Hansjörg Schneider „Kind der Aare“, Diogenes

Ein Unikat der CH-Literatur feierte im März seinen 80.! Zu seinem Geburtstag macht er seinen Leser*innen und mir seine Autobiografie „Kind der Aare“ zum Geschenk. Zum ersten Mal begegnete ich Schneiders Werk, als man 1981 (Ich war 19!) den Fernseher ausschaltete, als bei der Ausstrahlung des Theaterstücks „Sennentuntschi“ nacktes Fleisch und rohe Lust unübersehbar wurden. Ich ging zu Bett, meine Lust auf Hansjörg Schneider aber war geweckt! 

In seiner unaufgeregt erzählten Autobiografie schreibt der mit seinen Hunkeler-Krimis zur Krimi-Ikone gewordene Schriftsteller und Dramatiker von seiner Kindheit und Jugend in der sanften Landschaft der Aare bis zu seinen Grosserfolgen mit der Figur Hunkeler, die mit dem 2015 verstorbenen Schauspieler Mathias Gnädinger zu einer Identifikationsfigur wurde.

„Ich habe geschrieben, was ich schreiben wollte.“

Warum sich 340 Seiten antun, wenn seine Prosa und Theaterstücke mitreissend und entlarvend sind und keiner Erklärung bedürfen? Hansjörg Schneiders Leben als mittlerweile längst etablierter Schriftsteller verlief alles andere als geradlinig. Wer den Autor schon einmal getroffen hat oder gar mit ihm zu tun hatte, ahnt, wie wenig sich dieser um Konventionen und Schein schert. Hansjörg Schneiders Auftreten ist direkt, eigenwillig, durchaus schüchtern und manchmal gut schweizerisch hölzern. Seien es die obligaten Bauernhemden ohne Kragen oder Schuhe mit Klettverschluss, träfe Sprüche oder die kantigen Figuren, die er mit seinen Geschichten lebendig werden lässt. So wenig, wie sich Hansjörg Schneider um Künstlichkeit bemüht, so sehr ist sein Schreiben Resultat genauer Beobachtung und erfrischender Bodenhaftung. Und noch viel mehr!

“Ich bin stets ohne Sauerstoff getaucht. Ich brauche kein Hilfsmittel ausser der Brille, ich war mir Fisch genug.“

Hansjörg Schneider ist ein Mann des Wassers. Vielleicht ist mir deshalb keines seiner Werke so sehr in Erinnerung geblieben und eingeritzt wie der Roman „Das Wasserzeichen“. Die Geschichte von Moses Binswanger, der mit einer kiemenartigen Öffnung zur Welt kommt und sich immer wieder wässern muss. Die Geschichte eines schwierigen Lebens unter Menschen, vor denen sich Moses immer mehr zurückziehen muss. Erst recht, als die Liebe die Frauen mit ihm ins Wasser zieht.

So wie der Autor aus dem Land der Aare kommt, jenem Fluss, der bei  Zusammentreffen mit dem Rhein seinen Namen verliert, obwohl sie meist mehr Wasser mit sich führt als ihr „Bruder“, so ist sein Schreiben und seine Herkunft mit dem Wasser verbunden, seien es die „Wasserzeichen“ in meinem Lieblingsroman oder die am Rhein spielenden Hunkeler-Krimis.

In seiner mit Witz und Schalk geschriebenen Autobiografie erzählt Hansjörg Schneider nicht nur von seinem Werdegang, sondern auch von den kleinen und grossen Demütigungen eines Schreibenden, der in keine Schublade passt, sich nicht in die Reihe der Intellektuellen einschleichen will und Theater schreibt, die sich keiner Modeströmung unterwerfen. Dass er damals mit seinem Theaterstück „Sennentuntschi“ einen Mehrfachskandal auslöste, zuerst im Theater und später im Fernsehen, ist nicht das Ergebnis eines wirklichen Skandalstücks, sondern der allgemeinen Prüderie.

Hansjörg Schneider, der früh seine Mutter verlor und sich einer übermächtigen Vaterfigur zu stellen hatte, der mit seiner Frau seine grosse Liebe fand und sie durch Krankheit und Tod wieder verlieren musste, erzählt aus seinem Leben, breitet nicht aus, wühlt nicht in Wunden, auch wenn der Zorn zuweilen aufblitzt. „Kind der Aare“ ist eine Hommage an eine verschwundene Welt. Das Schicksal aller, die alt werden und dabei nichts von ihrem scharfen Blick einbüssen. Bei der Lektüre fast schwarz-weiss, mit viel Bakelit und Stimmen und Bildern, die auch zu meinen Erinnerungen gehören. Hansjörg Schneider schlägt an und es schwingt mit.

Hansjörg Schneider liest anlässlich der 40. Ausgabe der Solothurner Litereraturtag an der Aare, seinem Fluss. Das Literaturfest findet vom 11. bis 13. Mai statt.

Hansjörg Schneider, geboren 1938 in Aarau, arbeitete nach dem Studium der Germanistik und einer Dissertation unter anderem als Lehrer, als Journalist und am Theater. Mit seinen Theaterstücken war er einer der meistaufgeführten deutschsprachigen Dramatiker, seine ›Hunkeler‹-Krimis führen regelmässig die Schweizer Bestsellerliste an. 2005 wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Er lebt als freier Schriftsteller in Basel und im Schwarzwald.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Michael Hugentobler „Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte“, dtv

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert „verabschiedet“ sich Hans Roth aus dem schweizerischen Schöndorn, um 1898 als Louis de Montesanto in London weltberühmt zu werden mit seiner sensationellen Lebensgeschichte. Michael Hugentobler zeichnet aber nicht einfach die Lebenssituationen eines Sonderlings nach. Er stellt Fragen, die nicht nur der Literatur gestellt werden, sondern dem Leben, der „Wahrheit“.

1898 tauchte in London ein Mann auf, der dort eine absurde und bizarre Geschichte erzählte, wie er dreißig Jahre lang unter Aborigines in Australien gelebt habe. Sein Reisebericht wurde unter dem Titel ›Adventures of Louis de Rougement‹ sogar zum Bestseller. Michael Hugentobler schreibt in einem Interview, wie er den Mann sofort ins Herz schloss. «Nicht weil er ein Lügner war, lügen kann jeder, aber nicht jeder kann mit so viel Phantasie lügen.»

In seinem Roman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» erfindet Michael Hugentobler die Geschichten von Louis, der sich in seinem Roman «de Montesanto» nennt, neu. Die verrückte Lebensgeschichte eines kleinwüchsigen Wallisers, der in seiner Heimat nichts zustande bringt, zuerst bei einem Pfarrer Asyl erhält und dort «die Kunst, Wörter zu schreiben und sie zu lesen» zu lieben beginnt. Damals noch Hans Roth reist der junge Mann aber bald weiter, treibt sich während Jahren durch Dörfer, mal als Erntehelfer, Sattler, Tischlergehilfe oder Kartoffelschäler in einem Keller. Von vielen ge-hänselt treibt es ihn immer weiter, bis er in den Dienst der Schauspielerin Emma Campbell tritt, die ihn mit nach Paris nimmt, bis Hans unter dem Triumpfbogen die «Erleuchtung» kommt und er sich zu Louis de Montesanto macht.

Louis wird Butler eines Schweizer Bankiers und später Bediensteter von Sir William Stevenson, einem britischen Gouverneur auf einer Reise nach Australien. Aber dort wächst die Gewissheit, er würde so sein Leben damit verbringen, anderen zu dienen. Dies sei eine Form der Sklaverei, auch wenn sie bequem sei und ihn sättigte. Es treibt ihn weiter, zusammen mit seinem Colt Dragoon. Louis der Montesanto wird glückloser Kapitän auf einem Perlenfischerboot, strandet und verliert sich an der Küste Australiens, wo er von Aborigines «aufgenommen» wird und Jahre bei ihnen verbringt. Louis wird Vater zweier Kinder, verlässt die Ureinwohner genauso wie seine Familie, seine Kinder und landet irgendwann ausgezehrt und mit wilden Abenteuergeschichten in der Londoner High society, die nur darauf wartet, bis erkaltete Sensationen durch neue ersetzt werden.

Im zweiten Teil des Buches macht sich die Tochter Old Lady Long auf die Suche nach dem Grab ihres Vaters Louis de Montesanto, trifft ihren Bruder in einem mit Efeu überwachsenen Haus. Eine Suche nach einer Familie.
Und viele Jahre später ein Schweizer Journalist, aber nicht wie Old Lady Long mit einem Plan, sondern einem «unbestimmten Gefühl folgend».

Louis de Montesantos einziger Besitz, sein einziges Kapital, sind seine Geschichten, die er mit Phantasie aufzublasen weiss. Während 1898 die London Times titelt: Die Sensation des ausgehenden Jahrhunderts – 30 Jahre unter Wilden!, macht sich Louis auf den Weg vor die ehrwürdige Royal Geographical Society, um vor ihr zu sprechen und seine zum Bestseller gewordene Lebensgeschichte den Fragen der Wissenschaft auszusetzen. Es kommt zum Eklat und Louis verschwindet in der Bedeutungslosigkeit. So sehr ihm eine ganze Welt zu huldigen scheint, so tief ist der Fall zurück in die Armut.

«Louis» oder Der Ritt auf der Schildkröte» ist eine Ikarus-Geschichte. Beispielhaft für viele, die sich im Laufe der Geschichte zu nahe an die verschiedensten Sonnen wagten, um gnadenlos abzustürzen. Über eine Gesellschaft, die wie heute nach Sensationen lechzt, nach ihr geifert. Beim Erwachen aber spuckt man jene aus, demütigt sie ebenso, wie man sie fliegen liess. Dabei erzählte Louis eigentlich nur Geschichten, genau jene, die die Gesellschaft hören will.

Mein Interview mit Michael Hugentobler:

In Gesprächen um die Qualität einer Romans muss ich immer wieder eine Lanze brechen, dafür, was die Literatur darf. Sie darf erfinden. «Lüge» wird zum
Programm. Ausgerechnet in der Literatur traut man dem Buch nicht, wenn es an Glaubwürdigkeit zu verlieren scheint. So wie bei einem Film «nach einer wahren Begebenheit» suggeriert wird, dort bilde man die Wahrheit ab, prüft man Literatur wie Zeitungen nach ihrem Wahrheitsgehalt. Ihr Protagonist scheitert daran genauso wie Beispiele aus der Gegenwart. Brechen Sie eine Lanze?
Ich entschied mich bei Louis bewusst gegen die Reportage, die sich an die Wahrheit hält – und für den Roman, der Erfindung zulässt. Was mich an Louis fasziniert, ist seine feuerwerksartige Phantasie, und dafür ist die Fiktion die spannendere Form. In einer Reportage hätte das platt gewirkt, im Roman aber wird das Explosive spürbar. Ich verstehe natürlich, wenn sich Leser fragen, was nun wahr sei und was Erfindung – aber meiner Ansicht nach ist diese Frage irrelevant, denn ein Roman ist ein Kunstwerk und hat sich nicht an der Wahrheit zu messen. Ich habe Louis’ ohnehin schon erfundenen Namen nochmals neu erfunden, um genau das zu suggerieren.

Da zieht einer aus, aus der Enge der Schweiz, aus der Vor- und Fremdbestimmung hinaus ins Abenteuer. In ihrem Roman wird Louis de Montesanto auch zu einem Prediger der Bescheidenheit, gegen den Besitz, gegen Geld und Ballast, zu einem, dem schlussendlich niemand mehr zuhört. Wie weit ist ihnen «Verzicht» angesichts dessen, was uns in den Medien vor Augen geführt wird, Herzenssache?
Louis wird zwischen diesen zwei Polen hin und her gerissen: zwischen der Armut auf der einen Seite und dem Prunk auf der anderen Seite – bis es ihn schier zerreisst. Dass er Bescheidenheit predigt, zeigt sein Mass an Freiheit auf. Er ist ein unglaublich freier Mensch, der tut, was sich die meisten von uns nicht trauen würden: Den Namen ablegen etwa. Oder die eigenen Charaktereigenschaften ablegen und die Charaktereigenschaften des Gegenübers annehmen. Ich habe eine sehr ambivalente Beziehung zu Louis, gewisse Seiten an ihm kann ich nicht ausstehen. Andere bewundere ich sehr, zum Beispiel den an Askese grenzenden Verzicht – aber ich persönlich bin nicht so.

Ihr Roman ist eine «Ikarus-Geschichte». Wehe dem, der sich zu nahe an die Sonne wagt. So hoch hinaus, so tief der Fall. Und trotzdem lechzt die Gesellschaft heute genauso wie die Londoner Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert nach Sensationen, nach Menschen, die es wagen, Menschen, die ausbrechen, Menschen, die Sensationen verkörpern. Eigentlich wird Hans Roth alias Louis de Montesanto abgestraft für seinen Mut, seine Phantasie und seine Kompromisslosigkeit. Braucht die Gesellschaft nicht einfach doch nur die Bestätigung, dass Bravheit und Rechtschaffenheit das Mass aller Dinge sind?
Natürlich werden die Braven und Biederen immer die Frechen und Mutigen bewundern, sie beim Versagen aber gnadenlos abstrafen. Anders könnte die Gesellschaft wohl nicht funktionieren, sonst würde dieses fragile Gebilde zusammenbrechen. Seltsamerweise aber bleiben über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg hauptsächlich jene in Erinnerung, die einst ausbrachen und Gefahr liefen, sich lächerlich zu machen. Odysseus zum Beispiel, oder Gilgamesch. Vielleicht braucht es diese Reibung, damit Funken sprühen und die Menschheit weiterbestehen kann.

Sie waren selbst lange Zeit in den verschiedensten Gegenden der Welt unterwegs. Ein Reisender mit Stift und Papier. Ist es heute nicht viel schwieriger zu reisen? Auf der einen Seite unendlich viel bequemer, aber fast nicht mehr wirklich hautnah, sich wirklich vom Bekannten entfernend?
Während den 13 Jahren, die ich unterwegs verbrachte, gab es einen ungeheueren technologischen Fortschritt. Auf meiner ersten Reise rief ich alle paar Wochen nach Hause an, aber danach hatte ich keinerlei Kontakt mehr zur Schweiz oder zu Europa. Ich stieg in einen Nachtbus und hatte keine Ahnung, wie es dort aussieht, wo ich an nächsten Morgen aussteigen werde. Ich kam als komplett Fremder in einer fremden Umgebung an – ein Gefühl, das ich über alles lieben lernte. Auf einer der nächsten Reisen richtete ich mir eine E-Mail-Adresse ein, und darauf kamen Tripadvisor, Google Earth, Facebook, noch im kleinsten Kaff konnte man ein Hotel mehrere Tage im Voraus reservieren und virtuell durch die Strassen der Ortschaft gehen. Ich urteile nicht darüber, welche Form des Reisens nun besser oder schlechter ist. Aber ich bin froh, dass ich nicht im 19. Jahrhundert unterwegs war. Allein das Fehlen von Penicillin hätte mich wohl sehr früh das Leben gekostet.

In einem Interview erzählen Sie, dass sie eigentlich die Lebensgeschichte ihrer Tante Mary zu einem Roman verarbeiten wollten. Waren Sie auf ihren Reisen auf den Spuren ihrer Tante? Wird aus der Absicht nun doch noch ein Buch? Oder warten Sie neben ihrer journalistischen Arbeit erst mal ab, bis jemand die Filmrechte kauft?
Mary ist ein Stoff, den ich seit vielen Jahren mit mir herumtrage und dem ich auch das eine oder andere Mal hinterher reiste. Ich würde die Geschichte lieber heute schreiben als morgen, aber die richtige Stimme habe ich leider noch nicht gefunden. Niemand kann wissen, was weiter mit Mary passiert.

Vielen Dank für das Interview! (Die Illustrationen stammen aus dem 1899 erschienen Buch «The Adventures of Louis de Rougement As Told by Himself», mit freundlicher Genehmigung des Verlags dtv)

Michael Hugentobler liest an den 40. Literaturtagen in Solothurn aus seinem fulminanten Erstling, der mehr als nur nacherzählt. Michael Hugentoblers Roman sprüht vor Fabulierlust, zeichnet mit satten Farben und entlarvt eine Gesellschaft, die wie heute nach Sensationen giert.

Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. ›Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte‹ ist sein erster Roman.

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Spezielle Webseite des Verlags

Titelfoto: Louis de Rougement: Der Mann, durch den diese Geschichte inspiriert wurde.

David Signer „Dead End“, lector books

David Signer schont mich nicht. Jede seiner acht Erzählungen ist ein Sinkflug in unbekannte Tiefen. Entgleisungen, die nicht aufzuhalten sind. Derart authentisch geschrieben, dass nie die Frage auftaucht, ob es möglich wäre. Der Erzählband „Dead End“ ist eine literarische Achterbahn, mit erstaunlichem Zug geschrieben, sprachlicher Hochgenuss, wahrhaft mitreissend!

Wenn im Frühling die Liste der Eingeladenen zu den Solothurner Literaturtagen erscheint, liest als erstes die blanke Neugier, welche Namen einem im vergangenen Lesejahr entgangen sind. (Und jedes Jahr auch die Überraschung darüber, dass erwartete Namen ausbleiben.) Bei David Signers gewichtigem Erzählband „Dead End“ gelang die Leseüberraschung total. Da schreibt eine unverbrauchte Stimme mit Leidenschaft und grossem Können. Da bricht eine untypische Schweizer Stimme ins Grossräumige auf, auch wenn sich Schauplätze im Bekannten verorten lassen. Da versteht es einer, mit einer ungeheuren Sogwirkung Extremsituationen zu beschreiben, die sich wie Alpträume anfühlen.

Christian Hartmann erhält einen Brief von einer Anwaltskanzlei aus Spanien. Man bittet ihn nach Valencia, um dort sein Erbe anzutreten. Eine Kassette, über deren Inhalt man keine Angaben machen könne, die man aber persönlich abzuholen habe gegen eine Kaution in fünfstelliger Höhe. Christian Hartmann ist mit Recht vorsichtig. Weiss er doch, wie gerne sich mit der Sehnsucht und Gier des Menschen krumme Geschäfte machen lassen. Mit aller Vorsicht und Skepsis nimmt er Kontakt auf und fliegt dann doch nach Spanien, immer mit dem sicheren Gefühl, das Heft sicher in der Hand zu haben, die Zügel jederzeit herumreissen zu können, sich nicht einwickeln zu lassen. Aber ich als Leser ahne es, leide mit bis zum bitteren Ende.

Mirko und Fred fahren nach Berlin. Sie wollen abtauchen in eine lange Kette angesagter Clubs, allen voran das Berghain, ein mächtiger Koloss mitten in Berlin, abtauchen mit Hilfe von Ecstasy und Koks, tief in die Unterwelt des Menschen, vorbei an Figuren und Fratzen, die an eine Geisterbahn erinnern. So tief und so plausibel, dass man sich beim Lesen die Augen reibt, erst recht ein Landei wie ich. Fred auf der Suche nach einem Mädchen – eine Geschichte, eine Stimme, die es so, wie sie in seiner Erinnerung feixt, hineinzieht in diese krasse Welt der Extreme.

Arthur, der vierzigjährige Soziologe, eine Mischung aus ewigem Student und Yuppie, nie wirklich in der universitären Hierarchie durchgestartet, in seiner Beziehung und seinem Beruf dauernd auf der Kippe zwischen Genügen und Ungenügen, verfängt sich in den Wirren von Widersprüchen. Ein anonymer Anruf denunziert ihn bei seiner Frau, er habe eine Freundin, treffe sich mit ihr, belüge sie. In seinen hilflosen Versuchen der Rechtfertigung verheddert er sich immer mehr und immer tiefer, bis sich die Schlingen so fest zusammenziehen, dass der Fall unweigerlich, unaufhaltsam, unvermeidlich wird.

David Signer bewegt sich in seinen Erzählungen dort, wo niemand hingeraten will. In einer Sprache, die mich überrascht und überzeugt. In einer Leichtigkeit, die mich mehr an angelsächsische Literatur erinnert, als an sonst mehr nach innen gerichtete deutsche Literatur. Erfrischend, vielversprechend!

Und wenn man sich akustisch noch mehr in die Geschichten vertiefen will, bietet der Salis Verlag auf deiner Webseite den entsprechenden Soundtrack!

David Signer liest an den 40. Literaturtagen in Solothurn vom 11. bis 13. Mai. Ich freue mich sehr auf diesen Auftritt. Literatur mit Sound und Groove!

David Signer, geboren 1964, ist promovierter Ethnologe. Er ist Autor des zum Standardwerk gewordenen Buches „Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt“ über die Auswirkungen der Hexerei auf die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Der Bild- und Textband „Grüezi – Seltsames aus dem Heidiland“, in Zusammenarbeit mit Andri Pol, erschien 2006, seine Romane „Keine Chance in Mori“ und „Die nackten Inseln“ 2007 und 2010 bei Salis. David Signer ist Afrika-Korrespondent der NZZ und lebt in Dakar.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Das 41. Literaturblatt ist fertig!

Rechtzeitig zu den 40. Literaturtagen in Solothurn erscheint das 41. Literaturblatt im Literaturwonnemonat Mai. Unter den vier Buchempfehlungen sind auch zwei Erstlinge aus der Schweizer Literatur. Zwei junge Autoren, für die es sich alleine schon lohnt, auch dieses Jahr wieder an der Aare der Literatur zu huldigen.

Ein guter Blog ist okay. Und in der Masse dieser, gibt es auch einige, deren Empfehlungen man trauen kann. Aber nichts geht über die „analogen“ Literaturblätter. Sie sind mehr als verschriftlichte Empfehlungen, mehr als ein hübsches Blatt Papier. Sie sind Versinnbildlichung der Liebe zum guten Buch. Sie sind ein Statement für die Schrift, die Sprache, die Gestaltung.

Vier Bücher der Extraklasse. Drei Autorinnen und ein Autor, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Vier Rezensionen, die neugierig machen sollen. Ein Literaturblatt, das an gute Literatur erinnert: LESEN!

Lea Frei, Illustratorin, und meine Wenigkeit werden diesmal zu zweit an den Solothurner Literaturtagen dabeisein. Beide mit spitzem Stift. Lea Frei zeichnend, ich schreibend für literaturblatt.ch.
Vielleicht machen wir zwei mit unserer Aktion nicht nur auf uns aufmerksam, sondern auf unsere Leidenschaft. Vielleicht gewinnen wir neue Abonnenten fürs Literaturblatt. Denn Bücher brauchen Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren Multiplikatoren, die auf ihre Bücher aufmerksam machen.

Das war das 40. Literaturblatt:

Wollen Sie die Literaturblätter künftig abonnieren. Hier!

Webseite von Lea Frei

Hans Joachim Schädlich «Felix und Felka», Rowohlt

Rom 1933. Felka Platek (1899) und Felix Nussbaum (1904), beide junge Künstler, sind Gäste in der Villa Massimo, die im gleichen Jahr von Reichspropagandaminister Josef Goebbels besucht wurde, um unmissverständlich klarzumachen, wem Kunst und Kultur in den kommenden tausend Jahren zu dienen hatte.

Als ein anderer deutscher Maler, ebenfalls Gast in der Künstlervilla in Rom, Hans Hubertus von Merveldt Felix Nussbaum in seiner Verachtung vor Zeugen mit Fäusten niederschlägt, braucht es keine Interpretation, um die Zeichen der Zeit zu verstehen. Felix und Felka sind Juden – und Rom und Italien mit Benito Mussolini ein Bruderstaat Nazideutschlands.

Nicht nur für die beiden jungen Künstler beginnt eine unruhige, ungewisse Zeit, eine ungewisse Reise durch Europa, eine Reise, die immer mehr zur Flucht wird. «Felix und Felka» ist der Roman einer Emigration, die es nicht schafft, den Abstand zum Bösen, zum Schrecken, zum Tod genug gross werden zu lassen. Der Roman einer Flucht nach innen, den Kampf gegen immer unmöglicher werdende Sachzwänge, die das Paar aber immer näher aneinander schweisst.

Hans Joachim Schädlich erzählt fast nur in direkter Rede, gibt seinem Roman dadurch etwas dokumentarisches. Man glaubt während des Lesens je länger je intensiver, die Stimmen der beiden zu hören. Das Geschehen, das Erzählen ist auf das Wesentlichste konzentriert. Was wie Szenen chronisch aneinandergereiht ist, sind Schlaglichter in ein aufgeschrecktes Leben zu zweit, dessen Enge und Düsterniss immer aufsässiger werden.
Das Buch ohne Schutzumschlag, in goldfarbenes Leinen gefasst und schwarz geprägtem Titel ist wie eine mit Seiten gefüllte Gedenktafel wider das Vergessen. Genau jetzt, wo sich vom Volk gewählte Politikerinnen und Politiker um historische Verantwortung drücken, Argumentationen selbst im deutschen Bundestag immer mehr jener von damals ähneln, in Europa, wo Fremdenfeindlichkeit und Abschottung zu Eckpfeilern von Politik werden und sich kaum mehr jemand traut, offen  Opposition zu ergreifen, weil man Wählerstimmen verlieren könnte, in einer Zeit, in der ganze Städte in Deutschland im Würgegriff Rechtsradikaler zittern, ist ein solches Buch wichtiges Mahnmal. Auch wenn es von jenen Blinden nicht gelesen wird.

Felix und Felka waren aufstrebende Künstler. Beide starben 1944 in den Gaskammern von Auschwitz. 1942 festgenommen wie Verbrecher, verraten von einem jüdischen Kollaborateur, vernichtet wie Hunderttausende anderer, die es aus meist ganz profanen Gründen nicht geschafft hatten, ihr Deutschland «rechtzeitig» zu verlassen.

«Felix und Fleka» ist mit grössmöglicher Sachlichkeit erzählt. Ihrer beider Odyssee von Rom über Paris und Ostende nach Brüssel ist die eine rast- und aussichtsloser Flucht zweier Menschen, die es wie viele andere nicht fasssen konnten, was mit und in ihrer Heimat geschieht. Alles in ihrem Leben ordnete sich zweier Bewegungen unter; der Flucht und ihrer Kunst. Alles, wonach der Mensch heute zu streben scheint; Genuss, Wohlstand, Sicherheit und Selbstbestimmung war für Juden und andere Volks- und Glaubensgruppen damals, vor nur einem Menschenleben, schlicht inexistent.

Als Ende September die deutsche Wehrmacht Polen überrannte, die Heimat Felkas, die wenige Monate zuvor Felix geheiratet hatte, spricht aller Schmerz aus ganz wenig:
«Es ist Krieg, Felka!»
«Mein armes Polen.»
«Mein verfluchtes Deutschland!»

Zu hoffen ist, dass Stimmen wie jene von Hans Joachim Schädlich in den Fluten von Oberflächlichkeit und gedrucktem Schrott die ihnen gebührende Aufmerksamkeit finden!

Hans Joachim Schädlich, 1935 in Reichenbach im Vogtland geboren, arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin, bevor er 1977 in die Bundesrepublik übersiedelte. Für sein Werk bekam er viele Auszeichnungen, u. a. den Heinrich-Böll-Preis, Hans-Sahl-Preis, Kleist-Preis, Schiller-Gedächtnispreis, Lessing-Preis, Bremer Literaturpreis, Berliner Literaturpreis und Joseph-Breitbach-Preis. 2014 erhielt er für seine schriftstellerische Leistung und sein politisches Engagement das Bundesverdienstkreuz. Zuletzt veröffentlichte er die Novelle «Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II.» und den Roman «Narrenleben» – «ein historisches Panorama von vibrierender Intensität» (Deutschlandradio Kultur). Hans Joachim Schädlich lebt in Berlin.

Verena Uetz «Persönliche Betreuung zugesichert»

Alle Jahre wieder im späteren Frühling, ja nicht zu früh, denn das hätte ihm geschadet, trug Gerlinde sorgfältig, beinahe zärtlich, ihren Gartenzwerg ins Freie. Das „Freie“ war ein Stücklein Steingarten vor dem Haus, angrenzend an den Fussweg zum Bahnhof. Nebst Pflanzen die dereinst üppig duften, blühen und sich sanft im Winde wiegen würden, bevölkerte Gerlinde ihr Gärtchen mit Antiquitäten. Ein kleines Steinpferd und der Torso einer Keramikskulptur standen zwischen den Steinen.

„Ach Gerlinde, du hast mir doch schon so manchen Stein in den Garten geworfen, dass ich dir endlich auch einmal etwas schenken möchte“, hatte eine ihrer Freundinnen letzten Sommer gesagt und ihr, sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt, einen wunderschönen Gartenzwerg gebracht.
„Er heisst Salomon“, hatte sie schmunzelnd hinzugefügt. „Ich habe ihn in Griechenland gekauft. Mir war sofort klar, dass er in deinen Steingarten gehört.“

Gerlinde kannte viele Leute. Ihr früherer Beruf als Postbotin hatte das mit sich gebracht. Aber auch ihr Wesen. Leutselig, extravertiert, unkompliziert wären passende Bezeichnungen für die umtriebige Mittsechzigerin gewesen. Aber leider auch manchmal etwas zu vertrauensselig und gutgläubig.
Oft war sie unterwegs, um Hilfe jeder Art zu leisten. Sie kochte, kaufte ein für ältere Menschen, schnitt sogar Fingernägel oder verfasste Briefe. Oder sie liess sich begeistern für eine Nistkastenreinigung mit dem ornithologischen Verein.

Von Zeit zu Zeit schloss Gerlinde ihr kleines Haus für ein paar Tage, um auf Wanderungen oder Bergtouren aufzubrechen.
„Das bringt mich oft an meine Grenzen. Aber gerade das ist es, was ich daran so liebe“, pflegte sie zu sagen. Und auch:
„Ich bin halt ein Naturkind.“

Inzwischen hockte Zwerg Salomon einsam zwischen den Steinen, bis Gerlindes Tochter Nadine auf die Idee kam, ihm eine Partnerin zuzugesellen.
„So ist das doch viel besser und schöner. Die Beiden können sich unterhalten und Beobachtungen über die Menschen anstellen, die zum Bahnhof eilen.“

Die traute Zwergenidille dauerte genau zwei Tage, danach waren die Beiden unauffindbar. Gerlinde verstand die Welt nicht mehr. So etwas Unbegreifliches hatte gar keinen Platz in ihrem Welt-und Menschenbild. Sofort wollte sie mit der Suche beginnen. Aber wie und wo? Sie hängte handgeschriebene Zettel auf an manchen Orten im Dorf und war höchst erstaunt und erfreut über deren wundersame Wirkung. Salomon und seine Freundin kamen über Nacht zurück.

Kurz darauf ging es nach dem Schneeballprinzip: nach und nach bevölkerte sich ihr Gärtlein mit ganzen Zwerg-Sippschaften, über deren Herkunft niemand Genaueres wusste. Sie schienen sich wohl zu fühlen und vermehrten sich. Gerlinde war nicht die einzige, die sich darüber freute. Aus ihrem Küchenfenster beobachtete sie gerührt manche Fussgänger, die beglückt oder auch kopfschüttelnd für einen Augenblick stehen blieben.

Dann kam der Tag, an dem die Sache plötzlich eine Eigendynamik annahm und richtig kommerziell wurde.

An diesem nebligen Morgen, es war schon Frühherbst und Gerlinde wollte etwas länger liegen bleiben, schellte das Telefon zu ungewohnt früher Stunde.
„Guten Tag, Gerlinde. Ich bins, Franziska. Wir kennen uns von der Bergwanderung vom vorletzten Sommer. Weißt du noch? Bitte verzeih, dass ich so früh anrufe, aber ich bin in Verlegenheit und vielleicht kannst du mir aus der Patsche helfen.“
„Natürlich gerne, wenn dein Anliegen nicht allzu ausgefallen ist.“
„Doch, leider ist es das und ich traue mich kaum, darüber zu sprechen.“
Nach längerem Drumherum rückte Franziska endlich mit ihrem Anliegen heraus.
„Dürfte ich dir nicht meinen Gartenzwerg in die Ferien geben? Ich verreise für drei Monate. Da stünde er dann so einsam vor dem Haus, dass ich fürchte, er könnte gestohlen werden. Auch wäre er bei dir nicht so allein. Weißt du, seit mein Hund vor zwei Jahren gestorben ist, hängt mein Herz halt an ihm und wenn ich zurück bin hole ich ihn sofort wieder ab. Was sind deine Preise? Ich bezahle gerne auch etwas mehr.“
Gerlinde, schlagfertig und humorvoll erwiderte:
„Natürlich, gerne. Wie heisst er denn und was kriegt er zu essen? Etwa gar eine spezielle Diät?“
„Er heisst Adalbert, das musst du natürlich wissen.“

Das also war die Geburtsstunde von Gerlindes kleinem Nebenerwerb. Am Rand des Steingärtleins, gut sichtbar für die Fussgänger auf dem Weg zum Bahnhof, war seit kurzem eine kleine Holztafel angebracht, deren Inhalt viel heimliches Schmunzeln auslöste und immer weitere neue Kunden brachte. Darauf stand zu lesen:

Ferienheim für Gartenzwerge
Persönliche Betreuung zugesichert
Moderate Preise

Gerlinde hatte nun einen kleinen Kummer. Ob sie wohl die neuen Einnahmen von der Steuer absetzen durfte?

 

Die Beichte     

Müde und mit schmerzenden Füssen von den Strapazen eines langen Stadttages setzte ich mich in die dritte Bankreihe der kleinen Quartierkirche. Es dämmerte früh an diesem Novembertag und schon von weitem waren mir die flackernden Kerzen links und rechts der weit geöffneten Tür aufgefallen, hatten mich angelockt. Ich hatte keine Pause geplant, doch es war Orgelmusik nach daussen gedrungen und hatte mich unwiderstehlich ins Innere gezogen. Da war noch etwas anderes, Mächtigeres gewesen: Weihrauch, Duft aus ferner Kinderzeit. Warm, vertraut, geheimnisvoll.

Dieser Duft hatte mit Leichtigkeit Jahrzehnte übersprungen und klar und deutlich hörte ich  wieder Mutters Stimme, die mir am freien Mittwochnachmittag schon von weitem zugerufen hatte:

„Gut, dass du schon daheim bist. Dein Obermini hat angerufen. Du sollst um halb zwei Uhr in der Kirche sein. Es sei wichtig.“

„Dass ich jetzt nicht mit meinen Freundinnen aufs Eis kann, stört mich nicht, meine alten Schlittschuhe sind mir eh zu klein und drücken mir die Zehen ab.“

Ein Jahr zuvor war ich den Ministranten beigetreten. An der Weihnachtsfeier in unserer Kirchgemeinde war der Wunsch dabei zu sein, erwacht.

Eingekleidet in ein langes weisses Gewand, vorne am Altar stehen oder knien, dem Priester im richtigen Moment bringen, was er gerade benötigt, in die geheimnisvolle Sakristei eintreten und, vor allem, das Weihrauchgefäss schwenken dürfen. Das alles war überaus verlockend gewesen. Doch den Ausschlag gegeben hatte der Weihrauch, dieser unbeschreibliche Duft mit seiner wohligen Wärme und Geborgenheit. Deshalb gehörte ich seit dem Frühling zu den Minis, einer Gruppe von Kindern, die sich auch ausserhalb der Gottesdienste zu allerlei Freizeitaktivitäten trafen, Unterricht erhielten und lernten, was während des Gottesdienstes  zu tun war. Wann stehen, wann knieen, wann kommen und wann gehen. Dabei vom Kirchenvolk geschätzt und geliebt zu werden.

Mutter war stolz auf mich.

Seither betrachte ich mit besonderem Interesse die Weihrauchgefässe, diese kunstvoll gearbeiteten Schmuckstücke, wann und wo immer ich sie erblicke.

Seither?

Es gab auch Aufgaben für uns Minis, die in aller Stille getan werden mussten. Zum Beispiel abwechslungsweise am freien Nachmittag in der spärlich besuchten Kirche die unzähligen Kerzenständer auf dem Altar und zu Füssen der Heiligen vom Wachs befreien und neue Kerzen einsetzen. Diese Aufgabe gefiel mir besonders gut, denn der Weihrauch, der noch seit der Elf-Uhr-Messe über unseren Köpfen waberte, beglückte mich auf unerklärliche Weise. Ich holte die schweren schön dekorierten und leise duftenden Kerzen aus dem Schrank in der Sakristei und begann sie zu verteilen. Manchmal musste ich eine kleine Leiter zu Hilfe nehmen, wenn die Heiligen auf ihren Gipspodesten für die kleine Person, die ich damals war, zu hoch oben standen. Ich staunte, wie viele dieser Statuen an den unterschiedlichtsten Orten im grossen Kirchenraum verteilt waren, und bald wurde ich mit ihnen vertraut wie mit Freunden, mit denen ich mich unterhalten konnte. Anfangs nur zögerlich, doch bald bildete ich mir ein, Antworten zu erhalten, und ich begann  Fragen zu stellen und mein Herz zu öffnen. Die Stunden in der meist leeren Kirche wurden mir unentbehrlich.

Nicht immer war ich allein. Der Priester war nach kurzem freundlichem Gruß in meine Richtung in seinem Beichtstuhl verschwunden und bereit, den wartenden Gläubigen die Beichte abzunehmen. Aus dem Unterricht wusste ich darüber Bescheid und fühlte mich nicht gestört. Ich beobachtete  Menschen, die erregt flüsterten, sich Tränen abwischten und leise, wie sie gekommen waren, wieder verschwanden. Ich verstand ihre Worte nicht, sollte ich auch nicht, spürte aber meist eine gewisse beklommene Atmosphäre und war froh, wieder allein zu sein wenn die Letzten gegangen waren.

Ein Mann mittleren Alters kam öfter. Er dämpfte seine Stimme nicht, schrie sogar manchmal und fluchte, so dass ich mich ängstlich hinter einen der Heiligen flüchtete, mir die Ohren zuhielt und mich bemühte, seine Worte nicht zu verstehen. Denn das wäre Sünde gewesen. Was konnte ich aber dafür, dass ich Dienst hatte, er immer lauter redete, so dass ich schliesslich einzelne Wortfetzen verstand und damit seine düstere Geschichte zu ahnen begann. Worte wie: „nicht zurückhalten“ „immer wieder“ schälten sich heraus. Der Mann faszinierte und verängstige mich zugleich, doch mit der Zeit begann ich absichtlich zu lauschen und konnte nicht mehr aufhören damit. Was ich da hörte, senkte sich als eine Last auf mich, die schwerer und drückender wurde, je öfter ich seiner Beichte zuhörte. Ich war seiner Geschichte verfallen, steckte in der Falle, durfte ich doch mit niemandem über mein Geheimnis sprechen. Auch nicht mit meinen vertrauten Gipsheiligen, die sicher verschwiegen gewesen wären.

Dieses Erlebnis ging nicht spurlos an mir vorbei. Ich wurde immer stiller, bleicher und bald richtig krank. Die Haare fielen mir büschelweise aus und ich wurde schwach, konnte kaum noch stehen und gehen. Keines der mütterlich-kummervoll zubereiteten Süppchen schmeckte mir und ich fror erbärmlich. Mutter holte Ärzte, einen nach dem andern, die mir alle nicht helfen konnten. Ich verlor Gewicht. Natürlich wusste ich selber genau was mir fehlte, musste aber die schreckliche Geschichte für mich behalten. Ein Teufelskreis hatte begonnen und sich über zwei lange Jahre hingezogen.

All das war mir an jenem Novemberabend, durch den Duft des Weihrauchs, so klar wieder vor Augen gekommen, als ob es gestern gewesen wäre.

In meiner Oase der Besinnlichkeit und des Innehaltens, war es plötzlich laut geworden. Es hatten  Vorbereitungen einer Gruppe von Musikanten begonnen, die ein Musical einübten für den Weihnachtsabend. Noch etwas chaotisch, doch es blieb ihnen ja noch viel Zeit bis zur Aufführung. Die vertrauten Melodien hatten meine  Blockflöte von damals hervor gezaubert, und ich merkte belustigt, wie meine Finger begannen, die imaginären Löcher abzudecken und die Melodien mitzuspielen.

Mit der Stille war es endgültig vorbei, aber Irgendwann, erinnerte ich mich, hielt das kranke Kind dem Druck nicht länger Stand, und ich weihte meine Mutter ein. Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, doch schliesslich gab sie mir den erlösenden Rat:

„Du musst zur Beichte gehen, so rasch als möglich.“

Ein väterlicher Seelsorger nahm mir die Beichte ab. Lange hatte er zugehört, ohne mich zu unterbrechen.

Verena Uetz-Manser ist Musikpädagogin, Familienfrau und Grossmutter. Als Tochter von Gretel Manser-Kupp, Kinderbuchautorin, begann sie schon früh gerne zu schrieben, erst spät auch Gedichte. Verena Uetz-Manser ist Mitglied von femscript.ch und als solche nimmt sie teil am Schreibtisch Winterthur. Veröffentlicht wurde in einer Publikation aus dem Kameru-Verlag: ‹dreiundsechzig›, sporadisch auch in Zeitschriften.

Joachim Zelter „Im Feld“, Klöpfer & Meyer

Joachim Zeiters neuer Roman «Im Feld» trägt den Untertitel «Roman einer Obsession». Obsession ist mehr als Leidenschaft. Frank Staiger fährt in seiner Freizeit Rad. Durchaus mit Leidenschaft. Zusammen mit anderen, im Peloton aber über sich hinauswachsend, mit dem Tunnelblick nach vorn. Ein Roman wie ein Tauchgang in die Untiefen der menschlichen Seele. Dorthin, wo die Sicht begrenzt ist, das Gegenüber zum Umriss wird. Ein Buch, das vielleicht nur versteht, wer einen Teil dieser Obsession mit sich trägt.

Franz Staiger ist mit seiner Frau nach Freiburg im Breisgau gezogen, näher an die Berge. Um die Gegend mit dem Rad zu erobern, schliesst er sich am Radsporttreff unter dem Heideggerdenkmal einer Radsportgruppe an, hält sich anfangs noch diskret im Hintergrund, fährt im hinteren Teil mit, lauscht in Bummelphasen den Gesprächen seiner Mitfahrenden. Bis Landauer dazustösst, die Legende. Er, dem alles zuzutrauen ist, er, der alles in sich birgt. Aus der Tour wird Tortour. Schweiss fliesst in Strömen. Und nichts, fast nichts, nicht einmal die totale Erschöpfung bremst jene in Landauers Gruppe, diesem Peloton, der über alle Grenzen des Möglichen hinausfährt.

Wer jenen Zug an sich selbst nicht kennt, jene Ergebenheit in der Gruppe, jene totale Verausgabung, die ohne Gruppe unmöglich wäre, jene absolute Leistungsbereitschaft, bei der es nur darum geht, gegen sich selbst zu siegen, wird dieses Buch nur schwer verstehen. Joachim Zelter will aber mehr als nur eine Radfahrt in die Tiefen der menschlichen Seele beschreiben. „Im Feld“ ist Metapher für ein Gesellschaft im Overdrive, über der anaeroben Schwelle. Keine Verteufelung, keine Anklage, denn der Autor kennt aus eigener Erfahrung den Lockruf jenes Zustandes, wenn der Körper weit über sich hinauswächst. Ein Zustand, der in kaum einem andern Moment besser zu er-fahren ist, als in einem Peloton (von franz.: pelote = Knäuel, im Radsport das geschlossene Hauptfeld der Radrennfahrer).

Frank Staiger «leidet» unter «Cyclomanie», Radsportbesessenheit. So wie andere der Spielsucht, irgendeiner Sucht verfallen sind, ist es beim ihm die Lust, auf dem Fahrrad die Grenzen seiner selbst auszuloten. Erst recht in einem Rudel, einer Radsportgruppe. Ihr Roman ist Sinnbild für vieles, manch einer Dynamik, die nur im Rudel funktioniert. Wie «weit» dachten Sie beim Schreiben Ihres Romans daran oder war es schlicht die Lust, eigene Erfahrungen, diese besondere Form des Eintauchens zu beschreiben? Welche Motivation stand ganz am Anfang Ihres Schreibens?

In vielen Rad(sport)romanen steht das Rennen im Mittelpunkt. Beispielhaft hierfür steht Tim Krabbés sehr lesenswerter Roman «Das Rennen». Dem wollte ich nicht nacheifern. Mich interessierte von Anfang an die Idee des Pelotons als Inbegriff einer Gruppe: Welche Dynamik, welche Zwänge und welche Sogwirkungen sich dabei auftun können. Auch: Wie man ohne Stacheldraht und Schießbefehl einen Einzelnen (oder viele Einzelne) in einer Gruppe halten kann. Dem wollte ich in meinem Roman nachgehen, das Radfahren als Parabel und gesellschaftliche Metapher sowie als eine eigenständige Wirklichkeitsordnung. Eigene Er-fahrungen spielen hier durchaus eine Rolle. Seit Jahren fahre ich in einem Radverein und kenne die vielschichtigen Prozesse von Gruppenfahrten aus eigenem Erleben (oder genauer: Er-fahren). Als ich die ersten Male mit dem Verein mitfuhr, bekam ich plötzlich ein Gefühl dafür, wie allein man im sonstigen Leben eigentlich steht, zumal im Leben eines Schriftstellers, aber nicht nur dort. Das Peloton war eine schlagartige Gegenwelt zu der üblichen Einsamkeit. In modernen Gesellschaften leben Individuen ziemlich alleine. Sie sind auf sich selbst zurückgeworfen, sich und anderen fremd in einer Welt der Vereinzelung. „From Tribal Brotherhood to Universal Otherhood“ ist der Titel eines Essays, der diesen Vorgang der Moderne ziemlich gut auf den Punkt bringt. Mein Roman erzählt nun die atavistische Gegenbewegung eines solchen Vorgangs: „From Universal Otherhood to Tribal Brotherhood.“ Ich räume ein, dass ein solcher Vorgang durchaus auch problematisch und zwiespältig ist.

Frank Staiger ist umgezogen. Vom gänzlich flachen Norden in den gebirgigen Süden Deutschlands, von Göttingen nach Freiburg im Breisgau. Früher war Staigers Frau Susan noch mitgefahren. Früher. Aber für diese eine Tour an Christi Himmelfahrt, dieses Himmelfahrskommando, bleibt Susan zuhause. In Ihrem Roman, dessen Fokus fast ganz auf den Strampelmarathon auf dem Fahrrad liegt, spielt Susan kaum eine Rolle. Ist Besessenheit in dieser Form ein ausschliesslich männliches Phänomen, diese Lust, sich zu beweisen, alles aus sich herauszupressen, den absoluten Herrn über den inneren Schweinehund zu demonstrieren?

Ich glaube nicht, dass diese Besessenheit eine männliche Domäne ist. Ein gutes Drittel der Mitfahrenden in Radvereinen sind (zumindest nach meiner Erfahrung) Frauen. Sie fahren mit derselben Ergebenheit wie Männer, vor allem aber: Sie sind die besseren Radfahrenden, sind technisch besser, haben einen runderen Tritt, teilen sich ihre Kräfte klüger ein. Bei schwierigen und langen Ausfahrten halte ich mich mit Vorliebe in der Nähe von Frauen auf. Sie kommen die richtig harten Alpenpässe besser hinauf als viele Männer, die überdrehen, zu impulsiv sind und ihr Pulver zu früh verschießen. In meinem Roman fahren bis ganz zum Schluss einige Frauen mit. Der Punkt ist nicht eine Geschlechterdifferenz. Vielmehr ist der Radsport in meinem Roman (und nicht nur dort) eine Art der Kompensation für das Scheitern: Sei es nun das Scheitern im Beruf oder das Scheitern einer Beziehung.

Fahrradfahren als Form des Fliegens, des Abhebens. In der Begeisterung des Protagonisten fliege ich als Leser mit bis tief ins Leiden, kann mich sehr gut hineinversetzen, weil ich diesen Moment kenne. Ist das ein Gegensatz zum Schreiben? Oder gibt es beim Schreiben genauso diesen Rausch, bei dem man über sich hinauswächst, sich selbst vergisst? Wenn auch kaum je im Rudel? Oder ist es genau dieses Rudel, die Formation, der Peloton, der den Rauschzustand noch multipliziert?

Dies ist der entscheidende Punkt: Das Abheben hinein in das Leiden, und in

die 3. Auflage!

welchem Verhältnis dieser Vorgang zum Schreiben steht. Beides entspricht sich, steht in Beziehung zueinander. Das Schreiben ist (jedenfalls für mich) ein Abheben, eine wunderbare Schwerelosigkeit, aber auch ein Taumeln, eine gefährliche Fallhöhe. In meinem Roman versuchte ich verschiedene Bedeutungsebenen zu entfalten. Die wichtigste für mich ist: Es ist auch ein Künstlerroman. Der eigentliche Held ist der unverstandene (Rad)Künstler Landauer, der eine Ausfahrt wie ein Kunstwerk, wie eine Sinfonie inszeniert, in aller Konsequenz und Radikalität, der darin aber eigentlich von niemandem verstanden wird. „Herr Beethoven, bitte in die Nachschulung“, heißt es ganz zum Schluss. Welcher Autor oder Künstler kennt dieses Unverstanensein nicht.

Obwohl sich Staiger an diesem Donnerstag unter dem Denkmal Heideggers für die mittlere der drei Leistungsgruppen entschliesst, gerät er an Landauer, eine Legende. Einen, dem es ganz offensichtlich gelingt, mehr als das Letzte aus seinem Gefolge herauszupressen. Diese Landauer gibt es überall, wo sich Begeisterung mit Fanatismus paart, Gruppendynamik mit über“staiger“tem Ehrgeiz. „Im Feld“ beschreibt jene Lebenssituation, in der man völlig kanalisiert und fokussiert selbst Körpersignale überhört und Vernunft ausschalten kann. Das Bild einer Gesellschaft, die die Selbstkontrolle verliert?

Ich bin schon zusammen mit Ärzten in einer Gruppe gefahren, die selbst am kleinsten Berg über ihre Grenzen gegangen sind, gegen jede medizinische Vernunft, nur um nicht abreißen zu lassen. Vielleicht ist dies ein Kontrollverlust, ein individueller und gesellschaftlicher. Nietzsche würde sagen: Man darf den Menschen nicht beschämen, und er will sich auch nicht beschämen lassen. Deshalb gehen die meisten Fahrer in einem Peloton ans Limit, und darüber hinaus.

Vor vielen Jahren lief ich etliche Marathons. Einmal stand nach der Ankunft im Ziel in einem Duschraum mit vielen anderen verschwitzten Männern, die kurz vor oder nach mir über die Ziellinie gelaufen waren. Dort unter den Duschen waren es nicht Stolz und Zufriedenheit, Glück und Befriedigung, die lautes Argumentieren und Lamentieren im Dampf der Duschen provozierten. Es war lautes Schimpfen; übers Wetter, die Streckenführung, die Minuten und Sekunden, die man liegen gelassen hatte, den Veranstalter, den Trottel vor und hinter einem. Freizeit als Quadratur der sonst schon bis an die Grenzen ausgereizten Leistungsgesellschaft? Wird Müssiggang irgendwann wieder avantgardistisch?

Müßiggang ist eine Kunst. «Lob des Müssiggangs» ist das Motto und ein Buchtitel des englischen Philosophen Bertrand Russel. Oder in Oscar Wildes Worten: „It is awfully hard work doing nothing.” Das ist keine Koketterie, sondern eine Wahrheit. Wer kann das schon: einfach Nichts zu tun. Wobei gerade der Radsport durchaus eine Form von kontemplativen Nichts sein kann. Eine ständige Bewegung, die Kreisform (Cyclomanie), die ewige Wiederkehr des Gleichen als hochenergetisches Nichts. Oder als eine Variante des Sisyphos im Sinne von Albert Camus. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Radfahrer vorstellen. Soweit so gut. Doch alles steht und fällt mit der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Radfahrers. Für einen starken Fahrer mag eine Ausfahrt ein Vergnügen sein, eine Kontemplation, ein meditatives Loslassen; für einen Schwächeren ist es sehr schnell die Hölle. Genau wie in unserer Leistungsgesellschaft. Für manche ist es wunderbar, für andere ein Grauen. Eigentlich noch schlimmer als in einem Peloton. Der Roman versteht sich deshalb auch als einen Beistand für die Schwächeren. Ich bin einer von ihnen – trotz allen Radfahrens.

Joachim Zelter wurde in Freiburg im Breisgau geboren. Von 1990 bis 1997 arbeitete er als Dozent für englische und deutsche Literatur an den Universitäten Tübingen und Yale. Seit 1997 ist er freier Schriftsteller, Autor von Romanen, Theaterstücken und Hörspielen. Seine Romane wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Mit dem Roman „Der Ministerpräsident“ war er 2010 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 war er Hausacher Stadtschreiber (Gisela-Scherer-Stipendium).

Webauftritt des Autors

Titelfoto: Sandra Kottonau

Den „Welttag des Buches“ mit Peter Bichsel

Wahrscheinlich wurde noch nie so viel gelesen wie heute. Züge sind voll mit Zeitungen, Menschen unentwegt in digitale Lektüre vertieft und wer eine der Grossbuchhandlungen besucht, mag denken: „Wer soll das alles lesen?“ So unbeirrt Kleinverlage mutig veröffentlichen, so gross das Angebot von Veranstaltungen rund um das Buch, so sehr Schriftstellerei noch immer ein Traumberuf in den Köpfen von Kindern, so unaufhaltsam das Verschwinden des Buches.

Noch gibt es sie, die Dinosaurier des Geschriebenen. Auch wenn Peter Bichsel kaum mehr von Hand schreibt, ist sein Medium das Buch, das gedruckte Buch, das Buch, das Geschichten auf Papier gedruckt erzählt. Ein Mann, der die Langweile liebt, sich einen Pessimisten heisst, weil alles Unheil von Optimisten herrühre. Ein Mann, den man gern den Beobachter nennt, der aber einer sein will, der schaut, der sich mit dem Gegenüber einlässt, der sich nicht drängen lässt, schon gar nicht von einer fremden Absicht.

Der Dichter, der Schöpfer von Büchern mit wunderschönen Titeln wie „Ein Tisch ist ein Tisch“, „Das süsse Gift der Buchstaben“ oder „Über das Wetter reden“ las aus Anlass des diesjährigen Welttag des Buches in der Buchhandlung Gutenberg im St. Gallischen Gossau.

Und als hätte er darauf gewartet, liest Peter Bichsel seine Kolumne „Der Beste und der Schlechteste“ aus seinem Buch „Doktor Schleyers isabellenfarbige Winterschule“. Ob wir den Unsinn im Radio gehört hätten und er beginnt zu lesen : Die Frage, welches mein Lieblingsbuch sei, finde ich beleidigend. Ich bin ein Leser. Ich lese gern. Ich lese viel. Mein Lieblingsbuch ist jenes, das ich jetzt lese. Mein Lieblingswein ist der, den ich jetzt trinke. Ja, es gibt besseren als den, den ich jetzt trinke. Aber warum soll jetzt ausgerechnet jener Wein, den ich jetzt nicht habe, mein Lieblingswein sein.“

Peter Bichsel raucht seine Zigarette unter dem kleinen Vordach der Buchhandlung bis zum Filter. Dann drückt er sie in einem kleinen portablen Aschenbecher aus und steckt diesen zurück in seine schwarze, lederne Weste, die er stets zu tragen scheint. Ich frage ihn, woher er seine eigenwillige Signatur habe. „Zum ersten Mal zeichnete ich sie bei einer Lesung in St. Gallen, vor vielen, vielen Jahren, als die „Kindergeschichten“ als Taschenbuch erschienen. Damals wollten dermassen viele von mir eine Widmung und ich als Legastheniker hatte meine Mühe bei all den THs und CKs. Seither ist es eine Blume und dazu mein Name. Als ich in Zürich einmal fragte, welches die beste Buchhandlung sei, antwortete man mir; die Fehr’sche in St. Gallen, jene legendäre, in der alles las, was Rang und Namen hatte.“

Peter Bichsel ist ein Ereignis, seine Lesungen sind es genauso, seine Bücher sowieso. Der Gutenberg Buchhandlung in Gossau herzlichen Dank für das kostbare Geschenk am Welttag des Buches 2018!

Ayelet Gundar-Goshen «Lügnerin», Kein & Aber

Ayelet Gundar-Goshen ist eine herausragende Autorin. Nicht erst mit ihrem dritten auf Deutsch erschienen Roman „Lügnerin“, sondern auch mit ihren beiden ersten Romanen. Unvergessen bleibt „Löwen wecken“. In ihrem neuen Roman nimmt sich die israelische Autorin der Lüge an, jenem Tun, das von Stirnrunzeln bis Entsetzen alles auslösen kann, vor der sich niemand entsagen kann, die in der aktuellen Politik hüben und drüben zur Strategie geworden ist. Ausgerechnet in einer Zeit, die sich nach der Digitalen Revolution der allseits verfügbaren Wahrheit verpflichtete.

Als ich ein kleiner Junge war, erklärte man mir zwei Sorten von „Unwahrheiten“. Zum einen die Lüge, die andern schadet, zum andern das „Flunkern“ (schweizerdeutsch „Schwindeln“), mit der man anderen aber keinen Schaden zufügt. „Du sollst nicht lügen“, steht da als indiskutables, ehernes Gesetz. Und doch wissen alle, dass wir in einem fort lügen. Das ist selbst wissenschaftlich belegt. Wir fügen ganze Lebensgeschichten aus Versatzstücken zusammen, die sehr wohl in der Nähe der Wahrheit liegen. Aber es gibt keine Biographie, sei sie bedeutend oder unbedeutend, die ohne Lüge auskommt. Und darin eingeschlossen sind durchaus auch Lügen, die anderen Schaden zufügen.

Nuphar Schalev, eine junge Erwachsene, verkauft einen Sommer lang Eis. Nuphar Schalev ist nicht hässlich, aber gerade so unauffällig, dass wohl auch dieser Sommer zu Ende gehen wird, ohne dass das wirkliche Leben begonnen hätte.

„Sie wuchs zu einem zaghaften, in sich gekehrten Mädchen heran und bewegte sich in der Welt wie ein ungebetener Gast auf einem Fest.“

Ganz anders als ihre jüngere Schwester, der die Sympathien wie ein Schwarm Fruchtfliegen zuschwärmt. Nuphar hofft auf Verwandlung, dass sie irgendwann aus der starren Hülle ausschlüpfen könne, um der Welt ihre bunten Flügel zu zeigen. Dieser Tag kommt. Aber Nuphar schafft es nicht aus eigener Kraft, sich aus ihrem Nebengleis in den Vordergrund zu schieben.

Eines Tages taucht an ihrer Eisdiele Avischai Milner auf, ein fallengelassenes Showsternchen, das für einige Zeit im Rampenlicht der Nation stand, um ebenso schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Und ausgerechnet ihn lässt eine unscheinbare, sommersprossige Eisverkäuferin eine gefühlte
Ewigkeit vor der Eisdiele warten. Genügend Zeit, um beim Missachteten alle Dämme brechen zu lassen, erst recht als das Ding hinter der Eisdiele auch noch korrigiert. Es bricht aus Avischai Milner heraus, eine Kasskade verbaler Hässlichkeiten, deren Wirkungen unabsehbar werden. Ein Schrei Nuphars und alles läuft zusammen. Eine einzige Frage an das Mädchen mit den verquollenen Augen und Avischai Milner steht unter Verdacht, sich an dem Mädchen vergangen zu haben. In einem einzigen Moment richtet sich die Aufmerksamkeit einer ganzen Nation, des Kollektivs auf den Schrecken eines Mädchens, um den im gleichen Moment Verurteilten ohne ein rechtskräftiges Urteil mit Schimpf und Schande zu bestrafen.

Avischai Milners Leben gerät fast ohne sein weiteres Dazutun immer heftiger in Schieflage. Dieser eine Ausraster an der Eisdiele in der Stadt und alles, was daraus folgte, wischen das Wenige weg, was dem jungen Mann von dem bisschen Hoffnungen, das er noch mit sich herumtrug, übrig blieb. Von einem aufgeblasenen Ego bleibt ein leerer Sack.

Nuphar ist aber nicht allein mit ihrer Lüge. Da ist auch Lavie, der sie im Hinterhof bei dem angeblichen Übergriff beobachtete, der sie zuerst erpresst, der seine Eltern belügt, seine Mutter, die seinen Vater belügt. Oder die alte Raymonde, die aus einer Mischung aus Lust und Not die Identität ihrer verstorbenen Freundin aus dem Altenheim annimmt, die Ausflüge mit Schüler/innen mit dem Namen der Verstorbenen mitmacht zur Erinnerung an die Shoa, Schrecken von denen sie eigentlich verschont blieb, ihr aber mit einem Mal eine Bedeutung verleihen, auf die sie nicht mehr verzichten kann. „Dinge erfinden, um weniger allein zu sein.“

Nebst einer unerhört raffinierten Konstruktion ist es die Sprache, Sätze wie „Am Ende eines jeden Satzes lauerte das Schweigen wie ein Furcht einflössender Hund hinter der nächsten Strassenecke“ oder „Liebe sei vielleicht der einzige Muskel, der im Alter nicht schrumpfe, sondern wachse“ oder „…aber sie waren wieder in ihr eigenes Leben verschwunden und rannten sinnlos hin und her wie mit Gift besprühte Küchenschaben“ – Sätze, die man sich wie Pralinen langsam auf der Zunge zergehen lassen will.

Während Nuphar immer mehr an ihrer Lüge leidet, Avischai Milner einen Selbstmordversuch unternimmt und die Polizei dem Konstrukt immer näher kommt, zieht einem die Autorin unweigerlich ins Resümieren über die eigene Geschichte hinein. Man denkt, das Ausgesprochene wirke im Tun und Lenken des Menschen. Man ahnt, dass das Unausgesprochene, Verschwiegene, Gelöschte sehr oft viel mehr wirkt, tief in das Ausgesprochene hinein und letztlich wenig bleibt von dem, was Wahrheit und Wahrhaftigkeit sein könnte.

Ayelet Gundar-Goshen ist ein Seismograph menschlichen Gefühlslebens- und bebens, sei das Erzittern noch so unscheinbar und verborgen in den Falten innerer Abgründe.

„Hoffnungslose Sehnsucht schmeckt wie der Inhalt schimmeliger Konserven.“

Literatur, die packt und mitreisst, von einer Autorin, die einem zum Zuhören zwingt – unbedingt lesen!

Ayelet Gundar-Goshen, geboren 1982, lebt und arbeitet als Autorin und Psychologin in Tel Aviv. Für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie bereits vielfach ausgezeichnet. Ihr erster Roman, »Eine Nacht, Markowitz« (2013), dem der renommierte Sapir-Preis für das beste Debüt Israels zugesprochen wurde, wird derzeit von der BBC verfilmt.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Daniel Goetsch „Fünfers Schatten“, Klett-Cotta

Daniel Goetsch schrieb mit „Fünfers Schatten“ einen kunstvoll konstruierten und sprachlich meisterhaften Roman über einen Mann, der mit seiner Geschichte ins Uferlose abdriftet, seiner eigenen Geschichte abhanden kommt. Ein beeindruckendes Buch mit ungewohnten Horizonten. Literatur, die einem etwas abverlangt und zutraut.

Maxim Diehl, ein erfolgreicher Theaterautor, setzt sich auf eine Insel vor der französischen Mittelmeerküste ab. In eine kleine Pension, nicht weit von dem Haus, in dem der Vielschreiber Georges Simenon Romane am Fliessband in seine Remington tippte. Aber Maxim Diehl ist aus dem Tritt geraten, möchte schrieben, findet aber seine Stimme nicht. Die Urangst jedes Autors. Erst recht in Hörweite eines Hauses, aus dem das Tippen noch immer, für Maxim Diehl als Drohung, den Takt angibt.

In der Pension ist er der einzige Gast, bedrängt von der Besitzerin, die bei jedem auftauchenden Schreiberling hofft, ihre Geschichte und die ihres Mannes unterzubringen. Diehl flieht vor der Pensionsbesitzerin und den leeren Seiten seiner Notizbücher. Auf diesen Spaziergängen begegnet er einem alten Amerikaner, der vor seinem Hotel alleine Cognac trinkt. Jack Quintin beginnt zögerlich seine Geschichte zu erzählen, als er auf Seiten der Alliierten gegen Ende des Krieges nach Deutschland kam. In einer Spezialeinheit hatten sie die Aufgabe, für die führungslose Verwaltung im besiegten Deutschland fähiges Personal zu rekrutieren, das während der Nazizeit nicht brauner Gesinnung unterlag. Während er sich in Interviews einen Reim auf die verdunkelten Lebenslinien der Überlebenden zu machen versucht, verliebt er sich gegen die Weisung der Besetzer in die junge, hübsche Tochter eines Kandidaten.

Diehl erliegt der Geschichte des Amerikaners. Er, der eigentlich einen Roman über seine eigene Geschichte schreiben wollte, nicht zuletzt über die wilden 70er Jahre in Zürich rund um die Globuskrawalle oder die von der Öffentlichkeit vergessene Selbstverbrennung der jungen Silvia Zimmermann im Winter 1980, mitten in Zürich. Revolte und Aufbruch. Statt dessen erliegt er der Geschichte des Amerikaners, beginnt wie besessen aufzuschreiben, was ihm der Amerikaner erzählt. Eine Geschichte, die den auf die Insel Entflohenen noch einmal von seinem eigenen Leben wegträgt. Ein Leben, das aus der Distanz, auf seinen Spaziergängen, im Wanken zwischen medikamentös unterstützter Euphorie und tiefen Abstürzen immer mehr in Schieflage gerät.

Und als Diehls schon längst geschiedene Frau zusammen mit dem gemeinsamen Sohn ihren Besuch auf der Insel ankündigt, droht sich zur Flucht eine unabwendbare Konfrontation zu gesellen. Eine mit einem auseinandergebrochenen Leben, einem autistischen Sohn, der nie zu seinem eigenen Sohn geworden war, einer nicht wahrgenommenen Pflicht, einer ungewollten Vaterschaft. Und unter allem, zwischen allem und hinter allem die Erinnerungen an Viv, der einzigen Liebe, die aber nie wurde, was sie hätte sein können, sein sollen.

Die Geschichte Jack Quentins, eine Geschichte in den Ruinen Deutschlands verknüpft sich mit einem unwirklichen Sog mit seiner eigenen, der Geschichte Maxim Diehls. Ein Sog, der sich auf den Leser überträgt. Geheimnisse, deren Erklärung man unbedingt entgegenlesen will.

Daniel Goetsch erzählt zeitlich auf mehreren Ebenen, ebenso wie in seinen Erzählpositionen. So nah einem die verschiedenen Perspektiven erscheinen, so weit weg geraten sie aus jeweils anderer Perspektive. Es entstehen Vexierbilder, Kippbilder.

„Fünfers Schatten“, ein kluger Roman, ein Buch über Biographien, Lebensentwürfe und den Versuch ihrer Realisation. Diehl wird von seiner Geschichte weggespült, in die Unendlichkeit der Bedeutungslosigkeit. Das, was uns dereinst allen blüht, man aber geflissentlich verdrängt und vergisst, solange man sich im Zentrum des Universums glaubt.

Hochgradig gute Schweizer Literatur mit dem Zeug für das grosse Buch! Daniel Götsch liest morgen Freitag, am 20.April, im Kosmos Buchsalon in Zürich.

Daniel Goetsch geboren 1968 in Zürich, lebt als freier Autor in Berlin. Er verfasste mehrere Romane, darunter »Herz aus Sand« und »Ben Kader«, sowie Dramen und Hörspiele. Für »Ein Niemand « erhielt er das HALMA-Stipendium des europäischen Netzwerks literarischer Zentren.

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Titelfoto: Sandra Kottonau