5 Bücher, die man 2017 gelesen haben sollte – Weihnachtsgeschenke

Fünf Bücher, mit denen Sie sich auf Reisen begeben können. Fünf Bücher, die Sie wegtragen, ohne dass Sie den Boden unter den Füssen verlieren. Fünf sehr gute Bücher eingepackt als Weihnachtsgeschenk. Fünf Bücher, bei denen Sie etwas versäumt haben, wenn Sie sie nicht gelesen haben. Fünf Bücher, die Sie überallhin mitnehmen. Fünf Bücher, die Sie mitnehmen!

Carmen Stephan „It’s all true“, S. Fischer, 120 S.

Brasilien, Nordosten, 1941. Vier Männer wollen nicht länger hinnehmen, was falsch ist. Sie bauen ein Floß und machen sich auf den Weg zum Präsidenten. Zweitausend Kilometer segeln sie auf ihrer Jangada über das Meer. Aufrecht. Barfuß. Ohne Karte, ohne Kompass. Die Sterne führen sie. Es sind die Fischer Jerônimo, Mané Preto, Tatá und ihr Anführer, Jacaré. Sie fahren für etwas so Einfaches wie Großes: ihre Rechte. Nach einundsechzig Tagen erreichen sie Rio de Janeiro und sind Helden. Der Hollywood-Regisseur Orson Welles, dessen Film »Citizen Kane« gerade in den Kinos lief, will ihre kühne Odyssee verfilmen – doch bei den Dreharbeiten fällt Jacaré von Bord und verschwindet im Meer. Carmen Stephan kommt in dem schmalen Roman ihren Gestalten dabei so nah, dass es mir nach der Lektüre des Buches fast unmöglich erscheint, so einfach zur Tagesordnung überzugehen. Das Buch ist voller Weisheit, voller Sprachmusik, intensiv und expressiv. Ein Buch mit Sätzen, die sich tief einbrennen. Ein Buch, das in meinem Regal einen ganz besonderen Platz bekommen hat!

Lawrence Osborne „Denen man vergibt“, Wagenbach Verlag, 272 S.

In einer träumerischen Landschaft inmitten der Wüste Marokkos veranstalten Richard und Dally für ihre Freunde eine dreitägige extravagante Party im Gatsby-Stil, mit Kokain, Champagner, Pool und Feuerwerk. Auf dem Weg dorthin überfährt das britische Paar David und Jo, angetrunken und heillos zerstritten, einen Fossilienverkäufer am Straßenrand und möchte die Leiche am liebsten verschwinden lassen. Aber da taucht die Familie des Opfers auf und verlangt Davids Anwesenheit bei der Beerdigung in einem abgelegenen Dorf, während Jo sich weiter auf der ausgelassenen Party vergnügt. Die strebt ungebrochen ihrem Höhepunkt zu – unter den argwöhnischen Augen des Hausangestellten Hamid. Meisterhaft konstruiert und erzählt, spannend, Innenwelten aufreissend und mitreissend geschrieben. Und nicht zuletzt beweist Lawrence Osborne tiefes Verständnis für die Hoffnungs- und Zukunftslosigkeit der Menschen in der Wüste, die mit Hamid, dem Diener auf dem Anwesen von Richard und Dally erfühlen lässt, was es heisst, wenn dieser zuschaut und denkt. „So sind sie eben. Sie haben ein Herz aus Stein, wenn es um uns geht. Für sie sind wir nicht mehr wert als Fliegen.“
Ein Roman mit ungeheurer Reife geschrieben. Unaufgeregt, aber mitten ins Herz treffend, präzise auf den Nerv gezielt.

Linda Boström Knausgård „Willkomen in Amerika“, Schöffling, 144 S.

Die elfjährige Ellen lebt in einer hellen Familie. So betont es die Mutter, eine erfolgreiche, lebenslustige Schauspielerin. Wenn sie zu Hause ihren Unterricht hält, müssen die Türen geschlossen sein, und sie genießt ihre eigene Welt am Theater. Auch der große Bruder verbarrikadiert sich in seinem Zimmer, hört laute Musik und hat eine erste Freundin. Die Zeit aus­gelassener Eishockeyspiele in der Diele der großen Wohnung ist vorbei, erst recht, als der Vater stirbt. Nach der Trennung der Eltern war er aggressiv geworden, und Ellen hat seinen Tod so sehr herbeigewünscht, dass sie nun aus Angst über die Macht ihrer Gedanken verstummt. Mit ihrem Schweigen schützt sie die dunkle Wahrheit ihres Ichs und fordert die Mutter zu einem Kräftemessen heraus. Linda Boström Knausgårds Roman ist die Beschreibung eines unausweichlichen Zustands. Von Gefühlen, an die sich jede Leserin und jeder Leser erinnern kann. Linda Boström Knausgård schreibt rückblendend über genau jene Wende- und Scheitelpunkte im Leben, die darüber entscheiden, wie man sich im Leben als Erwachsener bewegt, wie sehr man zum Knecht seiner selbst wird. Linda Boström Knausgårds Sprache ist schlicht und dicht, kraftvoll und markig. Wieder so ein Buch, das man mit einem Bleistift hinter dem Ohr liest

Franzobel „Das Floss der Medusa“, Hanser, 592 S.

18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Franzobel gelang ein ganz besonderes Buch, eines, das ans Eingemachte geht. Franzobel wühlt mit Wonne und Lust in der Schlangengrube Mensch, scheut sich nie, den Schrecken beim Namen zu nennen, zwingt mich hinzuschauen, wo ich normalerweise nicht hinzuschauen brauche. Die Lektüre seines Romans macht demütig, lässt einen zweifeln. Vielleicht brauchte der Stoff eben diese Landratte Franzobel, der es schafft, angesichts des Grauens mit Humor und Sarkasmus das zu schildern, was sonst kaum in Worte zu fassen wäre.

Ida Hegazi Høyer „Das schwarze Paradies“, Residenz, 224 S.

1929: Der zivilisationsmüde Arzt Carlo Ritter beschließt, seine bequeme Existenz in Deutschland hinter sich zu lassen und fortan auf Floreana, einer unbewohnten Insel im Pazifik, als zahnloser, nackter Wilder zu leben. Seine Utopie findet rasch Nachahmer: ein abenteuerlustiges, junges Paar landet in Ritters „schwarzem Paradies“, und schon bald folgt ihnen eine exzentrische Baronin mit ihrem Hofstaat aus Lustknaben. Aus der Idylle wird ein unerbittlicher Existenzkampf, und auch die Insel wehrt sich gegen die Besiedelung. Inspiriert von den niemals gelösten Kriminalfällen der „Galapagos-Affäre“, erzählt Ida Hegazi Høyer eine vor Spannung und düsterer Sinnlichkeit vibrierende, ungeheuerliche Geschichte aus dem Herz der Finsternis. Ein Roman aus der Wirklichkeit, wie eine grosse Versuchsanordnung. So wie die Anordnung auf der Insel 1000 km vor dem Festland Versuche einer Neugestaltung von Gesellschaft waren, so ist das Buch das Mikroskop mit dem Brennpunkt mitten im unglückseeligen Geschehen. Ida Hegazi Høyer erzählt nicht einfach nach, bläht die Fakten mit etwas Fantasie auf zu einer unterhaltsamen Geschichte. „Die schwarze Insel“ ist sprachlich opulent, überschäumend und sinnlich erzählt. Sätze von unglaublicher Kraft. Sätze, die mehr als abbilden und wiedergeben, sondern mit der Resonanz in mir sämtliche Sinne erfassen, die Haut kräuseln lassen. Fantastisch wahr!

Wenn Sie jeweils die ganze Rezension zu den entsprechenden Büchern lesen wollen, dann klicken Sie auf das jeweilige Buch!

Margrit Schriber «Die Verrücktheiten in meinem Leben»

Die verrückteste Tat meines Lebens war der Kauf einer Autowaschanlage. Wozu braucht eine Schriftstellerin eine solche, da sie durch ihre Phantasie flaniert? Die Antwort ist einfach. Man muss essen, man hat eine Aufgabe, in meinem Fall eine Reihe von Aufgaben. Ich muss aus dem Reich der Phantasie zurückkehren und von einem zum andern Moment mit beiden Füssen auf dem Boden stehen, denn ich betreue ein Areal. Darauf gab es in den 80er Jahren eine kleine Autowerkstatt mit handbetriebenen Benzinsäulen. Da rundum Grosstankstellen aus dem Boden schossen, kämpfte der Betrieb ums Überleben. Seine Waschstrasse war veraltet. Und es existierte ein bindender Vertrag mit einem weltweiten Benzinkonzern, der diesem eine funktionierende Waschanlage garantierte.
Die Situation war verzwickt!
Es musste eine Autowaschanlage gekauft werden, die mehr Autos in kürzerer Zeit sauberer wäscht. Die Finanzierung von mehr als einer Viertelmillion Franken machte mir Bauchweh. Schreiben ist vergleichsweise erholsam, Geld spielt da nie eine Rolle. Doch jetzt, im Leben?
Ich beschloss das Risiko einzugehen. Der Benzinkonzern schickte mir einen Mann aus der Direktion. Er verhandelte ungern mit einer Frau, die nichts vom Business verstand. Autowaschanlagen waren seine Domäne. Er holte für die Kleingarage eine Offerte ein. Die schickte er mir. Und übersah, dass er auch die Offerte einpackte, die das Fabrikationswerk an ihn gerichtet hatte. Sie belief sich auf den halben Preis. Dies alarmierte mich. Ich suchte nach einem Anbieter ohne Verknüpfung mit dem Benzinkonzern. In Mailand wurde ich fündig. Der Mann aus der Direktion zweifelte, dass Italiener eine solche Anlage bauen können, wollte mich aber zum Werk begleiten. Doch ich wartete vergeblich am Bahnhof und fuhr schliesslich allein dem Gotthard zu.
Der Ingenieur führte mir seine zischende, spritzende Anlage vor. Ich erinnere mich, dass er sich vorbeugte, um im Lärm meine Meinung zu hören und ich nur sein triefendes pechschwarzes Haar anstarrte. Ich hatte keine Meinung. Danach legte er farbige Bürstenfäden vor mich hin. Man könne Duft beifügen, sagte er eifrig. Minze, Jasmin, Vanille, was immer ich möge. Dies liess mich lächeln. Da hielt er mir den Federhalter hin. Und ich unterschrieb.

Die Monteure beeindruckten mit ihren immer sauberen Überkleidern und ihren Arien, die aus dem Tunnel klangen. Der Autowaschtunnel nahm den Betrieb auf. Bald alarmierte eine Störung. Die Mailänder reisten an, behoben sie, wuschen die Hände und reisten in blitzsauberen Überkleidern wieder ab. Eine Freundin erzählte, sie habe beim Autowaschen ein Knacken gehört. Da sei sie aus dem Tunnel gerannt. „Ich wollte nicht im Auto zerdrückt werden.“ Sie übertrieb masslos. Das Gerücht verbreitete sich, diese Autowaschanlage sei lebensgefährlich. Das war fatal geschäftsschädigend. Vor Schreck vermochte ich mich nicht einmal ans Schreiben zu klammern, obwohl mir das in schlimmen Situationen ein Trost ist, da ich mir mit Wörtern erbitterte Feindinnen vom Hals schaffen kann. Das Verschrotten der Autowaschanlage war dann meine zweitverrückteste Tat.
Manchmal weht die Erinnerung mich an. In meinem Roman „Glänzende Aussichten“ habe ich aus dieser Erinnerung eine neue und ganz eigene Welt geschaffen.

27.10.2017

Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Ihr letzter Roman „Schwestern wie Tag und Nacht“ ist bei ProLobro erschienen, eine raffinierte Beziehungsgeschichte in Krimiform. Ende Januar erscheint bei Nagel & Kimche ihr neuer Roman. Erste Informationen finden sich auf der Webseite der Autorin:

Zu ihrem neuen Roman, der Enda Januar bei Nagel & Kimche erscheinen wird: Seit dem Tod ihres Vaters Anfang der 80er Jahre betreibt Pia die außerhalb gelegene Tankstelle allein: Benzin, Super, leichte Reparaturen, Kiosk mit Imbiss. Aber mittlerweile haben sich die Kunden an das zeitsparende Tanken woanders gewöhnt und kommen nicht mehr extra zu ihr. Pias beste Kundin ist auch ihre beste Freundin, Luisa, Versicherungsangestellte und Geliebte des örtlichen Baulöwen Holzer. Auch Pias Exfreund Luc taucht immer wieder auf — weil er zur Stelle sein möchte, wenn Pia das Geschäft verkaufen muss: Er glaubt, ihm stehe ein Anteil zu. Pia plant die Flucht nach vorn: den weitherum größten Autowaschsalon, ein Pflegeereignis der besonderen Art, das vollautomatische Schneiden-Waschen-Fönen des geliebten täglichen Gefährten. Dazu braucht sie Holzer als Investor; um seine Zusage kümmert sich Luisa. In Mailand wird die modernste Waschstraße bestellt. Die Einweihung wird eine furiose, erotische Feier, die das Dorf in Aufruhr versetzt.

„Ich glaube ans Leben als ein Geschenk. Aber ich glaube auch an die Phantasie als ein hohes Gut. Und ans Buch. Bücher besitzen die magische Kraft, im Kopf eines jeden Lesers eine ganz eigene Welt erstehen zu lassen. Darin liegt ihre einzigartige Sensation.“

Titelfoto: Yvonne Böhler

„Voll Schub, mein Mechaniker!“, eine Geschichte für 10 bis 12jährige

Ich hatte Lust, mit meinen Schülerinnen und Schülern eine Geschichte zum Thema «Fliegen» zu schreiben. Eine Geschichte für 10 bis 12jährige. Hier meine Geschichte:

Es war Nacht. Ich konnte schon wieder nicht schlafen. Es waren die Geräusche von oben, irgendwo aus den Wohnungen über uns. Manchmal klopfte es, Maschinen sirrten, das Ritsch-ratsch einer Säge.
Am nächsten Morgen erzählte ich meiner Mutter davon. Aber meine Mutter meinte wie schon oft, ich hätte nur geträumt. Und wenn die Sache mit meinem Schlaf nicht besser werde, müsse man vielleicht zum Arzt. Sie habe von all dem Rumoren von oben nichts mitbekommen. Trösten oder beruhigen konnte das nicht.
In der Schule schlief ich fast ein. Paul, mein Banknachbar, zwickt mich während der Deutschstunde. Dort mussten wir einen Aufsatz schreiben und ich schlief dabei fast ein. Irgend so eine dumme Geschichte zum Thema Fliegen. Keine Ahnung, wie Lehrer auf solche Ideen kommen. Wie soll ich schreiben, wenn ich meine Augenlider kaum mehr aufbringe? Neben Paul fasste ich einen Plan. Ich würde in der kommenden Nacht herausfinden, woher die Geräusche kommen, warum und wer mir meinen Schlag raubte.
In der darauffolgenden Nacht war es wieder so weit. Ich schlief ein wie ein Stein und wachte nach Mitternacht wieder auf. Jemand schlug Nägel ein. Ich war mir ganz sicher. Ich stieg aus dem Bett und schlich zum Schlafzimmer meiner Eltern. Vater und Mutter schnarchten im Takt. Das hörte man sogar durch die Tür. Wild entschlossen ging ich ins Treppenhaus. Über uns gibt es noch eine Etage mit zwei Wohnungen und darüber den Dachstock. Links wohnen zwei junge Studentinnen, die ich bloss vom Sehen kenne. Und rechts Herr Winkler, ein alter, pensionierter Mann, der mir manchmal half, mein Fahrrad zu flicken. Ein patenter Alter. Alle im Haus nannten ihn bloss Opa Winkler.
An der Tür zu den Studentinnen war es still. Aber als ich mein Ohr an die Tür von Opa Winkler legte, hörte ich jemanden schimpfen und das Geräusch einer Säge. Ich klopfte. Ich klopfte noch einmal. Wieder nichts. Ich drückte die Klinke und trat in Opa Winklers Wohnung. Etwas, was ich sonst niemals getan hätte. Aber heute Nacht war alles anders.
In Opa Winklers Wohnung herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall stapelten sich Dinge; Papier, Zeitungsbündel, Karton, Holz, Fahrräder, Maschinen, Haushaltgeräte, Mikrowellen, Bügelbretter, ein Trampolin mit einem Loch mittendrin, Stoffballen und allerlei Plastikeimer. Es waren regelrechte Türme. Bloss ein schmaler Pfad führte durch das Gewirr von ab- und hingestellten Dingen. Erst jetzt wurde mir klar; Ich war noch nie in Opa Winklers Wohnung gewesen.
In einem Raum, der wahrscheinlich einmal das Wohnzimmer gewesen war, stand zwischen all dem Gerümpel, dem Schrott und den nutzlosen Dingen eine Leiter, die in eine Luke in der Decke führte. Dort oben musste Opa Winkler sein. Er sprach laut und hantierte etwas.
Ich bahnte mir einen Weg durch all das Gewirr, fasste die Leiter und stieg hinauf. Als ich oben meinen Kopf durch die Luke strecken konnte, sah ich etwas, was mir beinahe den Atem nahm. Es war nicht Opa Winkler in Arbeitsmontur und einer Stirnlampe, die mich blendete. Da oben sah es aus, wie in einer riesigen Werkstatt und mitten drin stand etwas, was tatsächlich wie eine Flugmaschine aussah. Opa Winkler hatte eben noch an einem der Flügel hantiert, hielt etwas wie Stoff in der Hand, hatte einen Stift hinter dem Ohr und zwei schwarze Nägel zwischen den Lippen.
„Opa Winkler?“, sagte ich vorsichtig.
„Was tust du hier mitten in der Nacht? Und wie kommst du hier herauf? War die Tür nicht verschlossen?“
Nach einer Weile sassen wir beide vor seiner Flugmaschine und schwiegen. Ich hatte ihm erzählt, er mir auch. Davon, wie vor Jahren seine Frau gestorben sei, wie schwierig es sei, keine Aufgabe mehr zu haben, den ganzen Tag nur auf den nächsten zu warten und dass er nun endlich den Traum vom Fliegen wahr machen wolle. „Irgendwann mache ich die grosse Dachluke hier oben auf und dann fliege ich weg. Irgendwo hin, nur weit, weit weg.“ Danach schwieg Opa Winkler und machte sich wieder an den Flügel seiner Maschine. „Willst du mir helfen?“
So wurde ich Opa Winklers erster Mechaniker. Zum Glück verlegte er wegen mir die meisten seiner Arbeitseinsätze auf die freien Nachmittage und Abende. Ich schlief wieder besser und wenn ich Mama und Papa sagte, ich ginge wieder zu Opa Winkler basteln, schien alles bestens zu sein. Papa und Mama waren froh, hatte ich in Opa Winkler ein Kindermädchen gefunden.
An einem Sonntag im Mai klopfte mir Opa Winkler auf die Schulter und verkündete: „Gallus, morgen Sonntag ist Jungfernflug. Morgen probieren wir aus, ob es fliegt.“
An Schlaf war in der Nacht zuvor nicht zu denken, obwohl keine Mucks von oben zu hören war. Früh morgens schlich ich mich aus meinem Zimmer in die Küche, strich ein paar Brote, packte einen Apfel ein und eine Flasche mit Wasser. Ich war unsäglich aufgeregt. Oben, bei Opa Winkler, war die Wohnungstür offen. Opa Winkler trug einen ledernen Helm, der uralt aussah und drückte mir einen alten, zerkratzten Mofahelm in die Hände. Das Flugzeug schien zu strahlen in der Morgensonne. Ein Doppeldecker mit kleiner Kabine, einem Motor, der einmal einem Rasenmäher gehört hatte und ein mit bunten Tüchern bespannter Rumpf und Flügel. Das Ding sah herrlich abenteuerlich aus. Nur würde es fliegen? Würde es nicht schon nach der ersten Kurve auf dem Parkplatz vor dem Haus notlanden müssen. Ich hatte schlottrige Knie. Aber Opa Winkler spürte das: „Nur Mut, mein erster Offizier. Die Kiste wird schon fliegen. Ich bin kein Anfänger.“
Opa Winkler schickte mich ins Cockpit. Wir hatten ausgemacht, dass ich vorne sitzen würde, weil Opa Winkler auch von hinten über mich hinaussehen würde. Er ging zu einem roten Schalter an einem der Estrichbalken, zwinkerte mir zu und drückte den Knopf. Es gab einen lauten Ruck und ein Teil des Hausdachs schob sich ganz langsam zur Seite. Opa Winkler rannte zum Motor, gab dem Propeller Schwung und schrie in den Motorenlärm: „Und jetzt gib Gas, mein erster Mechaniker!“ Opa Winkler hatte mit mir in den vergangenen Wochen immer wieder durchgesprochen, was meine Aufgaben wären. Ich war schrecklich aufgeregt.
Opa Winkler riss die Stopper unter den Rädern weg und schwang sich ins Cockpit. Der Motor dröhnte und aus der Luke im Boden schauten die Köpfe von Mutter und Vater. Ihre Gesichter waren schreckverzerrt, ihre Münder weit offen. Der Flieger setzte sich in Bewegung, fuhr auf die Dachöffnung zu. Mir wurde schlecht. Ich vergass zu atmen. Dann plötzlich sackten wir ab. Wir befanden uns im freien Fall. „Voll Schub, mein Mechaniker!“, schrie Opa Winkler hinter mir. Und wie durch ein Wunder hob die Maschine kurz vor dem Boden die Nase und drehte elegant ab Richtung Fussballplatz. Es war ein herrliches Gefühl. Ich jauchzte laut in meinem Helm, was mit Sicherheit niemand hörte. Unter mir sah ich Leute, die stehen blieben und zu uns hinauf schauten. Einige winkten, während sie immer kleiner wurden. Wir flogen! Wir zwei, Opa Winkler und ich. Es war wie ein Rausch! Opa Winkler klopfte von hinten auf meine Schulter. Ich war der glücklichste und stolzeste Mensch auf der ganzen Welt.
Und dann? Das Geschrei in der Stadt war unglaublich. Für die einen waren Opa Winkler und ich Helden. Die Studentinnen aus der Wohnung neben Opa Winkler organisierten sogar eine richtige Party. Andere hingegen schüttelten den Kopf. Opa Winkler bekam eine fette Busse. Aber weil die Studentinnen halfen, all die Dinge aus der Wohnung, die man noch brauchen konnte, auf einem Flohmarkt draussen auf dem Parkplatz zu verkaufen, war selbst die Busse nur noch ein halbes Problem. Das Beste aber war, dass wir, Opa Winkler und ich, auf dem Sportflugplatz vor der Stadt eine Werkstatt und einen Platz in einer Flugzeughalle bekamen. Irgendwann kam nämlich das Fernsehen. Und von da weg wollte jeder uns zu seinen Freunden machen.

Titelfoto: Sandra Kottonau

Dein Schatz, mein Schatz, den ich plündern darf!

Liebe Suscka!

Was wäre dieser Blog ohne deine Fotografien? Nichts. Und wenn doch, wäre es um ein Vielfaches schwieriger, Texte mit einem Foto zu verbinden. Fotos sollen nicht einfach bloss illustrieren. Sie sollen etwas von dem wiedergeben, was das besprochene Buch oder der geschriebene Text erzeugen soll. Bilder sollen für sich selbst erzählen, nicht einfach bloss auflockern, bebildern. Und jeder Texter im Netz weiss, a) wie wichtig Bilder sind, um Augen zu bannen und b) wie schnell man sich Ärger mit den „falschen“ Bildern einholen kann.
Seit bald zwei Jahren darf ich deinen Schatz plündern. Am Anfang war eine schüchterne Anfrage. Dann deine Antwort, wie froh du seist, wenn deine Fotos auch ein Publikum bekämen, einen Adressaten, wirklichen Blickkontakt. Was es denn nütze, wenn sich die vielen Fotos nur ansammeln.
So begann ich mich zu bedienen. Am Schluss fast jeden Berichts steht dein Name.

Du bist eine Fotografin voller Begeisterung und Esprit. Auch wenn du wie ich mit deinem Engagement einen Cent, keinen Rappen verdienst. Durch deine Linse spürte ich deine Liebe zu den Dingen, zu Tieren, Pflanzen, Menschen und kleinsten Details, deine Ehrfurcht und die Freude darüber, einen guten Moment erwischt zu haben. Ich weiss auch, wie selbstkritisch du mit deinen Bildern bist. Es geht um Qualität, um Nähe, im doppelten Sinn um Tiefenschärfe.
Du bist keine «Professionelle», tust auch nicht so. Aber wenn du mit deinen Kameras hantierst, wird dein Objektiv zum Auge, das tief blickt, nie aufdringlich, nie pedantisch, mit viel Respekt und noch viel mehr Freundlichkeit.

Vielen Dank, liebe Suscka
Gallus

 

Fee Katrin Kanzler mit „Sterben lernen“ in St. Gallen

Es war ein wunderschöner Abend mit einer bezaubernden Fee Katrin Kanzler und ihrem Roman „Sterben lernen“. Auch wenn sich der Andrang zur Lesung in Grenzen hielt und sich die St. Galler mit grosser Literatur kaum in die Hauptpost locken liessen, war die Begegnung mit der Autorin ein ganz besoneres Erlebnis.

Ein grosses Dankeschön an die GdSL St. Gallen, an Laura Vogt, Rebecca C. Schnyder, Tamara Hostettler und Richi Küttel.

„In einer natürlich unprätentiösen Art las Fee Katrin Kanzler aus ihrem neuen Roman „Sterben lernen“. Durch Kanzlers Stimme wurden die wunderbar ausgefeilten Sprachräume spürbar, jeder Winkel kostbar. Man vergass beinahe die spannungsvoll aufgebaute Handlung des Romans. Mit grosser Leidenschaft moderierte Gallus Frei und schenkte damit der Autorin viel Raum für berührende Ausführungen um die Entstehung ihres Werkes und den BesucherInnen vertiefte Einblicke in geistreiche Lesarten des vorgestellten Buches. Eine unmittelbare Begegnung mit der Autorin war mir vergönnt. Ein gelungener Abend mit nachhaltiger Wirkung.“ Philipp Frei

Auch Fee Katrin Kanzler wird künftig die Galerie im Raum für Literatur zieren.

„Ein wortreicher, schöner Abend. Anregend!“ Laura Vogt

«Wenn eine Lesung mit so viel Hingabe und Begeisterung für das Buch moderiert wird, ist es eine Freude für Autorin, Publikum und Veranstalter gleichermassen.» Rebecca C. Schnyder

„Fee Katrin Kanzler liest in getragenem Tempo und schafft so rasch die nötige Intimität zwischen Text und Publikum. Wer sich dem bildstarken Redefluss hingibt, wird davongetragen, gelegentlich aber auch sprachlich überrumpelt oder von halbversteckten intertextuellen Anspielungen aus der Spur geworfen.“ Daniel Ammann

Fotos: Tamara Hostettler, Philipp Frei und Werner Biegger

Alain Claude Sulzer «Die Jugend ist ein fremdes Land», Galiani

Keine Autobiographie, kein Roman, eine Sammlung von Geschichten, die nicht seine Person ins Zentrum stellt, sondern die Zeit, die sich im Leben Alain Claude Sulzers spiegelt. Für jene wie mich, die das Werk des Autors kennen, aufschlussreich, obwohl sich Alain Claude Sulzer als Motiv erstaunlich zurückhält. Für jene, die Alain Claude Sulzer noch nicht entdeckt haben eine Sammlung von Perlen aus den 60ern und 70ern.

Alain Claude Sulzer schrieb die Texte über Jahrzehnte, viele davon für Zeitschriften. Er beschreibt eine Zeit, von der nicht viel übrig geblieben scheint, in der sich aber trotzdem viele wiedererkennen werden, ein Stück Schweiz der 60er und 70er; vom Landessender Beromünster, von der Sehnsucht eines Lebens als Bohemien in Paris, vom unzähmbaren Groll zwischen Eltern, dem eingeschlafenen Zorn seinen Lehrern gegenüber. Literarische Schaufenster in eine verbilchene Zeit, in der die Fernseher zu flimmern und die Reisedistanzen zu schrumpfen begannen. In eine Zeit, in die ein Junge, ein Jugendlicher seinen Fuss hineinsetzte, unspektakulär zu wachsen begann, um mich dann später mit seinen Büchern zu überzeugen. Unauslöschlich für mich bleibt das Leseerlebnis seines 1998 erschienen Romans «Urmein», ein Roman über ein halb verfallenes Schloss, bewohnt von einer ungewöhnlichen Gemeinschaft aus Künstlern, Abenteurern und Damen der Gesellschaft, 1911 oberhalb vom bündnerischen Thusis.
«Die Jugend ist ein fremdes Land» ist ein Lesereisebuch in eine vergangene Zeit mit orangen Vorhängen, schwarzen Spannteppichen, an der Grenze zwischen «les welsches» und dem deutschschweizer Spiessbürgertum im baslerischen Riehen. Im letzten Text des Buches mit dem Titel «Weder noch» schreibt Alain Claude Sulzer: «Dieses Buch beginnt an einem beliebigen Punkt … es gibt keine Chronologie. Die Erinnerung denkt nicht in klar bestimmten Zeitfolgen.» Lichtblitze aus der Vergangenheit, erzählt und aufgeschrieben von einem Autor, der es versteht, aus der Normalität den Glanz des Speziellen herauszufiltern, der mir das Gefühl gibt, an etwas Besonderen teilzuhaben.

Alain Claude Sulzer, 1953 geboren, lebt als freier Schriftsteller in Basel, Berlin und im Elsass. Er hat zahlreiche Romane veröffentlicht, zuletzt die Bestseller »Zur falschen Zeit« und »Aus den Fugen«. Seine Bücher sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, u.a. den «Prix Médicis étranger», den «Hermann-Hesse-Preis» und den Kulturpreis der Stadt Basel.

Webseite des Autors

Annette Pehnt „Lexikon der Liebe“, Piper

Nachdem vor ein paar Jahren bei Piper der erste Band «Lexikon der Angst» herauskam, leuchtet Annette Pehnt in ihrem neuen Erzählband «Lexikon der Liebe» die Spielarten der Liebe aus. Nie sentimental, ohne rosa Brille, dafür mit viel Empathie und einem klaren, scharfen Blick in die Tiefen der Psyche, gepaart mit traumwandlerischem, sprachlichem Können.

Annette Pehnt ist eine Beobachterin, jemand, der sich nicht von Fassaden blenden lässt. Eine Schriftstellerin, die sowohl in ihrem Beobachten und auch in ihrem Schreiben um die Feinheiten, die Zwischentöne, das Bild dahinter bemüht ist. Annette Pehnt muss eine fleissige Schreiberin sein. Was sich unter alphabetisch gesetzten Titeln im Band «Lexikon der Liebe» sammelte, sind Geschichten, Augenblicke, Szenen, in denen sich Aussicht und Weitsicht auftut. Kein Lexikon, das den Anspruch der Vollständigkeit erfüllen soll. Annette Pehnt fühlt in all den Texten mit und nach, ohne dass es emotionale Fäden zieht. Sie braucht keine Brille. Sie erzeugt ungeheure Nähe. Ob sie blinde Nähe einer Mutter, stumme Leidenschaft in einem Hotelzimmer oder den Kult um einen Gegenstand beschreibt, es sind Sehnsüchte aller Art. Annette Pehnt schreibt, was den Menschen bewegt. Im ersten Band war es die Angst, im zweiten nun die Liebe. Keine Rührseeligkeit und Sentimentalität. Ich erkenne mich und die Welt in ihren Texten wieder. Sie lügen nicht, heucheln nicht, machen mir nichts vor. Sie widerspiegeln, auch wenn der Spiegel zuweilen beschlagen den unmittelbaren Blick zurückprallen lässt. Manche Texte brauchen Zeit. Ein Buch, aus dem man sich gerne vor dem Einschlafen vorliest.

Vor Wikizeiten muss es Menschen gegeben haben, die aus purer Neugier in einem Lexikon blätterteten und lasen, auf der Suche nach nichts. Unter trügerischen Stichworten wie «Geschenk», «Knospen» oder «Morgenlicht» verbergen sich Miniaturen grosser und kleiner Ängste, fremder und bekannter. Die Angst einer Frau vor den Berührungen ihres Mannes, die Angst vor dem eigenen Schatten, die Angst, unnütz zu sein. Dramatisches, Unabänderliches, Tragisches, jeder Text Stoff für einen Roman. Da schreibt jemand, der die Psyche kennt, nicht nur die eigenen Ängste freizügig ausbreitet. Manche Texte sind abgerundet und «fertig» erzählt. Andere zwingen mich, die Gedanken, die Szene weiterzuspinnen bis zur Selbstreflexion.

Annette Pehnt, geboren 1967 in Köln, studierte und arbeitete in Irland, Schottland, Australien und den USA. Heute lebt sie als Dozentin und freie Autorin mit ihrer Familie in Freiburg im Breisgau. 2001 veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Ich muß los«, für den sie unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde. 2002 erhielt sie in Klagenfurt den Preis der Jury für einen Auszug aus dem Roman »Insel 34«, 2008 den Thaddäus-Troll-Preis sowie die Poetikdozentur der Fachhochschule Wiesbaden und 2009 den Italo Svevo-Preis. 2011 erschien ihr Roman »Chronik der Nähe«, im selben Jahr erhielt sie den Solothurner Literaturpreis sowie den Hermann Hesse Preis. 2013 erschien der Prosaband »Lexikon der Angst«, 2014 war sie Mitherausgeberin der Anthologie »Die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher«. Darüber hinaus schrieb sie mehrere Kinderbücher, unter anderen »Der Bärbeiß«. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman »Briefe an Charley«.

Webseite der Autorin

Peter Weibel «Ohne diese Worte»

Im Kellergeschoss einer alten Fabrik in Frauenfeld kämpft der Waldgut Verlag gegen die Verdrängung. Wären da nicht Idealisten wie der bald 80jährige Verleger, Lyriker und Schriftsteller Beat Brechbühl, nähme man stillen Dichtern wie Peter Weibel die Stimme. Blei-Handsatz und Tiegeldruck. Wer mit der Hand übers Papier streift, spürt!

Titelfoto: Sandra Kottonau

Volker Kutscher und Kat Menschik „Moabit“, Galiani

In der von Kat Menschik gestalteten Reihe „Lieblingsbücher“ wählt die Illustratorin gemeinsam mit dem Verlag die jeweiligen Materialien aus und bestimmt Satz und Layout. So entstand der 4. Band einer wirklich illustren Reihe; „Der Landarzt“ von Franz Kafka, „Romeo und Julia“ von William Shakespeare, „Die Bergwerke von Falun“ von E. T. A. Hoffmann – und nun „Moabit“ von Volker Kutscher.

Die Justizvollzugsanstalt Moabit steht seit fast 140 Jahren, mittlerweile unter Denkmalschutz aber noch immer als Haftanstalt genutzt, mitten in Berlin. Volker Kutschers kriminalgeschichtliche Lunte brennt aber über die Gefängnismauern hinaus ins Berlin der Dreissigerjahre und explodiert in der Kneipe „Bei Mathilde“, einem Eckhaus am Lenzener Platz.

Kurz vor Ende einer mehrjährigen Haftstrafe wird Adolf Winkler, den die Szene nur „den Schränker“ nennt, im Moabit von einem eben erst Eingesperrten mit einem Messer angegriffen und beinahe erwürgt. Nur ein Zufall rettet Adis Leben, der nach seiner Haftentlassung bei einer Willkommensfeier in der Amor-Diele feststellen muss, dass seine Gang nicht mehr die ist, die er damals wegen bandenmässigem Raubüberfall verlassen musste. War er im Moabit das Opfer eines Machtkampfs?

Die Goldenen Zwanziger in Berlin waren auch die Goldenen Zwanziger der Berliner Unterwelt. Volker Kutscher gelingt es in diesem Kurzkrimi zusammen mit der Illustratorin Kat Menschik ausgezeichnet, etwas vom Flair, dem überbordenden Lebenshunger jener Zeit einzufangen. Wer mit dem schmucken Büchlein in der Hand eintaucht, fühlt, sieht und riecht das Brodeln der wilden Jahre in einem Berlin, das kurze Zeit später in der Weltwirtschaftskrise zu implodieren droht.

Zum Juwel macht den Krimi aber Kat Menschik mit ihrer unvergleichlichen Art, eine Geschichte mitzuerzählen. „Moabit“ ist mehr als ein Krimi, mehr als ein Buch, auch mehr als ein illustriertes Buch. „Moabit“ ist buchgewordene Antithese zum gebetsmühlenartigen Abgesang auf das gedruckte Buch. „Moabit“ aus dem Hause Galiani ist genau das, was ein Reader nie und nimmer erreichen kann – ein Fest für die Sinne! Grossartig! Das Weihnachtsgeschenk!

Volker Kutscher, geboren 1962, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte zunächst als Tageszeitungsredakteur, bevor er seinen ersten Kriminalroman schrieb. Heute lebt er als freier Autor in Köln. Mit dem Roman »Der nasse Fisch«, dem Auftakt seiner Krimiserie um Kommissar Rath im Berlin der Dreißigerjahre, gelang ihm auf Anhieb ein Bestseller, dem bisher fünf weitere folgten. Die Reihe ist die Vorlage für die internationale Fernsehproduktion »Babylon Berlin«.

Kat Menschik ist freie Illustratorin. Sie gibt dem Feuilleton der FAZ die optische Prägung, diverse von ihr illustrierte Bände erlangten Kultstatus, u. a. Haruki Murakamis Schlaf. Zahlreiche ihrer Bücher bekamen Auszeichnungen als schönste Bücher des Jahres. Bei Galiani sind erschienen: „Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländersagas“ (2011) sowie „Kalevala“ (2014), „Der goldene Grubber“, Von großen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr (2014).

 

Marianne Künzle «Drama am Waldrand»

Am Waldrand liegt eine flach getretene Aludose.
Red Bull Energy Drink. Belebt Geist und Körper und hebt die Stimmung. Das steht da drauf, Blau auf Silbern, die Schrift vom Wetter verwaschen.
Die Dose hat ein Mann gekauft, der die Fahrprüfung bestanden hat. Zwei Mal durchgerasselt, nun hat es geklappt. Seine Haut zieren Pickel, aber Autofahren kann er jetzt und das tut er jetzt. Er fährt zu seinem Freund auf dem Bauernhof, mit dem er in die Lehre geht. Er trinkt am Steuer Red Bull und das Fenster steht offen, der Wind bläst ihm durchs Haar und er fühlt sich gut, er trinkt Red Bull, Bier dann später, Wodka auch. Bier wär schon besser, aber ist er ein Baby oder was, er trinkt doch nicht wenn er autofährt. Er nimmt den letzten Schluck, zerdrückt die Dose in seiner linken Hand, die rechte locker am Lenkrad. Schmeisst die Dose aus dem Fenster, ihm gehört die Welt. Die Dose fliegt umständlich durch die Luft, ihre Leichtigkeit ist unübertrefflich. Da haben sich die Verpackungsmaterialingenieure was wirklich Gutes einfallen lassen. Fünf Gramm Leergewicht.

Unter einem Grasbüschel sitzt eine Spitzmaus. Sie wartet dort geduldig, seit zwanzig Minuten. Sie hat aufmerksam gelauscht und geschaut und gewartet und wieder geschaut und gelauscht, geschnuppert. Der Himmel nun wieder grenzenlos blau, der kreisende Schatten des Mäusebussards verschwunden. Der Warnruf der Blaumeise ist in regelmässiges Tschilpen übergegangen. Ein Motorengeräusch nähert sich, das beunruhigt die Spitzmaus aber kaum. Diese lauten Blechkisten sind riesig und tatsächlich beeindruckend, aber sie haben keine Zähne und Krallen und auch wenn sie plötzlich aus dem Nichts auftauchen: die sind sofort wieder weg.
Die Spitzmaus streckt ihre spitze Nase in die Luft, auch der Fuchs scheint nicht in der Nähe zu sein. Die Luft ist rein. Sie trippelt los. Zuversichtlich, emsig, ab nach Hause ins Nest.
Ein dumpfer Schlag.

Drama am Waldrand: Red Bull erschlägt Spitzmaus!

Marianne Künzle, 1973 in Bern geboren, ist gelernte Buchhändlerin, war Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace. Seit Ende 2015 arbeitet sie in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. „Uns Menschen in den Weg gestreut“, ihr erster Roman, ist bei Zytglogge erschienen und absolut lesenswert, auch wenn man mit Heilkunde nichts am Hut hat.