Nur ganz dumpf und entfernt kann ich das aus dem Keller kommende Scheppern und Poltern hören. Es ist beinahe so als passiere dies im Nachbarshaus oder im Fernsehen. Aber es ist hier am Geschehen, bei uns, ohne jeglichen Zweifel; da fällt ein schwerer, plumper Männerkörper die steile Kellertreppe hinab.
Dass es sich um einen schweren, plumpen Männerkörper, der bei uns die steile Kellertreppe hinabfällt, handelt, weiß ich deshalb, weil der Vater seit einer halben Stunde immer wieder betrunken nach frischem Bier ruft.
Hol noch einen Kasten Bier aus dem Keller!
Ein Rufen, das ich seit dieser halben Stunde ignoriere.
Ich tue so, als hörte ich ihn nicht.
Ich tue so, als wäre ich gar nicht hier.
Und sowieso: Er hat mir nichts mehr zu sagen, der Vater.
Durch die Dunkelheit, die mich und das Innere dieses Hauses umgibt, vernehme ich die Geräusche dieses Fallens mit berauschendem Wohlwollen.
So als hätte ich seit langem darauf gewartet.
Ich stehe mittlerweile unten im Erdgeschoss am Sicherungskasten und lausche aufmerksam, versuche zu hören, ob noch Weiteres geschieht, ob sich da unten auf dem kalten Kellerboden noch etwas regt oder atmet, ob da etwa jemand ruft oder gar fleht.
Ob noch immer jemand nach Bier verlangt.
Aber ich bin nicht sicher, ob da etwas ist.
Und dann bin ich es plötzlich doch: Schwache, gebrochene Wortfetzen bilden sich dort unten im Keller, röchelnd kriechen sie aus einem zu Tode erschrockenen Mund hinaus, vereinen sich schließlich zu Worten, dann vielleicht zu Sätzen, zu einer Nachricht an mich oder jemand anderen, der doch bitte sofort zu Hilfe eilen soll.
Ich drehe die Sicherung wieder hinein und gehe zur Kellertür hinüber. Hinter dieser Tür muss der Vater vor ein paar Minuten die Treppe hinunter gegangen sein, und just in diesem Moment hat es die Sicherung wieder einmal rausgehauen.
Dann muss er gefallen sein. Die Treppe hinunter.
Die Dunkelheit ist jetzt wieder verschwunden, und das grelle Licht des Flurs ergießt sich über meinen bebenden Körper, meine zufriedene, meine lachende Seele.
Noch bevor ich die Kellertüre öffne, verharre ich einige Augenblicke, mit der Hand auf dem schweren Knauf, und gehe gedanklich zurück zu dieser anderen Dunkelheit, die mich und das Innere desselben Hauses vor fünfzehn Jahren umgeben hat.
Es war eine kalte Winternacht, und der Vater hatte Besuch von seinen Freunden; grobschlächtige Männer von der Baustelle, mit kräftigen Armen und verblassten Tätowierungen, mit rauen Gepflogenheiten und grobem Jargon. Die Mutter war schon seit längerem tot, und so waren nur die garstigen und auch lauten Männerstimmen meines Vaters Freunden im Hause zu hören. Es wurde getrunken und laute Musik gespielt, gelacht, gejohlt. Das ganze Haus roch nach Rauch und Schweiß und Alkohol, und von einem unaussprechlichem Etwas, das ich nicht einordnen konnte.
Lange lag ich wach, vergrub meinen Kopf unter dem Kissen, wartete auf einen reinigenden, sanften, mich hinweg tragenden Schlaf.
Ich schlief dann schließlich ein, irgendwann, und ich erwachte erst, als alles wieder ganz still und dunkel war, so als gäbe es gar kein Leben, so als würde nichts geschehen, so als wäre alles bloß Dunkelheit, hier und überall.
Dann stand er plötzlich und wie aus dem Nichts aufgetaucht vor meinem Bett. Bedrohlich, allen Platz einnehmend. Der Vater roch stark nach Bier, nach kaltem Rauch und einer dichten, vagen roten Wut. Es war dunkel, bloß seine Augen und seinen feuchten Mund konnte ich durch das matte Mondlicht hindurch erkennen.
Er lallte schwere Worte: Stromausfall, kroch es aus seinem Mund, im ganzen Viertel.
Und dann, noch bevor ich etwas erwidern konnte, saß er auf mir und hielt mir mit eisigem Griff den Mund zu. Ich vernahm ein herablassendes und auch herausforderndes Grinsen. Dann das Geräusch, das seine schwere Zunge machte, als er sich über die Lippen leckte.
Ich wollte schreien und kämpfen, aber es gab nichts, das ich hätte tun können, für mich war er so stark wie tausend Männer, wie eine Armee.
Die Schläge, die folgten, waren härter als gewohnt, und es waren auch nicht die Schläge, die, wie sonst in diesen Nächten, alles endeten, alles abschlossen, nein, es ging noch weiter, noch viel weiter; an diesem Tag, in dieser Nacht gab es keine menschlichen Grenzen mehr in diesem dunklen und bitter kalten Hause.
Der Vater riss und zerrte an mir, keuchend, grinsend und auch Wut schnaubend, bis ich nichts mehr an mir hatte, bis ich schließlich nackt und schwach und wehrlos alles verlor, was ich verlieren konnte – meine Unschuld, die dort und dann, in dieser dunklen, kalten Winternacht einfror und nun nicht mehr mit mir wachsen, niemals alt werden würde…
Und jetzt, im grellen Licht des Flurs stehend, an die vielen weiteren Übergriffe, die nach jener Nacht damals noch folgten, denkend, öffne ich die schwere Kellertüre und blicke die mittlerweile beleuchtete Treppe hinunter. Ganz langsam und mit wohliger Genugtuung im Herzen folge ich mit den Augen den Weg hinab, den der schwere Männerkörper fallend hinter sich gebracht haben muss. Und ja, da ist er: Vierzig Stufen weiter unten kann ich ihn sehen, den Vater, über ihm ergießt eine an einem Kabel hängende Glühbirne seinen schweren und harten Körper.
Er röchelt etwas, hustet, gurgelt, scheint etwas sagen zu wollen, vielleicht sogar zu rufen, aber es will ihm nicht gelingen, die Worte sterben noch in seinem Mund bevor sie geboren werden. Dann scheint er mich zu bemerken. Er schaut zu mir hinauf, erkennt mich wohl, fixiert mich, versucht dann mit einer Hand zu winken, mir etwas zu signalisieren, seine Augen voller Angst und Flehen und vielleicht ja auch Reue.
Vorsichtig und langsam gehe ich die lange, steile Treppe hinunter, bis ich schließlich über ihm stehe und auf ihn hinabsehe.
Er ist ganz still jetzt, seinen Atem kann ich entfernt zwar noch wahrnehmen, aber es wird nicht mehr lange dauern, das weiß ich ganz genau.
Ganz leicht komme ich mir in diesen Augenblicken vor, es ist mir so als wäre eine schwere Last von mir gefallen – eine Last, von der ich gar nichts mehr wusste, ein Gewicht, das ich schon so lange mit mir herumtrage, dass es schon so sehr ein Teil von mir geworden ist wie etwa ein Bein.
So unerwartet leicht fühle ich mich jetzt.
Und endlich bin ich es, der die Worte Ein Stromausfall zu ihm sagen darf, jene Worte, die er damals benutzt hatte.
Ein Stromausfall. Im ganzen Viertel. Weißt du noch?
Ohne zu lächeln blicke ich ihn an. Tief in seine Augen. Wartend, die Sekunden spürend.
Weißt du noch?
Etwas regt sich in ihm, es wollen noch Worte kommen. Sie kommen aber nicht. Das ist vorbei.
Was jetzt noch ist: er atmet hörbar aus. Es hört sich an, wie wenn die Luft aus einem Reifen entweicht.
Er möchte wirklich noch etwas sagen. Aber… er kann nicht. Wie wenn ihm das verwehrt würde.
So blicke ich also in seine Augen, und kurz bevor das Leben ganz und für immer aus ihnen entschwindet, erkenne ich, dass er genau versteht, dass er nun, wie damals meine Unschuld, für immer einfrieren und nicht mehr älter werden würde.
Über «Die Kunst des Verhungerns»: In den auf wahren Begebenheiten basierenden drei Novellen erzählt Yves Rechsteiner von den verworrenen und verstrickten Phasen eines Lebens, das sich nicht einzwängen lassen will in die Konventionen der Normalität. So ist der namenlose Protagonist nach Kalifornien gezogen, um dort ein Rockstar zu werden, er strauchelt aber, bricht schliesslich alle Brücken hinter sich ab und beginnt eine Irrfahrt ins Ungewisse. Jahre später erinnert sich der Erzähler an seine Kindheit in der Kommune und fordert Klarheit über die Vergangenheit, rechnet mit allem und allen ab. Als der Vater dann aber an Krebs erkrankt und auszieht, diesen auszuhungern, tritt alles Nebensächliche in den Hintergrund. «Die Kunst des Verhungerns» Münsterverlag

Auch J. J.s Mutter unterscheidet sich in fast allem von Tonys, El Grecos Mutter. Während Mrs. Papadakis geheimnisvoll bleibt, mühelos hin -und herwechseln kann zwischen angestrengter Mutter und erotisierender Femme fatal, taucht J. J.s Mutter ab in tiefe Löcher, sitzt da, sich selbst und alles andere vergessend. J. J.s Schwester Lauren ist schon alt, achtzehn, und sein älterer Bruder ein erbarmungsloser Kotzbrocken. Kein Wunder ist die Freundschaft zu El Greco Sinnbild für Beständigkeit, Sicherheit und Halt. J. J. und El Greco sind Blutsbrüder. Nicht nur durch ein Versprechen untrennbar miteinander verbunden, sondern durch all die wilden Taten, die Spuren aus Rauch und Asche, die sie hinter sich herziehen.
Mark Thompson, 1958 geboren und aufgewachsen in Stockton-on-Tees, studierte Politikwissenschaft an der London Guildhall University, hat viele Jahre in Spanien gelebt, intensiv die USA bereist und spielt Gitarre in einer Rockband. «El Greco und ich» ist sein erster Roman. Mark Thompson lebt mit seiner Familie in York.

Er wolle die hintersten Seiten der Seele aufs Papier bringen, sagt Joseph Zoderer in einem Interview. Seine Lyrik bleibt stets ganz nah an seiner Person, ist ehrlich, teilt sich einem in einer Intensität mit, die fast verlegen macht, in der man sich ertappt, zur Reflexion gezwungen fühlt. Seine Gedichte sind Fragestellungen an sein Leben, Innenansichten, die nach Aussen leuchten, sprachliche Diamanten, die beim mehrmaligen Lesen das Licht ganz verschieden zu brechen vermögen.
Joseph Zoderer, geboren 1935 in Meran, lebt als freier Schriftsteller in Bruneck. Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie, Theaterwissenschaften und Psychologie in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Ehrengabe der Weimarer Schillerstiftung (2001), Hermann-Lenz-Preis (2003) und Walther-von-der-Vogelweide-Preis (2004). Vom Autor des Romans „Die Walsche“ (Neuauflage bei HAYMONtb 2012) erschienen bei Haymon zuletzt: „Das Glück beim Händewaschen“. Roman (HAYMONtb 2009), „Die Farben der Grausamkeit“. Roman (2011, HAYMONtb 2014), „Mein Bruder schiebt sein Ende auf“. Zwei Erzählungen (2012) und „Hundstrauer“. Gedichte (2013). 2017 erscheinen „Die Erfindung der Sehnsucht“. Gedichte und „Das Haus der Mutter“. Theaterstück und Erzählung (HAYMONtb).
Monika Marons Roman mischte die ihr sonst so zugewandte Kritik mächtig auf, weil der Roman und seine Rezeption beweist, wie schwierig es ist, Inhalt und Autorin voneinander zu trennen. Wenn im Text Ängste mitschwingen, Ängste vor dem Islam zum Beispiel, ist das Geschrei unzimperlich und die Debatte darüber unverhältnismässig. Monika Maron schrieb ein Buch. Die Frau im Buch heisst Mina Wolf, eine einsame Wölfin in der Angst, die Welt immer mehr dem Chaos übergeben zu müssen. Und so spiegelt sich das Chaos in ihrem Kopf.
Monika Maron ist 1941 in Berlin geboren, wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane, darunter «Flugasche», «Animal triste», «Endmoränen», «Ach Glück» und «Zwischenspiel», außerdem mehrere Essaybände, darunter «Krähengekrächz», und die Reportage «Bitterfelder Bogen». Zuletzt erschien der Roman «Munin oder Chaos im Kopf». Sie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter dem Kleist-Preis (1992), dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2003), dem Deutschen Nationalpreis (2009), dem Lessing-Preis des Freistaats Sachsen (2011) und dem Ida-Dehmel-Preis (2017).
Jule und Vincent reffen sich wieder, zwei Menschen, die vor mehr als zwei Jahrzehnten eine Nacht vielleicht verbunden, ein Autounfall aber wieder aus der Spur geschleudert hatte. Zwei Lebensentwürfe, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, werden durch das Wiedersehen pulverisiert, zwingen zum Nachdenken, bringen Momente zurück ans Licht, die gelöscht schienen, obwohl sie noch immer in die Gegenwart wirken.
Kleinsterzählungen, manchmal nebenbei erzählt, manchmal lärmend inszeniert. Lakonisch, aber mit viel Tiefe erzählt. Keine Nabelschau, auch kein Schürfen nach Gründen, warum er eigentlich allein, eigentlich einsam, trotz der Bewegungen statisch bleibt. Es mischen sich Gedanken ein, die sich um Gesellschaft und Philosophie drehen, Gedanken, die den Protagonisten bewegen, auch in seinen Gängen durch die Stadt, aber niemals dazu, dem «Fort-Schritt» zu genügen.
Leander Steinkopf, 1985 geboren, studierte in Mannheim, Berlin und Sarajevo, promovierte schließlich über den Placeboeffekt. Er arbeitet als freier Journalist für die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung», veröffentlicht literarische Essays im «Merkur» und schreibt Komödien für das Theater. Er lebt in München.
Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Aktuell ist in derselben Reihe im Frühling 2016 der Lyrikband «Berge falten» erschienen.