Monika Lustig gründete die Edition Converso mit literarischem Blick zum Mittelmeerraum. Zum mutigen Unterfangen und die Motivation dazu, gibt die in Süddeutschland lebende Verlegerin Auskunft.
Urs Heinz Aerni: Ihr Verlagslogo schmückt sich mit einer Meeresgöttin, der Amphtrite. Wie sind Sie auf sie gekommen?
Monika Lustig: Zum ersten Mal begegnete sie mir als Skulptur auf der Spitze des Mannheimer Wasserturms. Meine Neugier war hellwach. Dann, die Steintafel gemäss Wikipedia aus korinthischer Zeit, eine Offenbarung…
Aerni: … inwiefern?
Lustig: Den Dreizack kennen wir gemeinhin als Machtsymbol für die Domäne des Fischfangs in der Hand von Neptun oder Poseidon, den Herrschern der Meere. Doch die mythologische Geschichte dahinter besagt: diese Macht war einst die der Frauen. Sie die schöne und stolze Amphitrite mit ihren weltenspiegelnden Augen wollte unverheiratet bleiben, und das reizte den Appetit des Poseidon. Er setzte ihr nach, sie flüchtete. Am Ende erlag sie seinem Schmeicheln …
Aerni: Ob es wirklich Liebe war?

Ein sehr origineller wie sinnlicher Ideenroman, in dessen Zentrum zwei Figuren mit «Hyperakusis», extremem Hörvermögen, eine Komponistin und ein Vagabund stehen. Ein Roman, der dem Schrecklichen und Schönen in der Welt gleichermassen nachlauscht und beim Zuhören Widerstandskräfte entwickelt.
Lustig: Poseidons Ziel war die Macht, kaum die liebende Verbindung. Amphitrites Hand löst sich vom Dreizack … der bereits mit dem Myrtenkränzchen der Hochzeit geschmückt war. Diese «Momentaufnahme» der Niederlage wurde zum Logo von Edition Converso. Doch Amphitrite soll den Dreizack wieder fest in ihre Hand bekommen. Weibliche Ästhetik und Kreativität sollen programmatisch im Vordergrund stehen, besondere Wertschätzung erfahren; doch zugleich offenbaren sich mir an erster Stelle die Themen und die Geschichten, die zu Büchern werden, ohne Ansehen des Geschlechts. «Inkohärenzen» sind also mitbedacht.
Aerni: Die Grundbedeutungen von di converso oder con verso, mit Widerspruch, in der Konversation und mit Reim sagt ja schon einiges aus über die Absicht Ihres Verlages. Wie würden Sie dieses Credo für Ihr Programm sonst noch umschreiben?
Lustig: Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben: Das Lesen «die menschlichste aller Gesten» (Fabio Stassi), soll wieder zur lebendigen Praxis des Austausches mit Anderen werden. Dem kurz gewordenen Gedächtnis, dem Geschichts-Vergessen mit all seinen Monstrositäten der Kampf angesagt werden. Hochgestecktes Ziel: Aus allen Sprachen rings um das Mittelmeer, Adria inclusive, Übersetzungen zu veröffentlichen, erzählende wie essayistische Literatur, aber auch Lyrik, um den Mittelmeerraum wieder als einen vereinten und ganzheitlichen Kulturraum zu erkennen, wie er es einst war, und nicht als eine Region unmenschlicher Grenzverläufe und Kriegsgräben. Wir sprechen bislang italienisch, sizilianisch, arabisch, spanisch, griechisch, slowenisch …
Der Verlag soll ein Podium für aufklärerische und verführerisch schöne Stimmen sein. Und doch auch Bücher zu verkaufen, um neue zu machen, um das Gespräch mit der Welt fortsetzen zu können.
Aerni: Es gibt ja Tage, die dem Buch gewidmet werden, wie der 23. April oder diese Vorlesetage…

Hussein Bin Hamzas Gedichte sprechen eine frische knappe Sprache – er meidet jegliche „orientalische“ Blumigkeit. Die Sprache ist ein Rüttelsieb, durch das er die Existenz bis auf die Knochen freilegt.
Lustig: Richtig, aber warum wird am Tag des Lesens immer nur an Kinder gedacht? Wir glauben an die therapeutische Wirkung von Büchern. Politikerinnen und Politiker sollten zur Lektüre verpflichtet werden – einschliesslich dem «Abgehörtwerden» (sie lacht).
Aerni: Sie hegen eine sehr persönliche Beziehung zu Büchern…
Lustig: Es geht um das Weiterlernen, erinnern, altes Wissen ausgraben. Ich will den Beweis antreten, dass allein schon der Besitz von vielen Büchern, mit Sinn aufgereiht, lebensverlängernde Wirkung haben kann.
Aerni: Was führte Sie zur Gründung eines Buchverlages?
Lustig: Die Geschichte hinter Edition Converso nährte und nährt sich, wie alle meine Unternehmungen, von purer Passion und Leidenschaft. In die nähere Vergangenheit blickend war die 2013 begonnene Veranstaltungsreihe «Südwärts-um-die-ganze-Welt» eine Verlagsvorstufe: sie zeigte auf, wie wichtig die Schnittstelle zwischen der Verklärung des Südens und die Suche des Südens nach Rettung und Zukunft durch den Norden ist. Die damaligen Begegnungen in Karlsruhe mit Autorinnen, Musikern, Verlegerinnen und Übersetzer und die Veranstaltung im Januar 2018 zu «Religionen der Liebe» im ausverkauften Gartensaal des Karlsruher Schlosses mit Stefan Weidner gingen nahtlos über in die Verlagsgründung am 1. März 2018. Weidner wurde dann auch unser erster Hausautor.
Monika Lustig, Bismarckgymnasium Karlsruhe, Philosophie- u. Germanistikstudium Heidelberg, 1979, statt zu promovieren, Emigration nach Italien: Insel Elba, Sardinien, Sizilien, Emilia-Romagna. Und Toskana. Sie ist sie bis heute nicht darüber hinweg, Florenz verlassen zu haben. Nach Jahren des Unterrichtens an italienischen Schulen u. Uni, eigene Sprachschule „Studio Fiore Blu“ (Deutsch-Italienisch-Englisch) auf Elba. Geschrieben hat sie schon immer; so auch 1993 (Auftragsarbeit) eine Biografie des Mafiajägers Leoluca Orlando. Lieblingsautoren aus ihrem Übersetzerportfolio: Leonardo Sciascia, Simona Vinci, Santo Piazzese, Fabio Stassi, Simonetta Agnello-Hornby, Marcello Fois, Giorgio Chiesura, der Andrea Camilleri der historischen Romane, u.v.m.. Für ihre Übersetzungen erhielt sie mehrere Stipendien (Deutscher Literaturfond; Freundeskreis zur Förderung literarischer und wissenschaftlicher Übersetzungen e.V. Befruchtende Aufenthalte im Übersetzerhaus Looren/Zürich. Sie lebt derzeit im deutschen Wald, immer das Mittelmeer vor Augen.


Ruth Werfel ist mit tschechisch-polnisch-jüdische Wurzeln; geboren, auf- gewachsen, Schulen und Studium in Zürich; freie Kulturjournalistin; Kuratorin der Ausstellung «Gehetzt». Südfrankreich 1940 – deutschsprachige Literaten im Exil; Herausgeberin der gleichnamigen Publikation im NZZ- Verlag; Lesungen, Lyrik, Bühnentexte. 2015 erschien ihr Lyrikband «Mit anderen Worten geht die Zeit» in der Edition Isele.
Schaefer: Ich glaube, dieses Aufrütteln ist mir gelungen. Ich habe Bemerkungen erhalten wie: «Unsere Schweizer Armee würde so etwas niemals tun“ oder „Wir sind nicht so hier in der Schweiz». Vielleicht nicht. Es ist ja ein Roman, keine detailversessene Militär- oder Nationalgeschichte. Aber diese Aussagen zeigen doch, dass man sich angesprochen fühlt. Sie bestärken mich, dass der Roman etwas auslöst. Und das möchte ich auch erreichen. Er ist klar ein Plädoyer für mehr Offenheit und Teilhabe. Dazu braucht es eine bewusste Sicht auf das, was heute ist.
Fabian Schaefer, 1973, studierte Kulturmanagement an der Universität Basel. 2015 erschien im selben Verlag seine Kurzgeschichtensammlung «Aus der Erstarrung». Beruflich ist Fabian u.a. im Kulturbereich in der Umsetzung betrieblicher Strategien, der Organisationsgestaltung und als Unternehmensberater tätig. Zu seinen Interessen zählen klassische und moderne Literatur, Sprach- und Theaterwissenschaft, Anthropologie und Kulturwissenschaft und zeitgenössische bildende Kunst.
Weber: Ich habe die städtebaulichen Entwicklungen in der Agglomeration Zürich mitverfolgen können. Es gibt viele positive Ansätze und viele ernüchternde Fehlplanungen. Die Frage des Maßstabs und der adäquaten Nutzungen bilden viel Konfliktpotential. Private Investoren suchen in erster Linie die Rendite, nicht den Konsens mit der Stadt und ihren Bewohnern.
David Weber, Architekt, Musiker und Autor, lebt und schreibt in Zug und Caccior (Bergell). Er studierte «Literarisches Schreiben» an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich. Sein erster Roman „Kral“ erschien 2018 und sein neuer Roman „Reduit“ in diesen Tagen im Knapp Verlag.
Alexander Günsberg wurde 1952 in Mailand als Sohn jüdischer Emigranten aus Wien und Ungarn geboren. Die Kindheit verbrachte er in Italien, Wien und Zürich. Neben und nach dem Studium der Geschichte, Psychologie und Germanistik und fünf Heiraten bereiste er die Welt und betätigte sich als Journalist, Skilehrer, Schachspieler, Autofahrlehrer, Gymnasiallehrer, Schmuckgrosshändler und Immobilienpromotor in den USA und in der Schweiz. 1974 erhielt er für die Erzählung «Aufstieg» den Literaturpreis des Kantons Baselland. Heute lebt er mit seiner Familie im Wallis und der erwähnte Roman „Tanz der Vexiere“ ist im Münster Verlag erschienen.
mich in die Person hineinversetzen können, aus deren Warte ich schreibe. Wenn es bedrohlich wird oder wenn Aktion vonnöten ist, was im Krimi öfters vorkommt, ist es nicht eine Frage des Geschlechts, sondern des Charakters, wie man sich in einer bestimmten Situation verhält. Cora Johannis packt zu, wenn es sein muss. Das entspricht ihrer Persönlichkeit und geschieht unabhängig davon, dass sie eine Frau ist. Wenn sie sich um ihre Kinder Sorgen macht, oder wenn sie sich einem Mann zugetan fühlt, versuche ich zu beschreiben, wie sie sich als Mutter und liebende Frau verhält. Das erfordert Einfühlungsvermögen und Beobachtungen im täglichen Umgang mit beiden Geschlechtern. Die Herausforderung dabei ist es, Klischees und Stereotypen möglichst zu vermeiden.
Heydinger, der in den Literatenkreisen »Jung-Wiens« verkehrt und im Salon der aufstrebenden Sopranistin Lena von Rother und ihres Vaters ein- und ausgeht, gerät zusehends in den Bann des Fremden, den er in Wien wiedertrifft. Als der Mann eines Tages plötzlich in seiner Sprechstunde erscheint, entpuppt er sich als kokainsüchtiger Amateurdetektiv, den neben einer unglücklichen Liebe vor allem eines an Wien bindet: die finsteren Machenschaften der Geheimgesellschaft »Die Schwarze Hand«.
Sonder: Schon in einer frühen Phase des gezielten Materialsammelns wurde deutlich, dass die inhaltlichen Ideen, die ich in dem Buch unterbringen wollte, sehr vielgestaltig sein würden. Gleichzeitig schwebte mir vor, mich unterschiedlicher Formen der Sprache zu bedienen. Vor diesem Hintergrund hielt ich es für notwendig, irgendwie etwas Durchgängiges, ein verbindendes, Zusammenhalt stiftendes Element einzuführen. Da lag dann der Gedanke an eine zentrale Figur, in deren einheitlichen Lebenswelt sich all das gebündelt findet, nahe. Damit war der Protagonist W. geboren und mit ihm der Entscheid für die Gattung Roman getroffen.
Daniel Sonder studierte Psychologie und Philosophie in Zürich, war anschließend viele Jahre in der Sofwareentwicklung tätig aber das Schreiben habe ihn „mehr oder weniger im Verborgenen schon lange beschäftigt“. Nun tritt der Vater von drei erwachsenen Töchtern mit Wohnsitz in Meilen am Zürichsee mit seinem Roman „Der Schönschreiber“ zum ersten Mal auf die Bühne des Literaturbetriebes.
Ciarloni: Es sind beide. Vielleicht zuerst die Umstände, denn sie bringen mich irgendwohin im Leben und dort treffe ich auf Menschen. Zusammen gestalten wir wiederum die Umstände oder ich habe überhaupt nichts zu schaffen mit ihnen, sondern sehe sie bloß oder höre sie reden. Der Rest ist meine Art, auf die Welt und die Menschen zu schauen. Dann entstehen Gedanken, dann entstehen Geschichten.