Lieber Bär, lieber Gallus #SchweizerBuchpreis 23/10

Lieber Gallus

Die kriegerische Eskalation im Nahen Osten, die vielen anderen Kriegsherde auf der Welt und der Klimawandel einerseits, der Nobelpreis für Jon Fosse andererseits beschäftigen und verunsichern mich sehr. Einige Kritiker des diesjährigen Nobelpreises für Literatur bemängeln, Fosses Werk treffe den Zeitgeist nicht, beziehe sich nicht auf aktuelle Fragestellungen.
Hat Literatur eine Aufgabe? Hat Literatur einen Zweck? Kann Literatur beispielsweise zum Frieden beitragen?
2020 las ich mit Begeisterung «Apeirogon» von Colum Mc Cann. Was ist der Sinn dieses Buches voller Hoffnung in Anbetracht der heutigen Gewaltorgien um Israel?
Ich bin überzeugt, dass Literatur jenseits vom Weltgeschehen mir eindrückliche, anregende und tröstliche Erfahrungen ermöglicht, zu denen ich sonst nicht Zugang habe. Deren Sinn ist also für mich unbestritten. Fosses Heptalogie bereichert mein Innenleben und hat einen Tiefgang, eine Entschleunigung, die für unsere Welt gerade heute so wichtig sind. In der Musik vergleichbar mit einer Bruckner Sinfonie.
Wie denkst du darüber?

Sonnige Herbstgrüsse

Bär

***

Lieber Bär

Kunst hat durchaus eine Aufgabe, auch wenn sich diese im Wandel der Zeit veränderte. Ich glaube, dass die Kunst die Aufgabe hat, Fragen zu stellen, unbescheidene, unbequeme, unverschämte, ungefragte. Fragen, die wir uns vielleicht nicht einmal trauen. Dekoration ist keine Kunst. Nett ist nicht Kunst. Aber sobald etwas es schafft, dass mein Innenleben in Schwingung kommt, in Schwingungen, die mich vielleicht sogar trunken machen, dann kann es Kunst sein.

Ich bin nicht der Meinung, dass Kunst ablenken und schon gar nicht bloss unterhalten soll. Klar kann mich ein Buch von vielem ablenken. Aber ich lese es nicht, um der Ablenkung Willen. Wenn SchriftstellerInnen und DichterInnen nur deshalb schreiben, weil sie mich unterhalten und ablenken wollen, bin ich mehr als skeptisch.

Christian Haller rüttelt an unser Vorstellung von Wahrnehmung, Demian Lienhard zeigt, was Opportunismus verursacht, Adam Schwarz konfrontiert mich mit einer düsteren Ahnung, Matthias Zschokke spielt Musik mit Instrumenten, die aus der Zeit gefallen scheinen und Sarah Elena Müller zieht mich mit einem unangenehmen Szenario in eine Welt, die beinah physischen Schmerz auslöst. Aber es sind bei diesen fünf Büchern weit mehr als die Themen, weit mehr als die Fragen, die gestellt und ausgelöst werden. Es ist die Sprache. Christian Haller schrieb mit: «Wenn in der opaken (undurchsichtigen, lichtundurchlässigen) Stoffmasse nach geduldigem Warten ein Prozess der Auskristallisierung beginnt, der das Was des Stoffes in das Wie der sprachlichen Ausformung transformiert, und zu einer Deckungsgleichheit zwischen Was und Wie führt, entsteht gute Literatur.»

Der Vorwurf der Medien, Jon Fosse treffe den Zeitgeist nicht, beziehe sich nicht auf aktuelle Fragestellungen, ist ein Witz. Soll sich ernsthafter Journalismus mit dem Zeitgeist auseinandersetzen, soll sich das Feuilleton den Aktualitäten zuwenden. Das von der Kunst zu fordern, ist kontraproduktiv und hereinnehmend. Die Kunst muss frei sein. Die Kunst gibt sich ihre Aufgabe selbst! Unbedingt.

Liebe Grüsse

Gallus

***

Lieber Gallus

Deine Antwort auf die Frage nach der Aufgabe von Kunst hat mich überzeugt. Fragen zu stellen, auch unbescheidene und unverschämte, ist wichtiger, als einfache Lösungen zu präsentieren. Ein Sprach-Kunstwerk, ein gelungenes Buch zu erschaffen, macht gute Autorinnen und Autoren aus und lässt in Leserinnen und Lesern die unterschiedlichsten Saiten erklingen.

Ich muss weiterhin vom Schweizer Buchpreis abweichen. Meine Seele wurde durch Jon Fosses Heptalogie so stark in Schwingung versetzt, dass ich tatsächlich wort-trunken bin. Im fünften Buch spiegeln sich deine Aussagen über Kunst, wenn Asle in der einsamen kargen Wohnung seinem Hund in die Augen schaut: « so ähneln seine Augen der guten Kunst, denn auch die kann nichts sagen, nicht im eigentlichen Sinne, sie kann nur etwas anderes sagen und muss von dem, was sie eigentlich sagen will, schweigen und so sind Kunst und Glauben und das stumme Begreifen des Hundes ein und dasselbe».  In einem hypnotisierenden Sprachfluss von einzigartiger Schönheit werden unbequeme, das Mensch-Sein ergründende Fragen gestellt. Der Protagonist ist Kunstmaler, seine Gedanken gelten aber auch für die Literatur: «es ist, als ob es irgendwo in mir ein Bild gäbe, mein innerstes Bild, das ich immer und immer wieder hervorzumalen versuche, und je näher ich diesem Bild komme, desto besser wird das Bild, das ich male, aber das innerste Bild ist ja natürlich kein Bild, denn das innerste Bild gibt es nicht, es existiert nur irgendwie, ohne zu existieren, es ist, aber ist nicht»  

Der Leser, die Leserin begibt sich auf die Suche nach dem Sinn unseres Daseins. Hier ist meines Erachtens die Deckungsgleichheit zwischen Was und Wie gelungen und die Sprache in dem Sinn vollendet, wie Christian Haller dir geschrieben hat.

Zurück zum Schweizer Buchpreis muss ich gestehen, dass Demian Lienhards Buch mich nicht begeistert hat. Ich hatte mich auf das Buch gefreut, da ich von «Mr. Goebbels Jazz Band» im 2.Weltkrieg nichts wusste. Irgendwie wurden die Saiten in mir nicht in Schwingung versetzt, ich musste mich durchringen. Die Sprache empfand ich als sperrig und holprig, von den Personen hat mich nur Wilhelm Fröhlich, alias William Joyce gepackt. Die Geschichte dieser Band ist für mich zu farblos, die Ungeheuerlichkeit einer Jazz Band als Propaganda und Ueberlebensmöglichkeit in Einem zu wenig spürbar. Diesem so gut recherchiertem Buch hätte ich etwas mehr Atmosphäre und Musikalität gewünscht.

Vielleicht liegt es daran, dass ich es zwischen zwei Büchern von Fosse gelesen habe?

Trotz meiner Kritik bin ich über die Lektüre von «Mr.Goebbels Jazz Band» froh, da es aufzeigt, was Propaganda mit Menschen machen kann.

Bald wissen wir, wer von den fünf Nominierten den Schweizer Buchpreis erhalten wird. Bis dann freue ich mich auf Lesungen und Begegnungen verschiedenster Art.

Herzliche Grüsse

Bär

Lieber Bär, lieber Gallus #SchweizerBuchpreis 23/07

Lieber Bär

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Mail von einem Stammgast im Literaturhaus Thurgau, „meinem Literaturhaus“. Vorauszuschicken ist, dass ich nur ganz selten schriftliche Reaktionen auf die von mir organisierten Lesungen erhalte. Unter den seltenen finden sich von grossem Zuspruch bis direkter, unverblümter Kritik alles. Das riskiere ich gerne, zumal ich nicht nur die grossen Namen einlade. Aber die Mail letzthin beschäftige mich doch etwas mehr: „Der Stoff … eine super Idee, geradezu kafkaesk, aber die Sprache sehr enttäuschend, auf Niveau Trivialliteratur, also wenig kunstvoll, wenig originell, wenig geistreich. Ist das wirklich gute (hohe) Literatur? Ich habe meine Zweifel.“

Bei den fünf Nominierten bin ich mir sicher, dass sie viel mehr sind als trivial. Auch wenn dahingestellt ist, dass „trivial“ ein schlechter Stempel sein muss. Was macht „hohe“ Literatur aus? Gibt es Anhaltspunkte, woran man gute Literatur erkennt? Ich habe alle Nominierten um ein kurzes Statement gefragt, was für sie „gute Literatur“ ist. Sarah Elena Müller, die Autorin von „Bild ohne Mädchen“, schrieb: „Gute Literatur ist für mich erweiterte Erfahrung, und Erfahrung ist dann wertvoll, wenn sie über das Gute und Schlechte hinausweist, in einen Raum führt, wo Sicherheit nicht durch Kategorien, sondern durch Verschränkung hergestellt wird.“ Ein erstaunliches Statement schon deshalb, weil es weit über formale und sprachliche Massstäbe hinausweist und bewusst macht, wieviel mehr Literatur sein kann und muss, als blosse Unterhaltung.

Sarah Elena Müllers Roman macht ihr Statement mehr als deutlich. Ich mag an diesem Buch die Provokation, sei sie thematisch, inhlatlich oder sprachlich. Der Text knirscht zwischen den Zähnen und will alles andere als flutschen. Aber natürlich gibt es viele Leserinnen und Leser, die sich mit ihrer Lektüre nicht in unsicheres Terrain wagen wollen. Ich erinnere mich an einen Freund, der meinte, er hätte in seiner Freizeit keine Lust, sich mit „fremden“ Problemen herumzuschlagen.

Liebe Grüsse und knirschende Lektüre!

Gallus

***

Lieber Gallus

Apropos «Knirschen» in der Literatur: Dank deinem Besuch in unserer Buchhandlung letzte Woche war und bin ich gerade in grossartiger, sinnlicher und nicht knirschender Literatur unterwegs. 

Dein Tipp Maja Haderlap! Nach eurem Verlassen des Bücherladens hatte ich etwas Zeit und begann «Nachtfrauen» zu lesen, war sofort mit der Protagonistin Mira in Kärnten unterwegs und wurde durch eintretende Kunden arg aufgeschreckt!
Was für eindringliche wortgewaltige Sätze! Diese Literatur macht süchtig! Gut, dass die Autorin nicht jedes Jahr ein Buch schreibt!

«Sie war auf einmal voll Schlaf, in dem verschwommen ihre Kindheit lag, verstellt von den Jahren, die sich dazwischen geschoben hatten. Mira war es, als glitte sie in einen Traum, den sie stets von neuem träumte, in der Hoffnung, dass er endlich aufhörte…. So schnell konnte sie gar nicht denken, wie sie von den Gerüchen und Schattierungen der Kindheitsgegend erfasst und mitgerissen wurde.»

Diese Sätze knirschen nicht, sie duften!

Was zeichnet gute Literatur aus? fragst du. Wie Sarah Müller dir geantwortet hat, geniesse auch ich es, beim Lesen in einen unbekannten Raum, in eine unbegrenzte Zeit geführt zu werden, wo mir Gewagtes, Unerwartetes, Einzigartiges, Schockierendes oder auch Trauriges begegnen. So entstehen eindrückliche Bilder in mir, anstelle von Farben mit Worten gemalt, menschliches Sein in seinen bunten Facetten.

Für mich darf es «Knirschen», wenn es zum Inhalt passt. Ich liebe besonders  sinnliche, duftende, winddurchwehte Texte, Spiegelungen in Raum und Zeit.

Beispiele sind:
«Die Welt, die es noch nicht gibt und die, die in der von Danijel erzählten Geschichte vor unseren Augen entstehen wird, ist von einer Stille vom Himmel zur Erde durchdrungen. In diese Welt kommt eine Geschichte, die auf so festen Fundamenten wie der Erinnerung und der Phantasie eines Kindes beruht.» («Als die Welt entstand» von Drago Jancar)

Und:
«Als der Morgen über der Stadt erwachte, erwachte er tief in den Häusern, und nichts drang bislang heraus auf die Gassen und Plätze. Der Zug stürmte aus der Nacht herbei, und stürzte sich in den entstehenden Tag, rasch wird er den Mittag umfahren und sich in den Nachmittag neigen. Die Strecke zog sich teuflisch hin.» («Die Verweigerung der Wehmut» von Florjan Lipus)

Sprachlich und inhaltlich unterschiedlich ist das für mich Literatur von starker Ausdruckskraft und eigenständigem Charakter. Dies macht meines Erachtens ihre hohe Qualität aus. Sofort entsteht ein unvergleichlicher Raum, eine packende Atmosphäre.
Dies setzt voraus, dass ich ein Buch nicht nur zur Entspannung lese, sondern mich offen auf die Reise zum Kern des Werkes aufmache.

Seit ich als Hausarzt pensioniert bin, kann ich neben der aktuellen Belletristik  auch von mir noch nicht gelesene Klassiker wie «Der grüne Heinrich» (Gottfried Keller) oder «Der Jüngling» (Dostojewskij), um nur zwei Beispiele zu nennen besser geniessen, da ich auch tags lesen kann. 

Nun sind wir vom Schweizer Buchpreis abgekommen, der Auftritt von Demian Lienhards «Mr.Goebbels Jazz Band» muss noch etwas warten, ich bin sehr gespannt, ob dieses Buch fetzt und grooved! 

Ich freue mich auf unsere baldige Begegnung, wo Lyrik uns möglicherweise verwirren und anregen wird!

Herzliche Grüsse

Bär

Lieber Bär, lieber Gallus #SchweizerBuchpreis 23/04

Lieber Bär

Ein Schriftsteller schrieb mir, die Liste der Nominierten zum Schweizer Buchpreis 2023 würde BuchhändlerInnen wohl keine Freude machen. Keine Bestseller, keine grossen Namen, die in aller Munde sind, so wie Martin Suter oder Lukas Bärfuss. Das kann ich nur schwer beurteilen, da ich mich derart tief in der Szene bewege, dass ich längst nicht mehr beurteilen kann, wer es in den Mainstream schafft, was zum Verkaufshit wird. Du hast den norwegischen Grossmeister Jon Fosse erwähnt. Jon Fosse ist ein Fixstern am Literaturhimmel und trotzdem kennt ihn fast niemand, zumindest hierzulande. Sicher findet man seine Bücher kaum in einem Bookshop am Flughafen oder in den Regalen mit den Bestsellern. Aber Verkaufszahlen sind kein Qualitätsmerkmal.

Keine Ahnung ob Lukas Bärfuss oder Martin Suter enttäuscht darüber sind, dass sie nicht auf der Liste der Nominierten zu finden sind. Ich kenne sehr wohl SchriftstellerInnen, die einen schwelenden Schmerz mit sich herumtragen, dass sie noch nie auf dieser Liste erschienen. Aber vielleicht ist das gar nicht die Intension einer Jury, die im Auftrag des Schweizer Buchhandels und Verlagsverbands nach dem „besten Buch“ sucht. Dafür gibt es ganz andere Preise, deren PreisträgerInnenlisten viel schwergewichtiger sind, als die des noch jungen Schweizer Buchpreises.

Aber, um auf die nominierten Bücher zurückzukommen, da ist doch kein Buch auf der Liste der Nominierten, über das man die Stirne runzeln oder gar den Kopf schütteln müsste. „Sich lichtende Nebel“ ist ein philosophisch durchsetztes Sprachkunstwerk, „Mr. Goebbels Jazzband“ ein Sprache gewordenes Musikabenteuer, „Bild ohne Mädchen“ ein tiefgründiger Tauchgang in menschliche Abgründe, „Glitsch“ ein waghalsiges Experiment zwischen Alptraum und fellinischer Fantasie und „Der graue Peter“ eine Sprachperle mit dunklem Glanz.

Du arbeitest an einem Tag in der Woche in einer Buchhandlung. Ist der Schweizer Buchpreis ein laues Lüftchen oder wie stark bläst der Wind? Auch wenn Du in die nähere Vergangenheit schaust.

Liebgruss
Gallus

Schweizer-Buchpreis-Rezension von «Der graue Peter» von Matthias Zschokke erscheint am 24. September!

Lieber Gallus

Ich arbeite in einer kleinen Buchhandlung, und mein Bärenfell wird durch die Nominierten zum Schweizer Buchpreis nicht durcheinandergewirbelt. Der Wind weht aus Erfahrung der letzten Jahre eher lau. Immerhin erwarte ich dieses Jahr eine stärkere Brise, da mich alle fünf Nominierten ansprechen und ich alle fünf Bücher lesen werde (vier davon bereits mit Genuss!). 2022 war die Situation anders, weniger harmonisch.

Sofort mitnehmend und sehr berührend war für mich aktuell «Der graue Peter» von Matthias Zschokke, dies nach der Lektüre von Jon Fosse «Der andere Name», was sich erstaunlich gut angefügt hat. Die Erzählung der Erlebnisse des Mannes  mit dem fehlenden Empfindungschromosom hat in mir tiefe Emotionen und nachhaltige Gedanken ausgelöst. Ein Stern, der auch stark leuchtet am Literaturhimmel. 

Ganz anders «Glitsch» von Adam Schwarz, einem mir bisher unbekannten Erzähltalent. Wenn der Protagonist auf der Suche nach seiner Freundin immer tiefer in das arktische Kreuzfahrtsschiff hinuntersteigt, erleben wir eine hochspannende, tiefgründige Liebesgeschichte und die irrwitzige Absurdität einer Schifffahrtgemeinschaft in einer wunderbar frischen Sprache.

2022 hat Kim de l`Horizon mit seinem Blutbuch mich durch Lektüre und dann die Auszeichnung stark durchgeschüttelt. Ist der Doppelpreis in Anbetracht der anderen, auch nicht nominierten Bücher gerechtfertigt? Auch bei uns wurde das Buch gut verkauft. Von den übrigen Nominierten konnte nur Thomas Hürlimann diesem Preisträger bezüglich Verkauf die Stange halten. Damals wie heute werfen Preise für mich Fragen auf: Welche Bücher sind lesenswert? Was zeichnet gute Literatur aus? Welche AutorInnen sprechen mich an? Welche kann ich wem empfehlen? Eine kleine Buchhandlung braucht natürlich auch Bestseller, um überleben zu können. Neben dem Inhalt sind auch die Ausstattung und besonders das Cover meines Erachtens für den Verkauf wichtig. Das haptische Moment spielt gerade bei den Büchern eine grosse Rolle. 

Trotzdem finden literarisch wertvolle Bücher oft keinen Weg zu einer Leserin, einem Leser. Auch Lyrik ist bezüglich Verkauf bei uns ein Stiefkind. Hat es schon einmal einen Schweizer Buchpreis für einen Gedichtsband gegeben? Immerhin waren bei der Preisträgerin Martina Clavadetscher die «Knochenlieder» dabei.

Die Orientierung unter den unzähligen Neuerscheinungen ist für mich als Senior-Bär im Buchladen ebenso schwierig wie Honig zu finden im Winter. Ich liebe «leise» Autorinnen und Autoren, beispielsweise aus der Schweiz: Lukas Maisel, Anna Ospelt, Leta Semadeni und Urs Faes, um nur einige wenige zu nennen. Bei der Wahl hilft mir dein wunderbar gestaltetes und inhaltlich unschlagbares »literaturblatt» neben den Literaturartikeln in den Medien. Entscheidend sind auch immer wieder persönliche Begegnungen anlässlich von Lesungen und Literaturfestivals.

NB: Neben der Schweizer Literatur interessieren mich seit Jahren Autorinnen und Autoren aus dem Osten, beispielsweise aus der Ukraine, aus Russland, Bulgarien und Rumänien. Darüber vielleicht ein andermal.

Liebe Grüsse

Bär 

********************

Die erste Einsendungen, die mit einer Mail oder über «Kontakt» einen Kommentar (mit Erlaubnis, diesen zu veröffentlichen!) zu «Der graue Peter» von Matthias Zschokke einsendet, bekommt von mir ein signiertes Exemplar des Romans per Post zugesandt. Allerdings brauche ich dafür eine Postanschrift!
Gallus Frei

 

Teebeutel, Weißkohl und Champignons, Mücken, Servietten und Seife, Krähen, Mais und Tomaten, Melde und Giersch – Jan Wagner im Literaturhaus Thurgau

Jan Wagner ist Institution. Jan Wagner ist eine Säule im HeldenInnensaal der deutschsprachigen Lyrik. 1971 in Hamburg geboren scheint sich sein Leben schon im Studium ganz auf die Sprache, auf die Lyrik ausgerichtet zu haben, als wäre es ein Plan des Schicksals gewesen, aus dem jungen Studenten damals dereinst einen grossen Dichter zu machen.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten als freier Schriftsteller, reiht er Buch an Buch, ob Lyrik oder Prosa, Übersetzungen oder Essay, ob als Dichter oder Herausgeber – niemand, dem Lyrik wichtig ist, wird an Jan Wagner in irgend einer Form vorbeikommen.
Spätestens mit seinem Gedichtband „Regentonnenvariationen“, mit dem er 2015 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt und sich viele die Augen rieben, weil da ein Lyriker mit einem Gedichtband den Preis entgegennahm, wo man eigentlich eher Namen von RomanautorInnen erwartet hätte, ist Jan Wagner in den Olymp der Dichter aufgestiegen. Und weil Jan Wagner zwei Jahre danach auch noch den Georg-Büchner-Preis entgegennehmen durfte, den wahrscheinlich bedeutendsten Preis im deutschsprachigen Raum, scheint es für das was kommen kann, keine Grenzen mehr zu geben.

Dass Jan Wagner die Reise nach Gottlieben unter die Räder nahm, freute nicht nur Heike Brandstädter, meine Mitmoderatorin, Literaturwissenschaftlerin aus Konstanz, und mich ausserordentlich. Es ehrt auch das kleine Literaturhaus am Seerhein. Ich bin sicher, dass der Geist Emanuel von Bodmans, der fast 40 Jahre in diesen Mauern wirkte und vor bald 80 Jahren in diesen Mauern starb, irgendwo im Gebälk dieses ehrwürdigen Hauses mit andächtiger Freude dem Mann zuhörte, der uns einen ganzen Strauss seiner Kunst mitgebrachte. Einem Mann, der es in der Elbphilharmonie in Hamburg schaffte, einen ganzen Saal in Bann zu schlagen und uns hier im beschaulich kleinen Gottlieben mit seinen Gedichten beglückte.

Dass das Literaturhaus die Lesung zu dritt bestritt, nämlich zusammen mit Dr. Heike Brandstädter, war nicht zum ersten Mal ein Glücksfall für das Haus. Sie schafft es, die Welt, das Schaffen des Dichters mit klaren Strichen zu skizzieren und in ihren Fragen, die im Gegensatz zu den meinigen, die stets aus dem Bauch gestellt sind, das notwendige Gewicht zu geben.

Als Jan Wagner zu dichten begann, waren seine Gedichte etwas Neues – heute sind sie unverwechselbar. Er lehrte uns die Wahrnehmung der kleinen Dinge – Dinge, die niemand meint, in den Blick nehmen zu müssen: Teebeutel, Weißkohl und Champignons, Mücken, Servietten und Seife, Krähen, Mais und Tomaten, Melde und Giersch. Auch wenn das eine oder das andere in Gedichten anderer Autor*innen vorkommt, nimmt Jan Wagner sich seine Gegenstände doch so konsequent und systematisch vor, dass man von einem Kaleidoskop sprechen könnte: es geht darum, die schöne Form zu sehen, aber auch das Wesenhafte, das Verwandte, das Assoziierte, auch das Widerständige aus dieser Form herauszuschälen.

Hunderte von Gedichten sind auf diese Weise entstanden.
Ob Natur, Personen oder Dinge: Jan Wagners Gedichte sind nicht nur berühmt dafür, etwas minutiös zu destillieren, sondern durch ihre Beschreibung zugleich etwas anderes zur Darstellung zu bringen. Indem er sich vollständig auf seinen Gegenstand einläßt, kann im kleinsten Fall eine faszinierende, poetische Geschichte entstehen, oft aber zugleich eine übergeordnete Idee oder ein zugrunde liegendes Prinzip erscheinen.
In dem Gedicht „Giersch“, also der Beschreibung eines wuchernden Krauts, könnte man zum Beispiel etwas Aufständisches beschrieben finden oder auch das Subversive oder auch das Prinzip jeder Ideologie, insofern sie ausufert und Alleinherrschaft beansprucht. Diese Richtung: vom kleinen Objekt auf eine übergeordnete Idee oder Struktur – genau so herum und nicht anders – ist geradezu ein Motiv seiner Dichtung. In den Worten Jan Wagners: „Wer ansetzt, ein Gedicht über das Thema ‚Freiheit‘ zu schreiben, mag scheitern. Wer sich ganz auf einen fallen gelassenen weißen Handschuh im Rinnstein konzentriert, wird vielleicht ein großartiges Gedicht über die Freiheit zustande bringen.“

Es ist also das Kleine, das Unscheinbare, auch das Abseitige, Fallen-Gelassene, Periphere, das Jan Wagner aufgreift, verfremdet und uns dadurch Großes über Welt und Gesellschaft, über Politisches und Kulturelles, nicht zuletzt über Wahrheit und Schönheit zu erzählen vermag. Aber so schön sie oft sind, seine Klangwunder und Sprachspiele – sie sind nicht stromlinienförmig, idyllisch oder gefällig. Unter der glatten Oberfäche blitzt immer auch etwas Verstörendes, Bissiges, Finsteres auf. Und: sein virtuoses Spiel mit der Sprache hat immer auch einen Gegenpart, nämlich die strenge Form. Gottfried Benn hat einmal gesagt: „..nicht das Inhaltliche, sondern die Form ist das Eigentliche an einem Gedicht.“ Die strengen Formen der Gedichte Jan Wagners stammen aus Antike und Klassik, aus Orient und Okzident: Haiku und Ghasel, Hymne, Ode und Elegie, Anagramm und Sonett. Oft werden diese Formen bereits mit dem Titel verraten: elegie für einen lateinlehrer, requiem für einen friseur, kleiner krähenhymnus, krähenghasele, angel-ode, selbstporträt mit bienenschwarm.

Neben die strengen Formen der Dichtkunst treten mit dem Requiem, dem Porträt auch Formen der Musik und der bildenden Kunst. Ein Gedicht ist dann auch ein Musikstück oder ein Gemälde. Ein wenig furchteinflößend sind sie immer, solche Formen, scheinen sie sich doch an Gebildete zu richten. Aber: Jan Wagner setzt sie mit einem Augenzwinkern, er setzt sie spielerisch ein – und vielleicht wählt er sie sogar, um sie im Spiel zu unterlaufen.

Das Motto für das aktuelle Programm des Literaturhauses Thurgau stammt von Jan Wagner: „Das Wunderbare am Schreiben ist, dass man reisen kann, ohne das Haus verlassen zu müssen.“ Dieses Bonmot kann man in zweifacher Weise abändern, nämlich im Sinne des Lesens wie auch des Vorlesens. Es lautet dann: Das Wunderbare am Lesen wie auch am Vorlesen ist, dass man reisen kann, ohne das Haus verlassen zu müssen. Dr. Heike Brandstädter

«Noch sitze ich auf dem prachtvollen Holzbalkon des Gästezimmers mitten zwischen den Baumkronen, auf dem ich gestern Nacht, rauchte ich noch, stundenlang hätte rauchen mögen, und trinke einen Kaffee, ergänzt durch ein ofenwarmes Gipfeli aus dem hübschen Laden nebenan. Dauerhaft Wärme spendete allerdings Eure Gastfreundschaft, der herzliche Empfang, der von Euch gestaltete und rundum beglückende Abend; ein bißchen von diesem Wärme- und Wohlgefühl hoffe ich gen Norden, nach Berlin retten zu können.» Jan Wagner am Morgen nach der Veranstaltung im Literaturhaus Thurgau

Lesung mit Monika Helfer und ihrem neuen Roman «Die Jungfrau» in der Bodan-Buchhandlung Kreuzlingen

Freitag, 15. September 2023, Beginn 19.30 Uhr

Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, lebt als Schriftstellerin mit ihrem Mann Michael Köhlmeier in Vorarlberg. Sie hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Mit ihrem Roman „Schau mich an, wenn ich mit dir rede“ (2017) war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Für „Die Bagage“ (Roman, 2020) erhielt sie den Schubart-Literaturpreis 2021 der Stadt Aalen. Zuletzt erschienen von ihr bei Hanser die Romane „Vati“ (2021), mit dem sie erneut für den Deutschen Buchpreis nominiert war, und „Löwenherz“ (2022).


„Die Jungfrau“ – Der neue Roman von Monika Helfer
Zwei Jugendfreundinnen – die eine reich, die andere arm. Nach einem halben Jahrhundert begegnen sie sich wieder. Gloria und Moni sind beste Jugendfreundinnen – die eine reich, die andere arm. Ein halbes Jahrhundert später begegnen sich die beiden Frauen wieder und Gloria beichtet ihr Lebensgeheimnis: Nie hat sie mit jemandem geschlafen. Früher kam Gloria immer gut an, war exzentrisch und schön, wollte Schauspielerin werden, war viel unter Menschen. Gloria und Moni wachsen auf im Mief der sechziger Jahre, sind konfrontiert mit Ehe, Enge und Gewalt. Wie wurden die beiden zu denen, die sie sind? Monika Helfer macht aus Lebenserinnerung grosse Literatur. Nach der Trilogie über ihre Familie und Herkunft ist „Die Jungfrau“ ein atemloser Roman über die jahrzehntelange Freundschaft zwischen zwei Frauen.

Lesung in der Buchhandlung Bodan, Kreuzlingen, Freitag, 15. September 2023, Beginn 19.30 Uhr, Moderation Gallus Frei-Tomic, literaturblatt.ch, mit anschliessendem Apéro

Beitragsbild © Minitta Kandlbauer

Über tausend Brücken nach Saigon

Erste Etappe unserer Heimreise. Diesmal nicht wie bei der Hinreise mit dem „Schlafbus“ nachts, jetzt mit Fensterplatz in einem gecharterten Bus, dem man in Europa mit Sicherheit keine Fahrerlaubnis mehr geben würde.

Mag sein, dass Klimaanlage und Motor noch einwandfrei laufen. Aber bei jeder Bodenwelle, von denen es unzählige und heftige gibt, knarzt die Aufhängung, als ob die Achse direkt am Rumpf befestigt wäre. Südvietnam ist ein Land der tausend Brücken. Unzählige Kanäle durchschneiden das Land. Bei kleineren Brücken scheint es, als hätte man eine Betonplatte darüber gelegt und eine Asphaltschicht darauf , mit einer „Rampe“ davor und danach. Jedes Mal muss der Chauffeur bis auf Schritttempo drosseln, damit das schwerfällige Gefährt nicht einknickt.
Für die 300 Kilometer braucht unser Bus mit zwei Stopps mehr als acht Stunden. Dafür sind nicht bloss Brücken und Stossdämpfer verantwortlich. Obwohl die Strassen viel besser sind als ganz im Süden, wo unser Bustaxi zum Teil im Schritttempo über ganze Felder von Schlaglöchern und wassergefüllten Untiefen schaukeln musste, sondern die Verkehrssituation und das Bedürfnis nach Toiletten.
Bei zwei Fahrspuren in einer Richtung gehört die linke ganz aussen den unzähligen Motorrädern, auf den manchmal auch eine vierköpfige Familie mit Hund fährt. Die Spur rechts dem Rest, den noch schnelleren Schlafbussen, den klapprigen Lastwagen, all den grossen und kleinen Taxis und all den „Normalen“. Öffentlichen Verkehr, staatlich organisiert und finanziert, gibt es nicht. Die eine, einspurige Eisenbahnlinie, die aber in Saigon endet! Wer in Vietnam reist, nimmt den Fernbus, wer sich sonst fortbewegt, ein motorisiertes Vehikel. Fahrräder sieht man kaum noch, Fussgänger schon gar nicht.
Einen der Stopps machen wir an einer Busraststätte. Bus an Bus parkiert vor einer riesigen Halle, in der man essen, sich erleichtern und immer auch ein bisschen shoppen kann. Eigentliche Fressmaschinen. Nicht anders als auf Schweizer Autobahnraststätten. Nur die Färbung ist eine ungewohnte.

Weiter geht die Reise. Vom Süden des Südens, der ganz der Fisch- und Meeresfrüchtezucht gehört gen Norden durch ausgedehnte Reisfelder und vor Saigon an Fruchtplantagen vorbei. Raumplanung scheint es keine zu geben, Regeln wie auf der Strasse gerade so viel, dass das System noch nicht zusammenbricht.
Kennen Sie die Grimmmärchen vom reichen und armen Nachbarn? Hier in Vietnam gäbe es die Kulisse dazu. Neben Verhauen aus Blech, Plastik und Palmenblättern stehen irrwitzige Kleinpaläste, weisse Zuckerschlösschen zwischen Disney und Barock. Klar, bei uns zeigt man auch, was man hat. Aber hier treibt es der zu Reichtum Gekommene auf die Spitze. Angesichts der grassierenden Armut nicht weniger dekadent als bei uns, nur schlagender!

Am späten Nachmittag erreichen wir Ho Chi Minh Stadt – Saigon. Ein Moloch. Bald 10 Millionen Einwohner. Die Luft stinkt, im Einbahnverkehr spült es den Verkehr durch die Stadt. Wer sich als Fussgänger fern eines Zebrastreifens mit Ampel über die Strasse will, muss sich trauen und rennen. Freiwillig hält niemand, man verringert nicht einmal das Tempo. Auf der Strasse herrscht das Gesetz des Stärkeren.
Unser Hotel, noch einmal das gleiche wie in der ersten Nacht nach unserer nächtlichen Ankunft in Vietnam (Hotel Love!) steht an einer stark befahrenen Strasse unweit des Flughafens. Wieder ein Zimmer ohne Fenster, mit vakuumisierten Frotteetüchern, warmem Kühlschrank und brettharter Matratze. Aber es ist unsere letzte Nacht in Vietnam. Und weil wir auch schon auf dem Boden schliefen, ist ein solches Bett schon Luxus. Chúc ngủ ngon!

Beitragsbilder Gallus Frei-Tomic 

Ein letzter Spaziergang

Die Wahrscheinlichkeit, Vietnam noch einmal zu bereisen, ist klein. Nicht weil ich das Land nun gesehen hätte – mitnichten. Schon gar nicht, weil ich meiner vietnamesischen „Verwandtschaft“ überdrüssig wäre. Aber meine Flug- und Tourismusscham wird bei mir mit Sicherheit jede Form von „Lust dazu“ schon im Keim ersticken.


Aber weil es der letzte Tag in der südlichsten, grösseren Stadt Ca Mau war und uns der Bus nach Saigon zum Flughafen am nächsten Morgen schon um sechs vor dem Hotel einsammeln wird, wagte ich mich nachmittags noch einmal hinaus in die feuchte Hitze.
Ein letzter Spaziergang. Ein letztes Mal die erstaunten Gesichter Einheimischer, wenn ein paar europäisch aussehende, weisse Männer durch die Strassen bummeln und Unerklärliches fotografieren.

Es gibt sie überall, die entzückenden Details, aber man muss sie sehen, nach ihnen suchen oder den Ausschnitt wählen. Ganz in der Nähe unseres Hotels befindet sich der „Vogelpark“, wohl eher einer der unzähligen Parks im Land zu Ehren Ho Chi Minhs, dem eigentlichen Landesvater Vietnams (1890 – 1969, vietnamesischer Revolutionär, kommunistischer Politiker und von 1945 bis zu seinem Tod Präsident der Demokratischen Republik Vietnams). Prächtig angelegt, aber zu grossen Teilen verkommen und kurz vor dem „Kollabieren“. Stehendes Wasser stinkt und von den Vögeln auf verblichenen Plakaten ist keiner geblieben, zumindest habe ich keinen gesehen. Der Park wurde wohl einst als zukünftige Sehenswürdigkeit der Stadt angelegt. Aber weil die erhofften Touristenströme ausblieben, verkommt nicht nur der Park, auch die Promenade am Fluss, das Shoppingcenter oder das Hotel, in dem wir logieren.

Wir spazieren der Hauptstrasse entlang. Die Läden sind vielfältig, vom Süsswarenhersteller über Apotheken alle paar hundert Meter, Handwerksschuppen, Möbelgeschäfte, offene Schlachtereien (an einem Stand sitzen mehrere Frauen um ebenso viele Plastikwannen und zerschneiden mit Scheren Frösche), Läden für Monsterkühlschränke und Tresore, Textilgeschäfte hinter Schaufensterpuppen mit westlichen Gesichtern und Läden, bei denen zumindest meinerseits nicht eruierbar ist, was die Produktpalette ausmachen soll. Und überall Imbiss- und Verpflegungsmöglichkeiten, die einen angeschrieben mit „Café“, aber der Kaffee ist mit Eis, gesüsst mit Zucker und Kondensmilch, klebrig geil.
Erst am Ende dieses letzten Spaziergangs finden wir ein Café, das Trung Nguyên Legend Café, wo man Café trinken kann, der meinen Ansprüchen genügt – eben Kaffee – heiss mit Schäumchen!

Wer zu Fuss geht und einen Blick hinter Absperrungen, Sichtsperren oder in kleine Gassen wirft, sieht als biederer Schweizer Dinge, die einem mehr als nachdenklich machen; nicht nur die komplett schimmelschwarzen Gebäude, nicht nur all der liegengebliebene Müll, sondern die Ahnung, dass dort Menschen leben, Kinder aufwachsen und bei Regen eine trübe Suppe fliesst.

Ich werde morgen in den Bus steigen und Tage später mit Sicherheit ungläubig den idyllischen Ausschnitt vieler Fotos bewundern.
Am letzten Abend bei der Gastgeberin zum Essen eingeladen, sitzen Vietnamesinnen und Schweizer auf dem Fussboden und spielen mit grösstem Vergnügen völkerverbindendes „UNO“!

Im Land der Wasser

Vietnam ganz im Süden ist ein Land der Wasser, ob als Flüsse, Teiche oder Meer, ob als Feuchtigkeit in der Luft oder als Regen mit Blitz und Donner, der sich hier anders anzuhören scheint wie in unseren Breitengraden.

Zumindest in den europäischen Sommermonaten ist der Süden Vietnams ein Land mit feuchtem Klima, schwülheissen Temperaturen und sintflutartigen Niederschlägen. Kein Wunder wächst in diesem Treibhausklima alles fast von selbst. Alle Arten von Früchten werden an jeder Ecke angeboten und es scheint Menschen zu geben, die ihren Lebensunterhalt mit einem Kleinststand mit drei Büscheln Bananen verdienen, während in Supermärkten, in den ich in der Schweiz meine Früchte kaufen würde, das Angebot an frischen Früchten eher bescheiden ist.

Aber es wachsen auch unliebsame Dinge. Nicht nur viele Hausmauern sind schwarz vor Feuchtigkeit und Schimmel. Feuchtigkeit und Schimmel hocken überall, selbst in den Bustaxis. Von den Hotels, in denen wir einquartiert waren , und die aus vietnamesischer Sicht bestimmt zu den besseren gehören, war nur ein einziges ohne Schimmel. Und wahrscheinlich nur deshalb, weil jenes Hotel noch nicht lange seine Dienste anbietet. Der Schimmelbefall ist in manchen Zimmern derart hoch, dass wir uns gezwungen fühlten, das Zimmer, manchmal gar das Hotel zu wechseln. In einem Zimmer schien der Schimmel beim Einschalten der Klimaanlage förmlich aufs Bett zu regnen.

Fast alles ist klimatisiert. Aber wenn man sich wie wir abseits vom Tourismus bewegt und all die Blechverhaue sieht, in denen die Menschen leben, die sich ein Kühlaggregat gar nicht leisten können, höchstens einen Ventilator, von denen überall welche stehen, wundert man sich nicht, dass eine westlich orientierte Bauweise in diesem Klima nur schwer funktionieren kann. Früher waren wohl alle Behausungen hier luftdurchlässig, offen, wie die Tempel auch, die ein erstaunlich frisches Klima verströmen.
Im Hotelzimmer in Ca Mau ist der dicke Teppichboden nach einem nächtlichen Starkregen trotz geschlossener Fenster triefend nass. Wie sollte der trocknen!
Nach einigen Tagen in Vietnam huste ich, ohne das Gefühl, mich erkältet zu haben, aber mit der Vermutung, dass meine Atemwege auf den permanenten Wechsel von klimatisierten Räumen und feuchtwarmer Umgebung kombiniert mit Schimmelsporen, mit Husten reagiert.

Die Menschen ganz im Süden, wo die Niederschläge noch häufiger sind, nehmen Regenschübe mit stoischer Gelassenheit. Wenn man überhaupt reagiert, unterbricht man seine Arbeit im Freien. In der Stadt besitzen die meisten Motorradfahrer einen Plastikregenschutz und Fussgänger unter einem Schirm sieht man sowieso nicht. Warum sollte man zu Fuss gehen, wenn es leichter und schneller mit einem Motor geht. So sind in den Städten „Fusswege“ entlang von Strassen auch sehr oft mit Verkaufsständen, Motorrädern, Abfall oder sonstigem zugestellt. Ein Vorbeikommen zu Fuss unmöglich. Wasserpfützen in Strassen wird, wenn überhaupt möglich, mit grösster Vorsicht ausgewichen, weil niemand weiss, wie tief die Untiefen darunter sind.

Unsere Gastgeber ganz im Süden, die ihren Lebensunterhalt mit Fischzucht mitten im Wasser, einem einst angelegten System aus Dämmen, Teichen und Kanälen verdienen, fragte ich einmal, wie sie die Klimaveränderungen feststellen. Trotz Dolmetscher schien man meine Frage nicht zu verstehen. Vietnam ist im Aufbruch. Man versteht sich als Gesellschaft am Anfang einer „glorreichen“ Zeit. Ich bin mir nicht sicher, wie sehr sich die Menschen in der Propaganda ihrer kommunistischen Regierung verfangen haben. Es gibt nur den Weg nach vorne, zu welchem Preis auch immer.

Beitragsbilder © Lea Le & Gallus Freu-Tomic

Übers Wasser fliegen

Unser letzter Ausflug. Zusammen mit der Gastgeberin dürfen wir ihren Vater zu seinem Zuhause bringen. Eine Fahrt mit dem Boot, einem „Boot des langen Schwanzes“. Eine Fahrt in höllischem Tempo, angetrieben von einem 42 PS-Motor am Ende „des Schwanzes“. Potenz total!

Wir sitzen auf dem Boden des Bootes und als es wie befürchtet zu regnen beginnt, wird eine Plastikfolie über alle gebreitet und die Reise geht nicht weniger schnell weiter. Während der alte Vater in stoischer Ruhe neben dem knatternden Motor sitzt, meldet sich beim ungelenkisch gewordenen Schweizer der Rücken und die Sorge, die Reise unbeschadet zu überstehen. In meinem ganzen Leben bin ich noch nie derart schnell übers Wasser geflogen!

Keine Strasse, nicht einmal mit einem Motorrad erreichbar. An einem Seitenarm des Cửa Lớn Rivers. Wer hier einkaufen will, winkt das Boot zu sich, auf dem die wichtigsten Dinge verkauft werden, was Fluss und Garten nicht hergeben. Der 93jährige wohnte schon mit seiner vor 16 Jahren verstorbenen Frau hier. Ihr Grab liegt hinter dem Haus. Und weil der alte Mann aber nicht mehr alleine leben kann, wohnt ein geschiedener Sohn mit seiner Tochter hier. Hier gibt es kein Wlan, ein einfaches Klohäuschen neben dem Haus und auf der anderen Seite des Hauses unter Dach und vor Regen geschützt ein niederer Tisch, der auch als erhöhter Schlafplatz genutzt wird.

Kaum angekommen, giesst sich der alte Mann von seinem bitteren Tee ein. Hinter dem Haus ein Hühnerstall und in der Verlängerung des Wohnhauses ein länglicher Verschlag aus Holz und Palmenblättern mit weiteren Schlafräumen, Vorratskammer und der immer gleichen Küche. Ein Gasherd auf einem Tisch, die eigentlichen Arbeiten aber passieren auf dem Boden. Ein tönerner Kübelgrill neben der Gastgeberin, die mit Stäbchen das Fleisch wendet und gleichzeitig Gemüse rüstet. Kaum angekommen machen sich alle Frauen an die Zubereitung des Essens. Die Männer kümmern sich ums Bier, frischen Tee und wichtige Gespräche, bei denen der alte Herr der Hauses an seiner „Damenzigarette“ nippelt.

Bei der umständlichen Frage an die ca. 12jährige Tochter des Onkels, der hier wohnt, erfahre ich, dass Kinder wohl zur Schule gehen, die Eltern aber für alles bezahlen müssen. Kinder armer Eltern gehen nicht zur Schule, bleiben Analphabeten. Folglich sind die Chancen, aus dem Kreislauf der Armut aussteigen zu können, klein. Die meisten aus der Familie gehören zur Mittelschicht. Auf der Fahrt mit dem Boot oder mit dem Auto wird ziemlich schnell klar, dass viele weit ärmer sind. Viele haben nicht einmal ein fixes Dach über dem Kopf und schlafen in Blechherbergen in denen Duzende Hängematten nächteweise gemietet werden. Am Fluss bei der rasanten Vorbeifahrt sehe ich Verhaue aus Blech, die einen nächsten Sturm nicht zu überstehen scheinen.

Ich bin während der ganzen Reise hin und hergerissen, fasziniert und schockiert, begeistert und geprügelt. Am schlimmsten ist der untypische Schweizer, der sich auch ungefragt immer wieder meldet, der Selbstverständlichkeiten markiert, die hier nicht gelten. Vietnam mahnt mich, die Klappe zu halten. Was weiss ich schon!

An den Wassern

Mit dem Taxibus fahren wir bis ganz in den Süden Vietnams. Die Strasse auf der wir fahren, wird immer holpriger. Manchmal sind die Schlaglöcher so tief, dass ich befürchte, aussteigen zu müssen.

Auch die sichtbare Armut wird immer schlagender. Während in Ca Mau fast alles aus Ziegel gebaut wurde, manchmal mit zuckersüssen Fassaden, als hätte man sich einen Kindheitstraum erfüllen wollen, nehmen Blech und Bananenblätter als Baustoff zu. Und überall Wasser. Manchmal stehen einfache Wohnhäuser regelrecht im Wasser, ganz im Gegensatz zu jenen, die auf Stelzen gebaut sind und bei denen eine grosszügige Freitreppe in den Wohntrakt führt. Nicht auszudenken, was hier passiert, wenn die Regenzeit Kapriolen schlägt.
Irgendwann biegt der Bus in eine Strasse ein, in der Gegenverkehr unangenehm wird. Links und rechts von Mangrovendämmen begrenzte Wasserflächen, zwischendurch grössere Häuser, von solchen, die zu Reichtum gekommen sind, und Hütten, in denen man ausser einer Hängematte nicht viel sieht. Aber Tankstellen eine alleweil. Kein Wunder bei der Dichte an Verbrennungsmotoren.

Die Schwester unserer Gastgeberin ist hier im Süden Besitzerin einer Fisch-, Krabben- und Crevettenzucht und lud uns für zwei Tage zu sich ein. Kaum da, schaue ich zu, wie Jungfische aussortiert und für den Transport verpackt werden. Später lädt man mich ein, mit einem kleinen, schmalen Ruderboot die ausgelegten Krabbenfangkörbe mit Fischköder anzufahren. Kleine Sagexbojen markieren die Körbe. Die Ausbeute ist klein, das interpretiere ich aus den vietnamesischen Kommentaren meiner Begleitung. Kleine Tiere wirft er zurück ins Wasser, genauso die Weibchen. Allen grossen Männchen geht es wörtlich an den Kragen. Er bindet die Scheren, vor denen sich auch der Profi in Acht nimmt. Später sehe ich zu, wie er gefangene Krabben von gestern in die kochende Suppe wirft. Drei Sekunden dauert der Todeskampf. Eine Stunde später lange ich am Tisch trotzdem zu und knacke die orange-rot gewordenen Panzer. Wahrscheinlich war der Bootstripp auch mehr für mich als aus wirtschaftlichen Gründen.
Dann schlägt das Wetter mit einem Mal um, obwohl die Gastgeberin gerade eben mit dem Motorboot weggefahren wurde, zum Haus einer an MS verstorbenen Schwester. Sie betet dort für sie. Sintflutartig peitscht der Reden nieder und ein angenehm kühler Wind streift ums Haus. Wenn ich in Ca Mau den Eindruck hatte, eine kaputte Welt anzutreffen, ohne Chancen auf Besserung, so ist das Leben hier von einer ganz anderen Qualität, nicht zuletzt deshalb, weil man hier bereit ist, für sein Glück nicht bloss zu nehmen.

Hier wachsen Ananas am Stassenrand, Sternfrüchte gleich neben dem Eingang. Kein Karaokelärm, kein Gehupe, kein Dieselrauch, nur ab und zu das laute Knattern der Boote, deren Motoren wie überdimensionale Stabmixer das Wasser quirlen. Hier sitzen die Menschen zusammen, plaudern, reden und sticheln. Hier lacht man. In den Städten ist es, als ob das Smartphone alles ersetzt, selbst bei den Kindern das Spielzeug An den Wassern weiterlesen