Wortlaut ist das literarische Frühjahrsereignis der Ostschweiz. 2026 wird es zum 17. Mal durchgeführt und findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Sämtliche Veranstaltungsorte wie Lokremise, Bibliothek Hauptpost und Grabenhalle sind fussläufig erreichbar und liegen bahnhofsnah. Ziel des Literaturfestivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekanntzumachen.
Wir alle übersetzen tagtäglich das, was wir denken, in Worte. Im Rahmen der 17. Ausgabe des Wortlaut – St. Galler Literaturfestivals wollen wir nun diesen Prozess genauer anschauen: Was passiert, wenn Gedanken Form annehmen – erst in Worte, dann in Schrift? Oder wenn ein Buch in eine andere Sprache übertragen wird? Wie können komplizierte Themen vermittelt werden? Anders gesagt: Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden? Wir freuen uns sehr, genau darüber mit unseren Autor:innen am Wortlaut zu sprechen!
Es finden moderierte Lesungen mit Autor*innen aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Raum statt. Darüber hinaus organisieren wir spannende Wortwechsel, Werkstattgespräche und eine Podiumsdiskussion. Das Publikum in St.Gallen wird ferner eingeladen, Gast des schon traditionellen Dialekt Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein, sich an einem Literaturspaziergang durch die Gallusstadt zu beteiligen oder den Lesungen im öffentlichen Nahverkehr zu lauschen. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost ein sogenannter Silent Reading Rave statt.
Wortlaut ist ein Fest, das Sie auch in diesem Jahr zu literarischen Entdeckungen und Grenzüberschreitungen einlädt. Freuen Sie sich mit uns auf ein reichhaltiges und entdeckungsfreudiges 17. St.Galler Literaturfestival!
Advents-Überraschung: Early Bird Festivalpässe ab jetzt erhältlich!
Du suchst noch ein passendes Weihnachtsgeschenk für deine literaturbegeisterte Mutter oder deinen Bruder, der eine Leseratte ist? Verschenke jetzt Vorfreude für das 17. Wortlaut vom 27.-29. März 2026.
Denn du kannst dir jetzt zum ersten Mal für das Wortlaut Literaturfestival 2026 exklusive Festivalpässe zum Sonderpreis sichern!
Wir freuen uns darauf, dich 2026 beim Wortlaut Literaturfestival willkommen zu heissen!
Der afghanische Exilautor Azizullah Ima und der Schweizer Schriftsteller Andreas Neeser schickten sich Textminiaturen (maximal 14 Zeilen) und ertasteten literarisch, was Bilder auslösen und weitertragen. Azizullah in seinem Schmerz über eine verlorene Heimat, Andreas Neeser auf der Suche nach dem Kern.
Azizullah Ima floh 33jährig aus Afghanistan, nachdem zwei Jahre zuvor die Taliban die Kontrolle über das von Machtkämpfen geschundene Land übernommen hatten. Drei Jahre später kam der Pädagoge, Journalist und Dichter als Flüchtling in die Schweiz, im Herzen eine Sehnsucht, die seit dem Rückzug ausländischer Soldaten aus seinem Heimatland und der uneingeschränkten Macht der Taliban, ungestillt zum Schreiben zwingt. Andreas Neesers Sehnsucht ist jene nach dem perfekten Satz, dem perfekten Poem, eine Sehnsucht, die sich nur vordergründig von seinem Dichterfreund Azizullah Ima unterscheidet. Sie beide suchen nach Sprache, eine ultimative Suche, eine existenzielle Suche. Sie beide ringen mit der Sprache und mit ihr an der Welt.
Sie beide ringen mit der Welt, Azizullah Ima mit dem Schmerz, der lähmenden Erkenntnis, unsäglicher Trauer und dem Wissen, dass Morden, Foltern, Einsperren und Sterben, die Willkür und Unterdrückung unkontrolliert weitergehen: Wenn ich nicht mehr an dich denke und an die unebenen Wege, die mich zu dir führen, wenn die bittersten Lieder, die von Trennung handeln, kein Gefühl mehr in mir auslösen, weiss ich, ich bin am Ende angekommen – dort wo kein Schmerz mehr ist.
Andreas Neeser mit dem Wissen, dass sich unter der geschönten Oberfläche, den geflissentlich bewahrten Oberflächlichkeiten Tiefen auftun: Ich schaufle und grabe und baue, ich lege die Gänge zur Mitte hin – Platz schaffen, Raum für den einzigen Satz, den es irgendwo gäbe und irgendwann gibt, denn ich wühle gewissenhaft, heiter, und immer im Wissen, ich glaube mir kein Wort.
Azizullah Ima, Andreas Neeser «Morgengrauengewässer», Rotpunkt, 2025, aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß, Vorwort von Manfred Papst, Nachwort von Sarah Rauchfuß, 144 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN SBN 978-3-03973-068-1
„Morgengrauengewässer“ nennt sich das gemeinsame Buch der beiden aussergewöhnlichen Dichter. Literarische Miniaturen, Sprachbilder, die die beiden hin- und herschickten, ohne sich dabei Antworten geben zu müssen, weil die wirklich wichtigen Fragen letztlich unbeantwortet bleiben. Azizullah Ima und Andreas Neeser sind Dichter, denen das ewige Suchen längst zum Leben geworden ist, denen die Sprache Selbstvergewisserung, Fragestellung genug ist. Es ist tatsächlich so, als sässen sie beide im Morgengrauen am Ufer eines stillen Sees, in der Hoffnung, ein weiterer Tag würde sie einen Schritt weiter, einen Schritt näher bringen. Der Morgen als Start in einen Tag, von dem sie Ernücherung erahnen und Klarheit erhoffen.
In den Texten der beiden steckt der Blick zurück und jener hinaus. In beiden steckt der Stachel des Schmerzes, wenn auch mit Voraussetzungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber wahrscheinlich macht genau das den Reiz dieses ungewöhnlichen Dialogs aus. Was in diesem Buch auf literarische Art und Weise geschieht, wäre Beispiel genug, wie man sich über Kulturen hinaus begegnen und verständigen könnte. Beiden geht es nicht um Konfrontation, sondern um Bilder, die sich ergänzen, die sich spiegeln. Sie hören sich zu, nehmen Fäden auf, lassen sich locken und leiten, führen und wagen.
Interview mit Andreas Neeser
Wie brachte „Weiterschreiben Schweiz“ euch beide zusammen? Weiterschreiben Schweiz versucht Exil-Autor/-innen in die hiesige Literaturszene zu integrieren. Zum Beispiel, indem Sie arrivierte CH-Autor/-innen anfragen, ob sie sich ein sogenanntes Tandem mit einem Exilautor bzw. einer Exilautorin vorstellen könnten. Mir wurde Azizullah vorgeschlagen, wir trafen uns und waren uns sofort einig, dass das was wird mit uns. Dank der persischen Übersetzung von «Zwischen zwei Wassern» konnte Aziz sich auch der Qualität meiner Arbeit vergewissern.
War von Beginn weg klar, dass aus dem Experiment ein Buch werden würde? Oder war es gar kein Experiment? Einige Tandems treffen sich sporadisch und besuchen Veranstaltungen, oder sie schreiben sich Briefe oder sie reden über Literatur. Für Aziz und mich war von Anfang an klar, wir wollen Literatur MACHEN. Und zwar jeder für sich, aber dennoch zu zweit. Das war die Idee des Gesprächs; etwas, was es so praktisch nicht gibt. Und Miniaturen, damit der Gesprächscharakter, der Schreiberwechsel, auch zum Tragen kommt. Und dass wir unser Gespräch für die Öffentlichkeit führen, war auch von Anfang an klar. Literarische Texte brauchen Öffentlichkeit; so ergibt sich dann auch ein Gespräch mit den Lesenden… Ich habe dann mehrere Verlage angeschrieben … Es ist dem Rotpunkt Verlag hoch anzurechnen, dass er sich auf dieses Experiment eingelassen hat, mit dem sicher kein Geld zu verdienen sein wird.
Ihr kommt aus ganz verschiedenen Leben, Geschichten und Kulturen. Mir scheint, dass es deutliche Unterschiede gibt, nicht nur bei den Themen, der Bildsprache, auch im Sound, der Sprachmusik. Wie sehr war es ein Herantasten? Was passierte zumindest bei dir, wenn du einen Text von Azizullah erhalten hast? Ein Herantasten war nicht möglich. Wir mussten ja jeweils einfach antworten auf einen Text. Und wir haben NIE über unsere Texte gesprochen. Keine Verständnisrückfragen, keine Änderungsanträge – das würde man ja auch nicht tun in einem normalen Gespräch. Ich sage ja nicht: «Könntest du den Satz, den du eben gesagt hast, noch einmal sagen, aber anders?». Der Clash of cultures war krass: Krieg, Schwert, Tyrannen etc. – was soll ich dazu sagen? Ich war komplett zurückgeworfen auf mich selbst und die Sprache. (Beides ja durchaus zweifelhaft) Es wäre lächerlich gewesen, etwas über den Krieg oder die Taliban zu schreiben. Also musste ich ganz in meiner Welt bleiben und bei meiner Existenz. Das ist aus meiner Sicht auch ein Gewinn für das Buch. Jeder spricht mit dem anderen, findet Berührungspunkte, und bleibt doch in seiner Welt – egal, was für Themen angeschnitten werden. Für Aziz ist das übrigens genauso. Und so hat er mit dem Gedicht «Reisesymphonie» einen Weg zu anderen Themen gefunden – Reisen, Sprache, Träumen, Kinder. Für Aziz, den orientalischen Geschichtenerzähler, war es übrigens auch spannend, mit europäischer Lyrik, die ganz Gedanke, Bild und Sprache ist, konfrontiert zu werden.
Zwischen der gegenseitigen literarischen Auseinandersetzung liegt die Übersetzung. Mit jeder Übersetzung verändert sich ein Text, wahrscheinlich umso mehr, je weiter die Sprachen voneinander „entfernt“ sind. Wie weit musste die Übersetzerin Sarah Rauchfuss in die Auseinandersetzung miteinbezogen werden?
Meine Texte gingen auf Deutsch zu Aziz; seine gingen nach Berlin zu Sarah Rauchfuss, dann zu mir. So verging immer sehr viel Zeit (ca. 1 Monat) von einem Text zum nächsten. So kam natürlich nie so richtig ein Dialoggefühl auf. Vor allem Aziz hat das zugesetzt, weil er jede seiner Antworten innert Stunden nach dem Eingang meines Textes verfasst hat. Ich hingegen brauchte immer viel länger. Die Übersetzungen habe ich nie hinterfragt, zumal Aziz immer mit Sarah in Verbindung stand und da und dort auch intervenierte. Für mich wurden die Übersetzungen erst beim Lektorat wichtig. Wir lektorierten erst die deutschen Texte, fragten bei Sarah nach, ob die Korrekturen – alles stilistische Kleinigkeiten – eine Änderung des Originals erforderten. Falls ja, klärte das Sarah mit Aziz.
anlässlich der Weinfelder Buchtage: Fariwar und Azizullah Ima, Andreas Neeser und Gallus Frei
Azizullah Ima und Andreas Neeser sind mit «Morgengrauengewässer» gemeinsam unterwegs. Unter anderem am 1. November in Weinfelden anlässlich der Weinfelder Buchtage und am 15. November in Frauenfeld in der Kantonsbibliothek.
Azizullah Ima, 1963 geboren, studierte Pädagogik in Kabul und war Chefredakteur der Tageszeitung Dariz. Als 1996 die Taliban die Macht übernahmen, musste er Afghanistan verlassen. Seit 1999 lebt er in der Schweiz. Er hat auf Persisch zahlreiche Romane, Erzählungen und Gedichte publiziert.
Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik in Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses, danach Tätigkeit als Deutschlehrer. Sein umfangreiches literarisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet.
Sarah Rauchfuß stammt aus Niedersachsen und lebt heute in Berlin. Nach einem ersten Studium der Iranistik und Philosophie studierte sie Zentralasienwissenschaften. Seit 2019 übersetzt sie persische Literatur ins Deutsche.
Eine Liebesgeschichte, nicht nur eine. Eine Abschiedsgeschichte, existenzielle Ängste, ein Toter und mit „Schweizweh“ ein Buchtitel, der all jene trigert, die sich an diesem Land und seinen „Eingeborenen“ reiben. Karin Antonia Mairitsch zeigt mit ihrem Debüt Sprachkraft, Mut und einen präzisen Blick auf den Nerv der Zeit.
Es mag ein Schachzug gewesen sein. Zumindest bei mir hätte er funktioniert: Eine gebürtige Österreicherin schreibt einen Roman mit dem Titel „Schweizweh“. Man muss nicht hergezogen sein, eingewandert oder als Flüchtling hier leben, um Schmerzen zu lokalisieren. Aber wenn eine Schriftstellerin, Künstlerin und Hochschulrektorin, die in Klagenfurt/Österreich zur Welt kam und schon lange in der Schweiz lebt und wirkt, mit 57 ihr literarisches Debüt schreibt und das Buch mit „Schweizweh“ betitelt, dann reizt mich das. Nicht weil ich eventuelle Kritik am Land und den Einheimischen nicht tolerieren würde, ganz im Gegenteil, sondern weil mich der differenzierte Blick von aussen interessiert. Denn Unterschiede zwischen Kärnten und der Schweiz gibt es unzweifelhaft. Ich bin seit über vier Jahrzehnten mit einer Kärntnerin verheiratet, die mit der Heirat ihre Heimat hinter sich gelassen hatte. 700 Kilometer Distanz – mit den Alpen dazwischen.
Aber „Schweizweh“ ist keine Anklage, keine Abrechnung. Es sind die Geschichten einer Handvoll Menschen, die in der durchorganisierten, dem Perfektionismus verschriebenen Land ihre Schmerzen lokalisieren, die nach ihrer Heimat, ihrer Zugehörigkeit fragen, die nicht zuletzt mit der Angst leben, aus einem leistungsorientierten System zu fallen.
Jonathan hat eine schwierige Zeit hinter sich. Er begleitete seine Frau bis in den Tod, vermisst sie, je mehr seine eigene Existenz ins Wanken gerät. Er verlor seinen Job mit dem Gefühl, von seinem Chef hinausgemoppt worden zu sein. Ein Job, den er mochte. Endlich eine Stelle, in der er Zukunft gesehen hätte. Eine Entlassung, die ihn zu tiefst verunsicherte, spürte er doch zu Beginn seiner Arbeit beiderseitige Sympathie – vielleicht sogar mehr. Und da gab es auch noch Hélène, die Frau, die nach dem Tod seiner ersten Frau in sein Leben getreten war. Die er mochte, aber wahrscheinlich nicht liebte. Eine Beziehung, die scheiterte. Und er ist gebürtiger Österreicher, glaubt, in sich einen etwas anderen Takt zu spüren, als jener, der in der Schweiz vorherrscht, kann das, was er an Heimatgefühlen in sich spürt, wenn er nur schon an seine Grossmutter denkt, nicht so einfach wegstecken. Jonathan braucht Distanz und nimmt sich eine Auszeit in der Türkei. Nicht um Ferien am Strand zu machen, sondern um sich klar zu werden, wohin es gehen sollte.
Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge, 2025, 256 Seiten, CHF 26.00, ISBN 978-3-7084-0684-8
Ausgerechnet in der Zeit, in der Jonathan in den Ort in der Türkei eintaucht, Beziehungen zu knüpfen beginnt, denn er spricht wegen einer ersten grossen Liebe leidlich türkisch, liegt eines Morgens ein toter Mann vor Jonathans Stammcafé. Polizei, Presse und alle, die dort wohnen, beginnen mit Spekulationen und weil die Polizei schnell einen Schuldigen lokalisieren muss und ein mögliches Täterprofil auf Jonathan zu passen scheint, gerät dieser in die Mühlen der türkischen Polizei, in einer Zeit, in der die Sicherheitsorgane des Landes eh schon in Alarmbereitschaft sind und sich vor ausländischer Einmischung fürchten. Jonathan landet in Untersuchungshaft, wochenlang ohne Kontakt zur Aussenwelt.
Gleichzeitig erzählt Karin Antonia Mairitsch von Sophie. Ihre Frau, ihre Lebenspartnerin liegt im Sterben. Sophie nimmt in kleinen und grossen Schritten Abschied von ihr, begleitet sie, in den letzten Tagen zusammen mit dem Bruder ihrer Frau. Sophie, die sich nicht nur mit dem langsamen Sterben ihrer Partnerin konfrontiert sieht, sondern auch mit einer Sinnsuche in dem, was sie bisher als ihre Berufung, ihren Beruf sah, in einem Zustand des Aufbruchs ohne zu wissen, wo all das hinführt, was jetzt eine andere Richtung nimmt. Ein Weg, den Sophie irgendwann zu Jonathan führt.
Was diesen Roman speziell macht, ist seine Sprache und seine Architekur. Da schreibt eine Künstlerin, die es in ihrer Tätigkeit als bildende Künstlerin gewohnt ist, ihr Denken in Worte zu fassen, sehr oft in unkonventionellen Bildern, Sichtweisen, die erstaunen. Aus keiner Schreibschule. Der chronologisch erzählte Roman lebt von schnellen Schritten, hüpft von Perspektive zu Perspektive, zeigt, wie grundverschieden Protagonisten ihr Leben lesen, Entscheidungen fällen. Manchmal sind Abschnitte nur einen Satz lang und dann blendet der Scheinwerfer wieder aus einer anderen Richtung, nie verwirrend, stets vielstimmig.
Karin Antonia Mairitsch ist ein beeindruckendes und kunstvolles Debüt gelungen, das viel Aufmerksamkeit verdienen würde!
Interview
Er wollte sich die Liebe von der Seele schreiben, heisst es von Jonathan. Das wollten auch Sie. Sie schreiben über Liebe, aber auch von den Bedrohungen der Liebe; dem Tod, dem Erkalten, dem drohenden Vergessen, der Hektik, der Selbstoptimierung… Und doch schwingen dermassen viele innige Schilderungen, Liebeserklärungen in Ihrem Buch. Sie schaffen es eindrücklich, ehrlich und ganz nah zu bleiben. Nichts wirkt abgedroschen. Liebe und Tod, die zwei grossen Themen der Literatur. Gab es Leitplanken, Grenzen, die Sie nicht überschreiten wollten?
Ja, es gab Grenzen. Solche, die ich nicht überschreiten wollte und solche, die uns die Sprache setzt. Erstere betrifft all die Qualitäten von Liebe, Beziehung und Begegnung, die genau nur der geliebten (oder befreundeten) Person zufliessen können. Sie sind unwiederbringlich und nicht teilbar mit Dritten; in einer Weise entgrenzt, die für Aussenstehende unzugänglich bleibt. So beständig wie sie flüchtig sind, so fest wie flüssig, so leise wie laut, so verhaftet in uns selbst wie in der anderen Person, so unbeschreiblich verlebendigt bleiben diese Qualitäten und erst recht ihre sprachliche Fassung bei den Liebenden (oder Befreundeten) – im Leben, und über das Irdische hinaus. Ein Versprechen, das sich die Liebenden gegeben haben, mehr noch: ein Band, das nicht durchschnitten wird.
Jene Grenzen, die uns die Sprache setzt, oder genauer: die mir die meine setzt, betreffen all jene Emotionen, die frau artikulieren möchte und doch nicht kann. Schmerz oder Trauer zum Beispiel. Sie lassen sich nicht einmal annähernd so in Worte kleiden, wie diese Empfindungen uns zu erschüttern vermögen. Liebe und Tod sind die grossen Themen der Literatur, weil sie sich ihrer sprachlichen Fassung im Grunde doch entziehen. Und so sehr wir uns mühen, so offen und ehrlich wir in uns hineingraben und wühlen, ringen um Worte und ihre Kraft, so werden wir am Ende nicht erschöpfend ausgedrückt haben, was die Liebe und der Tod in unseren Leben bewegt hat. Mit diesem Phänomen setze ich mich immerfort auseinander und schrieb 2020 in «Helmi Vent – Lab Inter Arts»: «Die Sprache ist fremdkörperlich. Sie ist niemals das Denken selbst. Und auch nicht das Fühlen. Sie ist der Versuch, mich dir mitzuteilen, dir mitzuteilen, was ich denke oder fühle oder bin oder tue. Und das beschreibend gibt sie ihr Bestes. Sie bleibt experimentell.» (Mairitsch 2020, S. D. 95)
Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.
Liest man die Kapitelüberschriften, dann klingt es nach Lyrik, nach Poesie. Auch im Text gibt es Passagen, die an lyrische Prosa erinnern. Kam das gewollt oder war es Intuition?
Wenn ich vorhin von jenen Grenzen sprach, die durch die Herausforderung gesetzt sind, uns mittels Sprache hinlänglich auszudrücken, folgt entweder die (zuweilen durchaus hilflose) Schweigsamkeit oder eine Form der künstlerischen Artikulation, die sich jenseits des Anspruchs auf exakte Be-Zeichnung oder verbale Deutungshoheit oder narrative Vermessung und erzählerische Folgerichtigkeit auszudrücken vermag. Die Lyrik, die Poesie sind für mich jene künstlerisch-sprachlichen Ausdrucksformen, die uns «ermuntern, vom Wissen ins Gefühl zu kommen, um dort, im Gefühl, wissend zu werden» (vgl. Mairitsch 2020, S. D. 93). In diesem Sinne müssen sie nicht immer verstanden werden, sie sind offen gegenüber erzählerischen Möglichkeits- und Vorstellungsräumen und können sich weiten, bis sie verstanden sind.
Für mich ist dieser Zugang daher weder eine Frage des Willentlichen noch des Intuitiven. Es ist vielmehr der Versuch, den Raum zu weiten für das Mögliche, das Vorstellbare, das Unaussprechliche und Unbekannte in uns; ein Findungsfeld, das sich mit jedem Lesen neu konstituieren, neu erfinden und entfalten kann. Lyrik war im Übrigen mein erster Zugang zur Literatur und zum Schreiben. Ich kehre gerne in diese Beheimatung zurück: «mMan spricht, worin man gewachsen ist. Wir können nicht behaupten, in der Sprache erwachsen zu sein. Wir altern mit ihr und lernen noch. Bestenfalls sind wir in ihr beheimatet.» (Mairitsch 2020, S. D. 92)
Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.
Es sind nicht so sehr die Personen, die im Vordergrund stehen, sondern die grossen Fragen des Lebens: Wohin geht mein Weg? Wo liegt meine Erfüllung? Wie wird Liebe? Was bleibt von ihr? Wie begegne ich dem Tod? Wie kann ich in meinem Herzen behalten, was Liebe ausmacht? War das Schreiben eine Selbstvergewisserung?
Ein Selbst muss sich nicht vergewissern – es ist. Und es ist viele. Weswegen mein Schreiben keine Selbstvergewisserung ist, sondern Da-Sein ist. In diesem Sinne eröffnet das Schreiben vielgestaltige Möglichkeiten, ein Leben und sein Vieles zu durch-leben.
Es greifen viele Themen ineinander. Manchmal scheint es, als würde ein Thema überhandnehmen, um sich dann wieder in den Hintergrund zu ziehen. Es hätte ein Kriminalroman werden können, ein Gefängnisroman, ein politischer Roman, ein Burnoutroman… Aber es ist in erster Linie ein Liebesroman – wenn auch weit weg von Üblichen, Lichtjahre weg vom Kitsch, aber mit grosser Empathie geschrieben. Drohte nie die Gefahr, die Übersicht zu verlieren? Können Sie etwas erzählen über den Schreibprozess?
In der Tat gab es Momente, in denen es herausfordernd war, die Übersicht zu behalten. Meistens, wenn eine neue Figur den Roman betrat und ich mich zunächst dieser Figur annähern musste, um ihr Da-Sein zu erkunden. Einer der irritierendsten Momente war sicherlich das Auftauchen der Leiche am Strand. Das kam früh, sehr überraschend und blieb lange rätselhaft – denn wenn ich eines nicht wollte, dann einen Kriminalroman schreiben. Schreibend durfte ich erfahren, dass die Verschränkung aller Protagonist:innen und deren Schicksale einen Angelpunkt – eben die Leiche am Strand – brauchte und dass das Erzählen zur Conditio sine qua non wird, um die Verbundenheit mit sich, der Welt und allen Menschen erfahrbar zu machen.
Womit ich verraten habe, dass ich, die ich normalerweise planvoll und konzeptionell gefestigt vorgehe, bei diesem Roman keinem durchgängigen Konzept folgte, das ich vorab zurechtgelegt und das die Charaktere wie auch die Handlungsstränge definiert hätte. Das Konzept erarbeitete ich zu einem späteren Zeitpunkt und kam bei der Einreichung zum Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung zum Tragen1. Vielmehr begann das Schreiben unvorhergesehen, einzig gekoppelt an die Idee der Gleichzeitigkeit von Ereignissen und der Verbundenheit von allem und jedem, und endete erst mit dem Ende, das ebenso unvorhersehbar eintrat. Mein exploratives Schreiben ins scheinbar Ungewisse verstehe ich dennoch nicht primär als einen intuitiven Prozess. Es ist für mich eher die Erkundung dessen, was ist, das seine Denkform und sprachliche Ent-Äusserung noch sucht.
1 Das Manuskript »Schweizweh« wurde 2020 mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung ausgezeichnet.
In der Architektur Ihres Romans wählten Sie eine recht eigenwillige Struktur: Chronologisch, aber immer wieder aus verschiedenen Perspektiven, so dass man Ansichten ganz unterschiedlich gespiegelt las. War diese Form schon von Beginn weg klar oder drängte sie sich während des Schreibens auf?
Diese Form war schnell, fast von Beginn an klar. Bei all der Gleichzeitigkeit von Ereignissen erhoffte ich mir mit der Chronologie eine gewisse Nachvollziehbarkeit. Durch die verschiedenen Perspektiven, Ansichten und Wahrnehmungen, ja, auch durch Wiederholungen und Neu-Kontextualisierungen entfaltet sich eine Vielschichtigkeit, die mir wichtig ist: Ein Leben hat viele Schichten, hat Wiederholungen, Umwege und Wendungen, die sich nicht so einfach preisgeben. Sie wollen durchschritten, oder in diesem Falle: entschieden werden.
Sie sind bildende Künstlerin. Wie weit half Ihnen Ihre künstlerische Arbeit sonst? Ist Schreiben nicht das lange, filigrane Malen auf eine Grossleinwand?
Mit dem künstlerischen Prozess und einem visuellen Ausdrucksrepertoire vertraut zu sein, hilft sehr: So, wie sich in meinem Œuvre seit jeher viele Werke mit Sprache, lyrischen Titeln und Textminiaturen finden1 und ich mit altmeisterlicher Schichtentechnik2, gestischer Abstraktion3 sowie gegenständlicher bzw. figürlicher Malerei und Zeichnung4 vertraut bin, so zeichne und male ich umgekehrt auch beim Schreiben in Schichten und Gesten, setze Striche, lasse Weissraum und trage dramatisch pastos zuweilen sanft transparent auf. Insofern würde ich mich selbst nicht als «bildende Künstlerin» oder «Autorin» bezeichnen, denn ich bin beides und einiges mehr – doch mit der bildenden Kunst auch schreibend und mit dem Schreiben auch zeichnend und malend.
Interessant sind die prozessualen Parallelitäten:
Erst wenn der Titel (des Werks, der Ausstellung, des Buches) bekannt ist, beginnt das visuelle Gestalten bzw. das Schreiben.
Die weisse Fläche zu Beginn ist stets eine Hürde, die einfühlende Überwindung braucht.
Der erste Pinselhieb, der erste Strich, der erste Satz sind ent-scheidend und be-stimmend für das Ganze und Folgende. Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen, dass diese ersten «Gehversuche» nicht passen oder nicht stimmig sind, wird radikal verworfen und der Papierkorb (ein wichtiges Werkzeug im Künstlerischen!) bemüht.
Wenn es zum künstlerischen Vorhaben ein Konzept gibt, dann rudimentär und ergebnisoffen.
Der Prozess lebt von Verwerfungen, Umwegen, Unvorhergesehenem und Überraschungen. Letztlich werden es diese Ereignisse sein, die den Prozess beleben und den Spannungsbogen erzeugen.
Denken (im Sinne von Zurücktreten, Analysieren und Bewerten, im Sinne von Vordenken und Entwerfen) und nicht-denkend Tun wechseln einander ab.
Das Ende (der Erzählung, des Werks, etc.) ist eine bewusste Ent-Scheidung.
Karin Antonia Mairitsch, geboren 1968 in Klagenfurt, Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Promotion an der Kunstuniversität Linz, ist bildende Künstlerin, Gestalterin, Kuratorin, Dozentin, Autorin sowie Herausgeberin einiger Fachbücher im Bereich Medien, Gesellschaft und Kunst. «Schweizweh» ist ihr Romandebüt. Karin Mairitsch kann auf eine rege internationale Ausstellungs- und Performancetätigkeit zurückblicken. 2020 etwa hat sie das Mehrjahresprojekt l21 kuratiert. 2019/2020 wurde sie mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung und 2020 mit einer Nominierung für den Luzerner Werkbeitrag in der Sparte Freie Kunst ausgezeichnet.
Gabrielle Alioth lebt und schreibt seit Jahrzehnten an der Ostküste Irlands. Die Insel, ein Sehnsuchtsort vieler, spielt einmal mehr die Hauptrolle in einem ihrer Bücher – diesmal in einer düsteren Perspektive, schonungslos und und ungeheuer stimmungsvoll. „Die letzte Insel“, ein Roman über das Ende.
Immer mehr Menschen erfahren die Konsequenzen dessen, was unverantwortliche Vergangenheit und Gegenwart anrichten. Seien es Dürren und Sturzfluten dort, wo man in der Vergangenheit niemals in der Intensität damit rechnen musste, Städte, die im Smog ersticken, Trockenheiten, die infernale Brände auslösen oder Altlasten aus der Vergangenheit, die uns in Gegenwart und Zukunft tödlich bedrohen; Abfälle, die in Fässern im Meer versenkt wurden, bis hin zu radioaktivem Material, Phosphor, das aus Bomben ausgestandener Kriege austritt und an die Strände gespült wird, um sich in Verbindung mit Sauerstoff unkontrolliert zu entzünden oder der steigende Meeresspiegel, der ganze Landstriche und Inseln unbewohnbar macht und letztlich noch mehr Menschen dazu zwingen wird, ihre Zukunft an einem scheinbar sicheren Ort zu suchen.
Warum ein Buch lesen, das einem weder schont noch einen Ausweg bietet, das ungeschönt schildert, was passieren wird, wenn die Mehrheit nicht zu einem Richtungswechsel bereit ist. Ist „Die letzte Insel“ ein moralisches Manifest zur Umkehr? Nein. Aber Gabrielle Alioth ist eine Schriftstellerin, die genau hinschaut, sich den Tatsachen nicht verschliesst, auch wenn die Fotografien, die sie dann und wann ins Netz stellt, glauben machen, sie lebe im Paradies. Noch ist es das. Aber es gibt wohl keinen Ort mehr, an dem nicht festgestellt werden muss, dass er auf die eine oder andere Weise, ganz direkt oder indirekt, von den Auswirkungen klimatischer oder umweltbelastender Veränderungen betroffen ist. Auch wenn politische Strippenzieher strategisch darüber hinwegsehen wollen.
Gabrielle Alioth «Die letzte Insel», Lenos, 2025, 229 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-03925-045-5
„Die letzte Insel“ erzählt von den Konsequenzen. Gabrielle Alioth spinnt weiter, was sie als aufmerksame Beobachterin nicht nur in ihrer Umgebung, sondern überall feststellen muss. Ihr Roman, der in naher Zukunft angesiedelt ist, ist weder realitätsfremder Sience-Fiction noch übertrieben dunkle Dystopie. In zwei Handlungssträngen erzählt die Autorin von Menschen, die im Leben an einen Punkt gekommen sind, an dem sie nur noch hinnehmen können, was übrig geblieben ist. Von zwei Menschen, die nicht nur in ihrem eigenen Leben, sondern auch in einer scheinbar freien Gesellschaft, im Traum von Glück an einen Endpunkt gekommen sind.
Im Nachhinein wurde Vieles zum Zeichen.
Holm ist Biologe und hat sich auf eine kleine Insel absetzen lassen. Nicht um Neues zu erforschen, sondern um das festzuhalten, was in absehbarer Zukunft durch den steigenden Meeresspiegel verschwinden wird. Völlig überrascht findet er dort eine kleine Gruppe Verbliebener, die Letzten, die trotz allem ausharren; eine kleine Gruppe Mönche. Nach einem nassen Einstand und dem Verlust eines Teils seiner Ausrüstung beginnt Holm seine Streifzüge auf der rauen, baumlosen Insel, einem Eiland, auf dem ihm sehr schnell bewusst wird, wie verloren er wäre, gäbe es die Männer in den Kutten nicht. Holm hat sich von einem totalitären System der Kontrolle und staatlich geführten Wissenschaft abgesetzt. Sein Wirken auf der Insel ist ein letztes Aufbäumen, sein letzter Kampf gegen die Resignation.
Zweite Protagonistin ist eine Schriftstellerin, die alleine und zurückgezogen mit ihrem Hund in einem Haus unweit der Küste lebt. Sie blickt von ihrem Schreibzimmer auf das, was vom grossen Garten übrig beglieben ist. Nicht enden wollende Regenfälle verursachten eine Sturzflut, überfluteten das Haus und rissen Teile des Gartens weg. Mit ihm ihren Mann Alexander. Sie trauert. Nicht nur über den Tod ihres Mannes und das Bewusstsein, wie schnell alles zu Ende sein kann. Sie trauert auch darum, in ihrem Leben nicht mit offenen Karten gespielt zu haben, um all das unrettbar Versäumte.
Beide, die Ich-Erzählerin und der Forscher, erinnern sich, lauschen den Stimmen, die sie heimsuchen, den Lieben, von denen sie lassen mussten. Beide klammern sich an das, was geblieben ist, was sie am Leben hält.
„Die letzte Insel“ ist ein leidenschaftlich erzählter Roman über das Enden. Aber nicht die Trauer darüber steht im Vordergrund, sondern die Liebe zur Natur, zu Pflanzen und Tieren, zum Wind, zum Regen und den Momenten grösster Vertrautheit mit dem, was die beiden Protagonisten und die Schriftstellerin selbst umgibt. „Die letzte Insel“ ist eine Liebeserklärung an das Leben, selbst dann, wenn nur noch wenig davon übrig bleibt, wenn man sich der Endlichkeit bewusst ist. „Die letzte Insel“ beschreibt nicht nur eine geographisch nachvollziehbare Kulisse (Gabrielle Alioth verriet mir, dass es für die Insel eine „Vorlage“ gibt: Inish Meain), sondern das, was an Erinnerungen bleibt, jene Insel, die bleibt, wenn alles andere untergeht. Vor allem die Erinnerungen an die Momente grössten Glücks, der Liebe, des Geborgenseins.
Interview
Wir leben alle auf einer Insel. Wenn ich im Sommer im Süden der Schweiz, im Tessin, zwei Wochen Ferien mache, dann bin ich auf einer Insel, die mich glauben lässt, noch wäre alles in Ordnung. Noch mehr, weil die Schweiz selber eine Insel ist, politisch und wirtschaftlich, wenn auch immer mehr in Bedrängnis. Du pendelst zwischen Irland und der Schweiz, hast im Gegensatz zu vielen Schweizer*innen den Blick von Aussen. Was beschäftigt dich am meisten als „Auslandschweizerin“?
Die Insel ist eine dankbare Metapher für unser Dasein, die Beschränktheit unserer Wahrnehmung, das Leben in einer wie auch immer gearteten „Blase» und vielleicht auch für unsere Sehnsucht nach einer Rückkehr ins Paradies.
Irland und die Schweiz haben sich in ihrer „Inselhaftigkeit“ in den letzten vierzig Jahren angenähert. Beide sind europäischer geworden, wobei Irland ein viel dynamischeres Land bleibt. Als Auslandschweizerin staune ich oft über die – teilweise durch den Föderalismus bedingte – Langsamkeit der Prozesse in der Schweiz; und da ist das gesellschaftliche und private Klagen über die Zustände. Wenn ich Schweizer*innen zuhöre, denke ich manchmal, dass Jammern eine Art «bonding experience» sein muss. Dem gegenüber steht das schweizerische Bewusstsein, dass man halt doch etwas Besseres ist. Die Schweizer reisen ja gern in die ganze Welt, aber viele, so scheint es mir, nur, um sich selbst zu beweisen, dass die Schweiz halt doch der beste Ort auf der Welt ist.
Wie viel von dem ist in diesen Roman mit eingeflossen?
Einer der interessantesten Aspekte von Inseln, denke ich, ist ihre offenkundige Begrenztheit, denn an Grenzen, in der Konfrontation mit dem Fremden/Anderen, wird man sich seiner Voreingenommenheit, seiner (Vor)Urteile bewusst, beginnt sein Verhalten, sein Versagen in einem grösseren Kontext zu sehen. In früheren Romanen ging es mir oft um gesellschaftliche Grenzen, in diesem eher um eine Auseinandersetzung mit natürlichen, bzw. den Grenzen, die eine von Menschen beschädigte Natur uns setzt.
Ich weiss, dass du gerne lange Spaziergänge am Meer entlang machst, dass du fotografierst und dich inspirieren lässt. Vieles auf diesen Spaziergängen scheint in den Roman eingeflossen zu sein, wahrscheinlich auch Erfahrungen mit Phosphor, Erfahrungen mit Überschwemmungen und Unwettern. Wie sehr ärgert dich die Gedankenlosigkeit vieler Menschen?
Der Abfall hier an den Stränden ist ein echtes Problem, und die Iren stehen da weit hinter den Schweizern zurück. Ich sehe aber, dass man sich bemüht und dass es schon sehr viel besser geworden ist. Weniger offensichtlich sind industrielle oder staatliche/militärische Verschmutzungen, z.B. die Munition, die die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg im Beaufort’s Dyke versenkt haben und von der immer mal wieder was an den irischen Küsten angeschwemmt wird, als versuche die Vergangenheit sich an der Gegenwart zu rächen.
Ärgern tut mich das beides nicht. Ich nehme es zur Kenntnis, finde es streckenweise interessant. Eine meiner wichtigsten Erfahrungen hier in Irland war, dass die Natur immer gewinnt. Der Bach in dem Tal, in dem ich zuerst lebte, ist jedes Jahr über die Ufer getreten, nicht weil die Umwelt sich veränderte, sondern weil sich die Landschaft über Jahrtausende so entwickelt hatte. In den ersten Jahren versuchten wir den Überschwemmungen mit Mauern und Wällen beizukommen. Aber das Wasser war immer stärker, klüger. Das hat mich Demut gelehrt und ich bin dankbar für diese Lektion. In diesem Sinne denke ich auch, dass die Natur die Klimakrise auf ihre Weise überstehen wird, ob die Menschheit dazu auch in der Lage ist, ist eine andere Frage.
Dein Roman ist weder Manifest noch Kampfschrift, keine Abrechnung, kein moralisierender Zeigefinger. Aber manchmal sind deine Schilderungen und Aufzählungen doch haarscharf daran vorbeigeschrammt. Ich bin mir des Dilemmas bewusst. Einfache Unterhaltung allein – daran warst du nicht interessiert. Gibt es während des Schreibens einen Warnmechanismus oder muss man auf ein gutes Lektorat vertrauen, dass man nicht überbordet?
Den Leser*innen irgendetwas zu vermitteln, gehört nicht zu meinen Zielen, ich habe keine „Message“. Das würde ich mir nicht anmassen und es würde meinem Grundverständnis von dem, was Literatur kann und soll, fundamental widersprechen.
Ich denke, das Ziel eines Romans ist es, ein Geschehen und die darin involvierten Personen in seiner/ihrer Komplexität und Ambivalenz darzustellen. Dabei geht es nicht darum, eine Wirklichkeit (oder gar Wahrheit) abzubilden, sondern Zusammenhänge zu erforschen, Konstellationen auszuloten, vielleicht zu einem möglichen Ende zu führen, vielleicht auch Alternativen zu entwickeln. Grundsätzlich denke ich, was Literatur/Kunst im besten Fall erreichen kann, ist, dass der Betrachter, die Leserin seine/ihre Wirklichkeit etwas anders betrachtet, dass sich seine/ihre Wahrnehmung ein klein wenig verschiebt.
Tatsächlich hat mich der Verlag gedrängt, den Text in dem von Dir beschriebenen Sinn zu „schärfen“. Ich habe dem nachgegeben, aber vielleicht hätte ich doch mehr Widerstand leisten sollen.
Dein Roman spielt in nicht allzuferner Zukunft. Sind deine Schilderungen das Resultat einer sorgfältigen Recherche über mögliche Zukunftsszenarien oder vertraust du deiner Intuition, deiner Beobachtung, deiner Erfahrung?
Bevor ich ernsthaft zu schreiben begann, habe ich einige Jahre als Konjunkturforscherin gearbeitet und mit ökonometrischen Simulationen die wirtschaftliche Entwicklung einzelnen Branchen prognostiziert. Lange habe ich es als 180-Wendung in meinem Leben betrachtet, dass ich dann zu schreiben begann. Inzwischen beginne ich die Ähnlichkeiten zwischen Simulation und Fiktion zu verstehen. Beide werden dort eingesetzt, wo das Wissen an eine Grenze stösst, oder wie der frühere Rektor der Uni Basel Antonio Loprieno, sagte „die literarische Fiktion und die wissenschaftliche Simulation vermitteln Bilder alternativer Realitäten.“ Beides sind Versuche, die Grenze zwischen Wissen und Glauben zu bewältigen, in beiden wird die Grenze zwischen Faktischem und Möglichem in Frage gestellt. Beide entwerfen ein Bild von dem, was sein könnte.
Recherchen bilden einen wesentlichen Teil meines Schreibens. Ich denke, ich bin sorgfältig dabei, aber nicht in der Absicht oder gar mit dem Anspruch, etwas möglichst Plausibles zu konstruieren. Genauso wie die Vergangenheit, über die ich in früheren Romanen geschrieben habe, ist auch die Zukunft eine Funktion eines sich laufend verändernden Zustandes, eine Reflexion der Gegenwart und sagt primär etwas über diese aus.
Ein Haus ist eine Insel. Ein Garten ist eine Insel. Eine Klostergemeinschaft ist eine Insel. Eine Liebe ist eine Insel. Wir brauchen diese Inseln. Und doch sind die Bedrohungen manigfaltig. Der Forscher Holm und die Schriftstellerin erinnern sich an ihre Insel-, ihre Liebeserlebnisse. Bleibt man letztlich nicht doch allein, auf der letzten Insel seiner selbst?
Ja ist die einfache Antwort auf diese Frage. Natürlich gibt es Momente der Geborgenheit, der Liebe, in denen wir uns mit einem Menschen, der Welt verbunden fühlen. Aber ich denke, es ist eine (schöne) Illusion zu glauben, dass wir einen anderen Menschen verstehen können oder von ihm verstanden werden, fassen können, was und wie er/sie empfindet. Wir sind zwar nicht immer einsam, aber doch immer allein und dieser Roman ist auch einer über das Scheitern der Liebe.
Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman «Der Narr». Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland. Für ihr Werk wurde sie 2019 mit dem Kulturpreis der Gemeinde Riehen ausgezeichnet. Gabrielle Alioth ist Präsidentin des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.
Die Schriftstellerin Liane Steffen verbringt einige Monate in einer Gästewohnung in Paris. Ein Schreibaufenthalt, Zeit, um den Spuren ihres Schreibens, den Spuren ihrer Gedanken zu folgen. Zeit, um Klarheit zu schaffen in einer Zeit, in der ein Virus vieles in Frage stellt. Zeit um eine Frau wiederzuentdecken, der man in Paris 1845 wegen einer lesbischen Beziehung den Prozess machte, eine Schriftstellerin, der letztlich als Feministin der Prozess gemacht wurde.
Liane geniesst das Abtauchen in die Stadt Paris, das Abtauchen ins Alleinsein, ins Quartier, die Cafés, die Läden, die Strassen, das Abtauchen in all die Geschichten, die die Menschen um sie herum mit sich herumtragen, jenen Menschen, denen sie immer und immer wieder begegnet, auf der Strasse, an den Nebentischen im Café. Das Abtauchen in Erinnerungen an ihre Freundin Jana, die vor ein paar Jahren an Krebs sterben musste, an ihren Lebensmensch, ihre Freundin. Das Abtauchen in die Recherche um ein Schreibprojekt, während dem sie auf die fast vergessenen Schriftstellerin, Näherin, Gefängniswärterin und Mutter Louise Crombach stösst, die vor fast 200 Jahren als feministische Schriftstellerin ihrer Gutgläubigkeit zum Opfer fiel. „Zeit ihres Lebens“ ist ein buchlanger Brief an eben diese Freundin Jana, die wie sie Schriftstellerin war, der sie in diesem Buch das zu erklären versucht, was auf der einen Seite das Virus und auf der anderen Seite ihre intensiven Recherchen zutage brachten.
Ulrike Ulrich «Zeit ihres Lebens», Berlin, 2025, 336 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-8270-1523-5
Sie ist auf Abstand zu ihrem Lebenspartner Carmine, zu ihrem Sohn Tom, der in London lebt, zu ihrem Verleger Zlotan, der sie in Paris besucht und sie ermuntert, aus dem, was mit ihrem Schreiben passiert, ein Buch zu machen. Hier der Abstand zu ihrem Leben sonst, hier die Nähe zu ihrem Leben hier, zu den Menschen, mit denen sie ins Gespräch kommt, deren Leben sich mit ihrem verknotet, wenn sie der Obdachlosen zu einer Impfung und einer Brille verhilft, wenn sie mit einem Lehrer aus dem Quartier bis in die Banlieues fährt, wenn sie sich zu Recherchen in den Archiven im Netz und in der Stadt verliert und mehr und mehr im Leben einer Frau, die sie als Schriftstellerin und Feministin fasziniert, der sie buchstäblich auf die Spur zu kommen versucht, von der sie Fragen beantwortet bekommen will. „Zeit ihres Lebens“ ist die Spur einer leidenschaftlichen Suche in Vergangenheit und Gegenwart. So sehr die Trauer um den Tod ihrer Freundin Jana vor 8 Jahren noch immer nicht verklungen ist, so sehr steigt die Neugier und Faszination für eine Frau, deren Erinnerung sie nicht verblassen lassen will. So wie der buchlange Brief an ihre Freundin genauso ein Akt des Vergegenwärtigen, des Nichtvergessens wird.
Lianes Wohnung, in der sie für die paar Monate wohnt, liegt im Montmartre, einem der vielen Schmelztiegel der Stadt, dort, wo sich wie nirgendwo sonst in der Stadt der Wunsch vieler eingenistet hat, aus ihrem Tun, ihrer Sehnsucht Kunst zu machen. Einem Ort der Gegensätze, wenn man die vielen kleinen Zelte derer sieht, die sich so die letzte Chance eines Dachs nehmen, die ihr Leben zu einer einzigen Demonstration werden lassen. „Zeit ihres Lebens“ ist die Spur durch dieses befristete Stück Leben. Nicht zuletzt das Protokoll einer intensiven Auseinandersetzung der Entstehung eines Textes, der Suche nach einer Spur, der Suche nach Sprache. Ein Parisroman, der das Mäandern im Innenleben einer Suchenden zur Maxime werden lässt. Ein Roman, der genau das beschreibt, was sonst in der Spur von Schriftsteller*innen verborgen bleibt, wenn sie ein Buch auf den Markt bringen. „Zeit ihres Lebens“ beschreibt die Auseinandersetzung davor, bis zu dem Punkt, aus dem eine Biographie der Schriftstellerin Louise Crombach werden könnte. „Zeit ihres Lebens“ beschreibt ein Stück Zeit eines Lebens – intensiv, leidenschaftlich, mit dem unsäglichen Bedürfnis nach Tiefe. Spannung für einmal ganz anders!
im Literaturhaus Zürich
Ulrike Ulrich, geboren 1968 in Düsseldorf, lebt seit 2004 als Schriftstellerin in Zürich. 2010 erschien ihr Debütroman «fern bleiben», dem 2013 der Roman «Hinter den Augen» folgte, und 2015 der Erzählband «Draussen um diese Zeit». Mit Svenja Herrmann hat sie Anthologien zum 60. und 70. Geburtstag der Menschenrechte herausgegeben. Mit Axmed Cabdullahi erschien «Ein Alphabet vom Schreiben und Unterwegssein». Ihre Texte wurden u. a. mit dem Walter Serner-Preis 2010, dem Lilly-Ronchetti-Preis 2011 und Anerkennungspreisen der Stadt Zürich ausgezeichnet. 2016 erhielt Ulrike Ulrich ein Werkjahr der Stadt Zürich und 2018 einen Pro Helvetia-Werkbeitrag für den Roman „Während wir feiern“, der 2020 erschien und im Jahr darauf mit dem Festival „Zürich liest ein Buch“ gefeiert wurde.
Vom 12. bis 14. September 2025 wird Kufstein erneut zum Zentrum internationaler Gegenwartsliteratur. Die 23. Ausgabe des Literaturfestivals Sprachsalz bringt Autor*innen aus Japan, Italien, Norwegen, Russland, Deutschland, der Schweiz, Großbritannien und Österreich zusammen – mit Texten über Herkunft und Verlust, über Körper und Krieg, über Kindheit und Diktatur. In ihren Büchern spiegeln sich persönliche Schicksale und politische Abgründe, poetische Grenzgänge und erzählerische Wucht.
Zu den Höhepunkten zählt die deutschsprachige Buchpremiere der gefeierten japanischen Autorin Mieko Kawakami oder der Auftritt des vielbeachteten norwegischen Autors Johan Harstad mit seinen 1000-Seiten-Romanen. Franz Hohler bringt seine zeitlosen Alltagsbeobachtungen mit und liest auch für Kinder. Viktor Jerofejew erzählt über Despoten, Yannic Han Biao Federer vom Erinnern in einer zerrissenen Welt, Dacia Maraini von ihrer Kindheit im Internierungslager. Eric Goulden / Wreckless Eric und Hanspeter Düsi Künzler führen in das London der Pubs, Musik und Marginalität. Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein stellt in seinem aktuellen Roman die Frage, was die Diktatur aus Menschen macht, und liest natürlich auch aus seinen Gedichtbänden.
Die Lyrik ist 2025 stark vertreten – durch Stephan Tikatsch, Ulrike Draesner, in der Doppelrolle als Lyrikerin und Romanautorin, und Marco Kerler, der während des Festivals auf Bestellung Gedichte für die Besucher*innen schreibt.
Am Samstagabend steht der große Saal des Kultur Quartiers wie stets im Zeichen von Literatur und Kulinarik: Der traditionelle Sprachsalz-Festabend vereint herausragende Literatur mit einem mehrgängigen Menü. Hauptact ist in diesem Jahr die Autorin Mieko Kawakami, die aus ihrem neuen Roman «Das gelbe Haus” liest – ein kraftvoller Text über Körper, Herkunft und Widerstand. Serviert wird ein sorgfältig komponiertes Essen, zubereitet von der vielfach beachteten Küche des Restaurants Alpenrose Kufstein (nur mit Reservierung).
Sprachsalz bleibt seinen Prinzipien treu: eintrittsfrei und interkontinental. Ob Debüt oder Weltliteratur – das Programm ist handverlesen, neugierig und offen. Die Übersetzungen von fremdsprachigen Texten werden von bewährten deutschen Stimmen vorgelesen, so etwa der Schauspielerin Brigitte Zeh, Regisseur und Schauspieler Ernst Gossner als auch erstmalig vom Münchner Schauspieler Jürgen Tonkel.
Alle Autor*innen beim Festival 2025:
Ulrike Draesner (Deutschland) Sprachmächtige Erzählerin, Lyrikerin und Essayistin. In «Die Verwandelten» folgt sie den Spuren weiblicher Erinnerung und historischer Gewalt. Literarisch kühn und mit analytischer Präzision. Mich interessiert die Verbindung von Sprache und Körperlichkeit. (aus: Interview mit Deutschlandfunk Kultur, 2022)
Yannic Han Biao Federer (Deutschland) Seine raffiniert konstruierten Romane kreisen um Herkunft, Verlust und Trauer. In «Für immer seh ich dich wieder» verarbeitet er autofiktional einen Verlust, der eigentlich nicht zu fassen ist: den Tod seines ungeborenen Sohnes. Ich gehe hinunter, und da, wo das Schwarz beginnt, wo ich das Wasser vermute, rührt sich nichts […] als könnte das Schwarz aus seinem Bett steigen und mich hineinziehen. aus: «Tao»)
Eric Goulden / Wreckless Eric (Großbritannien) Musiker, Singer-Songwriter und Autor. In seiner Autobiografie schildert er mit wütendem Humor vom Überleben im Musikgeschäft, von Euphorie und von Abstürzen. Ich war mir nicht sicher, wie ich aufhören sollte, aber jemand sagte zu mir: Du musst einfach stoppen. (aus: «A Dysfunctional Success – The Wreckless Eric Manual»)
Durs Grünbein (Deutschland) Einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller. Präzise und mit melancholischem Ton verbinden seine Gedichte Wissenschaft, Geschichte und Wahrnehmung. In Kufstein wird er außerdem aus seinem aktuellen Roman «Der Komet» lesen. Wenn ich mich recht entsinne, fing bei mir alles mit einem Geräusch an, einem keineswegs harmlosen Geräusch, eher schon einer akustischen Irritation. (aus: «Vom Stellenwert der Worte»)
Johan Harstad (Norwegen) Mit «Max, Mischa & die Tet-Offensive» und «Unter dem Pflaster liegt der Strand» wurde er zur internationalen Stimme der Überforderung. Welt- und zeitumspannende Romane sind sein Markenzeichen, wahrhafte Großformate mit Tiefgang. Es gibt keine Helden, es gibt nur Leute, die sich abmühen, Leute, die versuchen ihr Bestes zu geben. (Aus: «Max, Mischa & die Tet-Offensive»)
Franz Hohler (Schweiz) Schriftsteller für Groß und Klein, Kabarettist, Wanderer. Seine Texte über den Aberwitz des Alltags, aber auch Romane und Kinderverse sind seit Jahren Kult – auch auf der Bühne. Jetzt mache ich ein Jahr lang Auftritte und schreibe […] und dieses Jahr dauert bis heute. (aus: Interview mit Blick)
Viktor Jerofejew (Russland/Deutschland) Einer der wichtigsten russischen Autoren im Exil. In «Der große Gopnik» beschreibt er das heutige Russland als düsteres Märchenland in Auflösung, beherrscht durch den «Gopnik», eine Figur, deren Namen im Deutschen ungefähr so viel bedeutet wie «rowdyhafter Hinterhofproll» Bisher war Dummheit ein rührendes Phänomen […] jetzt hat sie etwas tödlich Toxisches angenommen. (aus: «Der große Gopnik»)
Mieko Kawakami (Japan) Radikal sanft, gesellschaftlich hellsichtig und poetisch – Kawakamis Literatur gibt jenen eine Stimme, die selten gehört werden. In Kufstein stellt sie exklusiv ihren neuen Roman in deutscher Übersetzung vor (Katja Busson). Wir sagen oft, der Tod sei endgültig, aber ich kann mir nicht helfen, die Geburt ist es auch. (aus: Interview mit The Guardian)
Marco Kerler (Deutschland) Der Dichter wird mit seiner Schreibmaschine während des Festivals allen, die mögen, ein Gedicht schenken. Frisch getippt und auf Zuruf: Ein Gedicht für Dich. und ein Festivalmoment, der bleibt.
Hanspeter Düsi Künzler (Schweiz) Popchronist, Musikjournalist, Erzähler: In «Das Wetter zwischen Jukebox und Theke» fängt er das Leben am Rand ein – poetisch, tief, mit Nikotin und Soul. Sonntagmorgen. Die Kneipe war voll, der Zigarettenrauch hing tief. (aus: «Das Wetter zwischen Jukebox und Theke»)
Dacia Maraini (Italien) Eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Italiens. In «Ein halber Löffel Reis» erzählt sie ihre Kindheit im japanischen Internierungslager – erschütternd und hell zugleich. Um sich zu erinnern, ist es nötig, die eigene Vergangenheit zu lieben und daher auch sich selbst. (aus: «Die Blonde, die Brünette und der Esel»)
Matthias Schönweger (Italien) Aktionskünstler, Sprachjongleur, Literaturperformer. Sein Leben ist Kunst, Kunst ist sein Leben und seine Auftritte jedes Mal ein Ereignis. Sprachsalz zeigt den Film «MENSCH, msch!», der Einblicke in sein Schaffen, seine Archive und seine Denkbewegungen gewährt. Matthias Schönweger ergänzt mit einer seiner legendären Performances. Frischer Wind kam auf / Das Blatt / hat sich gewendet / ohne mein Zutun. (aus: «Gebucht. Teil 2»)
Stephan Tikatsch (Österreich) Lyriker, Herausgeber, Wortschöpfer. Zwischen Slapstick und Sprachkritik, ein sorgsamer Wörterfabrikant und Vokabeljongleur. Vorher war alles normal / Dass ich nicht lache / Und nie laut. (aus: «Dyspujaka»)
Erika Wimmer Mazohl (Österreich) Die Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und bildende Künstlerin entwirft in ihrem Roman «Wolfs Tochter» ein mehrperspektivisches und poetisches Porträt über das Leben der Friedensaktivistin Erika Dannebergs, über Erinnerung, Widerstand und weibliche Selbstbehauptung. Die Schneebotinnen flüstern es ihr zu: Der nächste Tag wird einen neuen Glanz in ihr Leben bringen […] (aus: «Wolfs Tochter»)
Voll Freude ging ich an die Lektüre des neuen Romans dieser von mir geschätzten Autorin. Ich habe das Buch mit Fieber, Gliederschmerzen und Husten im Rahmen einer Sommergrippe gelesen. Vielleicht sind meine Eindrücke dadurch beeinträchtigt. Kurz zusammengefasst hat mich dieses Buch ratlos und verwirrt nach der Lektüre zurückgelassen. Was ist die Aussage, was will die Autorin mir vermitteln? Es gibt historische Hinweise, eher angedeutet, zwei Hauptstränge; Archivar Schibig und die «Alte» einerseits, dann Herr Kern und dessen fast 100jährige Mutter. Das Buch beginnt mit einem Toten in einem zugefrorenen See, wie ein Krimi. Dunkle Machenschaften um Geld und Macht. Nichts läuft je ins Leere, alles hängt zusammen, so die «Alte», hat mir nicht geholfen. Ich bin sehr gespannt, wie du die Lektüre erfahren hast. Wirf mir den erhellenden Anker!
Herzlich Bär
***
Lieber Bär
Als das Buch zu mir nach Hause kam, schnappte es sich zuerst meine Frau. Schon an ihren nonverbalen Verlautbarungen während der Lektüre spürte ich, wie sehr sie das Buch packte. Kaum hatte sie es zu Ende gelesen, machte ich mich daran. Zugegeben, wenn ich von Schriftsteller*innen lese, die ich persönlich kenne, mit denen ich schon bei Lesungen oder ähnlichen Veranstaltungen mitdiskutierte, mag die Objektivität über das Gelesene beeinflusst sein, vielleicht sogar eingeschränkt. Einmal mehr liess ich mich begeistern. Dein Urteil überrascht mich nicht wirklich, weil ich der Überzeugung bin, dass das nicht das erste Buch der Autorin ist, das ein prägnantes Urteil provoziert. Das mag an der Art liegen, wie sie mit ihren Themen umgeht, wie sie die Geschichten, das Personal spielen lässt. Das mag auch daran liegen, dass Martina Clavadetscher von Leser*innen einiges abverlangt. Ihre Bücher sind keine offenen Schaukästen. In jedem ihrer Bücher lädt sie mich ein, weiterzudenken, weiterzuforschen. Türen bleiben verschlossen, wenn man sich nicht selbst daran macht, sie zu öffnen.
Martina Clavadetscher «Die Schrecken der anderen», C. H. Beck, 2026, 333 Seiten, CHF 34.00, ISBN 978-3-406-83698-5
Immer wieder drückt Geschichte durch die Bücher von Martina Clavadetscher. Diesmal ein Stück Vergangenheit – scheinbar. Denn die Vergangenheit zieht ihre Fäden bis in die Gegenwart. Was im Mai 1945 mit der Kapitulation Nazideutschlands ein Ende fand, war damals nicht wirklich zu Ende. Nur wenige der faschistisch gesinnten Entscheidungsträger damals wurden gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Ganz viele tauchten unter, nahmen eine neue Identität an, flohen ins Ausland. Nicht wenige von diesen glaubten, ihre Ideen würden dereinst wieder auferstehen, finanziert von Bankkonten, die man als harmlose, menschenfreundliche Kassen getarnt hatte. Geld all jener, mit denen man im und mit dem Krieg Geld verdient hatte. Geld all jener, die man während der Macht der Faschisten enteignet, eingesperrt und umgebracht hatte. Und wer heute offenen Auges in die aktuelle Politik sieht, reibt sich immer wieder die Augen, wie etabliert gewisse Ideen, Äusserungen und Absichten wieder geworden sind, wie offen man 80 Jahre nach der Kapitulation wieder seine faschistische Gesinnung zeigen kann. Diese Thematik ist in Martina Clavadetschers Buch unüberhörbar.
Aber noch viel mehr. Auch das nicht zu tilgende Lebensmotto „Der Zweck heiligt die Mittel“. Oder der Glaube daran, dass eine Stammlinie in der Familientradition um jeden Preis weitergeführt werden muss. Dieses völlig antiquierte Verständnis von Familie. Herrlich, wie die greise Matriarchin unter dem Dach der Villa noch immer versucht, mit allen nur erdenklichen Mitteln die Geschicke der Familie zu leiten. Dass Familie doch eigentlich etwas ganz anderes ist, ist weit davon entfernt. Und dann der „arme“ Herr Kern; lendenlahm, sehbehindert, diktiert von seine Mutter, herablassend behandelt von seiner Frau Hanna, instrumentalisiert von seiner elitären Clique. Der alte Mann – ein armes Schwein. Ich habe mich auf seine Kosten köstlich amüsiert. Hier spürt man die Theaterfrau. Ich sehe die Kern’sche Villa wie ein offenes Puppenhaus, in dem sich existenzielle Dramen abspielen.
Und dann noch Schibig und die «Alte»…
Lieber Bär, nicht immer trifft ein Buch meinen Nerv. Nicht immer deinen Nerv. Deine Ratlosigkeit bescheinigt dem Buch immerhin, dass es nicht nur einfach unterhalten will.
Martina Clavadetscher geboren 1979, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Nach ihrem Studium der Deutschen Literatur, Linguistik und Philosophie arbeitete sie für diverse deutschsprachige Theater, war für den Heidelberger Stückemarkt nominiert und zu den Autorentheatertagen Berlin 2020 eingeladen. Für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» wurde sie 2021 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sie lebt in der Schweiz.
Eine Familiengeschichte? Eine Exilgeschichte? Ein Roman über Nähe und Distanz? Über Verlust und die Suche nach Identität? Katinka Ruffieux erzählt in ihrem literarischen Debüt kunstvoll und gekonnt, mit jener Portion Witz, die das Schwere leicht macht und mit Sätzen, die man festhalten will.
Manchmal beseelt einem die Lektüre so sehr mit Feinheiten, dass man das Buch nur in kleinen Schlucken geniessen will. Was mir dann doch nicht gelingt, weil, wie der Erstling von Katinka Ruffieux beweist, hier eine Autorin erzählt, die nicht nur sprachlich glänzt, sondern auch in ihrer Erzählstrategie. „Zu wenig vom Guten“ ist mit einer derartigen Reife geschrieben, dass man erstaunt ist, einer literarischen Debütantin zu begegnen, denn Katinka Ruffieux erzählt mit grosser Souveränität. In ihrem Erzählton steckt jene unverkrampfte Leichtigkeit, die man in helvetischer Literatur nur selten trifft, jene Portion Schalk und Humor, die das Lesen leicht macht und nicht zuletzt ein ordentlicher Schuss Lebensweisheit, den man wohl erst dann erreicht, wenn man selbst in den Tiefen der eigenen Existenz den Erfahrungen die richtigen Fragen stellt.
Katinka Ruffieux erzählt von einer Familie, die in der Folge des Ungarnaufstands ihr Land verlassen hatte, um wie viele andere Familien ihr Glück in der Schweiz zu suchen. Ich selbst erinnere mich gut an eine Nachbarsfamilie im Quartier meiner Kindheit, bei der zuhause noch immer Ungarisch gesprochen wurde und die Besuche bei meinem Schulkameraden zu Expeditionen in eine andere Kultur wurden. Nicht nur roch es in jener Wohnung anders als bei mir zuhause. Der Vater jenes Jungen war ein hagerer, grosser Mann mit Schuhgrösse 48, dessen riesige Hände die meinigen bei der Begrüssung zu Puppenhänden machten. Ein Mann der immer freundlich und immer leise sprach, als ob er in der Luft um ihn herum nicht zu grosse Wellen machen wollte.
Unsere Familie gleicht einem Hühnerstall. Wer wen hacken darf, steht fest. Trotzdem lassen alle Federn.
Katinka Rufieux «Zu wenig vom Guten», Arche, 2025, 256 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03790-161-8
Genauso die Familie in „Zu wenig vom Guten“. Man wohnt zu fünft in einer winzigen Wohnung in der grössten Stadt der Schweiz, versucht um jeden Preis nichts falsch zu machen und tut alles, um den Traditionen und stillen Gesetzen des neuen Zuhauses zu genügen. Mutter, Vater, zwei Töchter und der Grossvater, den man regelrecht entwurzeln musste. Weil der Platz in der Wohnung gering ist und man die freien Stellen lieber mit den Errungenschaften des Westens auffüllt, leben die beiden Töchter zusammen mit dem Grossvater in einem Zimmer unter dem strengen Diktat der Mutter, mit einem Vater, der lieber durch Abwesenheit glänzt und einem Grossvater, der ganz unverblümt die Enge in der Wohnung mit In diesem Haus wird man kein echter Mensch, hier wird man bloss verrückt! kommentiert. Ein Grossvater, der im Reduit seiner kleinen Familie von dem träumt, was er zurücklassen musste und mit dem hadert, womit er sich in seinem Exil konfrontiert sieht. Kommentare, die die Mutter stoisch erträgt, die Töchter aber meist wörtlich nehmen, was die Stimmung in der Wohnung alles andere als entlastet.
Auch zwischen den Schwestern herrscht keine Verschwesterung, ganz im Gegenteil. Die Erzählerin versucht die Wogen in der Familie zu glätten, sieht sich im Gefüge als jene, die für das Gute zuständig ist und doch immer das Gefühl mit sich herumträgt, nicht zu genügen, letztlich verantwortlich zu sein für all das, was der Familie widerfährt.
Schon zu Beginn des Romans wird von der Asche der Schwester erzählt und dass nicht einmal diese sich den Wünschen der Familie beugt. Der Roman beginnt mit einem Verlust. Ein Thema, das sich durch das ganze Buch zieht; der Verlust der Heimat, der Identität. Der Verlust des Vaters, der irgendwann aus der Enge auszieht und ein anderes Leben beginnt, eine neue Familie gründet. Der Verlust des Grossvaters, jener Person, die auf alles eine Antwort hatte, der für die Erzählerin trotz der räumlichen Enge der Fels in der Brandung war. Und der Verlust der Schwester, die immer tiefer in ihrer Revolte gegen alles und jeden abrutschte, die sie aus dem Drogensumpf zu retten versuchte, die ihr Leben aber unrettbar gegen eine Wand fuhr.
„Zu wenig vom Guten“ ist eine literarische Perle. Wie schade wäre es, man würde sie zwischen all den bunten Kieseln nicht sehen!
Interview
Ein grosses Thema ihres Romans ist Verlust. Die Familie verliert ihre Heimat – Ungarn. Sie verliert den Vater, der sich das Glück mit einer neuen Familie sucht, den Grossvater, der im Exil stirbt und die Schwester. Verluste, die das Leben der Erzählerin prägen und doch nicht zerreiben. In ihrem Roman spürt man den Schmerz, aber ebenso die Kraft, die daraus entsteht. Obwohl sich alles um diese Verluste dreht und andere daran zerbrechen würden, bewahrt sich die Erzählerin jenen Mut, den es braucht, um nicht zu zerbrechen. Wie gelang es Ihnen, diesen Ton zu finden? Ist er Ihnen gegeben oder war es ein Prozess des Findens? Eine glaubhafte Stimme für diesen Roman zu finden, war entscheidend. Schreibt man aus der Perspektive einer Jugendlichen, wirkt das Geschriebene schnell aufgesetzt, schlimmstenfalls anmassend. Da kommt man um das Suchen und Finden nicht herum. Als die richtige Tonalität jedoch gefunden war, ging mir der «Sound» des Buches nicht mehr aus dem Kopf und das Schreiben leicht von der Hand.
Neben der Suche nach der eigenen Identität ist Ihr Roman auch ein Spiegel dessen, was in den 80ern in der Schweiz geschah; Jugendunruhen, Spiessbürgertum, Drogenszene Zürich, Einbürgerung… Und trotzdem spiegelt sich das sozialpolitische Geschehen ganz in den Protagonisten. Es schwingt unterschwellig derart viel mit, dass ich als Leser manchmal das Gefühl hatte, mehrere Bücher miteinander zu lesen. Leser*innen in meinem und Ihrem Alter fühlen sich gespiegelt, erinnert – und junge Leser*innen wundern sich über die Abgründe hinter den Fassaden. War das Absicht? Absicht würde ich es nicht nennen. Als Autorin möchte ich möglichst viele Menschen erreichen und dafür treffe ich gewisse Entscheide. «Zu wenig vom Guten» ist im Grunde eine ziemlich traurige Geschichte, die ich mit einer grossen Leichtigkeit erzählen wollte. Aber einen solchen Entscheid trifft man instinktiv und nicht absichtlich. Ein tieftrauriges Buch hätte mich wohl selbst beelendet. Dass das Buch auch generationenübergreifend zu funktionieren scheint, freut mich besonders.
Sie beschreiben einen Kosmos, jenen der Familie. Einen ganz eigenen Kosmos, weil die Familie, aus Ungarn stammend, alles tut, um der „Schweiz“ zu genügen. Eine aus dem Ausland stammende Familie, die alles, aber wirklich alles tut, um sich zu integrieren. Das Idealbild gewisser Kreise auch heute. Integration bis zur Selbstverleugnung. Ein Prozess, der aber auch im Leben eines jungen Menschen passiert, dann, wenn man während der Pubertät unbedingt zu eine Piergruppe „dazugehören“ will, wenn man ein Teil von etwas Grösseren sein will. Ein Prozess, der die beiden Schwestern spaltet. Die Erzählerin will sie retten, scheitert aber. Ihre Schilderungen scheinen keine Innenansichten, sondern Aussenansichten zu sein, versöhnt distanziert. Viele Bücher, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen, triefen vor Selbstergriffenheit. Liegt das an Ihrer „Reife“? Um diese Geschichte zu erzählen, musste ich so alt werden, wie ich heute bin. Ich nehme vieles entspannter, fühle mich freier in meinem Denken aber auch sonst. Für distanziert halte ich die Erzählerin nicht. Aber sie weiss sich zu schützen und hält es für gut, dass alle irgendwann vergessen werden «dürfen». Eine Ansicht, die ich mit ihr teile.
Eine Familie mit Grossvater. Ich mag diesen Grossvater sehr, zumal ich selber Grossvater bin. Aber im Gegensatz zu mir, ist der Grossvater in Ihrem Roman einer aus der immer seltener werdenden Sorte „Grossfamiliengrossvater“, obwohl die Familie selbst, trotz falscher Onkel und Tanten, klein ist. Man lebt eng zusammen, hat eine fixe Rolle, ist Teil des Lebens, nimmt gegenseitig Einfluss. Dieser Grossvater nimmt auch kein Blatt vor den Mund, etwas, was ich mir nicht leisten kann. Etwas, das nur funktioniert, wenn man Teil eines Zusammenlebens ist. Trotzdem zerfällt diese Familie. Ist dieser Roman auch ein Stück „Sehnsuchtsbewältigung“? Ich mag den Grossvater selbst gut leiden, kenne ihn jedoch kaum. Aus Neugier wollte ich ihn mit besonderer Sorgfalt zeichnen. Der Roman soll keine Sehnsüchte bewältigen, aber es stimmt schon: Familien müssten immer gross und bunt und laut sein! Dass die einzelnen Familienmitglieder dieselbe Herkunft haben, ist dazu nicht nötig. Aber wenn da ein toller Grossvater wäre, der sich engagiert, dann wäre er ein Gewinn für die Familie und jedes Enkelkinds.
Schwestern. Jede mit ihrer Rolle. Jede im festsitzenden Glauben, diese Rolle spielen zu müssen. Für beide gibt es keinen Ausweg. Die eine verschreibt sich der Rebellion, die andere der Anpassung. Ein Motiv, das bis in die Märchenwelt greift. Ist das Schreiben ein Versuch, der eigenen Rolle zu entfliehen? Nein, das glaube ich nicht. Ich unternehme als Autorin keine Fluchtversuche, vielmehr wende ich mich den Dingen hin, bin eine aufmerksame Beobachterin für alles, was um mich herum geschah und noch geschieht. Auch das ist meiner Neugier geschuldet. Ich halte fast alles für interessant.
Katinka Ruffieux wurde 1968 in der Schweiz geboren und wuchs in einer ungarischen Familie auf. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Zürich. 2019 gewann sie mit ihrer Kurzgeschichte »Streuner« den Wettbewerb des Literaturhauses Zürich. Es folgten das Wanderbuch »Auf den Spuren der Literatur« und das SRF-Hörspiel »Kalter Kaffee«. 2023 war sie Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens am Literaturhaus München, wo sie an ihrem Romandebüt »Zu wenig vom Guten« arbeitete.
Katinka Ruffiex liest und diskutiert im Rahmen von «Die Nacht der Debüts» in Frauenfeld in Theaterwerkstatt Gleis 5 am 26. September
Bei vielen Leserinnen und Lesern scheint die Frage, ob ein Buch ein Stück abgebildeter Realität sei, eine wahre Geschichte, oder reine Fiktion, ein Spiel mit Realem, so zentral wie nie zuvor. Evelina Jecker Lambreva treibt eben diese Spiegelungen zwischen Realem und Fiktionalem bis auf die Spitze – erfrischend und mit tiefgründigem Scharfsinn.
Fabiana Bianchi ist eine angesagte Krimiautorin. Ihre Bücher scheinen ein nach Crime hungerndes Publikum längst von selbst zu finden. Wo sie auftritt, füllt sie Säle, ihre Bücher verkaufen sich sensationell. Sie geniesst ihren Erfolg, ist sich ihrer Wirkung auch auf der Bühne sicher, geniesst die Zuwendungen ihrer Fans. Aber bei der Präsentation ihres neusten Romans meldet sich während der Lesung ein Mann in der ersten Reihe und behauptet, sie habe die Geschichte im Buch gestohlen, das sei seine Geschichte und er sei nie gefragt worden, ob sie so einfach Gegenstand eines Buches werden dürfe; die Geschichte einer zerrütteten Familie, eines Verbrechens. Und als er ihr beim Signieren mit einem Prozess droht und sie auch auf den darauf folgenden Lesungen in den Metropolen Europas verfolgt, wird aus dem Vorwurf, den Drohungen ein Alp, der Fabiana Bianchi bis ins Mark erschüttert. Fabiana weiss nicht, wie ihr geschieht.
Evelina Jecker Lambreva «Mein Name ist Marcello», Braumüller, 2024, 240 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-99200-362-4
Eine sehr plausible Situation, gibt es doch im Literaturbetrieb immer wieder solch wirre und unkontrollierbare Situationen, die nicht nur ein Buch verhindern, sondern Schreibenden ihre Existenz rauben können. Aber während der Lektüre wird sehr schnell klar, dass es Evelina Jecker Lambreva nicht in erster Linie darum geht, wie Literatur mit Realem umzugehen hat. Sie erzählt auch die Geschichte von Paolo Privoli, eines erfolgreichen Kunsthändlers, der es mit Geschick und Glück von ganz unten bis nach ganz oben geschafft hatte. Er, der sich auch für Literatur interessiert, ein leidenschaftlicher Leser der Kriminalromane von Fabiana Bianchi ist, sitzt in seiner Stadt in der ersten Reihe und muss feststellen, dass die Frau, die er nur aus Büchern kennt, seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, von der niemand, höchstens seine engsten Vertrauten wissen sollten. Die Geschichte eines Mannes, der als Kind seinen kleineren Bruder durch seine unstillbare Lust nach Macht ins Unglück treibt. Von einer Mutter, die nicht zu lieben vermag, einem Vater, der sich in seiner Verzweiflung umbringt und einem Grossvater, der zum Tyrannen wird. Eine Vergangenheit, eine Geschichte, die er nicht nur durch fünf Jahre Gefängnis hinter sich lassen wollte.
Fabiana Bianchi kann sich die Vorwürfe des Mannes nicht erklären und sämtliche Versicherungen, die Geschichte sei ganz und gar ihrer Fantasie entsprungen, perlen an dem aufgeschreckten Mann ab. Im Laufe des Romans entwickelt sich eine Art Duell. Dort die Frau, die sich an den Alp in ihrer Kindheit zurückgedrängt fühlt, dort der Mann, der glaubte, sein Leben in absolute Kontrolle getaucht zu haben und feststellen muss, dass ein Buch sein ganz eigenes Trauma offenbart.
Aber dabei bleibt es nicht. Evelina Jecker Lambrevas Roman zwischen Krimi und Verwirrspiel, zwischen Familiengeschichte und Vergangenheitsbewältigung stellt zwei Menschen einander gegenüber, die sich beide auf ihre Weise mit ihrer Kindheit, den dunklen Flecken in ihrer Vergangenheit konfrontiert sehen. Bin ich der, den ich mit Akribie selbst inszeniere oder doch nicht durch die Poren meiner Fassade das, was ich nie zu verdauen in der Lage war? Evelina Jecker Lambrevas Wissen um die Vielschichtigkeit menschlichen Seins macht das Spiegellabyrinth, durch das ich mich als Leser winde, verständlich. Unser Innenleben ist verschachtelt, voller dunkler Sackgassen und tückischer Geheimnisse.
„Mein Name ist Marcello“ ist voller Überraschungen, liest sich wie ein Thriller, der sich immer und immer wieder meinen Interpretationen verweigert. So wie die menschliche Seele ein Labyrith ist, so gibt sich die Lektüre dieses Romans.
(bis ca. 21 Uhr), Eintritt inkl. Konsumation 35 CHF, zwingend Anmeldungen bis 10. August unter info@literaturblatt.ch oder 076 448 36 69 (Platzzahl beschränkt!)
Interview
„In each of us there is another whom we do not know…“, ein Zitat von C. G. Jung, ist Deinem Roman vorangestellt. Wären wir uns dessen mehr bewusst, wäre das Verständnis für die Schattenseiten anderer wohl viel grösser. Du bist Psychiaterin, Psychotherapeutin und Schriftstellerin und damit prädestiniert, den Spalt hinter Fassaden zu finden. Ist das Schreiben auch ein Ventil? Ein Ventil? Mein Beruf hat mich zwar schon immer zum Schreiben inspiriert, mit den Themen, die sich aus den Gesprächen mit meinen Patientinnen und Patienten ergeben, aber das Schreiben als Ventil habe ich noch nie gebraucht. Ich wüsste auch nicht, wozu ich ein Ventil bräuchte. Viel mehr dient mir das Schreiben für die persönliche Auseinandersetzung mit mir selbst, indem ich versuche, eben diese „andere“, die in mir verborgen ist, kennenzulernen. Für mich habe ich sogar die Worte von C.G. Jung so perephrasiert: „In jedem von uns lebt noch einer/eine, den/die wir nicht sein wollen.“ Genau diese möchte ich durch das Schreiben besser kennenlernen: die ich nicht sein möchte, die aber trotzdem irgendwo (auch) mein Inneres bewohnt.
Fabiana Bianchi ist eine überaus erfolgreiche Krimiautorin. Derer gibt es viele, man denke an Donna Leon oder Charlotte Link. Autorinnen, die Buch an Buch veröffentlichen, Bestseller an Bestseller reihen und mehr als gut von ihrem Schreiben leben können. Doch eigentlich die Ausnahme, denn die meisten AutorInnen leben mehr schlecht als recht von ihrer Schriftstellerei. Aber wie jede Person, die sich im Focus einer breiten Aufmerksamkeit bewegt, hat diese Popularität auch seinen Preis. Verkauft eine erfolgreiche Künstlerin, ein erfolgreicher Künstler mit seinem Ruhm nicht auch ein Stück seines Lebens? Natürlich tut er/sie das. Vermarktung der Intimität ist heutzutage hoch im Trend. Für mich ist es jedoch unklar, wie bewusst ein Künstler/eine Künstlerin so was macht. Ich glaube kaum, dass es viele Schriftsteller und Schriftstellerinnen gibt, die ganz gezielt ihr Leben für Geld an das Lesepublikum verkaufen. Vielleicht ist es bei einigen eher ein Bedürfnis, das eigene Leben in die Welt hinauszuschreien, hinauszuweinen, auszukotzen, mitzuteilen? Man kann dieses Bedürfnis aber auch diskret verschlüsselt und eingepackt in Figuren, Metaphern oder Allegorien ausleben, derart, dass nur der Künstler/die Künstlerin weiss, dass es sich um sein/ihr Leben handelt. Somit wird auch der finanzielle Profit eines Verkaufs fern vom Bewusstsein gehalten.
Naviglio Grande, Milano @ Evelina Jecker Lambreva
In den unendlichen Möglichkeiten menschlichen Lebens ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mit seinem Schreiben die Wirklichkeit eines fremden Menschen trifft, nicht so verschwindend wie man glaubt. Du als Schriftstellerin hoffst doch auch, dass Leserinnen und Leser sich in Deinen Geschichten gespiegelt sehen oder sogar wiedererkennen. Ist das nicht genau die Resonanz, die man als Schreibende erhofft? Schriftsteller/Schriftstellerin sein, ist ein einsames Schicksal, so denke ich. Wenn ich schreibe, denke ich nie an die potentiellen Leserinnen und Leser, nicht an Rezensentinnen und Rezensenten, nicht an die Medien. Ich bin allein in der Auseinandesetzung mit meinen Gedanken, Stimmungen, Atmosphären, Heldinnen und Helden. Die Lesenden müssen sich nicht unbedingt in meinen Geschichten wiedererkennen oder sich darin gespiegelt sehen. Von mir aus können meine Figuren auch befremdend, schrecklich, sogar abstossend auf das Lesepublikum wirken. Das würde mich gar nicht stören, wenn es so wäre. Viel wichtiger ist es mir, dass ich durch meine Figuren die Leserschaft zu neuen Gedankenanstössen anregen kann. So hoffe ich auf eine Resonanz zu den Lebensthemen, die ich in meinen Werken durch meine Heldinnen und Helden behandle. Dies aber erst, wenn das Buch veröffentlicht ist, nicht während des Schreibens.
Beide Protagonisten kommen aus Familien, die ihnen nicht geben konnten, was man jedem Kind wünscht. Beide tragen einen Alp mit sich herum. Ich bin Sohn und Vater und weiss sehr genau, wie tief die Schluchten sein können, an denen man sich als Mutter oder Vater vorbeihangelt. Mittlerweile lebt eine ganze Industrie von den Auswirkungen dieser Untiefen. Und auf der anderen Seite die Literatur; Bücher, die sich in den Untiefen tummeln, Bücher, die bewusst machen. Du schreibst Deine Bücher ja auch nicht zur blossen Unterhaltung und Zerstreuung. Wo liegt das Urmotiv dieses Romans? Wie kamst Du zu dieser Idee? Beziehungen zwischen Eltern und Kinder haben einen zentralen Platz in all meinen Werken. Vielleicht hängt das mit meinem Beruf als psychoanalytisch orientierte Psychotherapeutin zusammen, denn bei mir gehen Medizin und Literatur Hand in Hand. Das Urmotiv meines Romans kam von einem Mord, den ich als Falldarstellung an einem Studentenunterricht präsentiert habe. Während ich den Studentinnen und Studenten den Fall schilderte, lief plötzlich im Hintergrund der ganze Romanplot in meinem Kopf ab, wie in einem Film. Mehr dazu möchte ich nicht sagen, da ich nicht in eine Situation der Arztgeheimnisverletzung geraten möchte.
Das Städtchen mit dem Namen einer Heiligen in Ligurien @ Evelina Jecker Lambreva
In Deinem Roman geht es viel um Macht. Paolo Privoli kompensiert die Machtlosigkeit, die ihn als Kind ins Abseits drängte mit der Sehnsucht, Macht auszuüben. Macht ist ein grosser Antrieb, der in Politik und Wirtschaft aber allzuoft, hauptsächlich von Männern, zu Katastrophen führt. Geniessen die Schriftstellerin die „Macht“ über ihre Leserschaft? Ich habe nicht das Bewusstsein, Macht in irgendeiner Form auf die Leserschaft auszuüben. Wenn ich über Macht schreibe, dann ist das, weil mich Macht interessiert, insofern sie fast immer als unbewusster Kompensationsversuch von in der Kindheit erlebter Ohnmacht auftritt. Die Ohnmacht eines Kindes bewegt mich zutiefst, und was später im Verlauf des Lebens aus dieser Ohnmacht entstehen kann – diese Frage entzündet meine künstlerische Fantasie enorm. Wie sich aus einem ohnmächtigen, systematischer Gewalt ausgelieferten Kind später eine Ärztin, eine Schriftstellerin, eine Mörderin oder eine Rechtsextremistin entwickelt, das ist die Frage, die mich in meinen Texten beschäftigt. Denn das ist und bleibt für mich eines der grossen Geheimnisse des Lebens: Wieso machen psychische Traumata von in der Kindheit erlebter physischer und/oder psychischer Gewalt manche Menschen krank und (selbst)zerstörerisch, andere zu autoritären Herrschern oder gar zu monströsen Diktatoren, und andere wiederum zu hochbegabten Künstlerinnen und Künstlern, sowie zu hervorragenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dieses Geheimnis, so denke ich, wird wohl nie von der Wissenschaft gelüftet werden.
Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Ihr literarisches Schaffen in deutscher Sprache begründete sie mit dem Gedichtband «Niemandes Spiegel» sowie den Erzählbänden «Unerwartet» und «Bulgarischer Reigen». Bei Braumüller erschienen: «Vaters Land» (2014) «Nicht mehr» (2016) «Entscheidung» (2019) und «Im Namen des Kindes» (2022)
„Hermelin auf Bänken“ ist ein vollkommen atypischer Roman. Ohne Ausrichtung auf einen Plott, ohne spektakuläre Handlung, ein Manifest für die Langsamkeit, das Mäandern, das Nachdenken, das Spazieren – und das Sitzenbleiben. Patrick Holzapfels literarisches Debüt entzückt all jene, denen Sprache viel mehr ist als Trägerin einer Information.
Waren sie schon in Wien? Oder leben sie gar dort? Sitzen sie zuweilen auf einer Bank in dieser grossen, alten Stadt, an einem öffentlichen Ort? Tun sie es, um Zeit zu überbrücken? Einen kurzen Moment innezuhalten? Oder tatsächlich bloss sitzend? Patrick Holzapfel muss stundenlang auf Bänken in Wien gesessen haben. Aber nicht bloss, um nachzudenken, sondern um in jenen Momenten des Sitzens ein anderes Leben zu führen; das Leben eines Bankers, eines Bankiers, eines Sitzengebliebenen, eines Schauenden, eines Nachsinnenden.
Der Erzähler ist eigentlich Student. Auf seinen Gängen durch die Stadt begegnet er einem Sandler, einem Obdachlosen, einem Mann mit einem langen Hermelinmantel, sitzend auf einer Bank. Er setzt sich neben ihn und beginnt ein Gespräch. Der Mann neben ihm ist so gar nicht das, was Bettler sonst repräsentieren. Der Mann neben ihm sitzt in der Haltung eines Königs, mit Blick auf ein Schaufester eines Lampengeschäfts. Es ist die Haltung des Mannes, der Blick, der nicht nach aussen zu schauen scheint, sondern darüber hinaus, weit darüber hinaus. Aber vielleicht auch hinein. Es ist die Dauer des Sitzens, weil es nicht einfach eine Pause ist, viel mehr als ein Innehalten, vielleicht eine Haltung, eine Form des Lebens.
Der Erzähler verliert den Hermelinkönig aus den Augen, aber nicht seine Sehnsucht, die mit dem Erscheinen jener Gestalt mit einem Mal aufgeploppt ist. Dieses Gefühl, mit dem Sitzen dem dauernden Gerenne etwas entgegenzusetzen. Er macht sich mit Sitzen auf einen Weg. Er sitzt auf den Bänken Wiens und wird zum Bankier, im Wunsch nachdenken zu wollen – oder eben gerade nicht. „Hermelin auf Bänken“ ist ein Suchbuch. Er sucht nach dem Sinn seines Lebens, er sucht nach einem Weg durch das Dickicht des Lebens, nach einem Weg hinein in eine Trauer, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Trauer über den Tod seiner Mutter.
Ich flaniere sitzend. Ich bin ein Müssigsitzer.
Patrick Holzapfel «Hermelin auf Bänken», Rohstoff, 2024, 166 Seiten, CHF ca. 16.90, ISBN 978-3-7518-7025-2
Er spaziert in der Stadt und bleibt sitzen. Oft stundenlang, manchmal gar über Nacht, schlafend. Er sitzt und beobachtet. Er sitzt und sucht mit diesem Blick, den er beim Hermelinkönig zu erkennen glaubte. Manchmal ist es der Blick in die Szenerie. So wie bei jener Bank im Park, mit Blick auf ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt. Einem Mädchen, dass über die Kante eines Buches schaut und den Raum zwischen ihr und ihm zu elektrisieren scheint. Oder hin zu einem Mann, den er reflexartig als den Schriftsteller Thomas Bernhard zu erkennen glaubt, obwohl ihn die Vernunft eines Besseren mahnt. Ein Mann, etwas kränklich und griessgrämig im Gesicht, der mit den selben Gesten des Schriftstellers auf der Bank ganz in der Nähe sitzt.
Seit ich auf Bänken sitze, fällt mir das allgemeine Treiben, das ziellose Kommen und Gehen der Masse umso stärker auf.
Manchmal noch trifft er Prince, seinen Studienfreund. Immer seltener, denn sein Freund ist eingespannt in Pflichten, seinem Studium, Beziehungen. Manchmal pilgert er an die Nische mit der Urne seiner Mutter, spricht mit ihr, erinnert sich. Manchmal hofft er auf ein Wiedersehen mit dem Hermelinkönig. Und manchmal konfrontiert ihn ein Stück fremdes Leben mit dem eigenen. So wie die Begegnung mit dem Besitzer jenes Lampengeschäfts, vor dem er den Hermelinkönig angetroffen hatte. Eine Begegnung, die ihm bewusst macht, wie schnell sich Erinnerungen, wie schnell sich ein Leben in Luft auflöst.
„Hermelin auf Bänken“ sind Erkundungen ins Zwischenreich. Sitzortbestimmungen. Unterbrochen sind die Betrachtungen, Erinnerungen, Schilderungen und Gedanken des Erzählers mit der Verortung der jeweiligen Bänke; Ort und Lage, Aussehen, Beschaffenheit und Dauer des Sitzens. Aber die Qualität dieses Romans liegt nicht in erster Linie in seiner Originalität, sondern in seiner Sprache, diesem unaufgeregten Sinnieren, Memorieren, Denken und Hineinhören. „Hermelin auf Bänken“ liest sich wie eine Meditation. „Hermelin auf Bänken“ streichelt meine gebeutelte Seele, ermuntert mich, das Müssigsitzen zurückzuerobern.
Der Spaziergänger Robert Walser hätte seine helle Freude gehabt!
Patrik Holzapfel ist mit «Hermelin auf Bänken» Gast am 29. Internationalen Literaturfestival in Leukerbad. Er spaziert zusammen mit Meral Kureishi mit an der Literarischen Wanderung am Donnerstag und liest am Freitag und Samstag aus seinem Roman.
Patrick Holzapfel, Autor, Kurator, Filmemacher und Filmkritiker wurde 1989 in Augsburg geboren und zog für sein Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften nach Wien. Als selbstbezeichneter Cineast gründete er den Blog Jugend ohne Film. Doch das Schreiben über Filme reichte dem Wahlwiener bald nicht mehr. Bevor er sein Romandebüt präsentierte, trat Holzapfel mit Spoken-Word-Texten auf – für den Text Gurgelgeräusche wurde er 2022 beim open mike, dem wichtigsten deutschsprachigen Nachwuchswettbewerb für Lyrik und Prosa, zum Gewinner gekürt.