Nico Bleutge, 1972 in München geboren, liest aus seinem neusten, vierten Gedichtband «nachts leuchten die schiffe» an den 9. St. Galler Literaturtagen WORTLAUT – am Samstag, den 1. April, um 15 Uhr im «Raum für Literatur» in der Hauptpost St. Gallen.
Nico Bleutge verdichtet Aussichten und Einsichten, Landschaften, Blicke nach Aussen und nach Innen, zeichnet und malt mit Worten, was der eilige Betrachter übersieht, gibt dem Gesehenen Gestalt, Gehalt. Wenn ich seine Gedichte lese (Leider erscheint der neuste Band erst kurz vor den Literaturtagen in St. Gallen.), die so schöne Titel tragen wie «klare konturen», «fallstreifen» und «verdecktes gelände», entsteht in meinem Innern Textur, Struktur, wird
Sehen und Wahrnehmung mehr als nur optisches Schauen. Es ist, als würde ich mit allen Sinnen «schauen». In Nico Bleutges Gedichten begegne ich den Eindrücken eines Dichters, der anders sieht, so als ob er versonnen in der Gegend stehen und mich mit seinem Blick in eine Richtung zu sehen zwingen würde. Dafür braucht Nico Bleutge nichts Spektakuläres. Er setzt nicht einmal Filter ein, sieht einfach und mehrfach, eben mit dem besonderen Blick. Seine Art des Sehens ist weit mehr als Beobachten, Protokollieren oder Festhalten. Er berührt. Nicht nur das Gesehene, sondern mich als Leser. «Platte auf Platte fülle ich für die Zukunft.», als hätte er Angst, dass sich eines Tages niemand mehr die Zeit nehmen würde wie er zu sehen. Nico Bleutge als Archivar? Auch das trifft bei Weitem nicht. In verschiedensten Brennweiten, aber immer mit möglichst grosser Nähe, schenkt der Dichter mir seine Sicht auf die Dinge, jenes Sehen, das ich so leicht vergesse.
2 Beispiele:
hafenansichten. das licht zieht sich abends
in die boote zurück, in die schmalen beleuchtungsköpfe
der einfahrtsbojen. mücken schlagen ans glas
eine bewegung nach innen, die schwächer wird
die angeln lehnen am fenster
(aus «klare konturen»)
mischt sich
es ist ein anderes licht, ein anderes schauen
ein rest von helligkeit, der manchmal abends
spät durch die scheiben fällt oder beim aufwachen
mit einer wimper kurz das auge trifft. ein
ziehen in den gliedern, frösteln fast, woher
es kommt – wir wissens nicht, doch manche
bilder geben nach und haben weite: luft
und sicht. so dass ich tief in mit die augen
dunkeln seheklar noch im vergehn
das schaben, eine kinderhand, die farbe
nah am ohr, das weicht, verlässt
die frühen tage, schiebt sich weiter
vor. das glühen in den achseln, fieber-
gefühl, die wechselnden schatten der haut
das mischt sich, manchmal, noch ins schauen
während die bilder, nachtschicht im genick,
nur langsam ineinanderfliessen
und von den fenstern kommt das licht
verändert in den raum, und sinkt schon, sinkt
zurück.
(aus «fallstreifen»)
Nico Bleutge lebt in Berlin. Für sein Schreiben wurde er vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Erich-Fried-Preis 2012, dem Christian Wagner-Preis 2014, dem Eichendorff- Literaturpreis (2015), dem Alfred-Kerr-Preis (2016) Casa Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom (2015) und dem Stipendium der Kulturakademie Tarabya, Istanbul.
literaturblatt.ch dankt dem Verlag C.H. Beck für die ausdrückliche Genehmigung zur Veröffentlichung der beiden Gedichte aus den Werken von Nico Bleutge.

nicht nehmen zu lassen, den beschilderten Pfad im Wald über dem Hölloch verlässt und ob seiner Gedankenlosigkeit und Naivität in Panik gerät.
Konrad Pauli, 1944 in Aarberg in der Schweiz geboren, arbeitete nach der Ausbildung zum Lehrer wiederholt in Zeitungsredaktionen. Der Autor lebt in Bern und veröffentlichte bislang neun Bücher. Zuletzt erschienen «Ein Heldenleben», «Seit jeher unterwegs», «Marcos Blicke in Seeland» und «Weitergehen».


seinem Leben ein abruptes Ende zu setzen. So ist das Ende ein langes Ende, ein letztes unbestimmtes Kapitel hinter einem Vorhang, in einem Versteck. Frédéric Zwicker zeigt sich erstaunt darüber, wie gut sich das Buch vermarkten lässt. Mag sein, dass sie humorvoll ist. Aber die Geschichte ist Frédéric Zwickers ganzer Ernst. 2004 absolvierte er einen mehrmonatigen Zivildienst in einem Pflegeheim. Nachdem er aber immer ganuer wusste wovon er schreiben wollte, schnupperte er noch einmal undercover in einer Demenzabteilung. Johannes Kehrs Biografie ist eine tragische; eine schwierige Kindheit, gross geworden mit vielen Enttäuschungen. Demenz vorspielend erinnert er sich an seine Geschichte durch ein ganzes Jahrhundert, geboren am Tag, als in der Schweiz der letzte Bär erschossen wurde, verbittert und geschlagen vom Schicksal. Schonungslos und doch respektvoll geschrieben bestätigt von Reaktionen von Fachleuten und überzeugt davon, ein wichtiges Thema angesprochen zu haben. Jeder Dritte muss im Alter mit einer Demenz rechnen. Folglich müsste das Thema genug Relevanz für jeden besitzen. Eigentlich unmöglich, sich diesem Thema zu verschliessen.
Neben traditionellen Lesungen, Büchertischen, Gesprächen über die Grenzen des Schreibens, Poetry Slam, Spoken-Word-Lyrik zeigen auch Zeichnerinnen und Zeichner ihre Werke; Kati Rickenbach ich und Daniel Bosshart, Flurin Von Salis, Anna Haifisch und Nicolas Mahler.
Sohn hoch über dem Brückendorf weit ab in einem Haus am Hang. Man sucht den Schlüsselmacher auf, bittet um ganz spezielle Schlüssel, die der Handwerker in seiner Werkstatt im Erdgeschoss seines Hauses fertigt. Schlüssel, die nicht unbedingt Türen öffnen sollen. «Seine Kunden kamen aus dem Dorf zu ihm hinauf und baten um Dinge, um die Menschen üblicherweise bitten; um Liebe, Geld, darum, etwas zu öffnen, die Zukunft zu erfahren, Tiere zu heilen, Sachen zu reparieren, stärker zu werden, jemanden zu verletzen oder zu retten, zu fliegen -, und er machte ihnen einen Schlüssel dafür.»
China Miéville, 1972 in Norwich geboren, gilt als einer der wichtigsten Autoren der zeitgenössischen Fantastik. Er studierte Sozialanthropologie in Cambridge und Politikwissenschaft an der London School of Economics. Sein Debütroman «König Ratte» erschien 1998. Für seinen Roman «Perdido Street Station» erhielt er 2001 den Arthur C. Clarke Award sowie den British Fantasy Award. Mit seinem Roman «Die Stadt & Die Stadt» gewann er 2010 neben dem Arthur C. Clarke Award auch den Hugo Award und den World Fantasy Award. In Deutschland wurde er drei Mal mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. China Miéville kandidierte 2001 für die Internationale Sozialistische Allianz bei den britischen Unterhauswahlen, bis 2013 war er aktives Mitglied der Socialist Workers Party. Er lebt und arbeitet in London.
wirklich zu leben, Max zu entlassen. Während Anna sich in die junge Lilly verliebt, die in einer Bar serviert, Anna Stunden dort verbringt, um von ihr bedient zu werden, beschliesst der entsorgte Max, nicht mehr auf das zu verzichten, von dem es bisher nur in Massen gab. Auch Fleisch. Er lernt Charly kennen, eigentlich Sue, die ausgerechnet mit Lilly in der gleichen WG wohnt. Die Lage spitzt sich zu.
Simone Meier, geboren 1970 in Lausanne, ist Autorin und Journalistin – früher bei der «Wochenzeitung» und beim «Tages-Anzeiger», heute bei «watson» – in Zürich. Sie hat diverse Preise und Stipendien gewonnen. Ihr Romanerstling «Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben» erschien im Jahr 2000. Simone Meier lebt glücklich von Liebe, Fleisch und Fernsehen. Und vom Schreiben.
Seit vielen Jahren unterrichten Michèle Minelli und Peter Höner «Literarisches Schreiben» auf dem Iselisberg, hoch über der Thur. Michèle Minelli, zuletzt mit dem Roman «Die Verlorene» aufgefallen und Peter Höner von dem im kommenden Herbst beim Limmat Verlag ein neuer Krimi erscheinen wird. Zusammen mit den beiden Initianten, Organisatoren, Beflügler zeigten mehr als zwei Dutzend Autorinnen und Autoren unter dem Dach des Bodman-Literaturhauses in Gottlieben wie lebendig, witzig, mitreissend, spontan und ernsthaft Literatur sein kann und muss. Wie wertvoll in einem kleinen Kanton am Rande der Schweiz, dem sonst schnell Literarische Provinzialität angelastet werden kann, gäbe es dieses Literaturhaus nicht. Michèle Minelli und Peter Höner zeigten im Kollektiv, was Schreiben bedeuten kann; ganz eigene Perspektiven, genaue Recherche, tiefes Rollenbewusstsein, im Spannungsfeld zwischenDistanz und Nähe.
Das Buch «Schreiblexikon, das» ist in jeder guten Buchhandlung zu bestellen. Direkt auch unter der Homepage von Michèle Minelli oder mit der ISBN 978-3-033-06042-5.
Während Tom es in den Monaten in Japan nicht schafft, den Einheimischen wirklich nahe zu kommen, versinkt seine Frau in ihrer Arbeit in einer Irrenanstalt. Während Tom ahnt, dass er in einem Land weilt, in dem Kultur dem Menschen dient, zerbricht seine Frau beinahe an den Folgen von Arroganz und Ignoranz. Während sich Tom wie in Watte gepackt tragen lässt, nie wirklich in der Fremde ankommt, feststellen muss, dass sich Japaner und Engländer nicht einmal in derselben Sprache sprechend verstehen würden, flieht seine Frau vor ihren Träumen, dem Alp um ihre viel zu früh verstorbene Schwester. Flieht zurück zu ihrer Mutter, die krank vor Eifer ausgerechnet Ally in den Wahnsinn zu treiben droht. Ally, eigentlich eine selbstbewusste Frau, mutiert, sobald sie über die Schwelle ihres Elternhauses tritt, zum kleinen Mädchen. Psychisch geprügelt von einer gläubigen, in ihrer heiligen, sozialen Mission unerschütterlichen Mutter. Und trotzdem ist die Geschichte die Geschichte einer Liebe, auch wenn ein Ozean dazwischen liegt.
Sarah Moss, 1975 geboren in Schottland, studierte und promovierte an der Oxford University. Heute unterrichtet sie an der University of Warwick. Sie ist die Autorin der Romane «Schlaflos» (2013) und «Wo Licht ist» (2015) sowie des erzählenden Sachbuchs «Sommerhelle Nächte: Unser Jahr in Island» (2014).
sich auf gegen das Schweigen, auf die Suche nach ihren Wurzeln, nach Familie und Herkunft. Es werden Schichten abgetragen, Proben aus der Vergangenheit analysiert, genau wie bei der Tiefenbohrung, einer Arbeit, bei der Ayleen während der Ferien ihr Taschengeld aufbessert. Und weil das Erkunden der eigenen Herkunft kein lineares Entdecken ist, sich auch im Erdinnern Schichten überlagern, ist Eva Roths Roman kein lineares Erzählen. «Blanko» ist ein Roman mit Tiefenwirkung, erstaunlich reif und kunstvoll konstruiert.
