Ruth Loosli «Mojas Stimmen», Caracol

Wenn eine Familie auseinanderzubrechen droht. Ruth Looslis Debüt beschreibt den schmalen Grat zwischen Selbstzerstörung und Verzweiflung all jenem gegenüber, das einem aus der Hand genommen wird. Die Geschichte einer Mutter und ihrer Tochter, die sich wie ein Doppelgestirn aus der Gravitation des Normalen entfernt.

Moja schien das Leben im Griff zu haben, machte Matura, ging in einem Zwischenjahr auf Reisen und begann danach ein Studium, das sie wohl abbrach aber nichts desto trotz einen sicheren Stand als Pflegehelferin in einem Heim fand. Dass sie mit dreizehn ihren Vater durch einen Unfall verlor, ihre Mutter damals eine Auszeit nehmen musste und Moja bei Nachbarn unterbrachte, dass sich Moja damals mit Canabis zu trösten begann, schien alles überwunden. Bis es Moja eines Morgens nicht mehr schaffte, ihre Wohnung zu verlassen. Bis sie sich krank schreiben liess. Bis sie sämtliche Kontakte sausen liess, bis auf jene zu ihrer Mutter Paula und ihrem Bruder Jonas.

Ruth Loosli «Mojas Stimmen», Caracol, 2021, 224 Seiten, CHF 24.90, ISBN 978-3-907296-05-9

Paula und ihre Tochter Moja wohnen in der gleichen Stadt. Was anfänglich wie eine Krise aussieht, etwas, aus dem man sich selbst am Schopf herausziehen kann, etwas, das wie eine lang andauernde Dürre irgendwann vorbei sein muss, schiebt sich immer mehr in eine Sphäre, die sich jedem Zugriff, jeder Beeinflussung, jeder Hilfe verweigert. So schwer es für die 25jährige Moja wird, sich in ihrem Leben zurechtzufinden, eine Ordnung zu finden, Halt und Struktur, so schwer ist es für ihre Mutter Paula, die nicht akzeptieren will und kann, dass ein Problem sich jeder Lösung entzieht, dass man nicht in die Hände spucken und die Sache angehen kann, dass man akzeptieren soll, was aus der Distanz unweigerlich an einem Abgrund zu stehen scheint, unmittelbar vor der Vervielfachung einer schwelenden Katastrophe.

Moja hört Stimmen, verschiedene Stimmen. Stimmen, die viel mehr zu zählen scheinen als ihre eigene und die ihrer Mutter. Stimmen, die Moja immer mehr von der Welt abkoppeln, in denen sie sich verliert. Moja schliesst sich in ihrem Zuhause ein. Selbst die Kontakte zu ihrer Mutter und ihrem Bruder, die die einzigen geblieben sind, denen sie sich phasenweise öffnen kann, unterbindet sie immer öfters. Sie zahlt keine Rechnungen mehr, die Versicherungen verweigern weitere Unterstützung, der Kühlschrank bleibt leer, Kleider bleiben in der Wohnung liegen und Anrufe und Mitteilungen auf dem Mobilphone unbeantwortet. Nur die Glimmstängel scheinen die einzige Form von Wärme zu sein, die sie zulässt, die ihre Leere wärmen.

Irgendwann wird die Not so gross, dass der einzige Ausweg darin besteht, Moja in eine staatliche Institution einzuweisen, der sie sich aber nur widerwillig ergibt und letztlich nur eine Verschnaufpause für die gebeutelte Mutter bedeutet. Ein kleiner Funken Hoffnung, eine Spur Perspektive, auch wenn sich Paulas Tochter jeder Annäherung durch das Pflegepersonal verschliesst, ausgerechnet sie, die doch auch einmal als Pflegende in einem Heim arbeitete.

Ruth Loosli leuchtet auf beeindruckende Weise hinein in eine Welt, die von der Diagnose Schizophrenie dominiert wird, von der Einsicht, dass nicht klar ist, was zum Ausbruch einer solchen Krankheit führt und wie der Weg aus dem Labyrinth dieser Krankheit zu finden ist. Wie einem als Mutter die Hände gebunden sind, wie sehr man versucht ist, die Fehler bei sich selbst zu suchen. Wie diese Krankheit alles dominiert und einem aus der gewohnten Umlaufbahn zu katapultieren droht. Wie die Sehnsucht nach Nähe und der Wunsch doch nur helfen zu wollen, alles in ein klebriges Loch stösst, aus dem weder Tochter noch Mutter aus eigener Kraft herausfinden.

„Mojas Stimmen“ ist ein durchaus gewagter Roman über Themen, die durch zu viel Nähe und Emotionalität schnell abgleiten könnten. Aber Ruth Loosli gelingt es, sich schreibend in eine sprachliche Nähe zu bringen, die wohl viel Emotionalität zulässt, aber immer jenen erzählerischen Abstand wahrt, den es braucht, um den Erzählsog von aussen zu erzeugen. „Mojas Stimmen“ ist eine starke Stimme! Ein Stimme, die sich bis in die eingefügten Schreibbilder der Autorin manifestiert!

Interview

Auf dem Titelbild deines Romans steht eine Steinfigur am Ufer eines Bachs. Stein ist fest, der Untergrund ist fest. Und doch braucht es nur einen Schups von aussen und alles zerfällt. Von allein richtet sich die Figur niemals mehr auf. Beginnt nicht genau dort die Krux vieler Krankheiten der Psyche?
Vielleicht müsste man sich aber auch fragen, ob der vermeintlich feste Untergrund nicht vielleicht doch Risse hat, ob die feste Schicht zu dünn ist, um längerfristig zu tragen. Dasselbe bei der Figur: Jeder Stein für sich ist zwar fest, aber dort, wo die Steine aufeinandergestellt werden, zittert man unwillkürlich ein bisschen. Nichts hält sie aufeinander als ein sorgfältig geprüftes Gleichgewicht, das jederzeit – von einem leichten Beben – einem stärkeren Wind, gestört werden kann. Tatsächlich wird sich die Figur, einmal zerfallen, nicht mehr von alleine aufrichten. Ob das Bild dann aber für die Krankheiten der Psyche zu verwenden ist? Würde man die psychischen Krankheiten vermehrt als «seelische Krise» bezeichnen, wäre im Wort «Crisis» auch der «Wendepunkt» zu erkennen. Und darin vielleicht die berühmte «Chance» – aber tatsächlich braucht es manchmal Jahre, um wieder neuen Boden zu finden oder ein Leben geht zu Ende, weil eine Krise, ein schwankender Boden nicht auszuhalten ist.

Paula will ihrer Tochter bloss helfen. Etwas, was man als Mutter oder Vater meistens noch kann, wenn die Kinder noch zuhause in der Verantwortung der Eltern stehen. Ein Wunsch, der unmöglich und selbstzerstörerisch werden kann, wenn die Kinder erwachsen, selbstbestimmt (oder auch fremdbestimmt) sind. Kann Mutter – oder Vaterliebe zerstören?
Persönlich würde ich das eher verneinen. Aber aus Fallbeispielen, aus Filmen und auch aus der Literatur wissen wir, dass elterliche Liebe zerstörerische Züge haben kann. Dann aber zerstört der betroffene Elternteil in der Regel auch sich selbst, in letzter Konsequenz.

Alles in unserem Leben muss funktionieren. Paula ist kurz vor 60. Sie muss funktionieren. Moja ist 25, hat eine Wohnung, einen Job. Sie muss funktionieren. Jonas, Mojas älterer Bruder, funktioniert. Bis alles zu kippen droht. Ist Schreiben der Versuch, eine Ordnung in das drohende Chaos des Lebens zu bringen?
Ja, ich finde jede schöpferische Tätigkeit trägt diesen Versuch, Ordnung zu schaffen in sich. Das kann auch bedeuten, eine Wand neu zu streichen, ein Bild zu malen, zu singen, ein Gartenbeet bepflanzen. Mein Schreiben hat auf jeden Fall damit zu tun, die Übersicht über mein Leben behalten zu wollen. Einige Dinge und Begebenheiten zu verstehen, zumindest im Rückblick. Denn Schreiben ist immer auch Nachdenken über sich selbst, häufig im Spiegel der anderen, der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch in meinen Gedichten ist dieses Verstehen und Ordnen wollen bestimmt erkennbar.

Eine typisch mütterliche Reaktion auf Lebenskrisen der Kinder ist die Suche nach eigenen Versäumnissen, nach Fehlern in der Erziehung, dem eigenen Versagen. Man mache als Vater oder Mutter täglich 10 Fehler meint eine Studie. Leiden wir unter einer fehlgeleiteten Fehlerkultur?
Das kann man sicher so sehen. Ich bin selber auch so erzogen worden und aufgewachsen. Fehler gab es zuhauf, Lob und Anerkennung selten. Es braucht eine Balance von Beidem. Grundsätzlich ist eine wertschätzende Haltung, die Fehler akzeptiert, analysiert, aber nicht hervorhebt, eine wahre Förderung von Lebendigkeit und einem gesunden Vertrauen in sich und das Leben. Deshalb ist die Begleitung von Kindern so wichtig. Aber auch eine verzeihende Haltung sich selbst gegenüber, wenn man erwachsen ist und vielleicht selber auch erwachsene Kinder hat, die ihren eigenen Weg finden müssen.

„Ich bin sprachlos. Ich kann es nicht fassen“, sagt Paula, als eine Nachbarin von ihrem Schicksal erzählt. Ist das der Unterschied zur Literatur, die nie sprachlos wird? Literatur ist Aufbruch.
Wird Literatur nie sprachlos? Du meinst, nur weil der Literatur die Sprache als Material zur Verfügung steht, kann sie gar nicht sprachlos werden? Ein interessanter Gedanke. Dass Literatur Aufbruch bedeuten kann, dem stimme ich gerne und ohne Widerrede zu. 

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Weiter ist 2016 der Lyrikband «Berge falten» im selben Verlag erschienen. 2019 veröffentlichte der Waldgut Verlag den Lyrikband «Hungrige Tastatur».

Lyrik von Ruth Loosli auf der Plattform Gegenzauber

Webseite der Autorin 

Beitragsbild © Vanessa Püntener

Ruth Loosli «Hungrige Tastatur», Waldgut

Ruth Loosli ist eine Streiterin für das Wort, oft unterwegs, viel im Gespräch, immer mit spitzem Stift und kleinem Büchlein. Vor ein paar Jahren lud ich sie einmal ganz spontan zu einer Krimilesung in einer Buchhandlung in Winterthur ein. Ich sah sie am Schaufenster vorbeigehen, kurz stehen bleiben. Aber weil das Buch sie dann doch nicht zu fesseln vermochte, sass sie vor mir mit Stift und Büchlein und begann zu schreiben. Als wäre es hilfreich im Kampf gegen etwas, was ihr nicht gefällt. Als wäre Sprache, Schrift und Schreiben Schild und Speer, mit denen sie sich gegen das zur Wehr setzt, womit die Welt sie attackiert.

Gespräch mit Dichtung:

In einem ihrer Gedichte steht am Anfang:
Die Gedichte ruhen.
Sie sind Handläufe
die unserer Melancholie
schmeicheln und sie
hinunter auf die Strasse
begleiten.

Gibt dir das Schreiben Halt, eine Richtung? Braucht es das Schreiben und ganz besonders Gedichte, um eine immer schwerer zu lesende Gegenwart verständlicher zu machen? Gedichte als Kontrapunkt zu Fakten, denen man dann doch nicht trauen kann?

Das Dichten an sich, dem oft eine innere Aufmerksamkeit vorangeht, ein absolut konzentrierter Moment (wie der Moment, wenn ein Bogen gespannt wird) gibt mir Halt. Es ist meine Art, der Welt zu begegnen. Und auch meiner eigenen Alchemie, die immer wieder für Überraschungen sorgt, für Unsicherheit, für ein Ausbrechen ausgetretener Denkpfade. Überhaupt scheint der Verstand der heutigen Menschen ein Verzerrer zu sein und jeder will für sich in Anspruch nehmen, die Art, wie er die Welt sieht, sei die richtige. 

Das erscheint mir lächerlich. Wir sehen täglich, in welche Sackgassen uns dieses Denken führt. Natürlich muss man die Dinge ordnen können, aber sie auf schwarz-weiss hinunter brechen zerstört uns als Menschengemeinschaft und unsere Umwelt. 

Wenn dann noch ein Gedicht entsteht in meinem Alltag, ist das Glück. Das Glück, einer Wahrnehmung, einem Moment Gestalt zu geben. In Form von Worten. Andere machen es mit einem Bild, einer Melodie. Und ich habe mich dem Dichten anvertraut als Handlauf meiner Gegenwart. 

Gerne weniger

an Gier
an Verlust an
Land an
Hunger an
Ohnmacht an
Rattengift an
Rampenlicht an
enger Sicht an
Hass an
Blindheit und
geschundener
Kindheit
(denn dort werden
die Weichen gestellt)

Man spürt die Leidenschaft, als nähmst du ein Messer in die Hand. Wenn dein Schreiben filetiert, aufschneidet, zusticht. Und doch ist da auch der grosse Hang zur Versöhnung, Umarmung, der Wunsch, den unlauteren Leidenschaften die Macht zu nehmen. Manchmal drückt Wut und Verzweiflung, manchmal das Wissen, dass nur das Kleine, Feine in eignen Händen liegt. Und wenn ich in meiner Lesart der Flüchtigkeit von Momenten bewusst werde, dann in Sätzen wie: «Sag es, ich halt dagegen an: die Luft!» Hat das Schreiben von Gedichten dein Sehen verändert?

Es war und ist ein Prozess und läuft immer auch parallel: ich schaue genau, weil ich Gedichte schreibe. Weil ich verstehen will. Weil ich mein Sehen und genaues Erfassen erweitern will. Das Gedicht ist dann eine logische Folge davon. Funktioniert aber auch umgekehrt, es beeinflusst und bedingt sich wechselseitig. 

Zweifel

Die mongolische Hochzeit
findet in der Bretagne statt

das Brautpaar wechselt dreimal
die Kleidung von weiss zu blau zu rot.

Der Abend schreitet fort
und mit ihm das Paar.

Sie trauen der Zeit nicht
obwohl sie einander einen Ring

an den Finger gesteckt haben.

Es liegt ein grosses Staunen in den Gedichten, gepaart mit der Bescheidenheit, die mit dem Mut kämpft, mit der Bescheidenheit, die sich im Hintergrund lässt. Die weiss, dass nur zu gewinnen ist, was man sich mit Sprache verinnerlicht.
Du bist viel unterwegs, im Zug, zu Fuss, mit den Augen, mit deinem Herz – aber auch in den sozialen Medien. Wo stolpert Ruth Loosli?

Welche Frage! Ruth Loosli stolpert immer wieder. Unbedarft. Ungeschützt und manchmal über sich selber. Über minimale Erhebungen, die ich zu spät erkannte, weil zu schnell unterwegs. Ja, manchmal will ich zu schnell an einem anderen Ort sein. Weil genau dort ein Gedicht auf mich warten könnte. Ein Gespräch, eine Idee, ein offener Himmel. Die Bewegung ist zentral für mich. Durch Bewegung und Unterwegs-Sein fühle ich mich lebendig. Und manchmal stolpere ich in ein Fettnäpfchen, weil es mir schwer fällt, Konventionen einzuhalten. Öfter noch stolpere ich in mein Schweigen, das sich als Fallgrube erweisen kann. Da hilft dann nur noch ein Gedicht. Fremd oder eigen unwichtig. 

Ertrinken

Ich könnte ertrinken
in meiner Zeit
sie schwappt über wie kochende
Milch über den Pfannenrand
beginnt zu zischen und
gleich danach zu stinken wie es
übergekochter Mich eigen ist
wenn sie die heiße Fläche berührt.

Auch ein bisschen die Angst darüber, was man mit dem «Sehen durch Schreiben» bei sich selber anrichten könnte? Schreiben ist ja nicht nur ein selig machender Prozess, ein nur glückliches Tun. Manchmal droht die Büchse der Pandora.

Ja, die Büchse der Pandora. Das Stinken von übergekochter Milch, wenn sie eine heisse Fläche berührt. Sie hat mit dem Schreiben selbst wenig zu tun (aber auch und gerade das kann man wiederum ganz anders sehen und begründen). Das Schreiben scheint mir eine der wenigen Möglichkeiten, das Stinken zu beschreiben, damit wir es wenigstens als Solches erkennen. Den schlechten Träumen die Stirn zu bieten. Die luftigen, leichten willkommen zu heissen. Die Träume sind mir wichtige Hinweise. Und manchmal scheint mir das ganze Leben mit Wort und Zahl ein einzig listiger Traum. 

© Anne Bürgisser

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. In derselben Reihe erschien 2016 der Lyrikband «Berge falten». «Hungrige Tastatur» ist ihre erste Publikation im Waldgut Verlag.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ruth Loosli (Schreibbilder)

Schreibmaschinen haben keine Korrekturtaste – wie das Leben! Der Literaturdienst

Neben 15 eingeladenen Autorinnen und Autoren zum «Lauschig – Minifestival» in der Stadtgärtnerei Büel in Winterthur sass auch eine Handvoll Autorinnen und Autoren an einem Festtisch hinter Schreibmaschinen und hämmerte auf Wunsch der BesucherInnen Texte in die antiken Maschinen, mit Kohlepapier durchgeschlagen, eins zum Mitnehmen, eins fürs Literaturdienst-Archiv, in dem schon mehr als 1000 Texte widerspiegeln, was Menschen beschäftigt.

Wenn getippt wird, sei es auf einer Olivetti oder Hermes Baby, werden Erinnerungen wach, als wären die Tastenschläge Codes aus einer längst vergangenen Zeit. Jeder Buchstabe gräbt sich ins Papier. Schrift ist eine Spur von links nach rechts, aufgetragene Farbe, mit Kohlepapier verdoppelt. Getaktete Sprache.

Ich bat Julia Weber um einen Brief an ihr zweites Kind, mit dem sie hochschwanger hinter der Schreibmaschine sitzt:

Wer seinen Text abholt, legt einen Geldschein in einen Topf. «Für die Flüchtlingsarbeit», verrät Julia Weber. Seit Julia Weber, Autorin des Romans «Immer ist alles schön» (2017 nominiert für den Schweizer Buchpreis) und Gianna Molinari Autorin des Romans «Hier ist alles möglich» (2018 ebenfalls nominiert für den Schweizer Buchpreis) die Idee zum Projekt machten, haben eine ganze Reihe anderer für den «Literaturdienst» mitgeschrieben: am «Lauschig – Minfestival» in Winterthur neben Julia Weber auch Nathalie Schmid, Michael Hugentobler und die umtriebige Lyrikerin Ruth Loosli, einen Tag nach dem landesweiten Frauenstreik, einen Tag vor ihre sechzigsten Geburtstag.

Von Ruth Loosli wollte ich ein «Dystopie», einen Text über einen Männerstreik in 100 Jahren. Anmerkung: Schreibmaschinen haben keine Korrekturtaste, so wie das richtige Leben!

Zum Text gehört folgendes Gedicht von Ruth Loosli:

An die Herren mit den
Millionengehältern

Bedenkt
Wenn es sich zerreißen wird
ist die Zerreißprobe erfüllt.

Wir lösen euch ab
Krawatten von Hand gewaschene
Hemden, all das ist vorbei. Ich sah ihre
vom Waschen geröteten Hände
ihre aufgerauhte Haut.
Es ist genug gewaschen worden. Over.

Julia Weber: «Ich mache Literatur jeden Anlass. Ich schreibe Porträts, Dokumentationen, Geschichten. Sofort und vor Ort und auf der Schreibmaschine und schön. Ich komme mit meiner Schreibmaschine …, setze mich in eine Ecke und schreibe. Ich schreibe Texte für Sie, es sind Unikate und Kunstobjekte, wunderbare Erinnerungen. Ich komme an  Vernissagen, Familienfeiern, an Festivals, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Firmenfeiern, Plattentaufen und so weiter. Ich schreibe literarische Porträts der Gäste, mache eine literarische Dokumentation der Ausstellung, verfasse Gedichte, Briefe und Geschichten für alle. Man kann mir zuschauen und mit mir reden. Ich bin auch nett.»

zum Webauftritt des Literaturdiensts

Webseite Ruth Loosli

Ruth Loosli «Da könnte man alles abstreifen», Gedichte

Ruth Loosli ist erfüllt von Sprache, beseelt von Lyrik, die jene Freundlichkeit und Nähe ausstrahlt, mit der die Autorin jedem Gegenüber begegnet. Kein Wunder kann die Lyrikerin, die seit zwei Jahrzehnten in der Stadt Winterthur wohnt und wirkt, einen bis auf den letzten Platz besetzten Veranstaltungsraum ausfüllen und den Funken springen lassen.

Und

und man zählt die Jahre
an den Fingern ab als
hätte man davon zweimal
mehr als genug.

Und geht dem Rätsel nach
was Zeit bedeutet und
Verstand und Übermut.

Ruth Loosli ist eine Alchemistin der Sprache, die mit ihren Texten zünden und klingen kann. Von der Poesie Eugen Gomringers begeistert und bewegt spürt sie Momenten nach, Augenblicken, Aufgelesenem und Aufgeschnappten, das sie in sprachliche Ekstase bringen kann. Ein Ergriffen-werden und -sein, das sie umtreibt, manchmal nur mit dem Mobilphone «bewaffnet», in das sie spricht und Sprache zum Ein-druck macht.

Für Heba Khalifa (Villa Sträuli 2017)

Sitzt eine Frau
Denkt nach
Sieht ihr Kind
Steht auf
Arbeitet
Spricht mit Menschen
Macht Bilder
Näht sich zusammen
Nicht merkt jemand
Sie schreit
Blut
Das Kind kommt
Das Kind schaut
Es legt die Hand
Die erschrockene
Auf die Wunde
Die Wunde schließt
Die Augen

(Die Ägypterin Heba Khalifa ist Fotografin und bildende Künstlerin.)

Die Lyrik ist ihr Mittel, ihr Instrument, ihre Stimme, sich ins Leben, in die Gesellschaft und in die Politik einzumischen. Ruth Loosli, die mit jedem Gedicht, jedem Text, jedem «Gekritzel» Dankbarkeit ausstrahlt. Eine Frau, die retten will; die Welt, einen vergessenen Gott, den Menschen, ihre Träume und sich selbst.

Da

1
Da saß ich mit meiner Tochter
Da saß ich mit meinem Sohn
Da saß ich mit meinem Mann

Da wurde frühmorgens ein Sarg
hinaus getragen in den Camion
geschoben mit der Aufschrift:
Nur träumen müssen Sie selbst.

2

Da
könnte man alles abstreifen
Kleider
Augenlicht
Haut

Man wäre in einer wetterfreien
Zone, Husten fiele weg, auch das
Zeichen an der Wand, allerdings auch
das Blau der Kornblume und der Ruf
von Amsel, Buchfink, welche hierzulande
noch zu hören sind. Zu erwähnen den Flug
der Milane das Zusammenziehen der Wolken.
Den einsetzenden Regen.
Den Verstand mit seinem Wollen.
Bliebe Bewusstsein?
Das ist die große Frage über die wir noch nicht
hinaus schauen.

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Aktuell ist in derselben Reihe im Frühling 2016 der Lyrikband «Berge falten» erschienen.

Beitragsfoto: Sandra Kottonau

Ruth Loosli „Sonntag mit Klee und Sanne“, Gedichte

Allerheiligen

Falls die Toten
toter sind als
angenommen

schlagen die
Krähen lauter mit
ihren Flügeln

und krächzen
heiserer als
erlaubt ist.

 

Ein Mittwoch

Hier stand ein Zug
Und hier ein Haus

Hier wühlen ganz gewöhnliche
Gedanken.

Und da sticht die Forschung
in die Nervenstränge.

Hier stehen Bauarbeiter
mit ihren Helmen

Und begraben ihre eigene
Mahlzeit.

 

Beim Aufstehen im Restaurant

Nachschauen ob Zähne im Mund
Mantel auf Leib
Herz am rechten Fleck.

11.12.2017

 

Das Glück

ist ein gefräßiges Tier.
Es schlägt seine Krallen in meinen
Kopf und vergräbt sich lustvoll in den
Synapsen.
Dann liege ich lange wach und warte auf
den Morgen.

 

Sonntag mit Klee und Sanne

Ein ‚und‘ im Hund
damit er bellt
gefällt.

 

Sonntag mit Klee II

Es hat sich gelohnt
den Mond im Kalb
zu halbieren

und ihn um die Leber
zu drapieren.

 

Man könnte sich

man könnte sich
und den Hunger meiden
und auch das Wild
das sich so nah an die Häuser
traut

so nah an den Häusern
die Stimmen eines Hungers
man könnte sich
meinen mit dem Wild
im Bauch
das sich
so heftig
staut.

 

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Aktuell ist in derselben Reihe im Frühling 2016 der Lyrikband «Berge falten» erschienen.

Titelfoto: Anne Bürgisser

Ruth Loosli «Berge falten», Gedichte, Wolfbach

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Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist, lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband „Aber die Häuser stehen noch“ erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 Wila, Geschichten; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Neu erscheint jetzt im Frühling wieder im Wolfbach Verlag «Berge falten» (DIE REIHE, Bd. 35), feine Prosaminiaturen und Gedichte, fast durchscheinend, kurz und prägnant.

Der Wind streut mir Sand
in die Augen ich wechsle meine
Meinung

Berührung
ich wusste nicht
ob ich meine Hand auf
deinen Rücken legen darf
doch
deine Schulterblätter bejahten
sie liessen sich nach unten fallen
in die Wärme der offenen Handfläche.

Wenn es geregnet hätte
Hätten wir uns klein geredet und
die Schirme aufgespannt
wir hätten unsere Wünsche auf
dem Tablett serviert
uns ein bisschen geniert

Wenn die Fenster offen wären
und irgendwo auch eine Tür
hätten wir geklingelt
und wären eingetreten
in eine andere Geschichte.

Geträumt
Gedichte
hängen
an
transparenten
Fäden
über den Wolken

Am 16. Juni 2016 , um 19 Uhr in der Stadtbibliothek Winterthur: Buchvernissage im Saal Tiefrot.

Webseite der Autorin

Foto: Anne Bürgisser