Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen #SchweizerBuchpreis 26/06

Am 6. Februar 2023 bebt die Erde im Südosten der Türkei und im Norden Syriens. Mehr als 60 000 Menschen verlieren ihr Leben, ganze Stadtteile werden dem Boden gleichgemacht. Millionen werden obdachlos. Am 6. Februar 2023 bleibt eine junge Frau in Zürich in ihrer Wohnung. Alles bricht auf sie ein.

Die Erzählerin in Hayat Erdoğans Debütroman erfährt kurz nachdem sie in ihrer Wohnung in Zürich aufwacht, dass ein schweres Erdbeben ganze Landstriche verwüstet hat, auch solche, mit denen ihre Familie verbunden ist. Menschen sind verschüttet und gestorben, Existenzen vernichtet. Was als seismische Naturkatastrophe die Ränder von Kontinentalplatten erschüttert, bebt gleichermassen in der Stimme, im Denken der Erzählerin, reisst Abgründe auf, reisst Vergessenes, Unverdautes aus dem Vergessen hervor. Eine Frau in Zürich, weit weg vom Epizentrum des Bebens, wird von den Wellen des selben erfasst. Sie, die eigentlich zu funktionieren hätte, auf die Arbeit wartet, die einen Vortrag zu schreiben hätte, die Mails beantworten müsste, sieht sich mit Bildern, Gedanken, Assoziationen konfrontiert, die sie in Wellen überschwappen. Das Trauma der Menschen in ihrem Herkunftsland, ihrer Familie, erfasst sie in ihren vier Wänden, wirbelt sie durch, lähmt sie ebenso wie sich Abgründe öffnen, Visionen zu flimmern beginnen, Gedanken mäandern.

Eine Frau im Zwiespalt zwischen Pflichten, die nichts mit dem zu tun haben, was momentan über sie hereinbricht, dem Schmerz einer Trennung, einer Entliebung zu einem „Niemand“, den sie mit genau diesem Ettikett zu fassen versucht. Die Konfrontation des Banalen mit dem Dramatischen, den Wortmeldungen ihrer Familie, dem Klagelied ihrer Mutter, den Nachrichten auf ihrem Telefon. Ein Kammerspiel mit klaustrophobischer Wirkung, ein Aufeinanderprallen von extrem unterschiedlichen Wirklichkeiten. Hayat Erdoğan unterteilt ihr Buch, das vielmehr ein essayistischer Roman als ein erzählerisches Werk ist, in 24  Gesänge, jeden einer Stunde eines schlaflosen Tages zugeordnet. Sie erzählt weder die Geschichte einer gestressten, in Pflichten eingebundenen Frau, noch das Protokoll einer Naturkatastrophe aus der Distanz. Es ist das Beben selbst, das sich in der Erzählerin fortsetzt, mit einem ganzen Chor an Stimmen, die sich ins Geschehen, ins Mäandern mischen, allen voran der irische Schriftsteller und Dichter James Joyce.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ kann auch durchaus als Absichtserklärung gelesen werden. Wenn überhaupt erzählt, sind es Assoziationen. Die Erzählstimme lässt sich wegtragen auf der Suche nach Spuren, einer Spur für den Vortrag, den sie schreiben sollte, einer Spur, um auf das zu reagieren, was an seismischen Wellen auf sie einschlägt, auf all das, was die Geschichte ihres Herkunftslands an Vernarbungen zurückgelassen hat, auf das, was an Rebellion gegen Festgefahrenes und Eingeschriebenes, gegen Gewalt und Diskriminierung Wunden immer und immer wieder aufreisst, auch dort, wo Begriffe wie Liebe und Sehnsucht schnell verklären.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ ist ein bewegendes, anspruchsvolles Buch. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass dieses Buch für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Nicht, dass es der Nominierung nicht würdig wäre, ganz im Gegenteil. Wenn der deutsche Schriftsteller Maxim Biller gegen „harmlose Wohlfühlprosa“ wettert, dann entspricht „Hauptsache kein Zeitgeist“ genau dem, was der ewig Unangepasste fordert. Hayat Erdoğans Debütroman ist alles andere als Wohlfühlprosa, auch keine Nabelschau einer Gekränkten, Verwundeten. Viel mehr eine kraftstrotzende Kampfschrift, die alles von mir als Leser abverlangt. Da schreibt jemand mit jeder Zelle seines Seins!

Hayat Erdoğan» Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen, 2026, 304 Seiten, ISBN
9783546100915

Hayat Erdoğan ist Dramaturgin, Kuratorin und Kolumnistin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Dramaturgie, war Forschungsstipendiatin der James Joyce Stiftung in Zürich und Triest, Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste, und leitete künstlerische, forschende Projekte zwischen London und Hong Kong. Von 2019 bis 2025 war sie Co-Direktorin und Dramaturgin am Theater Neumarkt in Zürich. «Hauptsache kein Zeitgeist» ist ihr Debütroman. 

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Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 26/05

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, ISBN: 978-3-498-00321-0

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

(Erstveröffentlichung der Rezension auf literaturblatt.ch am 22. Juni 26)

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

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«Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen» – über «Das grosse Eis» von Sonja Sophie Kreis #SchweizerBuchpreis 26/03 (32)

Dieses Eis war anders als das Eis auf dem Gemälde, das Mutter zum Weinen brachte. Es war nicht grau, sondern schwarz, zumindest zu Beginn der Seegfrörne, und brachte den See zum Musizieren.

Lieber Gallus

Als im Januar geborener Mensch liebe ich Schnee, Eis und das Pfeifen der kalten Winde beim Wandern durch die weisse Winterlandschaft. Sogar Skitouren auf Spitzbergen durfte ich einmal geniessen. Überrascht habe ich erfahren, dass eine mir unbekannte Autorin mit «Das grosse Eis» für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde und habe das ansprechend gestaltete Buch gekauft.
Sofort ist spürbar, dass die Autorin auch bildende Künstlerin ist. Dieser Roman lebt von den eindrücklichen Bildern sowohl vom Bodensee als auch vom fernen Grönland, wohin Max, der Bruder der Erzählerin Anna sich abgekapselt hat. Er hat sich seit Kindheit mit Expeditionen in arktische Zonen beschäftigt und konnte stundenlang ein Buch mit Bildern vom Scheitern der «Endurance» im Packeis von 1914 betrachten. Die ganze autofiktive Familiengeschichte über drei Generationen spiegelt sich farbtonreich in Eis, das wunderschön leuchten, aber auch gefährlich schmerzen kann.

In der Bucht von Ilulissat haben sich im Laufe der Nacht Eisplatten unterschiedlichster Grössen gebildet. Das Meer wie die zerrissene Farbschicht eines schlecht gealterten Ölgemäldes. Weit draussen scheint es zu schneien. Weisse Vorhänge wehen dem Festland entgegen.

Die Erzählerin Anna, begibt sich auf der Suche nach ihrem Bruder Alex in die Einsamkeit eines grönländischen Hotels in Ilulissat. Dort, festgehalten in einer stürmischen weissen Landschaft, brechen viele Erinnerungen an ihre Familie auf. Als Fotografin hat sie bewusst ihre Kamera zuhause gelassen und schreibt Notizhefte voll. Was hält eine Familie zusammen? Wie erlebte die deutsche Mutter nach der Heirat mit dem schönen Schweizer Paul den eisigen Empfang am andern Ufer des Bodensees? Was bewirkte der Zweite Welt Krieg in dieser weiten Grenzregion, was die Seegfrörne 1963? Was erlebt Anna auf der Suche nach Alex in Grönland, wohin sie ihm nach dem Tod der Eltern sein geliebtes Gemälde bringen will.

Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen. Irgendwann in jenen Wochen des grossen Eises hatte er beschlossen, alles darüber lesen und wissen zu wollen… Nur Mutters Ängste mochte er nicht, und leider quoll sie davon fast über. Hinter diesen Mauern aus Ängsten, in die sie ihn durch Verbote einsperrte, lag eine unermessliche Weite.

Die Hochzeit der älteren Schwester im Februar in einem schweizerischen Bergdorf fand ohne Alex statt. Anna erzählt uns diese Familiengeschichte in eindrücklichen Mosaiksteinen voll Wunden und Schmerz, aber auch voll Schönheit und Nähe. Dass vieles offen bleibt und die lyrisch, musikalische Sprache machen diesen Roman zu einem bleibenden Leseerlebnis.

Nur der Schneefall war zu hören. Es war dunkel. Es war hell. Ich dachte nichts, rein gar nichts. Ich dachte weder an Moni noch an Alex noch an die Hochzeit. Der Schnee beruhigte und betäubte mich.

Du siehst, ich habe die Lektüre «Das grosse Eis» genossen. Zum Glück ist dieser bildreiche musikalische Roman nominiert worden, sonst hätte ich ihn verpasst. Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre. Hast du das Buch (aus deiner Region!) schon gelesen?

Herzlich
Bär

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Lieber Bär

Oh ja, eben erst. Und ich bin so überrascht wie du! Ein wunderbarer Roman. Nicht nur, weil ich die Faszination des «ewigen» Eises sehr gut nachvollziehen kann. Obwohl ich in Zukunft nie nach Grönland reisen werde, fasziniert mich die Landschaft, deren Menschen und ihre Geschichte schon lange. Ich erinnere mich an Bücher über Polarexpeditionen, die ich als junger Mann verschlugen hatte, sei es die verrückte Expedition von Ernest Shackleton mit seinem Schiff Endurance. Oder die verschollene Expedition von John Franklin, der sechzig Jahre zuvor mit Schiff und Mannschaft eine Nord-West-Passage suchte – und noch viel mehr der Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny, der über eben diese Expedition einen exzellenten Roman schrieb, ein Buch, das noch immer zu meinen Lieblingsromanen zählt. Und jetzt, wo der dicke, reiche Blonde seinen unverschämten Anspruch auf dieses dünn besiedelte, an Erdöl reiche Eiland für sich beansprucht, erst recht.

Aber da schwingt noch eine weitere Referenz mit; jene mit dem Maler Adolf Dietrich (1877 – 1957), einem stillen Mann, der sein ganzes Leben im kleinen Ort Berlingen am Untersee (Bodensee) verbrachte und erst in seinen letzten Jahren von seiner Malerei, die ihn heute zu einen der Grossen des 20. Jahrhunderts macht, leben konnte. Der unbeirrt malte, was er in seiner unmittelbaren Umgebung, meist in seiner düstern, kleinen Stube an einem kleinen Tisch sitzend. Auch sein Leben ist und war Vorlage für ein wunderbares, lange nachhallendes Buch. Beat Brechbühl veröffentlichte 1999 die Erzählung «Fussreise mit Adolf Dietrich», die 2017 noch einmal beim Bilger Verlag erschien.

Würden meine Augen nichts mehr sehen, ich hätte so viele Dinge im Gedächtnis, ich könnte jahrelang davon leben. Bräuchte nichts Neues zu sehen, könnte da sein und mir meine Fundstücke ansehen, wie Filme oder Fotos. Adolf Dietrich

Ein Buch wie ein langes Gebet, ein Denkmal für den Maler ebenso wie für den Schriftsteller, auch wenn ihn die Gegenwart zu vergessen scheint.

Gibt es etwas grösseres bei der Lektüre, wenn das Gelesene Resonanz erzeugt? Wenn man spürt, dass sich im Hirn Synapsen finden? Und Sonja Sophia Kreis gelingt es auch mit ihrer Sprache, die unaufgeregt und zurückhaltend malt. Ihr geht es um weit mehr, als bloss eine Familiengeschichte zu erzählen. Es sind die Bilder, die sie evoziert. Sonja Sophia Kreis‘ Blick hat etwas Fotographisches – obwohl ihre Bilder nicht bloss abbilden. Es sind ihre Bilder die erst die meinigen auslösen. Es erscheint Verborgenes.

Faszinierend!

Lieber Urs, ich hoffe ich treffe die Autorin einmal. Vielleicht besuchen wir eine Lesung gemeinsam. Gallus und der Bär!

Liebgruss

Sonja Sophie Kreis, geboren 1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach San Francisco, Venedig, Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, Das große Eis, autobiografisch inspiriert, ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustration © leafrei.com

Sarah Elena Müller «Unwucht», Limmat #SchweizerBuchpreis 26/02

Zufällig stiess ich bei einem Besuch der Buchhandlung BuK Luzern auf dieses schön gestaltete Buch. Luana, die Inhaberin, war schon vor der Nominierung zum Schweizer Buchpreis der Meinung, dieses Werk werde seinen Platz auf der Liste bekommen. Da ich das Debüt von Sarah Elena Müller «Bild ohne Mädchen» gerne gelesen habe, kaufte ich «Unwucht».

Voller Spannung begann ich zu lesen – und bin tief berührt. Die aussergewöhnliche Sprache ist gewöhnungsbedürftig, die schwierige, schmerzhafte und scheiternde Beziehung zwischen Alice und dem drogensüchtigen Rio ist dadurch aber beeindruckend in Sprache umgesetzt. Oft ist die Wortwahl ungewohnt und der wie eine Collage zusammengesetzte Text erfordert langsames Lesen. Dann entstehen bereichernde und interessante Leseerlebnisse.
Als Hausarzt habe ich viele Drogensüchtige betreut, und diese schwierigen, schmerzhaften und oft perspektivlosen Beziehungen und Lebensbedingungen mittragen helfen. Ich musste oft daran zurückdenken.

Das Buch beginnt mit einem Treffen von Alice und Rio sieben Jahre nach der Trennung, sie hat sich durchgesetzt und Rio hat den Entzug hinter sich. Weitere kurze Passagen aus dieser Zeit unterbrechen den Hauptstrang. Alice schreibt ein Buch über die Zeit vor der Trennung. In der Diskussion mit Rio zeigt sich, was beim Aufschreiben von Erinnerungen passiert, und wie unterschiedlich Menschen sich erinnern.
Jetzt, wo ich es will, kann ich mich auch immer schlechter erinnern, was wann und ob es überhaupt war. Es wird im Text zwar wirklicher, aber nicht wahrer», räume ich ein. «Dir ist schon klar, dass du mich komplett in der Hand hast? Selbst wenn ich mich zuverlässig erinnern könnte, meine Version würde niemand mitkriegen.

Sarah Elena Müller «Unwucht», Limmat, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-03926-109-3

Die beiden haben sich in der Kunstakademie kennengelernt. Alice ist gefangen im Zusammenleben mit Rio, dessen Sucht alles beherrscht. Alice wartet und wartet. Rio ist meist weg, irgendwo unterwegs. Die Schwiegermutter Maria benutzt Alice als Informationsquelle, da sie sich um ihren Sohn sorgt, was Alice zusätzlich belastet. Dies beschreibt die Autorin eindrücklich in einem Traum von Alice, wo diese als giftige Spinne die im Netz gefangene Alice verfolgt.
Ich bin die Beute, Maria die Spinne. Zielsicher setzt sie die Hände und Füsse auf die Knotenpunkte, das Netz erbebt. Vor Angst zitternd klettere ich von Rios Mutter weg, aber sie ist dicht hinter mir. Sie sucht den Schlüssel zu ihrem Sohn bei mir, aber ich habe ihn nicht. Ich hätte doch die Schiebetür nehmen sollen, denke ich, aber da hat mich Maria schon eingeholt und am Knöchel gepackt.

Verzweifelt versucht Alice sich in ihrem Leben von Zwängen, Geldnot und Enttäuschung zu behaupten. Sie verliert Freunde, ihr wichtige Gegenstände, die Liebe. Erschütternd kommt zum Ausdruck, was Sucht mit der Partnerin des Betroffenen und dem Umfeld macht.
Ich weiss, bald ist Rio wieder weg. Nie ist genug Zeit, eine einzige Sache ganz zu erleben, durchzudenken oder auch nur irgendetwas in Erfahrung zu bringen.

Eine wichtige Rolle spielt auch das verrostete defekte Auto, ein Fiat, dessen Kontrolle beim Garagisten vor einer vorgeschriebenen Überprüfung detailliert und witzig beschrieben wird.
Jemandes «Fiat», auf Lateinisch, hatte unsere Religionslehrerin erklärt, ist das, wozu ein Mensch in seinem Leben «Ja» sagt, «es geschehe», im Evangelium nach Lukas. Das, was ihr Gott in eurem Leben tun lasst. Marias Fiat war Jesus. Mein Fiat ist verrostet.

Ein herausforderndes, aussergewöhnliches, dichtes, nachhaltiges Buch. Auch wenn es gelegentlich zu wuchtig daherkommt und Sarah Elena Müller sich vielleicht etwas übernommen hat. Aber noch nie habe ich die Auswirkungen von Drogensucht auf eine Liebesbeziehung und das soziale Milieu literarisch so eindrücklich umgesetzt gelesen. Toll!

Bär

Sarah Elena Müller, geboren 1990, bewegt sich fliessend zwischen Literatur, Musik, Forschung und Performance. Mit der Spoken-Pop-Combo Cruise Ship Misery hat sie zwei Alben herausgebracht, zuletzt das Songbook «Brutto Inland Netto Super Clean» im Verlag der gesunde Menschenversand. Seit 2024 arbeitet sie im Team des SNF-Projekts «Autofiktion & Bewusstsein». Im Limmat Verlag ist ihr Debütroman «Bild ohne Mädchen» lieferbar, der vielfach ausgezeichnet wurde und für den Schweizer Buchpreis nominiert war. Sarah Elena Müller lebt in Bümpliz.

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Schweizer Buchpreis 2026, Die Nominierten #SchweizerBuchpreis 26/01

Sie sind da, die fünf Bücher, die fünf Namen. Mit Spannung erwartet, mit einem Gemisch von Zustimmung und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Vier Frauen und ein Mann. Drei Namen, die ich auf meiner ganz persönlichen Liste hatte, zwei, die mich überraschen.

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42‘000 Franken dotiert. Der:die Preisträger:in erhält 30‘000 Franken; die vier anderen Finalist:innen erhalten jeweils 3‘000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Die Begründung der Jury: Mit der diesjährigen Shortlist begeben wir uns auf die Suche. Die fünf nominierten Romane richten den Blick auf das Verborgene und schärfen unsere Wahrnehmung für das, was zu oft unsichtbar bleibt: eine Mutterschaft am Rande der Gesellschaft, die inneren Erschütterungen nach einem Erdbeben, Altersarmut und prekäre Arbeit, Kälte innerhalb einer Familie sowie Abhängigkeit und Ohnmacht in einer Liebesbeziehung.
Die Autorinnen und der Autor kreisen um die Fragen: Was erkennen wir? Und wie erinnern wir uns? Sie loten die Möglichkeiten des Erzählens ebenso aus wie jene des bewussten Nicht- Erzählens und nutzen souverän die Spielräume, die allein die Literatur bietet.
Die nominierten Werke zeigen nicht nur vielfältige Lebenswirklichkeiten auf, sondern auch die sprachliche und stilistische Bandbreite der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht » (Rowohlt Verlag)
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst «Rabenmutter» nannte: eine Frau ohne Bildung, ohne Geld und ohne Perspektiven. Er landete als Halbwüchsiger auf der Strasse, der Mutter blieb im Alter kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Karibik. Im Rückblick wird diese persönliche Leidensgeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz verknüpft. Mit Wut und Wucht fragt Bärfuss, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse an der Lebenssituation seiner Mutter hatten – und macht so aus einer Familiengeschichte eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen Verlag)
6. Februar 2023: In der Türkei und in Syrien hat die Erde gebebt. Die Ich-Erzählerin sitzt zu Hause und wartet auf Nachricht von ihren Verwandten und lässt gleichzeitig ihr Leben, das sie als Tochter einer türkischen Familie in  Deutschland gelebt hat, Revue passieren. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. In «Hauptsache kein Zeitgeist» entfaltet sich in 24 Stunden, gegliedert in 24 Gesänge, die Komplexität und Vielfalt der Gegenwart. Formal mutig und innovativ, umkreist die Erzählerin grosse Themen wie Migration und Feminismus, sucht Erklärungen in der Sozialphilosophie, denkt über die Beziehung zur Mutter nach und lernt schliesslich sich selbst neu kennen.

Yael Inokai «Die Auster» (Hanser Berlin Verlag)
Dr. Bronstett, der Geschäftsführer eines legendären Berliner Kaufhauses, wird ermordet aufgefunden. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch hat bereits alle Spuren beseitigt, als die Polizei am Tatort eintrifft. Schnell zeigt sich, dass in diesem Roman nicht die Aufklärung die Hauptsache ist, sondern der Mikrokosmos der Kaufhauswelt, den Yael Inokai mit leichter Hand entwirft. Es ist eine Welt, in der Glanz und Elend, Luxus und Armut aufeinandertreffen. Mit geschliffenen Dialogen und mit stilistischer Raffinesse entwickelt Inokai ein
Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum eine Person steht, die meistens unsichtbar und selten Romanheldin ist: die Reinigungskraft.

Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin Verlag)
Anna hat ihren Bruder seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt zurückgezogen in Grönland. Nach dem Tod der Eltern reist Anna zu ihm. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. Während die Familie vordergründig ein verschontes Leben lebt, hinterlassen der Krieg und seine Verwerfungen Spuren. Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke
in Grönland mit den Nachkriegsjahren im Deutsch-Schweizer Grenzland zu einem grossen Familienroman.

Sarah Elena Müller «Unwucht» (Limmat Verlag)
Unendlich oft hat Alice gewartet, auf Rio, auf einen Anruf von ihm, auf ein Zeichen. Sie hatten sich im Kunststudium kennengelernt. Nun verliert er sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht. Sie jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und will nicht sehen, was die Freundinnen schon lange erkennen: Sie muss weg von ihm. Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür und will nochmals mit ihm reden. Sie schreibt an einem Buch über die gemeinsame Zeit, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber was kann man, was darf man erzählen? Mit sprachlicher Kraft und Witz erkundet die Autorin in «Unwucht» die Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und die Verstrickungen einer heillosen Liebe.

Illustration © leafrei.com