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Autor: Gallus Frei
Petra Dvořáková «Die Krähen», Anthea
Petra Dvořáková erzählt in ihrem Roman „Die Krähen“ von den finsteren Abgründen in einer Familie. Ausgerechnet in jenem filigranen Gefüge, das Gesellschaft und Politik gerne idealisieren, das aber nicht erst in der Gegenwart Schauplatz einer Form von Gewalt ist, der nur ganz schwer zu begegnen ist.
In den Ästen einer alten Ulme nisten Krähen. Während Männchen und Weibchen brüten, die Jungen schlüpfen, beobachten sie das eigenartige Treiben im Haus davor. Bei den Menschen, bei denen das Brutverhalten so ganz anders zu verlaufen scheint, als in den immer gleichen Bahnen der Vögel, die beiden Mädchen, das eine mit kürzeren Haaren als das andere, bei denen es hinter den offenen Fenstern oft laut zu- und hergeht. Wo geschrieen und geweint wird. Wo sich ein Drama abspielt.
Was in seinen Grundzügen an ein Märchen erinnert, eine Familie mit zwei Kindern, das eine geliebt, das andere geduldet, das eine folgsam, das andere wild und aufmüpfig, eine Krähenfamilie, die das Geschehen im Haus zu spiegeln scheint; hier die von Instinkten geleitete Harmonie, dort die von Ehrgeiz und Zwängen zerfressene Welt des zivilisierten Menschen, ist ein Stück Wirklichkeit, das sich sehr oft nicht an der Oberfläche zeigt, dessen Wirkungen aber ganze Leben zerstören, Seelen derart beschädigen, dass es ein Leben braucht, um gegen all die Verletzungen anzukämpfen.

Jedes Jahr werden Tausende von Kindern bei innerfamiliären Konflikten zu Opfern von Gewalt. In Deutschland sind laut Statistik mehr als 70 % aller Opfer Häuslicher Gewalt Frauen und Mädchen. Viele Opfer werden gar nie statistisch erfasst, bleiben „Dunkelziffer“. Wie schwer sich Kinder selber helfen können, wie gefährlich eine Offenbarung innerfamilärer Missstände sein kann und wie schnell ein verzweifelter Versuch ein Kind zwischen die Fronten von Familie und Institutionen manövrieren kann, davon schreibt Petra Dvořáková.
Die Autorin erzählt aus drei Perspektiven; aus der Sicht des Mädchens, ihrer Mutter und zwischen den Kapiteln, als wäre es das entschlüsselte Krähen in einem Krähennest, von den Vögeln in der alten Ulme. Burana ist acht. Zusammen mit ihrer grösseren Schwester, die schon ihre Tage hat, besucht sie die gleiche Schule. Ihre Mutter arbeitet in der städtischen Bibliothek, ihr Vater, Václav, kümmert sich erst dann um die Belange der Familie, wenn seine Frau ihn dazu drängt. Immer dann, wenn die Situationen zu eskalieren drohen. Buranas Mutter steht permanent unter Strom; an ihrer Arbeitsstelle, zuhause als Ehefrau und Erzieherin und all den andern Müttern gegenüber, die ihre wunderbaren Kinder präsentieren und Familie demonstrieren.
Wäre Burana so wie ihre ältere Schwester Katuška, wäre, so glaubt die Mutter, alles kein Problem. Katuška ist hilfsbereit, zugewandt, brav und angepasst, während sich ihre kleinere Schwester in ihren Gedanken verliert, viel lieber zeichnet und bastelt, als staubsaugt oder die Küche in Ordung bringt, ihre Welt erkundet und in allem ein Abenteuer sieht. Bàra ist dauernde Provokation, so gar nicht das, was die Mutter braucht nach einem anstrengenden Tag, ein Schlachtfeld für Konflikte. Und wenn die Situation eskaliert, muss der Vater die strafende Hand spielen, auch wenn dieser genau weiss, dass er es nur tut, um seiner Frau zu genügen. Und wenn dann Bàra einmal allein mit ihrem Vater ist, dann wird die Sehnsucht nach Liebe zum Abgrund.
Bàra wächst in einem Klima der Verunsicherung auf. Der Kunstunterricht in der Schule wird zum Rettungsanker. Aber schnell wird klar, dass auch dieses Licht am Ende des Tunnels zum Irrlicht werden kann.
Petra Dvořákovás Roman ist in ganz einfacher Sprache erzählt. Bàra und ihre Mutter schildern jeweils ihre Sicht der Dinge. Umso beklemmender, denn die Ausweglosikeit treibt beide. Beide fühlen sich mehr und mehr in die Enge getrieben. Nur die Miniaturen aus der Sicht der Krähen blicken ohne Angst und Moral auf ein Geschehen, das mehr und mehr auf eine Katastrophe zuläuft. Ein wichtiges Buch.
Petra Dvořáková (1977, Velké Meziříčí) ist eine tschechische Schriftstellerin und Drehbuchautorin mit Schwerpunkt auf Romanliteratur. Ihr Debüt „ Verwandelte Träume“ (Proměněné sny) wurde 2007 mit dem renommierten Magnesia-Litera-Preis ausgezeichnet und behandelt Fragen von Religion und Glaube. Auch persönliche Erfahrungen prägen ihr Werk, etwa in «Ich bin Hunger» (Já jsem Hlad, 2009) über ihren Kampf mit Anorexie. «Die Krähen» (Vrány, 2020) wurde in Polen zum Bestseller und ist ihr erstes Buch, das auf Deutsch erscheint.
Hana Hadas, geboren 1972 in Uherské Hradiště, ist in der ehem. ČSSR und in Österreich aufgewachsen. Sie studierte Slawistik und Kunstgeschichte in München und ist seit 2001 als freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin tätig.
Beitragsbild © Věra Marčíková
Melara Mvogdobo „Großmütter“, Transit #SchweizerBuchpreis 25/06
„Großmütter“ ist kein Frauenroman, sondern ein Buch über unsere Gesellschaft im 20. Jahrhundert und darüber hinaus. „Großmütter“ ist kein Roman über eine späte Revolte, aber eine beeindruckende Geschichte über zwei Frauenschicksale, die sich auf den ersten Blick kaum vergleichen lassen und doch schmerzhaft viele Parallelen aufweisen.
Das Gewicht eines Romans manifestiert sich nicht in erster Linie durch seine Seitenzahl, auch wenn das eine oder andere Buch sich damit zum Monument macht. Melara Mvogdobo deckt auch nichts auf, das wir nicht längst wüssten, das uns mahnen müsste, Zustände, die über Jahrhunderte Hoffnungen zerstörten, Leben auf grausamste Weise unterdrückten und nur allzu oft in Krankheit und Tod endeten. Wie leicht ist es, sich auf den Errungenschaften moderner Lebensformen auszuruhen, mit dem Zeigefinger dorthin zu zeigen, wo Unterdrückung und Gewalt gegen Frauen noch immer Normalität sind, Teil einer staatlichen oder religiösen Ideologie. Nicht erst mit ihrem Roman „Großmütter“ setzte Melara Mvogdobo ein Zeichen. Schon ihr Debüt ist ein Feldzug gegen zementierte Gesellschaftsstrukturen und patriarchalen Machtmissbrauch.
Zwei Frauenleben; das eine in der Schweiz, aufgewachsen auf einem Bauernhof. Arbeit bestimmt das Leben. Die junge Frau, der man eine Ausbildung verweigert, weil sie so etwas als zukünftige Ehefrau und Mutter gar nicht braucht, kommt auf den Hof eines Grossbauern, wird geschwängert, von allen geächtet, ohne Kind weit weg geschickt, zwangsverheiratet und von ihrem Ehemann bis ins hohe Alter nicht nur mit der Faust bestraft. Das andere in Kamerun, als weiblicher Ballast einer wohlhabenden Familie geboren, als Enttäuschung, weil man lieber einen Stammhalter gehabt hätte, früh verheiratet, von der Mutter beschworen, sich gegen Polygamie zu stemmen, vom Mann missbraucht und misshandelt, aller Träume beraubt, schlussendlich mit Hilfe ihrer Kinder zur Flucht nach Europa gezwungen.
Die Freiheit einer Frau reicht nur bis zum nächsten Nein eines Mannes.

Zwei Schicksale, die von Unglück zu Unglück stolpern, deren Aufbegehren schon im Keim erstickt wird, die all die Träume, die sie einst in sich trugen, davonschwimmen sehen, vernichtet durch die Macht der Konvention, unumstössliche Gesellschaftsordnung und das frauenverachtende Selbstverständnis männlicher „Vorherrschaft“. Und doch verlieren die beiden Frauen diesen letzten Kern nie, selbst dann nicht, wenn die Katastrophe unausweichlich scheint, wenn die Geschichte beweisen will, dass es immer so war und auch in Zukunft so bleiben wird, wenn ihnen das Schicksal Unmenschliches aufzwingt.
Dieser schmale Roman ist keine Anklage, auch wenn die Intentionen der Autorin mehr als deutlich werden. Melara Mvogdobo führt mir vor Augen, was ich allzu oft aus meinem Bewusstsein verliere, bildet man sich doch schnell viel auf die „Errungenschaften“ Westeuropas ein und schaut mit Herablassung auf Zivilisationen, die ganz offensichtlich nicht unseren Massstäben entsprechen. In bildhafter Sprache und grosser Emotionalität schrieb Melara Mvogdobo einen Roman, der mich tief bewegt. Alles an diesem Roman ist auf den Kern reduziert. Und trotzdem strahlt die Sprache in erstaunlich poetischer Kraft.
Zu gönnen ist die Nomination aber auch dem Transit Verlag mit Sitz in Berlin. Ein kleiner Verlag, der sich nicht nur um das gute, sondern auch um das schöne Buch verdient macht. Mit Sicherheit ist genau das etwas von dem, was einen Preis wie den Schweizer Buchpreis wichtig macht; für einmal sind Verlage im Scheinwerferlicht, die es sonst kaum so ins Rampenlicht schaffen. Verlage, die den Buchmarkt vielfältig und differenziert machen. Erstaunlich genug, dass es sie gibt und dass sie mit ihren Büchern Wagnisse eingehen, die bei grossen Verlagen im Streben nach Umsatz und Gewinn kaum Chancen hätten.
Melara Mvogdobo wurde 1972 in Luzern geboren. Nach einem Pädagogik-Studium und der Geburt von drei Söhnen lebte sie in der Dominikanischen Republik, in Kamerun und wieder in der Schweiz. Neben ihren schriftstellerischen Arbeiten unterrichtete sie traumatisierte Jugendliche, leitete Workshops über Textilkunsthandwerk und tropische Küche. 2022 zog sie mit ihrer Familie nach Andalusien. 2023 erschien ihr erster Roman «Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden» (Edition 8, Zürich).
Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch
Louise Landes Levi «The Goddess / Die Göttin», Moloko Print, übersetzt und herausgegeben von Florian Vetsch
The Goddess – Der Versuch, die Finsternis auszulöschen – neue und ausgewählte Gedichte von Louise Landes Levi
Als im Juni 2022 die 1944 in New York geborene Dichterin, Sarangi-Spielerin und Weltreisende Louise Landes Levi nach einem langen Aufenthalt in Japan in St. Gallen auf den Dichter, Herausgeber und Übersetzer Florian Vetsch traf, um gemeinsam mit ihm und zwei Musikern im KultBau St. Gallen aufzutreten, vereinigten sich Welten, die für einen Abend auf der Bühne miteinander verschmolzen. Kein Wunder, dass Florian Vetsch, Kenner amerikanischer und deutscher Beatliteratur, in der Folge alles daran setzte, mit neuen und ausgewählten Gedichten der aussergewöhnlichen Künstlerin einen breiten Zugang für ein deutschsprachiges Publikum zu schaffen. Herausgegeben bei Moloko Print, einem Label, das sich expressionistischer und zeitgenössischer Literatur sowie moderner Lyrik verschrieben hat.
Now / I realize / I’m in a Paradise / for POETRY

Louise Landes Levi versteht sich nicht einfach als Dichterin. Sie ist nicht nur dann Dichterin, wenn sie schreibt oder auftritt. Louise Landes Levi ist Dichterin. Künstlerin, Lebenskünstlerin mit jeder Faser ihres Körpers, ihres Auftretens, ihrer Wirkung. Ihr Schreiben ist ein Wandern durch die Zeit, all den grossen Figuren ihres Lebens entlang, sei es der Dzogchen-Meister Namkhai Norbu oder Ira Cohen, einer charismatischen Schlüsselfigur der Beat Culture, Lyriker, Fotograf und Filmemacher. Louise Landes Levis Poesie ist ein Schmelztiegel zwischen Kontinenten und Kulturen. Was die Autorin ausserordentlich werden lässt, ist ihr Eintauchen und Aufgehen in den offenen Zonen dieser Kontinentalplatten. Ihre Gedichte, die Florian Vetsch englisch und deutsch einander gegenüberstellt, sind Manifest einer Lebensart, einer Überzeugung, einer grenzenlosen Leidenschaft; Wenn die Fremde kommt gewähre ihr Einlass. Von zärtlichen Augenblicken, Momenten der Erkenntnis und Erleuchtung, von Begegnungen und Liebeserklärungen, von Statements und Befreiungen – Louise Landes Levi taucht in Sprache, Musik und Fotographie, begibt sich in ihrer Kunst auf eine permanente Suche nach dem Absoluten, diesem einen Moment, der alles mit allem verbindet.
Der mit einer Fotoserie der Künstlerin, einer CD mit der Suite Kami, eingespielt von Bart de Paepe und Timo van Luijk und einem Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Florian Vetsch ist eine Schatztruhe, zugleich ein Tor zu einer Welt, die ganz und gar in ihrer Leidenschaft aufgegangen ist.
Beitragsbild © Ira Cohen Archives
Eva Schmidt «Sonne in einem leeren Zimmer», Golden Luft
Manchmal muss mir der Zufall helfen, dass ich literarische Kostbarkeiten entdecke. So eine Kostbarbeit sind die Prosastücke der Vorarlbergerin Eva Schmidt, erschienen im Mainzer Golden-Luft-Verlag. Nicht nur literarisch ein Kleinod, auch haptisch, in Aufmachung und Gestaltung.
Blättert man in den bereits erschienenen Veröffentlichungen des Verlags, stets fadengeheftet, die Umschläge von KünsterInnen gestaltet, zeigt sich Eva Schmidt in bester Gesellschaft; Franz Kafka, Stefan Zweig, John Burnside… und Eva Schmidt. Das mag Zufall sein. Aber viel eher das verlagseigene, sichere Gespür für Qualität. Für die Qualität in der Kürze, im Eingedampften, Konzentrierten. In dem, was bleibt, wenn nur noch der hochprozentige Sud übrig bleibt.
Auch wenn Eva Schmidt in den letzten drei Jahrzehnten längst zu einem Eckpfeiler der deutschsprachigen Literatur geworden ist, Eva Schmidt zu den Grossen der österreichischen Gegenwartsliteratur gehört, muss man sie noch immer als Geheimtipp deklarieren. Wahrscheinlich deshalb, weil Eva Schmidt weder eine Autorin der grossen Gesten, noch eine der spektakulären Plotts ist. Wer Eva Schmidts Bücher liest, blickt ins pure Leben, in die Normalität, die Stille. Es sind beinahe Standbilder, die die Autorin mit ihrem feinen Blick in den Fokus bringt. Eva Schmidt scheint ein spezielles Gespür für Situationen, Augenblicke zu haben, denen die meisten Menschen keine Aufmerksamkeit schenken würden.

Kein Wunder, tragen einige ihrer Miniaturen Titel der Bilder des amerikanischen Malers Edward Hopper. „Sonne in einem leeren Zimmer“, „Zimmer am Meer“ und „Nachtschwärmer“ setzen seine Bildlandschaft bis hin zu seinen Farben in meine ganz eigene Erfahrungswelt. Eva Schmidts Prosastücke sind literarische Meditationen des Normalen. Kein Sog, kein Rausch, aber hörbare Stille. Sätze, die wie Kristalle spiegeln, ganz klar in der Kontur, im Einen die Vielfalt spiegelnd.
Wer literaisch geniessen will und nicht bloss aus Lust nach Zerstreuung liest, wer die Muse hat, einen Text wirken zu lassen, diesen wie ein Gedicht mehrmals zu lesen, dem ist „Sonne in einem leeren Zimmer“ genau der richtige Stoff, um dem medialen Dauerrauschen zu entkommen. Man wünscht sich ein kleines Podest, auf dem man das schmucke Büchlein auflegen kann, um immer und immer wieder daran vorbeizugehen, um einen Text lang aus dem Herumgerenne auszusteigen.
„Sonne in einem leeren Zimmer“ ist als Titel Programm, wirkt ganz tief. Es wäre der Autorin (und dem Verlag) zu gönnen, wenn die stille Autorin aus Bregenz die Aufmeksamkeit erhalten würde, die ihr zusteht.
Ein Kleinod!
Eva Schmidt, geboren 1952 in Lustenau, lebt in Bregenz, Vorarlberg. Sie debütierte 1985 mit Erzählungen («Ein Vergleich mit dem Leben», Residenz Verlag), der erste Roman folgte erst zwölf Jahre später unter dem Titel «Zwischen der Zeit» (1997). Nach einer Unterbrechung von fast zwanzig Jahren erschienen die beiden gefeierten Romane «Ein langes Jahr» (2016) und «Die untalentierte Lügnerin» (2019), mit beiden war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2019 veröffentlichte sie den Band «Sonne in einem leeren Zimmer», Erzählungen unter dem Titel «Die Welt gegenüber» (2021) und 2025 ihren neusten Roman «Neben Fremden«.
Beitragsbild © Klaudia Longo
Meral Kureyshi «Im Meer waren wir nie», Limmat #SchweizerBuchpreis 25/05
«Im Meer waren wir nie» ist ein Familienroman, wenn auch nicht Abbild jener klassischen, idealisierten Familie; Vater, Mutter, Kind. Ein Bild, das lange genug alles andere zur Ausnahme, zum Sonderfall machte. Ein Roman über Befreiungsversuche – und eine würdige Nomination zum besten Buch in der Schweizer Literaturlandschaft.
In „Im Meer waren wir nie“ passiert nur wenig. Kein Roman, der sich plottorientiert um Spannung und Unterhaltung bemüht. Nicht dass dieser Roman nicht unterhalten würde. Aber er tut dies auf eine ganz eigene Weise. Es sind die Innenansichten der beschriebenen Personen und ihrer Welten. Es ist die Atmosphäre, die Meral Kureyshi mit viel Feingefühl und Empathie zeichnet. In einer Sprache, die in ihrer Tonalität, ihrer Zerbrechlichkeit genau das widerspiegelt, was die Protagonistinnen auszuhalten haben; ihr Gefangensein in einer Situation, ihre Beinahe-Ausweglosigkeit, dieses Gefühl, nicht dort zu sein, wo die Frauen eigentlich sein wollen.
Die Erzählerin und ihre Freundin aus Kindertagen leben in zwei Wohnungen übereinander. Weil Sophie als alleinerziehende Lehrerin Unterstützung braucht, hat es sich über die Jahre irgendwie ergeben, dass die Erzählerin für Sophies Sohn Eric schaut, wenn seine Mutter nicht da ist, oder keine Kraft mehr hat, sich um ihren Sohn zu kümmern. Eric ist acht, vorlaut und voller Leben.

Und weil die Erzählerin so sehr zur Familie gehört und sich aus Ermangelung einer eigenen, die sich irgendwo zwischen ihrer einstigen Heimat 2000 Kilometer entfernt und der Schweiz verloren hat, ist es für sie selbstverständlich, als man sie bittet, Sophies Grossmutter Lili im Altersheim beizustehen, ihr Gesellschaft zu leisten, sie zu begleiten, ihr vorzulesen. Man bezahlt sie dafür. Sie wird zu einer Stütze in einem filigranen Familiengefüge, aber ebenso zu einer Selbstverständlichkeit. Zu der, die immer Zeit hat, die sich allem stellt, die zum Dreh- und Angelpunkt wird. Auch in ihrer ursprünglichen Familie, denn Nuri, ihre jüngere Schwester zieht vorübergehend bei ihr ein, geflohen aus einem Leben in Bedrängnis.
Lili begleitete vor Jahren ihren pflegebedüftig gewordenen Ehemann Emil ins Altersheim. Als er starb, blieb sie. Und als auch sie immer mehr Hilfe benötigt, aber niemand aus der Familie jene Zeit aufbringen kann, ist die Erzählerin gerade richtig, um jene Rolle einzunehmen. Zwischen Lili und ihr entsteht eine seltsame Beziehung, weder Freundschaft noch etwas wie Verwandtschaft. Genauso die Beziehung zu dem kleinen Eric, der sich ihr gegenüber ebenso ablehnend wie Nähe suchend zeigen kann. Auch die Freundschaft zu Sophie, Erics Mutter, ist eine andere geworden oder die Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Nuri. Es sind alles Beziehungen in der Schwebe. Nicht zuletzt darum, weil in allen Beziehungen Unausgesprochenes liegt, Geheimnisse, die nach Klärung rufen.
Die Erzählerin weiss, dass sie ihnen allen sagen muss, dass sie eine Stelle weit weg gefunden hat. Lili schleppt eine Schachtel mit Briefen mit sich herum, Zeugnisse einer alten Liebe, von der sie ihrer treuen Begleitung nur häppchenweise erzählt. Sophie von einer Beziehung, einem neuen Mann an ihrer Seite. Und Lilis Leben gibt mehr als deutliche Signale, dass es nicht mehr lange dauern würde, dass es Dinge gibt, die ausgesprochen und noch getan werden müssten.
Meral Kureyshis Roman beschreibt einen Typus Familie, der immer mehr dem entspricht, was bleibt, wenn aus Träumen und Erwartungen nicht wird, was hätte werden sollen. Familien, aus denen sich die Männer in ganz unterschiedlicher Art und Weise entfernen, die Pflichten aber an den Frauen hängen bleiben. „Im Meer waren wir nie“ beschreibt Frauen, deren Lebensentwürfe sich in der Maschinerie der Realitäten verheddern. Sei es Lili, die statt ihrer Liebe die Sicherheit wählt und nie darüber hinwegkommt, seien es Sophie und ihre Mutter, die sich ein Stück Freiheit erkaufen, in dem sie eine bezahlte Begleitung engagieren. Sei es die Erzählerin selbst, die erst mit Lilis Tod den letzten Schritt aus dem Hamsterrad schafft.
Beeindruckend an diesem Roman ist die Sprache, die Kunst der Schriftstellerin, aus unglaublicher Nähe jene Welt zu zeichnen, aus der es fast kein Entkommen gibt. Bilder, die mit wenigen Sätzen ganze Geschichten öffnen. Sätze, die in ihrer Poesie nachhallen. Kein Roman der lauten Töne, dafür einer tiefen Wärme!
Meral Kureyshi, geboren 1983 in Prizren, kam 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz und lebt in Bern. Sie studierte Literatur und Germanistik und arbeitet als freie Autorin. Ihr erster Roman «Elefanten im Garten» war nominiert für den Schweizer Buchpreis, wurde mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. Ihr zweiter Roman «Fünf Jahreszeiten» wurde im Manuskript ausgezeichnet mit dem Literaturpreis «Das zweite Buch» der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung. 2020 wurde sie zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen (Bachmannpreis). Für «Im Meer waren wir nie» erhielt sie 2025 einen Literaturpreis des Kantons Bern.
Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch
Peter Weibel «Mein Faden ist blau. Für Beat Brechbühl, Lyriker, Verleger, Freund»
Er steht nicht am Bahnhof, nicht wie all die Jahre zuvor, wenn er mich erwartet hat, auch nicht an der Handpresse im Verlagskeller, der kahl geworden ist ohne Geschäftigkeit, ohne Menschen, er sitzt gedankenverloren in seiner Computernische an einem Glücksspiel. Als würde gerade das noch bleiben, nach so viel verlorenem Glück, die Utopie Spielglück. Als würde es einem zustehen, der die Utopie immer eingefordert hat gegen jede Berechnung
Weil ich nicht singen kann,
bin ich Lyriker geworden
Und Verleger. Wenn er aufsteht, geht er gebeugt durch den hallenden Raum, der aussieht wie ein Museum für die vergessene Kunst des Handpressedrucks. Manchmal sucht er etwas, bleibt verloren stehen zwischen Büchern und Bodoniblättern, die ihn umgeben wie eine Aura. Namen, denen er eine Stimme gegeben hat gegen das stumpfe Gedächtnis der Gebrauchswelt. Izet Sarajlic, Galsan Tschinag. Rafik Schami. Er steht da wie ein erratischer Block in einem verlorenen Land, und in Gedanken rufe ich ihm zu, man kann ein Land tilgen, nicht sein Vermächtnis, das Wort als letzter Hort der Utopie lässt sich nicht vernichten
Die Jagd auf dich
ist eröffnet
Er sagt: Was geschieht mit einem, dem alles genommen wird? Kein Verlagshaus mehr, keine Fahrten zur Karthäuse mehr, überhaupt keine Ausfahrten mehr. Keine Freiheit mehr, sich selbst, den eigenen Tag zu wählen, dafür Überwachung durch den Pflegedienst, am Morgen um acht, am Abend um Viertel vor sieben
Hast alles hergegeben: dich,
deine Arbeit, deine Begabung, deine Zeit
Der Verlag hat die Welt weit gemacht, er hat die Welt in die Provinz getragen, er hat alles eingefordert und alles wieder genommen. Und er hat seine Begabung geschluckt – die Stimmen der anderen wurden ihm wichtiger als seine eigene. Wie kann man schreiben, wenn die Stimmen der anderen darauf warten, gehört zu werden, wenn sie in jeden Winkel des Tages drängen, selbst in den Traum?
Ich liebe eine Linde
niemandem sage ich welche
Die alte Holzbank unter der Linde steht noch immer da, ich bin mir sicher, hier hat er auch mit Sarajlic gesessen, hier hat er mit Sarajlic darüber gesprochen, dass es Kriege gibt, solange keiner dagegen anschreibt, solange Kriegsgedichte den Tod des Vergessens sterben wir die Opfer des Krieges. Und hier erklärt er mir, was mit einem geschieht, wenn die verlässlichen Lebenspunkte wegschwimmen, die sicheren Behausungen, wenn man sein Vertrauen an die falschen Menschen verschenkt
Weil ich nicht lügen kann,
bin ich Dichter geworden
Das Lügen hat er anderen überlassen. Freunde können zu Feinden werden, es kann auch sein, dass er zu viele Feinde gesehen hat. Jetzt sieht es aus, als wäre jeder mit ihm befreundet, man begegnet ihm respektvoll, manchmal besorgt, im Areal des Eisenwerks redet man ihn an wie eine Legende, ich weiss nicht, ob es ihn freut oder nicht. Ob es ihn freut, auf die immer gleichen Fragen antworten zu müssen
Weil ich nicht Englisch kann, geriet
ich gleich aus dem Kindergarten nach Italien, dort flog mir
ein Buchverlag entgegen, den ich später gründete
Was geschieht, wenn das Gedächtnis immer schlechter wird? Manchmal sucht er Namen, Bezugspunkte, er weiss, was einen erwartet, der sich langsam verliert, er hat es bei anderen gesehen. Die weit verzweigte Gedankenwelt im Kopf, eine grosse Landschaft ohne Grenzen hat ihn von einem Kontinent zum anderen getragen, jetzt verängstigt sie ihn
Weil ich oft das wuchernde Leben verpasse,
habe ich Lücken in meiner elften Biografie
Ich weiss nicht, was geschieht, wenn man die Handpressen abmontiert und wegschafft wie ein stockendes Herz, das vom Blutkreislauf abgeschnitten wird
Sein mächtiges Lachen ist leise geworden, aber ich höre es noch immer laut über den Seerücken rollen. Auch seine wortgewaltigen Geschichten höre ich noch immer, epische Erzählungen, in denen man hängen bleibt, sie haben ihm Türen geöffnet und manchmal auch wieder verschlossen. Mir bleibt er ein Freund aus Granit – ein Turm von Mensch, der trotzige Bücher formt, die einen Hauch von Anarchie in die Welt hinaus schicken. Ein Unbeugsamer, der sich nicht brechen lässt, auch wenn die Jäger längst freie Schussbahn haben
Türme fallen nicht, sie werden zu Fall gebracht.
Unten sagst du: Dort oben bin ich gewesen. Ich war
oben, ganz sicher – und genau dieser Satz sagt, dass er
sich nicht mehr so sicher ist
Ich frage nicht, warum bist du dir nicht mehr so sicher, ich hätte ihn fragen müssen, bevor ich gehe. Ich hätte sagen müssen, es gibt kein unten für den, der oben gewesen ist, die freie Sicht oben ist nicht verhandelbar – man kann ein Verlagshaus räumen, ein Lebenswerk nicht
Aber mein Faden ist blau
und er ist endlich
Endlich ist nur die physikalische Vermessung, aber die Sprache der Bücher bleibt.
Juni 2021
Die Lyrikzitate sind Beat Brechbühls Lyrikband „Böime, Böime! Permafrost & Halleluia“ entnommen.
Beitragsfoto © Martin Stiefhofer
Jonas Lüscher „Verzauberte Vorbestimmung“, Hanser #SchweizerBuchpreis 25/04
Die Lektüre des neuen Romans von Jonas Lüscher entlässt mich mit sehr gemischten Gefühlen. So wie ich vieles im Roman nicht einordnen kann, so kann ich nicht einmal den Titel „Verzauberte Vorbestimmung“ einordnen. Aber vielleicht ist genau das Prinzip „Einordnungsversuch“ der Schlüssel zu Jonas Lüschers Roman.
Lieber Bär
Jonas Lüscher schrammte während der Covid-Pandemie knapp am Tod vorbei. Er ist ein Gezeichneter. Ich begegnete ihm nach seiner Krankkeit in Leukerbad am dortigen Literaturfestival, wo er Auszüge aus einem Manuskript las. Als wir uns auf der Strasse begegneten, miteinander sprachen, traf ich einen ganz anderen Jonas Lüscher wie vor der Pandemie; verletzlich, dünnhäutig, vorsichtig. Damals auf der Intensivstation stand eine ganze Batterie von Maschinen um das Bett des Schriftstellers, der währnd bestimmter Phasen schon glaubte, in den Prozess des Sterbens übergegangen zu sein. Das beschreibt Jonas Lüscher in seinem Roman, wenn auch erstaunlich zurückhaltend. Er war ganz und gar abhängig von Maschinen, die lebenswichtige Körperfunktionen übernahmen. Es muss eine ganz eigene Erfahrung sein, dass man sein physisches Dasein Geräten übergeben muss, dass man in Phasen maximaler Empfindsamkeit zu einem eigentlichen „Cyborg“ wird, unfreiwillig.
„Verzauberte Vorbestimmung“ ist ein Konglomerat aus verschiedensten Handlungssträngen und Personen, Handlungssträngen, die sich überschneiden und solchen, die sich wieder verlieren. Personen, die über Dutzende von Seiten zentral erscheinen, dann aber nie mehr auftauchen. Einzige Konstanten in dem Buch sind der suchende Erzähler und der Schriftsteller, Dramatiker, Maler und Filmemacher Peter Weiss, der sich mit seinem Spätwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ ein literarisches Denkmal setzte. Eine Figur in Lüschers Roman, die in ganz unterschiedlichen Zuständen und Erzählebenen auftaucht. Wie Lüscher selbst ein ewig Suchender, seine Kunst ein einziger Versuch des Einordnens. Eine andere Konstante in Lüschers Roman ist die Auseinandersetzung mit Technik, mit Maschinen, sei das die Maschinerie der modernen Kriegsführung, jene der Industrialisierung, der Medizin bis in die Architektur des Grossenwahns, wenn der Erzähler im Ägypten der Zukunft zwischen der perfekten Retorte und dem Realen, Vergessenen pendelt.

Das Buch beginnt mit Knall und Rauch. Ich erinnere mich an einen Kinobesuch zusammen mit meiner Frau vor vielen Jahren. Ich überredete sie zum Film „Der mit dem Wolf tanzt“, ein Streifen, der mit einem minutenlangen Schlachtgemetzel beginnt. Ich musste meine Frau während Minuten trösten, zurückhalten, beschwichtigen und besänftigen, damit die dem Kino nicht entfloh. Genauso ging es ihr mit «Verzauberte Vorbestimmung» (Übrigens ein Titel, der angesichts des Romananfangs arg strapaziert!). Jonas Lüscher beschreibt die Erlebnisse eines algerischen Soldaten während des ersten Weltkriegs in den Schützengräben gegen die Deutschen. Den ersten strategischen Giftgasangriff, das Herannahen eine beinah fluoreszierenden Wolke, in der alles grausam erstickt, Menschen mit schrecklich verzerrten Fratzen tot zusammenbrechen. Eine apokalyptische Szenerie, die eigenartig fesselt und ebenso abschreckt. Aber wer sich an die Fersen dieses algerischen Soldaten heftet, verliert ihn wieder, obwohl er Jahre später in Paris zum Postboten geworden ist. Ein Erzählstrang, der wie viele andere aus dem Meer der Möglichkeiten auftaucht und wieder versinkt. So wie die Geschichte eines anderen Postboten, des Franzosen Joseph Ferdinand Cheval, der zwischen 1879 und 1922 an seinem „Palais idéal“ baute, aus gesammelten Steinen, auf einem Grundstück weitab, einem Monument, das Künstler wie Max Ernst und Pablo Picasso faszinierte und bis heute viele Touristen lockt. Oder sie Geschichte von Ned Ludd im tschechischen Varnsdorf, einem Ort der aufblühenden Textilindustrie. Ein Aufstand der Arbeiter, einer Frauenrevolte, einem Fabrikgrossbrand. Eine Geschichte, die Lüscher in ganz eigener Sprache, beinah märchenhaft erzählt. Eine Geschichte, bei der es aber weder um das Personal noch um die Geschichte selbst geht.
„Verzauberte Vorbestimmung“ ist eine literarische Auseinandersetzung. Sprachgewandt, plottabgewandt. Lüscher will weder unterhalten noch betäuben. Er nimmt mich mit in seine Odyssee, in ein Labyrinth, von dem nicht einmal er selbst das Ziel, die Mitte gefunden hat. Ein literarischer Stoffknäuel mit vielen Anfängen und Enden, ein Flickenteppich aus Fragmenten, Zuständen und Erzählebenen, der von mir alles abfordert, viel mehr, als ich bei fast allen Autorinnen und Autoren zulassen würde. Jonas Lüscher schreibt mit der Membran eines Überempfindlichen, eines Hochsensiblen, eines Verwundeten, Gezeichneten.
Ich tat mich schwer mit der Lektüre, obwohl es immer wieder lange Passagen der Beglückung gab, nicht zuletzt dank seiner Sprachkunst. Ich werde Zeuge dieser Hypersensibilität. Und wenn ich die Lektüre zu einer solchen Zeugenschaft machen kann, dann lese ich mit grösstem Interesse und unsäglichem Staunen.
Liebe Grüsse
Gallus
***
Lieber Gallus
Ich habe bisher keinen Roman von Jonas Lüscher gelesen, aber schätze seine klugen Gespräche über unsere Gesellschaft und deren Zukunft in verschiedenen Medien. So interessierte ich mich sehr für seinen neuen Roman. Wegen einer vernichtenden Kritik in einer Innerschweizer Zeitung vor der ersten Lesung in der Schweiz war ich verunsichert, ob ich dieses Werk lesen soll, habe dann aber das Buch trotzdem gekauft. Wie reich wurde ich belohnt! Hilfreich war die Lektüre seiner Poetik-Vorlesungen von 2019 «In die Erzählung flüchten», wo das «Oszillieren zwischen mathematisch messbarer Wissenschaft und erzählender Literatur, zwischen Aufklärung und Romantik» ausführlich besprochen wird.
Obwohl die Lektüre von «Verzauberte Vorbestimmung» anspruchsvoll ist, habe ich das Buch mit Interesse und Gewinn gelesen. Dass sich vieles nicht einordnen lässt, gefällt mir als Ausdruck der Herausforderungen und Ambivalenz des Menschen im Umgang mit Maschinen. Das in fünf Teile gegliederte Werk zeigt mehrere Erzählstränge, die abbrechen, wieder auftauchen und inkonstant durch die verschiedenen Abschnitte führen. Auch die Zeitebenen wechseln oft ohne Übergang, beginnen im Ersten Weltkrieg und enden in der Nach-Putin Ära. Die Auswirkungen der Macht der Technik und des Geldes auf die Menschen bestimmen in vielfältiger Weise den Text. Zum Beispiel die Veränderung des Ertrags der Arbeit an neuen Webstühlen in der Fabrik im Vergleich zu der an der Heimarbeit:
Sein Staunen über die Zahlen, die sich da untereinander reihten, Beträge, die ihm vor kurzem noch fantastisch erschienen waren, fand kein Ende. Es war ihm, als täten sich ganz neue Möglichkeiten, eine Ahnung eines anderen Lebens, vor ihm auf, und mit diesem weiten Horizont, der aber bei genauerer Betrachtung nur aus dem Wort «mehr» bestand, einem Begriff, den er nicht in der Lage war, mit konkreten Vorstellungen zu füllen, kam die Gier in sein Leben.
Mehrere Kapitel werden durch Peter Weiss, Maler, Autor, Filmer, der als Alter Ego auftritt, miteinander vernetzt. Sein frühes Gemälde «Die Maschinen greifen die Menschen an» stellt bildhaft die Ambivalenz des Verhältnisses Mensch- Maschine dar. Mit Peter Weiss besuchen wir auch den «Palais Idéal» vom Briefträger Cheval in Hauterives und die Weber im tschechischen Varnsdorf.
In den letzten zwei Kapiteln befinden wir uns im futuristischen Ägypten mit Cyborgs, Mensch-Maschinen, und Androiden, umgeben vom grössenwahnsinnigen architektonischen Gebilde New Kairo, herausgestampft aus der Wüste, absurd und eklektisch mit einem geplanten 1000 Meter hohen Wohn-Obelisken. Vor einem Jahr war ich in Ägypten auf den Spuren der Pharaonen und deren Grabstätten, 4000 Jahre alt und noch in besten Farben leuchtend, daneben Kairo und Alessandria als verkommene Moloche voll Lärm, Armut und Müll neben hochglanzpolierten Inseln für die Touristen. Aus dem Flugzeug konnte ich damals einen Blick auf die New Administrative Capital werfen. Mich beschäftigten und belasteten diese Gegensätze sehr. Literarisch drückt Jonas Lüscher dies so aus:
Für einen Moment war ich in der Lage gewesen, die pittoreske und exotische Seite dieser mir fremden Landschaft und dieser mir fremden Menschen mit ihren mir fremden Leben zu sehen, aber bald war es nur noch die Armut, manchmal sogar die schiere Not, die sich mir aufdrängte, und die neue Stadt in der Wüste, durch die ich mich noch keine vierundzwanzig Stunden zuvor hatte fahren lassen, erschien mir grotesk weit weg, und doch war es dasselbe Land, unbegreiflicher noch, dieselbe Regierung, die für beides verantwortlich war, und so unbegreiflich mir dies in jenem Moment schien, so einfach zu verstehen war der ökonomische Mechanismus, der die beiden Realitäten miteinander verband, die sechzig Milliarden, die sich der Feldmarschall aus China und den Golfstaaten geliehen hatte, um seinen Traum zu bauen, und der sinkende Wert des ägyptischen Pfunds, der das Elend der Menschen, die ich vor dem Fenster an mir vorbeiziehen sah, Tag für Tag vergrösserte und ein Entrinnen unwahrscheinlicher machte.
Das zentrale Thema, das Überleben seiner schweren Covid Erkrankung im wochenlangem Koma auf der Intensivstation dank neuester Technik kommt, nach kurzem Anklingen am Anfang des Buches, erst im letzten Teil zur Sprache: Ein «Gespräch» zwischen einem Taxifahrer ohne Englischkenntnisse und dem Protagonisten ohne Arabischkenntnisse mittels Google-Translater führt zum Nachdenken über die Technik-Skepsis des Autors, der als wahrer Cyborg seine Covid Erkrankung nur dank der Herz-Lungen-Maschine überleben konnte. Diese Erfahrung prägte sich tief ein, Personen die im Koma wie in einem Traum vorhanden waren, werden nach dem Aufwachen wie Verstorbene vermisst.
Dieser in seiner Struktur und in seiner Sprache einzigartige Roman umfasst die Zeitspanne von 1914 bis in die Zukunft, wo Cyborgs, also Mensch-Maschinen, ans Weltwissen angeschlossen sind. Die Beziehung von Menschen und Maschinen, deren grossartige Möglichkeiten, aber auch deren potenzielle Gefahren, zieht als roter Faden durch dieses Buch. Es endet mit hoffnungsvollem Ausblick.
Die Anregungen und die Auseinandersetzung mit diesem Buch werden mich noch lange begleiten. Ich wünsche ihm viele aufmerksame Leser!
Herzlich
Bär
Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle Frühling der Barbaren war ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und war nominiert für den Schweizer Buchpreis. Lüschers Roman «Kraft» gewann den Schweizer Buchpreis. Jonas Lüscher erhielt ausserdem u.a. den Hans-Fallada-Preis, den Prix Franz Hessel und den Max Frisch-Preis der Stadt Zürich. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.
Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch
Alain Claude Sulzer «Auf dem Balkon», Plattform Gegenzauber
Sie stand auf dem Balkon des Theaters, der nichts weiter als ein fussbreiter Mauervorsprung mit einem Sicherheitsgeländer war, und sah auf die Königsallee hinunter, als Dariusz sie anrief und ihr erzählte, er habe von einem Haus in Teheran geträumt, in dem er nie gewesen war, er kannte weder die Stadt noch das Land und also auch kein Haus, aber er träumte in letzter Zeit oft davon, erzählte er ihr. sie hatte zu tun, aber sie hörte ihm zu. Um die anderen nicht zu stören, hatte sie das Gespräch auf dem «Balkon» entgegengenommen, der bloß ein Austritt war. Die Straße, auf die sie sah, war belebt, viele Autos, wenige Fußgänger, ein Hund, der wie wild an der Leine zog und seine Besitzerin fast umgeworfen hätte.
In einem steinernen Garten mit vier Säulen sei er gestanden, in dem es keine Blumen gab, erzählte er ihr. Überall seltsame Tiere, die sich blitzschnell in Ritzen und Spalten unsichtbar machten und nicht mehr auftauchten; er hätte sie gern gesehen und identifiziert. Neuerdings träumte er öfter von Orten, an denen er nie gewesen war: Ein Brunnen unter verkrüppelten Bäumen in einem weissen Innenhof, über den sich ein luftiges Zeltdach spannte. Es ging ein frischer Wind, der wie eine ausgestreckte Hand unter das Zeltdach fuhr. Wie schon als Kind erzählte er ihr auch als Erwachsener Dinge, die andere ihren Müttern verschwiegen hätten, Wichtiges und Unwichtiges. Dariusz, ihr Erstgeborener, war sechsunddreissig und arbeitete in seiner eigenen Anwaltskanzlei. Er hatte eine Frau, zwei Kinder, er kannte die Welt, nur Teheran kannte er nicht.
Seltsame Vögel, bunt und laut, hatte er erzählt. Er erzählte gern farbig und ausführlich. Bücher, die sich in einer Ecke stapelten, religiöse Schriften, vermutete er, in Teheran las man sicher nicht Philip Roth. Er war allein. Welches Teheran war das? Das von damals, das er nicht kannte, oder das von heute, das er auch nicht kannte, das aber bruchstückhaft hin und wieder, wenn irgendetwas passiert war, in den Nachrichten, auf seinem Handy, im Radio, im Fernsehen, in den Zeitungen, auf den News-Bildschirmen der U-Bahn auftauchte?
Wie seine Schwester Jasmin beherrschte Darius nur die paar Sätze Farsi, die er aufgeschnappt hatte, wenn seine Mutter mit ihren Verwandten in Teheran, Los Angeles oder in Köln telefonierte, während sie am Boden saßen und zu ihr aufblickten. Den Sinn dieser Sätze hatte er – wie Jasmin – nur halbwegs oder gar nicht verstanden, doch irgendwann begannen sie wie Blutkörperchen in seinen Blutbahnen zu schweben.
(Romanauszug, in Arbeit)
Alain Claude Sulzer, 1953 geboren, lebt als freier Schriftsteller in Basel, Berlin und im Elsass. Er hat zahlreiche Romane veröffentlicht, u.a. Ein perfekter Kellner, Zur falschen Zeit, Aus den Fugen und zuletzt Doppelleben. Seine Bücher sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt. Für sein Werk erhielt er u.a. den Prix Médicis étranger, den Hermann-Hesse-Preis und den Kulturpreis der Stadt Basel. Alain Claude Sulzer lebt in Basel, Vieux Ferrette und Berlin
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Beitragsbild © Lucia Hunziker
Eva Schmidt «Neben Fremden», Jung und Jung
Was bleibt von einem Leben? War es das, was man sich erhoffte? Welcher Rest davon ist geblieben? Eva Schmidt ist eine Autorin der kleinen Gesten. Umso eindringlicher ist die Geschichte von Rosa, die sich am Schluss ihres Lebens, das ganz dem Helfen gewidmet war, vor einem Scherbenhaufen sieht.
Vielleicht ist es genau das, was ich so sehr an den Büchern dieser Autorin mag; das Unspektakuläre. Eva Schmidt erzählt keine wilden Geschichten, sondern das Leben, oder zumindest das, was davon übriggeblieben ist. Ihre Romane schäumen nicht über und sind schon gar nicht plottorientiert. Es ist, als würde Eva Schmidt ein Buch lang eine Tür öffnen, um mich an femdem Leben teilhaben zu lassen, ganz nah, ganz direkt, ungeschönt und unverklärt. Für mich fremdes Leben, für die Autorin ganz vertrautes Leben. Nicht weil ich Autobiographisches vermuten würde, sondern weil ich der Autorin, seit sie schreibt, ein hohes Mass an Empathie zuschreibe.
„Neben Fremden“ ist nicht nur Titel, sondern Programm dieses Romans. Wir leben immer enger beieinander. „Dichtestress“ ist zu einem Schlagwort geworden. Gleichzeitig steigt die Vereinsamung, die Anonymität und die Wahrscheinlichkeit, dass man unbemerkt tot in seiner Wohnung vergessen geht, weil alle Verbindungen gekappt sind. Ich kenne meine Nachbarn nicht einmal mit Namen. Und wenn man sich mit ihnen beschäftigt, dann nur, wenn es zu laut ist oder der Geruch von Zigarettenrauch durch die gekippten Fenster schleicht. Und was man Jahrhunderte lang als die Idealform des Zusammenlebens propagierte, was die Politik nur zu gern als kleinste Zelle einer funktionierenden Gesellschaft propagiert, die Familie, wird immer mehr zerrieben zwischen idealisiertem Wunschtraum und vermintem Krisengebiet.

Rosa war Krankenpflegerin. Jetzt ist sie pensioniert. Der Mann, mit dem sie ein Stück Leben teilte, mit einer anderen verheiratet und erst kürzlich gestorben. Von ihrem Sohn hat sie schon ein halbes Leben ausser ein paar wenigen Ansichtskarten, nichts mehr gehört. Und ihr alter Hund wird es auch nicht mehr lange machen. Ihre Mutter ist schwierig, voller ungestillter Erwartungen, muss ins Altenheim, weil es im Haus nicht mehr funktioniert. Mit ihrer einzigen Freundin, wenn sie denn wirklich ihre Freundin ist, trifft sie sich nicht wirklich gerne und in der Nachbarwohnung unter ihr fliegen die Fetzen. Die einzige, mit der sie sich wirklich versteht, ist die Tochter dieser Nachbarn. Eine Jugendliche, die ganz ähnlich einsam und abgeschlagen zu sein scheint wie sie. Eine, die manchmal bei ihr in der Küche sitzt , eine Omlette von ihr isst und erzählt.
Aber seit dem Tod jenes Mannes, ihres Ex, steht ein Camper vor ihrem Haus. Er hatte ihn ihr gekauft. Ohne sie zu fragen. Rosa sieht in dem Wohnmobil eine Chance, eine Tür, aus ihrem festgefahrenen Leben auszubrechen, etwas zu wagen, all die Zwänge, Verstrickungen und Verwachsungen hinter sich zu lassen, wenn auch nur eine Reise lang. Sie packt ihre Sachen und fährt zur Probe zusammen mit ihrem immer kränklicher werdenden Hund in die Berge, auf einen stillen Campingplatz. Dort lernt sie eine Holländerin kennen, die sich an sie hängt, mit ihrem Hund Unn und einem bettlägerigen Mann im Camper. Eine Frau, für die Rosa einmal mehr zum Strohhalm wird. Bis die Holländerin eines Morgens mit ihrem Camper verschwunden ist. Aber Unn bleibt an Rosas Camper angebunden.
Rosas Leben ist wie eingeschweisst. So sehr sie sich bemüht, Fenster und Türen aufzureissen, so sehr wird sie von Umständen zurückgebunden. Aber Rosa bewahrt sich das letzte Stück Kraft. Jenes ganz eigene, das ihr niemand nehmen kann. Hoffnung. Hoffnung, dass auch sie es dereinst sein wird, der sich ein kleines Stück Glück auftut. Hoffnung, dass sie ihren Sohn zurückgewinnen kann, wenn auch nur die Gewissheit, dass es ihm gut geht. Eva Schmidts Roman ist derart zärtlich geschrieben, dass ich nach der Lektüre mir selbst Zeit geben musste. Eva Schmidt erzählt wahrhaftig, ganz in der Realität und feinem Gespür für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens.
Eva Schmidt debütierte 1985 mit Erzählungen («Ein Vergleich mit dem Leben», Residenz Verlag), der erste Roman folgte erst zwölf Jahre später unter dem Titel «Zwischen der Zeit» (1997). Nach einer Unterbrechung von fast zwanzig Jahren erschienen die beiden gefeierten Romane «Ein langes Jahr» (2016) und «Die untalentierte Lügnerin» (2019), mit beiden war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt veröffentlichte sie einen Band mit Prosastücken («Sonne in einem leeren Zimmer», Golden Luft Verlag) und Erzählungen unter dem Titel «Die Welt gegenüber» (2021).
Beitragsbild © Klaudia Longo
