Biedermann und die Lobstifter #SchweizerBuchpreis 25/02

Alle Zeitungen, die Tagesschau, der Literaturclub und die Sendung «Zwei mit Buch» berichten mit Begeisterung. Von Daniel Kehlman liest man auf dem Umschlag Ein wirklich grosser Schriftsteller betritt die Bühne! Vergleiche mit Thomas Manns Buddenbrocks machen die Runde! Ich, skeptisch ob so viel Lob, frage mich: Muss oder will ich ein solches Buch lesen?

Lieber Gallus

Die Neugier hat gesiegt und ich habe «Lázár» gelesen. Leicht lesbar und unterhaltsam geschrieben erfahre ich vom Schicksal dreier Generationen einer ungarischen Adelsfamilie in den Weltkriegen und in der Sowjetzeit. Sehr romantisch, farbenprächtig und gelegentlich kitschig geschrieben begegne ich dem Werk eines jungen, fantasievollen Erzählers. Was ich vermisse, sind Entwicklungen der Charaktere, Fragestellungen und die Suche nach Antworten, Reflexionen. Mir fehlt eine persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinen Protagonisten, der Geschichte. Nach Weglegen des Buches klingt wenig nach, vergesse ich rasch.

Sie hatte von ihnen geträumt, und tatsächlich waren die Störche zurückgekehrt, reckten ihre weissen Hälse aus den Klatschmohnfeldern, die das Städtchen umgaben, während sie am Fenster verharrte und den milchigblauen  Morgenhimmel, den blütengelben Horizont, die weichen Hügel in der Ferne, den schlichten Kirchturm und das satte Rot der Felder ansah, als wäre bereits alles eine Erinnerung, als wären Sehen und Erinnern dasselbe, sie schloss das Fenster und ging ins Bad,…schminkte sich die Lippen klatschmohnrot, steckte die Perlohrringe, die einst Sandors Mutter gehört hatten, in die Ohrlöcher, öffnete das geflochtene Haar, das wie dunkles Wasser über den weissen Stoff des Nachthemds, ihre schmalen Schultern glitt, stand auf und holte die dunkelblaue Strickjacke aus dem Schrank…

Vor ihnen lag Zürich, der See, die weissen Schwäne und verschneiten Berge.

Neil Biedermann «Lásár», Rowohlt, 2025, 336 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN ISBN: 978-3-7371-0226-1

Ein Wunderkind!? Mir tut dieser begabte junge Autor im Kreuzfeuer dieser Medien-Begeisterung leid. Aus einem Interview erfahre ich, dass er gut mit seinem frühen Ruhm umgehen kann, viel liest und diszipliniert täglich schreibt. So hoffe ich, dass er seine literarischen Fähigkeiten trotz Rummel weiter entwickeln kann. Mit «Lázár» hat Nelio Biedermann gegenüber seinem Erstling «Anton muss bleiben» bereits einen grossen Schritt getan. 

Die grosse Medienpräsenz dieses Autors lässt mich auch unseren Literaturbetrieb hinterfragen. Warum reissen sich die Verlage um dieses Buch und sind die geplanten Übersetzungen in 20 Sprachen dauernd erwähnt. Was ist gute Literatur, wer bekommt einen Preis, wer wird beachtet und gefördert? Eine schwierige Frage bei der riesigen Anzahl von Autorinnen und Autoren. Du, Gallus, hast einen besseren Überblick über die Literaturszene: Was denkst du darüber?

Zufällig ist mir unmittelbar anschliessend der schmale Band «Großmütter» von Melana Mvogdobo in die Hand gekommen. Welch grosser Kontrast! In einer äusserst knappen, ausdrucksstarken Sprache, sorgfältig in zwei verschiedenen Farben gedruckt, erzählen zwei Grossmütter ihr Leben. Eine aus einer armen Schweizer Bauernfamilie, eine aus einer wohlhabenden Familie in Kamerun. Als Grossmütter befreien sie sich nach Demütigungen und Erleiden von seelischer und körperlicher Gewalt von ihren Männern. Wie sie das mit Hilfe ihrer Enkelinnen machen, ist beeindruckend. Ein kluges Buch mit Tiefgang! Mit Nachhall!

Ich muss nachdenken. Ich will verstehen, wieso mein Leben so ist, wie es ist. Und noch viel wichtiger: Weshalb ich nicht in der Lage war, mein Schicksal einfach anzunehmen, wie so viele andere Frauen.

Interessant, dass beide für den Schweizer Buchpreis 2025 nominiert sind. 

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Danke für deine Einschätzungen, die ich eigentlich nur teile, auch wenn ich bisher nur über Melara Mvagdobos Roman «Großmütter» gelesen habe. Vor ein paar Tagen bekam ich vom Transit Verlag, bei dem ihr Roman erschienen ist, eine Mail, man könne mir den Roman erst in einigen Tagen zusenden, da man nachdrucken müsse. Eine gute und schlechte Nachricht zugleich. Zum einen zeigt die Situation des Verlags, wie sehr man von dieser Nomination überrascht war und wie gut in der Folge das Buch verkauft wurde, was übrigens auch bei «Die Holländerrinnen» von Dorothee Elmiger geschah, drohte doch eine Lesung in der Ostschweiz ohne Büchertisch mit dem angesagten Titel, was schlussendlich verhindert werden konnte, weil in der Not die eine Buchhandlung der andern aushalf. Ein guter Buchverkauf des einen Buches hilft vielen anderen Büchern des gleichen Verlags, denen es nicht gelingt, die Brieftaschen von LeserInnen aus welchen Gründen auch immer zu öffnen. Zum andern kann der Hunger ausgerechnet in Momenten des grössten Appetits nicht gestillt werden.

Melara Mvogdobo «Großmütter», Transit, 2025, 128 Seiten, CHF ca. 26.90, ISBN 978-3-88747-416-4

Aber nur schon dein kleiner Teaser lockt und steigert die Vorfreude auf «Großmütter», ist doch das Thema «Geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen» aktueller denn je in Zeiten, in denen «Männlichkeit» von politischen Parteien zum Kampfwort gemacht wird, Männerbünde in Medien mit Reichtum und kruden Ansichten protzen, Statistiken über Gewalt gegen Frauen mehr als besorgniserregend aussehen und Errungenschaften wachsender Emanzipation und Akzeptanz gegenüber einem LGBTQ-Bewusstsein offensichtlich immer stärker in Bedrängnis geraten.

Hier die Begründung der Jury des Schweizer Buchpreises für den Roman «Großmütter»: Der Roman handelt von zwei Grossmüttern, die in ganz unterschiedlichen Welten leben und die doch viel gemeinsam haben … Als junge Frauen haben sie Träume. Sie heiraten, werden gedemütigt und spüren die engen Grenzen, die das Patriarchat ihnen setzt. Doch irgendwann setzen sie sich zur Wehr. In einer überraschenden Parallelführung zweier Leben zeigt Mvogdobo das, was Frauen über Kulturen und Kontinente hinweg verbindet. Das Buch besticht durch die knappe, messerscharfe und zugleich bewegende Sprache ebenso wie durch seine Milieuschilderungen.

Ich freue mich auf das Buch!

Und «Lázár»? Wenn der hochdekorierte Grossmeister der Deutschen Literatur Daniel Kehlmann, der sich mit «Die Vermessung der Welt» ins kollektive Bewusstsein einer ganzen Lesegeneration einschrieb, sich zu einer solchen Einschätzung hinreissen lässt und dem Verlag die Erlaubnis gibt, dieses Zitat zu Werbezwecken aufs Buchcover zu drucken, dann muss doch etwas dran sein. Wenn sich Veranstalter um Nelio Biedermann reissen, wenn das Buch eines 22jährigen in mehr als 20 Sprachen gedruckt wird und in Buchhandlungen mit glänzenden Augen um die Wette gestrahlt wird?

Die Frage, was denn gute Literatur sei, treibt mich immer wieder um. Letzthin las ich ein Zitat des Schriftstellers Martin R. Dean: Die Literatur muss am Lack des schönen Scheins kratzen. In einer Zeit, in der Filterblasen und Echoräume sich wie unsichtbare Scheuklappen auf das Subjekt legen, ist der Blick darüber hinaus von grösstem Wert. (aus «In den Echokammern des Fremden» von Martin R. Dean).

Ich habe «Lázár» gelesen und werde mich später differenzierter dazu äussern. Vielleicht sehen wir uns ja wieder an der Preisverleihung des Schweizer Buchpreises im Foyer Theater Basel, 11.00 Uhr, am Sonntag, den 16. November.

In Freundschaft

Gallus 

Melara Mvogdobo wurde 1972 in Luzern geboren. Nach ­einem Pädagogik-Studium und der Geburt von drei Söhnen lebte sie in der Dominikanischen Republik, in Kamerun und wieder in der Schweiz. 2022 zog sie mit ihrer Familie nach Andalusien. 2023 erschien  im Verlag Edition 8 ihr erster Roman «Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden».

Nelio Biedermann, geboren 2003, ist am Zürichsee aufgewachsen. Seine Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel, seine Grosseltern flohen in den 1950er Jahren in die Schweiz. Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 debütierte er im Aris Verlag mit «Anton will bleiben». Sein Roman «Lázár» erschien in mehr als zwanzig Ländern.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

Annie Ernaux «Die Besessenheit», Bibliothek Suhrkamp

Wahrscheinlich kennen sie das Phänomen der Eifersucht. Aber wenn sich Eifersucht mit Besessenheit paart, wenn sich ein ganzes Leben nur noch um das eine dreht, wenn sich der Blick mehr und mehr verengt – wie viel braucht es dann noch, dass Besessenheit zur Katastrophe wird?

Den einen Vorwurf kann man Annie Ernaux nicht machen; jenen fehlender Authentizität. Im Gegenteil. Authentizität ist zum Markenzeichen der Autorin geworden. Sie ist so sehr zu ihrem „Ding“ geworden, dass sich das Thema auf eine fast schon unheimliche Art wieder versachlicht hat. Annie Ernaux schreibt masslos ehrlich, so schonungslos, dass die Autorin selbst fast wieder hinter ihren Schilderungen, ihrem Nachdenken über sich selbt zu verschwinden scheint. Ich sah die Autorin noch nie live. Aber wenn ich ihr bei Interviews ins Gesicht schaue, wenn ich ihr zuhöre, dann ist da eine Frau, die über eine Frau erzählt, die über eine Frau schreibt. Annie Ernaux projiziert beim Schreiben auf Folien, macht ihr Tun, ihr Handeln, ihr Denken zu einem Ding. Sie mischt minimal mit Emotionen, betrachtet sich selbst auf eine manchmal fast befremdlich scheinende Art und Weise sachlich. Gleichzeitig schützt sie sich vor Entblössung, gar vor Scham, nicht zuletzt bei jener ihrer Leser*innen. Annie Ernaux schreibt über das, was jeder kennt. Über Ängste, Manien, über das, was Emotionen anrichten. Es ist kein innerer Blick, keine Perspektive aus dem Auge des Sturms, sondern eine ungemein nüchterne Schilderung dessen, was die meisten Menschen ein Leben lang nicht in Worte fassen können, wo den meisten die Sprache fehlt, wo sich sonst all die Verhärtungen und Knoten bilden, von denen sich ein Grossteil des Gesundheitssystems nährt.

Ich habe schon immer schreiben wollen, als wäre ich bei Erscheinen des Textes nicht mehr da. Schreiben, als würde ich bald sterben, und es gäbe dann niemanden mehr, der urteilt.

Annie Ernaux «Die Besessenheit», Bibliothek Suhrkamp, aus dem Französischen von Sonja Finck, 66 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-518-22562-2

Was Annie Ernaux schreibt, ist Konzentrat. Das manifestiert sich nicht nur in der Anzahl Seiten, die das schmale Büchlein zusammenbringt. Nichts an diesem Buch ist aufgeblasen, aufgehübscht und breitgeschlagen. Annie Ernaux bleibt ganz nah an dem, was sie losschreiben will. „Die Besessenheit“ ist ein verschriftlichter Loslösungsprozess, der Bodensatz einer Auseinandersetzung mit sich selbst in einem Tagebuch. Und doch ist das Buch kein therapeutisches Selbstheilungsprotokoll. Annie Ernaux setzt sich mit Annie Ernaux auseinander, mit einer Person, die von ihren Gefühlen ebenso besessen ist, wie von der Person, der Frau, die ihren Ex unter die Nägel gerissen hat. Jene Frau, die mit jenem Mann zusammen ist, mit dem sie sechs Jahre zusammen war, von dem sie sich trennte, weil sie damals ihre Freiheit zurückgewinnen wollte. Besessen vom Wunsch, den Mann zurückzugewinnen. Besessen vom Wunsch, zu wissen, wer diese Frau ist. Was es ist, das an jener besser sein muss als an ihr. Besessen vom Durst nach Klarheit. Besessen vom Durst nach einem Sieg über ihre vermeindliche Kontrahentin.

Zu dem Zeitpunkt frage ich mich nicht, ob mein Verhalten oder meine Wünsche richtig oder falsch waren, genauso wenig, wie ich es mir hier beim Schreiben frage. Manchmal denke ich, dass man durch diesen Verzicht am sichersten zur Wahrheit vordringt.

Und nicht zuletzt liegt diese Besessenheit auch in ihrem Prozess der Auseinandersetzung, des Nachdenkens, des Schreibens. Das Schreiben ist wahrscheinlich ihre einzige Waffe gegen den Schritt über die Besessenheit hinaus, wissen wir doch, was passieren kann, wenn Besessenheit zur Tat schreitet. Ihre Tat ist das Schreiben. Und weil ich ihr Buch lese, beginnt meine Reflexion, nicht zuletzt jene, ob ich nicht auch solcher Gefühle fähig wäre. Wahrscheinlich ist die Besessenheit in der Eifersucht gar nicht weit von dem entfernt, was sich jemand antut, der ein Buch schreibt. Wie kann man schreiben ohne Besessenheit? Was ist Verliebtheit anderes als Besessenheit?

Schreiben ist im Prinzip nichts anderes als eine Eifersucht auf die Wirklichkeit.

Im 2002 erschienenen Original heisst das Buch „L’occupation“, was der deutschen Übersetzung eine ganz andere Färbung gibt. Annie Ernaux beschreibt eine „besetzte“ Frau. Eine Frau, die unfähig ist, sich auf einem Gedankenkarussel, einem Gedankensog herauszubegeben. Die sich aber auch nicht gegen diesen Zustand zur Wehr setzt, weil sie spürt, dass er Leben bedeutet, dass er Kraft hat, dass er sie bewegt, so sehr, dass sie zu schreiben beginnt.

Schwer beeindruckend!

Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als «Ethnologin ihrer selbst». Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Romane sind von Kritik und Publikum gleichermassen gefeiert worden. Annie Ernaux hat für ihr Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten, 2022 den Nobelpreis für Literatur.

Sonja Finck übersetzt aus dem Französischen und Englischen, darunter Bücher von Jocelyne Saucier, Kamel Daoud, Chinelo Okparanta und Wajdi Mouawad. Für ihre Ernaux-Übersetzungen wurde sie mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

mehr über die Bücher von Annie Ernaux auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Heike Steinweg

Veronika Sutter «Ohne mich wäre hier Urwald», Plattform Gegenzauber

Kümpel ist tot, ich hoffe, dass ihr alle da sein werdet. Ort. Datum. Zeit. Mehr braucht es nicht, sie werden kommen.

Ein Ball, der gegen ein Garagentor donnert. Eine leerschwingende Schaukel. Das Spulen einer Kassette in einem Recorder. Schwarze Haare auf muskulösen Schenkeln. Sich windende Pfahlwurzeln. Eine Wanduhr, ticktack, ticktack … 
… und ich bin da. Warte in einer milden Abendluft des Junis 1973 bei der Teppichstange auf die anderen. Aus einem offenen Fenster Scheppern von Geschirr und My sweet Lord. Ich bin weggegangen, ohne dass es jemand bemerkt hat, die Rechenaufgaben wie einen Schweif hinter mir herziehend. Etwas fällt klirrend zu Boden, ein Kind fängt an zu weinen, das Hare Rama wird abgeklemmt, das Fenster mit Nachdruck geschlossen. Eine Amsel fliegt auf. Ich warte auf die anderen.

Wir haben alle einen Makel, Sigi schäumt aus dem Mund, Toni hat eine verrückte Mutter, Ramon keinen Vater, Sonja ist schwer von Begriff und ich versuche, ohne Lügen durch den Tag zu kommen. Was ausserhalbder Siedlung liegt, ist eine Welt voller Rätsel. Verwundert linsen wir in Küchen, wo frisierte Frauen Brote streichen, staunen hinein in diese aufgeräumten Puppenhäuser, wo jemand auf die Uhr schaut und sagt, wann es Zeit ist. Wir schämen uns, dass es unseren Eltern egal ist, wenn wir zu spät kommen, und sind oft mit Ausreden beschäftigt. Ausserhalb der Siedlung fühlen wir uns verdorben und gehen einander aus dem Weg. In unserer Strasse aber sind wir ein starkes Geflecht. Wir sind die Bornstrassenkinder.

Ich schlafe in der Stube, weil alle anderen Zimmer belegt sind und ich das jüngste Kind bin. Im grössten Zimmer schlafen meine Eltern. Zahnlos. Ihre Gebisse liegen nachts in Gläsern, die auf dem Spiegelschrank im Badezimmer stehen, manchmal grinsend, manchmal fletschend. Oft liegen sie auch ohne jeden Ausdruck in ihrem Nachtwasser, lächerlich vergrössert.

Mein Bett gehört mir nur in der Nacht. Tagsüber trägt es eine maisgelbe Decke, die beiden Kissen, das braune und das tannengrüne, und meinen Vater beim Mittagsschlaf. Auch meine Mutter, wenn nach dem Abwasch noch Zeit ist. Seitlich liegend haben beide Elternleiber auf dem Bett Platz. Sofort fallen sie in Schlaf, auf die Minute genau sind sie wieder auf den Füssen, zehn nach eins. Mit rankenden Blumen auf den Gesichtern schlürfen sie den Nescafé und setzen sich wieder in ihren R4. Ohne Worte.

Zwischen mir und den Kaninchen, die sie hinter dem Betriebsgebäude halten, machen meine Eltern keinen grossen Unterschied. Früher packte mich mein Vater manchmal im Genick, schüttelte mich und sagte knurrend, ein richtiger Chüngelbraten sei ich. Dann fragte ich mich, ob er imstande wäre, mich zu essen.

Am Kopfende meines Bettes steht ein kleiner Schrank. Darin lagere ich meine Schulsachen, Haarspangen, Nastücher und das Tagebuch. Nachts liegt auf dem Tagebuch ein Armband aus farbigem Garn. Ein Geschenk von Sylvie, die auf der anderen Seite des Mattenbaches wohnt. Ich sehe sie nicht mehr oft. Sie muss lernen, und zwar mehr als das Nötigste. Wir in der Siedlung müssen nichts, wir haben Zeit, die wir verplempern können.

Ich habe deine Mutter gesehen, füdliblutt. 
Ramon kickt den Ball an ein Garagentor, einmal, zweimal, erst dann hebt er langsam den Kopf.
Was?
Sie hatte nichts an …, Sigi hält sich die Hand vorden Mund, ich habe ihre Haare gesehen, da unten, ein dunkler Busch.
Ramon stoppt den Ball mit dem linken Fuss.
Wo soll denn das gewesen sein.
In eurer Wohnung. Kann nichts dafür, wenn sie die Vorhänge offen lässt. Hätte jeder sehen können.
Vom Weg aus?, denke ich.
Wie der Urwald?, fragt Sonja.
Und da ist noch jemand gewesen, Sigi schaut kurz zu mir und gleich wieder weg, ein Mann. Vor Sigis Lippen haben sich knisternde Blasen gebildet. Auf dem Sofa, nur mit Unterhemd, und zwischen seinen Beinen war so ein … so ein, wieder fährt sich Sigi mit dem Handrücken über den Mund, ein Speichelfaden glitzert in der Sonne.
Sigi, bitte, sagt Toni.
Ramon wuchtet den Ball auf die mittlere Garage, dreht sich um, geht weg, der Ball schnellt an uns vorbei, schlägt auf, verschwindet im Gebüsch.
So ein weisses Ding, Plastik oder so, schreit Sigi Ramon hinterher.
Hast du ihn gekannt? Den Mann?, will Sonja wissen.
Ja. Wieder wirft Sigi einen Blick in meine Richtung.
Wer
Sigi zuckt mit den Schultern und schaut zu Boden.
Mach dich nicht wichtig, Sigi, sage ich. Und übrigens, das war ein Pariser, noch nie davon gehört?

Es ist nicht diese Episode, die alles verändert, aber vielleicht ist sie ein Vorzeichen, eine vage Ankündigung. Noch leben wir wie Pflanzen, was wir brauchen, bekommen wir, Erde, Wasser, Luft, Licht. Die einen begnügen sich damit, ihre Köpfe nach der Sonne zu wenden, andere schiessen ungehemmt in die Höhe, schicken Triebe in den Himmel oder verlegen sich darauf, unter Boden Wurzeln zu verbreiten. Selbstausläufer. Die Erdbeere, lateinisch Fragaria, ist in der Lage, Ableger zu bilden, aus denen neue Pflänzchen wachsen, das sind sozusagen Klone der Mutterpflanze. Wenn mein Vater doziert, hört niemand zu, aber als er von der Vermehrungsweise der Fragaria spricht, will ich wissen, was Klone sind.

Es kommt vor, dass Einzelne von uns etwas Schönes hervorbringen, eine auffallende Blüte. Wie Toni, die plötzlich so gut Rollschuh fahren kann, dass sie in eine Showtruppe aufgenommen wird. In weissen Stiefelchen und einem glitzernden Röckchen wirbelt sie überbdie Bühne, bis den Glotzenden schwindlig wird. Aber auch bei ihr wird wie bei uns allen bald etwas passieren, das dem Pflanzendasein ein Ende setzt. Es zeigt sich unterschiedlich. Bei Toni beginnt es mit dem Moment, als sie dem Kastenwagen nachschaut, der ihre Mutter wegbringt. Bei Ramon ist es die Spucke auf dem Rasen und bei mir …, bei mir sind es verschiedene Dinge. Nach der Sache mit Kümpel ist es definitiv vorbei mit der Unschuld, für uns alle.

Die Siedlung klebt an der dunklen Flanke einer Bergkette, an die sich unser Tal drückt, in Löffelstellung, wie meine Eltern beim Mittagsschlaf. Über den Grat des Berges wandern Menschen, die Freizeit haben, Leute aus der Stadt. Sie schauen hinunter in das schattige Tal, auf das Dorf, auf die Wohnblöcke und sind froh, dass nicht sie es sind, die hier wohnen. Berg ist ein zu grosses Wort, auch Tal ist ein zu grosses Wort, alle Wörter sind zu gross für diesen Ort, nichts ist so, wie es sich anhört. Wir sagen Tal, aber es ist nichts als eine Schnellstrasse und parallel dazu Bahngeleise; was wir Dorf nennen, ist ein Platz mit Abfalleimern und betonierten Sitzbänken, einem Bahnhofskiosk und ein paar alten Häusern, die stur verharren, während andere längst das Feld geräumt haben. Für die Migros, das Bankgebäude, die neue Gemeindeverwaltung. Ein bescheidener Fluss folgt demütig den Schienen und der Strasse, obwohl er lange vor ihnen da war. Kraftlos krümmt er sich an Reihen von Wohnblöcken vorbei, die sich ins Land gefressen haben. Der Zug fährt zwischen zwei Sackbahnhöfen hin und her, Tal hinauf, Tal hinunter. Nur die Schnellstrasse führt weiter, sie will möglichst rasch weg von hier.
Hinter der reformierten Kirche liegt der Friedhof und oberhalb der katholischen, fast am Waldrand oben, verläuft die Bornstrasse. Da steht unsere Siedlung. Der Friedhof ist für alle, die Siedlung für die Angestellten der Papierfabrik. Hier wachsen wir vor uns hin, ohne dass es jemanden kümmert, Ramon, Toni, ich und die anderen.

An der Hinterseite der Wohnblöcke, die dem Wald am nächsten sind, wuchert scharfkantiges Unkraut; Flechten und Moose kriechen am feuchten Gemäuer empor, und nur weil Kümpel regelmässig mit tödlichem Wasserstrahl auf sie losgeht, nehmen sie nicht überhand. Ohne mich wäre hier Urwald, hören wir ihn zischen, wenn er seine Gerätschaften hinter sich herzerrt, in den Boden rammt, mit schweissglänzendem Hals, auf dem sich die Sehnen spannen.
Ohne Kümpel wäre hier Urwald, wären die geduckten, länglichen Gebäude überwuchert von Blacke, Geissfuss, Ackerwinden, wellige Hügel in der Landschaft, wie früher, vor Tausenden von Jahren, nur dass wir darunter leben würden.
Ohne mich wäre hier Urwald, hören wir Kümpel fauchen, murmelnd wiederholen wir es hinter seinem Rücken.

Beim Kehrplatz vor den Garagen endet die Strasse. Hier ist der Ort der Männer. Hier waschen sie am Samstag ihre Autos, betrachten Motoren, klopfen Schultern. Daneben die Burschen auf ihren Töffs, sie rauchen und reden über die Autos, die sie später kaufen würden. Von unserem Platz bei der Teppichstange hören wir sie lachen, rufen, fluchen. Und immer dudelt Musik, manchmal fremdländisch ab Kassette, manchmal aus dem Radio. Akropolis adieu, Immer wieder sonntags, Am Tag, als Conny Kramer starb. Keine Frauen bei den Garagen. Für sie gibt es die Spielplätze mit den Sandkästen, den viel zu kurzen Rutschbahnen und den zwei Betonröhren, durch die niemand kriechen will.

Es gibt Unterschiede. Die Autos. Die Marke der Autos.Die Sprache, die daheim geredet wird. Wie es beim Kochen riecht. Ob beim Essen das Radio läuft oder der Fernseher. Ob man im Sommer zu den Verwandten fährt. Oder überhaupt wegfährt. Das Alter der Autos. Die PS der Autos. Ob man in die Kirche geht und in welche. Die Namen.
Über die Gemeinsamkeiten reden wir nicht. Dass für uns keine Geburtstagspartys veranstaltet werden und wir selten zu welchen eingeladen sind, dass wir nach dem Mittagessen die Zähne nicht putzen, dass wir diejenigen verachten, die ein fixes Taschengeld haben, aber Mittel und Wege kennen, um an Geld zu kommen. Dass wir es lächerlich finden, von den Eltern für gute Noten belohnt zu werden. Dass von uns erwartet wird, keine Probleme zu machen. Dass etwas Rechtes aus uns werden soll.

Kümpel ist gut für Mutproben. Ihm in die Augen schauen. Ihm frech kommen. Ihm nicht gehorchen, tun, als ob man ihn nicht gehört hätte. All dies heizt unsere Träume an, wenn sie kühn sind. Wir verstecken uns auf unseren Balkonen hinter Geranien, Petunien, Fleissigen Lieschen und beäugen Kümpels Wege durch die Siedlung. Sie sind rätselhaft, scheinen einem festgelegten Plan zu folgen, variieren ständig und sind doch immer die gleichen. Kümpel geht stets eilig, vorgebeugt, Kopf vorne, Ellbogen hinten. Graue Mantelschürze mit langen Ärmeln, grobe Arbeitshose, die Stösse in die Stiefel gesteckt. Kümpel hat einen Sinn für alles, was nicht in Ordnung ist, herumliegende Velos, trockene Wäsche, die nicht abgenommen wurde, Himmel und Hölle auf der Strasse.
Niemand weiss, wer Kümpel ist, woher er kam und was sein Auftrag ist. Wenn Kümpel sich nähert, gehen die Frauen schneller, die Männer beginnen zu pfeifen oder etwas an ihren Autos zu untersuchen. Niemand ist je in Kümpels Wohnung gewesen und niemand redet freiwillig mit ihm. Aber alle wissen, dass Kümpel zu akzeptieren ist. Es gibt Dinge, die sich nicht ändern lassen.
Für uns gebraucht er eigene Namen: Pfosten, Totsch, Kleiner Scheisser. Alle zusammen sind wir Gjät. Er bellt uns an, wenn wir abends auf dem Kehrplatz gummitwisten oder Bälle an die Garagentore kicken. Bälle bringen ihn aus dem Gleichgewicht. Wir lassen sie ihm vor die Füsse rollen, um zu sehen, wie sein Schritt aus dem Takt gerät, wie er versucht, dem Ball auszuweichen, als wäre eine Berührung tödlich. Die einen behaupten, Kümpel sei früher Fussballer gewesen, habe beim FCZ gespielt, aber genauso möglich ist, dass er ein Bankräuber war, jahrelang im Gefängnis. Manchmal taucht Kümpel unvermittelt vor einem auf. Es heisst, zwischen den Kellerräumen gebe es Tunnels, die Kümpel erlaubten, überall gleichzeitig zu sein. Aber kein Mensch hat je einen Zugang gefunden.
Eigentlich ein netter Mann, sagt meine Mutter, aber auch sie versucht, seine komplizierten Routen nicht zu durchkreuzen. Auch sie überlegt, was sie falsch gemacht haben könnte, wenn Kümpel in der Nähe ist.
Wir finden nicht heraus, wie er es macht. Warum er weiss, was wir treiben. Niemand von den Eltern will etwas mit dem kleinen schwarzen Buch zu tun haben, das er in seiner Schürzentasche mit sich trägt, einige behaupteten, dieses Büchlein existiere nur in unserer Fantasie.
Kümpel ist der Teufel. Ich weiss es.

(Auszug aus «Mein Bett gehört mir nur in der Nacht», mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

Veronika Sutter, geb. 1958, aufgewachsen im Sihltal, veröffentlichte in früheren Jahren ein paar Kurzgeschichten. Beruflich arbeitete sie unter anderem als Buchhändlerin, Kulturveranstalterin und als Journalistin, studierte Kommunikationsmanagement und war für NGOs und soziale Institutionen tätig. Ihr Erzählband «Grösser als du«, der 2021 in der edition 8 erschien, wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert. Im Herbst 2025 erscheint ihr neuer Roman «Mein Bett gehört mir nur in der Nacht». Veronika Sutter lebt mit ihrem Partner in Zürich.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Tabea Vogel

Echte Perlen? #SchweizerBuchpreis 25/01

Schweizer Buchpreis 2025 – das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizer:innen oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autori:nnen. Ist das möglich? Kann das eine Jury bestimmen? Gibt es das eine, beste Buch? Was sind die Kriterien für das beste Buch?

Ich bin mir sicher, dass die Jury mit Tim Felchlin, Literaturredaktor und Kulturjournalist, Martina Läubli, Kulturjournalistin, Simone Nuber, Master of Science, Isabelle Vonlanthen, stellvertretende Leiterin des Literaturhauses Zürich und Manuela Waeber, freie Lektorin alles daran setzen, die Nominierungen und die Wahl zum Schweizer Buchpreises möglichst objektiv aussehen zu lassen, würden doch deutliche Fehlentscheidungen die Glaubwürdigkeit eines solchen Prädikats „bestes Buch“ noch mehr in Frage stellen. Aber das beste Buch gibt es nicht. Die Frage scheitert an mehreren Punkten. Auch wenn es Leute aus dem Literaturbetrieb gibt, die der Überzeugung sind, dass es unauslöschliche Kriterien für gute Literatur gibt. Gute Literatur zeichnet sich durch ihre Fähigkeit aus, tiefgründige Wahrheiten über die menschliche Erfahrung zu vermitteln, starke emotionale Reaktionen hervorzurufen und die Zeit zu überdauern. Sie zeichnet sich durch gut entwickelte Charaktere, fesselnde Handlungen und eine reiche, nuancierte Sprache aus. Aber wer bestimmt, was tiefgründig ist? Ist es nicht so, dass emotionale Reaktionen ganz unterschiedlich ausfallen können, nicht nur in der Kunst. Was ist „nuancierte“ Sprache? Wülstig mit Sicherheit nicht. Schon gar nicht sichtbar durch die Anzahl von Adjektiven.

Vielleicht muss ich ganz persönlich auf die Frage antworten, was gute Literatur zumindest für mich sein kann: Sie muss mich fesseln. Sie muss mich überraschen. Sie muss mich in irgend einer Form provozieren. Sie muss in mir einen Nachhall erzeugen, muss sich in mir festhaken. Der Sound muss musikalisch sein. Ich soll bewegt werden… Ich könnte die Liste noch weiterführen, ohne je den Anspruch zu haben, eine solche Liste habe Allgemeingültigkeit. Robert Walser wurde wie Franz Kafka zu Lebzeiten nur von wenigen beachtet und geschätzt, am wenigsten vom Buchmarkt. Oder umgekehrt; Kennen sie John Knittel? Der Schweizer Schriftsteller war zu Lebzeiten sehr erfolgreich, starb 1970. Heute kennt ihn kaum mehr jemand. Vergessen. Kennen sie Ruth Blum? Die Schaffhauserin starb 1975. Ich kaufte alle ihre Bücher in Antiquariaten und war hell begeistert. Vergessen. Noch so eine lange Liste.

Das beste Buch! Warum ist unter den Nominierten nicht „Sommerschatten“ von Urs Faes? Oder „Walzer für niemand“ von Sophie Hunger? Oder „Sechzehn Monate“ von Fabia Andina? Hört die Schweiz an den Sprachgrenzen auf?Schweizer Buchpreis? Oder „die spinne“ von Eva Maria Leuenberger? Warum nicht einmal Lyrik in der Liste der Nominierten? Weil man der Lyrik kein Scheinwerferlicht zutraut? Weil sich damit keine Verkaufszahlen generieren? (Hut ab vor allen Verlagen, die sich noch immer tapfer trauen, Lyrik zu drucken!) Die Liste jener Bücher, die es auch verdient hätten, wird mit der Intensität des Lesens nicht kürzer. Auch das Unverständnis über diese Versäumnisse. Zudem muss man wissen, dass sich etliche Grössen der hiesigen Literatur durch ihre Verlage gar nicht mehr zur Wahl stellen wollen.

Immerhin stehen für einmal keine Debüts in der Liste. Wie soll ein Debüt eine Chance haben neben einem Buch eines literarischen Schwergewichts? Und Schwergewichte sind in der Liste der Nominierten sehr wohl vertreten: Mit Sicherheit die erst 40jährige Dorothee Elmiger, die mit ihrem Roman „Die Holländerinnen“ auch in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. Und zweifelsohne Jonas Lüscher. Meral Kureyshi schaffte es mit ihrem Debüt „Elefanten im Garten“ vor 10 Jahren auf die Liste der Nominierten und gilt seither als wichtige Stimme der CH-Literatur. Von Melara Mvogdobo las ich vor ein paar Jahren ihr Debüt „Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden“ und konnte mich nicht wirklich begeistern lassen, genauso wie vom Debüt „Anton will bleiben“ von Nelio Biedermann. Dass ihre Folgeromane von ganz anderer Qualität sind, darüber lässt sich streiten, zumal „Lásár“ in einer Weise gehypt wurde und wird, die jede Verhältnismässigkeit vermissen lässt.

Meine Meinung war ziemlich schnell gemacht.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

Ayelet Gundar-Goshen «Ungebetene Gäste», Kein & Aber

Ayelet Gundar-Goshen kümmert sich als Traumapsychologin um geschundene Seelen. Als Schriftstellerin erzählt sie von dem, was sich hinter den menschlichen Fassaden abspielt, wenn der Mensch sich dem nicht stellt, was nach traumatischen Erlebnissen Seele in Schmerz verwandelt. Und als israelische Schriftstellerin und Therapeutin sticht sie mitten in die eiternde Beule einer in sich geschlossenen Gesellschaft.

Schon erstaunlich, dass Ayelet Gundar-Goshen so ehrlich und ungeschönt ein Stück „Krankengeschichte“ ihres Landes erzählt, ohne dass man ihr deshalb bedrohlich nahe kommt. Was in Israel momentan geschieht ist zwar nicht die Kulisse des Romans, aber sehr wohl Teil der Geschichte. Die Unfähigkeit der israelischen Politik alles stets in hier und dort einzuteilen, die eigene Gesellschaft von der arabischen Welt abzukoppeln, sich im kollektiven Trauma aus jahrhundertelanger Verfolgung, Massenvernichtung und Emigration während der Nazizeit und globalem antisemitischen Aufflammen auf Abwehr, Einigelung in „präventive“ Gewalt einzuschiessen, lässt viele Israelit*innen und Juden zu Eingeschlossenen werden. Ein kollektiver Mix aus Angst, Misstrauen und Vorurteilen lähmt viele, am meisten jene, die in der Politik Macht nicht als Verantwortung sehen, auch für den Schwächeren, sondern in der Demonstration von Potenz.

Was Ayelet Gundar-Goshen in ihrem beklemmenden Roman erzählt, liest sich wie eine Analyse der geschundenen Seele Israels. Nur mit dem Unterschied, dass sich diese Seele nicht auf die Couche legen will, um in der Reflexion darüber, was sich in den Verwachsungen des Seelenlebens verheddert hat, verträgliche Lösungen zu finden.

Ayelet Gundar-Goshen «Ungebetene Gäste», Kein & Aber, 2025, aus demHebräischen von Ruth Achlama, 320 Seiten, CHF ca. 31.00, ISBN 978-3-0369-5063-1

Ein junges Paar, Naomi und Juval, leben mit ihrem kleinen Uri in einem mehrstöckigen Haus mitten in Tel Aviv. Während sich Naomi in ihrem Zuhause und auf Spaziergängen zum Spielplatz mit aller Liebe und Fürsorge um ihren kleinen Jungen kümmert, der noch immer von ihr gestillt wird, aber schon laufen kann, ordert Juval einen arabischen Handwerker, um in seiner Abwesenheit die Balkonbalustrade auszubessern. Eine Eingangszene im Buch, die symtomatisch zeigt, wie tief das Misstrauen vieler Israelis gegenüber Arabern sitzt. Man ist zwar auf ihre Arbeit angewiesen, aber mit ihnen alleine in einem Raum zu sein, wird zur Pein. Während der Handwerker kurz die Toilette benutzt und Naomi sich bereits eine Generalreinigung der Toilette vornimmt, macht sich der kleine Uri am Handwerkszeug zu schaffen und lässt einen Hammer über die Balkonbrüstung fallen. Der Hammer wird zum Auslöser einer Kette von Katastrophen. Der Hammer tötet einen jungen Mann auf der Strasse. Naomi schweigt über das, was auf sie zurückfallen könnte. Der arabische Handwerker wird verhaftet und eines terroristischen Verbrechens bezichtigt. Und weil Noemi drei Tage lang schweigt, sich trotz schlechtem Gewissen nicht durchringen kann, der Polizei die Wahrheit zu sagen, bringt sie für die Familie des unschuldig Verhafteten einen Stein ins Rollen, der alles mitzureissen droht.

Obwohl der Verhaftete dann doch freikommt und man Naomi in einem aufwändigen und kostspieligen Prozess von jeder Verantwortung freispricht, nimmt Juval eine lukrative Stelle in der nigerianischen Hauptstadt Lagos an. Die Flucht soll ein Neubeginn werden. Aber während sich Juval mehr und mehr in einer alten Liebesbeziehung verstrickt und Naomi sich nur in der abgeschotteten und bewachten Siedlung unter ihresgleichen bewegen kann, wird mehr und mehr deutlich, dass sich beide erst dann in ihrem Leben als Familie finden können, wenn sie sich dem stellen, was sie von innen und aussen bedroht, wenn sie den eigenen Ängsten entgegentreten, wenn sie bereit sind, nicht nur sich selbst und dem Partner gegenüber ehrlich zu sein, sondern der Realität um sie herum. Aber statt sich aufzutun, drohen sich die beiden mehr und mehr zu verlieren.

Ayelet Gundar-Goshens Roman fesselt ungemein, auch wenn die Spannung nicht im Kampf der Protagonist*innen mit sich selbst liegt, sondern wie es die Familie schafft aus den Verstrickungen von Lügen, Verdrängung und Ignoranz einen Ausweg zu finden, zurück zum Familienglück. Schon der Titel „Ungebetene Gäste“ lässt sich vieldeutig lesen! Für mich war die Handlung zu vielfädig. Ich hätte mir von der Psychologin Ayelet Gundar-Goshen mehr Nähe zu den Leidenden gewünscht, nicht zuletzt zu jenen, die in der Kette der Katastrophen die tatsächlichen Opfer sind. Nichts desto trotz ein spannendes, aufschlussreiches Lesevergnügen.

Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, studierte Psychologie in Tel Aviv, später Film und Drehbuch in Jerusalem. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihrem ersten Roman «Eine Nacht, Markowitz» (2013) wurde der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zugesprochen, 2015 folgte der Bestseller «Löwen wecken», für den, genauso wie für «Lügnerin» (2017), eine Filmadaption in Planung ist. Zuletzt erschien bei Kein & Aber «Wo der Wolf lauert» (2021). Ayelet Gundar-Goshen lebt in Tel Aviv.

Ruth Achlama, geboren 1945 in Quedlinburg, studierte Rechtswissenschaft in Heidelberg und Bibliothekswissenschaft in Jerusalem. Heute ist sie hauptberuflich als freie Übersetzerin tätig und lebt in Tel Aviv.

Beitragsbild © Katharina Luetscher

Jochen Kelter «Grönlandsommer», Caracol

47 Jahre nach seinem Debüt, dem Lyrikband „Zwischenbericht“, und eingebettet ins 25-Jahr-Jubiläum des Literaturhauses Thurgau – Jochen Kelter war der erste Programmleiter des Literaturhauses – feierte der Dichter vergangene Woche mit seinem neuen Gedichtband „Grönlandsommer“ im Bodmanhaus Buchtaufe.

Jochen Kelter, in Köln geboren, aber schon ein halbes Jahrhundert auf der Schweizer Seite des Bodensees beheimatet, mit Sicht auf sein Herkunftsland, lernte ich 1992 persönlich kennen, als ich im Publikum einer seiner Lesungen sass. Damals war Jochen Kelter ein Autor aus dem Verlagshaus von Egon Ammann. Darunter die Erzählung „Die steinerne Insel“, ein Buch, das von seinem langen Aufenthalt in New York erzählt. New York, Paris, Konstanz, Ermatingen, vielleicht jene Achse, auf der sich das Leben Jochen Kelters bewegte, ein Dichter, der weit mehr ist als ein an seiner Scholle haftender Regionaldichter. Sein Blick ist stets weit, wach, empfindsam und klar. Da ist nichts Verklärendes, aber umso mehr Sehnsucht, nicht zuletzt die des immer älter, immer eingeschränkter werdenen Mannes, der aber nichts von seiner kreativen Lust an der Schönheit der Sprache eingebüsst hat.

Dass Jochen Kelter von der einen Seite des Bodensees auf die andere Seite schaut, ist symptomatisch für seinen Blick. Nicht der Blick eines Außenseiters, aber oft der Blick eines Aussenstehenden, eines Besorgten, eines Betroffenen, eines Nachdenklichen.

Blick und Erinnerung

Die Bäume auf beiden Seiten
der Straße kahl im Wintergrau
sind mächtig gewachsen
du erinnerst dich an die Reihen
ihrer lange gefällten Vorgänger
ihr Sommergrün wölbte sich
schattig über die ganze Straße
wie viel Zeit ist seither vergangen?

Du fährst an Häuserreihen
in der Stadt entlang als sähest du
sie zum ersten Mal so fremd
erscheinen sie jetzt wahrscheinlich
sind ihre ockerfarbenen ihre
grauen und rostroten Mauern schon
gestanden als du den dir fremden
Ort zum ersten Mal sahst

Jochen Kelter «Grönlandsommer», Caracol, 2025, 136 Seiten, CHF ca. 20.00, ISBN 978-3-907296-42-4

Jochen Kelter schreibt mit einem hohen Anspruch an Schönheit, Klang und Präzision. Seine Gedichte, die sich manchmal wie Kurzprosa lesen, in wenigen Zeilen ganz tief ins Leben blicken, aus einem einzigen Moment ein monumentales Bild machen, Erinnerungen nicht verklären, dafür umso mehr schärfen und mit Witz und Schalk den Widrigkeiten seiner Gegenwart begegnen, sind Sprachbilder, die zwischen den Zeilen weit mehr erahnen lassen, ohne sich ex­hi­bi­ti­o­nis­tisch zu gebärden. Manchmal filmreife Actionszenen, manchmal ein ganzes Leben im Schnelldurchlauf, oft ein klares Festschreiben der Schizophrenie, menschlichen Tuns, aber ganz ohne Larmoyanz.

Albtraum

Schwester und Schwager
laden ihn ein er soll sein soeben
erschienenes Buch mitbringen
im Wohnzimmer drängen sich
Journalisten und Kameraleute
er soll aus dem Buch vorlesen
er bittet um eine Leselampe
man zieht ihm den Tisch weg
er sucht verzweifelt sein Buch
was sagen Sie zum Krieg in der
Ukraine? Man hält ihm ein
Mikrofon unter die Nase: Haben
wir wirklich eine Klimakrise?
Nun sagen Sie doch endlich etwas
wo ist mein Buch? Welches Buch?
Ihre Meinung zum Krieg im Sudan
zum Überfall auf Bergkarabach
man zieht den Tisch weiter weg
schweißgebadet erwacht er
tappt ins Nebenzimmer macht
Licht – hier endlich Licht

Immer wieder finden sich in Jochen Kelters Gedichten Einschließungen, Verweise auf Musik, nachhallende Verszeilen von Liedern aus der Klassik, genauso wie Textzeilen aus Songs von Joni Mitchell. Einschliessungen aus der Lektüre anderer Bücher, so wie „Menschenwerk“ der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang, die sich in ihren Büchern immer wieder mit unverdauter Geschichte, all der Gewalt, die sich ins kollektive Gewissen von Generationen frisst, auseinandersetzt. Themen, die auch Jochen Kelter nicht loslassen. Genauso wie der Verlust eines kulturellen Bewusstseins. Und immer wieder blitzt der Witz auf, für Jochen Kelter das einzige Mittel, um sich aktiv gegen die Oberflächlichkeiten der Gegenwart zu sperren.

Weiße Fahnen

Der Marktplatz ist aufgebrochen
völlig mit Pflastersteinen übersät
im Boden stecken grüne Fähnchen
wie geheimnisvolle Rätsel von
Außerirdischen hierher gebracht
aus uns unbekanntem Grund

Hinter den Türmen der Kathedrale
ragen weiße Fahnen wie Zeichen
der endgültigen Kapitulation
die Nebenstraßen stehen hoch
unter Wasser die Türen aller
Häuser verschlossen Hochwasser

Krieg wer weiß das? Keiner weiß
Genaues die Zeit scheint an ihr Ende
zu kommen was wird nach der Zeit
werden wir wenn wir am Morgen
erwachen in einer anderen Welt
oder in keiner Welt jemals mehr?

Sommernacht

Durch die Zweige der alten
Bäume im Dunkel der Nacht
beleuchtet der Vollmond strahlend
von unten die langsam westwärts
ziehenden grau hellen Wolken

Nach dort draußen in die Welt
der Attentäter Naturkatastrophen
der Hassprediger normalen Mörder
sagt der Nachbar zum Nachbarn
traut sich von uns niemand mehr

Außer den Mutigen Waghalsigen
Verrückten und alltäglichen Mördern
den Irrsinnigen ohne Furcht vor
Massenpanik und der übrigen Welt
wir hier unter dem friedlichen Mond

Zusammen mit „Fremd bin ich eingezogen“ (2020), „Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek“ (2021) und „Verwehtes Jahrhundert“ (2023) bildet „Grönlandsommer“ den beeindruckenden Reigen von vier Gedichtbänden im Caracol Verlag. Die beiden Gedichte zum Eingang sind aber auch ein deutlich Statement, dass sich die Dichtung von Jochen Kelter alles andere als Nabelschau sieht. Seine Texte sind eingebettet in die Zeit, ein geschichtliches und politisches Bewusstsein, immer auch in Sorge um die Spezies Mensch, zugleich aber Bilder eines Sprachmalers, der mit wenigen Strichen markieren kann, dessen wacher Blick auf die Welt jener eines Strengen ist, streng mit sich selbst, streng mit jenen, die in ihrer Egomanie krachen lassen.

2020 / 2021 / 2023 / 2025

Jochen Kelter ist 1946 in Köln geboren. Studium der Romanistik und Germanistik in Köln, Aix-en-Provence und Konstanz. Seit über fünfzig Jahren lebt er auf der Schweizer Seite des Bodensees in Ermatingen (von 1980 bis 2014 zudem in Paris). Lyriker, Erzähler, Essayist. 1988 bis 2001 war er Präsident des European Writers’ Congress, der Föderation der europäischen Schriftstellerverbände, und von 2002 bis 2010 Präsident der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

Sprachsalz 2025 – das Salz in der Ursuppe der Literatur

Was ist für sie das Salz in der Suppe? Für die einen mag es der Erfolg im Beruf sein, die Anerkennung, der Applaus, für andere die Momente der Verzückung, das fluide Glück, oder die Begegnung mit Menschen, bis zur Unmittelbarkeit. Sprachsalz, ein grossartiges Literaturfestival in Kufstein im Tirol bietet an drei Tagen die Gelegenheit, der Literatur so nahe zu kommen, wie sonst kaum: Einzige Voraussetzung; man muss sich aufmachen.

Dacia Maraini, eine der Grossen der italienischen Literaturszene, eine unermüdliche Kämpferin, nicht nur in der Literatur mit ihrem Buch „Ein halber Löffel Reis“, ein autobiographischer Roman über ihre Gefangenschaft als Kind zusammen mit ihrer Familie in einem japanischen Internierungslager während des zweiten Weltkriegs oder die japanische Autorin Mieko Kawakami, von deren deutscher Erstveröffentlichung „Brüste und Eier“ der japanische Grossmeister Maruki Murakami meinte So grossartig, dass es mir den Atem raubt oder der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, der 2022 mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sein Heimatland verlassen musste und seither in Berlin lebt und mit blitzgescheiten und scharfzüngigen Büchern wie „Der grosse Gopnik“ zu Lebzeiten Putins wohl nie mehr einen Fuss in sein Heimatland setzen kann – um nur drei von einer langen Liste grosser Namen aufzuzählen. Wie jedes Jahr glänzen die internationalen Literaturtage in Kufstein im Tirol mit einem überzeugenden Mix aus grossen Namen, wichtigen Themen und Autorinnen und Autoren, denen die grosse Bühne endlich die Gelegenheit bietet, sich einem breiteren Publikum zu zeigen.

Mieko Kawakami © Yves Noir / Sprachsalz

Wer die Liste aller bisher ins Sprachsalz eingeladener Künstler*innen liest, ist schwer beeindruckt. Da findet sich fast alles, was ein literaturinteressiertes Herz in Wallung bringt. Erstaunlich, was das Team um den Festivalgünder, Autor, Komponist und Musiker Heinz D. Heisl seit fast einem Vierteljahrhundert aus dem Boden stampft; ein Fest der Literatur, ein Tummelplatz für all jene, denen die Literatur, das Buch, die Kunst, die Musik Türöffner zu etwas viel Grösserem sind, zu einer Welt, die all jenen verborgen bleibt, die bloss im Hamsterrad des Alltags rennen. So sehr sich der Inn in Kufstein von seiner abweisenden, distanzierten Seite zeigt, einem bewusst wird, wie bedrohlich gefährlich dieses milchig weisse Wasser werden kann, wie hoch die Mauern zu seiner Bändigung sind, so nah wird mir die Kunst, die Welt aus Leidenschaft, Poesie und Erzählkunst im Kultur Quartier, einer Festivallocation, die alles bietet, was ein Festivalpublikum braucht; stimmige Räume, in denen man sich dem Sound der Sprache hingeben kann, ein Festivalzentrum für Begegnungen, Gespräche, ganz nah einem leckeren Kaffee, einem guten Glas Wein. Da sitzt sogar einer an einer kleinen Hermes Reiseschreibmaschine und schreibt, tippt mit grünem Hut und seinem Zeigerfinger. Marco Kerler, Dichter aus Deutschland, schenkt jedem, der sich auf den Stuhl neben ihn traut, ein Poem, ein Gedicht, ein Unikat, witzig, hintersinnig, kitschig, romantisch, um es nachher, eine Treppe tiefer vor der Linse festzuhalten. Da wird Literatur zu einem Stück von mir. Ich nehme sie nicht nur in meinem Herzen mit nach Hause, sondern mir fast unmittelbar auf den Leib geschnitten.

Franz Hohler © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Wie ich ihn mag, den alten Mann, der mittlerweile leicht gebeugt, die Bühne besteigt und mit dem Alter ein sympatisches Weilchen braucht, bis er wie immer kluge Antworten gibt. Nicht nur für Schweizer ist Franz Hohler ein beinah kulturhistorisches Urgestein. Wenn er hinter dem Stehpult seine Geschichten vorträgt, dann strahlen Gesichter wie die von Kindern. Man applaudiert aus purer Freude. Franz Hohler ist ein Geschenk. Auch wenn sich der Künstler als Kaberettist zur Ruhe setzte: er weiss, wie er seine Texte in Szene setzen, wie es sich selbst als Instrument seinem überaus aufmerksames Publikum zuwenden muss.

Durs Grünbein © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

So ganz anders der Sprachkünstler Durs Grünbein, schon vor 30 Jahren mit dem bedeutensten Preis der deutsprachigen Literatur geehrt, dem Georg-Büchner-Literaturpreis, mit seinem Dresden-Epos „Der Komet“, einem Erinnerungsroman an seine Grossmutter, die die Vernichtung der Stadt im Februar 1945 erleben musste. Die Geschichte einer jungen Frau, die hoffnungsvoll in die grosse Stadt zieht, den Mann fürs Leben findet, um unter den amerikanischen Bomben, die die Stadt in Schutt und Asche legen, ihr Leben in Trümmern sieht. Ein Roman, der angesichts der Weltlage aktueller nicht sein kann.

Johan Harstad © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Johan Harstad besuchte Kufstein mit seinem fast 1200 Seiten schweren Roman „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, ein Schwergewicht der norwegischen Literatur, ein Roman zwischen den Zeiten, zwischen Coming-of-Age und Agenten- und Wissenschaftsgeschichte, ein Roman vom ganz Grossen und ganz Kleinen. Schade, dass am Festival auf der Bühne nicht mehr diskutiert und ausgetauscht wurde. Nicht nur den Besucher*innen des Festivals hätte sich noch viel mehr erschlossen. Auch den eingeladenen Künstler*innen wäre diese Auseinandersetzung mit ihren Büchern zu gönnen gewesen.

Weitere Gäste waren die vielfach ausgezeichnete Dichterin und Romanautorin Ulrike Draesner, Yannic Han Biao Federer mit zwei berührenden Romanen über Verlust, Hanspeter Düsi Künzler mit einem Roman zwischen Nikotin und Soul, der Wörterfabrikant und Vokabeljongleur Stephan Tikatsch und die Dichterin und bildende Künstlerin Erika Wimmer Mazohl.

Matthias Schönweger © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Der Südtiroler Matthias Schönweger, Aktionskünstler, Sprachjongleur, Literaturperformer beschliesst das diesjährige Festival. Ein Mann, dessen Leben ganz Kunst ist, dessen Aufritte jedesmal Inszenierung sind, der mit jeder Faser verspielte Lebensfreude ausstrahlt, dessen Bücher zu Kunstwerken, Nachzeichnungen seiner Gedankenwelt, Spielwiese seiner grenzenlosen Fantasie sind. Ein Mann, dem ich schon in seiner Heimatstadt Meran begegnete, dessen Herzlichkeit und Nähe sich unauslöschlich einbrannte. Sprachsalz zeigte den Film «MENSCH, msch!», der Einblicke in sein Schaffen, seine Archive und seine Denkbewegungen gewährt. Matthias Schönweger ergänzt mit einer seiner legendären Performances.
Sprachsalz 2025 war ein Ereignis! Mit viel Leidenschaft perfekt organisiert, volle Säle, zufriedene Gesichter. Ein prickeldes Vollbad in der Literatur. Schon jetzt ein Fixpunkt in meinem Kalender für den Frühherbst 2026.

Danke!

Viktor Jerofejew © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Titelfoto: Dacia Maraini © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Martina Clavadetscher «Die Schrecken der anderen», C. H. Beck

Martina Clavadetscher ist eine jener Autor*innen, die sich thematisch mit jedem Buch neu erfindet. In ihrem neusten Roman brennt sie ein Loch in die Gegenwart. Ein Loch in die Tiefen des Verdrängten, ein Loch in den Mief unter Oberflächen, ein Loch in die Selbstverständlichkeit.

Im Vorsatz des Romans steht ein Zitat des literarischen Grossmeisters helvetischer Literatur Friedrich Dürrenmatt: Die Welt ist grösser als ein Dorf: über den Wäldern stehen die Sterne. Nicht nur ein Zitat, sondern ein Patenspruch. Martina Clavadetschers Roman hat viel von Dürrenmatt’scher Dynamik. Man kann den Roman als einen clever konstruierten Kriminalroman lesen, wird doch schon auf den ersten Seiten ein Toter im Eis gefunden und ein schrulliger Beamter, den man für eine erste Beurteilung schnell an den Ort des Geschehens, mitten im zugefrorenen Ödwilersee, ordert, sitzt sonst in den Katakomben seines Polizeiarchivs.
Man kann den Roman aber auch als Psychogramm einer im Untergrund schwelenden Gesinnung lesen, einer Mannschaft, der Geld und Macht Recht zu geben scheint, die fest daran glaubt, dass die Zukunft mit dem Totengeld der Vergangenheit zu kaufen ist. Oder als kümmerlichen Befreiungsversuch eines in Traditionen und Generationen gefangenen Schwächlings und seiner kontrollsüchtigen greisen Mutter, die den Schatz aus einer unrühmlichen Vergangenheit ins Trockene bringen will, um jeden Preis.

Martina Clavadetscher «Die Schrecken der anderen», C. H. Beck, 2026, 333 Seiten, CHF 34.00, ISBN 978-3-406-83698-5

Martina Clavadetscher baut nicht nur auf mehreren Ebenen eine Geschichte, sie inszeniert. Vielleicht spürt man hier die Theaterfrau, die genau weiss, wann es den Blick auf die Totale braucht und wann den Fokus auf Details. Schibig, den man aufs Eis des Ödwilersees schickt, nimmt die Spur auf, obwohl es in der Folge gar nicht seine Aufgabe wäre und die Polizei den Fall mit genügsamen Erklärungen vorschnell ad acta legt. Schibig verbeisst sich. Vielleicht auch wegen der Alten auf dem Campingplatz am Ufer, die ziemlich schnell klar macht, dass sie viel mehr weiss, als sie mit Bemerkungen preis gibt, dass da etwas schon lange auf kleiner Flamme kocht und ein ganz persönlicher Rachefeldzug Genugtuung will. Schibig und die Alte werden zu einem Duo, jeder vom andern gleichermassen angezogen wie verunsichert, beide sicher, dass unter dem Eis noch viel mehr verborgen ist als bloss ein einziger Toter.

Wenn Verbrechen wie hierzulande seit Jahrhunderten ununterbrochen und in Zeitlupe begangen werden, wenn der grosse Akt des Bösen sich in unzähligen kleinen, zögerlichen, ja geradezu nichtig erscheinenden Momenten vollzieht, dann wird die Menschheit getrost dabei zuschauen, ohne dahinter Schlimmes zu vermuten, ohne es zu sehen, was tatsächlich geschieht – es geschieht zwar vor aller Augen, aber niemand erkennt es als das, was es wirklich ist. Eine barbarische List.

Nicht weit vom Ödwilersee wohnt Kern mit seiner Frau Hanna. Kern ist Sohn eines Industriellen, der während des Weltkriegs mit Verbindungen zu den Nationalsozialisten zu Reichtum und Beziehungen gekommen war. Ein Imperium, das vom Glanz vergangener Zeiten lebt und das zu sterben droht, weil es Kern nicht gelingen will, seine Frau Hanna mit einem Stammhalter zu bestücken. Die Ehe ist längst erkaltet. Hanna sucht sich das Glück ausserhalb. Und über allem thront die Mutter Kerns. Über allem ganz wörtlich, denn sie haust in ihrem Zimmer unter dem Dach der Villa, greise und krank, betreut von immer und immer wieder wechseldem Pflegepersonal, weil die alte Frau nicht nur ein Drachen im Haus ist, sondern Wächterin über einen schlummernden Vulkan, der dereinst seine heisse Glut über dem ganzen Land ausspeien soll, um eine neue Ordnung zu erzwingen.

Dulden ist die scheinheiligste Form von Verbrechen.

Dass der Reichtum unseres Landes, die Konten unserer Banken noch immer mit dem Geld jener gefüllt sind, die während der Herrschaft Hitlers mit dem Leben bezahlen mussten, ist längst kein Geheimnis mehr. Trotzdem wird es allzu leicht vergessen. Schon allein mit der Tatsache, dass antisemitisches und nationalistisches Gedankengut kein Unding mehr zu sein scheint und die Krise im Nahen Osten Tür und Tor öffnet, um lange Moderndes in die Atmosphäre zu speien. Während und nach dem Tausendjährigen Reich und dem Schrecken eines Weltkrieges wurde unsäglich viel Reichtum in die Schweiz verschoben oder auf Konten, die einen ganz anderen Zweck signalisierten. Nicht nur, um Finanzkraft in Sicherheit zu bringen, sondern um all jenen eine Zukunft zu ermöglichen, die mit dem Ende des Naziregimes gezwungen waren unterzutauchen – oder noch viel schlimmer; darauf hofften, irgendwann wie Phönix aus der Asche zu steigen.

Martina Clavadetschers Roman „Die Schrecken der andern“ tarnt sich als Krimi, ist aber viel mehr. Nicht zuletzt eine scharf gezeichnete (manchmal wohl auch bewusst überzeichnete) Anlayse einer Welt unter der Postkartenidylle. Wir wissen, dass der Drache lauert, und dass kein Kissen reicht, um das Böse zu ersticken.

Martina Clavadetscher geboren 1979, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Nach ihrem Studium der Deutschen Literatur, Linguistik und Philosophie arbeitete sie für diverse deutschsprachige Theater, war für den Heidelberger Stückemarkt nominiert und zu den Autorentheatertagen Berlin 2020 eingeladen. Für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» wurde sie 2021 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sie lebt in der Schweiz.

mehr über und von Martina Clavadetscher auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ingo Höhn

Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge

Eine Liebesgeschichte, nicht nur eine. Eine Abschiedsgeschichte, existenzielle Ängste, ein Toter und mit „Schweizweh“ ein Buchtitel, der all jene trigert, die sich an diesem Land und seinen „Eingeborenen“ reiben. Karin Antonia Mairitsch zeigt mit ihrem Debüt Sprachkraft, Mut und einen präzisen Blick auf den Nerv der Zeit.

Es mag ein Schachzug gewesen sein. Zumindest bei mir hätte er funktioniert: Eine gebürtige Österreicherin schreibt einen Roman mit dem Titel „Schweizweh“. Man muss nicht hergezogen sein, eingewandert oder als Flüchtling hier leben, um Schmerzen zu lokalisieren. Aber wenn eine Schriftstellerin, Künstlerin und Hochschulrektorin, die in Klagenfurt/Österreich zur Welt kam und schon lange in der Schweiz lebt und wirkt, mit 57 ihr literarisches Debüt schreibt und das Buch mit „Schweizweh“ betitelt, dann reizt mich das. Nicht weil ich eventuelle Kritik am Land und den Einheimischen nicht tolerieren würde, ganz im Gegenteil, sondern weil mich der differenzierte Blick von aussen interessiert. Denn Unterschiede zwischen Kärnten und der Schweiz gibt es unzweifelhaft. Ich bin seit über vier Jahrzehnten mit einer Kärntnerin verheiratet, die mit der Heirat ihre Heimat hinter sich gelassen hatte. 700 Kilometer Distanz – mit den Alpen dazwischen.

Aber „Schweizweh“ ist keine Anklage, keine Abrechnung. Es sind die Geschichten einer Handvoll Menschen, die in der durchorganisierten, dem Perfektionismus verschriebenen Land ihre Schmerzen lokalisieren, die nach ihrer Heimat, ihrer Zugehörigkeit fragen, die nicht zuletzt mit der Angst leben, aus einem leistungsorientierten System zu fallen.

Jonathan hat eine schwierige Zeit hinter sich. Er begleitete seine Frau bis in den Tod, vermisst sie, je mehr seine eigene Existenz ins Wanken gerät. Er verlor seinen Job mit dem Gefühl, von seinem Chef hinausgemoppt worden zu sein. Ein Job, den er mochte. Endlich eine Stelle, in der er Zukunft gesehen hätte. Eine Entlassung, die ihn zu tiefst verunsicherte, spürte er doch zu Beginn seiner Arbeit beiderseitige Sympathie – vielleicht sogar mehr. Und da gab es auch noch Hélène, die Frau, die nach dem Tod seiner ersten Frau in sein Leben getreten war. Die er mochte, aber wahrscheinlich nicht liebte. Eine Beziehung, die scheiterte. Und er ist gebürtiger Österreicher, glaubt, in sich einen etwas anderen Takt zu spüren, als jener, der in der Schweiz vorherrscht, kann das, was er an Heimatgefühlen in sich spürt, wenn er nur schon an seine Grossmutter denkt, nicht so einfach wegstecken. Jonathan braucht Distanz und nimmt sich eine Auszeit in der Türkei. Nicht um Ferien am Strand zu machen, sondern um sich klar zu werden, wohin es gehen sollte. 

Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge, 2025, 256 Seiten, CHF 26.00, ISBN 978-3-7084-0684-8

Ausgerechnet in der Zeit, in der Jonathan in den Ort in der Türkei eintaucht, Beziehungen zu knüpfen beginnt, denn er spricht wegen einer ersten grossen Liebe leidlich türkisch, liegt eines Morgens ein toter Mann vor Jonathans Stammcafé. Polizei, Presse und alle, die dort wohnen, beginnen mit Spekulationen und weil die Polizei schnell einen Schuldigen lokalisieren muss und ein mögliches Täterprofil auf Jonathan zu passen scheint, gerät dieser in die Mühlen der türkischen Polizei, in einer Zeit, in der die Sicherheitsorgane des Landes eh schon in Alarmbereitschaft sind und sich vor ausländischer Einmischung fürchten. Jonathan landet in Untersuchungshaft, wochenlang ohne Kontakt zur Aussenwelt.

Gleichzeitig erzählt Karin Antonia Mairitsch von Sophie. Ihre Frau, ihre Lebenspartnerin liegt im Sterben. Sophie nimmt in kleinen und grossen Schritten Abschied von ihr, begleitet sie, in den letzten Tagen zusammen mit dem Bruder ihrer Frau. Sophie, die sich nicht nur mit dem langsamen Sterben ihrer Partnerin konfrontiert sieht, sondern auch mit einer Sinnsuche in dem, was sie bisher als ihre Berufung, ihren Beruf sah, in einem Zustand des Aufbruchs ohne zu wissen, wo all das hinführt, was jetzt eine andere Richtung nimmt. Ein Weg, den Sophie irgendwann zu Jonathan führt.

Was diesen Roman speziell macht, ist seine Sprache und seine Architekur. Da schreibt eine Künstlerin, die es in ihrer Tätigkeit als bildende Künstlerin gewohnt ist, ihr Denken in Worte zu fassen, sehr oft in unkonventionellen Bildern, Sichtweisen, die erstaunen. Aus keiner Schreibschule. Der chronologisch erzählte Roman lebt von schnellen Schritten, hüpft von Perspektive zu Perspektive, zeigt, wie grundverschieden Protagonisten ihr Leben lesen, Entscheidungen fällen. Manchmal sind Abschnitte nur einen Satz lang und dann blendet der Scheinwerfer wieder aus einer anderen Richtung, nie verwirrend, stets vielstimmig.

Karin Antonia Mairitsch ist ein beeindruckendes und kunstvolles Debüt gelungen, das viel Aufmerksamkeit verdienen würde!

Interview

Er wollte sich die Liebe von der Seele schreiben, heisst es von Jonathan. Das wollten auch Sie. Sie schreiben über Liebe, aber auch von den Bedrohungen der Liebe; dem Tod, dem Erkalten, dem drohenden Vergessen, der Hektik, der Selbstoptimierung… Und doch schwingen dermassen viele innige Schilderungen, Liebeserklärungen in Ihrem Buch. Sie schaffen es eindrücklich, ehrlich und ganz nah zu bleiben. Nichts wirkt abgedroschen. Liebe und Tod, die zwei grossen Themen der Literatur. Gab es Leitplanken, Grenzen, die Sie nicht überschreiten wollten?

Ja, es gab Grenzen. Solche, die ich nicht überschreiten wollte und solche, die uns die Sprache setzt. 
Erstere betrifft all die Qualitäten von Liebe, Beziehung und Begegnung, die genau nur der geliebten (oder befreundeten) Person zufliessen können. Sie sind unwiederbringlich und nicht teilbar mit Dritten; in einer Weise entgrenzt, die für Aussenstehende unzugänglich bleibt. So beständig wie sie flüchtig sind, so fest wie flüssig, so leise wie laut, so verhaftet in uns selbst wie in der anderen Person, so unbeschreiblich verlebendigt bleiben diese Qualitäten und erst recht ihre sprachliche Fassung bei den Liebenden (oder Befreundeten) – im Leben, und über das Irdische hinaus. Ein Versprechen, das sich die Liebenden gegeben haben, mehr noch: ein Band, das nicht durchschnitten wird. 

Jene Grenzen, die uns die Sprache setzt, oder genauer: die mir die meine setzt, betreffen all jene Emotionen, die frau artikulieren möchte und doch nicht kann. Schmerz oder Trauer zum Beispiel. Sie lassen sich nicht einmal annähernd so in Worte kleiden, wie diese Empfindungen uns zu erschüttern vermögen. Liebe und Tod sind die grossen Themen der Literatur, weil sie sich ihrer sprachlichen Fassung im Grunde doch entziehen. Und so sehr wir uns mühen, so offen und ehrlich wir in uns hineingraben und wühlen, ringen um Worte und ihre Kraft, so werden wir am Ende nicht erschöpfend ausgedrückt haben, was die Liebe und der Tod in unseren Leben bewegt hat. Mit diesem Phänomen setze ich mich immerfort auseinander und schrieb 2020 in «Helmi Vent – Lab Inter Arts»: «Die Sprache ist fremdkörperlich. Sie ist niemals das Denken selbst. Und auch nicht das Fühlen. Sie ist der Versuch, mich dir mitzuteilen, dir mitzuteilen, was ich denke oder fühle oder bin oder tue. Und das beschreibend gibt sie ihr Bestes. Sie bleibt experimentell.» (Mairitsch 2020, S. D. 95)

Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.

DES SCHWEIZERS ART, SICH DEM PHÄNOMEN ZUNEIGUNG ZU NÄHERN © Karin Mairitsch
Mischtechnik auf Papier 72×25cm, Luzern Schweiz 2013, Serie

Liest man die Kapitelüberschriften, dann klingt es nach Lyrik, nach Poesie. Auch im Text gibt es Passagen, die an lyrische Prosa erinnern. Kam das gewollt oder war es Intuition?

Wenn ich vorhin von jenen Grenzen sprach, die durch die Herausforderung gesetzt sind, uns mittels Sprache hinlänglich auszudrücken, folgt entweder die (zuweilen durchaus hilflose) Schweigsamkeit oder eine Form der künstlerischen Artikulation, die sich jenseits des Anspruchs auf exakte Be-Zeichnung oder verbale Deutungshoheit oder narrative Vermessung und erzählerische Folgerichtigkeit auszudrücken vermag. Die Lyrik, die Poesie sind für mich jene künstlerisch-sprachlichen Ausdrucksformen, die uns «ermuntern, vom Wissen ins Gefühl zu kommen, um dort, im Gefühl, wissend zu werden» (vgl. Mairitsch 2020, S. D. 93). In diesem Sinne müssen sie nicht immer verstanden werden, sie sind offen gegenüber erzählerischen Möglichkeits- und Vorstellungsräumen und können sich weiten, bis sie verstanden sind. 

Für mich ist dieser Zugang daher weder eine Frage des Willentlichen noch des Intuitiven. Es ist vielmehr der Versuch, den Raum zu weiten für das Mögliche, das Vorstellbare, das Unaussprechliche und Unbekannte in uns; ein Findungsfeld, das sich mit jedem Lesen neu konstituieren, neu erfinden und entfalten kann. Lyrik war im Übrigen mein erster Zugang zur Literatur und zum Schreiben. Ich kehre gerne in diese Beheimatung zurück: «mMan spricht, worin man gewachsen ist. Wir können nicht behaupten, in der Sprache erwachsen zu sein. Wir altern mit ihr und lernen noch. Bestenfalls sind wir in ihr beheimatet.» (Mairitsch 2020, S. D. 92)

Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.

Es sind nicht so sehr die Personen, die im Vordergrund stehen, sondern die grossen Fragen des Lebens: Wohin geht mein Weg? Wo liegt meine Erfüllung? Wie wird Liebe? Was bleibt von ihr? Wie begegne ich dem Tod? Wie kann ich in meinem Herzen behalten, was Liebe ausmacht? War das Schreiben eine Selbstvergewisserung?

Ein Selbst muss sich nicht vergewissern – es ist. Und es ist viele. Weswegen mein Schreiben keine Selbstvergewisserung ist, sondern Da-Sein ist. In diesem Sinne eröffnet das Schreiben vielgestaltige Möglichkeiten, ein Leben und sein Vieles zu durch-leben.    

SUCHE SCHWEIZ © Karin Mairitsch
Mischtechnik auf Papier 136.5×26cm, Luzern Schweiz 2012, Serie

Es greifen viele Themen ineinander. Manchmal scheint es, als würde ein Thema überhandnehmen, um sich dann wieder in den Hintergrund zu ziehen. Es hätte ein Kriminalroman werden können, ein Gefängnisroman, ein politischer Roman, ein Burnoutroman… Aber es ist in erster Linie ein Liebesroman – wenn auch weit weg von Üblichen, Lichtjahre weg vom Kitsch, aber mit grosser Empathie geschrieben. Drohte nie die Gefahr, die Übersicht zu verlieren? Können Sie etwas erzählen über den Schreibprozess?

In der Tat gab es Momente, in denen es herausfordernd war, die Übersicht zu behalten. Meistens, wenn eine neue Figur den Roman betrat und ich mich zunächst dieser Figur annähern musste, um ihr Da-Sein zu erkunden. Einer der irritierendsten Momente war sicherlich das Auftauchen der Leiche am Strand. Das kam früh, sehr überraschend und blieb lange rätselhaft – denn wenn ich eines nicht wollte, dann einen Kriminalroman schreiben. Schreibend durfte ich erfahren, dass die Verschränkung aller Protagonist:innen und deren Schicksale einen Angelpunkt – eben die Leiche am Strand – brauchte und dass das Erzählen zur Conditio sine qua non wird, um die Verbundenheit mit sich, der Welt und allen Menschen erfahrbar zu machen.  

Womit ich verraten habe, dass ich, die ich normalerweise planvoll und konzeptionell gefestigt vorgehe, bei diesem Roman keinem durchgängigen Konzept folgte, das ich vorab zurechtgelegt und das die Charaktere wie auch die Handlungsstränge definiert hätte. Das Konzept erarbeitete ich zu einem späteren Zeitpunkt und kam bei der Einreichung zum Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung zum Tragen1. Vielmehr begann das Schreiben unvorhergesehen, einzig gekoppelt an die Idee der Gleichzeitigkeit von Ereignissen und der Verbundenheit von allem und jedem, und endete erst mit dem Ende, das ebenso unvorhersehbar eintrat. Mein exploratives Schreiben ins scheinbar Ungewisse verstehe ich dennoch nicht primär als einen intuitiven Prozess. Es ist für mich eher die Erkundung dessen, was ist, das seine Denkform und sprachliche Ent-Äusserung noch sucht. 

1 Das Manuskript »Schweizweh« wurde 2020 mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung ausgezeichnet.

In der Architektur Ihres Romans wählten Sie eine recht eigenwillige Struktur: Chronologisch, aber immer wieder aus verschiedenen Perspektiven, so dass man Ansichten ganz unterschiedlich gespiegelt las. War diese Form schon von Beginn weg klar oder drängte sie sich während des Schreibens auf?

Diese Form war schnell, fast von Beginn an klar. Bei all der Gleichzeitigkeit von Ereignissen erhoffte ich mir mit der Chronologie eine gewisse Nachvollziehbarkeit. Durch die verschiedenen Perspektiven, Ansichten und Wahrnehmungen, ja, auch durch Wiederholungen und Neu-Kontextualisierungen entfaltet sich eine Vielschichtigkeit, die mir wichtig ist: Ein Leben hat viele Schichten, hat Wiederholungen, Umwege und Wendungen, die sich nicht so einfach preisgeben. Sie wollen durchschritten, oder in diesem Falle: entschieden werden.

Sie sind bildende Künstlerin. Wie weit half Ihnen Ihre künstlerische Arbeit sonst? Ist Schreiben nicht das lange, filigrane Malen auf eine Grossleinwand?

Mit dem künstlerischen Prozess und einem visuellen Ausdrucksrepertoire vertraut zu sein, hilft sehr: So, wie sich in meinem Œuvre seit jeher viele Werke mit Sprache, lyrischen Titeln und Textminiaturen finden1 und ich mit altmeisterlicher Schichtentechnik2, gestischer Abstraktion3 sowie gegenständlicher bzw. figürlicher Malerei und Zeichnung4 vertraut bin, so zeichne und male ich umgekehrt auch beim Schreiben in Schichten und Gesten, setze Striche, lasse Weissraum und trage dramatisch pastos zuweilen sanft transparent auf. Insofern würde ich mich selbst nicht als «bildende Künstlerin» oder «Autorin» bezeichnen, denn ich bin beides und einiges mehr – doch mit der bildenden Kunst auch schreibend und mit dem Schreiben auch zeichnend und malend. 

Interessant sind die prozessualen Parallelitäten: 

  • Erst wenn der Titel (des Werks, der Ausstellung, des Buches) bekannt ist, beginnt das visuelle Gestalten bzw. das Schreiben. 
  • Die weisse Fläche zu Beginn ist stets eine Hürde, die einfühlende Überwindung braucht. 
  • Der erste Pinselhieb, der erste Strich, der erste Satz sind ent-scheidend und be-stimmend für das Ganze und Folgende. Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen, dass diese ersten «Gehversuche» nicht passen oder nicht stimmig sind, wird radikal verworfen und der Papierkorb (ein wichtiges Werkzeug im Künstlerischen!) bemüht. 
  • Wenn es zum künstlerischen Vorhaben ein Konzept gibt, dann rudimentär und ergebnisoffen. 
  • Der Prozess lebt von Verwerfungen, Umwegen, Unvorhergesehenem und Überraschungen. Letztlich werden es diese Ereignisse sein, die den Prozess beleben und den Spannungsbogen erzeugen.
  • Denken (im Sinne von Zurücktreten, Analysieren und Bewerten, im Sinne von Vordenken und Entwerfen) und nicht-denkend Tun wechseln einander ab. 
  • Das Ende (der Erzählung, des Werks, etc.) ist eine bewusste Ent-Scheidung.

Karin Antonia Mairitsch, geboren 1968 in Klagenfurt, Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Promotion an der Kunstuniversität Linz, ist bildende Künstlerin, Gestalterin, Kuratorin, Dozentin, Autorin sowie Herausgeberin einiger Fachbücher im Bereich Medien, Gesellschaft und Kunst. «Schweizweh» ist ihr Romandebüt. Karin Mairitsch kann auf eine rege internationale Ausstellungs- und Performancetätigkeit zurückblicken. 2020 etwa hat sie das Mehrjahresprojekt l21 kuratiert. 2019/2020 wurde sie mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung und 2020 mit einer Nominierung für den Luzerner Werkbeitrag in der Sparte Freie Kunst ausgezeichnet.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © Sam Khayari

Jacob Strautmann «A conversation in poetry and paint», Plattform Gegenzauber

Seit 2021 stehen die in Frankfurt lebende Eva Strautmann und der in Boston lebende Jacob Strautmann in einem kontinuierlichen Dialog und schaffen Gemälde und Texte, die sich mit der Arbeit des jeweils anderen, der Natur und der Politik ihrer jeweiligen Länder auseinandersetzen.

Die hier präsentierten Gedichte sind Teil einer Sammlung von über 40 Gemälde-Gedicht-Kombinationen, und ihre Arbeit wird fortgesetzt. Mit der Übersetzerin Kassi Burnett kann ihr Gespräch nun auf zwei Kontinenten «mitgehört» werden:

Goldene Pferde 35, Eva Strautmann

Past Self 

       after Goldene Pferde 35
       by Eva Strautmann

In the country
I was a fish

In green water
Lazy shade

Of rock and trunk
Creek worship

Plash of hoofs
Tongue and muzzle

When a blue hand
Circleted plucked

By the tail lifted me
Out of the whispering

Reflection grass
In the moonlight

To a slab of sandstone
Surprised the air a blade

I am an address
In the city now

I cross bridges
And speak bluntly

A draftsman’s pen
Drew vowels

Struts to box
Them in truss pylon

Piers evenly spaced
Red and green lights

Where all is movement
Prophecy but small

Horses here
Wear collars

Stand in boredom
As traffic passes

 

Vergangenes Ich 

       nach Goldene Pferde 35
       von Eva Strautmann

Auf dem Land
War ich ein Fisch

Im grünen Wasser
Träger Schatten

Von Fels und Stamm
Bach-Anbetung

Plätschern der Hufe
Zunge und Nüstern

Als eine blaue Hand
Mich kreisend pflückte

Am Schweif mich hob
Aus dem Geflüster

Spiegelgras
Im Mondschein

An einer Platte aus Sandstein
Überraschte die Luft – eine Klinge

Ich bin eine Adresse
Nun in der Stadt

Ich überquere Brücken
Und spreche unverblümt

Der Stift eines Zeichners
Zog Vokale

Streben, sie einzuschließen
Im Fachwerkpylon

Pfeiler gleichmäßig verteilt
Rote und grüne Lichter

Wo alles Bewegung ist
Prophezeiung nur klein

Pferde hier
Tragen Halsbänder

Stehen gelangweilt
Während Verkehr vorbeifließt

 

Goldene Pferde 25, Eva Strautmann

Marriage Photo 

       after Goldene Pferde 25
       by Eva Strautmann

I can’t keep up with our garden any longer,
Let the deer have it. I want to sit on the porch

And listen to your jokes, watch the shadow
Of the leaves feather your feathery hair.

In the backyard the horses stamp the ground,
Hungry, demanding one of us gets up first.

Neither of us will go.

 

Hochzeitsfoto

       nach Goldene Pferde 25
       von Eva Strautmann

Ich komme mit unserem Garten nicht mehr nach,
Sollen ihn doch die Rehe haben.
Ich will auf der Veranda sitzen

Und deinen Witzen lauschen, beobachten,
Wie der Schatten der Blätter
Dein Haar federnd befiedert.

Im Hinterhof scharren die Pferde den Boden,
Hungrig, fordernd, dass einer
Von uns zuerst aufsteht.

Keiner von uns wird gehen.

Goldene Pferde 29, Eva Strautmann

Constituents Jacob Strautmann

       after Goldene Pferde 29
       by Eva Strautmann

The meeting was mostly cheerful,
    The Chief was mostly kind.
Rain on the streets pours gray in the quay.
    A housefly lingers on a black armband.

Whistles and taxis, a text from the train,
    Traffic in pastures and swingsets wet –
Across the river, a short match is lit,
    Lords of the art of the balance sheet

Surrender least for least:
     And what of Summer’s Bounty?
In chain and asphalt, orange trees
     Clasp de facto sovereignty.

The zoo and stables at half-past two,
    The library building, the tenement:
News is a bone stuck bare in a throat.
    A barman nods and pours his pint.

Legions rebelled, the Great Hall declined,
    Ragweed, a rock ledge in the wind:
The meeting was mostly cheerful,
    The Chief was mostly kind.

 

Beteiligte Kassi Burnett

       nach Goldene Pferde 29
       von Eva Strautmann

Die Versammlung war meist heiter,
    Die Chefin war meist gütig.
Grau strömt Regen auf den Straßen zum Kai.
    Eine Fliege ruht auf einem schwarzen Armband.

Pfeifen und Taxis, eine Textnachricht aus dem Zug,
    Verkehr auf Wiesen und Schaukeln, nass –
Jenseits des Flusses ein kurzes Streichholz entzündet.
    Herren der Bilanzkunst.

Das Geringste dem Geringsten überlassen:
    Und was ist von Sommers Fülle?
In Ketten und Asphalt ergreifen Orangenbäume
    De facto die Herrschaft.

Zoo und Stallungen um halb drei,
    Bibliotheksgebäude, Mietshaus:
Nachrichten sind Knochen, bloß im Hals verkeilt.
    Ein Barmann nickt und schenkt sein Bier ein.

Legionen rebellierten, die Große Halle zerfiel,
     Brennnessel, ein Felsvorsprung im Wind:
Die Versammlung war meist heiter,
    Die Chefin war meist gütig.

 

Jacob Strautmann ist Autor zweier Gedichtbände: «The Land of the Dead Is Open for Business» (2020) und «New Vrindaban» (2024), beide bei Four Way Books. Seine Gedichte erschienen im Boston Globe, im Appalachian Journal, in „On the Seawall“, im Agni Magazine und in „Blackbird“. Er arbeitete in den Bereichen Theater, Verwaltung und Kommunikation an der Boston University, wo er 20 Jahre lang auch Kreatives Schreiben lehrte. Derzeit arbeitet er an einem Gedichtmanuskript, das sich mit der Kunst von Eva Strautmann auseinandersetzt.

Webseite des Autors

Kassi Burnett promovierte in Germanistik an der Ohio State University und absolvierte ein Fulbright-Forschungsstipendium am Rachel Carson Center der LMU München. Ihre Forschung verbindet Umwelt- und Disability Studies mit zeitgenössischer deutschsprachiger Literatur. Publikationen von ihr erschienen in Oxford German Studies, Non Fiktion und Studies in the Humanities. Sie unterrichtete Deutsch an der Ohio State University, der Denison University und der Middlebury Summer Language School. Zusätzlich zu ihrer akademischen Arbeit veröffentlichte sie journalistische und literarische Texte, u. a. in The Columbus Dispatch und Simplicissimus (Harvard). Heute arbeitet sie als Softwareentwicklerin in Atlanta, Georgia, und beschäftigt sich weiterhin mit Literatur und Übersetzung.

Beitragsbild © Jacob Strautmann