Patrick Tschan «Der kubanische Käser», Zytglogge, Gast in Amriswil

Noldi Abderhalden, den ein schauderhafter Rausch aus seinem geliebten Toggenburg (Tal in den Schweizer Voralpen) 1620 in die Hände von Söldnern trieb, wird durch Zufall ein Kriegsheld. Aber statt auf seinen Lorbeeren auszuruhen und ein Leben lang von diesem einen, glorreichen Moment zu profitieren, schwemmt ihn sein Verlangen nach mehr bis in ein abgelegenes Tal auf Kuba, wo er die Zeit seines Dienstes für die Krone aussitzen muss.

In Europa tobt der Dreissigjährige Krieg. In manchen Gegenden dezimiert er zusammen mit Seuchen, Armut und Hunger die Bevölkerung um mehr als die Hälfte. Ein jahrzehntelanges Gemetzel, bei dem es vordergründig um den rechten Glauben geht, aber eigentlich nur um Macht, Besitz und Geltungssucht, ein Morden, das bis in die entferntesten Winkel vordringt und das Antlitz Europas für immer grundlegend verändert.

Anwerber der Spanischen Armee streifen durch die Lande und suchen nach Frischfleisch für den Kampf gegen den Protestantismus. In einer eisigen Winternacht, in der Noldi Abderhalden seinen Liebeskummer im Schnaps zu ertränken versucht, setzt er sturzbetrunken sein Zeichen unter einen Vertrag, wird als Sechzehnjähriger mitgenommen, um irgendwo und überall im Namen des richtigen Glaubens Köpfe rollen zu lassen. Nach Ausbildung, Drill und Entjungferung rettet er in einer Schlacht das Leben seines Kommandanten Gómez Suárez de Figueroa, schlägt eine dahersirrende Kanonenkugel mit blossen Fäusten aus seiner tödlichen Bahn, wird zum umjubelten Held, gelangt bis an den Hof des Königs, wo er aber wegen seiner unstillbaren Lebenskraft und Leidenschaft für Jahrzehnte in die spanische Kolonie Kuba verbannt wird, um dort eine Hand voll Schweizer Kühe zur Herde werden zu lassen.

Noldi Abderhalden erwacht zu spät, mehr als einmal. Aber Noldi Abderhalden ist es gewohnt, in die Hände zu spucken und die Dinge anzupacken. Er sitzt seine Zeit nicht einfach ab, sondern mausert sich auf der anderen Seite der Welt zum Züchter, Käser und Geschäftsmann. Sogar das Donnerrollen, das aus seinen Lenden zu stammen scheint, bekommt er in den Griff, lernt Liebe kennen und das Glück des Tüchtigen. Nur die Sehnsucht nach dem kleinen Tal zwischen Säntis und Churfirsten lässt sich nie ganz zähmen, ob im Geschmack seines Käses oder nach dem Verstreichen seiner besiegelten Pflicht.

Patrick Tschan ist gelungen, was er wirklich kann. Er mischt Historie mit Fiktion, würzt mit Humor und träfer Sprache, heizt ordentlich mit schnoddriger Schärfe und fast südamerikanischer Erzählfreude und formt eine Geschichte, die in eidgenössischer Literaturlandschaft seinesgleichen sucht. Der Roman strotzt vor Helvetismen, es wird gewettert (gleich mehrdeutig) und geflucht, dass es eine Freude ist. Ob ‹Heilandsack›, ‹huere Feigling› oder spanisch ‹Me cado en la lache!‘, Patrick Tschan erzählt nicht zimperlich. Mehr als einmal bebt das Zwerchfell während des Lesens, mehr als einmal überrascht Patrick Tschan durch das Tempo in seinem Erzählen. Schon einmal war der Ursprung eines Tschan’schen Abenteuers das kleine Toggenburg im Kanton St. Gallen. Damals war es im Roman „Polarrot“ Jack Breiter, der zuerst als Heiratsschwindler in St. Moritzer Hotels sein Glück versucht und später den Nazis das Polarrot für ihre Fahnen hektoliterweise verkauft. Noldi Abderhalden, der mit zwölf durch ein Unglück zusehen muss, wie seine Eltern sterben müssen, ist das, was man ein «Stehaufmännchen“ nennt, Archetyp dessen, was den einen oder andern auch in der Gegenwart an der Gerechtigkeit zweifeln lässt. Was die Geschichte so sehr lesenswert macht, ist dieser ganz eigene Ton, den Tschan für seine Heldengeschichte trifft. Ein Roman mit grossen Händen, starken Oberarmen und markigen Sprüchen!

Am 29. Mai, 2019, bringt Patrick Tschan seinen neuen Roman „Der kubanische Käser“ an die St. Gallerstrasse 21 in Amriswil. Wer das Buch bis zu diesem Datum gelesen hat und mit Schriftsteller und Gästen diskutieren und austauschen will, ist mit Anmeldung (info@literaturblatt.ch) herzlich bei Irmgard & Gallus Frei-Tomic eingeladen. Die Runde beginnt um 19 Uhr, dauert bis ca. 21 Uhr und kostet inkl. Speis und Trank 30 Fr.

Ein paar Fragen an Patrick Tschan:

Schon in deinem Roman „Polarrot“ fragte ich mich, wie der Mann aus Allschwil bei Basel an seine Geschichten kommt, die nun schon ein zweites Mal im Toggenburg, das so weit weg vom Nabel der Welt scheint, seinen Ursprung haben? Liegen dort die besseren Geschichten als in der Stadt Basel? Oder braucht es einen dicken Nacken, der all das tragen kann, was deinen Protagonisten in die Quere kommt?
Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Bei Breiter könnte es sein, dass der vorlagegebende Onkel aus dem Thurgau kommt und dies für eine Romanfigur nicht unbedingt eine literaturgeschwängerte Region ist. Und so fiel mir das Toggenburg mit seinem «Armen Mann» ein. Beim Abderhalden war die interessante konfessionelle Konstellation im Toggenburg interessant. Und ein Ort, wo die Berge Frümsel, Hinterrugg, Chäserrugg, Leistchlamm, Brisi oder Schafsberg und Alpen Chüeboden, Vrenechele, Obere und Untere Schnebere oder Chreialp heissen, der schreit geradezu als literarische Kulisse verwendet zu werden.

Neben den Ortsbezeichnungen sind es aber vor allem Flüche und Kraftausdrücke, die du in deinem Roman zu einem Mantel Abderhalden werden lässt. Abderhalden, der Käser aus dem Toggenburg, schlägt sich zwar wacker im Dreissigjährigen Krieg, ist aber alles andere als ein Schläger oder Grobschlächtiger. Seine Flüche, seine Jodler sind wie die Türme seiner eigentlich so sehr gebeutelten Seele. Flüche als eine Art der Befreiung? Liest man deine im Roman verwendeten Flüche, dann sind sie Banner der Verbildlichung innerer Zustände, so ganz anders als die Flüche heute, die ausgerechnet eine Ausdrucksform der Liebe in den Dreck ziehen. War da pure Lust oder auch ein bisschen Rehabilitation jener Kraftausdrücke, die Leiden-schafft?
Wohl beides. Ein Noldi Abderhalden ist nicht einer, der sich hinsetzt und sein Verhältnis zu Gott, der Welt, der Liebe und den Frauen reflektiert, dies dann den Lesenden fein säuberlich mitteilt. Das wäre berichtet statt erzählt und somit langweilig. Also jodelt und flucht Noldi, wenn seine Gefühlswelt wieder mal derart von Gott, der Welt, der Liebe und den Frauen durcheinandergeschüttelt wird, dass er nicht mehr weiss, ob die Chreialp wirklich da oben ist und der Chässerugg nicht in den Walensee gefallen ist. Ja, und die alten Flüche sind wahrlich eine Lust, stecken doch eine Menge überlieferter lokalgefärbte Gefühls- und Glaubenswelten in ihnen, Heilandsack!

Der dreissigjährige Krieg, wohl einer der vernichtensten Kriege gemessen an der damaligen Bevölkerung, ist der Grund dafür, dass Noldi Abderhalden gegen Bezahlung für 10 Jahre in den Dienst der Spanischen Krone in Schlachten zog. Kriege, die an Brutalität kaum zu überbieten waren. Er ist Schauplatz seiner und deiner Heldengeschichte. Eine Heldengeschichte, die wie alle Heldengeschichten nicht nach Wahrheitsgehalt gemessen werden kann und soll. Wir brauchen sie. Je verrückter, desto wirkungsvoller. Und weil die Literatur alles darf, ist sie der ideale Ort, um Heldengeschichten zu produzieren. Literatur als «Opium für das Volk»?
Leider rauchen viel zu wenige aus dem Volk diese Art von Opium. Obwohl: ein paar gute Geschichten gut erzählt wären wohl für viele Wunden heilsamer als mutlose, nach Aktualitäten schielende Mainstream-Berichte.

Wenn erzählt wird, sind es die Momente, in denen Brüche entstehen, die bannen. Noldi verliert als Kind seine Eltern, muss der Katastrophe zuschauen. Im Krieg ist er es, der im Moment eingreift, etwas aus der logischen Konsequenz buxiert. Das, was ihm als Kind damals unmöglich war. Manchmal sind wir zum reagieren verdammt, manchmal gelingt es uns zu agieren. Noldi ist in deinem Roman einer, der es in die Hand nimmt. Das braucht es in einer Welt, in der sich alle so schnell stets als Opfer sehen. Richtig?
Das hast Du wunderbar gesagt, mit den Brüchen. Am besten sind sie dann, wenn sie aus der Figur kommen. So wirkt jedes Klischee weniger klischeehaft. Der Noldi nimmt ja erst in Kuba sein Leben in die Hand; mit dem Entschluss zu käsen. Vorher hätte er viele Gründe gehabt, sich selbst zu veropfern. Aber dieses gibt es in der Manstream-Gegenwartsliteratur ja genug. Das ist auch nicht spannend, das berichtet und erzählt nicht.

Vielen Dank und deinem Buch die verdienten Leserinnen und Leser!

Patrick Tschan, 1962 in Basel geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie, führte in zahlreichen Theaterstücken Regie und ist seit vielen Jahren in der Werbung und Kommunikation tätig. Er ist Präsident der Schweizer Schriftsteller-Fussballnationalmannschaft. Zuletzt erschienen von ihm die Romane «Keller fehlt ein Wort» (2011), «Polarrot» (2012),»Eine Reise später» (2015) bei Braumüller. «Der kubanische Käser» ist sein erstes Buch bei Zytglogge.
Beitragsbild © Gallus Frei-Tomic
8. Literaturblatt

Patrick Tschan «Der kubanische Käser»

Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden

Es war nicht so, dass Noldi Abderhalden in dieser bitterkalten Winternacht im Februar 1620 freiwillig über die eisigen Trampelpfade auf den Chüeboden oberhalb Alt-St. Johanns aufgestiegen wäre, um von dort seinen ganzen Schmerz über dieses verdammte Tal hinwegzuschreien.
Nein. Die Heidi hatte ihn verlassen. Wegen dem Heiri Obderhalden.
Er war so stolz gewesen, dass gerade er die Heidi küssen und mit ihr gehen durfte. Wie ein Pfau war er Hand in Hand mit ihr die Dorfstrasse rauf und runter flaniert, unter den neidischen Blicken der anderen Burschen, die wie er fast täglich wegen der Heidi einen Ständer weggedrückt hatten. Geheiratet hätte er sie,  auf der Stelle – hätte er gekonnt, hätte er gedurft.
Aber, was eh nicht gut ausgehen durfte, war durch den Heiri bereits nach dem zweiten Gang am Ende der Dorfstrasse abgeklemmt worden.
«Komm Heidi», hatte er gerufen, und die Heidi hat die Hand vom Noldi losgelassen, sich beim Heiri untergehakt, sich zu Noldi umgedreht, ihm zugeraunt, der Heiri käme eben draus, im Gegensatz zu ihm, er solle jetzt ja nicht flennen, sondern zum kleinen Babettli gehen, die käme auch noch nicht draus, aber irgendwann kämen sie dann beide draus, und dann käme es schon noch gut für ihn.
Und so krümmte er sich jetzt dort oben auf dem Chüeboden vor Liebesschmerz mit einer Flasche saurem Wein im Kopf, beobachtet von Bär, Wolf und Gämsbock, tobte, schrie, stampfte, weinte und schluchzte so laut, dass sich Bär, Wolf und Gämsbock einig waren, dass nur Menschen sich so saudumm aufführen konnten.
Da er die Heidi doch schon ein gutes Stück weggetrunken hatte, wusste er plötzlich nicht mehr, was er eigentlich ausser Schreien und Toben dort oben wollte, und machte er sich daran, wieder vom Chüeboden hinabzusteigen, bahnte sich einen Weg durch die Dunkelheit und das einsetzende Schneetreiben, wählte im Suff zweimal die falsche Abzweigung, rutschte aus, landete unsanft auf dem Hintern, und da er auf dem blanken Eis nicht mehr hochkam, entschied er sich, in den Spuren der schweren Holzfällerschlitten auf dem Hosenboden ins Tal zu rutschen. Hei, da nahm der Noldi Fahrt auf, zog die Beine an und gab leichte Rücklage, nutzte die Schneewechten als Steilwandkurven, eine Tannenwurzel riss ein Stück Leder aus der Hose und dem Hintern und eine Eule stob aufgeschreckt in das ewig Gründunkle des Tannenwalds. Am Ende der Schussfahrt landete er geradewegs vor den Füssen eines Anwerbers für Reisläufer der von Plantas.
«Ha», rief der Anwerber, «da kommt ja einer vom Chüeboden geflogen. Schau, Trommler, ein stämmiges Exemplar von einem Alt-St. Johanner Sautreiber! He, was meinst du?»
Der Trommler antwortete mit einem kräftigen ‹Terrrräng›.
«Der wäre doch was, um gegen die vermaledeiten Bündner Protestanten, gegen den Jörg Jenatsch und Konsorten zu kämpfen. Was meinst du, Trommler?»
Terrrräng!
«Jörg Schnaps?», lallte Noldi und versuchte aufzustehen.
Der Anwerber drückte ihn zu Boden. Jetzt erst spürte er den stechenden Schmerz in seinem Hintern von all den blauen Flecken, Hautschürfungen und Rissen, die er sich beim wilden Ritt über Steine, Felsvorsprünge, Tannennadeln und -zapfen zugezogen hatte.
«Schnaps?»
«Schnaps!»
«Ja, was würde so ein daher gerutschter Sauhirt denn für Schnaps geben?»
«Kuhhirt!»
«Von mir aus. Also, was gäbe ein Kuhhirt für Schnaps?»
Terrrräng!
«Was würde denn so ein Herr mit Trommler wollen?», lallte Noldi dagegen.
Der Anwerber reichte ihm die Hand und half ihm aufzustehen. «Deinen Todesmut.»
Terrrräng!
«Das ist alles?» Noldi versuchte, die helfende Hand abzuschütteln, und fiel dabei fast wieder um.
«Ja.»
Terrrräng!
«Und was, was … also was, was gibt den, den Schnaps?», brabbelte Noldi.
«Dein Kreuz. Hier. Für zehn Jahre.» Der Werber hielt ihm ein Blatt mit grossem Wappen und mächtig geschwungener Schrift unter die Nase, zog eine Feder aus der Umhängetasche und zeigte Noldi die Stelle fürs Kreuz.
Terrrräng!
«Zeig den Schnaps, du, du, du Seelenkrämer …»
«Voilà.» Der Anwerber zeigte auf den Trommler und dieser zog ein kleines Fässchen Schnaps aus seinem Beutel.
Noldi nahm das Fässchen, zog den Zapfen, nahm einen Schluck, verzog das Gesicht und ächzte: «Wuaah!»
«Veltliner.»
Terrräng!
«Gib … du, du Buhler, du.»
«Trommler!»
Der Tambour hob die Trommel hoch, der Anwerber legte das Blatt darauf und fragte Noldi scharf: «Name?»
«Noldi, du, du Leichenfledderer, du.»
«Wie noch?»
«Abderhalden, natürlich, du, du, Schnitter, du …»
Der Werber schrieb den Namen und Vornamen auf das Blatt, drückte die Feder in Noldis Hand, führte sie zur Stelle, wo dieser zu unterschreiben hatte, und machte dort drei Kreuze. Daraufhin nahm Noldi einen zu grossen Schluck Schnaps, prustete die Hälfte wieder hinaus und besudelte das Blatt. Der Trommler schrie «He!», der Werber nahm das Papier und wischte den Schnaps ab, und Noldi, ohne Stütze, fiel hin, krümmte sich, umschlang das Schnapsfässchen und entschied sich, nie mehr aufzustehen und für immer und ewig einzuschlafen.
Terrrräng! Terrrräng!
Er blieb liegen.
Terrrräng! Terrrräng! Terrrräng!
Er tat ein tiefer Seufzer.
«Wache!», befahl der Anwerber. Zwei mit Hellebarden bewaffnete Soldaten traten aus dem Dunkel der Nacht, hoben den Noldi hoch und schleppten ihn in einen Stall, wo sie ihn neben eine Kuh warfen.

Babettli, die das alles von ihrem Fenster aus beobachtet hatte, stürmte, kaum waren die Soldaten wieder im Dunkel und Anwerber wie Trommler im Wirtshaus verschwunden, die Treppe hinunter, auf die Dorfstrasse und in den Kuhstall, in den sie den Noldi verfrachtet hatten.
Es war ein jämmerliches Bild, das sich ihr bot: ein verdreckter, blutverkrusteter Noldi, der sich an sein Schnapsfässchen klammerte und wirres Zeug stammelte. Die danebenliegende Kuh war so leibarm, dass sie trotz grosser Kälte nicht einmal dampfte.
Erfasst von Mitleid und ihr gänzlich unbekannten anderen Gefühlen legte sie sich eng an Noldis Rücken, begann sein Haar zu streicheln, sein Gesicht, seinen Hals, und irgendwie rutschte ihre Hand unter sein Hemd und von da – sie hatte wirklich keine Ahnung, welcher Teufel sie da ritt – in seine Hose, und da war das Ding, von dem alle sprachen, das sie aber noch nie gesehen, geschweige denn angefasst hatte.
Noldi stöhnte, spürte im Halbtraum etwas in seiner Hose, das sich wie ein Murmeltier anfühlte, weich, pelzig, warm, fettig, und von dem er hoffte, dass es ja nicht zubeissen würde. Irgendwann begann das Murmeli mit ihm zu sprechen, fragte ihn, wie er das finde, er antwortete, es solle weitermachen, aber einfach nicht beissen, es fragte, was er da mit den bewaffneten Männern gemacht habe, Zeugs verkauft, eben, antwortete er, was für Zeugs, er habe seine Todesverachtung verkauft, warum er dies getan habe, er sei halt so todesverachtend unglücklich, warum er denn so unglücklich sei, weil er die Heidi verloren habe.
Da biss das Murmeli dermassen zu, dass der Noldi sofort wieder nüchtern war, wie am Spiess vor Schmerz schrie, die Kuh darob verstört aufschreckte, ihm ein Huf an die Backe donnerte, derweil er noch einen Rockzipfel von dem weinend aus dem Stall stiebenden Babettli im Augenwinkel erhaschte.
Er krümmte sich noch mehr vor Schmerz, Liebeskummer und Suff, trank noch ein paar Schluck und schlief schliesslich ein, träumte von Murmelis und Heidis und Kühen und wurde am anderen Morgen durch einen kräftigen Fusstritt geweckt, in den eisigkalten Dorfbrunnen geschmissen und in die Uniform eines Söldnerregiments der katholischen Truppen der von Planta gesteckt.

Patrick Tschan, geboren 1962, lebt in Allschwil, Schweiz. Studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er führte in zahlreichen Theaterstücken Regie und war viele Jahre in der Werbung und Kommunikation tätig. Patrick Tschan ist Präsident der Schweizer Schriftsteller-Fussball-Nationalmannschaft.

Am 27. März, um 19 Uhr, ist Buchtaufe im Literaturhaus Basel. Petrik Tschans neuer Roman «Der kubanische Käser» erscheint bei Zytglogge. Der hier veröffentlichte Text ist der Einstieg in den Roman.

Webseite des Autors

Jacob Stickelberger «Mein fast grosser Grossvater», Zytglogge

Emanuel Stickelberger gehörte vor dem zweiten Weltkrieg zu den grossen Namen der Schweizer Literatur. Heute ist sein Name verblasst und seine Bücher warten selbst in Antiquariaten vergeblich auf neue Leser. Sein Enkel Jacob Stickelberger, Berner Troubadour zusammen mit Mani Matter, erinnert sich in «Mein fast grosser Grossvater» an einen Mann, der mit seinen Romanen Bestseller schrieb, dessen Name nach dem Krieg schnell verblasste, nie aber in der Erinnerung seines Enkels und der meinigen.

Es gab eine Zeit, in der ich ausschliesslich Schweizer Literatur las. In dieser Zeit gehörten Antiquariate zu meinen Jagdgründen. In St. Gallen das Antiquariat Ribaux. Dort drückte mir Louis Ribaux jeweils einen Schlüssel in die Hand für die Räume ums Eck im Obergeschoss, jene Regale, die im Laden am Unteren Graben keinen Platz hatten. Dort war mein Revier. Dort fanden jene Namen zu mir, die man heute noch in meiner Bibliothek findet; Ruth Blum, Felix Moeschlin, Kurt Guggenheim, Elisabeth Gerber… und Emanuel Stickelberger, der mit den Romanen «Zwingli», «Der Reiter auf dem fahlen Pferd» und anderen gross angelegte Werke schrieb, die sich aber immer in der Vergangenheit ansiedelten, mit Geschichte und Krieg zu tun hatten, etwas, wofür man nach dem letzten Weltkrieg keine Leselust mehr aufbringen wollte. Ich trug meinen Bücherpacken mit nach unten in den Laden, bezahlte weniger als zusammengezählt und las hungrig das, was in den Buchhandlungen längst als vergriffen galt.

Emanuel Stickelberger starb 1962 in St. Gallen. Am gleichen Ort und im gleichen Jahr wie ich geboren wurde. Das allein und die Tatsache, dass ich Emanuel Stickelbergers Romane vor fast vier Jahrzehnten verschlungen hatte, wären schon genug der Gründe «Mein fast grosser Grossvater» zu lesen. Auch wenn «Roman» auf dem Umschlag zu lesen ist, ist Jacob Stickelbergers Buch ein Erinnerungsbuch. Ein Erinnerungsbuch an eine längst vergessene Zeit, wenn auch nur zwei Generationen von der unseren entfernt. Ein Erinnerungsbuch an einen Mann, der nie am Ort seiner Träume ankam, der Industrieller war, in seiner Seele aber Dichter. An eine Zeit, als Patriarchen die Geschicke einer Familie bestimmten, an eine grossbürgerliche Familie, in der Herkunft und Stellung in der Gesellschaft alles bedeuteten. An einen Mann, dessen Welt die Bibliothek im ersten Stock war, ein bisschen über der Erde, ein bisschen über den Untiefen des Alltags.

So wie Emanuel Stickelberger damals aus der Zeit fiel, so klingt manchmal auch der Erzählton von «Mein fast grosser Grossvater»; ein bisschen aus der Zeit gefallen. Jacob Stickelberger erzählt aber mit soviel Liebe von seinem Grossvater, der im Alter im «Schlössli» in Uttwil am Bodensee residierte, dass man die sprachlichen Eigenheiten des Buches gerne in Kauf nimmt. «Mein fast grosser Grossvater» ist über grosse Strecken etwas steif erzählt und mit Sicherheit keine literarische Perle. Aber umso mehr ein Zeugnis, eine Liebeserklärung an einen Mann mit Prinzipien, der den Onkel Jacob Stickelbergers, einen der Söhne Emanuel Stickelbergers, wegen einer «falschen» Heirat für Jahre ins Exil treiben konnte.
Es tut sich eine Tür in die Vergangenheit auf. Jacob Stickelberger verherrlicht nicht. «Mein fast grosser Grossvater» ist kein Denkmal, aber ein aufschlussreiches Erinnerungsbuch mit Textbildern.

Das «Hechhuis» in Wolfenschiessen, noch immer im Besitz der Familie Stickelberger

Emanuel Stickelberger, 1884 geboren, 1962 in St. Gallen gestorben, Sohn eines Bankdirektors wurde 1900 Angestellter der Gesellschaft für Chemische Industrie. 1909 gründete er in Basel und Haltingen eigene chemische Werke. Ab 1926 widmete sich Stickelberger ganz der Schriftstellerei. Seit 1932 war er Vorsitzender und seit 1944 Ehrenpräsident des von ihm mitbegründeten Deutsch-schweizerischen Pen-Clubs, seit 1937 auch Ehrenmitglied des Internationalen PEN-Clubs. Er lebte ab 1948 in Uttwil am Bodensee und in Wolfenschiessen im Kanton Nidwalden. Er verfasste in der Tradition der schweizerischen Realisten vorwiegend historische Romane und Erzählungen, daneben auch dramatische und lyrische Werke sowie historische Sachbücher.

Mein kleines Interview:

Emanuel Stickelberger ging es als Mann der Sprache, als Dichter nicht anders wie vielen, die nach dem Krieg ihre Stimme verloren. Aber Emanuel Stickelberger hat das Glück, einen schreibenden und singenden Enkel zu haben, der ihm ein „Erinnerungsbuch“ widmet. Wann haben Sie die Bücher Ihres Grossvaters gelesen? Gibt es eines, das Sie über die anderen stellen und wie liest man die Stimme des Grossvaters?
Ich habe längst nicht alle Bücher von Opapa gelesen – offen gestanden wirklich gelesen habe ich fast nur das Buch mit dem Titel: „Der Reiter auf dem fahlen Pferd“. Enorm spannend!

Es scheint, als wäre ihr Grossvater gar nie wirklich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg angekommen, in der Zeit, in der man ihn als Schriftsteller mehr und mehr zu vergessen schien. Er war über sechzig, als der grosse Krieg zu Ende ging. Er schrieb gemessen an seiner Zeit zwischen den Kriegen viel, viel weniger. War ihr Grossvater enttäuscht vom Leser, vom Literaturbetrieb?Nein, er war einfach alt geworden. Recht eitel, wie er halt immer war, war’s ihm zumindest recht, dass er nach dem grossen Krieg wenigstens noch beachtet wurde, und dass ein Bewunderer von ihm (Wolfgang Adrian Martin) nach dem Krieg sein monatelanger Gast war und in mühseliger Arbeit eine erschöpfende Bibliographie über Opapas Schaffen zusammenstellte. Die gibt es, aber ich finde sie bei mir einfach nicht mehr.

Sie begegnen Ihrem Grossvater durchaus kritisch als Familienpatriarch, der es in seiner Zeit nicht unüblich, schafft, einen „Ungeratenen“ ins Exil zu schicken und als Sohn zu verleugnen. Hat das Schreiben Ihres Buches und Ihr eigenes Alter die Sicht auf ihren Grossvater verändert?
Überhaupt nicht. Ich als mittlerweile nun ebenfalls erwachsen Gewordener habe Opapa lediglich ergänzend auch aus dieser neuen Sicht nochmals charakterisiert. Der zweite Sohn Dietegen war übrigens nicht ungeraten; er hat sich nur erlaubt, eine Frau mit dem Namen Krummenacher zu heiraten und deshalb eine Familie mit ihr in Spanien zu gründen. Dietegen wurde nicht, sondern er hat sich mit seiner Frau selber ins Exil nach Spanien geschickt.

Ihr Grossvater wurde von Ihnen als Kind „Opapa“ genannt. Etwas, was nach der Lektüre Ihres Buches durchaus zu einem «Oh Papa“ werden könnte. Als Ihr Grossvater starb, waren Sie Student und 21. Sie schreiben, Sie hätten damals «die Mitteilung entgegengenommen – und fertig“. Klingt das Bedauern durch die Zeilen?
Das vorangestellte O steht schlicht nur für das dem „Vater“ vorangestellte Wort „Gross“, was „Grossvater“ ergibt. Ferner: Opapa ist als alter Mann gestorben. Das ist normal. Eigentlich gibt es für einen Erwachsenen, der ich mittlerweile weiss Gott geworden bin, keinen Grund, eine solche Tatsache zu bedauern. Das nur, wenn ich mich in meine Kindheit bzw. ins kindliche Gefühl zurückversetze. – So eben mein Buch. 

In meinem Regal stehen sechs Romane Ihres Grossvaters und einer ihres Vaters Rudolf („Narren Gottes“). Wo stehen bei Ihnen die Bücher Ihres Grossvaters und was geschieht, wenn Sie sie in Brockenhäusern sehen?
Opapas Bücher stehen bei mir ungeordnet und vereinzelt noch herum. Wenn ich sie im Brockhaus sehen sollte: Tempora mutantur. Das ist der Lauf der Zeit. Ich beschreib‘s ja so in meinem Buch.

Jacob Stickelberger, geboren 1940, Rechtsanwalt, Chansonnier und Berner Troubadour. Nach Mani Matters Tod führten Stickelbeger und Fritz Widmer das noch gemeinsam mit Matter geschaffene Programm auf, die «Kriminalgschicht».
Ab 2002 wieder Auftritte mit den Troubadours, danach solo. Lebt in Zollikon bei Zürich.

Webseite des Chansoniers und Troubadours

Marianne Künzle «Drama am Waldrand»

Am Waldrand liegt eine flach getretene Aludose.
Red Bull Energy Drink. Belebt Geist und Körper und hebt die Stimmung. Das steht da drauf, Blau auf Silbern, die Schrift vom Wetter verwaschen.
Die Dose hat ein Mann gekauft, der die Fahrprüfung bestanden hat. Zwei Mal durchgerasselt, nun hat es geklappt. Seine Haut zieren Pickel, aber Autofahren kann er jetzt und das tut er jetzt. Er fährt zu seinem Freund auf dem Bauernhof, mit dem er in die Lehre geht. Er trinkt am Steuer Red Bull und das Fenster steht offen, der Wind bläst ihm durchs Haar und er fühlt sich gut, er trinkt Red Bull, Bier dann später, Wodka auch. Bier wär schon besser, aber ist er ein Baby oder was, er trinkt doch nicht wenn er autofährt. Er nimmt den letzten Schluck, zerdrückt die Dose in seiner linken Hand, die rechte locker am Lenkrad. Schmeisst die Dose aus dem Fenster, ihm gehört die Welt. Die Dose fliegt umständlich durch die Luft, ihre Leichtigkeit ist unübertrefflich. Da haben sich die Verpackungsmaterialingenieure was wirklich Gutes einfallen lassen. Fünf Gramm Leergewicht.

Unter einem Grasbüschel sitzt eine Spitzmaus. Sie wartet dort geduldig, seit zwanzig Minuten. Sie hat aufmerksam gelauscht und geschaut und gewartet und wieder geschaut und gelauscht, geschnuppert. Der Himmel nun wieder grenzenlos blau, der kreisende Schatten des Mäusebussards verschwunden. Der Warnruf der Blaumeise ist in regelmässiges Tschilpen übergegangen. Ein Motorengeräusch nähert sich, das beunruhigt die Spitzmaus aber kaum. Diese lauten Blechkisten sind riesig und tatsächlich beeindruckend, aber sie haben keine Zähne und Krallen und auch wenn sie plötzlich aus dem Nichts auftauchen: die sind sofort wieder weg.
Die Spitzmaus streckt ihre spitze Nase in die Luft, auch der Fuchs scheint nicht in der Nähe zu sein. Die Luft ist rein. Sie trippelt los. Zuversichtlich, emsig, ab nach Hause ins Nest.
Ein dumpfer Schlag.

Drama am Waldrand: Red Bull erschlägt Spitzmaus!

Marianne Künzle, 1973 in Bern geboren, ist gelernte Buchhändlerin, war Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace. Seit Ende 2015 arbeitet sie in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. „Uns Menschen in den Weg gestreut“, ihr erster Roman, ist bei Zytglogge erschienen und absolut lesenswert, auch wenn man mit Heilkunde nichts am Hut hat.

 

Ein Abend unter dem Mond mit Marianne Künzle

„Lesen geht durch den Magen – gestern Abend zum Beispiel auf Einladung von literaturblatt.ch. Die unvergessliche Candle-light-Dinner-Lesung im Bistro Cartonage in Amriswil. Die kulinarischen Höhenflüge wie Brennnesselchips, Hagebuttencrème, Senfkraut auf Randenrisotto, Kräuterschnaps zum Abrunden. Das aufmerksame Publikum, die überraschenden Gespräche, die tolle Moderation. Und der satte Vollmond hinter Regenwolken. Schön war’s!“ Marianne Künzle

Fotos: Sandra Kottonau

Schriftstellerin Marianne Künzle zu Gast in Amriswil: Ein Interview

schliff.ch

Was trieb Marianne Künzle dazu, einen Roman über den Kräuterpfarrer Johann Künzle zu schreiben? Der gleiche Familienname allein kann es nicht gewesen sein?

Ich wusste von Johann Künzle, dem Namensvetter mit gleichem Heimatort und wurde auf seine kurze Autobiografie aufmerksam. Auf wenigen Seiten skizziert er in seiner letzten Publikation sein Leben und Wirken und wie er zu dem wurde, als den man ihn noch heute kennt. Zwischen diesen wenigen Zeilen, und das machte mich neugierig, glaubte ich einen äusserst ambivalenten Charakter herauszulesen. Da war dieser Jemand, der weiss, was er will, der für Wälder, Blumen und Berge schwärmt, mit einem poltrigem Humor und widerspruchsloser Strenge unzählige Menschen erreicht. Da war diese Stimme aus der Vergangenheit mit verstaubten, zuweilen irritierenden Ansichten. Aber auch absolut modernen: Was ist ein gutes Leben? Welcher Stellenwert hat die Natur? War Johann Künzle tatsächlich so? Oder noch anders, als er sich selber darstellte und dargestellt wurde? Dem Menschen zwischen den Zeilen wollte ich nachspüren.

Johann Künzle war schon damals ein Kämpfer für die zarten Seiten, auch wenn er durchaus wortgewaltig werden konnte. Du warst jahrelang bei Greenpeace tätig. Johann Künzle kämpfte für eine bessere Welt, nicht zuletzt gegen Bevormundung und die Willkür gewinnorientierter Macht. Steckt in diesem Buch auch noch etwas von deinem Kampf?
Wenn ich als Naturheilpraktikerin jahrelang für bessere Zulassungsbedingungen von Heilpflanzen und -methoden gekämpft hätte, steckte direkt etwas von meinem persönlichen Engagment mit im Buch. Bei Greenpeace galt mein Einsatz jedoch einer Landwirtschaft, die ohne Gentechnik und chemisch-synthetische Pestizide auskommt. Meine beruflichen Erfahrungen fanden mit wenigen Ausnahmen also keinen direkten Eingang in den Roman. Aber bestimmt hat mir meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft die notwendige Motivation und den Durchhaltewillen gegeben, mich vier Jahre lang mit Johann Künzle zu befassen. Er vertrat schon vor über einem Jahrhundert Ansichten, die im jetzigen Zeitalter von Klima- und Ressourcenzerstörung, verursacht durch uns, die wir im Konsumieren Zufriedenheit zu finden glauben, hochaktuell sind und die ich zumindest teilweise teile: er wies auf krankmachende Lebensumstände hin, geisselte übermässigen Konsum, plädierte für einen bescheidenes Leben, appellierte an die Eigenverantwortung und Besinnung aufs Wesentliche. Und er beschrieb auf rührende Art und Weise die Schönheit und den Reichtum der Natur!

Kräuterheilkunde hat nichts an seinem Nischendasein verändert. Hat die Arbeit des Buches etwas mit dir gemacht, mit dir verändert? Legst du erst seit deiner Romanarbeit Wurmfarn gegen Krampfadern in den Beinen in deine Schuhe?
Als «moderner» Mensch, der seinen Alltag meist sitzend verbringt, lege ich nun Farnblätter in die Schuhe, wenn meine Beine schmerzen. Damit verbunden sind regelmässigere Waldexkursionen. Ich kaufe keinen kühlenden Gels mehr ein, sondern finde das Kraut im Wald. Frische Luft, Kopf durchlüften, die Heilpflanze mit nach Hause tragen. Und: die Wirkung von Farn ist verblüffend! Wenn mir etwas fehlt, konsultiere ich, seit ich mit den Recherchen für das Buch begonnen habe, zuerst Johann Künzle’s Schriften. Ich glaube, dass mir die Arbeit an diesem Buch etwas mitgegeben hat: ich kümmere mich mehr um meine Gesundheit. So gut ich kann.

Eine grosse Qualität deines Romans ist, dass Konstruktion, Ton und Sprache des Buches keine Partei ergreifen. Du könntest das Buch sowohl vor Heilpraktikern wie an einem Ärztekongress vorlesen, zumindest Auszüge daraus. Du beschreibst eine Zeit, konträre Haltungen, die sich zu einem Grabenkrieg auswachsen und einen Mann, der immer wieder mit sich selbst zu kämpfen hatte. Ist Johann Künzle „exemplarisch“? Und warum ausgerechnet er? Gehst du mit dieser Figur nicht das Risiko ein, in eine Ecke gedrängt zu werden?
Warum ausgerechnet er? Es wäre schade, wenn Johann Künzle’s Geschichte nicht (noch einmal) erzählt würde! Es gibt wenige, die das Bild von der heilen, gesundmachender Bergwelt, den «Mythos Schweizer Alpen» derart geprägt haben wie der verschrobene Pfarrer mit wallendem Bart und runder Brille.

Besteht nicht die Gefahr, dass man mit einem Roman über Pfarrer Künzle von einem ganz speziellen Publikum als einen der ihren eingenommen werden könnte. Dass du die wirst, die mal über einen Pfarrer schrieb. So wie man als Schauspielerin nicht mit einer Etikette markiert werden will, so vielleicht auch bei Schriftstellerinnen.
Mich hat der Stoff fasziniert. Die Figur, deren Lebensumstände, die Epoche, Parallelen zur heutigen Zeit. Ich glaube, es wäre kein Buch entstanden, wäre da nicht das Feuer entfacht worden, das es brauchte, um diese Geschichte überhaupt erzählen zu können. Für mich war während der Recherchen und dem Schreiben kaum Thema, ob mich ein biographischer Roman über Johann Künzle in eine Ecke drängen könnte, etwa, dass ich von nun an als Künzle-Biografin gelte könnte, oder dass das Buch nur von Leuten gelesen würde, denen Künzle ein Begriff ist. Im Gegensatz zur klassischen Biographie hat ein biographischer Roman das Potential, eine breitere Leserschaft zu erreichen. An Geschichte Interessierte, an Heilpflanzen, an Belletristik, an Debüts …
Auch wenn Zweifel darüber auftauchten, ob ich für ein erstes Buch das richtige Thema gewählt habe, war für mich eigentlich immer klar – das war mein Stoff!

Anmeldung für das Essen zur Lesung unter: 071 410 10 91 oder info@bistro-cartonage.ch

Marianne Künzle «Uns Menschen in den Weg gestreut», Zytglogge

Mai 1921. Benedikt Pradin ist Arzt, 49 und mit seinen ergrauten Schläfen eine stattliche Erscheinung. Er, der immer alles richtig machte, muss erleben, wie selbst ernannte Heiler, Quacksalber und Kurpfuscher seinen Stand verunglimpfen, wie am Bahnhof in Zizers (im Rheintal zwischen Landquart und Chur) ein weitgereister Maharadscha mit seiner Entourage nicht seinesgleichen sucht, sondern den Kräuterpfarrer Johann Künzle.

Johann Künzle, Seelsorger und Kräutermann wurde nicht aus einer zündenden Geschäftsidee zu dem, was Künzle AG und ein umfassendes Lehrwerk über die heilenden Kräfte von Kräutern erahnen lassen. Seine Motivation war es, einer armen, der Willkür der Obrigkeiten ausgesetzten Bevölkerung zurückzugeben, was Industrialisierung, aufbrechende Moderne und Abhängigkeiten von Medizin und Arzneien anrichteten. Daneben war Johann Künzle in den harten Jahren während und nach dem ersten Weltkrieg überzeugt, dass mit Hilfe der Kräuter, die vor den Haustüren der Armen wachsen, viel mehr gegen Hunger und Krankheit hätte unternommen werden können, hätte man nicht vergessen, was seit Jahrhunderten zum Wissen einer naturnahen Bevölkerung gehörte. Im Jahr 1911 schrieb Johann Künzle sein erstes Kräuterbuch „Chrut und Uchrut“, das eine Lawine auszulösen begann. Eine Lawine, die einem Dorf, einer ganzen Gegend Arbeit und begrenzten Wohlstand brachte, Bauernfamilien mit dem Sammeln der Kräuter einen segensreichen Nebenverdienst und Johann Künzle eine nicht immer willkommene Publizität. Aber auf den Ruhm folgten Neid, Missgunst und Verleumdung.

Marianne Künzle schrieb nicht einfach eine Biographie über den Pfarrer mit Nickelbrille und langem weissem Bart, sondern über die Jahre 1910 bis 1922, als Johann Künzle überregional an Bedeutung gewann, weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt wurde und sich 1922 entscheiden musste, ob er sich von Neidern in die Enge getrieben zurückziehen soll. Sie beschreibt einen Mann mit vielen Gesichtern; den wohltätigen Pfarrer, den Kinderfreund, den Zornentbrannten, wenn er über Tintenfresser schimpfte, den Unnachgiebigen. Aber die Autorin bleibt nicht bei Pfarrer Künzle allein. Sie setzt ihn geschickt und gekonnt in eine Dreieckskonstellation; Pfarrer Künzle, der den Menschen zuhört, sie ernst nimmt, den Arzt Benedikt Pradin, der sich immer mehr vom Wirken des Pfarrers bedroht fühlt und der ehemalige Lehrer und Emporkömmling Loenz Schumacher. Zwischen den dreien entwickelt sich ein wahrer Krieg, in den alles Verfügbare eingespannt werden soll. Ein Psychogramm dreier Archetypen, die unfähig sind, aus einer festgefahrenen Rolle auszubrechen, auch wenn daran Menschenleben hängen. Und nicht zuletzt eine Geschichte darüber, dass es erst 100 Jahre her ist, dass man Frauen höchst ungern zuhörte und es für Frauen unsäglichen Mut abverlangte, eine eigene Meinung zu äussern. Die Geschichte eines Mannes, der es verstand, seine Gottergebenheit, seinen Glauben nicht bloss mit leeren Worthülsen zu koppeln, sondern mit Begeisterung , mit dem Leben selbst und einem Batzen für fleissige, bedürftige Helfer. Künzle spinnt ein sorgfältiges Geflecht um Johann Künzle und zeigt damit sehr anschaulich, wie sehr der Wangser Kräutermann in Konflikten verwoben war. Die Sprache der Autorin ist überraschend poetisch, hat manchmal etwas vom Geschmack und Geruch der Kräuter. Der Titel des Romans „Uns Menschen in den Weg gestreut“ ist ein Versprechen! Klare Sätze, bildhaft, dem Geschehen ganz nah.

Johann Künzle ist ein zwischen Zeiten und Epochen Eingeklemmter. Auf der einen Seite die Welt der klaren Fronten des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, die nicht zuletzt in Sachen Glauben und Gottverständnis keinerlei Interpretationen zuliess, schon gar nicht jene Verblendung, die die Natur selbst zur Gottheit erklärt. Auf der anderen Seite die alles aufbrechende Moderne, die Revolte, der Aufbruch. Der Pfarrer mit dem asketischen Aussehen, dem zuweilen stechenden Blick war kein Mann des Kompromisses. Die Welt war deutlich eingeteilt in Gutes und Böses. Ebenso war die Reaktion auf ihn und sein Wirken, obwohl er sich je länger je mehr falsch verstanden fühlte, bis er scheinbar resigniert seinen ersten Wirkungsort im St. Gallischen Wangs verlassen musste. Die einen verehrten ihn, andere, nicht zuletzt die etablierte Ärzteschaft, betrachteten ihn als Verkörperung des Rückwärtsgewandten, der Verunglimpfung moderner Wissenschaft, der Medizin. Die Honoratioren der Medizin schienen mit dem wachsenden Zulauf an die Tür des Kräuterpfarrers einen Hexenbann über den streitbaren Pfarrer legen zu wollen. So wurde der kräuterkundige, hilfsbereite und menschenfreundliche Pfarrer zu dem, was im Mittelalter, ein paar Jahrhunderte, zuvor Frauen wegen ihrer Kräuterheilkunde zu Fackeln werden liess.

Nicht zuletzt erstaunte mich bei der Lektüre einiges; Wer weiss, dass im Kanton Graubünden bis 1925 ein ausdrückliches Fahrverbot galt, von dem nicht einmal Krankentransporte ausgenommen wurden. So lud man bis im Sommer 1925 alles an der Grenze zum Kanton vom Automobil aufs Fuhrwerk um! Oder dass die „Spanische Grippe“, die von 1918 bis 1919 wütete, auch in der Schweiz Zehntausende dahinraffte, ausser in den Gemeinden rund um Pfarrer Künzle.

«Uns Menschen in den Weg gestreut» ist eine Mehrfach-Überraschung, ein Roman, sorgfältig mit sicherem Gespür für Sprache und Feinheiten geschrieben. Unbedingt lesenswert!

Marianne Künzle, geboren 1973 in Bern, arbeitete zuerst als Buchhändlerin. Später war sie Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace Schweiz. Sie absolvierte einen Lehrgang ‹Literarisches Schreiben› an der SAL (Schule für angewandte Linguistik). Seit Ende 2015 engagiert sich Marianne Künzle in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. «Uns Menschen in den Weg gestreut» ist ihr erster Roman.

Andreas Neeser «Nüüt und anders Züüg», Zytglogge

Was für ein Geschenk! Was für ein Vergnügen, dieses Buch in Händen zu halten, darin zu lesen, sich ab beigelegter CD vorlesen zu lassen, Abende damit zu verbringen, im Halbdunkel der Stube, wegzudriften ins eigene Halbdunkel der Erinnerungen.

Schon das Glossar der aargauischen Mundartausdrücke, die oft erstaunlich weit von meiner ostschweizer entfernt scheinen, ist ein Fenster zum eigenen Erinnern, ermuntert mich selbst, mich auf die Suche nach Ausdrücken und Wörtern zu machen, die ich fast vergessen hätte, wenn sie nicht urplötzlich mit Hilfe eines Buches wie das von Andreas Neeser aus dem Dunkel des Vergessens  auftauchen würden. Andreas Neeser erzählt in seiner Mund-Art, spielt mit dem Klang seiner Sprache, dem Duktus seiner Sätze. Und wenn ich an einem Abend in meinem Ohrensessel sitze, dort, wo vor ein paar Jahren Andreas Neeser aus seinem letzten Roman «Zwischen zwei Wassern» las, dann ist mit der beigefügten CD, auf der der Autor selbst ruhig und kaum dramatisierend die Geschichten liest, während ich Zeilen im Buch folge, der Abend ein ganz besonderer. Erstaunlich, wie viel Wärme Andreas Neeser erzeugt, wie nah er mir mit seinem Erzählen kommt, selbst dann, wenn sie inhaltlich kaum mit meiner Welt Übereinstimmung finden. Andreas Neesers Geschichten haben das perfekte Mass an Auserzähltem und Verschwiegenem, an Gesagtem und Unterlassenem, an Witz und Ernst. Ohne dass er seine Freude am blossen Klang der Wörte auf die Spitze treibt.

Andreas Neesers neustes Buch ist ein Geschenk, auch mit den Illustrationen der Künstlerin Marianne Büttiker, die schon beim ersten Band «S wird nümme wies nie gsi isch» den Geschichten Andreas Neeser Luft gab. Pausen, denn seine Geschichten sind Konzentrate. Andreas Neesers Mund-Art bietet ein erfrischendes Gegengewicht zu all den Berner Mundart «Übergewichten». Andreas Neeser beweist, dass es an der Mischung zwischen Sprache, Klang, Konstruktion und Komposition loegt. Und nicht zuletzt trösten Andreas Neesers Geschichten, wie die titelgebende «Nüüt und anders Züüg», in der ein von seinem Lehrer Drangsalierter endlich ausholt zum grossen Rundumschlag gegen den allmächtigen Lehrer Ehrliholzer, den Tubel!

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik an der Universität Zürich. Während 13 Jahren unterrichtete er an der Alten Kantonsschule in Aarau. 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses in Lenzburg. Seit 2012 lebt Andreas Neeser als Schriftsteller in Suhr bei Aarau.
Mitglied von Autor/innen der Schweiz (AdS), Deutschschweizerisches PEN-Zentrum und VAA. Mitglied der Jury für den Franz-Tumler-Preis.

Andreas Neesers Webseite 

Titelbild: Sandra Kottonau, Illustration: Gallus Frei-Tomic