Ein Toter ohne Hände in einer Berliner Villa. Eine Hand bei den Austern im Restaurant eines Kaufhauses. Polizei, die im Dunklen tappt und eine Putzfrau, die im Kleinen das Ganze sieht. Was wie ein Krimi scheint, ist ein ungemein atmosphärischer Roman über den Kosmos eines Nobelkaufhauses und die Zumutungen des Alters.
Wie selten sonst in der Literatur gelingt es der Wahlberlinerin Yael Inokei eine Kulisse zur Bühne mit ganz eigenem Charakter zu machen; ein Nobelkaufhaus mitten in Berlin. Ein Haus mit Geschichte, mit Tradition. Ein Haus, in dem Leben inszeniert und die Ingredienzien dazu feilgeboten werden. Ein Haus mit einer Welt, in der präsentiert wird und jener hinter der Kulisse, wo Angestellte sich umziehen, Pausen machen, wo Neonröhren lange Flure in gleissendes Licht tauchen, wo Hierarchie regiert, wo auch vor Öffnungszeiten und nach Ladenschluss noch Lichter brennen. Es ist das Reich von Dr. Joachim Bronstett, dem leitenden Geschäftsführer genauso wie von der 73jährigen Leonora Bloch, die mit Unterbrüchen 40 Jahre lang hinter den Kulissen putzte oder auch bediente, die befreundet ist mit Friedhelm, einem fürsoglichen Kumpel, der sich eigentlich als Künstler, als Schauspieler versteht, aber sein Geld im Kaufhaus als Ladendedektiv verdient, chronisch erfolglos.
Leonora Bloch ist aber nicht nur immer wieder im Kaufhaus angestellt, auch in der Berliner Villa von Dr. Joachim Bronstett, als zuverlässige Putzkraft. Selbst an dem Morgen, als sie Bronstett in einer riesigen Blutlache liegend in seiner Villa findet und zuerst sauber macht, bevor sie zum Telefon greift und die Polizei ruft. Eine Tatsache, die sie für die Polizei erst einmal zur Verdächtigen macht, allerdings ohne Potenzial. Im Gegenteil; keine Person im Umfeld des toten Geschäftsführers weiss mehr über das, was um und mit dem damals noch Lebenden geschah wie Leonora Bloch. Auch nicht Bronstetts Tochter, die von Frankfurt auftaucht und die leidige Sache schnellstmöglichst zu einem Ende auf dem Friedhof bringen will.
Wer „Die Auster“ als Krimi liest, wird sich die Augen reiben. „Die Auster“ ist viel mehr die Parodie eines Krimis. All jener Krimis, die wie Kammerspiele tagtäglich als Serien über Bildschirme flimmern. So wie ein Kaufhaus, ein Edelkaufhaus sowieso, die Parodie des Lebens ist, eine Inszenierung der Oberflächlichkeiten, von Reizwäsche bis Edelstahlpfanne. „Die Auster“ ist inszenierte Parodie und ein Buch darüber, wie schnell tatsächliches Leben zur reinen Parodie verkommen kann. Leonora Bloch und Joachim Bronstett umkreisen sich Jahrzehnte wie Planeten, die aus ihrer Umlaufbahn geraten sind. Bis Bronstett doch von der Vergangenheit eingeholt wird, während sich Leonora Bloch nie von ihrer Vergangenheit lösen kann. Sei es der frühe Tod ihres Sohnes Sebastian oder all die Beziehungen, die nie hielten, was sie versprachen.
Leonora Bloch mit Miss Marple zu vergleichen ist ebenso verfehlt, wie „Die Auster“ als Kirmi zu bezeichnen. Eigentliche Protagonisten dieses eigenwilligen Romans sind das Kaufhaus und die klein gewordene Welt einer alten Frau, die eigentlich nur ihre Ruhe haben will, aber permanent in dieser von allen Seiten gestört wird. Es ist der Witz in der Szenerie. Es sind Sätze, die wie das Fortissimo eines Orchesterbeckens aus dem Sprachorchester donnern. Es ist der Kosmos eines Kaufhauses, einer aussterbenden Gattung Grosshäuser, die um die Gunst potenter Besucher*innen buhlen, einem Ort, an dem die Zeit anders tickt, Dinge anders schmecken, Komplimente Strategie in Reinkultur sind und sich Heerscharen im Hintergrund um die perfekte Bühne bemühen.
Ein Roman, der dann köstlich ist, wenn man liest, was Yael Inokei erzählen will.
Interview
In Besprechnungen zu deinem Buch heisst es immer wieder, es sei ein Krimi. Mag sein; ein Toter, Polizei, eine unfreiwillige Ermittlerin… Aber ich bezweifle, dass du die Absicht hattest, einen Krimi zu schreiben. Das tragende Element in deinem Roman, der auch nicht als Krimi beschriftet ist, ist weder die Ermittlung, noch die Spannung. Es ist der Makrokosmos „Luxuskaufhaus“. Dein Roman ist wie ein Theater mit vielen Bühnen. Alles ist in ganz spezielles Licht getaucht, antiquiert, aus der Zeit gefallen. Fast wie ein Film von Wes Anderson. Die eigentliche Protagonistin ist das Kaufhaus, diese eigenartige Stimmung, der Sprachwitz. So wie die Sonntagabendkrimis doch selten etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Ich suche als Autorin nach Präzision, nicht nach einem genauen Abbild der Realität. Gleichzeitig darf ich ja auf einen reichen Fundus aus bereits Geschriebenem zugreifen und mich davon inspirieren lassen. Also beispielsweise: Was sind die Regeln des Genres Krimi? Was ist das Interessante daran? Wie lassen sie sich brechen? Stellen wir uns mal vor, da ist eine Kamera, die einen Fernsehkrimi filmt. Und statt dass diese Kamera aber unserer Kommissarin folgt, wie sie nach allen Regeln der Kunst ihre Ermittlungen aufnimmt, schwenkt diese Kamera zu Beginn auf unsere Zeugin, Leonora Bloch. Und bleibt an ihr hängen. Was entsteht da, im Off sozusagen?
Ist es der Fluch der Gegenwart, dass es immer schwieriger wird, ernst zu nehmende Romane, Geschichten mit literarischen Qualitäten zu schreiben, die sich von der realen Welt, vom genauen Abbild einer scheinbaren Realität entfernen?
Ich beobachte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur durchaus eine sehr starke Hinwendung zum Realismus. Was ich als Strömung in Ordnung finde, aber wo ich mir zuweilen etwas mehr Vielfalt wünsche, etwas mehr Offenheit gegenüber derjenigen Literatur, die da etwas anderes versucht. Gerade letztens hat eine Literaturvermittlerin auf Bluesky gefragt, wer gute deutsche Schauergeschichten/Horror empfehlen könne … die Antworten fielen nicht gerade üppig aus. Das nur als Beispiel, ich fand es aber doch interessant.
Frau Bloch ist auch keine Miss Marple. Leonora Bloch will eigentlich nur ihre Ruhe haben. Sie will auch nicht wirklich reden, weder mit der Polizei, noch mit irgendwelchen Menschen über ihren Sohn Sebastian. Archätypisch. Auch exemplarisch für Menschen, die sich nicht einfach zur Ruhe setzen können, aus finanziellen oder auch aus psychischen Gründen.
Genau, mir ging es mit Leonora auch um die Frage, wer eigentlich seine Ruhe haben darf in dieser Gesellschaft. Was das für eine immense Freiheit ist, sagen zu dürfen: «Da nehme ich mich jetzt mal raus.»
Auch Dr. Bronstett ist ein Archätyp, den es heute immer weniger gibt. Ein Exemplar Mensch, das ganz mit seinem Beruf verwachsen ist. Ein Mann mit „Schatten“, obwohl nichts in seinem grossen Wohnhaus darauf schliessen lässt, dass dort gelebt wird. Ein Mann der unsichtbare Schatten wirft. Verschwinden ArchätypInnen?
Das glaube ich nicht. Sie kommen lediglich in einem anderen Gewand daher. Und deshalb ist es umso wichtiger, ganz genau hinzuschauen.
Ein drastisches Bild: Eine ältere Dame, die die Wohnung ihres Arbeitsgebers sauber machen soll, findet die Leiche desselbigen in einer riesigen Blutlache mit fehlenden Händen. Der Mann wurde gleich mehrfach hand-lungsunfähig gemacht. Die Szene riecht nicht nach Blut, auch nicht nach Gewalt. Sie erzeugt ein inszeniertes Bild. Ein Bild, das man auch zur Metapher machen könnte.
Sagen wir es mal so: Ich habe ein Händchen für Makaberes. Umso mehr freue ich mich, wenn sich daraus für meine Leser:innen etwas entspinnen lässt.
Ein grosses Thema in deinem Roman ist das Altern. Das was mit Leonora geschieht, was sie mit sich geschehen lassen muss. Leonora verhält sich aber nicht wirklich ergeben, höchstens ihrem Schicksal gegenüber und der Tatsache, dass es mit Männern immer problematisch war, ihrem Sohn eingeschlossen. Müssen wir uns nicht gewissen Dingen ergeben?
Leonora ist kein Mensch, der sich ergeben verhält, aber sie ist eine Stoikerin. Sie kann manche Sachen nicht ändern, nur ihre Haltung dazu. Und das ist eine ihrer ganz großen Stärken; die Dinge müssen einem nicht gefallen und man muss sie schon gar nicht als Chance begreifen, aber man kann ihnen auch einen Platz zuweisen, so, dass etwas anderes daneben möglich ist.

Yael Inokai, geboren 1989 in Basel, lebt in Berlin. Ihr zweiter Roman «Mahlstrom» wurde mit dem Schweizer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet. Für ihren Roman «Ein simpler Eingriff» erhielt sie den Anna Seghers-Preis 2022 und den Clemens-Brentano-Preis 2023. Sie ist in sieben Sprachen übersetzt.
Illustrationen © leafrei.com
