Sandra Gugić «Zorn und Stille», Hoffmann und Campe

Man findet sich, lernt sich zu lieben, bekommt Kinder, kleine, zarte Geschöpfe. Man sieht die Kinder wachsen. Sie werden zu Jugendlichen, zu Erwachsenen. Und mit einem Male muss man sich eingestehen, sie ganz loslassen zu müssen, vielleicht sogar verloren zu haben, unwiederbringlich. Und wenn hinter dem Ganzen auch noch ein Krieg sein Gift über die Familie speit, dann ätzt sich der Schmerz tief in die Seelen.

Davon erzählt Sandra Gugić, vom Zersetzungsprozess in einer Familie. Ein Prozess, der nicht selbst gewählt wird, für den man in den meisten Fallen nicht die Schuld allein trägt, weil man immer Teil eines Ganzen ist, Teil einer Geschichte, Teil einer Gesellschaft, Teil eines Prozesses in einem Land und dessen politischen Wirren. Wie sehr „Zorn und Stille“ die eigenen Erlebnisse der Autorin umsetzt, ist irrelevant. Aber weil Sandra Gugić ihre Geschichte so sehr vorstell- und nachvollziehbar macht, wird ihr Roman exemplarisch für all jene Familien, die in den Stürmen ihrer eigenen Geschichte auseinanderbrechen, in denen sich all die einstmals guten Absichten ins Gegenteil umzukehren scheinen.

„Wahrscheinlich sind wir alle ebenso verbunden, wie wir voneinander getrennt sind, ob wir es nun anerkennen oder nicht.“

Billy Bana ist Fotografin, eine junge Frau, die die Welt durch ein Okular sieht, ein Auge das immer einzurahmen versucht, zu inszenieren. Fotografie als Versuch der Ordnung. Aber Billy Bana ist auch auf der Flucht, aus der Ordnung geraten. Auf der Flucht vor sich selbst und ihrer Geschichte. Billy Bana hiess einst Biljana Banadinović, die ihr Familienband abreissen liess, um unter anderem Namen eine neue Existenz als Künstlerin aufzubauen. Sie liess abbrechen, sogar ihre starke Bindung zu ihrem jüngeren Bruder, mit dem sie sich als Kind unzertrennlich fühlte. Mit siebzehn verlässt sie das Elternhaus, um nicht wiederzukehren. Einziger Fixstern in Billys neuem Leben ist Ira, eine junge Frau, in die sich verliebt, die einzige, von der sie sich ganz verstanden und „gelesen“ fühlt.

„Mein Leben bestand aus … versteckten Räumen, doppelten Böden und gesiegelten Perspektiven.“

Sandra Gugić «Zorn und Stille», Hoffmann und Campe, 2020, 240 Seiten, CHF 35.90, ISBN 978-3-455-00976-7

Der Ausbruch aus ihrem Elternhaus war ein Bruch mit dem nach totaler Integration trachtender Eltern, von Eltern die sich ihrer Herkunft aus Exjugoslawien mit allen Mitteln zu entfernen versuchten. Biljanas Eltern wurden ihr peinlich, fremd. Als Billy versucht sie sich  zu emanzipieren, scheint ihr das zu gelingen, auch wenn ihre Eltern auf die ihr jeweils eigene Art versuchen, die Bande nicht gänzlich reissen zu lassen. Bis zu dem Moment, wo Billy erfährt, dass ihr Vater gestorben und ihr kleiner Bruder nach einem letzten Treffen mir ihr spurlos verschwunden ist. Jene neue Ordnung, die sie aufzubauen versuchte, zerbricht. Ist ihr Bruder Opfer eines Verbrechens oder Opfer seiner selbst? Hat sie nicht wahrgenommen, dass ihr eigenes Leiden das ihres Bruder verdeckte?

„Alles, was wir machen, tun wir nur, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, tut das, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.“

Alles in Billys Leben ist flirrend. Das einzige, was klare Konturen bekommt, sind ihre Fotografien. Sandra Gugić erzählt aus den Perspektiven aller in der Familie. „Zorn und Stille“ ist ein Erklärungsversuch – keine Erklärung. Ebenso ein Versuch, Ordnung in ein Lebenschaos zu bringen, wie es das Fotografieren oftmals versucht. Eine Auslegeordnung, denn hinter den verkrampften Integrationsbemühungen Billys Eltern stecken wiederum Geschichten, setzt sich fort, was sich über Generationen anbahnte, glüht weiter, was in der Vergangenheit brannte. Auch das Leben ihrer Mutter Azra und das ihres Vaters Sima war ein Versuch sich zu emanzipieren. Aber weil der Mensch nur den nebelhaften Rauch sieht, verschwindet der Nachhall jener Feuer, die in der Vergangenheit brannten.

„Vielleicht hätte er besser achtgeben müssen und versuchen, all die Augenblicke und kleinen Ereignisse zu bemerken, die Veränderungen zu lesen, die sich ankündigten.»

Sandra Gugić beschreibt unsägliche Momente, schildert Situationen, die sich einprägen, weil sie stellvertretend sind für vieles, was Leserinnen und Leser in ihrem eigenen Leben gespiegelt finden. Unauslöschlich der Moment, als Billys Vater am Tag vor ihrem 18. Geburtstag ein Treffen mit seiner Tochter provoziert und ihr in einem Café ein dickes Kuvert über den Tisch schiebt auf dem in Blockbuchstaben Alles Gute steht. Was als Versuch der Annäherung beginnt, als linkischer Liebesbeweis, als Rückeroberung, wird zum unverzeihlichen Fiasko.

„Zwischen den Farben und dem Lärm des Draussen habe ich die Vergangenheit vorsichtig begraben.“

Ich las den Roman unter Schmerzen, weil ich sie alle verstand und verstehe. Die nach Freiheit ringende Tochter, die verzweifelnden Eltern, den halt- und ratlosen Bruder. Sandra Gugić schreibt mit inniger Empathie ohne je die Grenze zur Sentimentalität zu überschreiten. „Zorn und Stille“ beschreibt schon im Titel wie weit es der Schriftstellerin gelingt, den Bogen zu spannen. Auch wenn sie alle scheitern, tun sie es nicht in der Ansicht zerstören zu wollen. Alles ist ein Schrei nach Liebe.

Grossartig!

«Zorn und Stille» auf dem 54. analogen Literaturblatt

Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. 2009 begann sie zu schreiben. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2012 gewann sie den Open Mike. Ihr erster Roman «Astronauten» erschien 2015 und erhielt den Reinhard-Priessnitz-Preis. 2019 erschien ihr Lyrikdebüt «Protokolle der Gegenwart» im Verlagshaus Berlin. Zuletzt wurden ihr das Stipendium des Berliner Senats und das Heinrich-Heine-Stipendium zugesprochen. Sandra Gugić lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Dirk Skiba