Sarah Elena Müller «Unwucht», Limmat #SchweizerBuchpreis 26/02

Zufällig stiess ich bei einem Besuch der Buchhandlung BuK Luzern auf dieses schön gestaltete Buch. Luana, die Inhaberin, war schon vor der Nominierung zum Schweizer Buchpreis der Meinung, dieses Werk werde seinen Platz auf der Liste bekommen. Da ich das Debüt von Sarah Elena Müller «Bild ohne Mädchen» gerne gelesen habe, kaufte ich «Unwucht».

Voller Spannung begann ich zu lesen – und bin tief berührt. Die aussergewöhnliche Sprache ist gewöhnungsbedürftig, die schwierige, schmerzhafte und scheiternde Beziehung zwischen Alice und dem drogensüchtigen Rio ist dadurch aber beeindruckend in Sprache umgesetzt. Oft ist die Wortwahl ungewohnt und der wie eine Collage zusammengesetzte Text erfordert langsames Lesen. Dann entstehen bereichernde und interessante Leseerlebnisse.
Als Hausarzt habe ich viele Drogensüchtige betreut, und diese schwierigen, schmerzhaften und oft perspektivlosen Beziehungen und Lebensbedingungen mittragen helfen. Ich musste oft daran zurückdenken.

Das Buch beginnt mit einem Treffen von Alice und Rio sieben Jahre nach der Trennung, sie hat sich durchgesetzt und Rio hat den Entzug hinter sich. Weitere kurze Passagen aus dieser Zeit unterbrechen den Hauptstrang. Alice schreibt ein Buch über die Zeit vor der Trennung. In der Diskussion mit Rio zeigt sich, was beim Aufschreiben von Erinnerungen passiert, und wie unterschiedlich Menschen sich erinnern.
Jetzt, wo ich es will, kann ich mich auch immer schlechter erinnern, was wann und ob es überhaupt war. Es wird im Text zwar wirklicher, aber nicht wahrer», räume ich ein. «Dir ist schon klar, dass du mich komplett in der Hand hast? Selbst wenn ich mich zuverlässig erinnern könnte, meine Version würde niemand mitkriegen.

Sarah Elena Müller «Unwucht», Limmat, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-03926-109-3

Die beiden haben sich in der Kunstakademie kennengelernt. Alice ist gefangen im Zusammenleben mit Rio, dessen Sucht alles beherrscht. Alice wartet und wartet. Rio ist meist weg, irgendwo unterwegs. Die Schwiegermutter Maria benutzt Alice als Informationsquelle, da sie sich um ihren Sohn sorgt, was Alice zusätzlich belastet. Dies beschreibt die Autorin eindrücklich in einem Traum von Alice, wo diese als giftige Spinne die im Netz gefangene Alice verfolgt.
Ich bin die Beute, Maria die Spinne. Zielsicher setzt sie die Hände und Füsse auf die Knotenpunkte, das Netz erbebt. Vor Angst zitternd klettere ich von Rios Mutter weg, aber sie ist dicht hinter mir. Sie sucht den Schlüssel zu ihrem Sohn bei mir, aber ich habe ihn nicht. Ich hätte doch die Schiebetür nehmen sollen, denke ich, aber da hat mich Maria schon eingeholt und am Knöchel gepackt.

Verzweifelt versucht Alice sich in ihrem Leben von Zwängen, Geldnot und Enttäuschung zu behaupten. Sie verliert Freunde, ihr wichtige Gegenstände, die Liebe. Erschütternd kommt zum Ausdruck, was Sucht mit der Partnerin des Betroffenen und dem Umfeld macht.
Ich weiss, bald ist Rio wieder weg. Nie ist genug Zeit, eine einzige Sache ganz zu erleben, durchzudenken oder auch nur irgendetwas in Erfahrung zu bringen.

Eine wichtige Rolle spielt auch das verrostete defekte Auto, ein Fiat, dessen Kontrolle beim Garagisten vor einer vorgeschriebenen Überprüfung detailliert und witzig beschrieben wird.
Jemandes «Fiat», auf Lateinisch, hatte unsere Religionslehrerin erklärt, ist das, wozu ein Mensch in seinem Leben «Ja» sagt, «es geschehe», im Evangelium nach Lukas. Das, was ihr Gott in eurem Leben tun lasst. Marias Fiat war Jesus. Mein Fiat ist verrostet.

Ein herausforderndes, aussergewöhnliches, dichtes, nachhaltiges Buch. Auch wenn es gelegentlich zu wuchtig daherkommt und Sarah Elena Müller sich vielleicht etwas übernommen hat. Aber noch nie habe ich die Auswirkungen von Drogensucht auf eine Liebesbeziehung und das soziale Milieu literarisch so eindrücklich umgesetzt gelesen. Toll!

Bär

Sarah Elena Müller, geboren 1990, bewegt sich fliessend zwischen Literatur, Musik, Forschung und Performance. Mit der Spoken-Pop-Combo Cruise Ship Misery hat sie zwei Alben herausgebracht, zuletzt das Songbook «Brutto Inland Netto Super Clean» im Verlag der gesunde Menschenversand. Seit 2024 arbeitet sie im Team des SNF-Projekts «Autofiktion & Bewusstsein». Im Limmat Verlag ist ihr Debütroman «Bild ohne Mädchen» lieferbar, der vielfach ausgezeichnet wurde und für den Schweizer Buchpreis nominiert war. Sarah Elena Müller lebt in Bümpliz.

Beitragsbild © leafrei.com

Schweizer Buchpreis 2026, Die Nominierten #SchweizerBuchpreis 26/01

Sie sind da, die fünf Bücher, die fünf Namen. Mit Spannung erwartet, mit einem Gemisch von Zustimmung und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Vier Frauen und ein Mann. Drei Namen, die ich auf meiner ganz persönlichen Liste hatte, zwei, die mich überraschen.

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42‘000 Franken dotiert. Der:die Preisträger:in erhält 30‘000 Franken; die vier anderen Finalist:innen erhalten jeweils 3‘000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Die Begründung der Jury: Mit der diesjährigen Shortlist begeben wir uns auf die Suche. Die fünf nominierten Romane richten den Blick auf das Verborgene und schärfen unsere Wahrnehmung für das, was zu oft unsichtbar bleibt: eine Mutterschaft am Rande der Gesellschaft, die inneren Erschütterungen nach einem Erdbeben, Altersarmut und prekäre Arbeit, Kälte innerhalb einer Familie sowie Abhängigkeit und Ohnmacht in einer Liebesbeziehung.
Die Autorinnen und der Autor kreisen um die Fragen: Was erkennen wir? Und wie erinnern wir uns? Sie loten die Möglichkeiten des Erzählens ebenso aus wie jene des bewussten Nicht- Erzählens und nutzen souverän die Spielräume, die allein die Literatur bietet.
Die nominierten Werke zeigen nicht nur vielfältige Lebenswirklichkeiten auf, sondern auch die sprachliche und stilistische Bandbreite der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht » (Rowohlt Verlag)
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst «Rabenmutter» nannte: eine Frau ohne Bildung, ohne Geld und ohne Perspektiven. Er landete als Halbwüchsiger auf der Strasse, der Mutter blieb im Alter kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Karibik. Im Rückblick wird diese persönliche Leidensgeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz verknüpft. Mit Wut und Wucht fragt Bärfuss, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse an der Lebenssituation seiner Mutter hatten – und macht so aus einer Familiengeschichte eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen Verlag)
6. Februar 2023: In der Türkei und in Syrien hat die Erde gebebt. Die Ich-Erzählerin sitzt zu Hause und wartet auf Nachricht von ihren Verwandten und lässt gleichzeitig ihr Leben, das sie als Tochter einer türkischen Familie in  Deutschland gelebt hat, Revue passieren. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. In «Hauptsache kein Zeitgeist» entfaltet sich in 24 Stunden, gegliedert in 24 Gesänge, die Komplexität und Vielfalt der Gegenwart. Formal mutig und innovativ, umkreist die Erzählerin grosse Themen wie Migration und Feminismus, sucht Erklärungen in der Sozialphilosophie, denkt über die Beziehung zur Mutter nach und lernt schliesslich sich selbst neu kennen.

Yael Inokai «Die Auster» (Hanser Berlin Verlag)
Dr. Bronstett, der Geschäftsführer eines legendären Berliner Kaufhauses, wird ermordet aufgefunden. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch hat bereits alle Spuren beseitigt, als die Polizei am Tatort eintrifft. Schnell zeigt sich, dass in diesem Roman nicht die Aufklärung die Hauptsache ist, sondern der Mikrokosmos der Kaufhauswelt, den Yael Inokai mit leichter Hand entwirft. Es ist eine Welt, in der Glanz und Elend, Luxus und Armut aufeinandertreffen. Mit geschliffenen Dialogen und mit stilistischer Raffinesse entwickelt Inokai ein
Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum eine Person steht, die meistens unsichtbar und selten Romanheldin ist: die Reinigungskraft.

Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin Verlag)
Anna hat ihren Bruder seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt zurückgezogen in Grönland. Nach dem Tod der Eltern reist Anna zu ihm. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. Während die Familie vordergründig ein verschontes Leben lebt, hinterlassen der Krieg und seine Verwerfungen Spuren. Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke
in Grönland mit den Nachkriegsjahren im Deutsch-Schweizer Grenzland zu einem grossen Familienroman.

Sarah Elena Müller «Unwucht» (Limmat Verlag)
Unendlich oft hat Alice gewartet, auf Rio, auf einen Anruf von ihm, auf ein Zeichen. Sie hatten sich im Kunststudium kennengelernt. Nun verliert er sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht. Sie jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und will nicht sehen, was die Freundinnen schon lange erkennen: Sie muss weg von ihm. Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür und will nochmals mit ihm reden. Sie schreibt an einem Buch über die gemeinsame Zeit, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber was kann man, was darf man erzählen? Mit sprachlicher Kraft und Witz erkundet die Autorin in «Unwucht» die Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und die Verstrickungen einer heillosen Liebe.

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