Wort – Laut und Luise, Lechts und Rinks 2017

Die 9. St. Galler Literaturtage WORTLAUT 2017 sind Erinnerung. Laute und leise Töne mit wenig und viel Publikum. Markige Sprüche, freche Zeichnungen, durchscheinende Lyrik und rundum Gespräche über Bücher und Literatur, Text und Kontur. Aber was blieb in Erinnerung? Was hat bewegt?

„Warum ist die Welt in Büchern nicht eine bessere als in der wirklichen Welt?“

Mein ganz persönliches literarisches Jahr beginnt mit den St. Galler Literaturtagen – jedes Jahr. Im Vorsommer dann die Solothurner Literaturtage, die Nabelschau der CH-Literatur und im Sommer dann das Literaturfestival in Leukerbad mit einem literarischen Blick weit über die Landesgrenzen hinaus. Es sind aber wie in jedem Bücher- und Literaturfest nicht so sehr die Bücher, die mich locken, sondern die Schöpferinnen und Schöpfer selbst. Vor allem jene, bei denen ich spüre, wie neugierig sie sind, was ihre Bücher mit mir machen.

„Warum hat die Literatur so viel Lust, den Antihelden scheitern zu lassen?“

Die diesjährigen Literaturtage begannen in der Provinz, mit einer Prologlesung des jungen Schriftstellers und Journalisten Frédéric Zwicker im Kulturforum Amriswil. Der Autor las aus seinem ersten Roman „Hier können sie im Kreis gehen“, der Geschichte des 91jährigen Johannes Kehr, der sich im Altersheim hinter einer vorgetäuschten Demenz vor den Menschen versteckt. Sein ernst zu nehmender Roman über den letzten Lebensabschnitt vieler Menschen, den man aber gerne verdrängt, mit dem man sich selbst meist erst kurz davor und nur ungerne auseinandersetzt. Die Geschichte eines alten Mannes, die erklären soll, warum sich jemand hinter einer vorgespielten Demenz vom Leben distanzieren will. Ein Unterfangen, das mit Bedacht und Vorbereitung angegangen werden muss, wenn Kehr sich nicht durch die Wirkung eines Medikaments oder einer unglücklichen Äusserung verraten will. Ein Abenteuer, das ihm ungeahnte Freiheiten eröffnet, weil niemand, nicht einmal seine Enkelin, deren Foto er seine Geschichte erzählt, sein Doppelleben erahnt. Eine Lesung, ein Gespräch, das sich mit vielen wichtigen Fragen auseinandersetzte; Was tun, wenn einem nichts mehr am Leben hält? Wie viel Freiheit braucht der Mensch, selbst dann, wenn er unberechenbar wird?

„Literatur mag Personal, das etwas riskiert.“

Bei der offiziellen Eröffnungsveranstaltung las Max Küng, bekannt durch seine Kolumnen im Tages-Anzeiger Magazin, ein letztes Mal aus seinem Roman „Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück“. Ein Roman darüber, was hinter der Fassade eines Zürcher Stadthauses passiert, wenn alle im Haus gleichzeitig die Kündigung ihres Mietverhältnisses zugeschickt bekommen. Max Küng ist gewiefter Beobachter, Journalist und Schriftsteller. Max Küng tut, was er wirklich kann. Er blickt mit dem Brennglas auf Grossstadtmenschen, Menschen, die nur dort leben können, bunte Kampffische im Aquarium. Ganz offensichtlich verlief die Dernière mehr nach den Vorstellungen des Autors als die Buchtaufe im vergangenen Herbst auf dem Dach seines Zürcher Verlags. Damals ass man Biosandwiches unmittelbar unter der Sonne, ein kleiner Haufen. Das Buch kam unter all den Kulturlöwen kaum zu Wort.

„Figuren die allzu positiv besetzt sind, interessieren die Literatur nicht.“

Und am Samstag, dem eigentlichen Haupttag des Festivals, waren es nicht die grossen Namen, die mich überzeugten. Dafür umso mehr jene, die es verstehen, aus Beobachtungen fein ziselierte Literatur zu schaffen. Die noch junge Franziska Gerstenberg, die über ihrem Erzählband „So lange her, schon gar nicht mehr wahr“ sagt: „Die Figuren sind alle ich, mit allen Fragen, allen Zweifeln.“ Sie gehe langsam vor, versuche sich psychologisch anzunähern, hineinzuhören, nicht auszuleuchten, nicht gewillt einer Pointe nachzurennen. Es reize sie, die Perspektive zu wechseln und sich nicht wie bei Romanen über Jahre mit dem gleichen Personal herumschlagen zu müssen. Franziska Gerstenberg , zierlich, fast zerbrechlich, las in Lederstiefeln mit drei grossen Schnallen übereinander, als müsse sie wenigstens in ihnen Halt finden. Sie las von Menschen in Not, wie dem stillen Dichter Stoll, der in der Orangerie an der Kasse hinter der Theke sitzt und mit seinem Lächeln auf Besucher wartet. Stoll, der in seinem Schreibzimmer zuhause den einzigen Ort besitzt, in dem und für den es sich zu leben lohnt.
Die noch immer junge Anna Weidenholzer: In ihrem neusten Roman „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ erzählt sie von Karl. Karl fährt weg in einen Winterort ohne Schnee. Ein Mann, der nur forschen will und kann, sich auf dieser Reise ganz vom Zufall leiten lässt, davon überzeugt, dass es für alles und jedes mindestens zwei Möglichkeiten gibt. Bloss nicht für die Stimme in seinem Kopf, für die Stimme seiner Frau, die alles kommentiert, von der er stets weiss, wie und was sie sagen wird, wenn er etwas tun oder sagen will. Eine Stimme, die immer nur das „Richtige“ kennt. Anna Weidenholzer webt in ihren Roman Sätze, die haften bleiben, Sätze wie Schnappschüsse einer Meisterfotografin. Sätze, die klingen, Sätze, die man irgendwie kennt. Johannas Kehr bei Frédéric Zwicker, Stoll bei Franziska Gerstenberg und Karl bei Anna Weidenholzer; Männer, die zu verschwinden drohen.

„Wir leben in einer postheroischen Gesellschaft.“

Und dann noch Nico Bleutge, ein Dichter aus dem Norden, aus Berlin, den ein Stipendium nach Istanbul am Bosporus schickte, eine Stadt, die er bereits aus früheren Besuchen kennt, eine Stadt, in der es brennt. Eine Stadt zwischen Zeiten, Fronten und Kulturen. Nico Bleutge schreibt Lyrik in langen, farbigen Bändern, in „Nachts leuchten die Schiffe“ Wortgemälde mit Sicht auf die grossen Kähne, die durch die Meerenge ziehen. Auch wenn zu dieser Lesung in dem sonst gut besetzten „Raum für Literatur“ in der Hauptpost nur wenige Neugierige dem Dichter ihre Aufmerksamkeit schenkten, galten für mich diese 45 strahlenden Minuten als einer der Höhepunkte der diesjährigen St. Galler Literaturtage.
Was bleibt? Ich hörte zu und es taten sich Horizonte auf!
(Die eingefügten Zitate sind Fetzen eines sonst missratenen Literaturgesprächs zwischen Sabine Gruber, Jonas Lüscher und Andrea Gerster.)

Literaturvorschläge aus dem Turm

Liebe Bücherfreunde

Zusammen mit Elisabeth Berger stellte ich am Nikolaustag im Tröckneturm St. Gallen lesenswerte Bücher vor. Elisabeth Berger sechs – ich ebenso. Bücher, die man schenken kann. Bücher, die sich  lohnen zu lesen. Bücher, die man vorlesen kann. Bücher für viel mehr als ein paar schöne Stunden.

Falls sie noch ein Weihnachtsgeschenk brauchen, vertrauen sie dieser Liste!

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«Die Annäherung» von Anna Mitgutsch für alle, die sich für das vom letzten Weltkrieg dominierte Geschehen eines Jahrhunderts interessieren, für Familiengeschichte mit viel Unausgesprochenem.

«Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück» von Max Küng für Neugierige, die hinter Fassaden schauen wollen, Witziges mögen.

«Schlaflose Nacht» von Margriet de Moor, für jene, die bereit sind, mit der Erzählerin mitten in der Nacht in der Küche zu stehen, um zuzusehen, was der Suizid des Mannes im Gewächshaus hinter dem Haus anrichtet.

«Das achte Leben – für Brilka» von Nino Haratischwili für fleissige LeserInnen, die sich von 1300 Seiten nicht abschrecken lassen und dafür belohnt werden mit einem georgischen Epos in Breitleinwand über beinahe 100 Jahre – ein fantastisches Buch!

«Cox oder Der Lauf der Zeit» von Christoph Ransmayr für jene, die sich vor einer mächtigen chinesischen Kulisse von einem Meister der Sprache in die Fremde entführen lassen wollen.

«Hier können sie im Kreis gehen» von Frédéric Zwicker, die erfahren wollen, warum sich ein alter Mann hinter einer vorgespielten Demenz im Altersheim verstecken will.

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«Bella Mia» von Donatella di Pietrantonio für jene, die sich in eine der vielen Behelfsunterkünfte nach dem grossen Beben 2009 in Italien versetzen lassen wollen, ins Schicksal dreier Menschen, die sich neu erfinden müssen.

«Nora Webster» von Colm Toibin für jene, die sich literarisch entführen lassen wollen in die irische Provinz der 60er Jahre, an einen Ort, wo der Verlust des Mannes die persönliche Katastrophe der hinterbliebenen Frau vervielfacht.

«Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt» von Zora del Buono, für jene, die wissen wollen, was eine unmögliche Liebe bewirkt in einem Land, das von den NSA-Enthüllungen gebeutelt ist.

«Der lange Atem» von Nina Jäckle, die sich auch vor dem Trauma eines erlebten Tsunamis in Japan nicht abschrecken lassen, vom Tod in all den entstellten Gesichtern, im Buch von einer eindringlichen Sprache belohnt.

«Der Hut des Präsidenten» von Antoine Laurain, für jene, die wissen wollen, was ein verlorener Hut des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand anrichten kann. Heiter!

«Lügen sie, ich werde ihnen glauben» von Anne-Lare Bondouz und Jean-Claude Mourlevat für jene, die sich gerne gut unterhalten lassen von einem E-Mail-Roman voller Witz und Charme.

Zwei Büchermenschen: Gallus Frei-Tomic und Elisabeth Berger

mehr Infos unter lebendiger-advent.ch

Max Küng «Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück», Kein & Aber

Lieber Max

Wir sassen auf dem Dach des Verlags Kein und Aber, zusammen mit deinem Verleger, deiner Lektorin, der Pressefrau, ein paar von den Printmedien und dir und deiner Frau. Das neue Buch „Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück“ lag neben Sandwiches, eingeschweisstem Salat und Petflaschen auf dem Tisch unter der ungewöhnlich heissen Spätsommersonne Zürichs. Das Buch, dein neuer Roman, war flügge!

Am Schluss, kurz bevor ich mit heisser Glatze das Dach verliess, schriebst du „I hope you like it“ aufs Vorsatzpapier deines Zweitlings. Ich verabschiedete mich und begann noch im Zug zurück nach Amriswil mit der Lektüre.

Yes, I like it! Ich wünsche deinem Buch viele LeserInnen, nicht nur weil es die Neugierde der Menschen stillt, die wie ich so gerne wissen, was hinter all den Fassaden steckt. Auch nicht nur darum, weil es in der CH-Literaturszene fast konkurrenzlos scheint, was Witz und Biss angeht. Sondern weil es überrascht, wenn auch nicht bis zur allerletzten Seite. Wer nach der Ankündigung auf dem Buchdeckel einen Hausbesetzerroman oder den Kampfroman gegen den aus dem Ruder laufenden Immobilienmarkt erwartet, mag enttäuscht sein. Aber wer dein Motto: „Wir wissen nichts über unsere Nachbaren. Das ist gut so. Wenigstens im richtigen Leben“, liest und weiss, wie gerne du mit scharfer Zunge kommentierst, der kommt auf seine Kosten. Und nicht weil du scharf machst, was fade ist. Du kannst auch feine Töne zelebrieren, ganz leise, pastell, um dann die nächste Pointe umso lauter platzen zu lassen.

img_0150An der Zürcher Lienhardstrasse 7 (braucht man nicht zu googlen) bekommen alle fünf Parteien auf fünf Stockwerken die An-Kündigung. Das filigrane Biotop eines Mehrfamilienhauses von Spekulation, Toleranz, Weghören und Heimlichkeiten ist nicht nur bedroht, sondern die einzelnen Spezies werden genötigt, ihre Distanziertheit, mit der man sonst doch so gut fährt, für den Kampf beiseite zu legen. Und mir als Leser, der zusammen mit dir als Schöpfer in ein offenes Puppenhaus blicken kann, offenbaren sich nicht nur Einsichten, sondern genauso viele Abgründe, von denen mich schon meine Eltern mit dem Satz „Was andere Leute tun und denken, geht uns nichts an“ zu schützen versuchten.

Im Erdgeschoss wohnt der Fahrradeinsiedler Vischer, zusammen mit seinen Drahteseln im Dunst von Schostakowitsch und Kriechöl. Ein wortkarger Sonderling, dessen einziges Ziel es scheint, alle 127 Pässe der Schweiz mit seinen Fahrrädern abzuklappern. Im ersten Stock Gutjahrs, er eine selbstverliebte TV- Grösse, ein Opportunist, ständig paarungsbereit, weit weg von seiner Familie, seiner Frau, die hadert mit Vergangenheit und Gegenwart. Im zweiten Stock Paola und Fabio, glücklich kinderlos, sie Journalistin, er Immobilienheini, beide blind und geil, sie nach der ultimativen Enthüllungsstory, er nach dem grossen Geschäft und der ultimativen Wette. Im dritten Stock Virginia mit ihrer pubertierenden Tochter Cosima. Virginia, verlassen nicht nur von ihrem Mann, sondern allzuoft von guten Geistern, wenn sie nachzuholen versucht, was ihr ihr Mutterunglück während Jahren entzog. Und oben unterm Dach Delphine, eine Kunststudentin auf der Suche nach dem Nichts und Empfangsdame im Fitnesscenter Mangenta.

Da liegt Zündstoff. Und du zündelst mit Wonne. Ich spüre das Vergnügen, dass das Schreiben dir gemacht haben muss. Sonst schreibst du Kolumnen im Tagesanzeiger Magazin. Eine gute Schule für den scharfen Blick. Den spürt man auch im Roman, jenen für die kleinen Dinge, den Blick dahinter, in Gegenden, wos wehtun kann, für den Schauenden und den Beobachteten, mit einem gehörigen und erfrischenden Schuss Respektlosigkeit. Falls empfindliche Stadtzürcher, Politgrössen wie Toni Brunner oder Redaktionsmenschen aus Bildchenzeitschriften den Roman angewidert und mit erhöhtem Puls weglegen, verstehe ich das gut und amüsiere mich doppelt.

Was ich jetzt schon weiss: „Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück“ ist ein Buch, das man hören sollte. Ich freue mich, wenn ich im dunklen Zuhörerraum sitzen werde und deiner Stimme lauschen kann!

Liebe Grüsse
Gallus

Max Küng liest
am 22. November in Luzern, Neubad
am 23. November in Basel
und am 1. Dezember in Stuttgart, Merlin

e8451401b40c7b16dfe666f193741db3Max Küng, geboren 1969 in Maisprach bei Basel, besuchte nach der Ausbildung zum Computer-Programmierer die Ringier Journalistenschule. Seit 1999 ist er Reporter und Kolumnist beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers». Neben diversen Musikkompositionen und Veröffentlichungen erschien zuletzt sein erfolgreicher Roman «Wir kennen uns doch kaum» bei Rowohlt. Max Küng lebt seit 2005 in Zürich, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

(Titelbild: Sandra Kottonau)