Judith Hermann «Ich möchte zurückgehen in der Zeit», S. Fischer

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist nicht rückwärtsgewandt, aber eine erzählerische Bewegung, kein „Finden“, dafür umso mehr ein „Suchen“. Nicht nach Resultaten, nicht nach Gewissheiten, aber ein Woher fürs Wohin.

Judith Hermanns neustes Buch ist kein Roman, nicht einmal als solcher betitelt. Das Buch ist eine literarische Auseinandersetzung mit Fragen der Herkunft, mit dem ins genetische Profil Eingeschriebenen, eigentlich Unleugbaren. Mit der Frage, ob und wie man sich damit auseinandersetzt. Mit dem, was man an Vergangenem erahnt, was auf Fotos, in Akten und Dokumenten festgehalten ist und trotzdem nie die ganze Geschichte erzählen kann.

Judith Hermanns Grossvater was Offizier und Mitglied der Waffen-SS, jenen schwarz uniformierten arischen Recken mit Totenkopfsymbolen auf Schirmmütze und Uniformkragen. Jener Elitetruppe, die an den Fronten ihres Vernichtungskrieges mit stolzer Brust die Drecksarbeit verrichtete. Es gibt ein Foto von ihm vom Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in der polnischen Kleinstadt Radom, kurz nachdem man die 30000 Juden der Stadt, Frauen, Männer, kleine Kinder, Kranke und Alte in zwei Ghettos gesperrt hatte, wo sie auf ihre Deportation in Vernichtung oder Zwangsarbeit zu warten hatten. Eine Tätowierung auf der Innenseite seines Armes, die SS-Vergangenheit war ein offenes Geheimnis in der Familie, über das man nicht sprach, Fragen tunlichst vermied. Bis die Macht all der Fragen zumindest für die Autorin nicht mehr zu kontrollieren war und eine Auseinandersetzung damit unvermeidbar.

Judith Hermann «Ich möchte zurückgehen in der Zeit», S. Fischer, 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-10-397764-6

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist der Reisebericht einer Frau, der es nicht um die Enthüllung eines schrecklichen Geheimnisses geht, schon gar nicht um Rechtfertigung oder Erklärung. Dieses Buch erzählt die behutsame Bewegung ins Vergangene und jene wieder zurück. Eine Reise nach Radom in Polen und weiter nach Neapel zu ihrer Schwester, einer Archäologin, die in der Römerstadt Pompei die von Asche zugedeckte Vergangenheit freilegt. Beide legen sie frei, setzen Erkenntnisse und Interpretationen zu Mosaiken des Geschehenen zusammen. Und doch ist das, was daraus resultiert, bei den Schwestern so unterschiedlich wie zwischen der Schriftstellerin und ihrer Mutter. Wir kennen die beiden Bewegungen; für die einen ist Gegenwart unmöglich ohne Klärung der Vergangenheit – und andere wollen endlich Gras darüber wachsen sehen, um sich ganz der Gegenwart und Zukunft zu widmen.

Man entdeckt Dinge durch die Erinnerung, sich an etwas zu erinnern bedeutet, es zum ersten Mal zu sehen. Cesare Pavese

Das Vergessen der Mutter zwingt die Autorin zu einer Reise. Zuerst nach Polen, auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war. Auf die Suche nach Hinweisen in eine Stadt, von der sie Antworten erhoffte. Eine Stadt, die sich anfangs abweisend zeigte, aber dann, erst kurz vor ihrer Weiterreise Zeichen gab, Menschen, die etwas anzubieten hatten. Judith Hermann nimmt sich selbst ins Visier, protokolliert, was die ungewisse Suche mit ihr macht, das Nach- und Hineindenken gegen das Vergessen.

So wie die Schwester zusammen mit ihrer Familie an den Hängen bei Neapel wohnt und die permanente Bedrohung eines Erdbebens überblenden muss, so kann man auch mit der Vergangenheit umgehen, selbst dann, wenn die Warnhinweise unmissverständlich sind, dass ein Erdrutsch ausgelöst werden könnte. Zwischen ihrer Schwester und ihr schieben sich tektonische Kräfte übereinander, reiben. Was nach Konfrontation schreit, erstickt unter der Banalität des Alltäglichen. Man kann sich die Gegenwart wie einen Mantel über die Schultern hängen, ohne zu fragen, was in den schweren Taschen steckt. Man kann sich dem Schrecken verweigern, in Familie erst recht.

Dieses Buch ist eine vorsichtige Aufforderung, mich selbst mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen, sie nicht einfach hinter mir zu lassen. Judith Hermanns erzählerisches Essay ist klug und zart zugleich. Ein unglaublich reifes Buch von einer Frau, die nicht zuletzt sich selbst verstehen will. Grossartig!

Judith Hermann, 1970 in Berlin geboren, erhielt nach einer journalistischen Ausbildung 1997 das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste. 1998 erschien ihr erstes Buch «Sommerhaus, später», für das sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde.  2023 erschien »Wir hätten uns alles gesagt«, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die Judith Hermann im Frühjahr 2022 hielt. Dafür erhielt sie den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Zuletzt erschien 2026 »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. 

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