicht nur sich, auch die Welt, der sie sich bisher verweigerten. Es ist ein jahrelanger Weg. Ein Weg, der die beiden auch in Städte führt, die für das Mädchen so fremd sind, wie unbekannte Planeten. Die Mutter hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, das Mädchen lernt alles, was es wissen muss von Ihrer Mutter und sich selbst. Bis sie mit einer Fähre auf eine kleine Insel kommen. Das Mädchen ist über die Jahre eine junge Frau geworden. So wie sie das Gefühl hat, in ihrem Körper langsam angekommen zu sein, so sehr will sie vorerst bleiben auf dieser Insel, die ihr alles zu geben scheint, wonach sie sich sehnt. Die Sehnsucht nach ihrem Bruder ist so sehr zu einem immerwährenden Gefühl geworden, dass seine Erfüllung mehr und mehr in den Hintergrund trat. Die Mutter geht weiter, die junge Frau bleibt. Die junge Frau findet die Liebe, endlich ein Gegenüber, das einen grossen Teil des Suchens stillt.

Aber irgendwann treffen Briefe der Mutter auf der Insel ein. Briefe, die der Tochter zeigen, wie sehr ihre Mutter zu kämpfen hatte, dass die Suche für sie nie zu Ende war. Dass sie den Bruder gefunden hat und die Tochter bittet, sich auf den Weg zu ihr zu machen.

Die Geschichte dieses Buches ist das eine. Was mich aber viel, viel mehr faszinierte, ist die Sprache dieser Autorin, die Melodie ihrer Sätze. Wie sehr der Inhalt mit ihren Gefühlen, ihrem Empfingen, ihrer Wahrnehmung korrespondiert. Leser*innen lieben Bücher wie „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens, den meistverkaufte Belletristiktitel des vergangenen Jahres. Ein durchaus gutes Buch einer jungen Frau, die man wegen eines Mordfalls in ihrer Nähe aus ihrem Leben in der wilden Natur reissen will. Eine Geschichte, bei der die Natur nur Kulisse bleibt, die Naturverbundenheit der Protagonistin bloss ein Mosaik. In „Verwildern“ macht Douna Loup die Natur und die junge Frau zu einem Paar. Sie erzählt von dieser Verbundenheit, einer Liebe ohne Enttäuschungen. In ihrem Roman ist die Natur keine Kulisse. Sie setzt die Geschichte nicht in die Natur. Sie erzählt aus der Natur. Ihre Sprache ist von einer derartigen Intensität und Nähe zur Natur, das man riecht und schmeckt. Man hört die Stille und spürt die Kiesel unter den blossen Füssen.

„Verwildern“ ist ein literarisches Manifest ohne Bitterkeit, ohne Enttäuschung, ohne Belehrung. Dafür ein ganz zartes Kunstwerk, dass von Liebe und Respekt durchtränkt ist. Wie schön!

Douna Loup wurde 1982 in Genf geboren, ihre Eltern waren Marionettenspieler. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Frankreich, arbeitete in Madagascar und lebt heute in Nantes. Ihr erster Roman, «L’Embrasure» (2010) («Die Schwesterfrau (Lenos 2012)) wurde mit dem Förderpreis der Schweizerischen Schillerstiftung und dem Prix Michel-Dentan ausgezeichnet. Ihre Texte erscheinen in der Mércure de France und im Verlag Editions Zoé in Genf.

Steven Wyss, geboren 1992 in Thun, studierte Angewandte Sprachen und Übersetzen in Winterthur und Genf sowie Contemporary Arts Practice an der HKB in Bern. Neben seiner Tätigkeit als freier Übersetzer arbeitet er im Übersetzerhaus Looren. Er lebt in Zürich. 2023 erhielt er den Kulturförderpreis der Stadt Thun sowie eine literarische Auszeichnung der Stadt Zürich für seine Übersetzung von C.F. Ramuz’ «Sturz in die Sonne».

Beitragsbild © Roman Lusser

«Wir machen Schluss mit allem und beginnen mit nichts von vorne.» (6)

Lieber Bär

Vielleicht beschreibt der 1719 erstmals erschienene Roman “Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe mit dem heute seltsam anmutenden Originaltitel The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself. („Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der achtundzwanzig Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte, in der Nähe der Mündung des grossen Flusses Orinoco; durch einen Schiffbruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Aufzeichnung, wie er endlich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.“) nicht nur einfach ein Abenteuer, sondern die Sehnsucht des Menschen nach einem echten, wahren, unmittelbaren, naturverbundenen Leben. Damals wie heute scheint Fortschritt eine stetige Entfernung von der Natur zu sein, eine immer grösser werdende Entfernung und Entfremdung.

Keine Kunstrichtung wie die Literatur versteht es so sehr, uns Menschen in einen Zustand zu versetzen, der uns aus unserem Leben, unserem Umfeld herausreisst, manchmal vielleicht sogar nachhaltig. Ich könnte eine ganze Reihe Bücher aufzählen, die mich in meinem Menschsein unmittelbar beeinflussten. Filme und Musik berauschen. Aber weil mich Bücher viel länger, über Tage oder gar Wochen begleiten, ist ihre Wirkung eine ganz andere. Ich bin überzeugt, dass ich als Vielleser ein anderer geworden bin, als der, der ich ohne die Literatur geworden wäre. Literatur wirkt unterschwellig, nicht wie ein halbstündiges Sonnenbad mit anschliessendem Sonnenbrand, sondern wie ein langer, guter Traum.

H. D. Thoreau «Walden oder Leben in den Wäldern», Diogenes Taschenbuch, 2007, übersetzt von Emma Emmerich, 352 Seiten, CHF ca. 17.90, ISBN 978-3-257-20019-5

Als Henry David Thoreau 1854 seinen zeitlich befristeten Ausstieg aus seinem Alltag, sein zurückgezogenes und reduziertes Leben in einer Blockhütte im Wald in seinem Buch „Walden“ veröffentlichte, wurde er zu einem der Begründer des Nature Writing. Eine Bewegung weit über die Literatur hinaus. Dass Nature Writing zu einem eigentlichen Bedürnis geworden ist, zeigt sich im durchschlagenden Erfolg der Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky, die mit ihrer Herausgeberschaft der „Naturkunden“ bei Matthes & Seitz nicht nur einen wirtschaftlichen Überraschungserfolg landete, sondern auf dem deutschsprachigen Büchermarkt eine regelrechte Welle von hochwertigen Naturbüchern mit literarischem Anspruch verursachte.

Delia Owens «Der Gesang der Flusskrebse», hanserblau, 2019, übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, 464 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-446-26419-9

Aber auch Romane der Gegenwart spielen mit der Sehnsucht des Menschen nach unberührter Natur, Naturverbundenheit, den Auswirkungen von Klimaveränderungen und menschlicher Zerstörungen. Dass der Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens 2023 zu den bestverkauften Büchern gehörte, ist nicht nur der erzählten Liebesgeschichte und der überwältigen Kulisse zu verdanken. Delia Owens beschreibt eine junge Frau, die ganz mit der Natur lebt, die die einzige Liebe ohne Schmerz in der Natur findet. Ein Roman, der Sehnsüchte stillt und weckt.

Douna Loup «Verwildern»
Limmat, 2024, übersetzt von Steven Wyss, 152 Seiten, CHF ca. 30.–, ISBN 978-3-03926-070-6

Vor wenigen Tagen las ich „Verwildern“, die deutsche Übersetzung des Romans „Les Printemps sauvages“ von Douna Loup. Die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus ihrem kleinen Paradies am Rande eines Sees vertrieben fühlt und auf die Suche machen muss, auf die Suche nach ihrem Bruder, ihrem Vater, sich selbst. Aber Douna Loup gelingt in ihrer fast märchenhaften Geschichte etwas, was in der Literatur nur ganz selten passiert. In ihrem Roman ist die Natur nicht bloss Kulisse. Sie schreibt nicht einfach eine Geschichte in sie hinein. “Verwildern“ ist auch als Schreibkonzept ganz wörtlich zu nehmen. Douna Loup schreibt aus der Natur heraus. Geschichte und Figuren treten nicht aus ihr heraus. Sie sind ineinander verschlungen. Die eigentliche Geschichte «verwildert». Ein betörendes Buch.

Ich bin gespannt auf deine Meinung!



Liebe Grüsse
Gallus

***

«Um jedoch auf meinen neuen Gefährten zurückzukommen, so gefiel mir dieser ausserordentlich» Daniel Defoe, Robinson Crusoe

Lieber Gallus

Dein letztes Schreiben hat mich erreicht, als ich am Packen war für eine Schiffsreise von Berlin nach Rügen. Zufall? Ich hatte die Lektüre von Lutz Seilers erstem Roman «Kruso» begonnen, um ihn auf dem Schiff fertigzulesen. Obgenannter Satz steht als Motiv vor dem Beginn.

Die Sehnsucht des Menschen nach einem wahren naturverbundenen Leben, die Entstehung des Nature Writing und die Beeinflussung der LeserInnen durch Bücher im Vergleich mit Musik sprichst du in deinem Schreiben an. Du erwähnst Daniel Defoe, Henry David Thoreau, Judith Schalansky, Delia Owens und Douna Loup.

Lutz Seiler «Kruso», Suhrkamp, 2014, 484 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-518-42447-6

Du forderst mich wieder einmal heraus, was ich sehr schätze, und ich habe viel nachgedacht. Dies unter dem Einfluss von «Kruso», der Geschichte einer ausserordentlichen Männerfreundschaft unter ausserordentlichen historischen Bedingungen, dies auf einer Insel in der Ostsee, ich selbst auf einem Schiff nach Rügen. Dabei konnte ich gut erahnen, was es bedeutet, in einem Land «gefangen» fern das unerreichbare «Land der Freiheit» zu erblicken. Nach der Wende und dem Verlust seiner Freundin sucht der Protagonist Edgar auf dem wilden Eiland zu sich selbst. Inseldasein, Wind, Wetter und Wellengang spielen eine wichtige Rolle, Nature Writing? Jedenfalls ein grossartiges Buch in einer poetischen Sprache.

Die Wirkung von Literatur und Musik sind für mich gleichwertig prägend und nachhaltig wirkend. Mich haben in den siebziger Jahren sowohl die Romane von Dostojewski als auch die Sinfonien von Bruckner stark beeinflusst. Bis heute beschäftige ich mich immer wieder mit beiden. Auf unserer Reise erlebten wir in Peenemünde (mir bisher unbekannt) eine Führung und ein Konzert in der Industriehalle bei der Heeresversuchsanstalt der Wehrmacht. Nicht «nur» Rausch, sondern ein unvergessliches, nachhaltiges Ereignis. Wort, Bild und Musik ergänzten sich fantastisch, diese Botschaft wirkt noch lange weiter.

An die Hoffnung ist ein Gedicht von Friedrich Hölderlin, das von Hanns Eisler vertont wurde. Hier sind die ersten Zeilen:

O Hoffnung! Holde, gütiggeschäftige!
Die du das Haus der Trauernden nicht verschmähst,
Und gerne dienend, zwischen Sterblichen waltest,
Wo bist du? Wenig lebt’ ich; doch atmet kalt
Mein Abend schon.

Die Versuchsanstalten Peenemünde waren von 1936-1945 das grösste militärische Forschungszentrum Europas. Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge mussten hier unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten und sind zu Tausenden verstorben. Lieder von Schubert, Eisler, Weber u.a. verbunden mit gesprochenen Texten von den damaligen Forschern und ArbeiterInnen wurden von einer Sängerin mit Klavierbegleitung tief bewegend vorgetragen, mit Bildern vom Krieg ergänzt. Sprache und Musik auf höchstem Niveau.

Barbara Berg, Sopran und David Santos, Klavier

Zuhause wartete das Buch «Verwildern» von Douna Loup auf mich. Obwohl müde von der Reise und sehr angesprochen vom Cover, begann ich die Lektüre. Wow! Eine neue Reise beginnt, unmittelbar bin ich in einer magisch-sinnlichen Welt. Wieder einmal hast du eine Rosine aus dem Literatur-Kuchen gepickt! Ich habe das erste Kapitel gelesen, bin hell begeistert. Und sie kommt nach Leukerbad! Wahrlich betörend. Gerne lese ich morgen weiter und freue mich auf die baldige gemeinsame Begegnung mit dieser Autorin in Leukerbad.

«Man muss durch den Abend wandeln und daran glauben, dass der Tag und das Morgengrauen kommen werden, man muss hinaus in die Nacht brüllen und den Mond lieben.»

Herzlich

Bär