Peter Terrin «Blanko», Liebeskind

Viktor verliert seine Frau bei einem brutalen Überfall. Sie lag zusammengeschlagen auf der Strasse, so wie sein ganzes Leben zusammengeschlagen wurde. Was ihn einigermassen aufrecht hält, ist die Sorge um seinen Sohn Igor. Eine Sorge, die zur Obsession wird. Peter Terrin leuchtet in die abgerückte Welt eines immer zerstörerischer werdenden Irrsinns.

„Blanko“ ist eine Höllenfahrt in die quälenden Ängste eines Vaters, dessen einzige Aufgabe es wird, seinen Sohn vor der Schlechtigkeit der Welt zu retten. Eine nicht zu bremsende Höllenfahrt. Man liest mit Erschütterung, weil der Untergang nicht aufzuhalten ist, weil man den Mann letztlich versteht, weil die Interpretationen des zurückbleibenden Mannes ihm Recht zu geben scheinen, weil wir von all den Müttern und Vätern wissen, die ihre Kinder mit allen Mitteln vor dem allgegenwärtig Bösen dieser verkommenen Welt schützen wollen.

Peter Terrin «Blanko», übersetzt von Rainer Kersten, Liebeskind, 2021, 205 Seiten, CHF 28.90, ISBN 78-3-95438-125-8

„Blanko“ erzählt aber auch die Geschichte eines Mannes, dessen Wahrnehmung durch eine persönliche Katastrophe aus der Angel gehoben wird und sich ganz neu ausrichtet, der die Welt plötzlich in ganz anderer Perspektive sieht, der nicht mehr an all die Beteuerungen der offiziellen Wahrnehmung glauben will. Wir leben in einer Welt des Rückzugs. Durch die Pandemie noch verstärkt zementiert sich der Mensch in seiner Weltanschauung, die er nur noch mit dem füttert, was er seiner Meinung entsprechend zuträglich findet. Viktor hat mit dem tödlichen Verbrechen an seiner Frau viel mehr verloren als die Ehefrau, seine Liebe und die Mutter seines einzigen Sohnes. Die Tat katapultierte ihn aus seiner Welt, hinein in ein Reduit, das er mit allen möglichen und unmöglichen Massnahmen zu sichern versucht.

Peter Terrin konzentriert sich in seinem beeindruckenden Roman nicht auf die Gründe, wie es zum Verbrechen an seiner Frau kam, noch viel weniger um die Täterschaft. Peter Terrins erzählender Blick fokussiert sich einzig und allein auf das, was mit Viktor passiert, welche Schlüsse der Mann aus der Tat und den Reaktionen der Welt darauf für sein eigenes Leben, seine Zukunft und die seines Jungen zieht.

Viktor, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Gesundheitsministerium, kann wegen eines eingestützten Dachs an seinem Arbeitsplatz im Labor zuhause arbeiten. Was er für seine Untersuchungen braucht, steht zuhause. Und weil er seine Tage selber einteilen kann, begleitet er seinen Sohn zur Schule, holt ihn auch wieder ab und bleibt im Auto sitzen, während Igor in der Schule sitzt. Viktor beobachtet und versteht die Welt nicht mehr, versteht nicht, dass man sich ungehindert Zutritt ins Schulhaus verschaffen kann, dass die ausserschulischen Aktivitäten des Klassenlehrers seines Jungen nicht eingehender unter die Lupe genommen werden, dass man seinen Sohn von der Schule verweist, weil er sich doch nur gewehrt hatte, mit dem Springmesser, das ihm sein Vater zum Geburtstag schenkte – zur Selbstverteidigung.

Igor muss zuhause bleiben. Viktor lässt Gitter vor die Fenster montieren, Frischluftfilter, Panzertüren. Er unterrichtet seinen Sohn bei Tag und wird nachts von üblen Träumen heimgesucht, die ihm wie Spiegelbilder der Welt draussen erscheinen. Einzig seine Schwester bringt ihm ab und an etwas Lebensmittel und kann immer weniger verstehen, was sie zu sehen bekommt. Peter Terrin schlüpft in die Wahrnehmung dieses einsamen Mannes, sieht die Welt durch seine Augen, eine Welt, die mehr und mehr schrumpft und immer dunkler wird. Immer mehr zu einem selbst inszenierten Gefängnis. Aber nicht nur für Viktor, sondern auch für seinen Sohn Igor.

Viktor liebt seinen Sohn. Diese Liebe ist das einzige, das ihm geblieben ist. Eine Liebe, die vernichtend wird. Wer Mut hat, der lese – unbedingt!

Peter Terrin, 1968 im belgischen Tielt geboren, gehört zu den wichtigsten Stimmen der flämischen Literatur. Er veröffentlichte Erzählungen, Theaterstücke und bislang sieben Romane, darunter «Der Wachmann», für den er 2010 den Literaturpreis der Europäischen Union erhielt, und «Post Mortem», der 2012 mit dem AKO-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Seine Werke wurden in über fünfzehn Sprachen übersetzt.

Rainer Kersten, geboren 1964, übersetzt aus dem Niederländischen, u.a. Werke von Tom Lanoye, Dimitri Verhulst und Arnon Grünberg. 2016 wurde er mit dem Else-Otten-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Beitragsbild © Jef Boes

Eva Roth «Zur Unzeit»

.
die Monduhr zählt​​​​​
die verreckte Zeit die verzehrte
Zeit die vergangene
Zeit auf nicht mal einem
halben Kreis

.
wie verdrehtes Reh liege ich
Vorderläufe und Hinterläufe
von mir gestreckt
den Kopf im Himmel
und erwarte Morgen

.
meine Mulde dreht
die Matte dreht
die Ebene kippt
die Südkette dreht
die Glocke dreht
das Silber dreht
es zieht das Segel

das Zelt
flattert

ich ziehe hinaus
ich drehe
Punkt

.
schön
wenn der Schlaf mich entlässt wie das Meer
wenn eine Welle ein Stück
Holz auf den Strand schiebt
aber
legt der Schlaf mich bloss auf die Schwelle
wie die Katze eine Maus –

.
Blaulicht
schreit durch deinen Schlaf
deine Wände zucken
dreh dich um
verschliess dein Ohr
lass uns
das Unerhörte suchen

Eva Roth, 1974 im Appenzellerland geboren, lebt und arbeitet mit ihrer Familie in Zürich. 2015 erschienen zusammen mit dem Illustrator Artem Kostyukewitsch das Bilderbuch «Unter Bodos Bett» und im gleichen Jahr ihr erster Roman «Blanko» bei der edition 8:
Ayleen ist an einem Wendepunkt in ihrem jungen Leben; der Kindheit entwachsen, auf dem Weg, sich abzunabeln. Aber wovon? Ihre Mutter Silvia gab die Vergangenheit nie preis, obwohl sie sich in keinem Augenblick leugnen liess, denn Ayleen hat dunkle Haut und schwarzes, krauses Haar. Ayleen macht sich auf gegen das Schweigen, auf die Suche nach ihren Wurzeln, nach Familie und Herkunft. Es werden Schichten abgetragen, Proben aus der Vergangenheit analysiert, genau wie bei der Tiefenbohrung, einer Arbeit, bei der Ayleen während der Ferien ihr Taschengeld aufbessert. Und weil das Erkunden der eigenen Herkunft kein lineares Entdecken ist, sich auch im Erdinnern Schichten überlagern, ist Eva Roths Roman kein lineares Erzählen. «Blanko» ist ein Roman mit Tiefenwirkung, erstaunlich reif und kunstvoll konstruiert.

«Literatur am Tisch» mit Eva Roths «Blanko»

DSCN1140Eva Roth «Blanko», Edition8

Ein Buch lesen und dann ins Regal stellen? Erst recht nicht bei einem guten Buch! Und wenn dann auch noch die Autorin daran interessiert ist, sich mit neuguerigen Leserinnen und Lesern auszutauschen, dann kann ein solcher Abend nur zum Erlebnis werden, für beide Seiten, selbst dann, wenn es nach der Lektüre zu kritischen Bemerkungen kommen könnte.
So nicht bei Eva Roth, die ihren ersten Roman «Blanko» bei Edition8 veröffentlichen konnte und bis jetzt immer noch auf ein überregionales Echo wartet. Zu Unrecht, wie das einhellige Urteil der Runde ausfiel. Der Roman mag für den Gelegenheitsleser anspruchsvoll sein, in seiner Vielschichtigkeit und Vielsinnigkeit ist er aber ein echter Genuss.
Am Schluss des gemeinsamen Abends versicherte Eva Roth, es sei für sie eine Bereicherung gewesen, in dieser Runde über ihr Buch und ihr Schreiben zu diskutieren, mit Menschen, die sich wirklich mit dem Roman, den Geschichten, den Feinheiten bis hin zur Sprache beschäftigt haben.
So sassen am Tisch mit Eva Roth 7 LeserInnen mit der einhelligen Meinung, ein besonderes, absolut lesenswertes Buch diskutiert zu haben, ein Buch, das es verdient, viel mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen als der kleine Verlag am Zürichsee versprechen kann.

Rezension in «Saiten»
Rezension in der NZZ
Rezension in der «Thurgauer Zeitung»
Edition8