Ein lange nachhallendes Erbe. Ein Berg, der explodiert und fast eine ganze Stadt begräbt. Ein Magnetophon, ein uraltes Tonbandgerät noch aus der Zeit des Krieges, das zögerlich sein Geheimnis preisgibt, ein Protagonist aus Norbert Scheuers Familie Arimond, Wald, eine Kiesgrube und Vögel. Ingredienzen, die seinen Roman durchscheinend poetisch machen!
Einmal mehr macht Norbert Scheuer die Eifel zum Schauplatz eines neuen Romans. Auch das Personal gehört zum Ensemble, aus dem immer wieder Protagonist*innen hervortreten. Diesmal Johann aus der Familie Arimond. Aber auch die Grauköpfe im Café des Supermarks am Ort spielen ihre Rolle, den Chor, der sich immer wieder in die Geschichten Norbert Scheuers einmischt. Obwohl Norbert Scheuer den linear erzählten Geschichten zu misstrauen scheint. Geschichten leuchten durch, die einen deutlich, die anderen erzeugen bloss eine Ahnung. Ahnungen die bei mir schwelen, die sich winden und drehen, die sich manchmal entziehen und sich dann mit einem Mal in den Vordergrund drängen. Norbert Scheuer tut dies mit Absicht, mit Sicherheit auch darum, weil er mir beim Lesen eine aktive Rolle geben will. Weil er mich weit mehr als unterhalten will.
Johann Arimonds Mutter ist gestorben. Er, der in einer Platte, irgendwo am Kölner Stadtrand wohnt, kehrt zurück in den kleinen Ort in der Eifel; Mutters Beerdigung, Wohnungsauflösung – und ein Magnetophon, Baujahr 38, mit ein paar Tonbandrolllen. Ein defektes Gerät, von dem Johann vermutet, dass da Geheimnisvolles, Verschüttetes, Überraschendes zu finden ist, wenn er denn das Gerät zum Laufen bringt. Johann ist IT-Experte, kennt sich mit Speichergeräten aus, selbst mit analogen. Und weil er alleine lebt, wird aus dem einen Zimmer in dem das Magnetophon steht, mehr und mehr eine Werkstatt. Johann ist Menschen gegenüber eigenartig misstrauisch. Selbst zu seiner Schwester. Auch den Frauen, sei es Maria, die er nach Lust und Laune trifft oder die schmuddelige Nachbarin im gleichen Plattenbau. Johann arbeitet in einem IT-Unternehmen, zusammen mit Frank, Johann mit zunehmendem Schwindel, Frank mit wachsenden Frauenfantasien und ganz offensichtlich krimineller Energie.

Johann bringt das Gerät zum Laufen, auch wenn das, was er hört, meist nicht viel mehr als ein Rauschen ist. Aber genug Stoff, um seinen Gedanken und Interpretationen freien Lauf zu lassen. Johann weiss, dass sein Grossvater Justus Arimond bei jener Explosionskatastophe am 15. Juli 1949 in Prüm in der Eifel eine zweifelhafte Rolle spielte. Damals entzündete sich ein Munitionslager aus dem Weltkrieg und sprengte einen ganzen Hügel weg. Für Prüm waren die Folgen katastrophal. Johanns Mutter vererbte ihm das alte Aufnahmegerät, nicht zuletzt weil sie ahnte, dass sich auf den Bändern ein Geheimnis verbirgt. Was Johann aber hört, verrät nicht viel. Und trotzdem tragen die Geräusche aus der Vergangenheit den Einzelgänger Johann in eine Welt, die durch all die Trümmer verschüttet schien. Er, der IT-Spezialist, versucht nicht nur in der taumelnden Firma die Datenflüsse in Ordnung zu bringen, er versucht es auch in der analogen Kiste, die bei ihm im Wohnzimmer steht. Letztlich aber ebenso erfolglos wie mit all den Frauen, denen er nahe zu kommen versucht.
Und da ist noch die kleine Holunderholzflöte. Ein kleines, damals selbst geschnitztes Instrument aus der Vergangenheit. Ein trocken und stumm gewordenes Relikt.
Vielleicht besteht Erfahrung nicht darin, Gewissheit zu sammeln, sondern darin, mit dem Unabgeschlossenen zu leben und ihm, bei jedem Wiedersehen, ein wenig geduldiger zu begegnen.
Wer dem Scheuer’schen Kosmos wie ich verfallen ist, weiss, dass es dem Autor nicht um blosses Geschichtenerzählen, schon gar nicht um Historie geht. Norbert Scheuer malt Bilder, manchmal schwebend, immer tiefsinnig (mehrfach wörtlich gemeint). Die Geschichte ist die Trägerin seiner Melodien, der Sprachmusik. Es ist als würde ich mit ihm in den vielstimmigen Sound jenes Magnetographen eintauchen. Was ich lese und damit höre, rieche und schmecke, fügt sich zu Bildern zusammen, manchmal durchscheinend, uneindeutig, diffus, manchmal hell und klar – auf jeden Fall sinnlich.
Auch wenn Johann nicht das Zeug hat für einen grossen Sympathieträger, er ist ein Beobachter, ob es das Falkennest ist, das er aus dem Fenster seiner Wohnhöhle sieht oder auf dem Weg über Stock und Stein durch ein Loch im Zaun hinüber zur Autobahnraststätte, einem Unort, für Johann aber ein Stück Zuhause. Johann ist ein Verwundeter, ein Verwunderter, ein Versehrter, Suchender.
„Holunderholz“ ist geheimnisvoll!
Interview
Dein Roman ist in der ersten Person geschrieben. Hauptperson ist Johann Arimond, ein Spross jener Familie, die eine unerschöpfliche Quelle deiner Literatur zu sein scheint, ein Netz, das sich mehr und mehr wie ein Myzel aus der Eifel nährt. Warum die Ichform?
Irgendwie hat sich die Ichform geradezu aufgedrängt. Immerhin handelt es sich um einen Bericht für Klara, die Schwester von Johann Arimond, die von ihrem Bruder Aufschluss über den Inhalt der Bänder verlangt. Zudem gibt es verschiedene Ebenen der Erzählung: Da ist zunächst der Inhalt der Bänder, dann der Autor, dem Großvaters Tonbandaufzeichnungen übergeben werden und der daraus erst eigentlich den vorliegenden Roman macht.
Dein Brotberuf war über Jahrzehnte „Systemprogrammierer“, jene Arbeit, der Johann nachgeht, wenn er denn nicht am Magnetophon herumbastelt. Wobei der Versuch, ein altes, rein analog funktionierendes Aufnahme- und Abspielgerät wieder zum Laufen zu bringen, ebenfalls viel mit „System“ zu tun hat. Norbert Scheuer programmierte als Brotberuf, entlockte dem Leben mit seiner Literatur aber auf ganz analoge Weise seine Erzählspuren. Wie viel Gegensatz steckt in diesen zwei Tätigkeiten?
Ja, auf diesen schönen Zusammenhang bin ich selbst noch gar nicht gekommen: Ich als Programmierer, der beim Schreiben selbst das Analoge, sogar das Handschriftliche bevorzugt. Ich habe während meines Berufslebens die meisten meiner Romane von Hand, also ganz analog, geschrieben. Das war sicher auch eine Art Flucht aus der technischen Welt in eine andere.
In gewisser Weise versucht Johann Arimond, drei Systeme wieder zum Laufen zu bringen: das Computerprogramm, das alte Magnetophon und seine Familiengeschichte. Man könnte den ganzen Roman deshalb auch als eine Fehlersuche auf drei verschiedenen Ebenen lesen. Und der Plot führt schließlich zu der Erkenntnis, dass es überhaupt nicht möglich ist, etwas endgültig zu reparieren. Genau darin liegt auch Johanns Fazit am Ende des Romans.
In deinem Roman steckt viel Geheimnis. Es geht dir aber ganz offensichtlich nicht um Klärung, schon gar nicht um Enthüllung. Du willst nichts entzaubern. Seien es die Geschehnisse um die Explosionskatastrophe in Prüm oder das Personal. Seien es die Grauköpfe im Café vor dem Supermarkt, sei es Vincentini, der wie ein Geist durch deinen Roman schleicht, oder die junge Frau Rose, von der nur eine Ahnung bleibt. Doch eigentlich Zutaten, von denen man anderen dringend abraten würde.
Der Roman ist im Grunde eine einzige Entzauberung. Für jedes der Geheimnisse werden mögliche Lösungen angeboten; der Leser muss nur genau lesen und die verschiedenen Hinweise miteinander verbinden. Auch die Explosion des Munitionsbunkers lässt sich auf diese Weise lesen: als mögliche Sabotage, in die der Großvater verwickelt gewesen sein könnte. Bis heute ist die Ursache der Explosion nicht abschließend geklärt. Möglich wäre ein Unfall durch Unachtsamkeit des Personals, aber auch eine gezielte Sabotage. Es gibt sogar ein Bekennerschreiben der „Kampfgruppe Lastenausgleich“, die sich gegen das Gesetz richtete und damit drohte, auch den Bundestag in die Luft zu sprengen. Die französischen Besatzungstruppen untersagten der Stadt Prüm weitere Nachforschungen; außerdem sollen mehrere Millionen als Schweigegeld gezahlt worden sein. Wer möchte, kann darin durchaus Parallelen zu aktuellen Sprengungen und Anschlägen erkennen.
Wenn man den Roman aufmerksam liest, wird eigentlich klar, dass Rose die Mutter von Isabelle ist, die wiederum die Mutter von Johann Arimond ist. Rose wird vom Oberst während seiner Fahrten mit dem Magirus aufgenommen und bekommt von ihm oder von Vincentini ein Kind: Isabelle. Sie lebt zunächst bei einer Bauernfamilie und wird vom Oberst im Alter von sechs Jahren in seine Familie geholt. Da sie im selben Jahr wie Jakob geboren wurde, wird sie als dessen Zwillingsschwester ausgegeben.
Isabelle könnte also entweder die Tochter des Obersten oder die Tochter Vincentinis sein. Auch das lässt sich aus dem Roman erschließen. Vincentini hatte nicht nur ein Verhältnis mit Rose, sondern später auch mit Isabelle. Damit hätte er mit seiner eigenen Tochter geschlafen, und Johann wäre aus dieser Beziehung hervorgegangen. Das ist tatsächlich eine Konstellation wie aus der antiken Mythologie: Die Figuren kennen ihre eigene Geschichte nicht vollständig, während der Leser sie aus den verstreuten Hinweisen zusammensetzen kann.
Übrigens erklärt das auch, warum Vincentini auf dich wie ein Geist wirkt. Johann ahnt natürlich, dass sich hinter Vincentini ein Geheimnis verbirgt, das unmittelbar mit seiner eigenen Geschichte zu tun hat. Aber er will es nicht wissen. Deshalb sträubt er sich bis zuletzt dagegen, Vincentini zur Rede zu stellen. Erinnerst du dich an die Stelle, an der Johann seinen Onkel in Vincentinis Wohnung findet und die Fotografien von ihm an der Wand sieht? Für mich war Vincentini immer eine ganz konkrete Person, nicht zuletzt, weil er eine Schlüsselfigur in meinen Romanen ist. Für Johann aber wird er tatsächlich zu einer Art Geist: zu einer Gestalt aus seiner eigenen Familiengeschichte, deren Bedeutung er spürt, ohne sie sich eingestehen zu wollen.
Ich musste mehr als einmal im Netz nachlesen; „Magnetophon“, ein „Perseus“ (tönt fast wie der Sohn des Zeus) oder „Magirus“ (könnte ein römischer Name sein, wenn es nicht jener eines Nutzfahrzeuges wäre). Maschinen, die alle einmal rein analog waren, reine Maschinen. Wie viel Faszination steckt dafür in dir?
Der Perseus ist ein Akupunkturgerät, das in fast allen meinen Romanen vorkommt. Auch in Holunderholz wird beschrieben, wie Vincentini Isabelle damit behandelt. Es hat mir große Freude gemacht, technische Vorgänge in eine poetische Form zu bringen. Man sollte sich einmal ansehen, wie ich etwa den physikalischen Vorgang einer Tonbandaufnahme beschreibe. Überhaupt ist der Roman auch eine Auseinandersetzung mit Technik und mit der zunehmenden Entfremdung, die einsetzt, je weiter die Technisierung fortschreitet.
Johann ist als IT-Fachmann auf der Suche nach Fehlern. Das Leben auf die Suche nach Fehlern auszurichten, ist schwierig. Literatur als die Suche nach der Ordnung?
Aus meiner Sicht besteht die Kunst der Literatur darin, beim Schreiben Eindeutigkeit zu vermeiden. Denn Eindeutigkeit gibt es nicht, sie ist eine Fiktion – übrigens selbst in der Naturwissenschaft, siehe Quantenphysik. Jeder Mensch, jedes Ding hat unendlich viele Seiten. Literatur, die den Anschein erweckt, es gebe Eindeutigkeit – den guten Menschen, den Helden, das wahre Leben –, produziert Kitsch. Das ist vielleicht leichter zu lesen und bereitet ein gewisses Wohlbehagen, hat aber mit der Wirklichkeit wenig zu tun.
Einmal mehr spielen Vögel eine wichtige Rolle in deinem Roman. Das tun sie in deinen Büchern immer wieder. Diesmal zentral ein Nest mit Falken. Ich lebe in einer sehr ländlichen Gegend und beobachte, dass Singvögel immer seltener werden, sogar Spatzen. Beunruhigt dich das auch? Klar, mich beunruhigt noch viel mehr. Sei es das schwindende Vertrauen in die Politik, grassierende Naivität und grenzenloses Imponiergehabe. Aber vielleicht sind Vögel das Lakmuspapier.
Zuerst einmal ist es tatsächlich so, dass in einem Jahr die Spatzen seltener und im darauffolgenden Jahr wieder häufiger sein können. Populationen richten ihre Reproduktion auch nach dem vorhandenen Nahrungsangebot. Singvögel werden zum Beispiel seltener, wenn in einem Garten eine Krähen- oder Elsternkolonie brütet. In heißen Sommern geht außerdem die Zahl der Insekten zurück, die die Vögel zur Aufzucht ihres Nachwuchses brauchen. Auch die Zeit der Mauser; man sieht dann ohnehin kaum Vögel, weil sie nicht oder nur eingeschränkt fliegen können.
Aber nun zum Roman: Ich habe versucht, Natur und Technik in diesem Roman in ein Verhältnis zueinander zu setzen, sie gewissermaßen miteinander zu verschmelzen und zugleich ihre Beziehungen sichtbar zu machen und die Falken strukturieren außerdem den zeitlichen Ablauf des Romans. Ankunft – Brutzeit – Aufzucht – und Trennung.
Fast am Schluss deines Romans heisst es: Leben lässt sich nicht vollständig erzählen; es bleibt Stückwerk. Eine entscheidende Einsicht, wenn man denn versteht, was sie beinhaltet. Erinnerung ist ausgesprochen unzuverlässig. Verbunden mit dem Anspruch, die Wahrheit zu erzählen, erst recht. Zeugenaussagen relativieren sich, selbst Geschichte, Geschichtsschreibung. Auch für die Literatur; Wie oft steht da Nach einer wahren Begebenheit. Wird das Misstrauen gegenüber „Wahrheiten“ mit dem Alter grösser?
Bestimmt wird das Misstrauen mit dem Alter größer – aber Gott sei Dank wächst auch die Gelassenheit – gerade in diesen irren Zeiten ist Gelassenheit nötiger denn je.
Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. für die Romane «Überm Rauschen» (2009, Shortlist Deutscher Buchpreis), «Die Sprache der Vögel» (2015, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse), «Winterbienen» (2019, Shortlist Deutscher Buchpreis, ausgezeichnet mit Wilhelm-Raabe-Preis und dem Evangelischen Buchpreis). 2023 erhielt er den Rainer-Malkowski-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Rezension zu «Mutabor» auf literaturblatt.ch
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