Anna Mitgutsch staunte über die ausserordentliche Menge an Zuhörerinnen und Zuhörern, denn nicht einmal in ihrem Herkunftsland Österreich fänden sich so viele Aufmerksame wie in Schaffhausen am Rhein. Zum bald 30. Mal findet die Schaffhauser Buchwoche statt, ein kleines, feines Literaturfestival mit beeindruckenden Namen, wie jenen der grossen österreichischen Schriftstellerin Anna Mitgutsch, die dieses Jahr auf der Shortlist zum ersten Österreichischen Buchpreis stand.
Anna Mitgutsch schreibt in weiten Bögen, intensiv, greift mit ihren Bildern tief ins Wesen ihrer Protagonisten. Mag sein, dass ihre Erscheinung, ihre zurückhaltende Art, die unauffällige Art sich zu kleiden, so gar nicht zu ihrem Schreiben, ihrer intensiven und direkten Erzählweise in ihren Büchern zu passen scheint. Die Autorin mag es nicht, im Anschluss an ihre Lesung auf Fragen zu antworten, schon gar nicht auf solche des Publikums, sie, die Dozentin war im In- und Ausland. Wenn sie dann aber liest, ihre Geschichte, ihre Sprache zum Klingen bringt, ist jeder Zweifel weg. Da liest eine Schriftstellerin, die nicht nur mit ihrem Schreiben glänzt, sondern auch mit dem Gestus ihrer Sprache, der Erfahrung eines Lebens und der Fähigkeit aus der Zurückhaltung fein zu beobachten. Anna Mitgutsch zieht tiefe Furchen durch die Oberfläche von Menschen.
Noch einmal ein Jahr, vom Winter bis zum letzten Winter. Theo ist 97 und erholt sich von seinem Schwächeanfall erstaunlich gut und schnell. Zusammen mit seiner Frau Berta versucht er zurechtzukommen, nicht nur mit seinem Alter, seinen zunehmenden Unzulänglichkeiten, auch mit dem, was sich während eines ganzen Lebens unausgesprochen ansammelte und nicht einfach wegzuwischen ist; am
wenigsten immer stärker werdende Erinnerungen, das nie Ausgesprochene, all die Versäumnisse, das Unterlassene. Er zieht Bilanz, wenn auch bis zuletzt gefangen von sich selbst. „Es kam ihm an manchen Abenden so vor, als schritte er auf einer von Toten gesäumten Strasse der nahen Dunkelheit entgegen.“ „Die Kraft lief wie aus einem undichten Gefäss heraus.“ Mehr als eine Metapher! Theo verliebte sich noch vor seinem Einsatz in der deutschen Wehrmacht in Wilma, die er nach dem Krieg heiratete, eine Wilma aber, die genau wie er nicht mehr die war, die er einst vor dem grossen Krieg kennenlernte. Doch Wilma starb früh an Krebs, liess ihn zurück mit seiner Tochter Frieda, die schnell mehr war, als bloss Tochter. Und als Berta in Theos Leben auftauchte, entbrannte ein Krieg zwischen den beiden Frauen, bis „Geh, du gefährdest meine Ehe!“ der letzte Ausweg zu sein schien. Aber dem war nicht genug. Frieda begnügte sich schon als Jugendliche nicht mit den flüchtigen Antworten auf ihre Fragen um seine Wehrmachtseinsätze. Theo stellt sich bis ins hohe Alter nicht dem Drängen seiner Tochter, selbst mit dem kümmerlichen Versuch am Schluss seines Lebens, als er ihr sein Kriegstagebuch übergibt, denn dieses ist der Preis dafür, dass Friede sich aufmachen soll in die Ukraine, um Ludmilla zurückzuholen. Ludmilla, eine illegal eingestellte Pflegerin, jene Frau, die als einzige das Herz Theos zu erreichen schien, jene mit der er als einzige frei reden kann, jene Frau, die Berta wegschickte, als Ludmilla Theos letzter Anker war.
Anna Mitgutsch schildert nicht nur Theos Endlichkeit, seine (ab)sterbende Seele, sondern das Psychogramm seiner Familie. Die Schriftstellerin erzählt langsam und genau darüber wie irrig es ist zu glauben, dass die Zeit Wunden heilt. „Aber das stimmte nicht, sie liess nur zu, dass das Leben sich dazwischenschob.“ Theos erster Beruf war Gärtner, sein Garten zuhause sein ganzer Stolz. Es ist das letzte Jahr in seinem Leben, noch einmal Frühling, noch einmal Sommer und dann der Rückzug ganz im letzen Herbst und Winter mit der Gewissheit, keinen Einfluss mehr nehmen zu können auf das, was „draussen“ geschieht. „Die Annäherung“ ist ein Roman wie eine Beschwörung, dafür, jene Momente nicht zu versäumen, miteinander zu reden. Schweigt und wartet man, vielleicht auf den Moment, der niemals kommt, stellt man dann irgendwann fest, dass die Gräben unüberwindbar geworden sind. Ein stilles Buch, manchmal wie die „Steppenskizze“ von Alexander Borodin.
„Die Liebe muss eine Begabung sein wie die Musikalität, manchen Menschen ist sie von Natur aus gegeben, sie scheinen für die Liebe geschaffen, und anderen weicht sie aus, das ganze Leben lang.“

Anna Mitgutsch, 1948 in Linz geboren, unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Solothurner Literaturpreis, den Würdigungspreis (Staatspreis) für Literatur der Republik Österreich und das Ehrendoktorat der Universität Salzburg. Seit den siebziger Jahren übersetzt sie Lyrik und verfasste bisher zehn Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Bei Luchterhand erschienen die Romane „Ausgrenzung“ (1989), „In fremden Städten“ (1992), „Haus der Kindheit“ (2000), „Familienfest“ (2003), „Zwei Leben und ein Tag“ (2007) und „Wenn du wiederkommst“ (2010) sowie zuletzt der Essayband „Die Welt, die Rätsel bleibt“ (2014).

Nun erschien «Ein Zimmer im Hotel». Wieder kein Roman, eher ein Antireiseführer des Autors, der auf Lesereise mit seinem Buch «Leben» in Hotels von Peking bis Spanien übernachtete. Ein Buch, das Zimmer auf der halben Welt zeichnet, eine kleine Kulturgeschichte der Unwirtlichkeiten.
In Hotels liegen Stifte, manchmal Bleistifte. Bleistifte meist dann, wenn das Zimmer einen Holzboden besitzt. Und meist sind Bleistifthotels die besseren Hotels. Kugelschreiberhotels haben Teppichböden, die Geschichten erzählen wollen, Geschichten allerdings, die man vielleicht lieber nicht hören will. Kugelschreiber lässt David Wagner liegen, weil er sie nicht mag. Bleistifte lässt er mitgehen.
David Wagner, 1971 geboren, debütierte mit dem Roman «Meine nachtblaue Hose». Es folgten der Erzählungsband «Was alles fehlt», das Prosabuch «Spricht das Kind», die Essaysammlungen «Welche Farbe hat Berlin» und «Mauer Park», die Kindheitserinnerungen «Drüben und drüben» (mit Jochen Schmidt) sowie der Roman «Vier Äpfel».
Ralph Schröders «Held» Armin Schweighauser ist Korrektor bei einer grossen Basler Tageszeitung. Bedroht von strukturellen Veränderungen und wirtschaftlichen Anpassungen im Verlag und dem lähmenden Gefühl von Trott und Ereignislosigkeit entschliesst sich Schweighauser, erst vorsichtig und zögerlich, dann immer dreister, Nachrichten kurz vor dem Druck als Korrektor zu manipulieren. Erstaunt und frustriert darüber, wie ergebnislos seine Eingriffe bleiben, stachelt ihn der wiedergefundene Nervenkitzel zu immer wagemutigeren «Korrekturen der Wahrheit» an. Und nachdem ihm durch Zufall von aussen Informationen zugetragen werden, die alles im Verlagshaus ändern sollen, wird Schweifhausers persönliches Experiment zu vermeintlichen Befreiungsschlag einer in die Irre geführten Öffentlichkeit. Die Geschehnisse überstürzen sich. Erst recht, als ein Todesfall die Fallrichtung der Geschehnisse unkorrigierbar macht.
Ralph Schröder, 1961 in Biel geboren, studierte Philosophie und Germanistik in Basel. Nach Tätigkeiten u.a. als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter arbeitet er heute als Kommunikationsspezialist für das Kantonsspital Aarau. Ralph Schröder lebt in Basel. «Schweighausers Korrekturen» ist sein erster Roman.
Mindestmass herunterzuhandeln. Was für jeden anderen Schule genug gewesen wäre, ist für Breiter das Zeichen «Jetzt erst recht!». Er, nun Jack Breiter, wird Handlungsreisender in Farben eines Basler Chemiekonzerns und macht prächtig Umsatz mit dem Polarrot in den Fahnen und Wimpeln des nationalsozialistischen Nachbarn. Lässt sich Glück endlos strapazieren? Patrick Tschan erzählt eine erstaunliche Geschichte, fabuliert und fesselt, erzählt mit verblüffender Leichtigkeit und erzeugt derart Spannung, dass man das Buch nur ungern weglegt.
Patrick Tschan, geboren 1962, lebt in Allschwil, Schweiz. Studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Er führte in zahlreichen Theaterstücken Regie und war viele Jahre in der Werbung und Kommunikation tätig. Patrick Tschan ist Präsident der Schweizer Schriftsteller-Fussball-Nationalmannschaft. Beim Braumüller Verlag erschienen die Romane «Keller fehlt ein Wort» (2011), «Polarrot» (2012) und «Eine Reise später» (2015).
besprochen, diskutiert, hoch gelobt und zerrissen wurden, während man andere Namen vermisste, bestach die Jury in ihrer Auswahl zum diesjährigen Schweizer Buchpreis durch Vielfalt, Besonder- und Eigenheiten. Der Buchpreis ist nicht das Fest des Siegers, des «übrig gebliebenen Buches», sondern ein Fest der Literatur, des Buches, dem für einmal ausserordentlich viel Publikum lauscht, ganz anders als an all den Lesungen sonst, bei denen es manchmal nur ein Dutzend zu Veranstaltungen lockt.

An der Zürcher Lienhardstrasse 7 (braucht man nicht zu googlen) bekommen alle fünf Parteien auf fünf Stockwerken die An-Kündigung. Das filigrane Biotop eines Mehrfamilienhauses von Spekulation, Toleranz, Weghören und Heimlichkeiten ist nicht nur bedroht, sondern die einzelnen Spezies werden genötigt, ihre Distanziertheit, mit der man sonst doch so gut fährt, für den Kampf beiseite zu legen. Und mir als Leser, der zusammen mit dir als Schöpfer in ein offenes Puppenhaus blicken kann, offenbaren sich nicht nur Einsichten, sondern genauso viele Abgründe, von denen mich schon meine Eltern mit dem Satz „Was andere Leute tun und denken, geht uns nichts an“ zu schützen versuchten.
Max Küng, geboren 1969 in Maisprach bei Basel, besuchte nach der Ausbildung zum Computer-Programmierer die Ringier Journalistenschule. Seit 1999 ist er Reporter und Kolumnist beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers». Neben diversen Musikkompositionen und Veröffentlichungen erschien zuletzt sein erfolgreicher Roman «Wir kennen uns doch kaum» bei Rowohlt. Max Küng lebt seit 2005 in Zürich, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Er lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol. Andreas Maier wohnt in Hamburg.
Ein Mann, der sich abkoppelt, nun auf der Suche nach Herkunft, weil die Gegenwart zu kollabieren drohte, auf den Spuren seiner Herkunft, die letztlich auch nicht durch Stammbäume und Gentechnik zu klären sind. Und nicht zuletzt eine Flucht mit Fluchthelfern, Tabletten gegen Herzrhythmusstörungen, Hilfe für einen aus dem Tritt geworfenen, der als Preis dafür mit langen, heftigen und fremden Träumen zu kämpfen hat. Vater und Sohn weit voneinander entfernt, verbrüht durch Verletzungen, falsch verstanden und im entscheidenden Moment alleine gelassen. Für mich als Leser vielleicht eine der stärksten Szenen im Roman: Der Vater früher zurück aus den Staaten an der Preisverleihung zu Ehren seines Sohnes schlussendlich sitzen gelassen, weil die Festgesellschaft ohne ihn weitergezogen war.
Linus Reichlin, geboren 1957, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für seinen in mehrere Sprachen übersetzten Debütroman »Die Sehnsucht der Atome« erhielt er den Deutschen Krimi-Preis 2009. Sein Roman »Der Assistent der Sterne« wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2010/Kategorie Unterhaltung gewählt. Über seinen Eifersuchtsroman »Er« schrieb der Stern »Spannend bis zur letzten Minute«. 2014 erschien »Das Leuchten in der Ferne«, ein Roman über einen Kriegsreporter in Afghanistan – »das ist große Literatur, und dann auch noch spannend erzählt« (FAZ).

Kunst sein, Kunstwerk. Bei jeder anderen Kunstgattung ist die mögliche Provokation mit eingeschlossen. Und ausgerechnet in der Literatur gibt man sich dupiert, ja fast beleidigt, wenn man als Leser und erst recht als Kititker verunsichert wird. Dabei sind Autoren wie Christian Kracht genau das, wonach es schreit; Autoren, die wagen, die verunsichern, irritieren, vielleicht sogar polarisieren. Und die Kritik ist irritiert. Irritiert von der Geschichte, weil sich Christian Kracht nicht um Konventionen und Gepflogenheiten zu kümmern scheint. Irritiert vom Ton, der sein Schreiben so eigen-artig macht. Irritiert, weil man vergeblich nach einer Message sucht, weil Verunsicherung zum Programm gehört. Irritiert, weil sich Christian Kracht auch schon nach seinem letzten Roman «Das Imperium» nicht um die kruden Behauptungen eines Spiegelberichts kümmerte, der seinem Schreiben einen Rechtsdreh andichten wollte.